Die Angst, das Leben zu verpassen

Nein, leicht ist es nicht, Leute zu finden, die Nachdenken ernstnehmen, vor allem nicht, wenn die meisten genau das vermeiden wollen. Wir haben denkfeindliche Bedingungen. Menschen, die die Dinge durchdringen wollen, sind immer schon in der Minderheit gewesen. Nur wie sie allgemein wahrgenommen werden, hat sich verändert. Bis vor einiger Zeit standen Intellektuelle für das, was jeder erreichen wollte; heute gilt die unausgesprochene Vorschrift, nicht zu intellektuell zu erscheinen. Früher hießen die Götter der Jugend Sartre, Camus, Beauvoir; heute Richard David Precht, Cro, Barney Stinson. Früher trug man als Student das Kommunistische Manifest mit sich herum, heute ein Smartphone. Die Studentenzeitungen zu Uni-Zeiten meines Vaters waren manchmal so verworren, dass keiner mehr durchstieg; in den heutigen geht es um Sex-Skandale in der Uni-Bib, Buchempfehlungen des ,,Känguru-Manifests‘‘ und Erste Hilfe bei Prüfungsstress, der merkwürdigerweise denjenigen am meisten zu schaffen macht, die am seltensten zu Vorlesungen erscheinen. Die Vorbehalte gegenüber anspruchsvollen Inhalten sind mittlerweile sogar in der Hochschullehre angekommen: Der Professor bemüht sich, mit witzigen Instagram-Pics die Vorlesung aufzulockern, und für die eigene löchrige Konzentrationsfähigkeit wird die monotone Art des Dozenten verantwortlich gemacht.
Wenn jemand geistig vielseitig interessiert ist, wird das selten geschätzt. Eher behält man es für sich und trainiert sich an, in Gruppen aus dem hohlen Bauch heraus möglichst ungefiltert möglichst viel möglichst aufgebauscht daherzureden, so wie es der heutige gute Ton verlangt. Ich kann das an mir selbst feststellen. Wenn ich gerade einem Thema aus der Vorlesung nachgehe oder mich mal wieder der Gedanke elektrisiert, wie viele interessante Bücher es gibt, die ich alle lesen will, dann melden sich garantiert die Zweifel: Ist es nicht komisch, wenn einer in meinem Alter stundenlang Max Weber liest? Sollte ich nicht meine Jugend auskosten, mich ins Leben stürzen, Abenteuer erleben? Wann immer ich mich meiner Innenwelt widme, fühle ich mich gleichzeitig schuldig, so als beginge ich einen Fehler. Ich bin hin- und hergerissen zwischen der Gedankenwelt und dem ,,echten‘‘, dem ,,wahren‘‘ Leben. Dieser innere Krieg ist modern. Als wären Kant und Hölderlin irgendwie weniger lebendig gewesen.
Auf Partys zwangsläufig ein besorgter Blick und die Frage: ,,Johannes, alles klar? Du wirkst so bedrückt!‘‘ Sobald man für etwas mehr als ein paar Minuten schweigt, irritierte Reaktionen. Vielleicht steckt dahinter gelegentlich sogar ein ehrlicher Anflug von Besorgnis. Aber wenn ich dann nicht zu den anderen hüpfe und in hysterische Euphorie verfalle, kommt das einer unausgesprochenen Absage an sie gleich. Da ist einer, der nicht nach den Regeln tanzt. Auf einer Party hat man gefälligst unvernünftig zu sein, verrückt, berauscht, kopflos, impulsiv, ekstatisch. Wer verdächtigt wird, vernünftig zu bleiben, stört.
