Die Angst, das Leben zu verpassen

Auf den ersten Blick studiert Lionel als einer von vielen Germanistik in Freiburg, doch in Wahrheit ist er Schriftsteller, Drehbuchautor, Rapper. Als ,,Mister C‘‘ rappt er schonungslos offen über die Probleme seiner Generation, wie zum Beispiel den Mangel an Feiermöglichkeiten in Freiburg. Mit seiner Karriere als Drehbuchautor mag es noch nicht so richtig klappen, aber Lionel lässt sich nicht verunsichern: nach einer Absage der Film-Uni Babelsberg bewirbt er sich einfach direkt für den Master. Nachdenken über berufliche Perspektiven oder gar Studienberatung findet er spießig. Mitten im Corona-Lockdown stolpert er in eine ,,Freundschaft Plus‘‘ mit seiner Mitbewohnerin Isa, ebenfalls Germanistikstudentin und eigentlich Künstlerin. Wie zuvor bereits Lionels Ex-Freundin Tania möchte Isa sich in ihren Beziehungen alle Türen offenhalten. Überhaupt umgibt Lionel sich ausschließlich mit ,,offenen‘‘ Leuten. / Hier erzähle ich seine Geschichte.

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Die Angst, das Leben zu verpassen

Die Angst, das Leben zu verpassen

The only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones who never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles.

– Jack Kerouac, On the Road

,,Ts ts‘‘, mache ich spielerisch missbilligend, ,,da trinkt er im Café nicht normalen Kaffee, sondern Orangensaft.‘‘

,,Mangosaft.‘‘, korrigiert er mich.

Wieder entsteht eine dieser Redelücken, die mir zum ersten Mal vor einem Jahr aufgefallen sind und seitdem jedes Mal, wenn wir uns wiedersehen – sei es, wenn ich übers Wochenende nach Freiburg komme, sei es per Skype -, ein bisschen früher auftreten.

Wir sitzen im Hinterhof vom Jos Fritz, das ist ein Café mit angeschlossenem Buchladen. Bevor wir den Buchladen betreten haben, hat Lionel sein Rad abgeschlossen, mit einem Schloss, das jeder Dieb mit einer Erstklässler-Schere durchschneiden könnte. Nicht selten verzichtet Lionel ganz darauf, sein Eigentum zu sichern. Er will kein Spießer sein, der aller Welt böse Absichten unterstellt. Dann im Buchladen beim Probelesen knickte Lionel die linke Hälfte des Buches nach hinten um, so wie er es daheim mit den Büchern zu tun pflegt, die er tatsächlich besitzt. Und wenn Adrian, sein Mitbewohner, nicht zu Hause ist, legt Lionel sich gerne in dessen Bett, weil er dort besser schlafen kann. Um Erlaubnis gefragt hat er Adrian nie.

,,Du liest also auch grad Juli Zeh?‘‘, hat Lionel im Buchladen gefragt. Sein Ton verriet, dass er sich bedroht fühlte. Als bedeutete die Tatsache, dass ich ebenfalls auf dieses Buch ,,Unter Leuten‘‘ gestoßen bin, dass ich ihm dicht auf den Fersen wäre.

,,Also ich finde ja besonders die Figur dieses alten Mannes, der mit den Krücken, faszinierend-‘‘ Auf einmal klang seine Stimme verändert, schwärmerisch, nachdenklich, so wie man sich einen ,,Menschen des Geistes‘‘ über Literatur zu sprechen vorstellt, nur völlig übertrieben, sodass die Absicht, seinen Gesprächspartner damit zu beeindrucken, wie begeistert er von dem Buch war, zur Karikatur geriet. Er benutzte Ausdrücke wie ,,in der Tat‘‘ und ,,dergestalt, dass‘‘ und machte dabei die Denkerpose, aber ohne Ironie.

Ich nehme einen Schluck von meinem Milchkaffee – weder Hafer-, noch Soja-, noch Mandel-, noch irgendeine andere Bindestrich-Milch, die mir die Bedienung angeboten hat, obwohl ich natürlich spezifizieren könnte: Kuh-Milch – und nutze die Gesprächspause für eine Inventur:

– die Bedienung: verhärmtes Gesicht, Rastazöpfe

– in dem Strandkorb ein junges Paar; die Frau hat wunderschöne, karamellfarbene Haut, vermutlich Lateinamerikanerin, obwohl ich mich mit Lateinamerika nicht auskenne und auch noch nie dort war, im Unterschied zu Lionel, der schon mehrmals dort war und sogar chilenische Wurzeln vorweisen kann und außerdem auch schon in Afrika war, mir also zwei Kontinente voraus hat; ihr Freund sieht genau aus wie der Typ Mann, der bei Frauen wie ihr eine Chance hat, üppiges, wildes, verwegenes Haar, sportlich, aber nicht auf die vulgäre Art wie diese Bodybuildertypen, sondern stilvoll sportlich; die Art, wie er sich bewegt und lacht, verrät, dass er weiß, dass er den Zeitgeist auf seiner Seite hat; sowohl er als auch sie haben eine Mate vor sich stehen

– an dem Einzeltisch in der Vormittagssonne liest eine ältere Frau, die Hornbrille in die Kurzhaarfrisur gesteckt, die Zeit

– durch den Hinterhofeingang schiebt ein Mann mit Einsteinfrisur und Hemd, oberster Knopf offen, sein gebrauchtes Rennrad, sicher ein Geisteswissenschaftler

– mithilfe der Boxen über der Theke sollen afrikanische Trommeln diesen deutschen Hinterhof mit einem Hauch Savanne veredeln

Mir fällt doch ein Gesprächsthema ein: ,,Hast du Neuigkeiten aus Köln?‘‘

Ja, an der Filmhochschule Köln, wo er sich für Drehbuch beworben hat, sei er genommen worden, er habe jedoch abgelehnt. Er wisse, von außen wirke das vielleicht unverständlich, aber er habe sich das nochmal durch den Kopf gehen lassen. Eine der Dozentinnen zum Beispiel schreibe für den Tatort. Das sei ja auch okay, das habe ja auch seine Berechtigung, aber was ihn betreffe, gehe es ihm beim Drehbuchschreiben nun mal um was anderes. Und dann habe er da noch die anderen Bewerber kennengelernt, und er wisse, das klinge jetzt vielleicht arrogant, aber viele von denen seien gerade mal 18 geworden und kommen frisch aus dem Abitur. Er dagegen stehe nun mal an einem ganz anderen Punkt im Leben. Er wisse, das klinge jetzt vielleicht arrogant, aber ein Stück weit (in Wahrheit meint er: ein ganz gehöriges Stück) fühle er sich reifer als diese Abiturienten. Einer von denen zum Beispiel habe als Lieblingsfilm doch tatsächlich Star Wars angegeben. Das sei ja okay, die Star Wars-Filme seien ja gut gemacht, aber was ihn betreffe, sei Star Wars nun mal wirklich nicht das, wofür er Drehbuch studieren wolle.

,,Aber hast du dir nicht extra das letzte Semester freigenommen, um dein erstes Drehbuch zu schreiben? Wäre da ein Drehbuchstudium nicht hilfreich?‘‘, hake ich ein.

Das stimme schon. Auf eine Art habe ich sicher recht. Er habe sich das auch wirklich lange, mehrere Tage durch den Kopf gehen lassen. Das Ding sei, jetzt nochmal ein Bachelor? Er habe doch schon einen, jetzt nochmal einer? Das empfinde er irgendwie als Rückschritt. Da müsse man schon wirklich überzeugt von sein, und Köln überzeuge ihn nicht. Köln biete ihm nicht genug, um sein soziales Netzwerk hier in Freiburg und seinen Job als freier Redakteur beim SWR hinzuwerfen. Allerdings spiele er mit dem Gedanken, sich nochmal in Babelsberg zu bewerben. Babelsberg ist ebenfalls eine Film-Uni, aber deutlich renommierter als Köln. Lionel hat sich bereits dieses Frühjahr in Babelsberg beworben, wurde aber nicht genommen. Das nächste Mal würde er sich nicht mehr für den Bachelor, sondern direkt für den Master bewerben. Außerdem nähmen sie in Babelsberg bevorzugt Leute ab 25. Die hätten eben schon mehr zu erzählen als mit 18.

***

Was hat Lionel, 25, zu erzählen?

Zum Beispiel, dass man als Student in Freiburg immer weniger Möglichkeiten zum Feiern hat. Vor zwei Jahren hielt in Freiburg ein Hauch von Berlin Einzug, und zwar mit der Eröffnung des ersten Spätis. Endlich war es den Studierenden möglich, nicht mehr nur bis 22 Uhr, sondern die ganze Nacht hindurch Alkohol zu erwerben, und das zu Preisen, die ihrem Studierendenbudget aus Kellner- oder SWR-Jobs oder illegalem Cocktailverkauf auf dem Augustinerplatz angemessen waren. Moderne Studierende besaßen sozusagen ein Grundrecht auf so einen Späti, schließlich studierten sie nicht nur zum Lernen, sondern auch um zu leben. Und mit ,,Leben‘‘ war gemeint, von nachmittags um fünf bis nachts um drei zusammenzusitzen und mit einem Getränk in der Hand (und für die Intellektuellen mit einer Zigarette in der anderen) zu diskutieren. Denn ,,Ich liebe es, zu diskutieren!‘‘ gehört zum Standardrepertoire jedes Studenten, der etwas auf sich hält. Freilich steht bei jeder dieser vielgepriesenen Diskussionen im Vornherein schon fest, um welche Themen es gehen und welche Meinungen man hören wird, sodass man nicht Gefahr läuft, in dem wohligen Gefühl zu diskutieren gestört zu werden.

Weil der Späti offensichtlich einen Nerv traf, brachte er im Handumdrehen Leben in die Kreuzung, in deren Eckhaus er eingezogen war. Davon, dass der Platz drinnen für höchstens ein Dutzend Personen reichte, ließen sich die jungen Leute nicht abschrecken. Sie waren jung und zogen sowieso einen Platz unter freiem Himmel vor, weshalb sie gerne auf den Gehweg, auf die Treppen vor den Häusereingängen oder auf den Platz um die Ecke auswichen, wo sie mit erhobener Stimme sprechen mussten, um mit den obligatorischen Musikboxen mitzuhalten. Morgens brachen sich die ersten Strahlen der Sonne in Armadas leerer Bierflaschen, die Treppen, Stromkästen, Bordsteine, Fensterbretter bevölkerten, und in Scherbenhaufen, wo eine Flasche aus Unachtsamkeit oder vielleicht auch aus purer Lust am Leben zertrümmert worden war, ein Schauspiel, welches den Anwohnern vorbehalten blieb, die um sieben Uhr morgens zur Arbeit durften, während die Studierenden sich von ihren kraftzehrenden Nachtschichten erholen mussten.

Und jetzt kommt der Clou: Den Anwohnern gefiel das nicht. Ganz offensichtlich wurden die Altbauten rund um den Späti von alten, verbitterten Spießern bewohnt, die vermutlich auch noch Alemannisch oder Schwäbisch sprachen und ihre Stadt für sich pachten wollten, sonst hätten sie nicht wiederholt wütende Briefe an die Stadtverwaltung geschrieben und, als ihre Bitten nicht erhört wurden, schließlich rechtliche Schritte eingeleitet. Fassungslosen Studenten, heiß auf Party, mussten die Späti-Betreiber erklären, dass sie gegen das Heer teurer Anwälte, das die Anwohner gegen sie ins Feld geführt hatten, nicht die geringste Chance hatten. Weshalb der Alkoholverkauf nach 22 Uhr wieder Geschichte war und die Türen um Mitternacht schließen mussten. Ohne Alkohol, der die Nacht hindurch gekauft werden konnte, verlor der Späti freilich seinen einzigen Zweck für Studierende und ging kurz darauf bankrott.

Die Nachricht von der Schließung des Spätis ist für Lionel der Moment, aufzustehen. Lange, viel zu lange hat er stillgehalten, sich auf die Zunge gebissen und mitangesehen, wie ein Club nach dem anderen zugrunde geht, ein veganer Imbiss nach dem anderen die Preise für seine glutenfreien Brötchen erhöht, während die Stadt tatenlos zuschaut. Jetzt ist Schluss! ,,Für wen ist diese Stadt noch da?!‘‘, fragt Lionel anklagend in die Kamera, und zwar in seinem neuesten Rap-Video Aufstieg und Fall des Freiburger Späti. In echter Rap-Manier legt Lionel den Finger in die Wunde und die Missstände gnadenlos offen. Zuerst das Wheit Rabbit, das einem Argentinischen Steakhouse weichen musste, weil ein japanischer Immobilienhai die Miete in den Himmel getrieben hatte. Und jetzt der Späti. Wer denkt dabei an die jungen Leute? Wo können denn junge Menschen, die nicht mehr vom Leben verlangen, als ein Maximum an Spaß haben zu dürfen, noch hin? Als gebürtiger Berliner – das heißt, ein echter Berliner, keiner dieser zugezogenen Möchtegernberliner – steht es Lionel durchaus zu, ein Urteil über die Qualität des Nachtlebens in Städten zu fällen. Und was Freiburg betrifft, fällt das Urteil kläglich aus.

