,,Ist da noch frei?“

Noch vor zehn Wochen hätte Tim, 25, Informatikstudent, nicht geahnt, dass er demnächst im Zug einer fremden Frau gegenübersitzen und nach den richtigen Worten suchen wird. Allerdings hat er vor zehn Wochen auch noch nicht geahnt, dass Sarah Schluss machen wird. Er darf jetzt nicht daran denken. Er hat eine Mission zu erfüllen. Zwei Frauen pro Tag, um die Angst zu verlieren. / WEITERLESEN

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,,Ist da noch frei?“

,,Ist da noch frei?"

Am Morgen steigt er in den Zug und sinkt nicht wie sonst auf den erstbesten freien Platz, sondern durchstreift den Wagen und hält Ausschau. Im zweiten Wagen wird er fündig. Die junge Frau sitzt allein in einem sonst freien Vierer, bessere Bedingungen könnte er sich nicht wünschen.

,,Ist da noch frei?“

Sie wirft ihm einen flüchtigen Blick zu, deutet ein Nicken an und kehrt zum Smartphone zurück, ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen. Noch vor zehn Wochen hätte Tim, 25, Informatikstudent, nicht geahnt, dass er demnächst im Zug einer fremden Frau gegenübersitzen und nach den richtigen Worten suchen wird. Allerdings hat er vor zehn Wochen auch noch nicht geahnt, dass Sarah Schluss machen wird. ,,Es ist nicht so, dass es ein Problem geben würde.“, hört er Sarah sagen. ,,Es könnte ewig so weitergehen. Und genau das ist das Problem.“

Er darf jetzt nicht daran denken. Er hat eine Mission zu erfüllen. Zwei Frauen pro Tag, um die Angst zu verlieren.

Eine Stunde lang hat Tim gestern Abend am Schreibtisch gesessen und Einstiegsfragen durchprobiert. Dabei kommt es nicht darauf an, was man sagt, sondern dass man es sagt, jedenfalls wenn man den Flirt-Tutorials Glauben schenkt, die ihm YouTube ab und an vorschlägt und die Tim aus Langeweile und Belustigung schaut, und ehrlich gesagt auch aus Sehnsucht nach einem Coach, der ihn an die Hand nimmt und ihm endlich erklärt, wie Frauen funktionieren. In einem dieser Tutorials vernahm er zum ersten Mal die sensationelle Wirkung des Ansprechens auf der Straße. Vom Hinterherrennen war die Rede, vom Auf-die-Schulter-Tippen und einem atemlosen ,,Ich hab‘ dich gesehen, da musste ich dich einfach ansprechen!‘‘. Und von einer neuen Nummer, die erobert wird.

Es kommt also darauf an, es zu tun, schön und gut, aber ganz so einfach kann es doch nicht sein. Müssen die ersten Worte nicht ihre Neugier wecken? Sie vielleicht sogar zum Lachen bringen?

,,Ich merke jeden Morgen, dass ich kein Morgenmensch bin.‘‘ Gestern Abend fand Tim diesen Gesprächseinstieg verschmitzt. In seiner Vorstellung schaute die Frau, deren Gesicht er noch nicht kannte, überrascht auf, lächelte und erwiderte etwas wie: ,,Oh ja, ich auch nicht.‘‘, und schon waren sie im Gespräch.

Doch die Frau, die nun vor ihm sitzt, ist echt, und das macht es komplizierter. Vor ihm sitzt eine fremde Person, deren Reaktionen nicht berechenbar sind, und Tim hasst Unberechenbarkeit. Weil ihm die Anhaltspunkte fehlen, hält er sich an der Falte zwischen ihren Brauen fest. Diese Falte signalisiert eindeutig, dass sie in Ruhe gelassen werden will. Und selbst wenn nicht – was, wenn sie einen Freund hat? Dann war alles umsonst. Oder wenn sie sich belästig fühlt. Ein einsamer Mann, der wildfremde Frauen in Zügen anspricht, bei welcher Frau schellen da nicht alle Alarmglocken. Und was werden die anderen denken? Sie sind schließlich nicht allein, das gesamte Abteil, einschließlich des Erfolgstypen mit Anzug und Starbucks-Cup im Vierer nebenan, wird Zeuge sein, wie sie ihn abblitzen lässt.

