Das Leben als 10

Das Leben als 10

Einmal war sie soweit, jemandem die Kuschelecke zu zeigen. Es war an einem Nachmittag, Simon und sie waren seit vier Monaten zusammen, da überkam sie völlig unvorbereitet die tiefe Dankbarkeit, endlich einen Mann gefunden zu haben, dem sie bedingungslos vertrauen konnte. Und weil sie dieses neue Vertrauen hier und jetzt zum Ausdruck bringen wollte, ging Jasmin in ihrem WG-Zimmer in die Hocke und quetschte sich in den Spalt zwischen Bett und Sofa, den sie eigens zu diesem Zweck geschaffen hatte.

Nie zuvor war sie so weit gegangen, jemand anderem zu verraten, dass sie sich als 23-jährige Studentin gerne in ihr selbst gebautes ,,Kuscheleck‘‘ verkroch und manchmal eine Stunde nahezu regungslos darin verharrte. Sie hatte dieses Ritual aus ihrer Kindheit gerettet, und eine der ersten Aktionen an jedem Ort, wo sie für eine Weile bleiben würde, bestand darin, ein passendes Kuscheleck zu bauen.

Die Arme zu beiden Seiten an ihren Körper gepresst wie die noch untauglichen Flügel eines Frischgeschlüpften, sog sie den Eigengeruch dieser Ecke in ihre weit geblähten Nasenlöcher, den sie so sehr liebte, muffig, ein Beigeschmack von feuchten Laken, und aus ihrer erdnahen Position klappte ihr Blick hoch zu Simon. Es war ein Blick, der nichts mehr verbarg. Simon stand daneben wie aus Versehen hier gelandet. Er lächelte, doch Jasmin konnte sehen, dass er das Lächeln nur aufgesetzt hatte und ihr Verhalten ihm peinlich war. Dass sie ein Kuscheleck hatte, fand er komisch; sie war komisch.

,,Ach, war nur als Kind immer so ‘ne dumme Angewohnheit von mir.‘‘, brach sie die Stille und drückte sich an der Sofalehne wieder hoch. ,,Du wolltest an den Fluss, stimmt’s?‘‘ Und noch während sie betont unbeschwert diese Worte aussprach, hatte sie sich schon geschworen, nie wieder jemandem so viel von sich selbst zu zeigen.  

Sobald sie aus der Haustür trat, spürte Jasmin die Blicke. Überall, wo sie hinkam, erregte sie Aufmerksamkeit, ohne etwas dafür tun zu müssen, die Aufmerksamkeit galt also nicht ihr, nicht wirklich. Was die Leute interessierte, das waren ihre blonden Locken, ihre vollen Lippen, ihre Brustpartie, die so geformt und gerundet und füllig war, wie es die Brustpartie einer Frau zu sein hatte, und ihre Beckenpartie, wiederum mustergültig geformt und gerundet und kurvig.

Wenn sie nur lang genug diesen Blicken ausgesetzt war, begann sie, deren Perspektive zu übernehmen. Sie konnte gar nicht anders, sie begann dann, sich selbst als eine Kombination aus blondem Haarschopf, großen, blauen Augen, prallen Titten und ordentlichem Arsch zu betrachten. Ihrem Gesicht gab sie 10 Punkte, ihrem Sitzgestell ebenfalls 10, in allen Kategorien erreichte sie volle Punktzahl, sie war eine 10.

Die Ampel sprang von Gelb auf Rot, kurz bevor sie die Kreuzung erreicht hatte, doch die Querstraße lag gähnend leer und die Vorlesung begann in einer Viertelstunde und davor musste sie noch bei der Bibliothek vorbei. Jasmin ließ das Fahrrad weiterrollen und registrierte das unangenehme Pappen von Kleidung auf schwitzender Haut.

,,He!‘‘

Fast fuhr sie in ein parkendes Auto, so sehr erschrak sie. Als der Polizist vor sie trat, stiegen Tränen in ihr auf, mühsam musste sie sie zurückdrängen. Er war noch jung, das glatte Gesicht gehörte einem Mann Anfang Dreißig, dennoch drückte durch die Uniform bereits der Ansatz eines Frustbauches. Etwas veränderte sich in seinem Ausdruck, als sie die Augen zu ihm aufschlug und er begriff, dass die Frau vor ihm jung war, Studentin höchstwahrscheinlich, dass aus ihrer Mütze blonde Locken hervorquollen und ihr Mund, leicht geöffnet wie außer Atem, üppige Polster von Lippen besaß.

,,Es tut mir leid, ich hab gar nicht gesehen, dass Rot war, ich war so in Eile, es war dumm von mir, so unaufmerksam zu sein, von nun an werde ich besser aufpassen, oh, es tut mir leid.‘‘ Und Jasmin biss sich auf die Unterlippe und warf dem Mann einen flehenden Blick aus ihren blauen Augen zu.

Der stemmte die Hände in die Hüften, allerdings wirkte die Geste nicht im Geringsten ehrfurchtgebietend, eher schien er verhindern zu wollen, wegen urplötzlicher Auflösung seines Rückgrats zusammenzuklappen. Sekundenlang schien er zu überlegen, was um Himmels willen er sagen könnte, schließlich: ,,Es ist gefährlich, über Rot zu fahren. Da ist es nur in Ihrem Interesse, dass ich Sie da anhalte und ermahne. Diesmal will ich es bei einer Warnung belassen. Normalerweise müsste ich Ihnen jetzt eine Buße aufbrummen, fünfzig Euro, auch mit Fahrrad, wissen Sie das eigentlich? Aber ich glaube, Sie haben Ihre Lektion gelernt, Frau-‘‘

,,-Ebnerswald‘‘, ergänzte sie.

,,Lanzmann, Marc.‘‘, erklärte der Polizist und streckte ihr seine Hand entgegen. Jasmin nahm sie, und dann schwangen ihre Lippen wie Vorhänge beiseite und entblößten zwei gleichmäßige Reihen weißer Zähne. ,,Oh, ich danke Ihnen, Inspektor, vielen, vielen Dank, ich verspreche Ihnen, Sie werden es nicht bereuen.‘‘

Wachtmeister Lanzmann verzichtete, sie darauf hinzuweisen, dass er kein Inspektor, sondern ein Wachtmeister war, und straffte sich. Gerade rang er sich dazu durch, sie zu fragen, was sie studiere, da kam sie ihm zuvor: ,,Ich habe es leider eilig und muss weiter, nochmal vielen Dank, Herr Inspektor, und einen schönen Tag!‘‘ Und sie trat in die Pedale.

Wachtmeister Lanzmann blieb auf der Straße stehen, bis ihre rote Jacke hinter den Häusern verschwunden war. Er war enttäuscht, aber auch stolz, ein Gentleman gewesen zu sein, der wusste, wann er eine schöne Frau vor sich hatte und was sich ihr gegenüber gehörte.  

Die Bibliothek roch nach grauem Teppichboden. Jasmin schleppte die Büchertasche mit beiden Händen und registrierte zu ihrer Erleichterung, dass vor dem Schalter keine Schlange stand. Ihr Blick wurde angezogen von den dunklen Augen des Mannes dahinter. Er schien sie geortet zu haben. Dann im Näherkommen wurde sie plötzlich unsicher, ob sein Blick tatsächlich ihr galt oder durch sie hindurchschaute.

,,Hallo!‘‘, sagte sie, und der Geldbeutel rutschte ihr durch die Finger. Sich zu bücken und ihn aufzuheben unter seinem Blick fühlte sich an wie eine Demütigung. Beim Überreichen der Karte sah sie ihm direkt, trotzig fast, in seine Augen.

Während sie unter seiner Aufsicht ein Buch nach dem anderen auf das Pult legte, musste sie plötzlich an den Jungen denken, der im Seminar gestern neben ihr gesessen hatte. Sein Gesicht war auffallend bleich, und als der Dozent eine Diskussion mit dem Sitznachbarn anordnete und Jasmin sich ihm zuwandte, sah es aus, als machte nun auch der letzte Tropfen Blut sich aus dem Staub und er müsste jeden Augenblick das Bewusstsein verlieren. Sie war es gewohnt, ihr Gegenüber in eine Art Schockstarre zu versetzen; viele Männer erinnerten, konfrontiert mit ihrer Schönheit, an Erdmännchen in Habachtstellung, die vor lauter Angst, etwas Falsches zu tun, an Ort und Stelle einfrieren, bis ihr geflügelter Tod bequem seine Krallen in ihr Fleisch schlagen kann.