Als ich das Video zum ersten Mal sehe, bin ich leicht irritiert. Denn wann immer ich einen Fuß in die Stadt setze, sind die Straßen, Plätze, Bars und Cafés überfüllt mit Jungen und Junggebliebenen. Man könnte, um zehn Uhr vormittags, den Eindruck bekommen, manche Studierenden hätten nichts anderes zu tun, als sich eine Auszeit von ihrem Studium zu gönnen. Man könnte auch meinen, die schiere Flut von Partys, Festen, Konzerten, Happy Hours, Raves und Flashmobs würde einen zu dem Gefühl verdammen: Egal, wie sehr man sich auch anstrengt, man wird das Leben verpassen, denn irgendwo ist die Party immer noch besser, die Stimmung noch wilder, die Leute noch cooler. Doch es ist wohl an der Zeit, mir einzugestehen, dass ich vom Nachtleben weniger verstehe als Lionel. So wie ich noch Milchkaffee bestelle, während der mit der Zeit Gehende Mangosaft wählt. Ich muss mir wohl eingestehen, dass normale Leute meines Alters sich nicht so einfach abspeisen lassen. Dass es längst out ist, einfach Party machen zu wollen. Dass es jetzt bei einem Event um seine Einmaligkeit, Unverwechselbarkeit und Unwiederholbarkeit geht. Dass die jungen Leute, die etwas auf sich halten, Ansprüche stellen. Ständig heißt es von ihnen, sie seien skrupellose Hedonisten und hätten nichts anderes zu tun, als sich eine Auszeit von ihrem Studium zu gönnen. Das ist ungerecht. Man muss die jungen Leute verstehen. Sie wachsen auf in dem Gefühl, auf alles ein Anrecht zu haben. Da muss man sich nicht wundern, wenn sie das dann auch einfordern.

Mit gekonnter Bushido-Gestik minus Muskeln und Tattoos rechnet Lionel alias Mister C – das C steht für Chaos – ab: mit der Stadtverwaltung, mit den antifreiheitlichen Anwohnern, die er sogar kurz für uns sehr realistisch nachspielt, als alte Frau, die ,,Aber nicht in meiner Stadt!‘‘ keift. Und wer geglaubt hat, es handle sich um die Suada eines verwöhnten Studenten, der nur um sich selbst und seine Problemchen kreist, den straft das Ende des Raps Lügen, an welchem Mister C hochpolitisch wird, wenn er steigende Mieten und wegen Gentrifizierung steigende Brötchenpreise in veganen Läden anprangert.

Früher waren es die Bild-Zeitung, der Vietnamkrieg und alte Nazis in Schlüsselpositionen; heute ist es der Späti.

***

,,Alter, Lionel, krasser Shit, der Junge kann rappen!‘‘ Der Mann gibt Lionel die Faust und legt ihm den Arm um die Schultern, als wären sie zwei verschworene Junggesellen, die nachts die Clubs unsicher machten. Bloß ist der Mann 72 und Lionels Onkel.

Der Onkel ist Schauspieler. Kein Amateur, der meint, er gehöre schon dazu, weil er im Verein der Theaterfreunde den Hamlet gibt, sondern ein echter Schauspieler, der auf den großen Bühnen des Landes auftritt. Er spiele Bundesliga, wie der Onkel bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu sagen pflegt.

,,Ohne Witz, Alter, dein Video ist echt krass hammer geil!‘‘ Immer noch den Arm um Lionels Schultern, zeigt der Onkel auf seinen Neffen wie ein Showmaster, der seinem Publikum den heutigen Stargast präsentiert. Allerdings bleibt unklar, an wen er seinen Auftritt adressiert, mich jedenfalls, das einzige Publikum, ignoriert er, nachdem er mich bereits zuvor einer Begrüßung für unwürdig befunden hat.

Lionel, ich, der Onkel und noch ein anderer Mann, der Umzugshelfer, stehen im Wohnzimmer des Onkels vor dem Schrank, der in den Sprinter vor der Haustür muss. ,,Hast du ne Ahnung, wie sowas geht?‘‘, duzt Lionel den Umzugshelfer wie selbstverständlich.

,,Äh, ja, ich mache das beruflich.‘‘, antwortet der.

Lionel und ich übernehmen die eine Schrankseite, der Umzugshelfer allein die andere. Bei der Hälfte der Treppe erkundigt sich Lionel bei dem Mann: ,,Geht’s bei dir noch?‘‘

Der Umzugshelfer, diesmal leicht gereizt: ,,Ich mache das beruflich.‘‘

***

,,Lionel, Alter ey, hammer Video, einfach hammer!‘‘ Diesmal stammt der Beifall aus derselben Generation wie Lionel. Überschwänglich, wie einen lang vermissten Freund schließt Friedrich Lionel in seine Arme.

,,Friedrich! Schön dich zu sehen!‘‘, bleibt Lionel nichts anderes übrig als zu antworten.

,,Nein im Ernst, Alter, dein Rap bringt‘s voll auf den Punkt! Roh, direkt, dass es wehtut! Der wird voll einschlagen!‘‘

,,Zweitausend Klicks schon!‘‘, schaltet Isa sich dazu und legt Lionel stolz die Hand aufs Knie.

,,Ich garantier‘s euch, das werden noch mehr! Fünfzigtausend liegen drin!‘‘ Diese Prognose ist derart übertrieben, dass sie ironisch gemeint sein müsste, wenn Friedrich sie nicht mit einem Enthusiasmus vortragen würde, der ihn als einen ausweist, der an die Kraft der Imagination glaubt, der nach den Sternen greift. Friedrich der Große muss etwas nur wirklich wollen, schon bekommt er es. Friedrich, der Visionär.

Die Prophezeiung einer glanzvollen Zukunft aus dem Munde von Friedrich darf Mister C als gutes Omen werten, schließlich muss Friedrich es wissen, denn er ist selbst Musiker, ein begnadeter Pianist. Dürfte er sonst abends am Flügel im Salon des Novotel mit seinen Jazzimprovisationen für das kultivierte Ambiente sorgen?

Vor Stolz geleuchtet haben müssen die Augen, die Isa auf den Mann am Klavier heftete, die Blinzelfrequenz auf ein Minimum reduzierend, um nur ja keine seiner Bewegungen zu verpassen. Das war, als sie und Friedrich noch ein Paar waren. Wobei er aus seinen Aversionen gegen das traditionelle Beziehungskonzept mit seinen bürgerlichen Geboten von Treue und all den Verboten von Anfang an keinen Hehl machte. Isa nahm es ihm nicht übel, schließlich musste er sich dagegen wehren, in ein Korsett gesteckt zu werden, er war Künstler. Sein Künstlernaturell verpflichtete ihn geradezu, seine Freiheit über alles zu stellen und sich allem, was auch nur im Entferntesten nach einem Antasten dieser Freiheit roch, mit heftigster Vehemenz zu widersetzen. Isa weiß, dass ein Künstler, der es mal zu was bringen will, so sein muss, denn auch Isa ist Künstlerin, auch durch ihre Adern pulst Musikerblut. Zwar besucht sie zurzeit noch Vorlesungen in Soziologie und Germanistik, zumindest hin und wieder, doch handelt es sich hierbei um ein Übergangsstadium. In Wahrheit gehört sie auf die Bühne, als brasilianische Sängerin im paillettenbesetzten Kleid vor ihrer Band, von der sie angehimmelt wird und deren Mitglieder sie nacheinander in Affären durchprobiert. Isa und Friedrich verband die Leidenschaft für die Musik, was konnte ihnen also noch in die Quere kommen?

Das erste halbe Jahr trafen sich Isa und Friedrich mehrmals pro Woche, übernachteten beieinander, gingen zusammen auf Partys oder auf den Schlossberg und teilten sich Bananen-Schokosplit-Becher. Trotzdem weigerte Isa sich, das Wort Beziehung in den Mund zu nehmen. Schließlich gestand sie sich ein, dass es sich bei dem, was sie und Friedrich hatten, wohl tatsächlich um eine Beziehung handelte. Ein konventionelles Paar waren sie deshalb noch lange nicht. Friedrich, Vollblutmusiker, glaubte fest an die Weisheit von Bauchgefühl und Intuition und an die Kraft der Emotionen. Daraus zog er die Überzeugung, dass in einer Beziehung alles ausgesprochen werden musste, was zwischen einander passierte. Vor allen Dingen hatte jede noch so kleine Veränderung in der Intensität der Liebe zum anderen registriert und zur Sprache gebracht zu werden. Sobald ein Anflug von Zweifel aufblitzte, musste der umgehend angesprochen werden. Isa war sehr stolz auf ihren offenen, ehrlichen und transparenten Umgang mit Konflikten. Und in der Tat, kaum eine Woche verging, ohne dass sie nicht mindestens eine offene Diskussion führten, die ,,sehr emotional‘‘ wurde, wie Isa jedes Mal stolz betonte, wenn sie anschließend ihren Freundinnen oder Lionel berichtete. Die wussten bereits schon vor dem Bericht, was gleich kommen würde: zuerst hatten entweder er oder sie oder beide die gesamte Beziehung infrage gestellt, um dann nach Tränen auf beiden Seiten zu dem Schluss zu kommen, sich doch noch eine Chance geben zu wollen, bevor die Reibung ihre Körper derart aufgeladen hatte, dass sie sich in einer leidenschaftlichen Versöhnung Bahn brechen musste. Am nächsten Tag hatten sie erst einmal bis zwölf Uhr ausgeschlafen und dann besser gleich eingesehen, dass sie heute für etwaige universitäre Verpflichtungen keinen Kopf mehr hatten. Die nächsten Tage würden sie vermehrt gemeinsam verbringen. Isa würde davon schwärmen, wie frisch verliebt sie sich gestern Abend am Lagerfeuer gefühlt hätte. Und in ein paar Tagen würde wieder einer von ihnen Schluss machen wollen.

Nach jenen schlaflosen Krisennächten fühlten Isa und Friedrich sich gerädert, aber auf eine heimliche Art auch glücklich. Wenn sie sonst auch nichts Unausgesprochenes erlaubten – darüber sprachen sie nie: dass beide nach den Krisen insgeheim spürten, dass sie diese Krisen brauchten, dass das ständige Infragestellen und auf der Kippe Stehen keine Phase waren, die es zu überwinden galt, sondern ein Dauerzustand, ohne den diese Beziehung sich längst in Luft aufgelöst hätte. Sie waren Künstler, dementsprechend kompliziert hatte ihre Beziehung zu sein. Wenn Isa ihren Freundinnen oder Lionel von der jüngsten Krise berichtete, schwang immer auch ein Unterton von Stolz mit. Sie war stolz darauf, dass ihre Beziehung mit Friedrich so interessant war, so leidenschaftlich, und dass sie sich dadurch abhob von all den ach so harmonischen Beziehungen des Durchschnitts.

Eines Abends brachte einer von ihnen, es spielt keine Rolle, wer, die Trennung einmal zu oft ins Spiel, und diesmal wurde sie Wirklichkeit. Nachher allein mit sich, ging Friedrichs Künstlertemperament mit ihm durch. Er schlug so oft gegen die Wand, bis seine rechte Hand brach. Für das nächste halbe Jahr war das Klavier gestorben.

Fast ein Jahr ist das nun her. Der Grund, weshalb Friedrich heute Abend mit Isa, Lionel und mir auf dem Augustinerplatz sitzt, ist, dass Isa ihn eingeladen hat. Seit ein paar Wochen schreiben sie wieder öfter miteinander. Für Lionel eine etwas unkomfortable Situation, hat er doch vor einem halben Jahr Friedrichs Platz an Isas Seite eingenommen. Es gelingt ihm noch nicht ganz, die nötige Lockerheit zu generieren, die einer alltäglichen Situation wie dieser angemessen wäre: drei Freunde treffen sich, um zu reden und zu trinken. Was soll die Tatsache, dass zwei der Beteiligten zeitversetzt Intimität mit der dritten genossen haben, daran ändern? Ganz schön verklemmt, sich daran zu stören.

Dabei gibt Friedrich Lionel überhaupt keinen Anlass dazu, sich unwohl oder gar bedroht zu fühlen. Ganz im Gegenteil, seine aufgekratzte Art beweist, dass er noch ganz der Alte ist. Wie sehr wünschte Lionel, er könnte auch eine so ansteckende gute Laune ausstrahlen wie Friedrich, er hätte dessen Charisma. 

