Eine wie Rosa

Eine wie Rosa

Je größer das Ego, desto verwundbarer ist man. ~ Matthieu Ricard

Nachdem Rosa ihren Besuch zweimal angekündigt und wieder abgesagt hat, hätte Joshua nicht geglaubt, dass sie diesmal tatsächlich vor seiner Tür stehen würde. ,,Mit Andreas ist endgültig Schluss.‘‘, verrät sie Joshua. Sie legt sich auf sein Bett und lässt die Beine schaukeln. Die Null-Uhr-Acht-Straßenbahn, die sie eigentlich nehmen wollte, verpasst sie. ,,In einer Viertelstunde fährt noch eine, dann aber wirklich die allerletzte.‘‘ Das versetzt Joshua den nötigen Schubser: er beugt sich vor und küsst sie.  

***

Es sei kompliziert, erfährt Joshua von Rosa in ihrer ersten gemeinsamen Nacht, mitten in den Semesterferien Anfang März. Andreas habe vor ein paar Tagen zwar Schluss gemacht. Aber eigentlich seien sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr zusammen gewesen, weil schon vor einem halben Jahr im Herbst sie Schluss gemacht habe.

Während er mit Rosa in den Psychologievorlesungen sitzt, kennt Joshua ihren Ex-Freund Andreas von seinem Praktikum bei der Psychologischen Beratung. Andreas, der sein Psychologiestudium vor zwei Jahren abgeschlossen hat, berät Studierende in persönlichen Notlagen und betreut Joshuas Praktikum. Gerade weil er am Ende dessen Praktikumszeugnis schreiben wird, ist es Andreas ein Anliegen, das Hierarchiegefälle möglichst vergessen zu machen. Ab und zu nimmt er Joshua nach der Arbeit sogar mit zum Klettern.

Joshua denkt zurück an Dezember. ,,Und bei dir, wie läuft‘s mit den Weibern?‘‘, hatte Andreas ihn nach dem Klettern beim Feierabendbier gefragt. ,,Könnte besser sein.‘‘, gestand Joshua. ,,Obwohl ich es wirklich probiere.‘‘ – ,,Vielleicht ist genau das dein Problem, du probierst es zu fest.‘‘, diagnostizierte ihm Andreas. Dass seine Freundin Schluss gemacht hatte, erwähnte er hingegen mit keinem Wort. Joshua erfuhr es erst durch Felix, Andreas‘ Mitbewohner und besten Freund, dem es beim Klettern versehentlich herausrutschte. ,,Sie hat nicht Schluss gemacht.‘‘, verbesserte Andreas gereizt. ,,Wir haben nur beide entschieden, das mit uns ein wenig zu entzerren.‘‘ Er genieße es, endlich mehr Zeit für sich zu haben, außerdem würden sie sich ja weiterhin dreimal pro Woche treffen.  

Wie weit Rosa und Andreas damit waren, ihre Beziehung zu entzerren, erlebte Joshua am folgenden Mittag. Er saß mit den Beiden in der Mensa beim Essen, als auf einmal Felix an ihren Tisch trat. Seine Brust hob und senkte sich, man konnte sein Herz fast hämmern hören. Atemlos, als habe er einen Marathon hinter sich, stieß er hervor: ,, Rosa, Andreas, wir müssen reden! Ich halte das nicht mehr aus!‘‘

Während die Drei sich zum Krisengespräch in die hinterste Ecke der Mensa verzogen, aß Joshua betreten seine Spaghetti Bolo auf. Die Mittagspause endete damit, dass eine tränenschluchzende Rosa bekundete, wie sehr sie die Nase von Andreas voll habe, worauf ein düster stierender Andreas erwiderte, Rosa solle hier nicht den verletzten Schwan spielen, aufstand und wegging.

Wie Joshua später – viel später – von Felix erfahren würde, wartete Andreas ab, bis er mit seinem Freund alleine war, dann stauchte er ihn zusammen: Was ihm einfalle, ihn vor den anderen so bloßzustellen. Wie er denn jetzt vor Joshua und all den anderen potenziellen Zeugen des Vorfalls dastehe. Zwei Tage lang bestrafte Andreas seinen Freund mit eisigem Schweigen.

Was Felix nicht mehr aushalten konnte, war, dass er Rosa, mit der er ebenfalls befreundet war, nicht treffen konnte, ohne dass er nachher mit Andreas gestritten hätte. Andreas hatte Rosa und Felix nämlich verboten, sich ohne ihn zu treffen. Dass Felix selber in einer glücklichen Beziehung mit Florence, Rosas Freundin war, tat nichts zur Sache. Das letzte Mal, als Rosa und Felix Andreas‘ Verbot missachtet hatten und zusammen ins Freibad gegangen waren, hatte Andreas ihre Spur verfolgt. Im ersten Moment hatte Rosas Herz einen erfreuten Sprung gemacht, als sie Andreas am Beckenrand erblickte. Erst im Näherschwimmen erkannte sie an seiner Miene, dass er wohl nicht gekommen war, um ihnen beim Plantschen Gesellschaft zu leisten. Wortlos winkte er die Abtrünnigen nach draußen vor den Eingang und hielt ihnen eine Standpauke zum Thema Loyalität.

Um das klarzustellen, er verbiete Felix keinesfalls, Rosa zu treffen, erläuterte Andreas jedes Mal. Er fühle sich nur einfach ausgeschlossen, wenn sie sich ohne ihn träfen. Weit gefehlt also, wer Andreas Eifersucht unterstellen wollte. Er tobte, weil er sich ausgeschlossen fühlte. Alles was er von einem ehrlichen Freund verlange, fuhr Andreas fort, sei Transparenz. Wann immer Felix Rosa auf ein Bier treffe oder zufällig auf dem Flur der Uni ein paar Worte mit ihr wechsle, habe er als Rosas Freund ein Recht darauf, umgehend darüber informiert zu werden. ,,Transparenzabkommen‘‘ taufte Andreas diese Abmachung. Als Coach in Gewaltfreier Kommunikation war Andreas Experte darin, wie man offen, tolerant und transparent kommunizierte.

Derselbe Andreas, der seine Freundin verfolgte, wenn sie mit einem Freund schwimmen ging, hielt in der Kneipe vor Joshua leidenschaftliche Plädoyers für freie Liebe. Eifersucht, so dozierte er vor seinem Praktikanten, gründe auf unberechtigten Besitzansprüchen. Liebe sei das Einzige, das nicht kleiner werde, wenn man es teile. Wie Joshua später von Rosa erfuhr, brachte Andreas ihr gegenüber ab und zu die Idee einer offenen Beziehung ins Spiel. Und ließ sie jedes Mal rasch fallen, wenn Rosa ihn daran erinnerte, dass die Freiheit beiderseitig wäre.  

Obwohl sie ja nicht mehr zusammen waren, durfte Andreas auf keinen Fall erfahren, dass Rosa jemand Neuen hatte. Er hieß Kay, sie hatte ihn auf dem Geburtstag ihrer Schwester kennengelernt. Kay war körperlich gut in Form, was ihn für etwas Physisches qualifizierte, aber nicht für mehr. Das kommunizierte Rosa von Anfang an, denn Transparenz lag ihr ebenso sehr am Herzen wie ihrem Ex-Freund. Lästigerweise hinderte das Kay nicht daran, für die zehn Jahre jüngere Psychologiestudentin mit den feuerroten Locken, den seerosenblättergrünen Augen und der Schauspielerinnenfigur Gefühle zu entwickeln. Für Kay, dessen sechsunddreißigjähriges Leben seit einiger Zeit stillstand, war Rosa der Jackpot. Sein Vorschlag, die siebenstündige Zugfahrt auf sich zu nehmen, um sie zu besuchen, rief bei ihr nicht die gewünschte Begeisterung hervor. Bei ihr könne er jedenfalls nicht unterkommen. Rosa war sechsundzwanzig und wohnte noch bei ihrer Mutter, Professorin für Entwicklungspsychologie; in der Altbauvilla mit Panoramablick gehörte Rosa das ganze dritte Stockwerk. Kein Problem, beteuerte Kay, es gebe Jugendherbergen. Am zweiten Tag seines Besuchs verriet ihn sein penetranter Geruch. Weil sie ihn nicht länger auf Parkbänken schlafen lassen konnte, wies Rosa ihm gnädig einen Winkel ihres Zimmers zu. Am Abend erwartete sie schon die nächste knifflige Situation: Florence, mit der sie sich für den Weihnachtsmarkt verabredet hatte, wollte unbedingt ihren Freund Felix mitbringen. Dabei wusste sie doch genau, dass Felix es Andreas sofort stecken würde, wenn sie Kay mitbrächte. Verständnisvoll, wie sie war, sah Rosa ein, dass sie von ihrer Freundin schlecht verlangen konnte, ihren Freund daheim zu lassen, damit sie ihren ,,Fuckbuddy‘‘ – so nannte sie Kay vor ihren Freundinnen übermütig – mitnehmen konnte. Also einigten sie sich darauf, den fremden Mann an Rosas Seite Felix als Cousin zu präsentieren, was dieser widerstandslos schluckte. Als ob er ihre Geduld nicht schon genügend strapaziert hätte, besaß Kay am vierten und letzten Abend die Frechheit, zum Abendessen ihre Gesellschaft einzufordern. Zwecklos, ihm zu erklären, dass eine wie Rosa sich von niemandem vorschreiben ließ, mit wem sie wann zu Abend aß. Sie bat Kay, sich nicht mehr bei ihr zu melden, und verlangte von Andreas eine Entscheidung: entweder ganz oder gar nicht mehr.

