Der Verrat

Der

Verrat

Mara wünscht sich jemanden, an dessen Schulter sie ihren Kopf lehnen und dessen Arme ihr das Gefühl geben können, alles werde wieder gut. Jemanden abgesehen von Nattie, versteht sich, eigentlich Nathalie, Maras bester Freundin seit der ersten Klasse.

Sie hören auf, Mädchen zu sein, und sind noch keine Frauen. Sie entdecken ihren Körper als etwas, das inszeniert werden kann, und probieren verschiedene Wimperntuschen aus – Kammreihen, Bananenbürsten -, daheim vor Natties Spiegel. Anschließend gehen sie raus und testen aus, was wie wirkt, und im letzten Bus von der Party nach Hause berichten sie einander ihre neuesten Erkenntnisse, wie zwei Forscherinnen auf der Jagd nach der großen Entdeckung.

Es ist die gemeinsame Heimfahrt mit Nattie, die Mara an den Partys am meisten schätzt. Dass die Partywelt ihr nicht liegt, merkt sie schnell, auch wenn sie es nicht zugibt, nicht einmal vor Nattie, auch wenn sie hofft, wenn sie es nur oft und lange genug probiere, werde die Party vielleicht doch noch Spaß machen. Nattie dagegen scheint ein Naturtalent. Mit Bewunderung und ein wenig Neid beobachtet Mara, wie ihre Freundin zur Musik alle Hemmungen fahrenlässt und einen Blick nach dem anderen auf sich zieht. Nur eine Frage der Zeit, bis einer sich ein Herz fasst und sie anspricht. Verstohlen blickt Mara um sich, ein Teil von ihr hofft, auch angesprochen zu werden, ein anderer Teil befürchtet, es könnte sie tatsächlich einer ansprechen, denn was redet man dann? Und was, wenn er sie nach ein paar Worten schon küssen will? In der Schule und in ihrem Boxclub gibt es den ein oder anderen, der ihr gefällt, so wie Luca aus der Parallelklasse, der mit seinem herrlich verstrubbelten Haar immer so aussieht, als sei er gerade erst aufgestanden, oder wie ein Collie. Aber wie nimmt eine Frau zu einem Mann, der ihr gefällt, Kontakt auf? Mara hat gehört, es gibt da Signale, aber ihr hat nie jemand erklärt, welche, und sie sieht auch nicht ein, wieso man nicht einfach sagen kann, was Sache ist. Wieso muss am Anfang eine verwirrende Show nötig sein? Je mehr sie darüber nachdenkt, desto klarer wird, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Bei allen anderen läuft es, nur bei ihr nicht. Entweder wird sie gar nichts auf die Reihe kriegen oder etwas Verkorkstes wie ihre Eltern.

Natürlich hat Nattie zuerst einen festen Freund. Bruno geht in die Klasse eine Stufe über Nattie und Mara und hat in den Mittagspausen im Pausenraum bei der Zehntklässlerin mit der Schleife im Haar hart gearbeitet, bevor er sie endlich mit seinem Moped nach Hause bringen und ihre Nummer einspeichern darf. Am Anfang nervt er Mara mit seinen endlosen Anekdoten von den Saufabenden mit der Dorfjugend. Kann er auch mal ernsthaft sein? Aber weil es Nattie nicht mehr ohne Bruno gibt, hat Mara keine Wahl, sie muss sich an Bruno gewöhnen, und sobald sie ihn mit Natties Augen zu sehen beginnt, versteht sie, wieso man Bruno tatsächlich liebgewinnen kann. Natürlich nicht auf dieselbe Art wie Nattie. Selbst wenn Bruno nicht der Freund ihrer besten Freundin wäre, würde sie ihn nicht küssen wollen.  

Während Nattie nach dem Abi weg will, egal wohin, und für sechs Monate nach Valencia geht, um Spanisch zu lernen, bleibt Mara in der Stadt und fängt an, Romanistik und Kunstgeschichte zu studieren. Nattie und sie waren noch nie so lange getrennt. Sie telefonieren täglich, selbst wenn nur zehn Minuten bleiben. Seit geraumer Zeit sprechen sie vor allem über Natties Beziehung. Nattie fehlt etwas, ohne dass sie benennen könnte, was. Der räumliche Abstand, all die neuen Kontakte verwandeln ihre Zweifel in Gewissheit. ,,Ich vermisse Bruno nicht so, wie ich ihn vermissen sollte.“  

Am letzten Freitag im Oktober steigt Nattie in Valencia ins Flugzeug, am Samstagvormittag trifft sie Bruno. Den Nachmittag verbringt sie tränenüberströmt in Maras Schoß. Am Sonntagmittag steigt sie in den Flieger zurück nach Valencia. Noch in der Luft schreibt sie Mara, sie habe sich noch nie so frei gefühlt.