Inzwischen hat Friedrich das Gespräch von Mister C auf eine andere junge Band gelenkt, die ihm Hoffnung macht: ,,Grad gestern hab ich mal wieder Elias getroffen, der startet mit ,Sänger mit Bart‘ grad so richtig durch!‘‘ Elias ist Lionels Vor-Vorgänger an Isas Seite, das Intermezzo mit Samuel, einem ihrer Bandkollegen, nicht mitgezählt. Auch durch Elias‘ Adern fließt Musikerblut, auch er hat sich dazu durchgerungen, dem Ruf der Begabung zu folgen, und steht gerade laut Friedrich vor der schicksalhaften Entscheidung, ob er alles auf eine Karte setzen soll. Und die Karte heißt ,,Sänger mit Bart‘‘ und ist die A-Cappella-Band, die Elias mit ein paar Freunden vor zwei Jahren gegründet hat. ,,Und ich bin überzeugt, die können das Ding durchbringen! Nach allem, was ich so in den letzten Jahren von denen gesehen hab, haben die das Zeug dazu!‘‘

,,Ehrlich gesagt, ich kann mit ihrer Musik wenig anfangen.‘‘, wirft Lionel ein. ,,Das Weihnachtslied, hast du das gesehn?‘‘

Worauf Lionel anspielt, ist das Video, das ,,Sänger mit Bart‘‘ im letzten Winter zu ihrem Weihnachtslied gedreht haben. Ein Video, für das die Sänger offensichtlich keinen Aufwand und keine Kosten gescheut haben, der professionellen Kameraführung und dem geschmackvoll eingerichteten Blockhaus nach zu urteilen, das als Kulisse dient. Darin kommen Elias und seine drei Freunde zusammen, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Sie haben sich dazu, passend zum Wald, Holzfällerhemden und Hosenträger angezogen. Mit ihren sorgfältig gepflegten Vollbärten wirken sie wie wahre Naturburschen. Unter anderem tun sie in diesem Video, was echte Männer eben so tun: Holz hacken, als Mutprobe über das Lagerfeuer springen, sich auf die Schulter hauen. Unter der harten Schale verbirgt sich allerdings ein weicher Kern. In Zeitlupe sieht man eine kräftige Männerhand zärtlich eine Christbaumkugel an den Zweig hängen, und die bartfreien Gesichtspartien glühen rot, wenn die Männer, brüderlich in einer Reihe aufgestellt, inbrünstig den Zauber der Weihnacht besingen. ,,Und vergiss nicht, dass Geschenke nicht alles sind, das Fest der Liebe gilt den Menschen, die bei dir sind.‘‘, lautet der Refrain. Um zu zeigen, dass sie es mit der Nächstenliebe ernstmeinen, zeigt jedes Gesicht, das ins Bild kommt, ein strahlendes Lächeln und leuchtende Augen. So begeistert strahlen die Gesichter, dass man es mit der Angst zu tun bekommt.

,,Hm‘‘, macht Friedrich, ,,ich weiß schon, was du meinst.‘‘, und es ist klar, dass er Lionels Versuch, die Aufmerksamkeit auf den Inhalt der ,,Sänger mit Bart‘‘ zu lenken, völlig unpassend findet, und dass das gar nichts zur Sache tut. ,,Ich find ein bisschen kommerziell an sich noch nicht schlimm. Die stecken da halt wirklich viel Zeit rein, sowas erfordert ungeheuer viel Disziplin, die wollen es unbedingt schaffen, und davor hab ich Respekt, deshalb glaube ich, die haben wirklich Potenzial.‘‘

,,Ich fands auch nicht schlecht!‘‘, pflichtet Isa ihm bei.

Und schließlich tut das, wofür die ,,Sänger mit Bart‘‘ stehen, wo hinein sie all die Zeit, all die Mühe investieren, wohinter alles andere – Beziehungen, Freundschaften, Familie – zurückstehen muss, tut der Sinn dahinter wirklich nichts zur Sache. Sie ,,wollen es schaffen‘‘, das ist die Hauptsache – was, ist nebensächlich.

Ich lasse meinen Blick über den Augustinerplatz schweifen und sehe, dass der alte Mann mit dem Oettinger-Bierkasten auf dem quietschenden Fahrrad zurückkommt.

Ich stehe auf: ,,Wer will ein Oettinger?‘‘

Lionel und Friedrich nicken sofort. ,,Ich weiß nicht-‘‘, fängt Isa an, ,,hm, ein ganzes wird mir glaub‘ zu viel, es sei denn, einer von euch würde die andere Hälfte-‘‘

,,Gut, dann nicht.‘‘, sage ich und spüre sofort, wie mir das Blut ins Gesicht schießt. Habe ich gerade tatsächlich Isa einfach so unterbrochen? Wie kann ich es wagen?

Aber eigentlich bin ich stolz. Es begann schon vorhin, bevor Friedrich dazukam, als Isa plötzlich einfiel: ,,Ich hab grad voll Lust, eine zu rauchen.‘‘ Sagte sie und blieb sitzen und knibbelte am Saum ihres Kleides herum. Die Botschaft an uns Männer war unmissverständlich: die Prinzessin verspürte den Wunsch nach einer Zigarette; selbstverständlich war es für eine Prinzessin schon mal rein standesgemäß unmöglich und dann auch viel zu gefährlich, sich selbst auf die Suche nach einer Zigarette zu begeben, wozu hatte sie denn ihre Männer fürs Grobe. ,,Dann frag doch jemanden.‘‘, hatte Lionel erwidert. Isa, schmollend: ,,Ich hab einfach schon zu oft dumme Kommentare erlebt, wenn ich als Frau frage.‘‘ – ,,Dann frag doch ne Frau.‘‘, konterte Lionel.- ,,Ich seh grad keine, die raucht.‘‘ Ein letztes Trotzen, doch da hatte auch die Prinzessin endlich eingesehen, dass sie nicht bekam, was sie wollte, für dieses Mal.

Die meisten Male bekommt Isa, was sie will.

,,Vier Oettinger, bitte!‘‘ Ich muss schreien, um mich gegen den Lärm der Menge durchzusetzen, der um diese Uhrzeit auf dem Augustinerplatz herrscht.

,,Vier Euro!‘‘ Der Mann muss den Kopf heben, wenn er zu mir spricht, denn ein unsichtbares Gewicht drückt seinen Kopf und Nacken nach unten, sodass er in der Regel den Boden vor Augen hat und, wenn er etwas anderes sehen möchte, den Kopf die paar Zentimeter, die noch möglich sind, gegen das unsichtbare Gewicht anstemmen muss. Um seinen Hals, der dadurch noch zerbrechlicher wirkt, flattert ein Halstuch, darunter hüpft der Kehlkopf auf und nieder wie ein aufgeregtes Vögelchen in seinem Käfig auf der Suche nach einem Ausweg. Jeden Abend dreht der Mann seine Runden. Platz der Alten Synagoge, Augustinerplatz, Schlossgarten, einen nach dem anderen klappert er die meistbeliebten Plätze der Studierenden ab, sechs Tage die Woche von Montag bis Samstag, von 20 Uhr bis Mitternacht, aber ich habe ihn auch schon um kurz vor ein Uhr noch arbeiten sehen. Sie haben ihren Späti eingebüßt und kommen dank ihm trotzdem nach 22 Uhr noch an billigen Alkohol, er kann seine Rente ein wenig aufbessern, ein fast ausgeglichenes Tauschgeschäft. Den ,,Oettinger-Mann‘‘ nennen sie ihn, denn das ist er für sie: derjenige, der ihr Bedürfnis nach ein bisschen Leben mit dem nötigen Stoff versorgt, oder pathetischer: der ihr Grundrecht auf ein lockeres, lustiges Leben garantiert. Darauf beschränkt sich seine Identität: auf das Oettinger auf seinem Gepäckträger.

Anscheinend habe ich ein schlechtes Gewissen, denn mein ,,Dankeschön!‘‘ gerät fast schleimig.

Ich kehre zurück zu den anderen. In diesem Moment springt die ,,Säule der Toleranz‘‘ auf Rot.

Vor ein paar Jahren wurde die Säule auf Druck der Anwohner aufgestellt. Es handelt sich um eine Lichtröhre, deren Farbe von den Bewohnern der Häuser rings um den Augustinerplatz gesteuert werden kann und mittels derer sie mit der feiernden Jugend in Kontakt treten können. Alles von Grün bis Orange lässt die Feiernden schalten und walten, wie sie wollen. Wehe aber, wenn die Säule auf Rot springt! Dann dürfen die Nachtschwärmer zwar weiterhin so viel Lärm machen, wie sie wollen, denn die Säule der Toleranz ist an keinerlei rechtliche Konsequenzen gebunden, ab jetzt allerdings mit einem schlechten Gewissen. 

Überall auf dem Platz zucken die Mundwinkel nach oben und die Menge bricht in spontanen Applaus aus. Die rote Ampel – für sie eine Art Auszeichnung für ihr wildes Nachtleben. Ihr Leben hat den Test bestanden.

,,Auf die Säule der Toleranz!‘‘, rufe ich und erhebe mein Bier und schaue nacheinander Lionel, Friedrich und Isa in ihre Augen. Für Isa habe ich nämlich doch ein Bier gekauft. Sie hebt es hoch und hält es Lionel hin, damit er für sie den Deckel mit dem Feuerzeug aufsprengt, und sagt nicht Danke, weder zu mir noch zu Lionel, weil es selbstverständlich ist, dass sie am Ende doch immer bekommt, was sie will.

Und jetzt bekommt sie von Friedrich auch ihre Zigarette und beugt sich vor zu seinem Feuer und sagt: ,,Danke!‘‘

Friedrich saugt an seiner Zigarette. Gekonnt gierig saugt er daran wie ein Künstler, der nie genug vom Leben inhalieren kann, der immer zu viel vom Leben will und Bedenken und Maßhalten den Normalen überlässt. ,,Ich glaub, ich mach mich demnächst mal auf die Suche nach diesem Rave! Ich hab so Bock auf Tanzen!‘‘ Um zu beweisen, wie viel Bock auf Tanzen er hat, wippt er im Sitzen hin und her, klatscht in die Hände und summt die Andeutung einer Melodie.

Seit er da ist, redet er von nichts anderem als diesem Rave. ,,Woher weißt du denn davon?‘‘, hat Lionel ihn gefragt. ,,Ach, ich habs über Ecken mitbekommen.‘‘, hat Friedrich mysteriös erwidert. Schließlich gibt man seine Quellen nicht einfach so preis. ,,Wir sind uncool geworden, Isa, wir kriegen sowas nicht mehr mit.‘‘, hat Lionel zu Isa gesagt, und es war nur halb ironisch gemeint.

Wo die Party steigen soll, weiß selbst Friedrich nicht, nur dass sie irgendwo auf dem Schlossberg geht. Ein weiteres Zeichen seiner Überlegenheit: mit welcher Selbstverständlichkeit er Partys besucht, auf denen er niemanden kennt, und über die Regeln Bescheid weiß, wie man auf diese Party geht: man geht mal hin, um zu tanzen, vielleicht aber auch für mehr, und um mal zu schauen, vielleicht aber auch direkt wieder zu gehen.

,,Ich weiß nicht, ob ich auf den Rave Lust habe, aber auf einen Spaziergang würd ich noch mitkommen.‘‘, sagt Isa.

Ohne dass jemand es aussprechen muss, ist allen klar, dass Friedrich und Isa auf diesem ,,Spaziergang‘‘ keine Begleitung wünschen. Und seit Isa und Lionel vor zwei Wochen das zwischen ihnen einvernehmlich beendet haben, hat Lionel ohnehin kein Recht mehr, Spaziergänge dieser Art zu missbilligen.

,,Jo jo, Lionel‘‘, rappt Friedrich, ,,ich geb dir den Beat!‘‘ Er fängt an mit Beatboxen und schaut Lionel erwartungsvoll an.

,,Jo, wir sitzen hier auf dem Augustinerplatz, die Säule der Toleranz erscheint in rotem Glanz-‘‘, bemüht sich Lionel, bricht ab, sucht nach einer Fortsetzung.

,,Wollen wir mal was zu essen holen?‘‘, komme ich ihm zu Hilfe.

Als wir endlich allein sind, erzählt Lionel: ,,Eigentlich wollte Isa heute Nachmittag mit Friedrich nur ein Eis essen. Jetzt sagt sie, sie gehen spazieren. Dabei weiß ich jetzt schon, dass sie erst in Stunden heimkommen wird. Und morgen wird sie mir dann erzählen, dass sie wieder was mit ihm gehabt hat und wie sehr sie das alles runterzieht.‘‘

***

Die Umstände waren nicht ganz unschuldig an Lionels Zusammenkommen mit Isa. Das Land befand sich im zweiten Lockdown, man sollte seinen Fuß nur für dringende Erledigungen vor die Tür setzen und maximal einen anderen Haushalt treffen. Ersteres fiel aufgrund der Minustemperaturen nicht schwer, Letzteres warf Isa und Lionel auf sie selbst zurück, da sie im selben Haushalt wohnten. 

Aber vielleicht hatte Corona auch gar nichts damit zu tun. Befreundet waren sie seit drei Jahren, WG-Mitbewohner seit einem. Wenn einen von ihnen etwas bedrückte, rief er als erstes den anderen an. Für beide gab es keinen sonst, der so viel, im Grunde alles über einen wusste wie Isa über Lionel und umgekehrt. Wenn ihre gemeinsamen Kollegen nachmittags Lionel in den Seepark riefen, konnten sie davon ausgehen, dass er Isa gleich mitbringen würde. Stundenlang saßen oder lagen sie in seinem spartanischen Klapp- oder ihrem heimeligen Eichenholzbett und redeten, bis sie um halb vier Uhr nachts endlich doch schlafen gingen, nicht weil ihnen nichts mehr eingefallen wäre, sondern weil sie eigentlich am Morgen um Viertel nach acht ins Seminar mussten. Was lag näher, als dass einer von ihnen eines Abends den letzten Schritt tat, sich vorbeugte und den anderen küsste?

Es war Lionel, der den ersten Schritt wagte, der eigentlich der letzte in einer jahrelangen Reihe von Annäherungen war. Eines Abends, sie lagen in Isas Bett und hatten gekuschelt, beugte er sich einfach vor und küsste sie. Isa erwiderte den Kuss. Es hätte das Ende einer Freundschaft und der Beginn einer wahren Liebe werden können. 

