Der Verrat

Der

Verrat

Svenja wünscht sich jemanden, an dessen Schulter sie ihren Kopf lehnen und dessen Arme ihr das Gefühl geben können, alles werde wieder gut. Jemanden abgesehen von Nattie, versteht sich. Eigentlich ,,Nathalie‘‘, Svenjas beste Freundin seit der ersten Klasse. Sie hören auf, Mädchen zu sein, fangen erst an, Frauen zu werden. Sie üben ihre ersten Schritte in der Welt der Mann-Frau-Begegnungen. Vor Natties Spiegel probieren sie verschiedene Lidschattierungen aus und entdecken ihren Körper als etwas, das inszeniert werden kann. Draußen testen sie dann aus, was wie wirkt. Wenn sie von der Party gemeinsam den letzten Bus nach Hause nehmen, bringen sie sich über ihre Erkenntnisse gegenseitig auf den aktuellsten Stand wie Forscherinnen auf der Spur einer revolutionären Entdeckung.

Es ist die Heimfahrt mit Nattie, die Svenja an den Partys am meisten schätzt. Ihr liegt die Partywelt nicht, auch wenn sie es ungern zugibt, auch wenn sie hofft, vielleicht müsse sie sich nur wiederholt und genügend lange exponieren, vielleicht werde sich dann ein innerer Schalter umlegen. Nattie hingegen scheint darin aufzugehen. Mit Bewunderung und ein wenig Neid beobachtet Svenja, wie ihre Freundin zur Musik alle Hemmungen fahrenlässt. Nur eine Frage der Zeit, bis Nattie die Blicke der Männer auf sich zieht und einer sich ein Herz fasst und sie anspricht. Verstohlen blickt Svenja um sich, ein Teil von ihr hofft, von einem Mann bemerkt zu werden, der andere Teil fürchtet, einer könnte tatsächlich auf sie zukommen, denn worüber unterhält man sich dann, und was, wenn er nach ein paar Worten schon einen Kuss probiert? In ihrem Leben gibt es den ein oder anderen, der ihr gefällt, zum Beispiel Luca aus der Parallelklasse, mit diesem herrlich verstrubbelten Surferlook, der ganz nett wirkt, vertrauenswürdig irgendwie, aber wie nimmt eine Frau zu einem Mann, der ihr gefällt, Kontakt auf? Sie hat gehört, es gibt da Signale, aber welche genau, hat ihr nie jemand erklärt, und ehrlich gesagt frustriert es sie, dass man nicht klar sagen darf, was Sache ist. Wieso muss am Anfang eine mehrdeutige, verwirrende Show nötig sein? Immer deutlicher nimmt in ihr das Gefühl Gestalt an, etwas mit ihr stimme nicht. Sie muss einen Mangel an sich haben, der sie für Männer für das Datingradar unsichtbar hält. Bei allen anderen läuft es, nur bei ihr nicht. Je mehr sie über das Thema Liebe und Sex nachdenkt, desto unfähiger fühlt sie sich. Sie hält es für wahrscheinlich, entweder gar nichts auf die Reihe zu kriegen oder höchstens etwas Verkorkstes nach Vorbild ihrer Eltern.

Bald lernt Nattie ihren ersten Freund kennen. Bruno besucht die Klasse zwei Stufen über ihnen und hat den Kontakt zu der Zehntklässlerin mit der süßen Art mittags beim Chillen im Kickerraum angebahnt, bis er Nattie irgendwann mit seinem Moped nach Hause bringen und im Gegenzug ihre Nummer mit nach Hause nehmen durfte. Am Anfang lehnt Svenja ihn ab. Sie hält nicht viel von ihm, mit seinem Freundeskreis aus der Dorfjugend und seinen witzigen Bemerkungen, die kein Ende finden wollen. Kann er überhaupt auch einmal ernsthaft sein? Doch mit der Zeit gewöhnt sie sich an ihn. Einmal, weil eine Nattie ohne Bruno ein rares Gut ist und Svenja keine andere Wahl hat, als seine Gesellschaft zu akzeptieren, und dann, weil sie und Nattie sich so nahe sind, dass sie automatisch Natties Blick auf Bruno adaptiert. Sie beginnt, ihn so wahrzunehmen wie ihre Freundin und zu verstehen, dass man ihn tatsächlich liebgewinnen kann. Natürlich nicht auf dieselbe Art wie Nattie. Selbst wenn Bruno nicht der Freund ihrer besten Freundin wäre, könnte sie ihm nicht im Traum etwas Anziehendes abgewinnen. Auf eine kameradschaftliche Art lernt sie ihn zu schätzen als neuen Teil von Natties und ihrer Freundschaft, der eine Prise erfrischender Unüberlegtheit beisteuert.  

Nach dem Abitur zieht es Nattie für sechs Monate nach Valencia, um Spanisch zu lernen. Svenja bleibt in der Stadt und nimmt ein Kunstgeschichtsstudium auf. Sie telefonieren jeden Tag. Selbst wenn nur zehn Minuten bleiben, brauchen sie die Stimme der anderen. Hauptthema ist seit geraumer Zeit Natties Beziehung. Schon länger fehle ihr etwas, ohne dass sie es benennen könne. Ihre Zweifel erhalten Rückenwind durch den neuen geografischen Abstand, all die frischen Bekanntschaften. Sie vermisse ihren Freund nicht so, wie man ihn vermissen sollte.  

An einem Freitag im Oktober steigt Nattie in Valencia ins Flugzeug. Am Samstagvormittag klingelt Brunos Handy, und eine Nattie, deren Stimme auf Gänsehaut erzeugende Weise fremd klingt, erklärt, sie sei in der Stadt, ob sie sich in einer halben Stunde im Café Esprit treffen könnten? Den Nachmittag verbringt sie tränenüberströmt in Svenjas Schoß. Am Sonntagmittag bringt der Flieger sie zurück nach Valencia. Während die Maschine auf kompromisslose, entschlossene Art an Höhe zulegt, betastet Nattie behutsam, noch ungläubig die neue Freiheit in ihrer Brust.  