Zuerst verschob Andreas das Gespräch, weil er gerade im Urlaub sei. Dann bekräftigte er, wie sehr ihm ebenfalls an einer Klärung der Situation gelegen sei, er habe nur so viel zu tun. Erst als Rosa ihm versicherte, wenn er weiterhin ausweiche, werde eben sie für Klarheit sorgen und das Ganze beenden, hatte er plötzlich schon am nächsten Tag Zeit. Als sie am Ende des Tages erschöpft auseinandergingen, waren viele Tränen geflossen, Vorwürfe gebrüllt, Liebesschwüre gehaucht und eine Entscheidung immer noch nicht getroffen worden. Am nächsten Tag diskutierten sie wieder bis zum Abend. Mal kam der eine unter Tränen zum Schluss, sie sollten es bleiben lassen; mal verkündete die andere mit Feuer in den Augen, Aufgeben komme gar nicht infrage. Und am Ende des Tages stand immer noch alles offen, und am dritten Tag diskutierten sie wieder acht Stunden lang und loteten alle Optionen aus, auf der Suche nach irgendetwas, das ihnen ersparen könnte, der Tatsache ins Auge zu blicken, dass ihre Beziehung bankrott war. Und wieder ohne Ergebnis, und ein vierter Tag verstrich, und am Abend sprach Andreas die Worte: ,,Lass es uns nochmal versuchen.‘‘ Und Rosa fragte: ,,Bist du sicher?‘‘ Und Andreas lächelte und nickte: ,,Ganz sicher.‘‘   

Am Mittag darauf trudelte eine Sprachnachricht von ihm ein. Er habe noch einmal nachgedacht, sie sollten es besser doch bleiben lassen.

Zwei Tage später klingelt Rosa an Joshuas Tür.

***

,,Es versteht sich zwar von selbst“, sagt sie, nachdem sie Joshua alles erzählt hat, ,,aber ich will gerade alles andere als was Ernstes.“ Nur damit er Bescheid wisse.

Am Morgen danach stellt Joshua Kaffee, Orangensaft und warme Brötchen mit Erdbeermarmelade vor die Gäste des Cafés, in dem er kellnert. Obwohl er letzte Nacht kein Auge zugetan hat und ständig die Bestellung vergisst, muss er die ganze Zeit lächeln. Zwischendurch schaut er aufs Handy und sieht, was sie ihm geschrieben hat: gewisse Icons, angeordnet in einer gewissen Reihenfolge. Sofort fühlt er sich wacher. Noch während er sich fragt, was eigentlich genau passiert ist und ob er auf eine Wiederholung hoffen darf, kommt sie zur Tür herein. ,,Herr Kellner, ich hätte gerne einen Caffè Latte!“, zwinkert sie ihm zu. In seiner Zehnminutenpause setzt er sich zu ihr und stellt die entscheidende Frage: ,,Werden wir uns wiedersehen?“ Ihre Mundwinkel zucken belustigt nach oben, als habe er gefragt, ob man Kaffee trinken könne. ,,Wenn du schon so lieb fragst…“

An den folgenden Tagen kommt sie jedes Mal, wenn er Schicht hat. Sie bestellt einen Caffè Latte, und er riskiert einen Rüffel vom Chef, um noch ein paar Minuten länger bei ihr sitzenzubleiben. ,,Hast du Zeit?‘‘, schreibt sie am Sonntagmittag, nachdem sie am Morgen erst von ihm gegangen ist. Sie erzählt Joshua von ihrem Onkel, der im Sterben liegt. Sie ruft ihn an, als er gestorben ist, und bringt ihm eine Bleistiftzeichnung ihres Onkels mit, ein Porträt von ihr als Mädchen. Sie kommt eine Dreiviertelstunde zu spät zum Kaffee mit ihrer Familie, weil sie sich beim Abschied von Joshua kaum lösen kann. ,,Du hast eine ganz schöne Wirkung auf mich.‘‘, sagt sie. ,,Ich muss voll viel an dich denken.‘‘, sagt sie. ,,Schon als ich dir zum ersten Mal begegnet bin, hab‘ ich nachher Florence erzählt, bei mir im Seminar, da sitzt einer, wenn ich Andreas nicht hätte, dann würde ich auf den stehen.‘‘

Zu verlockend, diese Köder – Joshua beißt an.

***

Er hat immer geglaubt, um bei einer wie Rosa eine Chance zu haben, müsse man einer wie Andreas sein.

Er erinnert sich genau daran, wie er am zweiten Tag seines Masterstudiums den Seminarraum betrat, Platz nahm, sein Zeug aus dem Rucksack holte und sie entdeckte. Sie saß auf der anderen Seite der hufeisenförmigen Sitzreihe, und er hatte sofort etwas gegen sie, weil er spürte, wie sehr er sie wollte, und weil er sie nie erreichen würde.

Kurz darauf sah er sie auf dem Campus, wie sie auf einen Mann zulief, sich auf die Zehenspitzen stellte und ihm einen Kuss gab. Der Mann war einen Kopf größer als sie, hatte einen Boxerschnitt und trug eine Lederjacke, unter der sich die Armmuskeln abzeichneten. Er sah genauso aus, wie Joshua ihn sich vorgestellt hätte. So muss man also sein, dachte Joshua bitter.

Noch in derselben Woche ging er zum Friseur und verlangte einen Boxerschnitt, kaufte sich eine Kunstlederjacke und schloss ein Studentenabo fürs Fitnessstudio ab.

Als er Ende November sein Praktikum an der Psychologischen Studierendenberatung begann, erkannte er seinen Praktikumsbetreuer sofort wieder. ,,Nanu“, lachte Nadine, eine Arbeitskollegin, ,,Andreas, hast du dich verdoppelt?“  

***

Als er Rosa beim nächsten Treffen in der Stadt zur Begrüßung küssen möchte, zuckt sie zurück. ,,Nicht vor anderen Leuten.‘‘, zischt sie. ,,Wir sind ja nicht zusammen.‘‘ Sie wiederholt, sie sei zurzeit alles andere als bereit für was Ernstes. Jeder, der schon mal eine Trennung durchgemacht habe, könne das verstehen. Joshua hat noch keine Trennung durchgemacht, also kann er Rosa nicht verstehen. Bisher hat jede Frau, mit der Joshua etwas gehabt hat, Schluss gemacht, noch bevor sie richtig zusammen gewesen wären.

Weil er Rosa nicht verstehen kann, reitet Joshua so lange auf dem ,,Beziehungsthema‘‘ herum, bis er ihr Tränen in die Augen treibt. Oder bis sie in geschäftlichem Tonfall konstatiert, niemand zwinge ihn, bei ihr zu bleiben, er sei frei, jederzeit zu gehen. Ihre Sachlichkeit lässt ihn erschauern.  

,,Hm‘‘, macht er eines Tages resigniert. ,,Ich weiß nicht, ob ich so eine halbe Sache nochmal kann und will. Vielleicht sollte ich wirklich nochmal in mich gehen.‘‘

Daraufhin lässt Rosa zum ersten Mal das Wort ,,verliebt‘‘ fallen: Ganz schön verliebt sei sie in Joshua. ,,Toll“, schmollt sie beim Abschied an der Bushaltestelle, ,,jetzt muss ich darauf warten, wie du dich entscheiden wirst.‘‘ Joshua, noch völlig euphorisiert von ihrem Verliebtheitsgeständnis, lenkt sofort ein: ,,Meine Entscheidung, Rosa, steht doch längst fest. Auch wenn du mir den Wunsch nach einer festen Beziehung noch nicht erfüllen kannst, bin ich trotzdem dankbar für jede Minute mit dir.“

,,Dann versprich mir‘‘, sagt Rosa, und so plötzlich, wie Joshua es von einer verliebten Miene nicht erwartet hätte, weicht sie einer ernsten, beinah bedrohlichen, ,,versprich mir, dass du ab jetzt das Thema ruhen lässt.‘‘

Er verspricht.

***

Aber wie soll Rosa über Andreas hinwegkommen, wenn der ständig in ihrem Alltag herumspukt? Über Felix als Informationsquelle hat Andreas in Erfahrung gebracht, welche Kurse Rosa im neuen Semester gewählt hat und auf welche Partys sie geht, um sich dann mittags nach der Vorlesung in der Mensa oder abends im Club in Rosas Blickfeld zu positionieren und mittels lauten Lachens und angeregten Konversierens zu demonstrieren, was für eine gute Zeit er hat und wie absolut überhaupt nicht mehr er Rosa braucht.