Mit unbeeindruckter Miene unterzog der Mann hinter dem Schalter jedes Buch derselben Prozedur in gleichmäßigem Tempo, so als existiere ganz allein er in der Bibliothek. Hatte er überhaupt Notiz von ihr genommen?

,,Alles klar, Konto ist leer.‘‘ Endlich hob er den Blick und heftete ihn direkt auf sie. Das Lächeln, das seine Lippen andeuteten, lag auch in seinen Augen. Er lächelte, weil er sie durchschaut hatte. Er war immun gegen sie. Jasmin fühlte, wie ihr Körper, wie ihr Fleisch sich auflöste, einfach in winzige, kleine Partikel zerfiel und sich innerhalb eines Sekundenbruchteils zerstreut hatte, ohne Spuren zu hinterlassen. Einzig ihr Skelett blieb übrig, so bleich wie das Gesicht jenes Jungen, und wacklig, die Konstruktion eines Hobbybastlers.  

Ein ,,Cool, danke, ciao!‘‘ quetschte sie sich aus der Brust, dann machte sie kehrt. Draußen frischte der Wind auf und bediente sich ihrer offenen Jacke, um auf sie einzudreschen.

Zu Janas Geburtstag gab es veganen Schokokuchen, den Sekt-Ananas-Maracuja-Zimt-Mix, den Jana in ihre Freundschaft eingeführt hatte und der mittlerweile in derselben eine feste Institution darstellte, und Jasmin war frisch von Simon getrennt. Am Ende hatte sie einsehen müssen, dass sie sich in ihm getäuscht hatte, und es war eine Versuchung, aus dem Scheitern dieser Beziehung den Schluss zu ziehen, dass alle Männer gleich seien und mit Liebe im Endeffekt eine Verfügbarkeitsgarantie für etwas Hübsches im Bett meinten, und weil es so verlockend einfach war, gönnte Jasmin es sich, Männer als solche zu verachten und es ihnen mit ihren eigenen Waffen heimzuzahlen. Fürs Erste war sie fertig mit Männern, deshalb taugten sie nurmehr fürs Bett. Vielleicht lag in diesem Vorsatz die Ursache für ihr Verhalten gegenüber dem Freund ihrer besten Freundin. 

Stefan war ein langer Kerl, der sich beim Gehen stets leicht zurücklehnte, so als wolle er damit auch seine Haltung gegenüber dem Leben zum Ausdruck bringen, und zwar, sich nie provozieren zu lassen und immer abzuwarten, bis die Wogen sich wieder geglättet haben würden. Die Augen in seinem Vollmondgesicht wirkten immer halb geschlossen, selbst wenn sie weit offen waren. Dreimal in der Woche stemmte Stefan im Fitnessraum Gewichte, jedoch schien alles, was an Muskeln an ihm dazukam, umgehend wie Kaugummi in die Länge gezogen zu werden. Seine Freunde stichelten ihn mit dem Spitznamen ,,Der perfekte Vater‘‘.

Stefan war gerade dabei, sich ein Stück des Bananen-Schokokuchens abzuschneiden, als Jasmin in der Küche zu ihm trat. Allein die Art, wie er erst mit dem Messer die Größe seines Stückes abmaß, sich dann – was für eine Überraschung! – für eine durchschnittliche Größe entschied und anschließend alle durch seinen Eingriff entstandenen Krümel, einschließlich des letzten, fein säuberlich auf eine Serviette kehrte und dem Mülleimer zuführte, brachte sie zur Weißglut.

,,Na‘‘, begrüßte sie ihn keck und schlang die Arme um ihn, sodass er das Kuchenstück wieder sinken lassen musste. Sie genoss es, zu spüren, wie sein Körper, eigentlich nur Haut und Knochen, unter dem Druck ihrer Hände sich versteifte. ,,Schmeckt der Kuchen?‘‘

Mit einem Blick wie um ihre Erlaubnis einzuholen, nun wirklich abbeißen zu dürfen, probierte er. Beim Kauen wandte er leicht den Kopf ab, so als schäme er sich, dabei von ihr beobachtet zu werden. ,,Mmh‘‘, nickte er, ,,den hab ich für Jana gebacken.‘‘

Schön für Jana, dass sie einen Freund hatte, der ihr Kuchen backte. Von Jana höchstselbst hatte sie erfahren, dass Stefan immer noch jedes Mal, wenn er sie besuchte, eine Blume mitbrachte; sie waren bald seit zwei Jahren zusammen.

,,Und gibt es etwas, das du außerdem heute noch für sie tun wirst?‘‘

Er stoppte im Kauen und starrte sie an, die Gardinen vor seinen Augen im Mittagsschlafmodus. Ein Windstoß lüftete sie, und rote Glut fuhr in seine Wangen. ,,Oh‘‘, entfuhr es ihm, ,,so meinst du.‘‘ Er lachte nervös. ,,Äh, mal schauen, also, ja.‘‘

Sie taxierte ihn, während die Sekunden verstrichen, setzte ein irritierendes Lächeln auf und labte sich an seiner Unfähigkeit, zu verschleiern, wie unangenehm ihm ihre Nähe war, wie gerne er sich der Situation entzogen hätte, was er jedoch niemals über sich bringen würde, schließlich war er Stefan, und Stefan konnte nicht rücksichtslos sein. Noch so etwas, das sie zur Weißglut brachte: Dass er das Als-Ob nicht beherrschte; jeder konnte in seinem Innern wie in einem Zu-Verschenken-Buch lesen.

Aus den Augenwinkeln versicherte sie sich, dass niemand nahe genug war, ihr Gespräch zu belauschen; die meisten Gäste, inklusive Jana, tummelten sich ohnehin im Wohnzimmer, wo Twister gespielt wurde. Jasmin verschränkte die Arme, und mit der schicksalsschwangersten Stimme, die ihr zugänglich war, sprach sie: ,,Jana kann wirklich froh sein, so einen Freund zu haben.‘‘

Er musste das als Andeutung auf ihre Trennung verstanden haben – und vielleicht war es das auch -, denn er erwiderte darauf: ,,Oh, das mit Simon tut mir leid.‘‘ Das ärgerte sie. Sie hatte das als Lob gemeint, warum musste er ihr vorhalten, was sie nicht besaß? Er war wirklich ein Tollpatsch. ,,Ach, das ist lieb!‘‘, seufzte sie und streichelte seinen Arm. Wie unbewusst ließ sie ihre rechte Hand anfangen, ihre Brust zu reiben. Während sie interessiert das Snack-Angebot musterte, nahm sie seinen Blick auf das, was sie zu bieten hatte, mit der Routiniertheit einer Handwerkerin zur Kenntnis, die genau weiß, an welchen Schrauben sie drehen muss. Es stimmte eben: Männer tickten alle gleich.

Nach einem Schweigen sagte er vorsichtig: ,,Ähm, ich glaube, ich geh‘ mal wieder zu Jana.‘‘

,,Möchtest du mir nicht dein Geschenk zeigen?‘‘

,,Was?‘‘

,,Das Fotobuch, das du Jana geschenkt hast. Möchtest du es mir zeigen?‘‘

Wie sein sehniger, langer Körper schräg aufragte gleich einer angesägten Jungtanne und der offenen Tür des Wohnzimmers zustrebte, seiner Freundin zu, sah so ungeschickt aus, dass es schon wieder herzerweichend war. Er konnte nicht Nein sagen, und Jasmin wusste das.

Janas Zimmer grenzte direkt an die Küche. Sie ließ Stefan den Vortritt und schloss sanft, doch bestimmt die Tür. Stefan zögerte, als er sie auf das Bett sitzen sah; er brauchte einen Moment, bis ihm aufging, dass Jasmin sein Zögern bemerken könnte, daraufhin gab ihm seine gewohnte Angst, unhöflich zu sein, einen Ruck, und er setzte sich neben sie. 