Allerdings, dessen war Lionel sich bewusst, war Isa nicht die Einfachste. Morgens um acht, sie waren schon viel zu spät dran, weil Isa sich von irgendeinem Seminar doch nicht diktieren ließ, wie lange sie ihre Haare zu waschen hätte, hielt Lionel geduldig das Tor des Fahrradkellers für sie auf. Nur damit sie dann auf ihrem Rennrad losbrauste, ohne sich auf dem ganzen Weg auch nur einmal nach ihm umzudrehen, und die Tür der Uni hinter sich zu fallen ließ, weil manche eben einfach zu langsam waren. Wegen solcher Erfahrungen, aus Selbstschutz beschloss Lionel, sich nicht in Isa zu verlieben und eine feste Beziehung im Vornherein auszuschließen. ,,Ich liebe sie wirklich nicht.‘‘, versicherte er seinem Freund Michi, der versuchte ihn zu warnen. ,,Wir haben jetzt eben eine Freundschaft Plus, und es fühlt sich irgendwie richtig an. Wir sind uns beide einig, dass wir nicht zu weit vorausdenken wollen. Wir haben abgemacht, im Moment zu leben.‘‘

Dass diese bewundernswert zwanglose Einstellung ihren Ursprung nicht ausschließlich in Lionel selbst hatte, lag nahe, da Isa keinen Zweifel daran ließ, dass sie der Beziehung mit Friedrich immer noch hinterhertrauerte und weit entfernt davon war, bereit für etwas Ernstes zu sein. Es war in der Tat so, dass kaum ein Abend verging, ohne dass sie nicht auf Friedrich zu sprechen kam. Sie bettete ihren Kopf auf Lionels Schoß, ließ ihre brustlangen, schwarzen Haare den Duft ihres Shampoos – natürliche Wacholderblüten, ohne Zusatzstoffe – verströmen und breitete ihre neuesten Reflexionen darüber aus, wieso es mit Friedrich und ihr nicht geklappt habe, was für außergewöhnlich komplexe Persönlichkeiten Friedrich und sie seien, dass sie das auf eine Art füreinander bestimme, sie auf eine andere Art aber trenne. Die Sterne bestimmten es vor, er als Löwe, sie als Schütze, seien sie naturgemäß impulsive, leidenschaftliche Charaktere, und wenn zwei solcher Naturgewalten aufeinanderträfen, knalle es eben zwangsläufig, und der Knall könne schöpferisch sein, aber auch zerstörerisch, und dazu komme ihr in den Sinn – ob sie ihm das schon erzählt habe? -, dass Friedrich manchmal, im Streit, vor lauter Wut Sachen durch das Zimmer geworfen habe, ein Glas zum Beispiel, und da habe sie teilweise richtig Angst bekommen, aber gleichzeitig habe sie immer gewusst, dass sich dahinter eine Verletzlichkeit verstecke und er ihr nie was antun würde. Und aus ihren mandelförmigen, langbewimperten Augen perlten die Tränen, und Lionel nahm sie in den Arm und flüsterte, es tue ihm leid, und sie erwiderte, das müsse ihm nicht leidtun, er könne ja nichts dafür, und trotzdem sagte er es jedes Mal wieder, weil er nicht wusste, was er sonst dazu sagen sollte.

Abgesehen davon war es wunderschön mit ihr. Aus drei Jahren Freundschaft wusste er ja, dass Isa ihre kleinen Flausen hatte, und auch, dass Versuche, sie darauf hinzuweisen, meistens unangenehm bissige Reaktionen und längere, zähe Diskussionen zur Folge hatten, die unterm Strich mehr Nerven kosteten, als das Nervige auszuhalten. Zudem besaß er ja nicht die Absicht, eine ernsthafte Beziehung mit Isa einzugehen, weshalb also sollte er ihrer schwierigen Seite übermäßig viel Beachtung schenken und sich die Laune verderben, anstatt den Moment zu genießen?

Es machte ihm nichts aus, dass meistens er die Einkäufe erledigte. Er verstand, dass sie die Zeit dringender brauchte, für ihre Vorbereitungen auf die Aufnahmeprüfungen für die Jazzhochschule. Es störte ihn auch nicht, dass sie das Geld, das er für die Einkäufe zahlte, nie von sich aus ansprach und keine Anstalten machte, sich daran zu beteiligen. Sie war seine Freundin, auch wenn sie sich gegen diesen einengenden Begriff wehrte, und mit seinen Freunden teilte er gerne, er war da nicht so.

Als er sie doch einmal darauf hinwies, dass die letzten fünf Einkäufe auf sein Konto gegangen waren, machte sie sich freiwillig auf den Weg zum Supermarkt. Sie kehrte zurück mit einer Sparpackung Spaghetti und einem Glas Tomatensoße. Weil die Tomatensoße pur doch ein wenig fad schmeckte, ging Lionel noch einmal los und besorgte etwas Gemüse, das er dann in der Küche zubereitete, während Isa in ihrem Zimmer sang, bis er zum Essen rief.

Er freute sich riesig, als er vor seiner Tür einen Schokoriegel von ihr fand. Freilich, er brachte ihr ständig Süßes mit. Am liebsten hatte sie Kinder Pinguin, die hortete sie dann in ihrem Kühlschrankfach und achtete penibel darauf, dass er ja nicht mehr als die Hälfte davon nahm. Im Gegenzug schenkte sie ihm nie etwas, aber er erwartete auch nichts, sonst wären seine Geschenke ja nicht von Herzen gekommen. Umso größer die Überraschung, als eines Tages endlich doch einmal ein Schokoriegel von ihrer Hand vor seine Tür gelegt wurde.

Er hob ihn auf und musterte ihn. Er brauchte ein paar Sekunden, bis er darauf kam, was ihn störte: von genau diesen blauen Crunchy-Riegeln hatte er Isa vor zwei Wochen eine ganze Packung geschenkt.

Sicher, solche Vorfälle waren ein bisschen ärgerlich, gleichzeitig aber auch nicht genug schwerwiegend, um einen Streit zu riskieren. Schlussendlich handelte es sich doch um Kleinigkeiten, nervig zwar, doch nichts, womit er nicht umgehen konnte. Von ihnen beiden gab es ohnehin schon eine, die ausnahmslos alles zur Sprache brachte, was sie nervte. Wenn schon nicht sie, so musste doch zumindest er auch mal was herunterschlucken, um der Beziehung willen.

Sie fuhr für ein paar Tage weg zu Infoveranstaltungen an diversen Hochschulen. Wenige Stunden vor ihrer Rückkehr kam Lionel, der gerade eine Woche in Berlin gewesen war, nachmittags nach Hause und stellte fest, dass sie ihm in der Küche die gesamten Aufräumarbeiten ihres letzten Abendessens hinterlassen hatte, einschließlich des Abwaschs der letzten drei Tage. Lionel seufzte, erlaubte sich, kurz laut ,,Typisch Isa!‘‘ zu sagen, und machte sich ans Putzen. Sie konnten beide froh sein, dass Adrian gerade in München war, sonst hätte es ganz sicher eine neue WG-Krise gegeben, und es wäre nicht das erste Mal, dass Adrian, der nicht nur Mitbewohner, sondern auch Hauptmieter war, ihnen mit dem Rauswurf gedroht hätte.

Zwei Stunden kostete es Lionel, ihren Dreck wegzuräumen. Am Abend holte er sie vom Bahnhof ab. ,,Ich bin echt erschöpft!‘‘, begrüßte sie ihn. Zu Hause brauchte sie erst einmal ihre Zeit, um anzukommen. ,,Lionel!‘‘, hörte er nach ein paar Minuten ihre genervte Stimme im Türrahmen. Er drehte sich um und sah Isa, die in ihrer Hand den tropfenden Lappen hielt, mit dem er vor einer Stunde noch den Tisch von ihren Soßenflecken gereinigt hatte. ,,Nächstes Mal, wenn du den Lappen benutzt, wring ihn bitte aus, bevor du ihn klitschnass aufhängst!‘‘

Wenn das so war, dann würde er von jetzt an eben auch direkt alles aussprechen, das schwor er sich. Er wartete den nächsten Abend ab, dann packte er alles auf einmal aus: die Einkäufe, die Gespräche, die hauptsächlich von Friedrich und ihren Aufnahmeprüfungen handelten, ihr Anspruch, dass sich immer alle nach ihr richteten, während sie sich nie auf andere einstellte. ,,Zum Beispiel letztens, als wir zu viert, Samy, Michi, Anna und ich, im Seepark saßen und dich angerufen haben, ob du auch kommen willst. Und du lagst grad am Moosweiher und wolltest, dass wir zu dir kommen, obwohl wir zu viert waren und du allein.‘‘

Isa hörte sich alles aufmerksam an, nickte artig und bekräftigte immer wieder, dass sie all das, was er da sage, verstehen könne. Sie entschuldigte sich sogar für die Sache mit dem Lappen. Er war überrascht und überglücklich. Sie war eben doch sehr reflektiert und nicht blind für ihre eigenen Schwachstellen, sie besaß bloß ein herausforderndes Temperament und stand sich manchmal selbst im Weg. Ihre Entschuldigung bewies, dass sie es nicht böse meinte, manchmal konnte sie nur einfach nicht aus ihrer Haut.

Nach dem Gespräch gab sie sich merklich Mühe. Sie ging zweimal hintereinander einkaufen und wollte das Geld, das er ihr anbot, nicht annehmen. Mittags, als sie ihn anrief und fragte, ob er auch in der Mensa esse, und er erwiderte, er habe sich gerade schon mit Samy eine Pizza geholt, änderte sie spontan ihre Essenspläne und kam tatsächlich zu ihnen vors Theater. Und bei ihren abendlichen Balkongesprächen spürte er, dass sie sich zurückhielt mit Friedrich und ihren Aufnahmeprüfungen, und wieviel Kraft sie das kostete, und das rührte ihn so, dass er schließlich von sich aus nachfragte, wie es denn mit den Prüfungen laufe.

Die neue Isa lebte ein paar Tage lang, keine volle Woche, bevor sie sich über Nacht in die alte Isa zurückverwandelte. Zwar hatte Lionel sich geschworen, von jetzt an nichts mehr hinzunehmen. Das bedeutete jedoch, mehrmals pro Tag eine Diskussion anzetteln zu müssen, und es war nur eine Frage der Zeit, bis er gerade keine Nerven für noch eine Diskussion mehr übrighatte und die Kränkung herunterschluckte, für dieses Mal. Natürlich blieb es nicht bei diesem Mal, viele weitere Male folgten, und für jede Kränkung, die er durchgehen ließ, musste er noch einige Gramm mehr Kraft und Zeit aufwenden, um vor sich selbst sein Bleiben zu rechtfertigen. Er war wie ein Spielsüchtiger, der sich nach jeder verlorenen Runde schwört: ,,Das ist aber wirklich die allerletzte.‘‘, und wenn er dann wieder verloren hat, lieber doch noch einen Versuch wagt als sich einzugestehen, dass all das Geld, das er bis jetzt verloren hat, unwiederbringlich in den Sand gesetzt ist.

,,Kennst du den Film 8 ½? Den müssen wir vom Seminar aus schauen.‘‘, erklärte sie morgens beim Frühstück. ,,Wie wär’s denn heute mit einem Kinoabend?‘‘ Und sie wischte Lionel lachend einen Marmeladenklecks von der Backe und drückte einen ihrer großzügigen Schmatzer darauf, von denen sie nur ganz wenige bereithielt für ganz seltene Momente, wenn sie besonders gut gelaunt war.

Am Abend stellte Lionel seinen Beamer auf und klappte sein Bett zur Sitzbank um, aber mit dem Popcorn, das er besorgt hatte, wartete er noch ab. Schon hörte er sich selbst am Telefon fragen: ,,Isa, wo bleibst du?‘‘ und ihre Stimme antworten: ,,Was? Ich chill grad mit Anna im Seepark, warum?‘‘ Er müsste dann sagen: ,,Du hast es vergessen.‘‘, doch es würde nicht wirklich vorwurfsvoll klingen, eher weinerlich, denn er wüsste schon, gleich würde sie ihm erklären, dass das mit dem Filmabend heute Morgen zunächst einmal nur ein Vorschlag gewesen sei, sie habe ja nicht gewusst, dass er das direkt als feste Abmachung interpretiere, hier liege offensichtlich ein Missverständnis vor, es gefalle ihr aber gar nicht, was er ihr gegenüber für einen Ton anschlage. Und er, er käme sich dann wieder vor wie ein quengelndes Kind, das zum Zahnarzt muss, aber viel lieber in den Europapark würde. Um die düsteren Vorahnungen beiseitezuschieben, schenkte Lionel sich schon mal ein Glas Wein ein. Wenig später ging die Tür, und da hatte sie also doch dran gedacht!

Sie setzten sich auf sein Klappbett, und Lionel bat um die DVD.

,,DVD? Ich hab keine. Wir haben doch gestern erst erfahren, dass wir den Film schauen müssen.‘‘

Es war Lionel, als höre er ein Geräusch, einen jener Soundeffekte in Horrorfilmen, wenn man geglaubt hat, die Gefahr sei gebannt, und dann, wenn man dem Frieden endlich vollkommen vertraut und sich wieder lockermacht, genau dann springt die Tür auf und der Halloween-Killer stürmt herein.

Natürlich hätte er schauen können, ob der Film auf Netflix verfügbar wäre. Oder auf kinox.to. Seine Generation benötigte doch keine DVD mehr, um einen Film zu schauen! Und normalerweise hätte er kurz gedacht, typisch Isa, und den Film im Netz gesucht. Aber es ging nicht mehr. 