Im Gegenzug nimmt Rosa, wenn sie über Andreas spricht, nicht mehr seinen Namen in den Mund, sondern diverse Kraftwörter. Als sie unterwegs feststellt, dass sie aus Versehen die Ohrringe trägt, die er ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hat, eilt sie vor lauter Ekel zurück nach Hause und wechselt die Ohrringe aus. Kommt er ihr auf dem Gehweg entgegen, hechtet sie hinter den nächsten Mauervorsprung. Einmal entdeckt sie ihn im Hof der Uni, wo er gerade mit einer Blondine nicht nur ins Gespräch vertieft ist, sondern auch noch sein Essen teilt. Sie umgeht den Hof weiträumig und flüchtet auf die nächste Toilette. Nachdem ihr Körper auch den allerletzten Tropfen Wasser ausgeweint hat und sie wieder imstande ist zu sprechen, sagt sie am Handy zu ihrer Schwester: ,,Ich wünschte, er wäre tot.‘‘

An einem Montagabend nach dem Seminar verlassen Joshua und Rosa gemeinsam das Uni-Gebäude, da haben Andreas‘ Adleraugen sie auch schon erspäht. Mit demonstrativer Gleichgültigkeit wendet er sich wieder Felix zu, mit dem er vor der Mensa auf der Terrasse sitzt.

Bisher hat Joshua sich vor der Frage, welche Auswirkungen sein Verhältnis mit Rosa auf seine Beziehung zu Andreas hat, insbesondere auf sein Praktikum, erfolgreich gedrückt. Natürlich würde er sich, wenn er jetzt einfach weiterginge und so täte, als hätte er Andreas nicht gesehen, erst recht verdächtig machen. Er wechselt einen Blick mit Rosa. Dann überqueren sie den Hof, und Joshua fängt ein Gespräch mit Andreas an. Worüber, das hat er fünf Minuten später schon wieder vergessen. Das Einzige, woran er denken kann, ist die Tatsache, dass Andreas auf keinen Fall Verdacht schöpfen darf. Der hat seinen stechenden Blick aufgesetzt, den er auch bei seinen Klientinnen gerne anwendet und der ihnen das Gefühl vermitteln soll, er habe sie durchschaut. Währenddessen ignoriert er Rosa cool, die sich genauso cool mit Felix unterhält. Joshua versucht, ebenso cool zu klingen, als er sagt: ,,Also, ich muss dann mal los, bis morgen Nachmittag!‘‘ Zu seiner Erleichterung unternimmt Andreas keinen Versuch, ihn aufzuhalten, und wendet sich wieder Felix zu.  

Eine Viertelstunde Fußweg haben Joshua und Rosa hinter sich gebracht, als es von hinten ruft: ,,Rosa! He, Rosa, hörst du mich?‘‘ Andreas überholt sie von rechts und stellt sich vor sie auf den Gehweg, sodass sie anhalten müssen. ,,He, Rosa, hallo, ich red‘ mit dir!‘‘ Er schnauft ein wenig, vom Rennen. ,,Willst du mich ignorieren?‘‘, ruft er und wedelt mit der Hand vor ihrem Gesicht. ,,Wenn du mich ignorieren willst, dann halt‘ dich gefälligst fern von mir!‘‘ Damit scheint er alles gesagt zu haben, um dessentwillen er zwei Kilometer hinter ihnen hergerannt ist, denn nun macht er kehrt und geht davon.

Ein paar Sekunden lang spricht keiner von ihnen ein Wort. Dann sagt Rosa: ,,Immerhin scheint ihn das alles auch nicht kaltzulassen.‘‘

Etwas an ihrem zufriedenen Lächeln irritiert Joshua, etwas, was nicht da sein sollte.  

,,Ich werde Andreas wohl von dir und mir erzählen müssen.“, seufzt er.

Sie starrt ihn an, als habe er gerade verkündet, dass er die Uni anzünden wolle. ,,Auf gar keinen Fall!“ Rosa schüttelt den Kopf. ,,Andreas darf niemals von uns erfahren. Sobald Andreas von uns erfährt, wird er alles daransetzen, das mit uns zu zerstören.“ Sie spricht langsam und deutlich, als sei Joshua schwer von Begriff. ,,Er wird Gerüchte streuen, über mich, über dich, über uns. Die anderen werden sich von uns abwenden. Geschweige denn, was das für dein Praktikum bedeuten würde. Auf gar keinen Fall. Kein Wort zu Andreas!‘‘

Joshua überlegt kurz, ob er Rosa darauf aufmerksam machen soll, dass sie auf diese anderen, falls sie wegen Gerüchten tatsächlich auf Abstand gehen sollten, getrost verzichten könnten. Stattdessen fragt er: ,,Selbst wenn – das mit uns ist doch hoffentlich stärker, oder?‘‘

,,Ich kann für nichts garantieren.‘‘, erwidert sie. ,,Ich will dich auf keinen Fall in deiner Entscheidungsfreiheit einschränken. Aber wenn du Andreas von uns erzählst, verlierst du mich.‘‘  

***

Dann eben per Zufall. An einem Sonntagnachmittag Anfang Mai, einem der ersten Tage, an denen man im T-Shirt hinausgehen kann, betreten Joshua und Rosa das Eiscafé am Marktplatz und machen auf dem Absatz kehrt. Zu spät, Andreas, der an einem der Tische sitzt, mit der Blonden, muss sie gesehen haben, denn schon anderthalb Stunden später ruft er Joshua an und hinterlässt, als der nicht abnimmt, eine Nachricht: ,,Wenn du das hörst, ruf mich bitte mal zurück.‘‘  

Rosa, die noch ein Referat vorbereiten muss, ist nach Hause gegangen. Joshua sitzt allein an seinem Schreibtisch und muss daran denken, wie er vor zwei Tagen in der Sansi-Bar Andreas gegenübersaß. Andreas hatte gerade die Zusage eines Ausbildungsinstitutes erhalten, angehende Psychotherapeuten in die Kunst der Gewaltfreien Kommunikation einführen zu dürfen, und zur Feier des Tages hatte er vorgeschlagen, früher Schluss zu machen und in der Sansi-Bar darauf anzustoßen. Joshua hatte nicht gewagt abzulehnen, er hätte ja schlecht erklären können, dass er in derselben Bar gleich mit Rosa verabredet war. Und für eine Ausrede war er ein zu schlechter Lügner.

Andreas nahm einen Schluck Bier und begann zu erzählen: ,,Gestern war ich im ,Sunset‘, eine Freundin von mir hatte Geburtstag.‘‘ Joshua nickte und sah aus dem Augenwinkel, wie hinter Andreas‘ Rücken Rosa durch die Tür eintrat. Er sah, wie sie sich umblickte, in der Hand die Muffins, die sie für sich und ihn besorgt hatte, und wie sie lächelte, als sie ihn entdeckte, und im nächsten Moment zusammenzuckte, als sie bemerkte, mit wem er am Tisch saß, und zurück durch die Tür verschwand, während er angestrengt Augenkontakt mit Andreas hielt und nickte und ,,Hm“ sagte.

Als würde Joshua sich nicht schon niederträchtig genug fühlen, zeigte Andreas sich auf einmal von seiner verletzlichen Seite und offenbarte Joshua, wie schwer es ihm falle, auf Partys nicht ständig im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Joshua hatte es bereits von Rosa gehört: Wenn Andreas eine Party mit seiner Anwesenheit beehre, was selten genug vorkomme, dann springe er von Gruppe zu Gruppe, wobei er jeweils nur ein paar Minuten verweile, gerade so lang, wie er die Aufmerksamkeit der anderen für sich behalten könne. Sobald er sie verliere, suche er sich die nächsten Opfer. Joshua hatte Andreas nach dieser Schilderung für einen Narzissten gehalten, doch wie er nun erfuhr, reflektierte Andreas sein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit nicht nur, er gab es sogar offen zu. Bedachte Joshua, wie eifrig Andreas sonst darum bemüht war, keine Schwäche zu zeigen, berührte ihn die plötzliche Offenheit umso mehr. Ein solcher Vertrauensbeweis verlangte Gegenseitigkeit. Es lag Joshua auf der Zunge: das Geständnis.

Doch er hatte Rosas Warnung nicht vergessen: wenn er sie verriete, würde er sie verlieren. Und die Angst, sie zu verlieren, wog eindeutig schwerer als das schlechte Gewissen, nicht ehrlich zu sein.

,,Gut gemacht!‘‘, lobte Rosa ihn, als sie sich eine Stunde später am Bahnhof trafen, und belohnte ihn mit einem Kuss. ,,Typisch Andreas! Wenn er von anderen was braucht, appelliert er an Freundschaft und Fairness. Aber sobald die anderen mal was von ihm brauchen, zuckt er bloß mit den Schultern. Wenn er scheinbar Schwäche zeigt, dann nur, weil es ihn schneller ans Ziel führt. Weil er gelernt hat, dass es bei manchen Leuten mehr zieht, wenn man die Kehle entblößt und Hundeäuglein macht. Für solche Leute hat Andreas einen Riecher. Bei ihnen kann er den kleinen Einzelkindtyrannen ungestört ausleben.‘‘

Dass Rosa – nach dem Auszug ihrer zehn Jahre älteren Schwester selbst als Einzelkind aufgewachsen – in der Sache Andreas alles andere als objektiv ist, ahnt Joshua. Aber auch wenn Rosas knappe und vernichtende Analyse ihres Ex-Freundes mit Vorsicht zu genießen ist – als er nun am Schreibtisch sitzt und darüber nachgrübelt, was er Andreas sagen soll, kommt Joshua in den Sinn, wie vor ein paar Wochen beim Klettern ihr Nebenmann, ein älterer, sichtlich erfahrener Kletterer, Andreas einen Ratschlag gegeben hat, was er beim Sichern noch verbessern könne. ,,Wir machen das hier nicht zum ersten Mal.‘‘, revanchierte sich Andreas. Oder neulich in der Mensa, als Rosa und Florence kichernd immer neue Spitznamen für das männliche Geschlecht erfanden. ,,Vaginas sehen übrigens auch komisch aus.‘‘, feuerte Andreas zurück.