Aber auch im Alltag gilt: Nur so viel Ernst, wie absolut nötig. Eigentlich ist Feiern mittlerweile Alltag, zumindest beim Großteil der Studierenden. Das Angebot an Rauschmöglichkeiten steht mittlerweile 24/7 zur Verfügung. Zwangsläufig fragt man sich, was für ein todernstes Leben die Leute haben müssen, dass sie ein so unersättliches Bedürfnis nach Amüsement verspüren. Doch sich zu amüsieren ist nur ein Mittel, vermeintlich das zu finden, um was sich diese absolute Partykultur eigentlich dreht. Das Jagen von einer Party zur nächsten ist eine Jagd nach dem Ultimativen – dem besonderen Ort, dem besonderen Moment, der besonderen Person. Die Sehnsucht nach dem Besonderen zehrt permanent an uns. Wir betrachten unsere gegenwärtige Situation und fragen uns, was fehlt. Der Gegenstand unserer Sehnsucht ist weniger etwas Konkretes als vielmehr das Gefühl, irgendwo müsse das Besondere uns erwarten. Solange wir wach sind, prasseln Versprechen auf uns ein, wie und wo und für wieviel wir dieses Perfekten habhaft werden könnten. Angesichts dieses Perfekten, das uns als Idee eingepflanzt wurde, schrumpft die Wirklichkeit auf ein tristes, ödes, wertloses Dasein. Wenn der perfekte Partner nicht neben einem im Bett liegt, wenn das Leben so schön sein könnte – welchen Sinn hat es dann ohne? Entweder man verfällt daraufhin in Apathie und lässt sich frustriert auf YouTube berieseln, oder man stürzt sich in blinden Aktionismus. In beiden Fällen wurde unsere Konzentrationsfähigkeit erfolgreich zerstreut.
Die Medien sind so freundlich, uns zu zeigen, wie Glück aussieht, damit wir besser nach ihm suchen können. Glück, das demonstrieren Musikclips, heißt: Riesige Partys, Bierduschen, willige Frauen, Strand, Designersonnenbrille, grundloses Lachen. Werbeslogans raten in zig Variationen: ,,Lebe den Moment!‘‘ Oder im Lesesaal blafft einen von der Wand anklagend in fetten schwarzen Buchstaben der Spruch an: ,,Hast du heute schon gelebt?‘‘ Eher demotivierend, wenn man studieren muss.
Was all diese Versprechen von Perfektion, Glück und Besonderheit gemeinsam haben, das ist die implizite Botschaft: Glück kann man nur im Äußeren finden. Jede Minute, die du in Gedanken verweilst und in dich hineinhorchst, ist eine verlorene Minute auf deiner Suche nach Glück. Die Bereitschaft nachzudenken wurde verkürzt. Die Toleranzschwelle, ab der es gefühlsmäßig an der Zeit ist, sich wieder anderen Dingen zuzuwenden, wurde nach vorne verschoben. Die Leute haben buchstäblich Angst, zu viel zu denken, weil Denken heutzutage bedeutet, die ,,wirklich wichtigen Dinge‘‘ zu verpassen.
Zum Denken muss man allein sein. Aber wie schwer das ist, wurde mir klar, als ein Kollege mich neulich fragte: ,,Und, wie war dein Wochenende?‘‘ – ,,Ein bisschen gelesen, geschrieben, ich war spazieren.‘‘ Auf einmal merkte ich, wie das klang. Sicher hatte er jetzt ein Bild vor Augen, ich einsam in meiner Kammer, so lebendig wie strickende Teilnehmerinnen eines Kaffee-und-Tee-Lesezirkels, nur in meinem Fall Bier statt Tee. Das sagte ich auch. Er grinste, dann antwortete er ernst: ,,Es ist viel Wert, allein sein zu können. Ich kann das nicht lange.‘‘ Und wirklich, schon ein Tag Schweigen hat etwas Beunruhigendes, bringt die diffuse Angst mit sich, zu versacken. Ein paar Stunden allein, und schon fühlt man sich am Rand eines kritischen Zustandes. Der aufblitzende Gedanke an Menschen, die auf irgendeine Weise Spaß haben, genügt, um an nichts anderes mehr denken zu können.