Sie habe einen Rückfall gehabt, gesteht sie Mara fünf Monate später. Inzwischen ist Nattie zurück in der Stadt und wird in zwei Wochen, wenn das Sommersemester losgeht, wie Mara Kunstgeschichte anfangen. Sie habe Mara doch von George erzählt, fährt Nattie fort, dem Maschinenbauingenieursstudenten aus Ohio, mit dem sie in Valencia vier Wochen lang eine Affäre gehabt habe, bis sich herausgestellt habe, dass George nur an Sex interessiert sei. Und von dem One-Night-Stand, ihrem ersten und letzten, mit diesem Astrophysiker, der spröde Hände gehabt und mit dem Dirty Talk gar nicht mehr habe aufhören wollen. Diese Erfahrungen hätten ihr gereicht, um sich einzugestehen, dass sie für solche rein körperlichen Sachen nicht der Typ sei. Dafür entwickle sie zu schnell Gefühle, habe Sex für sie zu viel mit Liebe zu tun. ,,Vielleicht ist das der Grund, warum ich gestern, als ich Bruno im ,Habana‘ wiedergesehen hab‘, mit ihm nach Hause gegangen bin. Plötzlich ist es mir wieder eingefallen, wie sich das angefühlt hat, jemanden zu lieben und zu wissen, der liebt einen auch. Jedenfalls, diese Nacht hat mir gezeigt, dass das mit Bruno ein für allemal vorbei ist. So gesehen hat sich die Nacht gelohnt.“

,,Mit Nattie ist endgültig Schluss.“, verkündet Bruno am nächsten Tag Mara nach seiner Schicht im Café Tolstoi. Sie sitzen an dem Ecktisch neben der Dartscheibe. Früher, das heißt bis vor einem halben Jahr, haben Nattie und Mara fast täglich an diesem Tisch gesessen und an dieser Dartscheibe zu zweit gegen Bruno gespielt. Mara ist gar nicht auf den Gedanken gekommen, damit aufzuhören, nachdem Nattie sich getrennt hatte. Nach dem Pflichtteil des Tages oder an einem leeren Nachmittag aufs Rad zu steigen und die zehn Minuten zum Tolstoi zu fahren, gehört mittlerweile zu ihrem Leben wie Zähneputzen. Nattie weiß es, und es interessiert sie nicht.

Natürlich war es nach der Trennung nicht mehr dasselbe. Wie zwei alte Veteranen, zwischen denen ein stillschweigendes Abkommen besteht, das Trauma, das sie zusammenschweißt, nicht unnötig aufzuwühlen, sprach weder Bruno über die Trennung, noch fragte Mara danach. Zu Maras Überraschung erzeugte Natties Abwesenheit keine Leerstelle. In zwei Jahren Beziehung hatte Nattie ihr so viel anvertraut, dass Mara geglaubt hatte, Bruno zu kennen. Von der Nachdenklichkeit und Verletzlichkeit, die sie nun entdeckte, hatte sie nichts geahnt. Sie fragte sich, ob sie immer schon dagewesen und bloß sorgfältig versteckt worden waren, oder ob die Trennung von Nattie sie erst hervorgebracht hatte. Sie haben nie darüber gesprochen, bis heute Abend.

,,Um ehrlich zu sein“, fährt Bruno fort, ,,bis gestern Abend habe ich gehofft, Nattie bereut die Trennung. Jetzt bin ich ihr dankbar. Es hat schon seit Monaten nicht mehr gepasst. Nattie und ich, das ist wie Marteria und Bayern München, beide sind ohne einander besser dran. Sie hat sich immer beschwert, ich würde mich nicht für ihre Bilder interessieren. Dabei finde ich die Bilder von diesem Caspar David Balthasar gut! Es war ihre Art, darüber zu reden, die mich gestört hat. Sie hat mit mir geredet wie mit einem Dorftrottel, der eh‘ nix von Kunst versteht.‘‘

Mara verbietet sich, es zu zeigen, aber insgeheim muss sie Bruno Recht geben. Sobald Nattie über Kunst spricht, scheint sie ihrem Gegenüber beweisen zu wollen, was für ein Banause es ist.

,,Ich will unsere gemeinsame Zeit nicht schlechtreden. Aber weißt du, was sie als Trennungsgrund genannt hat? Ich wäre so ein Gewohnheitstier.‘‘

Mara ist hin- und hergerissen. Darf sie Bruno zustimmen, weil sie ihn versteht, oder wäre das schon Verrat an Nattie? Ist es überhaupt erlaubt, dass sie mit dem Ex-Freund ihrer besten Freundin über sie spricht?