,,Zeig‘ mal her.‘‘ Sie sprach jetzt in einem besänftigenden Ton wie eine Mutter, die ihrem Sohn zu verstehen geben sucht, dass er keine Angst zu haben braucht, und griff in seinen Schritt. Dort lag das Fotobuch, auf dem Cover Stefans und Janas Profile vor einem Sonnenuntergang, an den Mündern ineinander überfließend, und wurde aufgeschlagen von Jasmins ruhiger, erfahrener Hand. Er hatte die Bilder nach Themen geordnet, ein Kapitel widmete sich dem gemeinsamen Thailand-Urlaub, das nächste dem Berlin-Wochenende, und jedem ging eine handschriftliche Einleitung voraus, was an genau jener Zeit so speziell gewesen war, und zu jedem Foto, noch dem beiläufigsten Automatenschnappschuss, hatte er etwas zu schreiben gewusst. Mit jeder Seite, die sie umblätterte, wurde der Kloß in ihrem Hals zäher. Simon hatte ihr eine Karte geschenkt mit einem Foto von ihnen beiden und darauf geschrieben: ,,Ich liebe dich.‘‘. Und sie hatte ihm geglaubt, ein einziges Mal wollte sie ihrem Misstrauen nicht nachgeben, und einen Monat später, sie hatte ihm soeben eröffnet, dass sie sich trennen wolle, reagierte er mit den folgenden Worten: ,,Meinst du denn, wenn du nicht so schön wärst, hätte ich mich auch nur eine Sekunde für dich interessiert?‘‘ Er konnte das nicht ernst meinen. Er war wütend in diesem Moment und zielte darauf ab, ihr eins auszuwischen. Sie durfte dem Sog in ihr nicht nachgeben, es gab keinen Grund, den Kopf hängenzulassen, im Gegenteil, sie hatte allen Grund, stolz zu sein, sie war Jasmin!

Sie sank rückwärts in die weiche Daunendecke, die nach Jana roch. Wie viele Abende hatten sie, Jana und Mellie hier verbracht, in die großen, seidenüberzogenen Kissen geschmiegt und die Beine ineinander verschränkt, aber gerade kam ihr dieser Ort vor wie eine Kopie des Zimmers ihrer besten Freundin, angefertigt von einem Stalker, und Jana und all die anderen existierten zwar, aber nur in der Theorie, sie spielten nicht wirklich eine Rolle. Unsicher wandte Stefan sich um und blickte hinab auf die Frau, die auf dem Bett vor ihm lag, die Arme von sich gestreckt und das Top hochgerutscht bis über den Bauchnabel. Ihr blonder Haarschopf umrahmte das Gesicht wie ein Heiligenschein.

Stefan würde so etwas nie zu seiner Freundin sagen. Nie würde er sie verraten.

Ein wahnwitziger Gedanke schoss ihr durch den Kopf: Sie würde ihn dazu bringen, seine Freundin doch zu verraten. Sie würde beweisen, so unwiderstehlich zu sein, dass sogar ein treues Herz wie Stefan den Betrug wünschte.

Jasmin schob den Gedanken beiseite und verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lachte hell, sodass ihr Körper in der Mitte aufzuckte.

,,Was?‘‘, machte Stefan.

,,Ach nichts, ich musste gerade an etwas sehr Verrücktes denken. Du hast doch nicht das Gefühl, dass-‘‘ Sie setzte sich auf und starrte auf den Teppich. Ihr Blick bohrte Löcher in die bunten Maschen. Es könnte ganz schnell gehen. Sie könnte aufstehen, sich vor ihn hinstellen und ihr ärmelloses Top hochziehen bis zum Kinn. Niemand würde sie sehen, die Tür war geschlossen, sie hatte sie beim Eintreten zugezogen, hatte sie da schon gewusst, weshalb sie Stefan hierhergelockt hatte?

,,Das Gefühl, dass was?‘‘

Er würde zupacken. Er würde vielleicht nicht von selbst die Hände ausstrecken, aber nicht, weil er nicht wollte, sondern bloß, weil er noch eine Ermutigung in Form eines kleinen Schubsers nötig hatte. Das war der Unterschied zwischen ihm und Simon: Männer wie Simon nahmen sich, was sie wollten, während Männer wie Stefan dasselbe wollten, aber sich nicht trauten zuzupacken. Dem konnte leicht Abhilfe geschafft werden, sie musste nur seine Hand nehmen und bis zu ihrer Brust führen, und sobald einmal die Verbindung zwischen seinen Fingern und der elastischen Konsistenz ihres Fleisches hergestellt wäre, wüsste die Lust in ihm schon, wie es weitergehen müsste. Seine Blicke vorhin in ihren Ausschnitt waren Beleg genug. Mit Formen wie diesen konnte seine Freundin nicht mithalten.

War sie betrunken? Sie hatte höchstens ein paar Gläser Sekt-Mix getrunken, außerdem reagierte sie auf Alkohol nicht so empfindlich wie andere Frauen. Dennoch musste sie grinsen wie im Rausch und konnte beim besten Willen nicht aufhören. Sie musste sich brutal an den Zügeln reißen, um sich nicht vor Lachen auszuschütten. Ihre Fingerspitzen pressten sich in die Oberschenkel, und die Nägel in dieser leicht reizbaren Körperpartie verursachten einen prickelnden Schmerz.

Ruckartig drehte sie ihm den Kopf zu und tastete ihn mit den Augen von unten bis oben ab. ,,Du bist so groß.‘‘, stellte sie fest. In ihrer Stimme schwang ein kratziger Ton mit.

Stefan hatte die Knie zusammengedrückt wie einer, der Harndrang hat, auf seinen Beinen lag immer noch das Fotobuch, von einem Mäuerchen winkten Stefan und Jana in die Kamera; Janas Gesicht zeichnete ihr typisches Lächeln, so prall vor Freude wie kurz vorm Platzen. Die Nägel seiner Finger, die das Buch umklammert hielten, waren rot angelaufen, sein Oberkörper nach vorn gebeugt. Alles an ihm schrie danach, woanders zu sein, ganz egal wo, nur keine Sekunde länger neben ihr auf diesem Bett. Jasmins Augen blickten ihn nun schon er-konnte-nicht-sagen-wie-lange an, er wusste nicht, was das sollte, warum hatte sie aufgehört zu sprechen und sah zu ihm auf, als warte sie auf etwas. Ihre Augen besaßen dasselbe Blau wie ein Gemälde, das er schon einmal irgendwo gesehen hatte, einen Teich oder das Meer hatte es dargestellt, nur dass nun die Farben aus sehr hellem und etwas dunklerem Blau und – war da ein Schuss Grün, die Andeutung einer Seerose? –, diese Farben traten nun über die Ufer, und im Nu fluteten sie das ganze Zimmer, und die Flut roch nach Jasmin.

,,Wow!‘‘, entfuhr es ihr. Erschrocken zog sie ihren Kopf zurück und starrte ihn an, ungläubig. ,,Hast du gerade versucht, mich zu küssen?‘‘

Aber Stefan antwortete nicht, er blickte sie nur an, als säße dort neben ihm eine fleischgewordene Geisterfilmfigur.

Jasmin konnte es immer noch nicht fassen. Sie schnappte nach Luft und rückte von ihm ab.  Sie schien ein paar Momente zu brauchen, um die Bedeutung des eben Vorgefallenen in seinem ganzen Ausmaß zu erfassen. Mit der Hand strich sie eine blonde Strähne aus der Stirn hinter das Ohr, klemmte die Hände zwischen die Knie, und als sie ihn das nächste Mal anblickte vom entferntesten Ende der Bettkante, war es ein Blick unter Zwang wie auf einen sehr verstörenden Gegenstand. Mit zerbrechlicher Stimme sprach sie: ,,Was gerade passiert ist, werde ich für mich behalten, Stefan. Was damit passieren soll, musst du selbst entscheiden.‘‘

Sie sah, dass er nahe den Tränen war, und spürte auf einmal selbst das überwältigende Bedürfnis, hemmungslos zu heulen. Ein Schluchzer brach aus ihr heraus, merkwürdigerweise folgte ihm kein zweiter. Mit ihrem Top wischte sie sich die Augen trocken.