Drei Monate später, Nattie ist inzwischen zurückgekehrt und wird in zwei Wochen, wie Svenja, ein Kunstgeschichtsstudium aufnehmen, gesteht sie Svenja einen ,,Rückfall‘‘. Sie habe ihr ja von ihren Geschichten in Valencia erzählt: Eine Affäre, die vier Wochen angehalten hat, bis sich herausstellte, dass George, ein Maschinenbauingenieursstudent aus Ohio, nur an Sex interessiert war; und ein One-Night-Stand, ihr erster und letzter, mit einem hochgeschossenen Typen, der, einmal richtig in Fahrt gekommen, sich von seinem ,,Dirty Talk‘‘ partout nicht abbringen ließ. Die beiden Erfahrungen hätten ihr gereicht, sich einzugestehen, dass sie für kurze Sachen nicht der Typ sei. Dafür entwickele sie viel zu rasch Gefühle, habe für sie Sex zu viel mit Liebe zu tun. Vielleicht sei das der Grund, weshalb sie gestern, als sie auf der Hip-Hop-Party Bruno wiedersah, mit ihm nach Hause gegangen sei. Ja, auf einmal habe sie sich erinnert, wie das gewesen sei, jemanden zu lieben und zu wissen, der liebt einen auch. Jemandem so nah zu sein, sich einander so zu zeigen, wie man ist, und trotzdem, sogar gerade deswegen zueinander zu halten. Jedenfalls, diese Nacht habe ihr gezeigt, dass man die alten Zeiten nicht zurückholen könne. Das mit Bruno sei endgültig abgeschlossen. So gesehen habe die Nacht sich gelohnt.

Das mit Nattie sei endgültig vorbei, eröffnet Bruno einen Tag später Svenja in einer Arbeitspause im Café Esprit. Früher, also bis vor einem halben Jahr, war das hier ihre Stammkneipe. An den Abenden, manchmal auch nach der Schule waren Nattie und sie hierhergekommen, weil Bruno gerade Schicht hatte. Dann hatten sie sich auf die zerschlissene Couch neben dem Billardtisch gefläzt und eine Mate aufs Haus bekommen. Je nach Arbeitsintensität hatte Bruno sich zu ihnen gehockt oder nach Schichtende eine Partie Billard gegen sie gespielt, er allein gegen sie beide. In Leerstunden oder bei Langeweile aufs Rad zu steigen und die zehn Minuten zum Esprit zu fahren, war so sehr Gewohnheit geworden, dass Svenja damit nicht aufhörte, nachdem zwischen Nattie und Bruno Schluss war. Außerdem waren während der zwei Jahre Bruno und sie Freunde geworden, so eine Zeit schweißte zusammen. Nattie wusste, dass Svenja weiterhin ab und zu ihren Ex-Freund traf, was sie nicht sonderlich juckte, denn für ihren Teil wollte sie nach vorne schauen.

Natürlich war es nicht mehr dasselbe. In der ersten Zeit lastete Natties Abwesenheit auf den Gesprächen zwischen Svenja und Bruno, es blieb bei Smalltalk und fühlte sich erstickend unspontan wie in einem Korsett an. Sie verhielten sich wie alte Kameraden, die eine Menge gemeinsam durchgemacht haben, und zwischen denen ein stillschweigendes Abkommen besteht, Altes nicht unnötig aufzurühren. Beide vermieden das Thema Nattie und sogar ihren Namen. Doch die Gespräche wurden freier. Svenja hatte gedacht, sie kenne Bruno. Zu viel hatte Nattie ihr anvertraut, als dass er noch ein echtes Geheimnis vor ihr haben könnte. Umso unerwarteter entdeckte sie eine neue Art an ihm, eine nachdenkliche, verletzliche, von der sie sich fragte, ob sie schon immer dagewesen und nur sorgfältig verborgen worden war, oder ob die Trennung von Nattie ihn verändert hatte. Und nun – überrascht ist sie auf seinen Vorschlag eingegangen, nach seiner Arbeit noch eine Runde laufen zu gehen – spricht er dieselben Worte zu ihr wie gestern Nattie: Es sei endgültig vorbei.

Es habe wehgetan, er habe sie sehr geliebt, bis zum Ende. In den Wochen danach habe er ernsthaft befürchtet, nie wieder werde er aus diesem Loch herausfinden. Wenn eine Person, die man liebe, Schluss mache, dann fühle sich das an, als sei diese Person gestorben. Unvorstellbar, diese Lücke je wieder füllen zu können. Doch nach dem ersten Schock sei ihm klargeworden, dass es das Beste sei. Gekriselt habe es seit Längerem, trotzdem hätte er noch lange nicht den Mut dazu aufgebracht, den letzten Schritt durchzuziehen, eigentlich könne er Nattie dankbar sein. Er und Nattie, mittlerweile müsse er sich das eingestehen, passten einfach nicht zueinander. ,,Sie hat sich immer beschwert, ich interessiere mich nicht für ihre Bilder, Caspar David Balthasar oder wie die alle heißen. Dabei fand ich die Bilder cool! Es war ihre Art, die mich gestört hat, wenn es um Kunst ging. Sie behandelte mich wie einen Dorftrottel, bei dem sowieso Hopfen und Malz verloren ist.‘‘

Svenja muss zugeben, dass tatsächlich, sobald es um Kunst geht, etwas Hochnäsiges sich in Natties Art mischt; als gehe es nur vordergründig um das Bild und in Wahrheit um den Beweis, niemand könne ihr an Feinsinn und Geschmack das Wasser reichen.

,,Na ja‘‘, sagt Bruno, ,,ich möchte das Schöne, das wir hatten, nicht in Abrede stellen, wir hatten eine gute Zeit. Aber weißt du, was sie als einen der Gründe genannt hat, wieso sie nicht mehr mit mir zusammen sein möchte? Ich wäre langweilig. Mit mir erlebe man so wenig.‘‘

Svenja weiß nicht, wie sie reagieren soll. Darf sie ihm zustimmen, weil sie ihn versteht? Ist es überhaupt zulässig, dass sie ihn versteht, dass sie sich vom Ex-Freund ihrer besten Freundin auseinandersetzen lässt, weshalb er froh über die Trennung ist? Aber sie hat nicht das Gefühl, Bruno erwarte von ihr, sich auf seine Seite zu schlagen. Er scheint schlicht endlich einmal alles aussprechen zu müssen.    

,,Weißt du noch, im Supermarkt‘‘, fährt er fort, ,,als dieser dämliche Remix lief, und du hast das wirklich gemacht? Du hast eine Bodenrolle gemacht, mitten im Supermarkt, vor allen anderen! Ich hab’s auch probiert.‘‘ Er lacht sein Bruno-Lachen, das seine Zähne bleckt, die Augen zu Schlitzen verengt und seinem Gesicht einen verwegenen Ausdruck verleiht. ,,Nur Nattie stand daneben und fand’s peinlich.‘‘

Ohne dass jemand es aussprechen musste, sind sie zu den Stegen am Fluss gelaufen. Im Sommer saßen sie hier, in den Ferien nicht selten bis zum Morgengrauen, rauchten etwas Gras, wenn Bruno etwas mitgebracht hatte, und stellten sich gegenseitig ,,Challenges‘‘, zum Beispiel: ,,Überquere den Fluss auf den Steinen, ohne nass zu werden.‘‘ Da war Nattie noch dabei.