,,Isa, es geht nicht mehr.‘‘

Sie überlegte einen kurzen Moment und meinte dann, sie glaube auch, dass es das Beste sei, das Ganze zu beenden. Die Sachlichkeit, mit der sie das feststellte, versetzte ihm einen Stich. Sie trug sein gelb-orange-rotes Ghana-Hemd, in dem ihr Körper noch fragiler wirkte als ohnehin schon. Sollte es das gewesen sein? Er spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen, daraufhin kamen ihr ebenfalls die Tränen, und dann weinten sie gemeinsam und schlossen sich in die Arme, und in der Umarmung spürten sie den Körper des jeweils anderen, und kaum waren die Tränen versiegt, da machte die Traurigkeit schon der Lust Platz, und sie hatten wieder Sex, obwohl sie vor wenigen Minuten Schluss gemacht hatten.

Sie waren jetzt wieder nur befreundet und taten so, als wären die letzten fünf Monate nie passiert. Es erstaunte sie beide, wie gut das funktionierte. Bis sich Isa nach zwei Wochen mit Friedrich zum Eisessen verabredete. Und als Isa noch von Eisessen sprach, wusste Lionel längst, dass aus dem unschuldigen Eisessen ein Bierchen am Abend würde, und aus dem unschuldigen Bierchen noch ein kleiner Spaziergang, und dass von dem kleinen Spaziergang Isa erst spät in der Nacht nach Hause kommen würde, wenn überhaupt.

Er fragt sich, ob sie tatsächlich glaubt, sie erzähle ihm eine Neuigkeit, als sie ihm am Tag darauf offenbart, mit Friedrich sei wieder was gelaufen. Sie wartet extra eine Gesprächspause ab, um ihren Worten die gewünschte Dramatik zu verleihen. Was ihn noch viel mehr verletzt als ihre Rückkehr zu Friedrich, ist, dass sie gar nicht auf die Idee zu kommen scheint, es könnte ihn verletzen.

Zwei Tage später bleibt sie die ganze Nacht weg. Lionel liegt in seinem Bett, alle fünf Minuten schaut er aufs Handy, ob sie ihm geschrieben hat, ohne sagen zu können, was für eine Nachricht er eigentlich erwartet. Ein Geständnis? Eine Entschuldigung? Irgendein Zeichen, dass sie anerkennt, dass er nicht völlig unbeteiligt ist!

Am nächsten Tag um die Mittagszeit kommt endlich eine SMS: ,,Häsch Luscht uf d’Mensa?‘‘ Ein Insider zwischen Isa und Lionel: ab und zu, wenn einer den anderen zum Lachen bringen will, sagt er etwas in pseudo-alemannischem Dialekt, und dann beäumeln sie sich darüber, wie das klingt.

***

Im Jahr vorher wohnte Lionel noch nicht mit Isa zusammen, wollte aber dringend aus seiner aktuellen WG heraus.

Sein Herz beschleunigte, als die schwere Tür mit einem Klicken nachgab und er sich auf einmal in der schlichten, menschenleeren Aula der Thomas-Morus-Burse wiederfand. Die Burse war ein katholisches Studentenwohnheim im Freiburger Stadtteil Littenweiler. Lionels jüngster Zusammenstoß mit Rolf, seinem 62-jährigen WG-Mitbewohner, lag mittlerweile zwei Monate zurück. Noch in derselben Nacht hatte Lionel sich geschworen, dass es der letzte sein würde. Trotz des großen Altersunterschieds war Rolf über die Monate ein Freund geworden, mit dem man trinken, philosophieren und Karaoke singen konnte. Erst mit der Zeit hatte Lionel herausgefunden, dass neben dem gutmütigen Rolf, der sich selbst nicht ernstnahm, noch ein anderer Rolf existierte, der hervorkam, sobald ein gewisser Alkoholpegel erreicht war. Die Zusammentreffen mit diesem anderen Rolf hinterließen jedes Mal einen derart üblen Nachgeschmack, dass irgendwann auch der gutmütige, selbstironische Tages-Rolf sie nicht mehr wiedergutmachen konnte.

In jener Nacht vor zwei Monaten hatte Lionel es zum ersten Mal gewagt, an Rolfs Tür zu klopfen. Ob er nicht ein bisschen leiser spielen könne? Weder Lionel noch Sebastian, der zweite Mitbewohner, hatten jemals zuvor auch nur ein kritisches Wort über Rolfs nächtliche Jam-Sessions geäußert, die meist gegen sieben Uhr abends starteten und niemals vor zwei Uhr nachts endeten. Doch diesmal hatte Lionel am nächsten Tag Prüfung, er brauchte Schlaf.

Zuerst ignorierte Rolf sein Klopfen. Dann öffnete er die Tür einen Spaltbreit, ließ Lionel seine Bitte vortragen und antwortete: ,,Lionel, warum bist du bloß so ein verdammtes Weichei!‘‘, bevor er die Tür wieder schloss. Lionel hatte sich gerade resigniert zurück ins Bett gelegt, da hörte er es klopfen, gefolgt von Rolfs Stimme, die vor Lionels Tür rief: ,,Lionel!‘‘, und dann klopfte und rief es abwechselnd geschlagene anderthalb Stunden lang, von Viertel vor eins bis Viertel nach zwei Uhr nachts, Lionel überprüfte es auf seiner Handyuhr. Abrupt verschwand der Poltergeist und hinterließ eine Stille, in der nicht an Schlaf zu denken war. Als er am nächsten Tag von der Prüfung heimkam, die erstaunlich gut gelaufen war dafür, dass er kaum drei Stunden geschlafen hatte, fand er einen Brief unter seiner Zimmertür. Vier DIN-A4-Blätter, dicht beschrieben. Das meiste ergab nicht einmal Sinn, aber gerade ihre Wirrheit jagte ihm die eisigsten Schauer über den Rücken. Lionel hielt Rolfs Brief in den zitternden Händen und wusste, dass er sich eine neue Bleibe suchen musste.

In Freiburg ein Zimmer zu finden, war immer ein Krampf, doch besonders krampfartig wurde es in den Wochen vor einem neuen Semester. Nach der ernüchternden WG-Erfahrung – und das war nicht seine erste – zog es Lionel ins Studentenwohnheim. Bei einigen hatte er sich beworben, allerdings in dem Wissen, dass die Wartelisten lang, die Bewerber zahlreich waren. Es konnte doch nicht sein, dass er nur einer von vielen Namen auf irgendeiner Liste war.

Auf die Burse besann er sich erst, nachdem er es bei den beliebtesten Wohnheimen, im Seepark, beim Händelwohnheim, im Vauban probiert hatte. Erstens lag die Burse am Stadtrand, zweitens war sie katholisch, für beides gab es Punkteabzug. Als Lionel sich schließlich einen Ruck gab und die Bewerbungsbedingungen googelte, stellte er fest, dass er die Frist um fünf Tage verpasst hatte.

Nun konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein katholisches Wohnheim auch nur annähernd so gefragt war wie ein Händel- oder Vauban-Wohnheim. Folglich musste es sich bei der Bewerbungsfrist wohl auch eher um eine Formsache handeln, jedenfalls kein ernstzunehmendes Hindernis für ihn. Sowieso fand Lionel Fristen und Reglemente und Bürokratie allgemein unmenschlich, sie verwandelten den Menschen in eine identitätslose Zahl. In der Vergangenheit hatte er sich schon wiederholt erfolgreich aufgelehnt gegen unnötige Vorschriften, und er war stolz darauf. Ein anderer hätte die abgelaufene Frist gesehen und resigniert. In Lionel war der Ehrgeiz geweckt.  

Er betrat das Sekretariat und erkundigte sich nach dem Büro des Heimleiters. Es befand sich direkt gegenüber. ,,Ja?‘‘, antwortete es von drinnen auf sein Klopfen. Schwungvoll, wie man einen Zirkusvorhang zur Seite schlägt, trat er ins Scheinwerferlicht, bei dem es sich bei genauerem Hinsehen um zwei gedimmte Büroleuchten handelte.

,,Guten Tag‘‘, rief Lionel mit seiner Bühnenstimme in den Raum hinein, ,,mein Name lautet Lionel Contreras, und ich möchte Ihnen ein Gedicht vortragen!‘‘ Ohne eine Reaktion des Mannes am Schreibtisch abzuwarten, hob er an: ,,,Hymne an die Burse‘!‘‘. Die Idee war ihm gestern Abend gekommen und er hatte sofort zu schreiben begonnen. Nach einer Stunde war das Gedicht fertig gewesen.

,,-und deshalb suche ich noch immer / in der Thomas-Morus-Burse ein Zimmer.‘‘, schloss Lionel und ließ das Blatt sinken. Zwischendurch hatte er immer wieder Blickkontakt mit dem Publikum aufgenommen und versucht, sich von der Reaktion des Mannes nicht verunsichern zu lassen. Genaugenommen war es dessen Nicht-Reaktion, mit der Lionel nicht gerechnet hatte. Seit er mit seiner Lesung angesetzt hatte, hatte der Mann keine Regung gezeigt. Erst jetzt kam Lionel dazu, ihn genauer zu mustern. Die kleinen braunen Augen hinter der randlosen Brille starrten Lionel mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und Entsetzen an.

Schließlich löste der Mann seine Lippen voneinander, die er bis dahin zu einem schmalen Strich zusammengepresst hatte, und sprach mit einer leisen, wie Herbstlaub raschelnden Stimme: ,,Das Bewerbungsverfahren ist auf der Webseite beschrieben. Die Fristen sind jeweils der 31. August und der 28. Februar.‘‘ Damit schien er alles gesagt zu haben, was ihm zu dem Vorgefallenen einfiel. Denn er presste die Lippen wieder zu einem Strich zusammen und wandte sich seinem Schreibtisch zu.

,,Hm, na gut, Wiedersehen.‘‘, murmelte Lionel.

,,Auf Wiedersehen.‘‘, erwiderte der Heimleiter mit einem höflichen Lächeln und nahm seine Arbeit, bei der er unterbrochen worden war, wieder auf. 

Ein paar Wochen später wurde in der WG von Isa ein Zimmer frei, und Lionel zog ein.

***

So wie Lionel meint, die Deadlines, die für alle gelten, gälten nicht für ihn, er könnte sie ganz einfach umgehen, indem er in einer Mußestunde ein Gedicht schreibe, so sucht Lionel auch überall sonst ständig nach Abkürzungen. Er möchte ein erfolgreicher Drehbuchautor werden, doch einen Studienplatz in Drehbuch schlägt er aus. Stattdessen hofft er direkt auf einen Master-Studienplatz. Er möchte scharfsinnige Geschichten schreiben, nimmt sich jedoch nicht die Zeit, sie zu durchdenken. Ob bei der Wohnungssuche oder seiner künstlerischen Karriere, stets will er die Lorbeeren sofort einheimsen, ohne zu sehen, welcher lange und nicht selten holprige Weg dorthin gegangen werden muss.

Jeden dritten Donnerstagabend im Monat gibt es im Alten Wiehre-Bahnhof eine offene Schreibwerkstatt. Schreibbegeisterte können ihre Geschichten oder Gedichte vorlesen, ein Lektor gibt Feedback. An einem Donnerstagabend im Mai – durch das offene Fenster strömte der Duft des blühenden Kastanienbaumes auf dem Vorplatz – las Lionel seine neue Kurzgeschichte vor, Titel: ,,Das goldene Gebiss‘‘. Der Protagonist, ein Schaffner, trägt am liebsten graue Anzüge und hasst überhaupt alle anderen Farben außer Grau. Er empfindet ein diabolisches Vergnügen, immer wenn er eine Schwarzfahrerin auf frischer Tat ertappt, und hegt, wie Schaffner eben so sind, xenophobische Ansichten. Auf einem Spaziergang im Wald stößt der Schaffner auf ein goldenes Gebiss. Er setzt es sich ein, und siehe da, unverhofft verwandelt er sich in einen brillanten Redner. Dank des goldenen Gebisses gelingt es ihm nun, seine fremdenfeindlichen Ansichten eloquent unter die Leute zu bringen. Prompt strömen die Massen ihm zu und wählen ihn zum nächsten Kanzler.

Was als geistreiche Analyse des Erstarkens populistischer Parteien gemeint war, entlockte dem Lektor während des Zuhörens kaum unterdrückte Seufzer. Als Lionel fertig war, sprach der Lektor fünf Minuten ohne Pause: die Hauptperson sei holzschnittartig; es sei nicht klar, was an den Reden, die der Mann mit dem goldenen Gebiss halte und die der Autor im Wortlaut wiedergebe, derart berauschend sein solle; überhaupt, die AfD werde doch nicht gewählt, weil Björn Höcke so ein brillanter Rhetoriker sei, die Geschichte stehe auf wackligem Fundament.  

Lionel ließ sich von diesem Urteil nicht entmutigen. Es war ja die Aufgabe eines Lektors, auf die Schwächen eines Textes zu fokussieren. Außerdem war der Lektor zu den anderen Texten auch nicht viel netter. Lionel beschloss, ,,Das goldene Gebiss‘‘ erst einmal beiseitezulegen und sich einer anderen Geschichten zuzuwenden.

Lionel schreibt nie nur an einer Geschichte. Auf seinem mit Stickern personalisierten ThinkPad – ,,Let’s Start a Revolution!‘‘ – stehen stets mehrere Anfänge zur Auswahl. Das hat den Vorteil, dass er es nicht aushalten muss, wenn es mit einem Text mal nicht so gut läuft. Dann wechselt er eben zum nächsten. Und während früher die guten, alten preußischen Tugenden Thomas Mann dazu zwangen, sich tagtäglich ohne Ausnahme, inspiriert oder nicht, vor seine Schreibmaschine zu setzen, klappt heute Lionel sein ThinkPad nur dann auf, wenn er Lust dazu hat.