,,Ich geh‘ mal wieder zu den anderen.‘‘, sagte sie leise. ,,Die fragen sich sonst, wo wir bleiben.‘‘

Ihr Daumen und Zeigefinger prüften gerade die Geschmeidigkeit eines herbstgelben Handtuchs, passend zur Jahreszeit. September ging zu Ende, und gestern Abend hatte sie Simon um einen Spaziergang gebeten, um ihm zu erklären, wieso das mit ihnen nicht mehr funktionierte. Sie hatte gedacht, sie könnten es klären wie Erwachsene, da hatte sie sich getäuscht. Anstatt sich einzugestehen, dass ihre Beziehung, traurig natürlich, doch unübersehbar, gescheitert war, wurde er wütend wie ein kleiner Junge. Er hielt an, mitten auf dem Gehsteig, und der Blick, mit dem er sie auf einmal taxierte, trieb ihr Kältepusteln auf die Haut. ,,Jasmin‘‘, sagte er – er nannte sie nicht ,,Jassie‘‘, so wie er es all die letzten Monate getan hatte, sondern nannte sie beim vollen Namen wie ein Fremder -, ,,glaubst du ernsthaft, wenn du nicht so schön wärst, hätte ich’s auch nur einen Tag mit dir ausgehalten?‘‘

Das Handtuch fühlte sich rau an; wenn sie versuchen würde, sich damit abzutrocknen, würde es sicher ihre Haut wund reiben. Sie ließ das Handtuch los und fror ein wie ein Indianer auf der Hut. Sie musste sich nicht umdrehen, sie wusste auch so, dass er hinter ihr stand. Am Geruch erkannte sie ihn. Er roch, als bringe er den Wind von draußen mit sich.

Beiläufig drehte sie sich um. ,,Oh, hey!‘‘, machte sie und deutete ein Winken an, für das sie sich am liebsten den Arm ausgerissen hätte.

Seinem ,,Hi!‘‘ war nicht zu entnehmen, ob er sie als das Mädchen wiedererkannte, das in der Bibliothek vor lauter Schusseligkeit seinen Geldbeutel hatte fallenlassen. Anonymer hätte seine Reaktion nicht ausfallen können. Er wandte sich wieder dem Regal zu. Die Art, wie er mit etwas schräg gelegtem Kopf die Kochtöpfe inspizierte und ab und zu einen mit der Hand anfasste, so als widerstrebe es ihm, etwas so Profanem wie einem Kochtopf das Privileg seiner Berührung zuteilwerden zu lassen, demonstrierte ein vollendetes Desinteresse.

Jasmin zwang sich, dem Impuls, davon zu stampfen und im Vorbeigehen alle Tupperdosen aus dem Regal zu streichen, zu widerstehen. Etwa noch eine halbe Minute lang gab sie vor, angestrengt alle Aspekte des Kaufs des herbstgelben Handtuchs abzuwägen, dann rupfte sie es vom Stapel und ging zur Kasse.

,,Ähm‘‘, kam es von hinter ihr, ,,hast du zufällig den Deckel zu meinem Topf?‘‘

Beim Umdrehen sah Jasmin aus, als habe sie soeben erfahren, dass es die Erdanziehungskraft gar nicht gibt; für einen Moment entglitt ihr die Kontrolle über ihren Körper und über das Bild, das sie nach außen hin abgab, und beinah hätte sie vor Überraschung gestöhnt.

Die dunklen Augen hatten sich wieder auf sie geheftet, wirklich wie Heftklammern, von einem Tacker in ihren Leib gejagt, und diesmal war ihr Körper nicht zu fadenscheinig, sondern stark genug, um sie zu stoppen, bei sich anzuhalten und dazu aufzufordern, sich gefälligst endlich mit ihr zu beschäftigen. Ihre Blicke begegneten sich, dann prusteten sie los.

Als sie sich vor dem Einkaufszentrum verabschiedet hatten und Bens Blick auf die Digitaluhr der Apotheke fiel, musste er die Tatsache, dass sie höchstens zwanzig Minuten miteinander geredet hatten, erst mit seinem Gefühl in Einklang bringen, niemals zuvor sich so konzentriert unterhalten zu haben. Auf einmal rührte sich die Angst, etwas zu verlieren, noch bevor man es richtig gehabt hat. Die Autos im Feierabendstau, die Lichter auf dem regennassen Gehweg, all die Menschen, die unterwegs waren und die Straßen doch nicht belebten, weil jeder nur bei sich war und den einzigen Gedanken hatte, bloß nach Hause zu kommen, bildeten sie nicht einen Gegenbeweis zu dem, was gerade passiert war? War so etwas unter den Gesetzen dieser Welt möglich?  

Auf eine Bank, in sicherem Abstand zu dem Ort, an dem sie sich verabschiedet hatten, um sicherzugehen, dass sie es nicht zufällig noch sah, sank er nieder wie ein siegreicher Boxer nach dem Kampf und zog das Handy hervor. Aber er konnte seine Augen noch so oft schließen und wieder öffnen, da standen eine Nummer und ein Name: ,,Jasmin‘‘.

,,Er heißt Ben.‘‘, eröffnete sie und reichte Jana und Mellie das Handy.

,,Hal-looo!‘‘, machte Jana und setzte ihren Raubkatzenblick auf. ,,Was hast du denn da für breite Schultern? Er sieht aus wie ein Schwimmer. Jassie, hast du dir einen Schwimmer geangelt?‘‘

Glücklich lehnte Jasmin sich in die Kissen auf Janas Bett zurück. ,,Seine Größe ist noch viel beeindruckender.‘‘, raunte sie, dabei ließ sie ihre Kehle klingen wie ausgetrocknet vor Begehren.

,,Na, hoffen wir mal, dass die Größe nichts auslässt. Man weiß ja, dass Schwimmer dauernd diese engen Hosen tragen, bleibt meist nicht ohne Folgen.‘‘, dozierte Jana in wissenschaftlichem Ton. Und zu Bens Bild: ,,Jedenfalls hast du ein verdammt süßes Kinn. Allein bei diesem Kinn krieg‘ ich wacklige Beine!‘‘

,,Er ist so‘‘, begann Jasmin, und auf einmal sprach sie ganz ernst, stockte jedoch, denn ihr fehlte das passende Wort, kein Adjektiv konnte zufriedenstellend beschreiben, welchen Eindruck er auf sie gemacht hatte. ,,Er ist nicht so wie die anderen.‘‘, entschied sie schließlich.

Ein keckes Lachen. Es klang gleichzeitig frech und gekünstelt und stammte von Mellie, die bisher wortkarg geblieben war. ,,Das sagst du doch immer.‘‘

Was sollte das? Wollte sie provozieren? Von Anfang an, als Jasmin erzählte, dass sie jemanden kennengelernt hatte, merkte sie, dass es Mellie nicht passte. Mellie sollte nicht denken, Jasmin und Jana würde entgehen, wie offensichtlich ihr missfiel, was Jasmin zu erzählen hatte. Ihr Schweigen, der harte Zug um ihren Mund waren unmissverständlich, ganz offensichtlich war sie darauf aus, Jasmins und Janas guter Laune ihre geballte, miesepetrige Präsenz entgegenzusetzen und zu demonstrieren, dass sie Janas Späße über Bens Penisgröße nicht witzig fand und auch dagegen war, das Internet nach Informationen über ihn zu durchforsten. Sobald es um Männer ging, verhärtete Mellie sich wie ein Weichtier in seiner Schale. Abgesehen von einigen wenigen verkrampften Vorgeplänkeln hatte Mellie keine Erfahrung mit Männern. Und so verbittert, wie sie auf das Thema reagierte, würde es fürs Erste auch so bleiben. Jeder Mann, wenn sie im Gespräch mit einem diese betont rückgratvolle, Eine-stolze-Frau-wurde-verletzt-also-wehe-Haltung einnahm, fühlte augenblicklich jede erotische Regung absterben. Und falls doch noch ein winziger Rest Neugier am Leben blieb, machte ihr Kleidungsstil ihm den Garaus. Was wollte sie mit ihren humorlosen Tops, den mit nackter Haut geizenden Blusen und ihrer Siebziger-Jahre-Scheu vor Make-Up erreichen? In welcher Welt lebte sie, dass sie Männer anziehen wollte, indem sie ihnen jede Freude vorenthielt?