,,Weißt du noch, im Supermarkt-‘‘ Bruno kneift schelmisch ein Auge zu. ,,Als dieser dämliche Bella-Ciao-Remix lief, und du hast das wirklich gemacht, du hast eine Bodenrolle gemacht, mitten im Supermarkt, vor allen Leuten!‘‘ Ihr fällt zum ersten Mal auf, dass sein rechtes Auge beim Lachen weiter zu ist als das linke, was ihm ein verwegenes Aussehen verleiht, fast wie ein Pirat. ,,Und Nattie stand daneben und fand’s peinlich.‘‘

Nachdem sie mit Lachen aufgehört haben, starrt Mara in ihr halbvolles Bierglas. Aus irgendeinem Grund fühlt sie sich verlegen.

Nach einem Schweigen sagt Bruno: ,,Dafür hab‘ ich dich schon immer bewundert. Du machst, was du willst, egal was andere von dir denken.‘‘ Sie spürt, dass er sie anschaut. Sie gibt dem Sog seiner Augen nach und erwidert den Blick, ihr Gesicht brennt. ,,Manchmal“, hört sie ihn sagen, ,,muss man erst einen Umweg nehmen, bevor man erkennt, dass das Glück die ganze Zeit direkt vor einem lag.‘‘

Wer von ihnen sich zuerst über den Tisch beugt, um den Kuss zu ermöglichen, bleibt unklar. Jedenfalls ist dieser Kuss nötig, damit Mara endlich begreift, dass sie verliebt ist. Auf dem Weg zu ihr nach Hause staunt sie über das Glänzen der Straßenbahnschienen in der Abendsonne, während ihr entgeht, dass ein gemeinsamer Bekannter von Nattie und ihr Bruno und sie nur sehen müsste, schon wüsste Nattie Bescheid.  

Im sezierenden Neonlicht des Hauseingangs werden seine Berührungen gewagter. Seine Hand auf ihrer Hüfte schickt ein Schaudern durch ihre Beine. ,,Ich will ja auch.“ , bringt sie mühsam über die Lippen. ,,Aber können wir damit noch ein bisschen warten?“ Er lockert die Umarmung, sie gibt wieder dem Sog seiner Augen nach und versteht, deshalb all das Warten, all die Frustrationen der vergangenen Jahre, sie hat sich ihr Glück verdienen müssen. ,,Du kannst natürlich gerne noch mit hochkommen.‘‘, fügt sie hinzu.

Erleichtert registriert sie, dass die Schuhe ihres Vaters nicht im Schuhregal stehen. Seit der Scheidung ist er die meisten Abende unterwegs, ohne dass er Mara oder ihrem Bruder verraten würde, wo genau. An dem Lichtschlitz unter der Tür erkennt sie, dass Merlin in seinem Zimmer steckt. Bevor er herauskommen und seine Schwester mit einem Mann ertappen könnte, was peinliche Fragen zur Folge hätte, bugsiert sie Bruno rasch in ihr Zimmer, schließt die Tür und setzt sich auf ihren Schreibtischstuhl. Bruno, in Ermangelung eines zweiten Stuhls, nimmt das Bett. Auf wundersame Weise schafft sie es irgendwie, eine Konversation am Laufen zu halten, obwohl alles, woran sie denken kann, der Mann auf ihrem Bett ist, und dass sie mit niemand anderem lieber schlafen würde. ,,Du lächelst so.‘‘, klärt Bruno sie auf. ,,Als brütest du was aus.‘‘ Ihr Lächeln wird zum Strahlen, das über die Ränder ihres Mundes schwappt und über ihr Gesicht flutet, bevor es im nächsten Moment einer tiefernsten Miene weicht. Mit Nachdruck erhebt sie sich aus ihrem Schreibtischstuhl, stellt sich vor ihn und verlangt: ,,Schlaf mit mir.‘‘

Schon vorhin, unten im Hauseingang, fährt ihr durch den Kopf, als sie noch davon sprach zu warten, da wusste sie, dass sie diese Nacht mit ihm schlafen würde. Schon lange hat sie das gewusst, ohne bestimmen zu können, ab wann die Gewissheit ihren Anfang genommen hat.