,,Das habe ich schon immer an dir geschätzt.‘‘, erklärt Bruno. ,,Dass du was einfach machst, wenn du Bock drauf hast, egal was die Leute denken. Ich fand dich schon immer mutig.‘‘ Er zieht jetzt den Blick wie einen versunkenen Gegenstand aus dem Fluss. ,,Manchmal muss man erst über Umwege gehen, bis man erkennt, dass das Glück die ganze Zeit direkt vor einem lag.‘‘ Wer von Beiden sich vorbeugt, um den Kuss zu ermöglichen, bleibt unklar. Auf alle Fälle braucht es diesen Kuss, damit Svenja endlich begreift, dass sie verliebt ist. Das Wasser gluckert unter den Holzbohlen, auf denen sie sitzen. Hinter ihrem Rücken kehren Radfahrer von der Arbeit heim, dreht ab und zu ein Spaziergänger seine abendliche Runde mit oder ohne Köter. Alltag versus frisch verliebtes Paar. Kaum zehn Minuten lang flussabwärts, und man landete vor Natties Wohnung. Nattie müsste bloß ihren gewohnten Weg zur Yogagruppe nehmen, um ihren Ex-Freund und ihre beste Freundin in inniger Umarmung zu entdecken. Aber mittwochs ist kein Yoga.

Bruno begleitet sie zu ihrer Wohnung. Svenjas Wahrnehmung misst unscheinbaren Details eine unermessliche Bedeutung bei, zum Beispiel den die Abendsonne reflektierenden Straßenbahnschienen, während sie so wichtige Tatsachen ausblendet, wie dass jeder sie sehen kann und bloß ein gemeinsamer Bekannter von Nattie und ihr einen Blick auf sie und Bruno erhaschen müsste, um Nattie beim nächsten Wiedersehen neugierige Fragen zu stellen. Im sezierenden Neonlicht des Hauseingangs werden seine Berührungen gewagter. Seine Finger auf ihrer Hüfte lassen ihre Beine so stark schaudern, dass sie für einen Moment befürchtet, von der Reizüberflutung ausgeknockt zu werden. Sie wolle ja auch, bringt sie schließlich über die Lippen. Aber ob sie damit noch ein bisschen warten könnten? Er lockert die Umarmung, Zuversicht durchflutet sie. Sie kann in seinen Augen ihre Zukunft lesen, der heutige Tag bedeutet die Wendung ihres Lebens zum Glück, deshalb all das Warten, all die Frustrationen der vergangenen Jahre, sie hat sich ihr Glück verdienen müssen. Dieser Mann ist das Beste, was ihr passieren kann. ,,Wenn du willst, kannst du natürlich noch mit hochkommen.‘‘, fügt sie hinzu.

Erleichtert registriert sie, dass die Schuhe ihres Vaters im Schuhregal fehlen – seit der Scheidung ist er einen Großteil der Abende unterwegs, ohne dass Svenja sagen könnte, wo genau – und dass ihr jüngerer Bruder im Zimmer steckt. Als Sitzplatz wählt sie den Schreibtischstuhl. Bruno, in Ermangelung einer anderen Sitzgelegenheit, setzt sich auf das Bett. Erstaunlicherweise gelingt es ihr irgendwie, eine Konversation am Laufen zu halten, obwohl alles, woran sie denken kann, der Mann auf ihrem Bett ist, und dass sie mit keinem anderen lieber schlafen würde. ,,Du lächelst so.‘‘, klärt Bruno sie auf. ,,Du lächelst, als brütest du was aus.‘‘ Jetzt strahlt sie regelrecht, ihr Strahlen schwappt über die Ränder ihres Mundes und überflutet das Gesicht, bevor im nächsten Moment eine ernste Miene einkehrt, beinah bestürzt, so als habe eine unabänderliche Wahrheit sich ihr offenbart. Mit Nachdruck erhebt sie sich aus ihrem Schreibtischstuhl, stellt sich vor ihn hin und verlangt: ,,Schlaf mit mir.‘‘

Nachher, als ihnen die Worte ausgegangen sind und die körperliche Nähe des anderen Beschäftigung genug ist, fährt ihr durch den Kopf, vorhin, unten vor dem Haus, als sie davon sprach, noch zu warten, da wusste sie schon, dass sie diese Nacht miteinander schlafen würden. Schon länger hat sie das gewusst, ohne dass sie bestimmen könnte, wann genau die Gewissheit ihren Anfang genommen hat.

Am nächsten Mittag trifft sie Nattie zum Falafelessen. Den ganzen Vormittag über hat Svenja in ihrem Tagebuch die Situation analysiert, und was sie für ihre Freundschaft bedeutet. Sachlich betrachtet handelt es sich um nichts Verwerfliches. Nattie ist diejenige, die Schluss gemacht hat. Dass sie vor zwei Tagen noch einmal kurz schwach geworden ist, hat nur den Abschluss des Kapitels Bruno endgültig besiegelt. Natürlich wird Nattie nicht gerade Luftsprünge anstellen, wenn ihre beste Freundin ihr nun den Ausrutscher mit ihrem Ex steckt. Vermutlich wird sie verstimmt reagieren und ein paar Tage lang auf Distanz gehen, doch undenkbar, dass ein solcher Ausrutscher es mit ihrer Freundschaft aufnehmen könnte. Nattie hat das Recht, von ihrer Freundin Ehrlichkeit zu erwarten, und Svenja ist ihr diese Ehrlichkeit schuldig, auch wenn es ein paar Tage lang unangenehm für sie werden könnte.