In dem Moment, da sie die Bemerkung in spöttischem Tonfall aussprach, schämte Mellie sich schon. In Wahrheit beleidigte ihr Kommentar viel weniger Jasmin, als dass er sie selbst entlarvte. Wie beschwingt sie sich doch auf dem Herweg gefühlt hatte. Ein schöner Sonntag war es gewesen, morgens mit Manfred, dem Labrador, im Wald, und auf der Busfahrt zu Jana war die Euphorie plötzlich so groß geworden, dass sie sogar im Takt zur Musik ihre Schultern wog und stimmlos mitsang und die Meinung der Leute ihr ganz egal war. Erst als Jasmin mit breitem Lächeln ihre jüngste Eroberung präsentierte, fühlte Mellie sich wie eine Begnadigte, die zu guter Letzt doch am Kragen gepackt und auf den Hackblock gedrückt wird. Natürlich lächelte sie, um zu zeigen, dass sie sich für ihre Freundin freute. Sie achtete nicht auf die Worte, die aus Jasmins Mund kamen. Sie achtete auf diesen Mund. Je länger sie verfolgte, wie der Mundwinkel mal nach oben tanzte, mal sich abwärts begab, um auf den glatten Wangen Gesichtszüge nicht zu zeichnen, sondern maximal anzudeuten – nicht zuletzt lag der Zauber von Jasmins Gesicht darin, dass Gefühle es nicht zu verändern schienen, bloß zu streifen, dass letztendlich nichts diesem Gesicht etwas anhaben konnte -, desto ohnmächtiger fühlte sie sich, desto unwiderstehlicher wurde die Verachtung. Erwartete Jasmin denn, dass Mellie und sie überrascht reagierten darüber, dass sie wieder mal jemanden aufgerissen hatte? Kein Tag verging, an dem sie nicht mit irgendeinem Typen irgendwas am Laufen hatte. Ganz offensichtlich hielt Jasmin es allein mit sich nicht aus. Aber glaubte sie, all diese schmucken Männer mit ihren durchtrainierten Armen und Nussknackerkiefern könnte sie sich anlächeln, wenn ihre Augen etwas weniger blau, ihre Haare etwas weniger blond und ihre Hüften etwas fülliger wären? Was, glaubte sie, schauten diese Typen an, wenn sie Jasmin anschauten? Sicher nicht ihr Faible für selbstgebrautes Make-Up. Auch nicht ihre Klagen über Ziehen oder Stechen oder Drücken in einander fließend ablösenden Teilen ihres Körpers, auch nicht die mittelmäßigen Serien, die sie zur Erholung vom verkopften Studium bei Fertigravioli konsumierte, weder das wehleidige Hipster-Geheule, das Spotify ihr als ihren individuellen Musikgeschmack verkaufte, noch ihre aufrührerischen Ideen à la plastikfreiem Einkauf und Fairtrade-Shampoo. Abstrahierte man einmal von ihrer Schönheit, für die sie nichts konnte, blieb ein genauso launisches, fantasieloses, denkscheues Mädchen übrig wie viele andere. Vermutlich noch ein Stück launischer, hobbyloser und öder, denn ihre Schönheit stattete sie mit einer Art Freifahrtschein aus. Ihre hübschen Lippen sprachen sie von der Verantwortung frei, eine Persönlichkeit auszuarbeiten. Weshalb gingen denn ihre Beziehungen nach höchstens einem Jahr in die Brüche? Sobald der Typ merkte, wer da in dieser niedlichen Verpackung steckte, nahm er Reißaus, insofern sie ihm nicht schon zuvorgekommen war. Denn keiner war ihr gut genug. Weil sie jeden haben konnte, gab sie sich mit keinem zufrieden.

,,Mumbay Diaries Teil 2, wer ist dabei?‘‘ Jana lächelte angestrengt und tat so, als sei die Luft im Zimmer nicht zum Zerreißen gespannt. Stand sie insgeheim auf Mellies Seite? Sie, Jasmin, würde sich jedenfalls auf keinen Streit einlassen, über kindischen Provokationen wie jener von Mellie, die ja eigentlich von Minderwertigkeitsgefühlen herrührten, stand sie drüber. Sie lächelte ebenfalls. ,,Na klar‘‘, strahlte sie, ,,ich kann’s kaum erwarten, wieder eingeölte Männer auf Elefanten bauchtanzen zu sehen.‘‘ Zurzeit war das ihr Freundinnenritual: Die kitschigsten Bollywood-Filme aufzutreiben und sich über stundenlange Tänze totzulachen, die das In-Erfüllung-Gehen einer Traumhochzeit infrage stellten, bis es schließlich eben doch zur Hochzeit kam.

Zum Film legte Mellie den Kopf in Jasmins Schoß. Offenbar hatte sie das Gefühl, etwas wiedergutmachen zu müssen. Weil sie darauf irgendwie reagieren musste, fing Jasmin an, Mellie durch die Haare zu streicheln und friedlich zu lächeln. Mit einem Blick wie ein schutzbedürftiges, flauschiges Tierchen sah Mellie zu Jasmin auf und sagte: ,,Du hast ein wunderbares Parfüm.‘‘ – ,,Oh, danke‘‘, erwiderte Jasmin in verzaubertem Tonfall, ,,aber du hast wirklich wunderbares voluminöses Haar, ich wünschte, ich hätte so Haarvolumen.‘‘

Im Bus, endlich allein, öffnete Jasmin das Bild, das Jana am Vortag in der Pause von ihr erstellt hatte. Es war ein Foto von ihrem Gesicht, nur dass Jana es den Algorithmen einer neuen App überantwortet hatte, welche es innerhalb von ein paar Sekunden einem sechzigjährigen Alterungsprozess unterzogen. Als Jana das Ergebnis präsentierte, hatten sie gelacht. Über die wie Fischkiemen schlaff herabhängende Haut hatte Jasmin ihre blühendroten Lippen und blendendweißen Zähne in die Luft gereckt und gelacht.

Jetzt bereute sie ihr Lachen. Es war, als hätte sie damit etwas herausgefordert. Auf dem Bild war ihr Haar brüchig-grau; zwischen ihren Augen klaffte eine schwarze Falte wie ein fettes Insekt; ihre Lippen hatten ihr sattes Rot eingebüßt, nun schrumpelten sie wie verdorrendes Obst; und ihre Augen – lag es an der Gesamtwirkung des verzerrten Gesichts oder besaß der App-Algorithmus irgendeine neuartige Künstliche Intelligenz, die in die Augen ihrer Objekte einen neuen Ausdruck zu legen vermochte? -, ihre Augen schauten sie direkt an, und sie meinten sie, die Jasmin, die hier im Bus saß und 23 Jahre alt war und gestern noch über ihr 80-jähriges Ich gespottet hatte, und sie gähnten wie ein Brunnenschacht, und aus dem Off wiederholte Samuel seinen Spruch von gestern und würde keine Ruhe geben, bis sie ihn nicht endlich begriffen hätte: ,,Tja, Frauen verblühen, Männer verduften.‘‘

An jenem Abend, da sie und Ben endlich in einem Zimmer mit einem Bett angekommen waren nach ihrem ersten Date, zögerte sie den Moment, da er sie ausziehen würde, für extra hinaus.

,,Willst du auch einen Tee?‘‘, erkundigte sie sich und verschwand in Richtung Küche. Sie würde diese Nacht mit ihm schlafen und sie wusste genau, dass ihr Verhalten ihn plötzlich wieder daran zweifeln ließ. Ben startete irgendeine Konversation, weil er so offensichtlich darum bemüht war, seine Ungeduld zu überspielen. Dabei strahlte ihm die Ungeduld aus allen Poren, strahlte wie eine freigelegte radioaktive Quelle und kontaminierte den ganzen Raum. Erst seine Ungeduld ließ sie jene unverwechselbare, schaurige Hitze in ihren Brustspitzen und in ihrem Schritt spüren. Sie beugte sich zum Mülleimer herab und wusste, dass er auf ihren Hintern starrte und mit den Bildern kämpfte, in denen er sie schon von hinten nahm. Dass seine Stimme flacher geworden war, verriet etwas von seiner Verzweiflung. Er musste die Kontrolle über sich bewahren, nur noch ein paar Minuten länger, es um Gottes willen so kurz vor dem Ziel nicht vor lauter Ungeduld vermasseln.