Wenn Andreas sich fortbewegt, dann gilt es, keine Zeit zu verlieren. Andreas würde niemals flanieren oder schlendern, geschweige denn schlurfen. Andreas setzt sich nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt, und dann darf sein Rücken unter keinen Umständen die Lehne berühren. 

Nein, es ist nicht leicht, sich in Andreas‘ Gegenwart zu entspannen. Beim Klettern meinte Felix, zum Abschluss unbedingt noch eine 6B machen zu müssen? Nachdem Andreas als letzte Route des Abends nur eine 6A geklettert war? Eine Kränkung wie diese konnte Andreas natürlich nicht auf sich sitzen lassen! Sobald Felix zurück auf dem Boden war, kletterte Andreas die Route ebenfalls, und zwar zwei Minuten schneller.

Selbst Andreas kann nicht verhindern, dass die Dinge manchmal anders laufen als geplant. Die Freundin macht Schluss? Kein Problem. Zunächst einmal, stellte Andreas richtig, ist die Trennung einvernehmlich, auch er ist nämlich länger schon nicht mehr zufrieden. Außerdem haben sie sich nicht getrennt, sondern die Beziehung geöffnet, und eine offene Beziehung will er schon lange mal ausprobieren. Etwas Besseres als die Trennung hat Andreas also gar nicht passieren können.

Und er mache durchaus Gebrauch von seiner neuen Freiheit, versicherte er Joshua. Erst gestern habe er wieder ein Date klargemacht, eine Erstsemesterin, er treffe sie heute Abend. Als er sie am nächsten Tag nach einer Fortsetzung fragte, ließ ihn die Erstsemesterin auf ihre Antwort warten. ,,Ich hab‘ ihr jetzt geschrieben, dass es mir leidtut“, erzählte er Joshua wenig später, ,,aber ich glaube nicht, dass wir zusammenpassen. Sie ist halt schon sehr jung.‘‘

Wenn Andreas nicht gerade klettert oder Erstsemesterinnen verführt, liest er Mathieu Ricard, einen buddhistischen Mönch. Er hat ein Zitat an die Tür seines Büros gehängt: ,,Je größer das Ego, desto verwundbarer ist man.‘‘

Während das alles Joshua im Kopf herumschwirrt, nehmen zwei Optionen Gestalt an. Das Ergebnis wird in beiden Fällen dasselbe sein, ein verwaister Praktikumsplatz. Er kann tun, was Andreas verlangt, ihn zurückrufen und ehrlich sein. Anschließend wird Andreas ihm erläutern, weshalb er sein Praktikum nicht weiter betreuen könne – selbstverständlich psychologisch korrekt, in Ich-Botschaften und transparent.

Er entscheidet sich für die zweite Option und ruft Andreas nicht zurück.

Am nächsten Morgen stellt Andreas ihm ein schriftliches Ultimatum: ,,Wenn du dich bis 12 Uhr nicht gemeldet hast, gebe ich die Praktikumsbetreuung ab.‘‘

Für Besprechungen, die das Praktikum betreffen, stehe er jederzeit gerne zur Verfügung, antwortet Joshua. Über andere Themen wolle er im Moment lieber nicht sprechen.

Innerhalb von einer Minute hat Andreas per Sprachnachricht geantwortet: er habe Joshua immer für einen korrekten Kerl gehalten. Womit er natürlich meint, was für ein niederträchtiger Mistkerl Joshua in Wahrheit ist.

Wer denn jetzt die Betreuung seines Praktikums übernehme, hakt Joshua nach. Aber seine Nachricht kommt nicht mehr an, Andreas hat ihn blockiert.

***

Ein halbes Jahr ist es her, dass Joshua Rosas Freundin Nina auf einen Spaziergang getroffen hat. Ein Date, auf dem nichts passiert ist und das er vergessen hat, bis Rosa ihn eines Mittags auf der Mensa-Terrasse damit konfrontiert.

,,Du scheinst noch gar nicht begriffen zu haben, was das bedeutet.“, sagt sie aufgebracht. Joshua fühlt sich wie ein Politiker, aus dessen Vergangenheit ein sehr ehrgeiziger Journalist schmutzige Geschäfte ausgräbt. ,,Ich bin aktuell mit Nina im Gespräch. Sie hat zwar schon grünes Licht gegeben, aber ich warne dich, die Sache ist noch nicht gegessen. Was, um Himmels willen, hast du dir dabei gedacht? Die Sache ist mir schon damals merkwürdig vorgekommen. Mit mir hast du dich doch viel besser verstanden. Nicht dass ich eifersüchtig auf Nina bin, überhaupt nicht. Die Sache bringt mich nur zum Nachdenken. Wenn du es bei Nina versucht hast, bei wem dann noch alles?‘‘

Sie zeigt auf Merle, die vorbeiläuft. ,,Hast du‘s bei der versucht?‘‘

Anstelle einer Antwort nimmt er hastig einen Schluck Kaffee. Ihre großen Augen werden noch größer. ,,Und bei der?‘‘, knirscht sie und tippt mit spitzem Finger auf Svenja, die ein paar Tische weiter sitzt. ,,Bei der auch?‘‘

Der Kaffee schmeckt bitter, er muss sich beherrschen, nicht das Gesicht zu verziehen. Wenn es ihr so viel bedeutet, dann will er ehrlich sein und ihr zeigen, dass sie ihm vertrauen kann.

,,Es gab eine Zeit, da war ich ziemlich verzweifelt auf der Suche.‘‘, gesteht Joshua. ,,Jetzt im Nachhinein würde ich sagen, ich bin wohl ziemlich wahllos vorgegangen. Was nicht heißt, dass ich Erfolg gehabt hätte, die meisten haben mich abblitzen lassen. Ja, eine Zeitlang war ich an Merle interessiert, aber das war im ersten Bachelorjahr. Und Svenja hab‘ ich ein-, zweimal nach einem Spaziergang gefragt. Sie ist nie drauf eingegangen.‘‘

Rosa schlägt die Hand vor den Mund, als unterdrücke sie einen Aufschrei. ,,Svenja?‘‘, krächzt sie und erschrickt darüber, dass sie den Namen laut ausgesprochen hat. Hastig vergewissert sie sich, dass sie nicht belauscht werden, und zischt noch einmal: ,,Im Ernst, Svenja?‘‘ Ihr Blick gleitet ins Leere. ,,Ich sitze mit Svenja im Tutorat.‘‘, haucht sie. ,,Kannst du dir vorstellen, was das für mich heißt? Kannst du dir das vorstellen?‘‘

Entsetzt betrachtet Joshua sein Werk. Rosas weißes Gesicht scheint beinahe durchsichtig, ihre Lider flackern. Langsam, angestrengt, als müsse sie die Sprache nach einem Schädel-Hirn-Trauma Wort für Wort neu lernen, spricht sie: ,,Wenn du wenigstens wirklich was mit diesen Frauen gehabt hättest! Aber sie haben dich eine nach der andern abblitzen lassen. Jetzt, wo ich weiß, was du für einer bist, wie soll ich dir da noch vertrauen können? Woher soll ich wissen, dass du in ein paar Wochen nicht schon einer anderen hinterherläufst?‘‘ Sie hält kurz inne, um ihm Gelegenheit zu geben, sich zu verteidigen, und Joshua bringt kein Wort über die Lippen, was Rosa als wortloses Eingeständnis zu werten scheint.

,,Solange ich mit Svenja im Tutorat sitze, werde ich nie mit dir zusammen sein können. Kannst du dir vorstellen, wie diese Schlampen hinter meinem Rücken lästern würden? ,Ah, die Rosa ist jetzt mit diesem Joshua zusammen.‘, werden sie sagen. ,Bei mir hat der’s auch schon probiert. Anscheinend hat er endlich eine gefunden, die ihn ranlässt.‘“

***

,,Ach übrigens‘‘, meint Marta zu Joshua, als sie sich am Nachmittag vor der Bibliothek zufällig über den Weg laufen. ,,Ich habe Post von Rosa bekommen: warum ich unbedingt mit dir in der Gruppe sein will.‘‘

Als Rosa am Abend zu ihm kommt, geht sie direkt zum hintersten Stuhl in seinem Zimmer, setzt sich und starrt auf ihre Füße.

,,Ist was?“, fragt Joshua.

,,Was soll sein?“, knurrt sie.  