Umso erstaunlicher, dass sie Nattie an diesem Tag nichts sagt. Sie essen in ihrem Lieblingsimbiss, und anschließend hilft sie Nattie dabei, ein neues Kleid auszusuchen. Vor ihr sitzt die gleiche Nattie, die gestern mit ihr Chai Latte trank und von einer ernüchternden Nacht mit dem Ex berichtete; die Frau, die Nattie gegenübersitzt, ist aber nicht mehr die Svenja von gestern. Davon ahnt Nattie nichts, wie könnte sie den Unterschied feststellen, außer per Aufklärung durch Svenja? Solange Svenja nichts sagt, besteht für Nattie kein Anlass, die Svenja, mit der sie Falafel isst und einkaufen geht, nicht für die Svenja zu halten, mit der sie die letzten dreizehn Jahre verbracht hat. Dreizehn Jahre haben sie sich alles voneinander erzählt, kein Geheimnis sollte sie trennen. Wenn man so lebt, dachten sie, wenn man so gut befreundet ist wie wir, dann kennt man die andere. Aber es genügt, einfach nichts zu sagen, um die andere im Dunkeln zu lassen. Und indem sie vor Nattie ein Geheimnis verbirgt, erscheint mehr und mehr auch Nattie in einem geheimnisvollen, fremden Licht. Wenn sie selbst imstande ist, etwas vor ihrer Freundin geheim zu halten, warum sollte es dann nicht auch in ihrer Freundin Räume geben, von deren Existenz sie nichts ahnt?

Warum sagt sie nichts? Hält sie zurück, dass der Ausrutscher mit Bruno kein Ausrutscher war? Sie ist verliebt. Seit ihr Interesse für das andere Geschlecht erwacht ist, hat sie gewartet auf einen Mann, der sie will und den sie ebenfalls lieben kann. Nun ist er da, bloß handelt es sich, von all den Männern, die in der Schule, an der Uni, im Volleyballclub, auf WG-Partys zur Auswahl stehen, ausgerechnet um den Ex ihrer besten Freundin. Die beste Freundin gibt dem Freund den Laufpass, die andere übernimmt, und beide bleiben beste Freundinnen, kann das funktionieren?

Und worin genau bestünde eigentlich für Nattie das Problem? Was genau wäre es, was sie störte, wenn Svenja mit ihrem Ex zusammenkäme?

Gerne würde Svenja übersprudelnd vor Freude Nattie begrüßen, voller Ungeduld, die Freundin in die überraschende Wende des vergangenen Abends einzuweihen. Unter normalen Umständen würde sie Nattie alles erzählen, von Brunos Geständnis, sie sei das Glück, das all die Zeit direkt vor ihm gelegen habe, über seinen Geruch nach Deo und Schweiß, der sie mit Stolz erfüllt, weil er nach Mann riecht, bis zu dem Gefühl, wie es ist, wenn ein Mann in einem ist und Punkte berührt, die nie zuvor berührt worden sind. Stattdessen müsste sie, wenn überhaupt, zerknirscht tun, müsste alle Hebel in Bewegung setzen, ihrer Freundin glaubhaft zu versichern, dass es ihr leidtue und nie mehr wieder vorkäme. Das wäre das Mindeste, was ihre Freundin verdiente. Es tut ihr aber nicht leid, und sie hat auch nicht die Absicht, damit aufzuhören. Sie hat gerade erst davon gekostet, wie es sein kann, und soll schon alles wieder aufgeben?

Nachmittags wartet sie vor der Umkleidekabine und bewertet die Kleider, in denen Nattie auftritt, mit Sternen von Eins bis Zehn. Abends lässt sie sich von Natties Ex verwöhnen. Auf derselben Matratze vermutlich, auf der noch zwei Tage zuvor Nattie und Bruno denselben Spaß hatten, ein Gedanke, den Svenja hastig beiseiteschiebt.  

Doch dann muss sie es sich doch vorstellen. War sie gut? Hat sie Bruno ebenfalls so die Beherrschung verlieren lassen, dass er alle Hemmungen fahrenließ und endlich zupackte, wo und so fest es ihn verlangte? Hat Nattie, wenn sie sich aus dem Bett erhob und ein paar Sekunden lang unschlüssig völlig nackt dastand, Blicke derselben Liga auf sich gezogen? Hat sie ihn vielleicht sogar dazu veranlasst, aufzustehen und von hinten die Arme um sie zu schlingen, weil er sie nicht gehenlassen wollte, nicht einmal ins Bad?

Das nächste Mal bei Nattie daheim fallen ihr die Fotos auf. Nattie in Brunos Armen, der sich herabbeugt und sie küsst. Warum sie die Bilder noch nicht abgehängt habe? Ob es nicht, schiebt sie eilig hinterher, wehtue, die ganze Zeit daran erinnert zu werden? Nattie redet etwas von alten Zeiten, die Teil ihres Lebens seien, und dass sie sich selbst nicht verleugnen wolle. Sie hat kein Recht, die Fotos hängenzulassen, denkt Svenja und kann nicht bestreiten, dass Nattie jedes Recht dazu hat und dass es völlig verdreht wäre, die Bilder, wonach es sie in den Fingern juckt, herunterzureißen und in den Schredder zu stopfen.

Ein anderes Mal lüftet sie Sturm schon eine halbe Stunde, bevor Nattie kommt, angetrieben von Todesangst, ein einziger verräterischer Partikel von Brunos Deo könnte zurückbleiben und seinen Weg in Natties Nase finden. Doch das genügt nicht. Selbstverständlich muss die Bettwäsche gewechselt werden, andernfalls stieße Nattie unweigerlich auf die Spuren davon, dass die Freundin aus heiterem Himmel ein Liebesleben führt. Außerdem saugt sie noch, selbst auf dem Schreibtisch und überall, wo eines von Brunos Haaren gelandet sein könnte, dessen Borstigkeit es Natties geübtem Blick sofort als Männerhaar entlarven würde. Zigmal prüft sie Nachttisch, Boden, Regale nach, ob sie ja nichts übersehen hat, eine Socke von Bruno möglicherweise oder seine Kette mit dem Wolfskopf, den er als Achtklässler im Werkunterricht eigenhändig geschnitzt hat. Die fünf Minuten, die schließlich übrigbleiben, hält sie untätig nicht aus. Also duscht sie zum zweiten Mal. Heute kann ein Fleck vergeblich auf Gnade hoffen, nichts entrinnt der Amnesie von Seife und Shampoo. Sie ist noch am Abtrocknen, als es klingelt. Svenja streckt die Hand zur Klinke, da streift ihr Blick zufällig im Spiegel den Knutschfleck. Sie taxiert ihn, bis ihre Nasenspitze gegen den Spiegel stößt, es ändert nichts, es bleibt ein Knutschfleck, mitten am Hals, rot wie ein Brandmal. Mittlerweile hat es schon zum zweiten Mal geklingelt. Als Nattie geöffnet wird, steht im Türrahmen eine Svenja mit glühendem Kopf, glänzendem Schweißfilm auf dem Gesicht und eingepackt in einen dicken Wollschal. ,,Ich bin erkältet.‘‘, krächzt sie.