Am nächsten Mittag trifft sie Nattie in ihrem Lieblingsfalafelladen. Nachdem Bruno um kurz nach Sieben los musste ins Café, hat Mara das Tagebuch hervorgeholt und den ganzen Vormittag über analysiert, was die vergangene Nacht für ihre Freundschaft bedeutet. Rational gesehen hat sie nichts Verbotenes getan. Nattie ist nicht mehr mit Bruno zusammen, Nattie war diejenige, die Bruno nicht mehr wollte. Natürlich wird Nattie trotzdem verletzt und wütend sein. Mara muss ihr versichern, es tue ihr leid, es sei ein einmaliger Ausrutscher gewesen, sie muss Nattie um Entschuldigung bitten. Nattie wird ihr die Absolution noch ein paar Tage, höchstens eine Woche lang vorenthalten, dann wird sie ihr verzeihen. Mara tut es aber nicht leid. Sie sieht nicht ein, wieso sie Nattie um Entschuldigung bitten sollte, und sie hat auch nicht vor, es bei einem Ausrutscher zu belassen. Im Gegenteil, sie kann es kaum erwarten, ihrer Freundin die Neuigkeiten zu verkünden, ihr Glück mit Nattie zu teilen. Alle Einzelheiten will sie Nattie schildern, von Brunos Geständnis, sie sei das Glück, das all die Zeit direkt vor ihm gelegen habe, über seinen Geruch nach Deo und Schweiß, der sie mit Stolz erfüllt, weil es der Geruch eines Mannes ist, bis zu dem Gefühl, wie es ist, wenn ein Mann in einem Punkte berührt, die nie zuvor berührt worden sind.

Stattdessen hört Mara zu, wie Nattie ihr Zimmer aufgeräumt hat, und hilft ihrer Freundin anschließend bei der Suche nach einem neuen Kleid. Die Nattie, die vor ihr posiert, ist dieselbe Nattie, die ihr gestern gegenübersaß und Chai Latte trinkend von einer ernüchternden Nacht mit dem Ex berichtet hat; die Mara, die gestern zugehört hat, ist aber nicht dieselbe Mara, die heute Natties Kleider von Null bis Zehn bewertet. Und solange Mara nichts sagt, bemerkt Nattie nichts. Dreizehn Jahre lang haben sie sich alles gesagt, und trotzdem genügt es, einmal nichts zu sagen.  

Nachmittags kauft sie mit Nattie Kleider ein, abends lässt sie sich von Natties Ex auf derselben Matratze verwöhnen, auf der er vor zwei Tagen noch Nattie verwöhnt hat, ein Gedanke, den Mara hastig beiseiteschiebt.  

Doch dann muss sie es sich doch vorstellen. War Nattie gut? Hat sie Bruno ebenfalls dazu gebracht, noch die unscheinbarsten Stellen ihres Körpers zu küssen? Lag in Brunos Augen, wenn Nattie aufstand und seinen Pullover überstreifte, um in der Küche ein Glas Wasser zu holen, dasselbe Leuchten? Ist er bei Nattie vielleicht sogar aufgestanden und hat sie zurück ins Bett gezogen?

Als sie das nächste Mal bei Nattie ist, fallen ihr die Fotos auf. Nattie in Brunos Armen, der sich herabbeugt und sie küsst. Nattie auf Brunos Moped, die von hinten die Arme um ihn schlingt. ,,Warum hängst du die Bilder nicht ab?“, fragt Mara. ,,Also, ich meine“, schiebt sie eilig hinterher, ,,tut es nicht weh, ständig daran erinnert zu werden?“ Nattie erwidert etwas von alten Zeiten, die trotz allem Teil ihres Lebens wären. Sie hat kein Recht, die Bilder hängenzulassen, denkt Mara. Am liebsten würde sie die Bilder von der Wand reißen und zerfetzen.

Sie lüftet Sturm, eine Stunde, bevor Nattie kommt. Nicht ein einziger Partikel von Brunos Deo darf bleiben und seinen Weg in Natties Nase finden. Vorsorglich sprüht Mara eigenes Deo, dann stopft sie Laken, Decken- und Kissenbezüge, auf denen Nattie verräterische Spuren entdecken könnte, ganz unten in den Wäschekorb, bezieht alles neu und saugt überall, selbst auf Schreibtisch und Bücherregal, denn ein übersehenes Haar von Bruno würde genügen, Nattie würde es an seiner Borstigkeit sofort erkennen. Sie durchsucht noch Boden und Regale und schaut sogar unter dem Teppich nach, ob sie wirklich nichts übersehen hat, seine Socke vielleicht oder, noch schlimmer, seine Kette mit dem Wolfskopf, den er als Achtjähriger geschnitzt hat. Als sie fertig ist, durchsucht sie alles noch einmal. Noch zwanzig Minuten. Weil sie unmöglich zwanzig Minuten nichts tun kann, duscht sie zum zweiten Mal. Nichts entrinnt der Amnesie von Shampoo und Seife. Sie hat sich gerade abgetrocknet, als es klingelt. Mara schlüpft in den Bademantel, wirft einen letzten Blick in den Spiegel und zuckt zusammen. Der Knutschfleck prangt mitten auf ihrem Hals und er ist riesig. Es klingelt erneut. Als die Tür sich öffnet, steht vor Nattie eine Mara mit glühendem Kopf, glänzender Stirn und einem dicken Wollschal. ,,Ich bin krank.‘‘, krächzt sie.