Endlich, der verfluchte Tee war fertig, sie kehrten zurück in ihr Zimmer, sie setzten sich aufs Bett, sie saßen sich im Schneidersitz gegenüber, doch noch war die Startrampe zwischen ihnen nicht freigegeben, ihre Hände mit dem heißen Tee standen noch im Weg. Ob der Tee Fairtrade sei, fragte er. Irgendetwas musste ja gesagt werden. Unversehens befanden sie sich inmitten einer Diskussion über die globalisierte Teeernte, dabei hatten sie beide keine Ahnung von Teeernte, und jetzt nimmt er ihr auch behutsam, aber bestimmt die Tasse aus der Hand, obwohl sie doch bisher bloß einmal daran genippt hat, aber andererseits findet sie es auch gut, dass er das nun tut, ihr gefällt sein Gespür für den richtigen Moment.

Er nimmt sich Zeit für ihren Mund und ihren Hals, dann für ihr Brustbein, trotzdem fällt der Übergang zu ihren Brüsten etwas abrupt aus und verrät, wie sehr er am liebsten alles auf einmal haben würde, wenn das ginge. Das geht natürlich nicht, dafür gibt es viel zu viel an ihr zu entdecken. Die Beule in seinem Schritt ist ein stummes Geständnis, der Gedanke, dass sie die Ursache dieses Ausnahmezustandes darstellt, lässt sie unwillkürlich aufstöhnen. Weil sie weiß, welche Wirkung das hat, drückt sie die Brust noch etwas durch. An seinem Atem hört sie, wie sehr sie ihn erregt. Als sie sich auf alle Viere begibt und seine Fantasie aus der Küche wahrmacht, spürt sie, dass er kaum noch an sich halten kann. In aller Deutlichkeit spürt sie die Äderchen seines Schwanzes, spürt die Muskeln arbeiten und zugleich seine Anstrengung, mit der er den Orgasmus hinauszuzögern versucht. ,,Stopp!‘‘, zischt er und presst ihre Hüften zusammen. Keinen Millimeter Spielraum lässt er ihr. Würde sie auch nur ein bisschen nach vorne rutschen oder die inneren Muskeln kontrahieren, wäre er verloren. Sie dreht den Kopf in Richtung Spiegel und blickt direkt in ihre Augen. Eine blonde Strähne ist ihr ins Gesicht gefallen. Sie bläst sie zur Seite und setzt ihr Becken in Bewegung und hört ihn ächzen und fühlt, dass sie jetzt selber kurz davor ist.

Etwas war anders. Als hätte sie etwas Entscheidendes verpasst. Die Stimme der Dozentin vorne klang immer noch wie quietschendes Glas, immer noch badete der altmodische Seminarraum sie in uringelbem Schummerlicht. Trotzdem, ihr sechster Sinn meldete, dass etwas passiert war. War sie die letzten Sekunden in Gedanken gewesen? Was hatte sie verpasst?

Ihre Haut fühlte sich käsig an, vor allem im Gesicht. Sie berührte es mit dem Finger, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Ihre Haut war wie Plastik, das Fleisch darunter eine gummiartige Konsistenz, die an holländischen Käse erinnerte. Neben ihrem linken Nasenflügel traf ihr Finger auf einen Widerstand. Unerwartet hockte dort etwas, das da nicht hingehörte. Ohne nachzudenken, übte sie mit der Fingerspitze einen Druck aus. Der Schmerz überschwemmte ihre Adern mit Eiswasser, mikroskopisch kleine Eiskristalle keilten sich wie winzige Kampfsterne in ihr rohes Fleisch. Der Pickel saß direkt an ihrem linken Nasenflügel wie eine Hexenwarze!

Ohne dass sie etwas dagegen hätte tun können, sperrten ihre Poren sich auf und entließen feine und fette Schweißperlen. Augenblicklich begann ihr Körpersekret, beißend zu stinken. Ihre Schweißwolken besaßen kleine Zahnreihen, krochen in die Nasen ihrer Sitznachbarn und knabberten sie an. Der hinter ihr, sie hörte es am Rascheln seiner Kleidung, hob schon die Hand zur Nase und hielt sie sich zu.

Umgehend kippte sie ihr Handy in einen Winkel, der es ihr erlaubte, den blinden Display als Spiegel zu benutzen. Es war schlimmer als gedacht. Die Wucherung war fett und gelblich. Wie hatte das passieren können? Sie hatte doch nichts Fettiges gegessen, und das letzte Stück Schokolade war zwei Tage her.

Wie lange war der Pickel schon da? Heute Morgen im Spiegel hätte sie ihn bemerkt, hätte noch Zeit und Mittel gehabt, gegen ihn anzugehen, nein, er musste im Laufe des Vormittags gekommen sein. Wieso hatten Mellie oder Jana oder sonst wer sie nicht gewarnt? Mellie saß neben ihr und war in ihr Computer-Whatsapp vertieft, als ginge das alles sie gar nichts an. Unmöglich, dass sie einen Pickel dieser Größe übersehen haben könnte. Aber es passte zum Eindruck, der im Laufe der letzten Wochen in Jasmin herangereift war. Mellie gehörte zu den Frauen, die einen immer anlächelten wie ein Engel, bloß um dann hinter dem Rücken über einen abzulästern. Die gute Freundin, der sie sich zeigen konnte, wie sie war, und für die sie Mellie eine Zeitlang gehalten hatte, gab es nicht. In Wahrheit setzte Mellie alles daran, ihren Ruf und ihre Schönheit zu untergraben. Deshalb hatte sie Jasmin nun auch über den Pickel im Unwissen gelassen. Sie sollte sich blamieren vor allen, damit alle sehen sollten, wie hässlich sie war, und in Zukunft keiner mehr etwas mit ihr zu tun haben wollte.

Als die Vorlesung endlich vorbei war, stand sie auf und ging, ohne Mellie Bescheid zu sagen. Obwohl sie das Gesicht gesenkt hielt, soweit es möglich war, ohne gegen Wände zu laufen, starrten jeder Mann und jede Frau im Umkreis von zehn Metern sie an. Ein Pickel dieser Dimension war ja auch aufsehenerregend. Ihre Beine fühlten sich fremd an, so als wären sie von einer anderen Person ausgeliehen und könnten ihren Dienst jeden Moment quittieren. Als sie die Toilettentür aufdrückte, schien ein Marathon durch Sibirien hinter ihr zu liegen. Sie schloss sich ein und wartete ab, bis der mittägliche Schwung Blasengeplagter abebbte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie die falsche Tasche mitgenommen hatte. Weder befanden sich ein Spiegel darin noch, mit Ausnahme eines ausgefransten Eyeliners, Make-Up, mit dem sie etwas hätte anfangen können. Kein Puder, kein Deo. Genauso wenig hatte sie ihren Spiegel dabei. Ihr blieb nur zu hoffen übrig, dass keine hereinkäme, solange sie vor dem Spiegel am Waschbecken Erste Hilfe leistete.

Ihr Gesicht, welches sie sonst minutenlang aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten liebte und dessen Vollkommenheit selbst sie, seine Besitzerin, nie ganz zu hundert Prozent auf die Spur kam – eine gewöhnliche Fettansammlung, gerade mal einen Zentimeter im Durchmesser, reichte aus, es zu verschandeln. Jede containerhüftige, elefantenarschige, kartoffelgesichtige Frau sah hübscher aus als sie mit ihrem Pickel. Sie wusste, das war keine kluge Idee, doch sie konnte nicht anders, sie musste ihn ausdrücken.