Während auf dem Laptop der neue Film mit Johnny Depp läuft und der Bademantel sich mit ihrem Schweiß vollsaugt und an immer mehr Stellen ihres Körpers zu kleben beginnt, schielt Svenja seitwärts zu ihrer Freundin. Vorsichtig, damit die keinen Verdacht schöpft. Nie hätte sie damit gerechnet, einmal so neben Nattie zu sitzen, als die kühle, berechnende Lügnerin, zu der sie geworden ist. Sie stellt sich vor, wie ihre Stimme klingen würde, wenn sie nun auf die Pausentaste drückte und folgende Worte ausspräche: Nattie, ich muss dir etwas sagen. Sie schafft es kaum, einigermaßen gleichmäßig weiter zu atmen, während sie die richtigen Worte zusammensucht. Und als sie einsehen muss, dass es die richtigen Worte nicht gibt, überlegt sie, welche Worte den Schaden möglichst begrenzten. Sie sucht noch, als der Abspann einsetzt. Eine Weile unterhalten sie sich über den Film, Svenja lacht sogar ein paarmal. Zu guter Letzt wirft sie, weil sie ja krank ist und Nattie besser nicht umarmt, ihrer Freundin einen Handkuss zu.

Danach muss sie erstmal duschen, zum dritten Mal, um den Schweiß abzuwaschen. Sie wünschte, es wäre nie etwas geschehen, das sie Nattie verschweigen muss. Überhaupt hätte sie lieber nicht erfahren, dass Ereignisse eintreten können, die sie Nattie nicht erzählen kann. Immer wieder für Momente erscheint es ihr völlig absurd: Ihre erste große Liebe soll ihrer Freundschaft in die Quere kommen?

Sie weiß, mit jedem Tag, den sie es länger verschweigt, steigt der Schaden an. Sie nimmt es kaltblütig in Kauf.

Für Dienstagabend, seit Jahren Natties und ihr Abend, gilt die Regel, ihn nur dann abzusagen, wenn es wirklich nicht anders geht. Svenja entschuldigt sich, sie liege mit Fieber im Bett und müsse sich auskurieren. ,,Erhol dich gut!‘‘, antwortet Nattie mit Kusssmiley. In Wahrheit empfängt Svenja Bruno. Erst gestern haben sie sich getroffen, aber ein Tag ohne ihn wäre ein verlorener Tag. Mindestens einmal pro Tag braucht sie etwas von ihm, eine Hand beispielsweise, die sie sich auf ihre Brust legen, oder seine Beine, um die sie ihre scheren kann, Hauptsache etwas, das ihr beweist, dass er tatsächlich existiert. Seit Jahren war dieser Abend für Nattie reserviert. Sie denkt, in gewisser Weise tut sie gerade etwas Falsches, und noch nie hat sich etwas so richtig angefühlt.

Weil sie noch Eier und Tomatensoße für ihre geplante Lasagne und das Maracuja-Split-Stieleis, Natties und ihre Lieblingssorte, im Supermarkt kaufen musste, wird es kurz nach Eins, bis sie endlich an Natties Haustür klingelt. Doch es ist nicht der Ärger über die Verspätung, was Svenja bei Natties Anblick zusammenzucken lässt. Sie weiß es!

Natties Blick behandelt sie wie ein lästiges, besonders abstoßendes Insekt. ,,Komm rein.‘‘ Svenja trottet ihr nach zum Küchentisch, Nattie nimmt nicht wie sonst um die Ecke, sondern gegenüber Platz.

,,Um es kurz zu machen, ich habe gestern Abend Brunos Fahrrad vor deiner Haustür gesehen.‘‘, erläutert Nattie. ,,Was mich die ganze Nacht am Schlafen gehindert hat und ich seitdem vergeblich zu begreifen versuche, ist nicht so sehr die Tatsache, dass du meinen Ex vögelst, sondern dass du es mir verheimlicht hast. Du hast mir ins Gesicht gelogen, Svenja. Wie lange schon, weiß ich nicht, ich hoffe für dich, dass es nur ein paar Tage waren. Aber das genügt, um mein Vertrauen in dich komplett zerstört zu haben. Wie konnte ich nur so dumm sein, einer hinterhältigen Schlampe wie dir je zu vertrauen? Wenn ich daran denke, dass ich dir alles erzählt habe. Kein Geheimnis wollte ich vor dir haben, weil ich dachte, du wärest meine beste Freundin. Du hast immer gewusst, was ich dachte und fühlte, zu jedem Zeitpunkt, und ich habe geglaubt, das auch über dich zu wissen. Jetzt muss ich mir eingestehen, dass die Person, mit der ich all die Jahre mein Leben geteilt habe, eine Betrügerin ist. Du hast mich verraten.‘‘ Der Ausdruck in Natties Augen bei diesen Worten treibt Svenja die Tränen in die Augen. Er lässt sie ansatzweise erahnen, was sie Nattie angetan hat.

,,Es tut mir leid.‘‘ Sie hört selbst das Lächerliche dieser Worte.

Nattie lacht auf, ein hässliches Lachen, nicht weil es höhnisch, sondern weil es so gekünstelt klingt, weil es so kläglich daran scheitert zu überspielen, wie es in Nattie tatsächlich aussieht. ,,Glaubst du im Ernst, du kannst dich mit einer Entschuldigung herausreden?‘‘ Sie brüllt beinah. Und dann, ruhig und sachlich: ,,Ich will dich in meinem Leben nicht mehr haben. Bitte geh‘ jetzt.‘‘

Benommen, als wäre sie rückwärts vom Stuhl auf den Boden gescheppert, schaffen Svenjas Füße es irgendwie, den Weg den Flur entlang zurück zur Haustür zu finden, wo sie ihre Schuhe anzieht, die sie eben erst ausgezogen hat. Sie streckt die Hand zur Klinke aus, fährt zurück und dreht sich um zu Nattie, als hoffe sie noch immer, etwas falsch verstanden zu haben.

,,Vergiss deine Tasche nicht.‘‘, sagt Nattie. Doch ihr Kinn zittert. Sie lehnt an der Wand, um zu kaschieren, dass ihre Beine jeden Moment wegsacken können.  

Svenja beugt sich hinab, hebt die Edeka-Tüte mit den Eiern und der Tomatensoße und dem Maracuja-Split-Stieleis auf und tritt aus der Tür.  