Auf ihrem Laptop läuft ,,Friends“, Mara schielt zu ihrer Freundin. Nie hätte sie gedacht, dass sie einmal so neben Nattie sitzen würde, als die Lügnerin, die sie geworden ist. Sie stellt sich vor, wie ihre Stimme klingen würde, wenn sie auf Pause drücken und aussprechen würde: Nattie, ich muss dir was sagen. Während sie mögliche Sätze formuliert, verwirft, neue sucht, spürt sie, wie der Bademantel eine immer größere Fläche ihres schwitzenden Körpers einschließt. Sie sucht noch, als der Abspann einsetzt. Eine Weile unterhalten sie sich über den Film. Mara lacht sogar ein paarmal und hasst sich dafür.

Nachdem Nattie gegangen ist, duscht Mara ein drittes Mal. Bis jetzt gab es nichts, was sie Nattie nicht hätte erzählen können. Und ausgerechnet ihre erste Liebe muss sie verschweigen?

Der Dienstagabend ist seit Jahren Natties und ihr Abend. Man sagt ihn nur dann ab, wenn es wirklich nicht anders geht. Mara entschuldigt sich, es habe sie voll erwischt, sie liege mit neununddreißig Grad im Bett. ,,Erhol dich gut!‘‘, wünscht Nattie mit Kusssmiley, während Mara Bruno die Tür öffnet und in ihr Zimmer führt, direkt in ihr Bett. Ihr letzter Abend liegt kaum vierundzwanzig Stunden zurück, aber Mara braucht mindestens einmal pro Tag etwas von Bruno, eine Hand, die sie sich auf die Brust legen, seine Beine, um die sie ihre scheren kann.  Sie weiß, sie tut gerade etwas Falsches, und noch nie hat sich etwas so richtig angefühlt.

Weil sie noch einen Abstecher zum Supermarkt macht, um das Vanille-Erdbeer-Softeis zu kaufen, Natties und ihr Lieblingseis, wird es kurz nach Eins, bis sie endlich an Natties Haustür klingelt. Doch es ist nicht der Ärger über die Verspätung, was Mara bei Natties Anblick zusammenzucken lässt. Nattie betrachtet sie wie ein lästiges, besonders abstoßendes Insekt. ,,Komm‘ rein.‘‘ Mara folgt ihr bis zum Esstisch, wo Nattie stehenbleibt.

,,Um es kurz zu machen, ich hab‘ gestern Abend Brunos Rad vor deiner Haustür gesehen.‘‘, sagt Nattie. ,,Was mich die ganze Nacht am Schlafen gehindert hat, ist nicht so sehr die Tatsache, dass du meinen Ex vögelst, sondern dass du mir ins Gesicht gelogen hast.“ Natties Worte klingen wie auswendig gelernt. ,,Wie lang du mich belügst, weiß ich nicht, ich hoffe für dich, dass es nur ein paar Tage waren. Muss ich erwähnen, dass ich nicht weiß, wie ich einer so hinterfotzigen Schlampe wie dir jemals vertrauen konnte? Ich habe dir alles erzählt. Du hast mich verraten.‘‘

,,Es tut mir leid.‘‘ Mara hört selbst das Lächerliche dieser Worte.

Nattie lacht auf, ein hässliches Lachen, nicht weil es hasserfüllt, sondern weil es bemüht klingt, weil es kläglich daran scheitert zu überspielen, wie es in Nattie wirklich aussieht. ,,Glaubst du im Ernst, du kannst dich entschuldigen?‘‘ Ihre Stimme hallt durch das leere Haus. Dann, ruhig und sachlich: ,,Ich will dich nicht mehr in meinem Leben haben. Bitte geh‘ jetzt.‘‘

Benommen, als wäre sie in voller Fahrt gegen ein Stoppschild gefahren, setzt Mara sich in Bewegung und schafft es irgendwie zur Haustür. Ihre Hand berührt die Klinke, zuckt zurück. Flehend dreht sie sich zu Nattie um.