,,Marta hat mir erzählt, du hast ihr geschrieben. Wegen der Gruppenarbeit in Statistik.“

,,Du und Marta, ihr habt euch also getroffen. Wohin seid ihr? Zu ihr oder zu dir?“

,,Rosa, es hat sich so ergeben. Im Seminar saß ich neben ihr, sie hat mich gefragt, ob ich bei ihnen mitmachen will, ich hab‘ Ja gesagt. Ich wusste ja nicht, dass- Okay, weißt du was, ich schreib‘ ihr. Ich sage ihr, dass ich jetzt bei dir mitmache.“  

,,Mach‘, was du willst.‘‘, erwidert Rosa. ,,Lass‘ dich nicht von mir abhalten, wir sind ja nicht zusammen.‘‘

Sie starrt noch eine Weile auf ihre Socken mit Herzchenmuster, dann steht sie widerstrebend auf und setzt sich zu ihm aufs Bett, wobei sie einen Meter Mindestabstand hält. ,,Ob man einen anderen nur begehrt oder dieses Begehren in die Tat umsetzt, macht für mich keinen Unterschied.“, sagt Rosa. ,,Was das angeht, waren Andreas und ich uns immer einig. Mag sein, dass ich in dieser Hinsicht etwas extrem ticke. Ein Grund mehr, mich nicht zu sehr auf dich einzulassen. Solange wir nicht zusammen sind, muss ich nicht am Boden zerstört sein, wenn’s soweit ist und du mich betrogen hast.“

Damals, als das mit Andreas ernst geworden sei, habe sie von ihm verlangt, zu allen Freundinnen den Kontakt abzubrechen. Mit Frauen wie Sandra – der redseligen Bibliothekarin mit der randlosen Brille und den mausgrauen Haaren – habe er selbstverständlich weiterhin sprechen dürfen. Andreas wiederum habe ihr verboten, mit Felix schwimmen zu gehen. Wäre es nach ihm gegangen, hätte sie das Haus ohne seine Begleitung gar nicht mehr verlassen. Dass sie mit ihren Freundinnen aufs Oktoberfest gehe, habe er ihr verboten. Um keinen Preis habe er seine Freundin den gierigen Blicken einer Meute betrunkener Männer aussetzen wollen, noch dazu im Dirndl. Nicht dass er befürchtet habe, sie könnte einen dieser Typen ihm vorziehen. Er hätte nur nicht ertragen können, was für einen Freund er in den Augen der anderen Männer abgäbe, wenn er seine Freundin derart aus den Augen ließe.

Sie habe eingelenkt, erzählt Rosa, und Andreas versprochen, er könne beruhigt sein, sie würden stattdessen nach Prag fahren. Am Ende des Urlaubs, auf der Rückfahrt von München habe sie Florence und die anderen schwören lassen: kein Wort zu Andreas darüber, dass sie den letzten der fünf Urlaubstage auf der Wiesn verbracht hatten.

Am nächsten Tag trifft Joshua Marta zum Lernen. ,,Ich habe wieder Post gekriegt.“, begrüßt sie ihn. ,,Rosa schreibt: ,Es tut mir leid, ich hab dich da nicht mit reinziehen wollen.‘ Wie meint sie das?“ Mit erhobener Augenbraue wirft sie Joshua einen besorgten Blick zu. ,,Reinziehen – in was?‘‘

Aber Joshua kann es ihr nicht beantworten, er begreift es ja selbst nicht.

***

Wenn er mit Rosa durch die Stadt läuft, sind sie Magneten, die alle Blicke auf sich ziehen. Erst starren sie Rosa an, dann den Mann, der es an ihre Seite geschafft hat. Sich in der Position des Mannes an Rosas Seite zu erleben, berauscht Joshua, und es schüchtert ihn ein. Es gibt Momente, da kommt er sich vor wie ein Halbwüchsiger ohne Führerschein, der sich in einem unbeobachteten Augenblick hinter das Steuer eines Rennautos setzt und das Gaspedal durchdrückt, und erst als die ungeheure Kraft der Maschine ihn mit voller Wucht in den Sitz drückt, kommt ihm die Frage in den Sinn, ob das hier nicht ein paar Nummern zu groß für ihn ist.

,,Du riechst gut.“, sagt er am Morgen auf dem Weg zur Uni. 

,,Ein echtes Chanel. Hab’s zum Geburtstag gekriegt, im Laden kostet das zweihundert Euro.“

,,Zweihundert?!“

,,Halt ein echtes Chanel.“

Joshua muss daran denken, was Andreas ihm einmal gesagt hat, als sie noch miteinander geredet haben: Rosa sei keine dieser Frauen, die nur ihr Aussehen im Kopf hätten. Er denkt an all die Fläschchen und Flakons, Döschen und Drehstifte, Schälchen und Tuben in ihrem Zimmer, die all die Parfums und Puder, Lotionen und Lippenstifte, Shampoos und Cremes enthalten, die sie ganze Sonntagnachmittage lang in ihrem kleinen privaten Labor neben ihrem Zimmer braut, und fragt sich, womit die Herstellung von Make-Up sonst zu tun hat, wenn nicht mit dem eigenen Aussehen. Wenn sie nicht gerade Make-Up produziert, vertreibt Rosa sich die Freizeit mit dem Färben von T-Shirts. Sie beherrscht zwei Stile; sie bekleckst den Stoff mit bunten Farben und nennt es ,,Modern Art“ oder sie batikt den Stoff und hört dazu ,,All Along the Watchtower“ von Jimmy Hendrix, der ,,Woodstock“-Stil. Und sonst? Früher sei sie eine richtige Leseratte gewesen, hat sie Joshua versichert; inzwischen fehle ihr zum Lesen einfach die Zeit. Und sonst? Spätestens als er ihr die ,,Heute Show“ gezeigt und sie ihn gefragt hat, wer dieser Gerhard Schröder sei, hat er Politik als ein mögliches Interesse von Rosa ausgeschlossen.

Nein, es gibt keinen Grund, weshalb er sich Rosa unterlegen fühlen sollte. Und trotzdem wird er das Gefühl nicht los, eine wie Rosa nicht verdient zu haben. Dass es sich bei ihrem Interesse für ihn um einen Irrtum handeln muss, der früher oder später auffliegen wird. Aber wenn sein Erfolg bei Rosa reiner Zufall ist, dann lautet die Frage nicht, ob, sondern wann er sie verlieren wird. Umso dringender braucht er eine Sicherheit, ein Versprechen, irgendetwas, das ihm die Angst nimmt, sie zu verlieren.

Und je mehr Joshua sie dazu drängt, ihm zu versprechen, seine Freundin zu sein, desto weniger ist Rosa bereit dazu. Und je länger sie ihm vorenthält, was er ersehnt, desto ersehnenswerter erscheint es ihm. Und weil er etwas von ihr will, nicht umgekehrt, stellt sie die Bedingungen. Sie entscheidet, wieviel Nähe sie heute zulässt beziehungsweise wieviel Distanz sie bewahrt, und erinnert ihn, dass sie ja nicht zusammen sind. Sie sagt: ,,Ich bin nicht bereit für was Ernstes.“, und Joshua hört: Sie ist ,,noch nicht“ bereit. Dieses ,,noch nicht“ verwandelt ihr ,,Nein“ in ein ,,Nein, aber“, auf dieses ,,noch nicht“ setzt er all seine Hoffnungen. Solange sie ,,noch nicht“ bereit ist, muss er sie überzeugen, und sie kann sich zurücklehnen, ohne ihm am Ende einen Daumen hoch schuldig zu sein.

***

,,Aber damit das klar ist‘‘, trichtert Rosa ihm vor Florence‘ WG-Party ein, ,,kein Kuss, keine Umarmung, nichts, was uns verraten könnte!‘‘

Es ist die erste Party, auf die sie gemeinsam gehen, und als Joshua Einwand erhebt, fügt sie hinzu: ,,Joshua, vor dem Hintergrund, dass mein Ex auch auf dieser Party sein wird, ist es wirklich nicht verwunderlich, dass ich kein Drama will.‘‘

Ein paar Punkte in ihrer Argumentation würde Joshua gerne besser verstehen, zum Beispiel, was es noch zu verstecken gibt, wo Andreas doch längst Bescheid weiß. Doch er will keinen Streit riskieren, den gab es ja gestern erst, über dasselbe Thema. Für heute Abend wird er die bittere Pille wohl schlucken müssen.

Er schält sich gerade zwischen Marc und Samir aus dem Sofa in Florence‘ Zimmer, um sich das nächste Bier zu holen, als er den blauen Augen von Andreas begegnet. Andreas bewahrt ein perfektes Pokerface und legt bloß die Hand auf Felix‘ Schulter neben ihm, schon zieht dieser den Fuß, den er gerade ins Zimmer setzen wollte, zurück und geht stattdessen Richtung Küche. Zufrieden lässt Andreas Felix‘ Schulter los und folgt ihm.  

Gestern in der Beratungsstelle war Joshua auf dem Weg zum Kopierraum, als die Eingangstür aufflog und Andreas‘ Blick geradewegs den von Joshua traf. Joshua widerstand der Kraft, die seinen Blick zum Ausweichen zwingen wollte. Es wäre das unwiderrufliche Eingeständnis seiner Unterlegenheit, mit anderen Worten, dass er Rosa nicht verdiente. Natürlich kam es auch für Andreas nicht infrage auszuweichen. Eine endlose Sekunde lang zweifelte Joshua nicht daran, dass das Nächste Andreas‘ Faust in seinem Gesicht sein würde. Dann realisierte er, dass Andreas an ihm so gleichgültig vorübergegangen war wie an einem Leitpfosten am Straßenrand. Den Rest des Nachmittags war Joshua damit beschäftigt, das Gefühl von Versagen zu verarbeiten, das diese Begegnung hinterlassen hatte. Die quälende Ahnung, obwohl er nicht ausgewichen war, trotzdem den Kürzeren gezogen zu haben.

Zu Joshuas Erleichterung bleiben solche Begegnungen selten. Nadine, die sich bereit erklärt hat, Joshuas Praktikumsbetreuung zu übernehmen, arbeitet nur zwei Stunden pro Woche zeitgleich mit Andreas.  