Unter anderen Umständen hätte sie den Störenfried mit ein wenig oder auch etwas mehr Concealer maskiert. Bliebe sie den ganzen Tag zu Hause und käme keinem Menschen unter die Augen, wer weiß, vielleicht hätte sie ihr Schicksal sogar einfach akzeptiert und bei Fertignudelsuppe und Netflix abgewartet, bis der Spuk vorüber wäre. Aber in der aktuellen Lage, wimmelnde Flure und einen vierstündigen Blockkurs in Aussicht, bestand ihr einziger Wunsch darin, dieses Ding, das ihr Gesicht vergewaltigte und nichts darin verloren hatte, loszuwerden und fertigzumachen. Also rieb sie ihre Hände mit Desinfektionsspray aus dem Waschbeckenhalter ein und legte beide Zeigefinger an, je einen auf jeder Seite, in ihrer Mitte das Zielobjekt. Inzwischen schien der Pickel sich verfestigt zu haben; wie ein bösartiges Lebewesen, das weiß, dass alle Welt es hasst, und nur zu gerne zurückhasst, kugelte er sich ein, entschlossen, auch heftigsten Angriffen zu widerstehen. Sie würde ihn zerquetschen. Zermalmen würde sie ihn, den Brei aus ihm herauspressen, schau mal, was du bist, sieh‘ dich doch an, das bist du, diese hirnlose, rotzartige Soße! Das Rauschen des Bluts in ihren Ohren überdeckte den Mittagslärm von draußen. Sie hatte den Schmerz unterschätzt, wäre sie nicht eben noch auf Toilette gewesen, hätte sie sich jetzt in die Hose gemacht. Hinsehen schaffte sie nicht, das hätte den Schmerz verdoppelt. Jasmin presste die Augen zusammen, hielt den Atem an und zwang sich, den Druck zu erhöhen. Sie drückte zu, so fest sie konnte, und schrie auf und gleichzeitig spürte sie, wie der Widerstand an ihren Fingerkuppen schlagartig nachgab und der Eiter in einer Explosion herausgeschleudert wurde.

,,Alles klar bei dir?‘‘ Jasmin riss die Augen auf. Ihre Blicke begegneten sich im Spiegel. Die Andere hatte eine Braue hochgezogen, ihre besorgte Stimme konnte über das spöttische Funkeln in ihren Augen und den angeekelten Zug um ihren Mund nicht hinwegtäuschen.

,,Hmh!‘‘, antwortete Jasmin und fing an, ihr Gesicht im Waschbecken zu verstecken, bis die Tür zu hören war.

Die offene Stelle wollte nicht aufhören zu bluten. Mit einem Papiertuch stillte sie die Wunde, erst jetzt wagte sie den Blick in den Spiegel. Wo vorher ein milchig-gelber Vulkan geprangt hatte, lag nun ein Krater, rot wie eine Alarmleuchte. Endgültig geschlagen, zog sie sich in ihre Kabine zurück und trocknete ihre Tränen mit Klopapier.

Um zum nächsten Supermarkt zu laufen, wo es das nötige Rüstzeug gegeben hätte, war es längst zu spät. In einer Viertelstunde fing der Nachmittagskurs an, es herrschte Anwesenheitspflicht. Sie hatte keinen Schal bei sich, mit dem sie ihr Gesicht hätte vermummen können, und den Kragen ihres Pullis so weit hinaufzuziehen, würde ihr endgültig den Ruf einer Verwirrten einbringen. Die Schminke, durch Tränen und Schweiß völlig verschmiert, wusch sie den Abfluss hinunter. Die Person, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, war eine vollkommen Fremde. Wäre sie ihr auf der Straße begegnet, sie hätte sie unsympathisch gefunden.

Zu dem Blockkurs waren es zehn Gehminuten. Alle Menschen schienen einzig wegen ihr unterwegs zu sein. Über Mundpropaganda und Glasfaserkabel hatte sich die Nachricht von Jasmins Misere über die gesamte Stadt verbreitet und lieferte die Breaking News für alle sozialen Netzwerke. Passanten überquerten extra die Straße, um einen Blick auf sie zu erhaschen. Busfahrer dehnten den Halt aus, um ihren Fahrgästen und nicht zuletzt sich selbst die Chance nicht entgehen zu lassen. Und der Hausmeister, er brachte, als sie vorbeikam, die Säge zum Verstummen und gaffte ihr unverhohlen hinterher. Der Flur vor dem Seminarraum lag leer, die Tür geschlossen. Ein Blick aufs Handy verriet, dass sie bereits acht Minuten zu spät war. Undenkbar, in diesem Zustand vor aller Augen einen Platz suchen zu müssen. Sie sank auf den nächstbesten Stuhl, dankbar, dass das Flurlicht einen Bewegungsmelder besaß und erlosch. Das war das Beste, was sie momentan tun konnte: Versuchen, nicht da zu sein.

In der Pause stahl sie sich mitten im Trubel der nach draußen Strömenden hinein, die keine Notiz von ihr nahmen. Auch Mellie und Jana, die mit zwei anderen Mädchen zusammenstanden, gaben vor, sie nicht zu bemerken. Ein Platz in der letzten Reihe erlaubte ihr zum ersten Mal heute, etwas ruhiger zu werden. Verglichen mit den letzten Stunden, fing sie sogar an, sich regelrecht wohl zu fühlen. Niemand interessierte sich für sie, mit ein wenig Glück würde sie in drei Stunden unbehelligt zu Hause sein.

Etwas an diesem Raum irritierte sie von Anfang an. War das der Teppichboden, der auf einmal so roch, als habe ein Hund darauf uriniert? Jasmin schaute umher, ob auch die anderen die olfaktorische Beleidigung bemerkt hatten. Im nächsten Augenblick begriff sie und erlitt einen zweiten Schock. Sie senkte die Nase in Richtung Achsel, hielt inne, nahm einen tiefen Atemzug. Ihre Achseln rochen wie ein Lager Schafskäse, den man vergessen hatte und der an den wenigen Stellen, die noch nicht von Schimmelpelzen befallen waren, bröckelte und Risse bekam und ranzig roch. Genauso roch sie: Als wäre ihr Haltbarkeitsdatum abgelaufen.

Die Ersten guckten schon, taten so, als dehnten sie sich bloß, dabei linsten sie seitwärts herüber. Jeder wollte sehen, wer dieser Mensch war, der so stank, dass er ein ganzes Auditorium in Atem hielt. Jetzt setzte sich auch noch die von vorne neben sie, weil der Professor Teamarbeit wollte.

,,Du hast da was.‘‘, sagte das Mädchen. Sie hatte brustlange, braune Haare, die nach einer kostspieligen Waschlotion dufteten, und ein Schwanengesicht. ,,Ich glaube, das ist entzündet.‘‘

Jasmin nickte und begann, über die Vor- und Nachteile mehrfaktorieller Experimentaldesigns zu sprechen, wie es die Aufgabe war.

,,Ich hab Deo dabei, wenn du willst.‘‘, sagte das Mädchen. ,,Vorn in meiner Tasche, müsste es nur kurz holen gehen.‘‘

Jasmin begegnete für eine vielsagende Sekunde ihrem Blick. ,,Nein danke.‘‘, erwiderte sie. ,,Außerdem machen mehrere unabhängige Variablen es schwerer, kausale Rückschlüsse zu ziehen.‘‘

,,Das ist aber ein gewaltiger Mitesser. Ich hab immer Puder, Salbe und Abdeckstift dabei, für den Fall.‘‘

,,Ich auch, hab’s nur heut‘ vergessen.‘‘, knurrte Jasmin.

,,Mmh.‘‘, antwortete das Mädchen und lächelte herzlich.  

Zu Hause schloss sie sich eine Stunde lang im Bad ein. Die erste halbe Stunde nahm sie ein Bad. Zur Feier des Tages öffnete sie eine Badeschokolade mit Vanillegeschmack. Anschließend veranstaltete sie ein Fest aus Gesichtswassern, Feuchtigkeitscremes (ohne Öl), Concealern, Puder, Primern, Foundations, Schwämmchen und Rouge. Unter den Pickel tupfte sie etwas hellere Schminke, um dem Schatten entgegenzuwirken. Zu guter Letzt, sie fühlte sich gerade im Flow, schminkte sie ihre Augen leuchtender, was zusätzlich vom Pickel ablenken würde. Nachdem sie eine ganze Weile in der Reconquista ihres Gesichts völlig aufgegangen war, musste sie einsehen, dass trotz hochwertigster Schminke und kunstfertigster Anwendung etwas zu sehen blieb. Kein Vergleich zwar zu vorher, doch da neben ihrer Nase trieb sich unverkennbar eine illegitime Ballung überflüssigen Gewebes herum, so rot wie eine Rettungsboie. Da der Pickel sich entzündet hatte, machte er sich auch noch beim vorsichtigsten Lächeln bemerkbar.