,,Vergiss‘ deine Tasche nicht.‘‘, sagt Nattie. Ihr Kinn zittert.

Mara beugt sich hinunter, hebt die Tüte mit dem Vanille-Erdbeer-Softeis auf und verlässt das Haus.

,,Ach, und hey, sag‘ Bruno liebe Grüße.‘‘, hört sie Nattie rufen.

Mara durchquert den Garten, vorbei an der Schaukel, an der sie sich als Mädchen einmal den Fuß verknackst hat, vorbei an dem Holunderbusch, aus dessen Blüten sie jeden Sommer Sirup gekocht haben.

***

,,Die reagiert doch völlig über. Sowas kann man doch besprechen wie Erwachsene. Typisch Nattie! Tut mir leid für eure Freundschaft. Aber willst du mit so einer wirklich befreundet sein?‘‘

Es ist das erste Mal, dass Mara sich aus Brunos Umarmung befreit. Er hat keine Ahnung, um was es geht, weil er selbst viel zu tief darin verwickelt ist, und weil er ein Mann ist. Bruno blickt nicht, dass Maras Verrat ein Symptom ist und dass der eigentliche Hund viel tiefer begraben liegt. Warum stört es Nattie eigentlich, dass Mara mit ihrem Ex-Freund schläft?

Mara taucht den linken Zeh ins Badewannenwasser und testet. Es ist gerade so heiß, dass es ein bisschen wehtut, aber auf die kribbelige Art, die sie mag. In einer fließenden Bewegung gleitet sie ins Wasser.

Worum es Nattie eigentlich geht, ist die Vorrangstellung, die Mara ihr streitig gemacht hat. Wehe, eine stellt Natties Anspruch, die Königin der Verführung zu sein, infrage. Und dann auch noch Mara – Revolution! Solange Nattie Mara trösten und ihr versichern konnte, dieser und jener Typ seien doch ihrer nicht wert, war für Nattie die Welt in Ordnung. Von einer Mara, die man trösten muss, geht keine Bedrohung aus. Ihre Freundschaft hat darauf beruht, dass Nattie Mara kleinhielt und Mara Natties Überlegenheit anerkannte.

Mara taucht aus dem Wasser wie ein Phönix aus der Asche. Bruno hat ihr die Augen geöffnet und ihr gezeigt, dass sie Nattie in Sachen Anziehung in nichts nachsteht, und weil Nattie das nicht ertragen kann, hat sie die Freundschaft beendet. Sie lässt das Wasser ab, streift, sobald sie in ihrem Zimmer ist, das Handtuch ab und tritt vor den Spiegel. Sie beginnt bei den Brüsten, die ihr immer zu klein vorgekommen sind und anders geformt als in den Magazinen, also falsch. Ihr Blick gleitet weiter zu ihrem Bauch; jedes Silvester hat sie sich vorgenommen, ihn um mindestens fünf Kilo zu verringern, jedes Jahr ist sie gescheitert. Sie dreht dem Spiegel den Rücken, wirft ihm über die Schulter einen Blick zu und streichelt mit der Hand über ihr Schulterblatt. Sie stellt sich vor, es sei Brunos Hand, die ihre Brüste umschließt, es seien seine Lippen, die sie am Bauch kitzeln. Eine grimmige Zufriedenheit breitet wie ein Raubvogel ihre Schwingen über ihr Gesicht. Nicht nur, dass sie Nattie gezeigt hat, dass sie nicht minder begehrenswert ist. Sie hat den Mann, der früher Nattie begehrt hat, dazu gebracht, sie zu begehren. Sie hat Nattie besiegt. Erregung sprenkelt die Haut, die sie eincremt. Erst in der Straßenbahn auf dem Weg zu Bruno fällt ihr ein, dass die Creme ein Geschenk von Nattie war.

,,Ich wünschte, wir hätten uns an einem anderen Punkt unseres Lebens kennengelernt.“, sagt Bruno. ,,Dann wäre das alles nicht so kompliziert, und eure Freundschaft wäre noch ganz.“

,,Ich bereue nichts.“, sagt Mara.

Auf WhatsApp hat Nattie sie blockiert. Auf Instagram hat ,,nattie<3‘‘ sie deabonniert. Facebook schlägt ihr vor, ,,Nathalie1999‘‘ eine Freundschaftsanfrage zu schicken. Nattie scheint entschlossen, Mara nicht nur aus ihrer Zukunft, sondern auch aus ihrer Vergangenheit zu löschen.