Die Angst, das Leben zu verpassen, ist vielleicht auch der Grund, weshalb so viele meiner Kommilitoninnen nur ungern alleine lernen. Mit einer Lerngruppe schlägt man zwei Fliegen mit einer Klatsche: Es beschützt einen davor, sich mit schwierigen Problemen alleine auseinandersetzen zu müssen, und man pflegt gleichzeitig sein Sozialleben. Im Lesesaal dämpft der Anblick der anderen Lernenden ein bisschen das schlechte Gewissen, gerade seine jugendliche Freiheit zu vernachlässigen. Allein im Stillen zu lernen, ist wie Ausgeliefertsein an den Lernstoff und die eigenen Gedanken. Diesen Beklemmungsgefühlen kann durch Musik im Ohr entgegengewirkt werden. Sollte es kompliziert werden, seufzt man ob der grausamen Realität des Studentenlebens, und um sich für sein Pflichtbewusstsein zu belohnen, legt man erstmal eine Pause ein, sammelt neue Kraft, spricht sich bei seinen Freunden den Stress von der Seele und hellt die Stimmung mit einem witzigen Video auf. Denn sobald etwas am ,,guten Gefühl‘‘ kratzt und unbequem zu werden droht, gilt es, die Notbremse zu ziehen.
Wir werden in permanenter Erregung gehalten, und manchmal zahlen wir viel Geld, uns unsere Konzentration anzapfen zu lassen, zum Beispiel für ein neues Smartphone. Dass man Smartphones kritisch sehen kann und sollte, ist nun wirklich nichts Neues. Darauf angesprochen, erklärt so gut wie jeder, skeptisch zu sein, vielleicht auch zu oft dran zu sein, echte Gespräche könne es jedenfalls nie ersetzen, man könne ja nie sagen, ob der andere ,,:)‘‘ nur schreibe, dabei insgeheim aber ,,:(‘‘ meine.
Es gibt nicht viele, aber es gibt sie, die Wenigen, die dem denkfeindlichen Klima zu trotzen versuchen. Aber selbst ihnen fällt es schwer, allein zu sein, ohne sich mit Laptop oder WhatsApp davon abzulenken. Einen begeistert die Vorstellung, all die Bücher zu lesen, die man kennen muss, wenn man diese Gesellschaft verstehen will, und doch ist meistens so viel los, dass man viel zu aufgewühlt ist, um sich einem Buch zu widmen, und es bleibt beim Reinlesen. Was das Schreiben anbelangt, geht man nicht bis zum Letzten; stundenlang allein am Schreibtisch eine Idee auszuarbeiten, sie immer wieder, auch nach seitenlanger Arbeit zu hinterfragen, unbeirrt die ständig sich aufdrängende Außenwelt außen vor zu lassen und nichts anderes als bis auf den Grund vorstoßen zu wollen – dazu fehlt einem schlicht das Durchhaltevermögen. Man spürt, man ist mit vielem nicht einverstanden. Aber es ist, als hielte einen etwas bei dem Versuch, es anders zu machen, auf halber Strecke zurück.
Leute, die in die Tiefe gehen können und wollen, werden immer seltener. Auch sie neigen zunehmend zur Bequemlichkeit, können dem bestechenden Gedanken kaum mehr widerstehen, warum man sich denn Mühe machen und den Dingen auf den Grund gehen sollte, wenn alle anderen vergnügt an der Oberfläche dümpeln. Im Vergleich zu dem Gedankenreichtum früherer Generationen fallen wir arm aus. Georg Büchner hatte Mitte 20 seine bedeutendsten Werke in Nachtarbeit aufs Papier gebracht, während er tagsüber das Nervensystem der Barbe studierte; wir heutigen Studenten empfinden eine Vorlesung am Freitag als Zumutung. Wir haben uns angewöhnt, im Schongang zu denken und den Fragen wohlige Seichtheit vorzuziehen. Dieser Artikel verfolgt die Absicht, sich dieser Erwartung zu widersetzen. Dieser Text soll unbequem sein.

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