Fast hätte er es getan, fast! Gerade als er die Worte aussprechen wollte, hat er sie vor Schreck hinuntergeschluckt. Halt für Halt rückt seine Station näher, doch er hat den Zug verpasst, der Zug ist abgefahren. Gestern Abend erlebte er zum ersten Mal seit der Trennung von Sarah einen Moment der Hoffnung, weil er glaubte, wenn er wollte, könnte er morgen jemanden kennenlernen. Er ist gescheitert, noch bevor er es versucht hat.

Eine Station vor ihm steigt sie aus. Im Vorbeigehen hinterlässt sie einen Duft nach frisch geduscht.

Den ganzen Vormittag über, während er Vorlesungen hat, kreisen Tims Gedanken um die erlittene Niederlage. Mittags isst er im Laufen sein vorgekochtes Risotto und setzt sich auf die Stufen am Fluss. Er schließt die Augen. Jemand kreischt, er öffnet die Augen und sieht zwei Kinder, die auf der anderen Flussseite plantschen. All sein Ärger verpufft. Da probiert er einmal, scheitert, und schon gibt er auf? Hat er nicht schon ganz andere Hürden gemeistert? Theoretische Informatik, zehn Stunden pro Tag gelernt, trotzdem keinen Deut mehr kapiert, am Ende mit Dreikommafünf bestanden, was in Theoretischer Informatik einer Eins Plus entspricht. Was ist das Ansprechen einer Frau gegen Theoretische Informatik?

Vier Stunden später, die Uhr zeigt Siebzehn Uhr Vierzehn, steht Tim am Bahnsteig. Ihm bleiben neun Minuten. Um die Zeit zu minimieren, in der er selbstschädigende Überlegungen anstellen kann, hat Tim sich verordnet, nicht erst im Zug, sondern bereits auf dem Bahnsteig eine anzusprechen, und zwar die erstbeste. Das ist wohl die Frau dort auf der Bank mit den Zöpfen. Im Näherkommen registriert Tim ihre Kopfhörer und verachtet sich für seine Erleichterung. Personen mit Ohrstöpseln hat er von vornherein ausgeschlossen, denn eine Person nicht nur anzusprechen, sondern sie zum Unterbruch ihrer Tätigkeit zu zwingen, ist ein paar Schwierigkeitsstufen zu hoch.

Er dreht sich um und sieht eine junge Frau aus der Unterführung steigen. Sie kommt direkt auf ihn zu und trägt keine Kopfhörer, dafür einen Trekkingrucksack, der ihm den Ball quasi vorlegt. Was klingt besser, ,,Wohin geht die Reise?“ oder ,,Woher kommst du?“? Beides klingt falsch, sie kommt viel zu schnell näher, kann sie nicht langsamer laufen, er braucht noch eine Minute, er ist noch nicht soweit.

Eine Hand legt sich auf ihre Schulter, gefolgt von einem Mann, ihr Freund. Tim erschauert so heftig, dass die Beiden ihm einen Blick zuwerfen.  

Vier Minuten. Schon lange ist in vier Minuten seines Lebens nicht mehr so viel passiert wie jetzt.

Woher sie plötzlich gekommen ist oder ob sie die ganze Zeit schon da war, kann er nicht sagen, jedenfalls steht sie direkt vor ihm, die rechte Hand auf dem Sattel ihres Fahrrads. Der Anblick ihrer Silhouette, die sich gegen die heranziehenden Gewitterwolken abzeichnet, ruft irgendwo in einem verborgenen Winkel seiner Erinnerung etwas Vertrautes wach. Vielleicht erinnert sie ihn an eine der Abenteurerinnen aus den Geschichten, die ihm seine Mutter früher vorgelesen hat.

Er muss sie bloß ansprechen, dann hat er seine Mission für heute erfüllt.

,,Hi, weißt du, wo die Straße da hinführt?‘‘ Glück und Entsetzen wechseln sich ab, er hat es getan.

Das Mädchen dreht den Kopf, ihre Augen erfassen ihn, mit Verzögerung begreift sie, dass dieser Mann sie angesprochen hat, und als sie es begreift, tritt etwas in ihre Augen, von dem sie beide wissen, dass es zum ersten Mal da ist.