Bereits beim Anstehen in der Schlange für die Semester-Opening-Party bestätigt sich Maras Befürchtung. Ein paar Meter weiter vorne leuchtet unverkennbar Natties gelber Anorak. Der Anblick des nussbraunen Haarschopfes trifft Mara unerwartet heftig. Ihre Fingerspitzen erinnern sich noch an die Berührung dieser Haare, die sie einst zu klassischen Wasserfall- oder schlagfertigen Boxerzöpfen geflochten haben. Aber sie wird sich ihre erste Party mit ihrem Freund nicht verderben lassen.

Mara greift nach Brunos Hand und drückt sie. Er drückt zurück und lässt los. Eben noch, beim Vorglühen mit seinen Kumpels hat er sichtlich genossen, wie Mara den Kopf auf seine Schulter legte oder die Hand auf sein Bein. Seit sie hier sind, scherzt er mit seinen Freunden, als wäre sie gar nicht da.

Sie entdeckt Nattie vor der Bühne wieder, wo ein Typ sich verzweifelt abmüht, ihr demonstratives Desinteresse zu überwinden. Natürlich hat Nattie diese Position nur deshalb ausgewählt, weil sie in Brunos Blickfeld liegt und weil Nattie Brunos Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Hoffentlich tut es ihr weh, wenn sie sieht, dass Bruno gleich Mara küssen wird. Mara streckt sich hoch zu Bruno. Weil er sich weiter mit Lars unterhält, wird es ein Kuss auf die Backe. Sie versucht es noch einmal, lächelt ihn an, wartet darauf, dass er sich zu ihr dreht. Als er sich weiter mit Lars unterhält, geht sie auf Toilette.

Als sie zurückkommt, hört sie Lars sagen: ,,Nimm’s nicht so schwer, Alter!‘‘ Nattie steht immer noch bei dem Typen, der zappelt vor Aufregung, endlich ihre Aufmerksamkeit erregt zu haben. Nattie schenkt ihm die Gunst eines Lächelns, das heißt, sie bleckt die Zähne, wie sie es immer tut, wenn sie demonstrieren möchte, was für tolle Zähne sie hat, was für eine knuffige Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen. Die Fingernägel in Maras geballter Hand brennen.

Auf einmal scheinen entweder die anderen gewachsen oder sie geschrumpft zu sein, jedenfalls fühlt sie sich wieder wie die Vierzehnjährige, die abends in ihrem Bett lag und aus der Küche die typischen Geräusche hörte, das Klirren einer neuen Flasche, das Gluckern, wenn ihre Mutter nachfüllte. ,,Du verstehst das nicht.“, hört sie ihre Mutter sagen, sie klingt enttäuscht. ,,Du verstehst das nicht, aber irgendwann wirst du es verstehen.“ Mara zuckt die Schultern, arbeitet sich vor zur Bar und bestellt eine Vodka-Cola, die sie in zwei Zügen leert, bevor sie nachbestellt.

Kurz darauf beim Tanzen knicken ihre Beine plötzlich weg. ,,Oh‘‘, macht sie, als sie kurz vor dem Aufschlag von Brunos Armen aufgefangen wird. ,,Was für ‘ne erfliche- erfreuliche Landung!‘‘ Ihre Zunge fühlt sich an wie altes Kaugummi. ,,Du bist betrunken.‘‘, sagt er trocken und richtet sie auf. – ,,Umarm‘ mich nochmal!‘‘, bittet sie ihn und kippt erneut weg, diesmal gegen seine Brust. – ,,Du hast genug getrunken.‘‘, sagt er nüchtern. – ,,Bitte, nur noch eine Umarmung!‘‘, bettelt sie. ,, Mara‘‘, erwidert er, ,,es ist besser, wenn du jetzt nach Hause gehst.‘‘ Die Art, wie er ihren Namen ausspricht, lässt sie die Übelkeit bemerken. Sie stolpert los.

Nachdem sie ein Bier, zwei Gläser Wein und drei Vodka-Cola der Kloschüssel übergeben hat, bleibt sie vor der Schüssel sitzen, bis sie jedes Zeitgefühl verloren hat. Zurück auf der Party, hat die Halle sich geleert. In der Mitte tanzt ein Paar eng umschlungen, Nattie und Bruno. Ein gelber Scheinwerfer streift sie, es sind doch zwei andere. Weder Bruno noch Nattie sind noch da.

Beim siebten Anruf nimmt er ab. ,,Es tut mir leid, Bruno, es wird nie wieder vorkommen. Heute Abend koch‘ ich uns was, okay?‘‘ Heute Abend müsse er arbeiten. ,,Darf ich danach zu dir kommen?“ Es werde sehr spät. ,,Das macht nichts, das macht gar nichts.“  

Als sie ihr Gesicht endlich in sein T-Shirt drückt und seinen Geruch nach Deo und Schweiß riecht, überfällt sie das heftige Verlangen, all die aufgestauten Tränen auszuschütten. Zum Glück kann sie sich zusammenreißen, damit er sie nicht endgültig für hysterisch hält. Nach ihrer Wiedervereinigung kauert sie sich an ihn. Jetzt und hier, nachts und in diesem Zimmer stellt nichts ihre Zusammengehörigkeit infrage.