Joshua lässt sich gerade von Ludwig die Zubereitung eines ,,Sex on the Beach‘‘ erklären, als Andreas doch hereinkommt. ,,Hallo‘‘, sagt Andreas und nickt ihm zu. Offenbar will er Joshua kein zweites Mal die Genugtuung geben, ihn so verletzt zu haben, dass er Joshua ignoriert. Dann beginnt er ein Gespräch mit Marta.

Von diesem Moment an bekommt Joshua von Ludwigs Worten nichts mehr mit, er kann nur noch daran denken, welchen Grund es gibt, die neue Beziehung vor dem Ex-Freund zu verstecken, welchen anderen Grund, als dass Rosa mit Andreas eben doch noch nicht abgeschlossen hat!

Er lässt Ludwig mitten in seiner Erklärung, warum man den Vodka unbedingt vor dem Orangensaft einfüllen muss, stehen und schließt sich auf der Toilette ein. Er hat es gewusst. Das ist das Schlimmste an der ganzen Sache: dass er jetzt hier auf einem fremden Klo hockt und gegen die Tränen kämpft und von Anfang an gewusst hat, dass es so kommen wird. Er hat tatsächlich geglaubt, dass eine wie Rosa sich für ihn interessieren würde. Die Wahrheit ist, dass er für Rosa höchstens als Mittel interessant ist, um ihren Ex-Freund eifersüchtig zu machen.  

Die Heftigkeit, mit der er die Badtür aufreißt, trägt ihm den alarmierten Blick der Frau ein, die davor gewartet hat. Betont gelassen schlendert Joshua durch den Flur. Bei Florence‘ Zimmer bleibt er stehen und scannt die Anwesenden, doch die, die er sucht, ist nicht dabei, also geht er weiter und durchsucht Auroras Zimmer, steigt über Beine und Arme, steckt den Kopf in die kühle Nachtluft und inspiziert den Balkon, ohne fündig zu werden. Blitzartig sieht er Rosas rote Locken, weiße Arme in den starken, klettererprobten Armen von Andreas, versunken im Kuss. Er blinzelt das Bild weg und eilt zur Küche.

Sie ist tatsächlich dort, allerdings nicht in innige Umarmung mit Andreas, sondern in eine Runde Bier-Pong mit Marc, Samir und Florence vertieft. Sie zu sehen, wie sie mit der Zungenspitze im Mundwinkel und den Grübchen in der Wange konzentriert zielt, versetzt ihm einen Stich. Der Ball landet im Becher, Rosa klatscht in die Hände und quietscht vor Vergnügen. Diese unschuldige Freude über einen Treffer in einem Trinkspiel, dieses Strahlen und dann auch noch diese Grübchen – wer würde ein solches Geschöpf nicht für zu gut für diese Welt halten?  

,,Da bist du!‘‘, jubiliert sie und fällt ihm um den Hals.

,,Hi.‘‘, sagt Joshua. ,,Ich sehe, du hast Spaß.‘‘

,,Jaaa, willst du mitspielen?‘‘ Ihr Gesicht glüht von der Erregung des Spiels und vom Alkohol, und es ist so nah, dass er die Sommersprossen auf ihren Wangen sieht. Er könnte sie küssen, sie würde es erlauben.

,,Ich bin nicht so der Bier-Pong-Typ.‘‘, sagt Joshua.

Mit einer Mischung aus Bestürzung und Befriedigung registriert er ihre Enttäuschung. ,,Oh, okay.‘‘

Schon melden sich die ersten Zweifel, ob er das Richtige tut. Doch ihm bleibt nur die Flucht nach vorn. ,,Ich glaub‘, ich geh‘ dann mal.‘‘

,,Oh‘‘, macht sie noch einmal. ,,Soll ich mitkommen?‘‘

,,Ja, gerne!‘‘, erwidert er erfreut und ärgert sich sofort über seine Freude.

,,Ist gut, ich komme. Ich muss nur noch schnell fertig spielen, okay?‘‘

,,Ich warte draußen.‘‘, brummt Joshua.

Obwohl nicht mehr als fünf Minuten verstrichen sein können, als Rosa in ihrer roten Jacke ins gelbe Licht der Laterne tritt, denkt Joshua, sie habe ihn warten lassen.

,,Was fällt dir eigentlich ein?“, bricht es aus ihm heraus. ,,Den ganzen Abend so tun, als kennen wir uns nicht, hast du eine Ahnung, wie verletzend das ist? Wie demütigend?“ Er schüttelt den Kopf. ,,Ich fahre jetzt nach Hause.‘‘

Schnell, bevor die Kraft der Wut verfliegen kann, steigt Joshua auf sein Rad und fährt davon.

Er kommt gerade einmal bis zum Bahnhof. Dann bremst er, dass es quietscht, und ruft sie an.  

,,Es tut mir leid, Rosa, es tut mir leid, bitte, es tut mir so leid!‘‘, redet er drauflos, verhaspelt sich, setzt neu an: ,,Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist, aber was ich getan habe, war absolut falsch. Bitte vergib‘ mir. Wo bist du jetzt?‘‘

,,Ich habe circa fünf Minuten darauf gewartet, dass du zurückkommst. Jetzt bin ich zu Hause.‘‘ Seine Erleichterung darüber, dass sie nicht wütend klingt, weicht der Panik vor der kühlen Distanz in ihrer Stimme. Hat sie mit ihm abgeschlossen?

,,Es tut mir leid“, wiederholt er, ,,ich war so eifersüchtig, ich habe alles überinterpretiert.‘‘

,,Was du nicht sagst.‘‘ Ihre Trockenheit greift auf seine Kehle über. Sie meint es ernst, sie hat das Thema Joshua abgehakt. Durch den Schock, in Kombination mit der kühlen Nachtluft, sieht er ganz klar. Die Erkenntnis, dass die Person, für die er Rosa heute Abend gehalten hat, nichts mit der wahren Rosa zu tun hatte, sondern einzig und allein das Produkt seiner Minderwertigkeitskomplexe war, und dass er sie für diese Erkenntnis erst verlieren musste, tut regelrecht körperlich weh.

Er krächzt: ,,Ich will dich nicht verlieren.‘‘

,,Ach Joshua.‘‘, seufzt sie.

,,Kann ich noch zu dir kommen?‘‘

,,Ich glaube, das lassen wir heute besser.‘‘

,,Okay, ja klar, das verstehe ich.‘‘, beeilt er sich zu versichern. ,,Aber morgen, morgen sehen wir uns wieder, okay? Morgen Abend? Oder morgen Mittag?‘‘

,,Ich bin müde. Lass uns schreiben.‘‘

Sein letzter Rest Selbstbeherrschung ist aufgebraucht, er bettelt: ,,Aber zwischen uns ist alles in Ordnung, oder?‘‘

,,Ach Joshua‘‘, seufzt sie noch einmal. ,,Ich bin echt müde, wir hören morgen voneinander.‘‘

,,Ich hab‘ dich lieb.‘‘, ergänzt er hastig. Wenigstens das muss er von ihr hören, sonst kann er diese Nacht kein Auge zu tun.

,,Hm, ich dich auch, gute Nacht.‘‘ Sie hat aufgelegt.

An diesem ,,Hm‘‘ nagt er die ganze Nacht. Er nagt immer noch, als draußen der erste Bus dröhnt, versucht zu schlafen und wartet in Wahrheit darauf, dass der Glockenton des Handys ihre Bestätigung meldet, dass sie heute Mittag zusammen essen werden. Bis der Glockenton endlich ertönt, um kurz nach Elf, hat er ausreichend Zeit gehabt, seinen Entschluss zu fassen: noch einmal so ein Abend, so eine Nacht, und seine Nerven nehmen dauerhaften Schaden. Er hat es probiert und ist seinem Ziel, einer festen Beziehung mit ihr, nicht nähergekommen, im Gegenteil.

Gleich nach der Begrüßung teilt er ihr seinen Entschluss mit: ,,Ich will kein Drama mehr, ich will, dass es ruhiger wird. Wenn du im Moment noch nicht bereit bist, akzeptiere ich das.“ Anstelle einer Antwort streckt Rosa den Arm aus und drückt seine Hand – mitten auf dem Campus, vor aller Augen.

***

Noch in derselben Woche steht sie abrupt auf und sagt: ,,Ich muss jetzt gehen!‘‘

Entgeistert hält Joshua, der gerade den Film einrichtet, den er extra für diesen Abend gekauft hat, so wie den Rotwein und das Popcorn, inne und starrt sie an: ,,Was ist denn los? Rosa, bitte sag‘, was hast du denn?‘‘ Schon als sie hereinkam, war klar, dass etwas nicht gut war. Rosa trug eine Miene, als wäre ihre Katze vor ihren Augen von einem Mähdrescher überfahren worden. Jede seiner Fragen – ,,Möchtest du Wein? Popcorn? Ist irgendwas passiert?‘‘ – beantwortete sie mit Schulterzucken. Doch damit, dass sie, kaum eine halbe Stunde nach ihrer Ankunft, aus seinem Zimmer in den Flur marschiert und die Jacke vom Haken zupft, hat er nicht gerechnet. ,,Rosa, bitte sprich‘ mit mir. Hab‘ ich was falsch gemacht?‘‘

,,Manche Dinge bleiben besser unausgesprochen.‘‘, lässt sie die Tür hinter sich ins Schloss schnappen. Zurück bleibt Joshua mit Wein, Popcorn, Film und der Frage, ob sie gerade Schluss gemacht hat.