Eine Komposition erlesenster Düfte verströmend, verließ Jasmin das Bad und warf sich aufs Bett und überlegte, ob sie Ben absagen sollte. Andererseits, wenn ein Pickel ausreichte, seine Liebe zu ihr ins Wanken zu bringen, was wäre das dann für eine Liebe? Sie beschloss, ihn ganz bewusst mit ihrem Makel zu konfrontieren. Wie auch immer seine Reaktion ausfiel, sie würde Aufschluss darüber geben, wie es um ihre Beziehung stand.  

Bei der Begrüßung wartete sie ab. Er beugte sich vor und küsste sie. Das erleichterte sie, aber es tat auch weh, denn er setzte den Kuss auf etwas oberhalb ihres linken Mundwinkels, was den Pickel spürbar reizte.  

,,Wie geht’s dir?‘‘

,,Hm, gut.‘‘

,,Das klingt jetzt aber nicht so gut.‘‘, lachte Ben und verschlang den ersten Bissen aus seiner Dönerbox.

Ihr ging es ganz offensichtlich nicht gut, und er lachte? Mit einer Stimme, welche die Raumtemperatur umgehend um ein paar Grad reduzierte, sagte sie: ,,Man kann nicht immer Bombenstimmung sein, meinst du nicht?‘‘, und spießte ihrerseits ein Stück Dönerfleisch auf ihre Gabel. Ben hatte Dönerboxen für sie beide besorgt.

Er aß erst einmal weiter und schaute dabei drein wie ein gescholtener Hund. Dann richtete er sich auf, während er einen tiefen Atemzug nahm, und verkündete mit heiterer Miene: ,,Tobi kommt jetzt auch mit aufs ,Mammut‘. Mann, das wird genial, alle Jungs endlich mal wieder vollzählig.‘‘ Das ,,Mammut‘‘ war ein Mountainbikefestival, auf das Ben in den nahenden Herbstferien mit seinen Freunden gehen wollte. Jasmin fand es schade, dass er die paar freien Tage, die ihnen inmitten des Semestertrubels blieben, lieber mit seinen Kumpels auf Schlammrouten verbrachte als mit ihr. Das hatte sie ihm schon gesagt. Er wusste das. Sie würde es jetzt nicht nochmal sagen, sie wollte ja keinen Streit vom Zaun brechen. Sie schenkte ihm das breiteste Lächeln, das ihr momentan zugänglich war, und erklärte: ,,Schön, ich freu mich für dich.‘‘

Im nächsten Moment biss sie in eine Zwiebel. Ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse des Ekels. Sofort stand sie auf und spuckte das verhasste Gemüse in den Mülleimer. ,,Ben, wie oft hab ich dir gesagt, dass ich Zwiebeln nicht mag?‘‘

Das ,,Tut mir leid, hab’s vergessen.‘‘ schien er mehr zum Tisch als zu ihr zu sprechen. Kurz darauf verschwand er auf Toilette. Als er zurückkam, war Jasmin fast fertig damit, alle Zwiebeln auf einen separaten Teller auszulagern. Was war so schwer daran, sich etwas so Einfaches über seine Freundin zu merken? Manchmal hatte sie den Eindruck, er höre ihr gar nicht zu.

Nachher beim Film legte er den Arm um sie. Doch es war anders als sonst. Seine Umarmung hatte nichts Geborgenes, der Arm lastete bloß schwer auf ihren Schultern wie ein Stück Holz. Auch streichelte er sie nicht mit seinen Fingerspitzen, wie er es bislang zu tun gepflegt hatte. Auf einmal fühlte sie sich so distanziert. Da saß ein Mann in ihrem Bett und hatte den Arm um sie gelegt, aber sie wusste gar nicht, was das für ein Mensch war, was ihm wirklich durch den Kopf ging und was er tatsächlich von ihr hielt.

Zeitgleich mit einer Regenszene, in welcher eine blonde Protagonistin dem Taxi ihres Geliebten nachweinte, drehte Jasmin ihren Kopf zu Ben. Ben erschrak, denn damit hatte er nicht gerechnet, nicht mitten im Film, nicht nach dem bisherigen Verlauf dieses Abends. Jasmins Augen sprangen zwischen seinen braunen Augen hin und her, und ihre Offenheit bestürzte ihn. Darin lag etwas Flehentliches, es machte keinen Hehl daraus, dass es nicht warten konnte, dass es keine Zeit zu verlieren galt. Sie brauchte seine Hände, die ihr das T-Shirt über den Kopf zerrten, und zwar hier und jetzt. Sie brauchte seine Hände, um ihre Hose loszuwerden, während sie sich um den BH kümmerte, und zwar jetzt und hier. Dazu, noch die Socken abzustreifen, ließ sie ihn nicht kommen, schon streckte sie die Arme nach ihm aus wie eine Sterbende auf Suche nach Beatmung. Im Blaulicht ihres Laptops, der einzigen Lichtquelle, glänzten ihre Augen von einem Fieber, die Pupillen schwarze, kleine Nadelköpfe. Ihm war, als könnte er in ihren Augen sehen, wie er in sie eindrang, ja als werfe sein Schwanz einen Schatten in ihre Augen.

Er war heftiger als sonst. Sie versuchte sich festzuhalten, doch er stieß so stark, dass sie jedes Mal den Halt verlor und ihre Hände haltlos in der Luft baumelten wie die Glieder einer Holzpuppe. Er vögelte sie, als hämmere er sie zurecht.

Danach lag sein Kopf in ihrem Schoß, während seine Hand ihr Bein streichelte. An einer Stelle auf der Innenseite ihres rechten Oberschenkels hielt er an, umkreiste etwas. ,,Da ist was.‘‘, bemerkte er.

Jasmin setzte sich gerade auf, sodass er seinen Kopf von ihr herunternehmen musste. ,,Hast du jetzt erst meine Narbe bemerkt?‘‘

Ben sah von dem hellen, sich leicht abhebenden Punkt zu ihrem Gesicht und wieder zurück auf die Narbe. ,,Woher hast du die?‘‘

,,Ein Mückenstich in meiner Kindheit.‘‘, erwiderte Jasmin und ging auf Toilette.

Nachts lag sie wach. Neben ihr atmete Ben ruhig und gleichmäßig. Sie konnte nicht glauben, dass er friedlich schlief und von dem Sturm, der in ihr wütete, nichts mitbekam. Wie ignorant musste man sein? Seine Gleichgültigkeit versetzte ihr Stiche.

Am nächsten Morgen, nachdem er gegangen war, setzte Jasmin sich in den Spalt zwischen Bett und Sofa, das Kuscheleck. Sie hatte noch nicht geduscht, nicht einmal Zähne geputzt, und sie roch nicht gut, aber sie stank auch nicht. Es duftete nicht wie sonst nach Parfüm und Cremes und Körpermilch, sondern nach dem, was übrigblieb, wenn das alles wegfiel. Sie war immer noch dabei, diesen Geruch zu begreifen und zu akzeptieren.

Das Polizeiauto bemerkte sie natürlich erst, als es Blaulicht einschaltete und sie zum Anhalten zwang, weil sie über Rot gefahren war.

,,Es tut mir leid, ich habe einen Moment nicht aufgepasst, ich bin spät dran und meine Kleinste wartet in der Schule, ihr Bruder hat ADHS und wollte kaum ins Auto steigen, ich musste ihn nämlich zu seinem Vater bringen, es tut mir leid.‘‘

Der Polizist warf einen Blick auf die Frau Mitte Vierzig mit blondierten Haaren und Falten um die Mundwinkel.

,,Werden Sie erwachsen.‘‘, sagte er, gab ihr die Buße und wünschte ihr einen schönen Tag.

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