Im Laufe der letzten ein, zwei Jahre hat Lionel sich vom Schreiben ab- und einer ungleich menschenfreundlicheren Kunstform zugewandt. Ein Poetry Slam verlangt einem nicht ab, sich wochenlang über Stunden asozial in seinem Kämmerlein einzuschließen, und anders als beim Schreiben von Kurzgeschichten oder gar Romanen folgt die Belohnung beim Poetry Slam auf dem Fuß. Die Aufmerksamkeit eines Publikums ist einem garantiert, und das für deutlich weniger Aufwand. Warum da noch Geschichten schreiben?

***

Lionel zog in Isas WG, war zu diesem Zeitpunkt aber noch mit Tania zusammen. Er und Tania führten eine offene Beziehung, die er eigentlich nie gewollt hatte und nur ihr zuliebe mitmachte.

Es war nicht so, dass Lionel es nicht hätte kommen sehen. Ihm entging weder die auffällige Häufung, mit der Tania in den letzten Wochen diesen Typen in ihre Erzählungen einflocht, noch die Veränderung in ihrer Stimme, wenn sie seinen Namen, Sandro, in den Mund nahm. Sie hatte Lionel vorgewarnt, er konnte ihr keinen Vorwurf machen. Er wusste bloß nicht, was von ihm erwartet wurde.

An einem Mittwochmorgen, es war einer der ersten Frühlingstage, traf ihre Nachricht ein: ,,Ich habe bei ihm übernachtet.‘‘ Lionel ließ sein Handy wie einen schweren Stein ins Kissen fallen und stieß einen Seufzer aus. Weniger aus Schmerz über ihr Geständnis als vielmehr wegen des Stresses, den es bedeutete. Er tapste auf nackten Füßen in die Küche und machte sich erstmal einen Tee.

Am Nachmittag kam sie aus Basel, wo sie studierte, zu ihm nach Freiburg, einen Tag früher als geplant, schließlich handelte es sich um eine Art Notfall. Sie spazierten im Seepark. Tania wirkte wie aufgeweckt nach wochenlangem Schlaf. Ihre dunkelbraunen Haare, die er liebte, schienen über Nacht endgültig schwarz geworden, ihre karamellbraune Haut um mehrere Stufen dunkler. Ihre Dunkelheit im Kontrast zum strahlenden Frühlingstag glühte auf eine neue, andere Art, die ihm unheimlich war.

Aus irgendeinem Grund schien sie sauer auf ihn zu sein. Jedenfalls stichelte sie immer wieder gegen ihn, wegen Sachen, die gar nichts mit dem Thema, ihrem Seitensprung, zu tun hatten. Er erwähnte bloß, dass er bis morgen Abend noch eine Hausarbeit zu schreiben habe, und schon kam geschossen: ,,Ja ja, Lionel, wir wissen doch beide, dass du erst aktiv wirst, wenn man dir die Pistole auf die Brust setzt.‘‘ Lionel schwieg und beobachtete die Jugendlichen im See, unter denen die Mutigen auf die blauen Riesenbojen kletterten und ins Wasser sprangen.

Der andere, bei dem sie die Nacht verbracht hatte, er hieß Sandro, brauchte keinen wohlgemeinten Tritt in den Allerwertesten, um die Dinge in die eigene Hand zu nehmen. Tania hatte ihn auf einer Kundgebung für Geflüchtete kennengelernt, die Sandro mitorgansiert hatte. Denn anders als die Mehrheit und zum Beispiel Lionel versteckte Sandro sich nicht hinter Theorien; er hatte sein Politikstudium abgebrochen und besetzte in Basel zusammen mit anderen Studienabbrechern ein Haus. 

Später weinte Tania doch noch, weil sie, wie sie versicherte, Lionel immer noch liebe. An ihren Gefühlen für ihn habe sich nichts verändert, es sei bloß ein neuer Mensch in ihr Leben getreten, mit dem sie sich ebenso, wenn auch anders verbunden fühle als mit Lionel, das sei alles. ,,Warum muss unsere Gesellschaft, sobald man mehr als nur einen Menschen liebt, die Liebe unterdrücken?‘‘

Tania hatte Lionel eine Hand auf die Schulter gelegt und ihn sanft zum Stehen gebracht. ,,Ich glaube an Schicksal.‘‘ Leicht widerwillig wandte er sich ihr zu, im nächsten Moment ließ ihr Blick ihn allen Widerwillen vergessen. Ihre Augen glänzten fiebrig, und innerhalb von Sekundenbruchteilen schien das Schwarz ihrer Pupillen ihn vollständig zu umgeben. ,,Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt, Lionel.‘‘, sagte sie. ,,Mein Leben lang habe ich das Gefühl gehabt, gar nicht richtig zu leben, sondern bloß zuzuschauen. Aber vor Kurzem ist mir klargeworden, dass das eine bewusste Entscheidung ist. Ich will das Leben auskosten in allen seinen Facetten. Ich will jeden Tag so leben, als ob es mein letzter wäre. ,Die einzigen Menschen für mich sind die Verrückten, die verrückt sind zu leben, verrückt zu reden, verrückt gerettet zu werden, alles gleichzeitig zu wollen, diejenigen, die niemals gähnen oder etwas Alltägliches sagen, sondern brennen, brennen, brennen wie römische Lichter in der Nacht.‘‘‘ Sie hielt inne. Lionel sagte nichts.

,,Das ist aus Jack Kerouac, ,On the Road‘. Lese ich grad, Sandro hats mir gegeben.‘‘

Lionel nickte, obwohl er nicht wusste, was genau er zustimmte. Aber er glaubte, zu verstehen, was sie meinte. Er spürte auch, dass er ängstlicher war als sie. Er spürte, dass ihre Worte und der heilige Ernst, mit dem sie sprach, ihm Angst machten, und gerade daraus schloss er, dass sie recht hatte.

Sie setzte sich wieder in Bewegung, er folgte. Sie wünsche sich eine offene Beziehung. Ob er dafür bereit sei?

In diesem Moment kamen sie bei der Kastanie an, die über die Monate zu ihrem Stammplatz geworden war und unter der sie, angenehm abseits vom Trubel, ganze Nachmittage kuschelnd verbracht hatten. Nun kamen ihm ebenfalls die Tränen. Er liebte sie auch, er wollte keine andere. Aber wenn es wirklich nicht anders ging, akzeptierte er ihren Wunsch, die Beziehung zu öffnen. 

Abends stand er am Herd und kochte ihnen Spaghetti, während Tania, ihre Beine auf dem Schoß von Sebastian, Lionels Mitbewohner, abwechselnd mit diesem flirtete und schnippische Kommentare über Lionel zum Besten gab. ,,Siehst du‘‘, sagte sie zu Sebastian und sprach in Wahrheit mit Lionel, ,,du hast deine Hausarbeit schon abgeschickt, während Lionel noch nicht mal angefangen hat.‘‘ Zum ersten Mal an diesem Tag sah Lionel sich zu einer Reaktion veranlasst: ,,Meine Liebe, ich bin hier nicht der Einzige, der prokrastiniert. Erinnerst du dich an unseren Chile-Urlaub?‘‘ Womit er auf ihre Reise im Frühjahr ins Heimatland seines Vaters anspielte, wo Tania ihrem Aufsatz über Symbolik im Islam so lange erfolgreich aus dem Weg gegangen war, bis sie den Abflug zu ihrer zweiwöchigen Wanderung im Nationalpark verpasst hatten. Daraufhin hielt Tania sich zurück, bis es Essen gab und sie nach dem ersten Bissen konstatierte: ,,Lionel, die Spaghetti schmecken verkocht.‘‘

So kam es, dass Lionel eine offene Beziehung führte, die ihm Freiheiten gewährte, nach denen er kein Bedürfnis verspürte.

,,Bist du wirklich sicher, dass du das willst?‘‘, hakte sein Freund Michi vorsichtig nach.

,,Ich sehe das Konzept ,Offene Beziehung‘ nicht mehr so kritisch wie früher.‘‘, behauptete Lionel. ,,Tania hat da ein paar wirklich gute Argumente.‘‘ Nach ein paar Sekunden schob er nach: ,,Ein bisschen stört es mich schon, dass sie sich jetzt voll auslebt, während ich leer ausgehe.‘‘ Dabei klang seine Stimme, als gelte sie dem Leben eines anderen, dessen Probleme ihn im Grunde wenig angingen.

***

Tania und er hatten sich in Ghana kennengelernt. Nach dem Abitur absolvierten sie dort an einer Schule ein FSJ, das, wie Lionel im Nachhinein zugab, den Menschen vor Ort nichts gebracht, aber den freiwilligen Helfern ein großartiges Erlebnis beschert habe. Die Menschen hier waren arm, doch viel glücklicher als seine Landsleute, die zwar alles hatten, aber nie zufrieden waren. Hier teilten sie das Wenige, was sie besaßen, miteinander. Die Familien aßen aus einem einzigen großen Topf, aus dem jeder sich mit den Händen bediente. Obwohl die Menschen in Blechhütten lebten und nicht einmal ein Fahrrad besaßen, tanzten oder trommelten sie ausgelassen auf der Straße und strahlten Lionel an, wenn er durch die Siedlung spazierte – allerdings ja nicht nach 19 Uhr, er wollte keinen Überfall oder Mord riskieren. Die Ghanaer waren viel offener als die verklemmten Deutschen. Lionel musste nur einen jungen Ghanaer fragen, was er da höre, schon grinste der andere übers ganze Gesicht, begrüßte Lionel mit Check wie einen alten Freund und weihte ihn in gebrochenem Englisch in die Welt des ghanaischen Raps ein. Kurz, Afrika war genauso, wie Lionel es sich vorgestellt hatte: arm, aber im Besitz einer tieferen Weisheit.

Zurück in Deutschland hängte er sich an seine Zimmerwand den bunten Stoff, den er in Ghana auf dem Markt einer Frau abgekauft hatte, und ein Poster mit dem Aufruf ,,Perspektiven wechseln‘‘, auf der die übliche Weltkarte um 180 Grad gedreht und die Kontinente nach ihrer wahren Fläche abgebildet waren, sodass Afrika nicht nur positions-, sondern auch größenmäßig Europa weit in den Schatten stellte. Sobald jemand über ,,Afrika‘‘ sprach, wusste Lionel korrigierend einzugreifen: Afrika sei der Kontinent und viel zu unspezifisch, ,,das Afrika‘‘ existiere nicht und sei schlussendlich ein kolonialistisches Konstrukt. Wann immer er an einem ,,African Store‘‘ vorbeikam, machte er von seinen paar Brocken Akan – eine der zahllosen in Ghana gesprochenen Sprachen, denn auch ,,Ghanaisch‘‘ gab es nicht – Gebrauch, um sich dem Besitzer des Ladens als Kenner der Materie und quasi Landsmann vorzustellen.

Irgendwann würde er einmal eine Doku über Ghana drehen, das stand fest. Bei seinen Recherchen für die Doku, deren genauer Inhalt noch offen war, stieß er auf einen ,,Afrika-Kongress‘‘, der einmal jährlich in München stattfand. Da durfte Lionel nicht fehlen! Finn, Lionels bester Freund aus seinen Berliner Schulzeiten, erklärte sich sofort bereit, ihn zu begleiten. Er war zwar noch nicht in Afrika gewesen, besaß aber ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein.   

Sie waren sich einig, dass die Zugpreise in Deutschland eine Frechheit waren, erst recht für zwei junge Erwachsene wie sie: Lionel Student, Finn in der Ausbildung zum Gitarrenbauer. Sowieso schüttelten sie die Köpfe über den Geiz, mit dem die deutschen Spießbürger auf ihrem Eigentum hockten wie Smaug auf seinem Goldschatz, und über den Kapitalismus, der den Wert eines Menschen nach seinem Kontostand beurteilte. Nicht wegen des Geldes fuhren sie schwarz – während Lionels Mutter eine leitende Position im Kultusministerium innehatte, saß Finns Vater für die Grünen im Bundestag -, sondern Schwarzfahren war Widerstand gegen das System.

Am Berliner Hauptbahnhof stiegen sie in den Zug Berlin-München und schlossen sich sofort auf dem nächsten Klo ein. Kurz nach Halle klopfte es. Lionels Beine, schon völlig steif von der monotonen Haltung, wurden weich. ,,Machen Sie auf!‘‘, sagte eine gelangweilte Frauenstimme. ,,Ich weiß, dass Sie da drinnen sind!‘‘

Wie zwei Jungen, deren Streich aufgeflogen ist, trotteten sie aus dem Klo, Finn mit seiner Baskenmütze und seinem Halstuch, die er selbst drinnen nie ablegte, Lionel in seinem gelb-orange-rotfarbenen Ghanahemd, das er zur Feier des Tages angelegt hatte. Die Schaffnerin ihrerseits trug das neutrale Grau der Schaffnerinnenanzüge. ,,Macht dann 160 Euro jeweils.‘‘, leierte sie herunter, nachdem sie alle Angaben wortlos in ihr Smartphone getippt hatte.

,,Haben Sie denn kein Herz?‘‘, begehrte Finn in diesem Moment auf. ,,Wollen Sie wirklich eine weitere Schraube in diesem kalten System sein?‘‘

Erst in diesem Augenblick kam Leben in die Frau. Anstelle einer Antwort warf sie die beiden beim nächsten Halt in Erfurt raus.