,,Sie ist gestern mit diesem Typen nach Hause gegangen.‘‘, sagt Bruno in die Stille.  

Mara braucht einen Moment, bis sie schaltet. Sie wartet, ob er noch mehr sagen möchte, hofft, er möge etwas hinzufügen, das die Harmonie von gerade eben wieder zurückholt. Bruno schweigt. ,,Am Wochenende soll‘s dreißig Grad werden, wollen wir ins Schwimmbad?‘‘, fragt Mara. ,,Ich bin müde.“, antwortet Bruno. ,,Lass‘ uns schlafen.“

Als Mara sie entdeckt, ist es zu spät. Nattie sitzt an einem der Tische im Flur, gegenüber dem Typen von der Party. In Gedanken hat Mara die Situation unzählige Male durchgespielt. Sie hat sich ausgemalt, wie sie Nattie links liegenlassen wird. Sie trägt heute sogar ihr neues Kleid. Als sie es anprobierte und den Ausschnitt in Aktion sah, schwindelte ihr vor Aufregung und Freude darüber, dass sie sich zutraut, dieses Kleid zu tragen. Mara möchte nicht schauen, aber sie schaut trotzdem. Sie schaut in Natties Gesicht und hofft, Nattie möge zurückschauen, aber Nattie schaut weiter den Typen an, und dann ist Mara vorbei und um die Ecke und sinkt auf einen Stuhl und zittert wie unterzuckert.   

Am Abend sitzen sie bei ihm in der Küche und essen Kartoffelgratin. Ein beiläufiger Blick aufs Handy, Bruno rollt mit den Augen. ,,Sie hat wieder geschrieben. Sie vermisst mich.‘‘ Mara spießt zwei Kartoffelscheiben und ein Stück Lauch auf ihre Gabel und kaut, fest entschlossen, nichts zu sagen. ,,Vielleicht sollten wir uns wirklich nochmal treffen.‘‘, sagt Bruno. Mara steht auf und geht zum Kühlschrank. ,,Hier, ich hab‘ Tiramisu gemacht.‘‘ – ,,Aber das hättest du doch nicht müssen.‘‘, erwidert er betreten. – ,,Warum nicht? Du magst doch Tiramisu.‘‘ Sie schöpft zwei Portionen auf Teller, setzt sich und probiert einen Löffel. Sie steht auf, trägt die Schüssel mit dem Tiramisu zurück in die Küche und kippt sie in den Müll. ,,Was machst du da?‘‘, ruft Bruno bestürzt. ,,Er ist nicht gut geworden.‘‘, erwidert Mara. ,,Viel zu flüssig.‘‘ – ,Er ist lecker!“, beteuert Bruno und nimmt einen weiteren Löffel. ,,Er ist misslungen‘‘, beharrt Mara, ,,wann trefft ihr euch?‘‘

Was sie jetzt bräuchte, ist eine beste Freundin, mit der sie besprechen könnte, wie man damit umgeht, wenn der Freund seine Ex-Freundin trifft. Nur sind in ihrem Fall leider zwei der Personen identisch. Und Kaya und Habiba aus dem Studium, mit denen sie halbherzig versucht hat eine neue Freundschaft aufzubauen, sind genervt, nachdem sie wiederholt Mädelsabende kurzfristig abgesagt hat, um Bruno zu sehen.

Am frühen Abend bekommt sie die Nachricht. Es tue ihm leid, aber er müsse sich endlich eingestehen, dass er immer noch Gefühle für Nattie habe. Sie solle nicht denken, es liege an ihr. Er danke ihr für die gemeinsame Zeit. Alles Gute.

***

Auf der Referatsliste des Seminars über ,,Die Landschaft in der Kunst im Verlauf der Zeit“, die der Professor ihnen in der ersten Woche des Wintersemesters zuschickt, springt Mara der Name sofort ins Auge. Der Zufallsgenerator hat Mara für das Thema ,,Naturästhetik bei Caspar David Friedrich‘‘ eingeteilt, zusammen mit Nattie. Bei Änderungswünschen, schreibt der Professor, bitte melden.

Der erste Kurstermin rückt näher. Bisher hat der Professor nicht geschrieben, dass die Liste geändert worden sei.

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