,,Ach, und hey, viel Glück dir und Bruno!‘‘, hört sie Nattie noch hinterherrufen.

Svenja überquert den Pflasterweg durch den Garten, vorbei an der Schaukel, an der sie sich als Mädchen einmal den Fuß verstaucht hat, und dem Kirschbaum, unter dem sie jeden Herbst die Kirschen in einem blauen Eimer gesammelt haben, um Marmelade daraus zu kochen, und beim Öffnen gibt das Gartentor sein charakteristisches Quietschen von sich, und Svenja bringt es nicht über sich, es hinter sich zuzuziehen, weil es wie ein Eingeständnis wäre, dass sie tatsächlich zum letzten Mal durch dieses Tor träte, als ob an dieser Tatsache noch irgendetwas zu rütteln wäre.

*

,,Die reagiert doch völlig über. Sowas kann man doch besprechen wie Erwachsene. Typisch Nattie: Großes Ego und empfindlich wie ein rohes Ei! Tut mir leid für eure Freundschaft. Aber willst du mit einer, die so reagiert, wirklich befreundet bleiben?‘‘

Zum ersten Mal entzieht Svenja sich Brunos Umarmung. Er begreift nicht, um was es geht, zum einen, weil er selbst viel zu tief darin verwickelt ist, und zum anderen, weil er ein Mann ist. Er kann nicht sehen, dass Svenjas vermeintlicher Betrug mit ihm nur Symptom ist und der eigentliche Hund viel tiefer begraben liegt.   

Warum fühlt Nattie sich derart verletzt? Svenja taucht das linke Bein ins Wasser der Badewanne und testet: Die Temperatur liegt genau an jener Grenze, ab der es ein bisschen wehtut, aber auf eine wohlige, kribbelnde Art, so wie sie es gerne hat. Sukzessive überführt sie ihren Körper dem Wasser.

Nattie reagiert so heftig, weil ihre Krone einen Riss erlitten hat. Keine darf die Anmaßung besitzen, Nattie den Platz Nummer Eins auf dem Feld der Verführung streitig zu machen, vor allem nicht Svenja. Welche Blasphemie! Jahrelang hat Nattie Svenja kleingehalten und daran gehindert, ihr Potenzial zu entfalten. Solange Nattie in der Position war, tröstend den Arm um Svenja zu legen und ihr zu versichern, dieser oder jener Typ sei es nicht wert, sie sei doch viel zu gut für ihn, war die Welt für Nattie in Ordnung. Von einer Svenja, die man trösten musste, ging keine Gefahr aus. Wie ein Vampir nährte Nattie ihr Selbstvertrauen aus Svenjas Niederlagen. Die Person, die sie all die Jahre an ihrer Seite für ihre beste Freundin gehalten hat, ist in Wahrheit ihre ärgste Feindin.

Sie erhebt sich aus der Wanne, und das Wasser tropft ihr vom Leib wie vom Phönix die Asche. Im Spiegel begutachtet sie ihren Körper. Sie beginnt bei den Brüsten, die ihr immer zu klein vorgekommen sind und an deren Formen sie allzeit etwas auszusetzen gehabt hat, fährt fort mit dem Bauch, den um zwei Kilo zu verringern sie sich jedes Silvester vorgenommen und dann jedes Mal nach ein paar Wochen kapituliert hat, widmet sich ihren Hüften, deren ausladender, raumgreifender Schwung bei jedem Hosenkauf für Schamanfälle gesorgt hat. Jetzt gibt es Brunos Hände, die ihre Brüste umschließen, und seine Lippen, denen jeder Fleck ihres Körpers eines Kusses wert ist. Eine grimmige Zufriedenheit breitet sich wie die Schwingen eines Raubvogels über ihr Gesicht. Nicht nur hat sie den Gegenbeweis erbracht, dass sie sehr wohl begehrenswert ist, sie hat den ultimativen Gegenschlag ausgeführt. Sie hat jenen Mann, der zuvor Nattie gehabt hat, dazu gebracht, sie zu begehren. Er hat Nattie den Umweg genannt, der nötig gewesen ist, zu erkennen, dass er eigentlich Svenja will. Gänsehaut übersprenkelt ihren Körper, während sie ihn eincremt.

Erst auf dem Rad, schon auf dem Weg zu Bruno, fällt ihr ein, dass die Bodylotion Natties Geburtstagsgeschenk war.  

In der Straßenbahn will sie ihm einen Kuss geben, er zuckt zurück. Das gehe ihm zu schnell. Er brauche Zeit. Es liege nicht an ihr oder daran, dass es zwischen ihnen nicht stimme. Im Gegenteil, nie habe er es für möglich gehalten, so rasch wieder Gefühle für jemanden zu entwickeln. (Da muss sie unwillkürlich lächeln.) Ohne Frage, das zwischen ihnen sei etwas Besonderes. Doch sie müsse verstehen, dass man zweieinhalb Jahre Beziehung nicht einfach abstreifen könne wie ein Paar ausgelatschter Schuhe. Drei Monate Trennung seien ein Tropfen auf den heißen Stein.  

Svenja versteht. Und wenn er sagt: ,,Manchmal wünschte ich, wir hätten uns an einem anderen Punkt unseres Lebens kennengelernt; dann wäre alles viel weniger kompliziert, und das mit uns hätte eure Freundschaft nicht kaputtgemacht.‘‘, dann erwidert sie, sie bereue nichts.

Natties Whatsapp-Profilbild ist erblindet, ihre Freundin hat sie blockiert. Facebook schlägt vor, ,,Nathalie Moser‘‘ eine Freundschaftsanfrage zu senden. Auf Instagram hat ,,nattie<3‘‘ aufgehört, ihr zu folgen. Nattie scheint entschlossen, ihr Leben von allen Spuren Svenjas zu löschen, und für die Zukunft scheint ihr das nicht zu reichen, auch die Vergangenheit muss gesäubert werden.

Bereits beim Anstehen vor der Semester-Opening-Party bestätigt sich Svenjas Befürchtung. Ein paar Meter weiter vorn in der Schlange leuchtet Natties rote Jacke. Zwei Wochen liegt ihr Trennungsgespräch erst zurück, doch es fühlt sich an, als sehe sie ihre Freundin nach Jahren wieder. Den nussbraunen Haarschopf wiederzuerkennen, trifft sie unerwartet heftig, oder vielmehr, mit der Vertrautheit dieses Haarschopfes konfrontiert zu werden. Ihre Fingerspitzen erinnern sich noch an die Konsistenz dieser Locken, die sie zu kleinen oder kräftigeren Zöpfen, ausgeklügelten Kränzen oder schlichten Dutts geflochten haben.