Auch am nächsten Tag, als sie sich zufällig in der Aula begegnen, fühlt Rosa sich noch nicht in der Lage, Joshua aufzuklären. Sie sei stundenlang weinend durch die Stadt geirrt und habe mit ihrer Schwester telefoniert. Aber er könne beruhigt sein, es werde nicht wieder vorkommen.

Ein paar Tage später sitzen sie auf einer Bank im Park und beobachten die letzten Strahlen der untergehenden Sonne auf den Kronen der Kastanienbäume, da rutscht es Joshua heraus: ,,Schade, dass wir gestern nicht miteinander geschlafen haben.‘‘ Er bereut es sofort. Zu seiner Erleichterung reagiert sie gelassen: ,,Der Durchschnitt liegt bei drei Mal pro Woche. Im Vergleich dazu kannst du dich wirklich nicht beschweren.“ Er sei vollkommen zufrieden, beeilt er sich zu versichern, und sie wechseln das Thema. Sie haben gerade den letzten Zebrastreifen vor seiner Wohnung passiert, als Rosa seufzend sagt: ,,Na dann, ich geh‘ dann mal besser.‘‘ Joshuas Proteste und Bitten können sie nicht davon abhalten, in die gerade ankommende S-Bahn zu steigen.

,,Erst wütest du, jetzt eben mal ich.‘‘, meint sie am Nachmittag danach schulterzuckend, als verstehe sie gar nicht, wozu sie hier seien. Sie sitzen im ,,Eimer‘‘, im Hintergrund schummriges Kerzenlicht und verträumter Jazz – es könnte romantisch sein.

Joshua schüttelt den Kopf. Sie spiele wohl auf seinen Ausraster auf der WG-Party an. Keine Frage, da habe er sich danebenbenommen. Aber er habe seinen Fehler noch am selben Abend eingesehen und sich bei ihr entschuldigt. Im Vergleich dazu habe sie sich in den knapp zwei Wochen, die seither vergangen seien, zwei Krisen geleistet, und entschuldigt nur für eine, per WhatsApp-Nachricht. Er habe nicht den Eindruck, dass sie sich eines Fehlers bewusst sei. Er habe nicht einmal den Eindruck, dass sie verstehe, was es beim anderen auslöse, wenn man aus dem Nichts heraus fortgehe und stundenlang nicht mehr erreichbar sei. Selbst jetzt noch, einen ganzen Tag später, wolle sie ihm immer noch nicht erklären, was eigentlich los gewesen sei. Ob sie im Ernst glaube, eine Aussage wie ,,Manche Dinge bleiben besser unausgesprochen.“ beruhige ihn? Ob er ihr wirklich erklären müsse, dass er sich da erst recht frage, wie schrecklich diese ,,Dinge“ sein müssen? ,,Ich bin dir nicht böse, weil es dir schlecht gegangen ist. Ich will, dass du mit mir darüber redest.“

,,Jetzt sind wir ja hier und reden darüber.“ Wieder der gleichgültige Tonfall, als verstehe sie beim besten Willen nicht, worum er so viel Aufhebens mache.

Er sagt: ,,Ich will, dass du dich entschuldigst.‘‘

Ihr Lachen klingt spitz und hell. Sie lacht ihn aus.

Es ist, als befänden sie sich in einem Film, und jemand verringere die Geschwindigkeit. Mit einer Ruhe, die ihn selbst überrascht, registriert er nacheinander ihr lachendes Gesicht im Kerzenschein, die Tatsache, dass das Lachen seiner Forderung einer Entschuldigung gilt, und den Tisch zwischen ihnen – massives Holz, doch er könnte es mit einem einzigen Schlag entzweihauen.

Joshua beugt sich vor, schaut Rosa direkt in die grünen Augen und sagt: ,,Willst du mich provozieren?‘‘

Erschrocken legt sie ihre Hand auf seine. ,,Du hast recht, ich muss mich entschuldigen.“

Doch ihr Lachen scheint eine Kiste geöffnet zu haben, die sich nicht so leicht wieder zudrücken lässt. ,,Wie wär’s“, knurrt Joshua, ,,wenn ich das nächste Mal nicht erst wütend werden muss, damit du deinen Fehler einsiehst.“

Sie zuckt zusammen. Zu sehen, dass er sie getroffen hat, stimmt ihn versöhnlicher. Doch noch Stunden später, als er längst alleine in seinem Bett sitzt und versucht zu lesen, zittert das Buch in seinen Fingern.

***

Der folgende Abend, ein Donnerstagabend, ist ein Erfolg, das heißt, er verläuft krisenfrei. Nach der Vorlesung gehen sie in den ,,Treffer“ und spielen zwei Runden Tischkicker, anschließend holen sie beim Uni-Grill Burger mit Pommes, die sie bei Joshua auf dem Balkon verspeisen. Als er nachher im Bett an sie heranrückt und sie sagt: ,,Heute nicht.“, erwidert er: ,,Kein Problem.“, und meint es so. Er legt die Hand an ihren warmen Rücken, er hört zu, wie ihr Atem von Zug zu Zug gleichmäßiger wird, und erst jetzt, da er die Erleichterung spürt, wird ihm bewusst, wie groß die Anspannung gewesen ist.   

Am Morgen löffelt sie mit glasigem Blick ihr Müsli und steigt ohne Umarmung in die Straßenbahn.

Bis zum Abend hält er durch. Dann schreibt er ihr: ,,Na du? Ich war noch joggen und hab ne Spitzmaus gesehen, hier das Beweisfoto. Was machst du heute Abend?“

Stunden verstreichen, ehe sie antwortet: ,,bin grad mit meiner Mom am Essen.“

So geht es auch am nächsten Tag und am übernächsten. Er setzt sich auf seine Hände, bis er es nicht mehr aushält und ihr schreibt. Von ihrer Seite Schweigen. Sie sei erkältet, das ist alles, was sie ihn wissen lässt.

,,Ich muss viel an dich denken.“, schreibt Joshua. – ,,Oh, warum denn?‘‘ – ,,Du fehlst mir.“ – ,,Ah so.‘‘

Allem Anschein nach brauche sie Zeit für sich, er wolle ihr diese Zeit gerne geben, erklärt Joshua. In Wahrheit schaut er alle fünf Minuten aufs Handy, jedes Mal überzeugt, jetzt müsse sie ihn genug bestraft haben und ihr Schweigen brechen, das nun schon zwei Tage andauert, jedes Mal aufs Neue enttäuscht. Für die Prüfungen zu lernen, die in wenigen Wochen anstehen, geschweige denn die Masterarbeit wiederaufzunehmen, die seit Wochen im Schlafmodus liegt – allein der Gedanke daran erschöpft Joshua derart, dass er zurück aufs Bett sinkt und eine weitere Stunde dahinvegetiert. Das Maximum ist ein halbstündiger Spaziergang am dritten Tag; dabei fühlt er sich, als habe er seine Wohnung seit einem halben Jahr nicht mehr verlassen, und wird von einer Frau mit Rollator überholt. Mittags wärmt er sich das Essen auf, das noch von Donnerstagmittag stammt und inzwischen vier Tage alt ist, doch etwas Neues zu kochen, hat er nicht die Kraft, und Hunger eigentlich auch nicht. Das Einzige, was ihn retten könnte, wäre eine Nachricht von ihr, die niemals kommen wird. Wenn er weiter nach alternativen Erklärungen für ihr Schweigen sucht, die etwas anderes als einen Schlusspunkt darin sehen, dann nur, weil er der Wahrheit noch nicht ins Auge blicken kann. Noch härter trifft ihn nur, dass er ihr noch nicht einmal genug bedeutet, um explizit Schluss zu machen.   

Mitten in der Nacht erwacht er von der Vibration des Handys. Eine SMS: ,,Hast du morgen kurz Zeit, uns zu treffen?“ Nicht erst eine WhatsApp-Nachricht, die er womöglich erst morgen früh lesen würde, sondern direkt eine SMS. Nachdem Rosa vier Tage lang kein Wort mit ihm gewechselt hat, scheint sie es auf einmal gar nicht abwarten zu können, ihn zu sprechen. Ihre Worte zerstäuben vor seinen Augen zu Pixeln. Sie möchte sich also doch noch treffen, um Schluss zu machen. Nach allem, was vorgefallen ist, nachdem sie ihn vier Tage lang wie den letzten dahergelaufenen Straßenköter mit Liebesentzug bestraft hat, wünscht sie plötzlich ihn zu treffen und erwartet, dass er bei Fuß kommt. Ohne Entschuldigung, ohne auch nur mit einem Wort anzudeuten, dass ihr bewusst wäre, was sie ihm angetan hat. Dass sie skrupellos ist, war ihm bewusst; erst jetzt begreift er, in welchem Ausmaß.

Aber wenn er schon an ihrer Entscheidung, ihm den Gnadenschuss zu geben, nichts mehr ändern kann, dann kann er wenigstens auch skrupellos sein. Das heißt, soweit einer wie Joshua skrupellos sein kann. Er lässt Rosa bis zum Morgengrauen auf seine Antwort warten, dann schreibt er: ihre Nachricht komme überraschend, er brauche erstmal Zeit, um seine Gedanken zu sortieren.