,,Ja klar!‘‘, sagt sie. ,,Das ist die Straße auf den Katzenbuckel. Da komm‘ ich gerade her.‘‘

Tim weiß natürlich, dass das die Straße auf den Katzenbuckel ist, erst diesen Frühling ist er sie selbst gefahren, mit Sarah, aber darum geht es nicht. Es geht darum, wie einfach es ist, wie selbstverständlich sie sich auf das Gespräch mit ihm einlässt. Mit Panik stellt er fest, dass er all die Stunden bis jetzt nur über die Sekunde nachgedacht hat, die das Ansprechen dauert, und dass er darüber den natürlichen Zweck des Ansprechens ganz vergessen hat, nämlich ein Gespräch. Eine Frage. Eine Frage ist immer gut, mit ihr kann er Zeit schinden, bis er sich einen Notfallplan überlegt hat. ,,Lohnt die Tour sich denn?‘‘

,,Der Weg bis zum Anstieg ist schön, aber ohne Schatten. Der Aufstieg geht ziemlich steil rauf, dafür gibt‘s Schatten.‘‘ Als ihr auffällt, dass ihr ein Witz gelungen ist, kichert sie.

,,Sind die Wege Asphalt oder Schotter?‘‘, fragt Tim und muss alle Kraft zusammennehmen, um vor Schmerz wegen der Ödnis seiner Frage nicht laut aufzuschreien. Zu allem Überfluss kreischen in diesem Augenblick die Zugbremsen auf. Das war’s, fährt Tim durch den Kopf.

Durch den Lärm und das Gedränge der Aussteigenden ruft sie: ,,Teer. Die Straße ist Teer.‘‘

Nun, da sie ihm im Fahrradabteil gegenübersteht, hat Tim zum ersten Mal Gelegenheit, ihr mandelförmiges Gesicht und ihre spitze, kecke Nase genauer zu studieren. Als hätte sie seinen Blick bemerkt, schaut sie zu ihm auf. Ihre Augen sind hellbraun.  

,,Das Rad ist neu. Hab‘ ich mir gestern gekauft.‘‘, verkündet sie stolz. ,,Heute war meine erste Tour.‘‘

Sie studiert an der Musikhochschule klassischen Gesang, aber in ihrer Freizeit schreibt sie ihre eigenen Songs, die sie auf der Gitarre begleitet. Sie wohnt in einer WG, und ja, der Putzplan am Kühlschrank ist mehr Theorie als Praxis. Tim fällt auf, dass ihre rechte Augenbraue zuckt. Ist sie etwa auch nervös? Er war so damit beschäftigt, die eigene Nervosität zu kaschieren, dass er noch gar nicht daran gedacht hat, dass die Angesprochene auch nervös sein könnte. ,,Und wer bist du?‘‘ Sie verleiht der Frage ein scherzhaftes Gewicht, wie die Frau im Film, die den geheimnisvollen Fremden nach seiner Identität fragt.

Tim ist bewusst, dass ein Informatikstudium, anders als Kunst oder Psychologie, keine Frauenherzen gewinnen kann. Deshalb fügt er sofort hinzu, dass er ebenfalls Musik macht. ,,Am Anfang steht immer ein Gefühl. Das kann ein Regentag sein oder das Gespräch mit einem Freund, irgendwas, das mich berührt hat.‘‘ Er bemüht sich, leidenschaftlich zu klingen. Am Leuchten in ihren Augen erkennt er, dass es ihm gelungen ist. Ein Blick aus dem Fenster verrät ihm, dass sie jeden Moment an der Endstation ankommen und sich seit zwanzig Minuten unterhalten. Die Erleichterung darüber, dass der Druck in wenigen Minuten überstanden ist, verdoppelt den Druck, dass er es in den letzten Minuten nicht vermasseln darf. Bevor die entstandene Pause zu lange wird, gibt er sich einen Ruck. ,,Hast du vielleicht Lust, mal Nummern auszutauschen?‘‘ Er sagt ,,austauschen‘‘, was weniger fordernd klingt. Ganz umsonst waren die Flirt-Tutorials also doch nicht.

Ihr ,,Gerne‘‘ setzt ein Glücksgefühl frei, das Tim vergessen hat. Erst als er ihren Namen einspeichern will, bemerkt er, dass er noch gar nicht weiß, wie sie heißt. ,,Colette‘‘, sagt sie. Dann lächelt Colette, beugt sich vor und schenkt ihm eine kurze Umarmung. ,,Bis bald, Tim!“

Tim sieht ihr nach, wie sie auf ihrem Rad die Straße hinunter und um die nächste Kurve gleitet, im Ohr ihr ,,Bis bald, Tim“. Kein Zweifel, es ist ein Versprechen. In diesem Moment spürt er den ersten Tropfen auf seiner Haut. Anstatt mit dem Rad nach Hause zu fahren, läuft er und lässt sich vom Regen durchweichen.

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