Sobald sie die Halle betreten, ortet sie Nattie wie eine radioaktive Quelle, in deren Kontaminationsradius sie ja nicht aus Versehen geraten darf. Sie wird sich diesen Abend nicht verderben lassen, ihre erste Party mit ihrem ,,Freund‘‘, auch wenn der aktuell noch hadert mit dieser Bezeichnung. Sie greift nach Brunos Hand. Er streichelt sie kurz und lässt wieder los.

Eben noch, beim Vorglühen mit seinen Kumpels in seiner WG hat er es sichtlich genossen, wie sie den Kopf auf seine Schulter legte oder ihm übers Bein strich. Was hat das zu bedeuten, dass er hier auf der Party auf einmal kaum mehr Notiz von ihr nimmt und sie behandelt wie eine x-beliebige Bekannte? Er scherzt mit seinen Freunden, sie steht daneben und hält sich an ihrem Cola-Weizen fest.

Zu spät entdeckt sie Nattie. Sie steht an der Bühne vor dem DJ-Pult und gibt vor, Konversation mit einem Typen zu machen, der sich verzweifelt abmüht, ihr demonstratives Desinteresse zu durchbrechen. Dabei hat Nattie aus rein taktischen Gründen diese Position gewählt, weil sie von dort aus freie Sicht auf ihren Ex und seine neue Flamme hat. Die falsche Schlange soll nicht so tun, als wäre sie rein zufällig da gelandet, und die Mühe, mit der sie Bruno und Svenja scheinbar ignoriert, kann sie sich sparen. Das sieht ihr ähnlich, im Bluffen war Nattie schon immer Meisterin. Wenn erforderlich, kann sie auf Kommando ein perfektes Pokerface aufsetzen. Aber in ihrem Innern, da tobt ein Sturm. Hoffentlich versetzt es ihr jedes Mal, wenn sie den Blick scheinbar beiläufig schweifen lässt und Svenja und Bruno streift, einen Stich in ihr Herz!

Svenja knüpft ein Gespräch mit Bruno an und baut einen Kuss auf seine Backe ein. Er nimmt ihn hin, ohne selbst aktiv zu werden. Sie versucht es noch einmal, lächelt ihm zu und stellt sich auf die Zehenspitzen, um ihm den Kuss zu erleichtern, damit alle sehen, dass sie zusammengehören. Doch in der Hektik der Scheinwerfer erkennt sie nicht, ob er zurücklächelt. Sie geht auf Toilette.

Als sie zurückkommt, hört sie Robin zu Bruno sagen: ,,Nimm’s nicht so schwer, Alter!‘‘ Nattie steht noch immer am selben Ort mit dem Typen, der zappelt vor Aufregung, endlich ihre Aufmerksamkeit erregt zu haben. Sie schenkt ihm die Gunst ihres Lachens. Das heißt, sie bleckt ihre Zähne, wie sie es immer tut, wenn sie demonstrieren möchte, was für weiße, ebenmäßige Zähne sie besitzt, was für knuffige, goldig-süße Hasenzähne. Der Druck der Fingernägel in Svenjas Handballen steigt in den roten Bereich. Verzweifelt kämpft sie gegen den Drang an, Bruno am Ärmel zu zupfen und darum zu bitten, von hier zu verschwinden.  

Auf einmal wirken die Leute um sie herum gewachsen, sodass sie fürchten muss, zertreten zu werden. Am liebsten würde sie sich an Ort und Stelle hinsetzen, oder besser gleich hinlegen, aufrecht stehenbleiben fühlt sich unglaublich anstrengend an. Ihre Mutter kommt ihr in den Sinn. Sie muss daran denken, wie sie als Vierzehnjährige abends in ihrem Bett lag und aus dem Wohnzimmer die typischen Geräusche hörte. Das Saugen der Kühlschrankdichtung beim Herausnehmen einer neuen Flasche und das Gluckern, wenn ihre Mutter nachfüllte. Sie braucht ein paar Sekunden, bis sie sich ihrem Schicksal fügt, dann arbeitet sie sich durch die Menge vor zur Bar und bestellt eine Vodka-Cola.

Kurz darauf beim Tanzen knicken ohne Vorwarnung ihre Beine weg. Ihr Hinterkopf wäre aufgeschlagen, hätte Bruno nicht rechtzeitig seine Arme ausgestreckt. ,,Oh‘‘, macht sie, ,,was für eine erflich- erfreuliche Landung!‘‘ Ihre Zunge fühlt sich an wie altes Kaugummi. ,,Du bist betrunken.‘‘, konstatiert er trocken. – ,,Umarm‘ mich nochmal!‘‘, bittet sie ihn schwankend. – ,,Du solltest heute nichts mehr trinken.‘‘ Er klingt vollkommen nüchtern. – ,,Bitte, noch eine Umarmung! Nur noch eine!‘‘ – ,,Svenja‘‘, erwidert er, ,,vielleicht ist es besser, wenn du jetzt nach Hause gehst.‘‘ Die Art, wie er ihren Namen ausspricht, lässt sie die Übelkeit bemerken. ,,Ich glaub, ich muss-‘‘, murmelt sie. – ,,Was?‘‘, fragt er gereizt. Doch sie stolpert schon los.

Danach sinkt sie auf die Klobrille und bleibt sitzen, bis sie nicht mehr die blasseste Ahnung hat, wieviel Zeit vergangen ist. Sie schleppt sich zurück auf die Party. Die Halle hat sich geleert. In der Mitte tanzt ein Paar eng umschlungen, Nattie und Bruno. Ein gelber Scheinwerfer streift sie, es sind doch zwei andere. Bruno kann sie nirgends entdecken.