,,Ich fass es nicht! Dass die nicht mal mit sich reden lässt! Noch so ne Krankheit unserer Gesellschaft, keine Dialogbereitschaft mehr!‘‘ Finn sah ernsthaft betroffen aus. Zu groß war die Kluft zwischen dem eben Erlebten und dem Klima von Gleichberechtigung und Empathie, das er von zu Hause kannte.  

Per Anhalter kamen sie schließlich doch noch nach München. Drei Tage später, diesmal per BlaBlaCar, kamen sie zurück nach Berlin, und da war Lionel froh, denn sosehr er Finn auch mochte, auf die Dauer konnte Finn anstrengend sein.

***

Ghana war nicht Lionels einziger Beweis, dass er nicht bloß in Deutschland, sondern in der Welt zu Hause war. Dank seinem Vater floss zur Hälfte chilenisches Blut durch seine Adern, und Lionel ließ sich keine Gelegenheit entgehen, andere über seine internationalen Wurzeln aufzuklären.

Auch jetzt, wo er doch Tania hatte, konnte er in Gesellschaft einer hübschen Frau der Versuchung nicht widerstehen und wartete ab, bis sie kurz auf Toilette ging. Dann klingelte er seinen Vater an und legte direkt wieder auf. Pünktlich nach ein paar Minuten, die Frau war mittlerweile vom Klo zurückgekehrt, erfolgte der Rückruf. Mit einem entschuldigenden Blick in Richtung der Frau nahm Lionel ab. ,,Que pasa, papà?‘‘, fragte er überrascht. Während er seinem Vater in den folgenden zwei, drei Minuten auf Spanisch irgendeine Nichtigkeit erzählte, vergewisserte er sich aus dem Augenwinkel, dass die Nummer den gewünschten Effekt erzielte. Und sie verfehlte ihn nie: aufmerksam nahm die Frau jedes feurige ,,S‘‘, jedes temperamentvolle ,,Rrrr‘‘ zur Kenntnis. In Momenten wie diesen war er dankbar, einen chilenischen und keinen polnischen oder chinesischen oder Schweizerdeutschen Vater zu haben, denn mal ehrlich, diese Sprachen besaßen deutlich weniger Sexappeal. Schließlich legte Lionel auf, demonstrativ erleichtert, den ,,Störenfried‘‘ endlich los zu sein. ,,Nur mein Vater, nix Wichtiges, wo waren wir?‘‘ Und mit der Suche nach dem Gesprächsfaden ließ er sich Zeit, damit sie die Frage stellen konnte, auf die er heimlich wartete: ,,Wie kommts, dass du so gut Spanisch sprichst?‘‘ – ,,Ich bin Chilene.‘‘, eröffnete er ihr und lachte kurz, um seinen Eifer zu überspielen. ,,Halbchilene.‘‘, ergänzte er leiser, und wieder lauter, aber immer noch betont beiläufig: ,,Ich hab ein paar Verwandte in Chile, die ich ab und zu besuche.‘‘

***

Neben Spanisch, das sozusagen seine Vatersprache war, interessierte Lionel sich, angestoßen durch Tania, die von Soziologie zu Islamwissenschaften gewechselt hatte, eine Zeitlang für Persisch. Als um die Ecke ein neuer syrischer Take-Away aufmachte, begrüßte Lionel den Koch gleich auf Persisch, denn er sollte wissen, dass er keinen gewöhnlichen Kunden vor sich hatte, sondern einen, der Bescheid wusste.

Erfreut erwiderte der Koch etwas auf Persisch und lachte. Lionel lachte auch und gab dann etwas verlegen zu, dass er kein Persisch sprach.

,,Ah, du lernst?‘‘, fragte der Koch.

,,Ich habe gelernt, aber nur ein Semester.‘‘, antwortete Lionel. ,,Habt ihr Ash-e-Reshteh?‘‘ Dieses Gericht kannte er aus einem sechswöchigen Urlaub im Iran, den er und Tania letzten Sommer unternommen hatten. Es war sein As im Ärmel.

Der Koch bedauerte.

,,Schade‘‘, sagte Lionel, ,,wo krieg ich das denn?‘‘

Der Koch erklärte, sie führten vor allem syrische Speisen, wenn er iranisch essen wolle, müsse er in das iranische Restaurant gegenüber gehen.

Erst jetzt wandte Lionel sich der Speisekarte über ihren Köpfen zu und gab wie ein gewöhnlicher Kunde seine Bestellung auf. Für diesmal hatte er seinen Status als Kosmopolit ausreichend markiert.

***

Die Fußball-EM begann und nach einer Runde Kicken im Seepark diskutierte ein paar seiner Freunde in der Gruppe den gestrigen Auftakt der deutschen Nationalelf. Sie waren sich einig, dass er enttäuschend verlaufen war. Was ihn betreffe, stellte Lionel kühl und gelassen fest, er finde es absurd, wie zwanzig erwachsene Männer anderthalb Stunden lang einem Ball hinterherrennen und dafür Millionen kassieren. Der Fußballhype, analysierte er, sei nicht mehr als eine große Ablenkung von den echten Problemen. ,,Opium fürs Volk!‘‘, zitierte er Marx. Beim Anblick all der Deutschlandfahnen, die auf einmal aus jedem Fenster, auf jedem Auto wucherten, bei diesem aufbrandenden Nationalstolz laufe es ihm eiskalt den Rücken hinunter.

Am selben Abend, nachts um halb eins, schaltete er den Laptop ein und schaute das Spiel Chile-Argentinien. Morgen würde er mit seinem Vater, natürlich auf Spanisch, die chronische Erfolglosigkeit der chilenischen Mannschaft besprechen, während alle anderen wieder nur über EM und das nächste Deutschlandspiel reden würden und nicht den blassesten Schimmer hätten, dass die chilenische Fußballmannschaft gerade auch am Kämpfen war oder dass es so etwas wie die Copa América überhaupt gab.

Ein anderes Mal saß er in größerer Runde und hatte gerade wieder das Gespräch auf seinen chilenischen Hintergrund gelenkt, da ließ er sich im Übermut zu der Behauptung hinreißen: ,,Ich habe sogar schon Diskriminierung aufgrund meines chilenischen Aussehens erfahren!‘‘ Er merkte allerdings sofort, dass die anderen ihm das nicht abkauften. Zähneknirschend musste er einsehen, dass der ultimative Garant, der ihm ein für alle Mal die Achtung der anderen gesichert hätte, – diskriminiert zu werden aufgrund seiner Herkunft – für immer verwehrt bleiben würde. Dafür sah er einfach zu Deutsch aus.

***

Sandro, Tanias Hausbesetzer, entpuppte sich bald als ,,ein ziemliches Arschloch‘‘, wie Tania ernüchtert resümierte, als sie herausfand, dass sie nur eine von vielen Frauen war, mit denen Sandro ein ähnliches Verhältnis unterhielt. Nicht dass sie Treue von ihm erwartet hätte, ihr war natürlich bewusst, dass man einen freien Geist seines Kalibers nicht festlegen dufte. Aber dass die Gemeinschaft in jenem besetzten Basler Haus quasi sein persönlicher Harem war, zwang Tania doch zu der Einsicht, dass auch ihre Offenheit Grenzen hatte.

Zu hören, dass Sandro endgültig abgeschrieben war, erleichterte Lionel, was er natürlich nicht offen zeigen durfte. Sie saßen im Seepark unter ihrer Lieblingskastanie, deren Blätter sich bereits verfärbten. Tania schilderte ihm gerade ihr letztes, das Ende besiegelnde Gespräch mit Sandro, und Lionel hörte ihr zu, entschlossen, seiner Freundin der aufmerksame, einfühlsame und verständnisvolle Freund zu sein, den sie verdient hatte. Einmal mehr versetzte es ihn in ehrfürchtiges Erstaunen, mit welchem geradezu heiligen Ernst sie nach den richtigen Worten für ihr Innenleben suchte. Deutlich wie lange nicht mehr fiel ihm auf, wie schutzbedürftig Tanias Stimme klang; ständig drohte sie zu verhauchen. Mit jeder Sekunde, die er sie beobachtete, wuchs das Gefühl bedingungsloser Liebe zu ihr. Ja, er würde für sie da sein, an den guten wie den schlechten Tagen! Nie mehr würde er so etwas Egoistisches wie Eifersucht zwischen sich und Tania kommen lassen! Wie hatte er daran zweifeln können, nur wegen dieser Eintagsfliege von Hausbesetzer? Und er beugte sich vor, umschloss sie mit seinen sehnigen Armen und verbarg sein Gesicht in ihrer Schulterkuhle, die nach Tania duftete.

***

Die Streite häuften sich. Eines Tages auf dem Weg zum Bahnhof, um sie abzuholen, fiel Lionel auf, dass er mittlerweile jedes Mal schon Stunden vor ihren Treffen einen Druck im Bauch verspürte, anstatt sich zu freuen. Während er selbst, so schien es ihm, auf der Stelle trat, nahm Tanias Entwicklung immer mehr an Geschwindigkeit zu und entfernte sie von ihm. Sie organisierte wöchentlich Klima-Demos und warf Lionel vor, er sei zu passiv, genau wegen seiner Passivität sei er ein Teil des Problems. Sie rasierte sich nicht mehr die Beine, weil sie es nicht länger dulden wollte, dass eine männerdominierte Welt ihr vorschrieb, wo sie Haare haben durfte und wo nicht, und Lionel stimmte ihr zu und versicherte ihr, ihn störe das überhaupt nicht, er finde sie genauso schön wie immer. Sie fuhr wütend aus dem Bett, wenn Lionel sie nach dem Autor des Textes über ,,Postcolonial Studies‘‘ fragte, den sie für ihr Seminar lesen musste: mit welchem Recht er wie selbstverständlich davon ausgehe, dass der Autor ein Mann sei?

Auf die Streite folgten die Krisengespräche, und mit der Zeit wurde die Ausnahme zur Regel. Lionel merkte gar nicht mehr, dass er sich im permanenten Krisenmodus befand, das Zittern um seine Beziehung war zum Alltag geworden. Eines Nachmittags im Spätsommer war es wieder einmal soweit. Um an einem ,,neutralen Ort‘‘ reden zu können, trafen sie sich mit dem Zug in der Mitte zwischen Freiburg und Basel und brachten das letzte Stück bis zum Rhein mit ihren Rädern hinter sich. Als sie aus dem schmalen Waldstreifen, der das Ufer säumte, heraustraten, entfuhr Tania ein spitzer Schrei. Die gesamte Fläche der Flussbank, die sich aus schädelgroßen, rundgewaschenen Flusskieseln zusammensetzte, war übersät von toten Fischen.

,,Was ist denn hier passiert?‘‘, sagte Lionel und kam sich sofort sehr dumm dabei vor.

,,Das war sicher die Chemie. Es werden regelmäßig viel zu hohe Schadstoffwerte im Rhein gemessen.‘‘, sprach Tania mit düsterer Miene. ,,Los, bevor es zu spät ist!‘‘ Und sie beugte sich nach unten und trug die ersten zwei Fische, einen in jeder Hand, zur Mitte der Steinbank, um sie dort zu sammeln.

Widerwillig machte Lionel sich daran, ihr zu helfen. Er verzichtete, sie darauf aufmerksam zu machen, dass es ziemlich leichtsinnig war, die toten Tiere mit der bloßen Hand anzufassen, sollten sie tatsächlich vergiftet sein, und auch, sie zu fragen, warum die Fische in der Mitte der Steinbank besser aufgehoben sein sollten, schließlich wurden sie davon auch nicht wieder lebendig.

Es war ein Nachmittag im Spätsommer, an dem die Sonne noch einmal klarstellen wollte, wer hier das Sagen hatte. Das Licht bohrte in seinem Hinterkopf und sprang ihn von den hellen, fast weißen Flusskieseln grell an. Jedes Mal, wenn er einen Fisch von seinem harten Totenbett aufhob, verbrannte er sich die Fingerspitzen am Stein, der so heiß wie eine Herdplatte war. Der Schweiß verklebte seinen Körper von Kopf bis Fuß und vermischte sich mit dem Gestank der toten Fische. Schon nach kurzer Zeit hämmerte sein Kopf. Immer öfter musste er innehalten, sich auf seinen Knien abstützen wie ein Marathonläufer, der nicht mehr konnte. Vorsichtig hob er den Kopf, ja nicht zu ruckartig, denn vor seinen Augen tanzten schon rote Punkte, und sah nach Tania, die wie eine Besessene so viele Fische auf einmal wie möglich zu dem Massengrab in der Mitte trug, wo sie sich mittlerweile zu einem kleinen Berg stapelten. Tania arbeitete rasch und mechanisch und gestattete sich keine Atempause. Sie sammelte die Fische, so als ginge es tatsächlich um Leben und Tod. Lionel sah, dass sie ab und zu die Lippen bewegte und etwas flüsterte, mit der für sie typischen atemlosen Stimme. Eine Strähne hatte sich aus ihrem Haar gelöst und klebte ihr quer über die Stirn. Er konnte nicht glauben, dass es so weit gekommen war, und doch ließen die Tatsachen keinen Zweifel darüber aufkommen, dass es so war.

,,Ich kann nicht mehr.‘‘, sagte er.