Erst am nächsten Tag, beim siebten Versuch, nimmt er ab. Beim Klang der Kälte in seiner Stimme fühlt sie sich wie ausgesetzt in einer Eiswüste. ,,Es tut mir leid, ich habe dich blamiert und den ganzen Abend versaut, es wird nie wieder vorkommen. Bitte gib mir nur noch eine Chance, darf ich heute Abend für dich kochen?‘‘ Heute Abend müsse er arbeiten. ,,Darf ich danach zu dir kommen? Bitte, ich muss dich sehen, ich will, dass es wieder gut zwischen uns beiden ist!‘‘ Es könne Ein Uhr werden, bis er nach Hause komme. ,,Oh, das macht nichts, das macht gar nichts, wenn ich dich nur heute noch sehen kann!‘‘

Als endlich der Moment gekommen ist, da sie das Gesicht in sein T-Shirt drücken kann und den vertrauten Geruch von Deo und Schweiß riecht, überfällt sie das heftige Bedürfnis, all die Tränen, die sich aufgestaut haben, an dieser Brust auszuschütten. Zum Glück kann sie sich zusammenreißen, damit er sie nicht für völlig hysterisch hält. Später kauert sie sich an ihn. Ihre Körper schwelen noch von der Hitze der jüngsten Rage und schmecken leicht salzig vom getrockneten Schweiß, die Dunkelheit ist vollkommen. Hier in diesem Zimmer, jetzt nachts, stellt nichts ihre Zusammengehörigkeit infrage.

,,Sie ist gestern Abend mit diesem Typen nach Hause gegangen.‘‘, bricht Bruno die Stille.  

Svenja braucht einen Moment, bis sie schaltet. Auf einen Schlag ist sie wieder hellwach. Sie wartet, ob er noch mehr sagen möchte, hofft geradezu, er möge noch etwas hinzufügen, das die Harmonie von eben doch wieder zurückholen könnte, aber es kommt nichts mehr. ,,Am Wochenende soll es dreißig Grad werden, wollen wir da ins Schwimmbad?‘‘, fragt sie schließlich. ,,Wir können mal schauen.‘‘, antwortet Bruno. Er klingt erschöpft.

Svenja entdeckt sie zu spät, um kehrtzumachen. Nattie sitzt an einem der Tische im Flur gegenüber dem Typen, mit dem sie nach Hause gegangen ist. In Gedanken hat sie die Situation bereits unzählige Male durchgespielt. Sie hat sich ausgemalt, wie sie aufrecht an ihrer Ex-Freundin vorbeischweben und sie leichterhand links liegenlassen wird. Sie trägt heute sogar ihr neues Kleid, seit Bruno verspürt sie auf einmal die unbändige Lust, neue Farben und Schnitte auszuprobieren. Das Kleid leuchtet mohnrot. Als sie es anprobierte und den weiten Ausschnitt in Aktion sah, wurde ihr schwindlig, gleichzeitig nahm sie erstaunt eine neue Macht zur Kenntnis, voller Euphorie stellte Svenja fest, dass sie sich zutraute, dieses Kleid zu tragen. In ihrer Vorstellung von der nächsten Begegnung ging ein Strahlen von ihr aus, das Nattie in den Schatten stellte. Die Verhältnisse waren geklärt worden, endlich würden die Leute erkennen, welche von ihnen tatsächlich hervorstach. Eigentlich möchte Svenja nicht schauen, doch sie schaut trotzdem. Sie erblickt das Gesicht ihrer Freundin. Wie konnte sie dieses Gesicht gestern noch zerkratzen wollen? Sie hofft, ihre Blicke mögen sich treffen, irgendetwas möge passieren, diesen Albtraum zu beenden, aber Nattie schaut geradeaus, und dann ist sie vorbei, biegt um die Ecke, sinkt auf den nächstbesten Stuhl. Sie zittert am ganzen Leib wie unterzuckert.   

Abends, sie sitzen vor dem Kartoffelgratin, das sie gekocht hat, wirft Bruno einen beiläufigen Blick aufs Handy und rollt mit den Augen. ,,Sie hat wieder geschrieben. Sie vermisst mich.‘‘ Svenja stochert in den Kartoffeln herum, für deren Sahnesoße sie sich eben noch gelobt hat. Nach einer Weile, sie sträubt sich, es zu fragen, weiß aber, dass sie nicht darum herumkommt: ,,Und was hast du ihr geantwortet?‘‘ Zumindest verweigert sie, ihn dabei anzusehen. Zögerlich, so als nehme dieser Gedanke erst beim Aussprechen Gestalt an, dabei wartet er fix und fertig in seinem Kopf schon seit Längerem auf den richtigen Moment: ,,Wir sollten uns vielleicht wirklich nochmal treffen und uns aussprechen.‘‘ Sie wartet, bis er aufgegessen hat. ,,Hier‘‘, sagt sie, steht auf und geht zum Kühlschrank, ,,ich hab Tiramisu gemacht.‘‘ – ,,Aber das hättest du doch nicht tun müssen.‘‘, erwidert er betreten. – ,,Ich wollte aber. Ich weiß doch, dass das dein Lieblingsnachtisch ist.‘‘ Nachdem sie ihnen beiden auf Teller geschöpft hat, setzt sie sich. Sie nimmt einen Bissen, steht auf, hebt die Schüssel mit dem Tiramisu vom Tisch und kippt den Inhalt in den Mülleimer. ,,Was machst du?‘‘, fragt er bestürzt. ,,Er ist nicht gut geworden.‘‘, erwidert sie. ,,Die Crème ist viel zu flüssig.‘‘ – ,,Ich find’s aber gut.‘‘, hält er dagegen und schiebt sich, wie zur Bestätigung, einen weiteren Löffel in den Mund. ,,Nein‘‘, sie schüttelt den Kopf, ,,er ist nicht gelungen, entschuldige, wann wollt ihr euch treffen?‘‘

Sie bräuchte jetzt eine Freundin, mit der sie besprechen könnte, was man am besten macht, wenn der Freund seine Ex-Freundin treffen will. Leider sind in ihrem Fall zwei der Personen identisch. Und die Frauen aus ihrem Studium, mit denen sie halbherzig einen neuen Freundinnenkreis aufzubauen versucht hat, sind genervt, nachdem sie wiederholt Mädelsabende kurzfristig abgesagt hat, um doch noch Bruno zu sehen.

Gegen Abend des Tages, an dem Bruno und Nattie sich getroffen haben, kommt die Nachricht: Es tue ihm leid, aber er habe sich endlich eingestehen müssen, immer noch Gefühle für Nattie zu haben; Svenja solle bitte nicht denken, es liege an ihr; er danke ihr für die gemeinsame Zeit; alles Gute.

*

Ein halbes Jahr später. Ein Name auf der Teilnehmerliste, die der Professor ihnen zugeschickt hat, springt Svenja sofort ins Auge. Der Zufallsgenerator hat Nattie und Svenja für das Thema ,,Naturästhetik bei Caspar David Friedrich‘‘ eingeteilt. Bei Änderungswünschen, schreibt der Professor, solle man sich melden.

Das Seminar rückt näher. Bisher ist noch keine Mail eingetroffen, weder von Nattie, noch von Svenja.

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