,,Nur noch eine Viertelstunde!‘‘, rief Tania ungeduldig. ,,Es sind nicht mehr so viele.‘‘

,,Ich meine, ich kann das mit uns nicht mehr.‘‘

Da hielt Tania inne, drehte sich erst reflexartig zu Lionel um, senkte dann den Blick auf ihre Hände, als hätte sie auf einmal vergessen, warum sich tote Fische darin befanden, als fragte sie sich, was, um Himmels willen, diese toten Fische in ihren Händen zu bedeuten hatten.  

***

In dem Moment, als er seiner Mutter von der Absage an Köln erzählt, weiß er schon, was gleich kommen wird.

Ob er vielleicht mal zur Studienberatung gehen wolle? Nur mal ausprobieren? Sie bemüht sich, ihre Stimme am Telefon sanft klingen zu lassen, denn sie weiß, sie muss vorsichtig sein mit Vorschlägen; auf gar keinen Fall darf es klingen wie ein Ratschlag.

,,Hab ich auch schon dran gedacht, aber ich weiß nicht.‘‘, erwidert er. ,,Ne Dreiviertelstunde reicht doch nicht aus, um meine Person einzuschätzen. Außerdem werden die mir eh nur wieder sagen, was ich eh schon weiß: die Jobchancen im Kulturbetrieb sind unsicher, jetzt macht mir das mit dem Geld noch nichts aus, aber warte nur, bis du Familie und Kinder und Auto hast, wir leben nun mal im Kapitalismus.‘‘

,,Aber Schatz, das stimmt ja auch.‘‘

Lionel spürt, dass sich in seiner linken Brust ein Druck aufbaut. ,,Mum, darüber haben wir schon oft geredet, wollen wir das Thema wechseln?‘‘ Als er wenige Minuten später endlich auflegen kann, wirft er sein Handy einmal quer durchs Zimmer. Es landet auf seinem Bett, von wo er es unmittelbar wieder aufhebt und die Nummer seines Vaters wählt. Nicht erreichbar. 

Es war ja klar, dass seine Mutter so darüber denkt. Es hat einmal eine Zeit gegeben, da hatte seine Mutter Ideale. Sonst hätte sie sich damals nicht in den jungen Mann verliebt, der Tolstoi auf Spanisch zitieren konnte und nachts an seinem großen Debütroman schrieb, während er sich tagsüber mit Gelegenheitsaufträgen als Dolmetscher durchschlug. Seine Eltern lernten sich in Santiago de Chile kennen, wo seine Mutter, die fließend Spanisch sprach, zwei Monate für die taz über den Alltag in dem frisch von der Diktatur befreiten Land berichten sollte. Kaum vorstellbar, dass seine Mutter, die das Soziologie- und Germanistikstudium ihres Sohnes für romantische Schwärmerei mit Endstation Jobcenter hielt, damals spontan ihren Chile-Aufenthalt verlängert und bei ihrer Rückkehr nach Berlin ohne Zögern ihre WG aufgegeben hatte, um mit ihrem neuen chilenischen Freund zusammenzuziehen.

Als sie sich trennte, war Lionel sechs Jahre alt. Heute verstand er sie. Sein Vater war nicht gemacht für ein klassisches Leben mit Ehe und Familie. Noch jetzt erzählte seine Mutter immer wieder eine Anekdote von Lionels Geburt. Er hatte sie schon dutzendmal gehört, doch sie erzählte sie nicht mehr wegen des Inhalts, sondern weil sie der Meinung war, dass diese Anekdote in wenigen Worten alles erklärte. Während sie im Kreissaal die schlimmsten Qualen ihres 25-jährigen Lebens durchlitten hatte, war ihr Mann draußen im Flur gesessen und hatte Tolstoi gelesen.

Nein, sein Vater war nicht gemacht für eine bürgerliche Existenz mit solidem Beruf, ebenso solider Kücheneinrichtung und Bausparvertrag. Sein Vater lebte für die Romane in seinen Regalen, vor allem Klassiker, und für seinen Debütroman, an dem er Abend um Arbeit arbeitete und der doch nicht fertig wurde. Zwischendurch schrieb er Kurzgeschichten und Essays, die nicht zur Veröffentlichung gedacht waren, und hielt sich mit Beiträgen fürs Radio und diverse Zeitungen über Wasser, weil er sich aus Geld nichts machte. Die allermeisten Leute waren im Rennen ums Geld gefangen, während er frei war, und vergaßen, worum es wirklich ging, während er Tolstoi und die Existenzialisten las.

Als Lionel begann sich zu fragen, wer er war, wer er sein wollte und was er alles anders machen würde als die Erwachsenen, fühlte er sich seinem Vater immer näher und seiner Mutter zunehmend fremd. Sein Vater erklärte ihm, welche Bücher er lesen und welche Filme er sehen sollte, und nachdem er sie gelesen oder gesehen hatte, erklärte ihm sein Vater, wie er sie zu verstehen habe. Lionel kam in das Alter, in dem es wichtig wird, auf welche Partys man geht, und sein Vater stellte die Wohnung zur Verfügung und feierte selber mit. Er zog den Altersdurchschnitt um mindestens zwanzig Jahre nach oben, was ihn nicht daran hinderte, wie jeder andere Sechzehnjährige auch seinen Spaß zu haben. ,,Dein Dad ist echt korrekt!‘‘, bescheinigten Lionels Mitschüler ihm am nächsten Tag.

Seine Mutter hingegen hatte die Seiten gewechselt und war übergelaufen zu den Jedermanns. Nachdem sich die vermeintliche Liebe ihres Lebens als Täuschung entpuppt hatte, verbannte sie mit Ekel gleich alles, was sie für diese Täuschung anfällig gemacht hatte. Sie kündigte bei der taz und nahm wenig später eine Stelle im Kultusministerium an; auf ihrem Wohnzimmertisch lag nicht mehr die taz, sondern die Zeit. Es dauerte nicht lang, bis sie in Michael endlich einen zuverlässigen Partner traf, der selbst drei Kinder in die Beziehung mitbrachte und für den Familie und Ehe genau das waren, was er suchte. Ihr Aufstieg im Ministerium in eine leitende Position ermöglichte ihr bald die Anschaffung einer neuen Design-Möbelkollektion, die Renovierung der Küche und das Ersetzen ihres alten Volvos durch einen neuen Audi, also genau das, was ihr Ex-Mann als Bestechung durch den Kapitalismus verachtet hätte. Sie war stolz darauf, ihrer Familie Skiferien in der Schweiz und Sommerurlaub auf Madeira bieten zu können. Damit, dachte Lionel, verkörperte sie die typische Grünen-Wählerin: wählt Grün, weil es schick ist, und gehört doch längst zum Establishment.

Als Lionel 16 war, entschloss er sich, seine Mutter damit zu konfrontieren, dass sie ihre Ideale verraten hatte. Er fand, ein Gedicht wäre die geeignete Form. Insgeheim eiferte er vielleicht den Rappern in ihren Zerstörungs-Raps nach, in denen sie ihre Feinde stets mit Links, wie nebenbei erledigten, was die Demütigung für diese verdoppelte.

Sein Text erzielte die gewünschte Wirkung. Sie habe ihn sogar ihrem Therapeuten gezeigt, gestand sie ihm. Lionel registrierte es nicht ohne Stolz.

Aber auch sein Vater konnte manchmal anstrengend sein. Mit dem jüngeren Aussehen, den scharfen lateinamerikanischen Gesichtszügen, dem spanischen Akzent und dem verlässlich geöffneten obersten Hemdknopf glaubte Lionel ihm doch, dass er bei den Frauen gut ankam, warum musste sein Vater bei jedem Telefongespräch mit seinen neuesten Erfolgen bei den ,,Chicas‘‘ prahlen? Und warum bekam Lionel, wenn er seinen Vater besuchte, nie eine Chica zu Gesicht?

Er wollte am liebsten gar nicht mehr daran denken, wie sein Vater ihn vor ein paar Tagen hier in Freiburg besucht hatte. Keine Stunde konnte er ihn alleine lassen, sein Vater kam ihm so bedürftig vor, als wären die Rollen vertauscht worden und er, der Sohn, müsste auf einmal auf seinen Vater, den kleinen Jungen, aufpassen. Zu allem Überfluss rief ihn sein Vater irgendwann an: er habe den Schlüssel zu Lionels Wohnung verloren. Geschlagene zwei Stunden verbrachten Lionel und er damit, den gesamten Heimweg nach einem silbernen Schlüssel abzusuchen. Nur damit schließlich sein Vater vor lauter schlechtem Gewissen ein paar Scheine für ein neues Schloss aus dem Geldbeutel zog und dabei, mit einem hellen Klingeln, ein silberner Schlüssel zu Boden fiel.

***

Lionel liebt Filme, und in letzter Zeit nutzt er die Abende, um sich mit vielen neuen Filmen bekanntzumachen, Klassikern wie aktuellen Berlinale- und Cannes-Preisträgern, aber kein Film kann ihn derart begeistern, keinen Film hatte er so oft gesehen wie ,,oh boy!‘‘. In der Hauptrolle Tom Schilling, und man hat den Eindruck, er spielt den jungen Protagonisten nicht, sondern umgekehrt, dessen Rolle sei überhaupt erst für Tom Schilling geschrieben worden, zugeschnitten auf Schillings schmächtige Figur und sein Gesicht, das unaufhörlich ein gewisses Leiden an der Welt und den Menschen auszudrücken scheint.

Eigentlich hat der Held Niko alles, was man zu einem guten Leben braucht: seine Jugend, seine Intelligenz, eine hübsche Freundin, die ihn liebt, im Hintergrund einen reichen Vater, dank dessen Vermögen sein Sohn sich nie ernsthafte materielle Sorgen wird machen müssen. Doch Niko ist unglücklich. Er bricht Jurastudium und Liebesbeziehung ab, ohne konkrete Gründe nennen zu können, und lässt sich tagelang ziellos treiben durch Berlin. Egal ob es ihn auf die Toilette eines Szene-Clubs mit seiner ehemaligen Klassenkameradin verschlägt, die sich vom pummeligen Mauerblümchen zur Aufreißerin mit Modelfigur heruntergehungert hat, oder ans Set eines schlechten Hitler-Films, stets handelt er weniger, als dass die Dinge ihm vielmehr zustoßen, und Niko reagiert bloß, um nicht zu sagen: er lässt das alles über sich ergehen.

Im Grunde wünschenswerte Ereignisse – aus heiterem Himmel wirft sich ihm eine attraktive junge Frau an den Hals, zu allem bereit – werden so überspitzt, ins Groteske verzerrt, dass sie von etwas Angenehmem umkippen in eine Aufdringlichkeit, der man sich möglichst rasch entziehen möchte. Darin liegt eine der Stärken des Films: er schafft es, aus Situationen, die typischerweise als erstrebenswert gelten, wie zum Beispiel das Golfspiel von Nikos Vater, das Groteske herauszuschälen, sodass man angewidert zurückzuckt.

Eine nach der anderen vergibt Niko seine Chancen. Aus Überdruss? Aus Trotz, gerade weil er unbegrenzte Möglichkeiten hat, sich für irgendeine zu entscheiden? Besser trifft es, dass wir in Niko einen erleben, der an der Welt und an der Sinnlosigkeit des Daseins leidet. Er irrt durch die Hauptstadt als ein Verlorener, dem die Fähigkeit abhandengekommen ist, einen Zugang zu jener Welt und jenem Leben zu finden, die herkömmlicherweise als normal gelten. Die Handlungen der Normalen geraten in Nikos Blick zur Karikatur, zum Laientheater, in dem die Schauspieler ihren Text ablesen, ohne ihn zu verstehen.

Nikos Unfähigkeit, am normalen Leben teilzunehmen, stellt praktisch gesehen zwar eine Schwäche dar – in Wahrheit adelt sie ihn. Eben weil es nicht von einem konkreten Problem herrührt, mit dessen Lösung man es aus der Welt schaffen könnte, handelt es sich bei Nikos Leiden um ein zutiefst poetisches. Niko ist eine moderne Version der romantischen Seele, die verzweifelt nach Erlösung sucht, ohne zu wissen, wovon eigentlich.

Lionel hat diesen Film nicht von ungefähr fünf-, sechsmal gesehen. Er sieht in Niko einen Seelenverwandten, endlich einen, der ihn versteht. Auch Lionel mag sich nicht mit dem normalen Leben zufriedengeben, das vielleicht einem Max Mustermann genügen mag, aber doch nicht ihm, Lionel Contreras. Seine Weigerung, eine Entscheidung zu treffen – Drehbuchstudium? Lehramt? Offene Beziehung? – mag für hoffnungslos angepasste Gemüter wie eine Schwäche aussehen. In Wahrheit ist sie ein besonders edler Charakterzug.

***

Mittlerweile ist Lionel aus Isas WG ausgezogen. Zum Glück wurde bei Céline, einer Kommilitonin, ein Zimmer frei. In den letzten Wochen haben verschiedene Dinge mit Frauen geklappt, aber Lionel betont, dass er erstmal sein Single-Leben genießen möchte, nix Festes. Für sein Drehbuch hat er bereits abgeklärt, dass er es beim SWR als Vorschlag einreichen darf; nun muss es nur noch geschrieben werden. Was die Uni betrifft: Lionel hat beschlossen, ein weiteres Semester Pause einzulegen, um sich ganz auf seine kreativen Projekte konzentrieren zu können. Demnächst im Winter würde er gerne nach Chile fliegen und daraus eine Reportage fürs Radio basteln, das genaue Thema steht noch aus. Abends zu Partys geht er zu Fuß.

Sein Rad wurde vor ein paar Wochen gestohlen, er hatte es nicht abgeschlossen.

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