Drei Minuten später der Glockenton: ,,Ah, ich dachte nur, du wüsstest gerne, was genau schiefgelaufen ist.‘‘

Auch wenn er es gewusst hat – es zu lesen, schwarz auf weiß, erzeugt ein Vakuum in seinem Magen. Es ist also ,,schiefgelaufen“. An der Panik, die ihn packt, erkennt er, dass er bis jetzt gehofft hat. Er wollte skrupellos sein, und nun geht er mitten in der Vorlesung aus dem Raum und ruft sie an. Es klingelt. ,,Die Person, deren Nummer Sie gewählt haben, ist momentan leider nicht erreichbar.“

Bis zum Mittag hat er viermal versucht sie zu erreichen. In der Mensa nimmt er zwei, drei Bissen, dann stellt er das Tablett mit dem fast vollen Teller auf das Fließband und schließt sich auf der Toilette ein. Erst nach einer Dreiviertelstunde fühlt er sich wieder imstande, aufs Handy zu schauen. Ein verpasster Anruf und eine Nachricht: sie finde es kindisch, dass er dem Gespräch ausweiche.

Joshua öffnet die Klotür, geht zum Waschbecken, spritzt sich Wasser ins Gesicht und schreibt zurück: ,,Ich bin nicht gerade scharf darauf zu erfahren, warum du Schluss machst.“

,,Hm, das habe ich eigentlich nicht vorgehabt. Aber wenn du lieber den Beleidigten spielen willst, bitte.“

Es ist verblüffend, um wie viele Stufen heller sechs Worte auf einem Display die Welt machen können. Innerhalb von zwei Minuten haben sie sich für halb Zwei im Stadtpark verabredet.

Als er eine Viertelstunde später ankommt, sitzt Rosa schon auf der Bank und winkt ihm zu. Sie trägt das bauchfreie Top mit dem Streifenmuster, das er so gerne hat, und widerwillig nimmt Joshua zur Kenntnis, dass es sich schon fast so anfühlt, als sei nichts gewesen.

,,Was mir zu denken gegeben hat, ist unser Streit von letzter Woche.“, kommt sie direkt zum Punkt. ,,Genauer gesagt, wie wütend du geworden bist. Und das bei einem verhältnismäßig harmlosen Auslöser. Sogar als ich meine Schilder runtergelassen und mich entschuldigt habe, konntest du dich nicht beruhigen. Du hast sogar nochmal nachgetreten. So ein Verhalten ist ein No Go.‘‘ Sie fixiert Joshua mit ihren grünen Augen. ,,Das war das erste Mal, dass ich froh war, mit meinem Freund, oder was auch immer, nicht allein im Raum zu sein.“

Vor Joshuas innerem Auge blitzt ein Bild auf, wie er in Blaulicht und Handschellen abgeführt wird. War er wirklich so wütend, dass sie Angst vor ihm haben musste?

In diesem Augenblick erinnert er sich an jenen Abend vor ihrer Amerikareise mit Andreas, von dem sie ihm erzählt hat. Andreas kam erst an diesem Abend der Gedanke, es sei vielleicht keine schlechte Idee, das neue Zelt vor dem Urlaub einmal aufzubauen, um sicherzustellen, dass es groß genug war. Sie würde ihm ja gerne helfen, erwiderte Rosa, wenn sie nicht schon mit Florence verabredet wäre. Florence und sie wollten den neuen James Bond schauen und hätten den Filmabend schon zweimal verschieben müssen. Sie hatten es sich bei Florence auf dem Sofa bei Popcorn und Cola Zero gerade gemütlich gemacht, als es klingelte. Vorbei an Florence` verdutzter Mutter, die öffnete, marschierte Andreas ins Wohnzimmer, baute sich vor dem Fernseher auf und brüllte seine Freundin an: was ihr einfalle, ihn mit dem Zelt, in dem sie beide schlafen würden, im Stich zu lassen.

Wenn Andreas erst einmal wütend gewesen sei, so fuhr Rosa fort, habe er sich nicht darum geschert, ob es Zeugen gab und ob es sich bei den Zeugen um sämtliche Anwesenden auf ihrem Familienfest handelte. In diesem Fall habe sie entschuldigend in die Runde lächeln und den Wüterich ins Nebenzimmer bugsieren müssen. Dort habe er weitergewütet in einer Lautstärke, dass die anderen trotzdem jedes Wort hörten. In seiner Wut habe er genommen, was er gerade zu fassen bekommen habe, sei es ein Glas oder eine Vase, und durch das Zimmer geworfen. ,,Aber nie in meine Richtung.“, betonte Rosa.

Joshua rutscht an der Banklehne hoch und sagt: ,,Aber Andreas konnte doch auch ziemlich wütend werden.“

Sie schüttelt den Kopf. ,,Das war nicht dasselbe. Natürlich wurde Andreas wütend, aber egal wie wütend er war, hinter der Wut, da steckte immer Verletzlichkeit.“ Ein zärtlicher Ausdruck verklärt Rosas Gesicht. ,,Egal wie wütend Andreas war, ich wusste immer, dass er mich liebt. Bei dir dagegen-“ Ihre grünen Augen blicken blank, schutzlos. ,,An dem Nachmittag vor einer Woche, als du mich angesehen und gefragt hast, ob ich dich provozieren will, da war von dem Joshua, der mich liebt, nichts mehr da. Es war, als gäbe es nur noch den Joshua, der mich hasst.“

Noch vor fünf Minuten war Joshua fest entschlossen, Rosa einen Denkzettel zu verpassen. Er würde ihr zeigen, dass es Konsequenzen hatte, wenn sie seine Gefühle mit Füßen trat. Er würde ihr klarmachen, dass Liebesentzug kein geeignetes Mittel in einer gesunden Beziehung war. Er sagt: ,,Es tut mir leid, dass ich so wütend geworden bin. Ich verstehe, dass dich das verletzt hat.“ Er zögert, dann schiebt er hinterher: ,,Aber wenn dich das nächste Mal etwas verletzt hat, dann sag‘ mir doch bitte gleich, was los ist.“ Ein letzter Versuch, für sich einzustehen, den sie umgehend unterbindet: ,,Ich habe die vier Tage nun mal gebraucht, um es selbst zu verstehen.“

Eine Dame mit Hund läuft vorbei und guckt extra in die andere Richtung, um ihre Intimität nicht zu stören. Von außen, denkt Joshua, sehen sie aus wie ein Paar, das alles hat, Jugend, Schönheit, Freiheit.

Sie stupst seinen Fuß mit der Spitze ihres Sneakers an und blinzelt ihm zu. Joshua fühlt sich wie ein schmollendes Kind. Widerwillig lächelt er, und auch sein Widerwille kommt ihm kindisch vor.

,,Ich denke übrigens, es ist besser, wenn wir das mit uns etwas entzerren.“, sagt Rosa.  

,,Also“, Joshua macht sich gefasst auf die nächste Verletzung, ,,wie meinst du genau?“

,,Ich meine zum Beispiel, dass wir uns nicht mehr jeden Abend sehen.“

,,Also bleibt heute Abend jeder für sich?“

,,Heute Abend fände ich es schön, bei dir zu sein. Ist ja ein paar Abende her.“

,,Also, du meinst, wir sehen uns insgesamt weniger?“

,,Jetzt nagel‘ mich doch nicht so fest. Genau das meine ich.“ Sie hüpft von der Bank und drückt ihm einen flüchtigen Kuss auf den Mund. ,,So, und jetzt muss ich los, wir haben uns hier schon wieder viel zu sehr verquatscht. Bis heute Abend!“

Sobald Joshua wieder allein ist, holt ihn die Realität ein. Wie kann es sein, dass er bei ein und derselben Aufgabe – 2 plus 2 – auf 4 kommt, sie aber auf 5? Und noch viel wichtiger, wie kann allein ihre Gegenwart dazu führen, dass er sich seiner Lösung auf einmal nicht mehr sicher ist und dass er zu der Überzeugung gelangt, er habe sich verrechnet, die richtige Antwort laute 5?

Mit zitterndem Zeigefinger, für den er sich verachtet, wählt er Rosas Nummer. ,,Hey, ich bin’s nochmal. Ich hab‘, ähm, also ich hab‘ mich gefragt, ob es vielleicht nicht besser wäre, wenn wir uns heute Abend doch nicht- Also ich hab‘ die letzten Tage so wenig geschlafen, und mit Lernen hab‘ ich, ähm, auch noch nicht-“

,,Also grad eben sagst du noch, du freust dich, mich heute Abend zu sehen, und jetzt sagst du, du hast doch keine Lust?“

Unter ihrer Trockenheit windet er sich wie ein Wurm. ,,Ich, ähm, nein, also, klar freu‘ ich mich, dich zu sehen. Ich wollte nur- Du hast ja von Entzerren gesprochen-“

,,Joshua, willst du wirklich weiter Öl ins Feuer gießen?“

***

Am Montag darauf gibt er Bescheid, dass er am Freitag für einige Tage nach Hause fahren wird. Zu spät, findet Rosa. ,,Wenn du mich rechtzeitig an deinen Plänen beteiligt hättest, hätte ich meine Termine so einrichten können, dass wir uns diese Woche öfter sehen.“

Joshua könnte ihr den Abend vor wenigen Wochen ins Gedächtnis rufen, als er ihr vorwarf, dass er Ludwig und den anderen extra abgesagt hatte, damit sie sich früher sehen könnten, und nun sei sie doch erst um Mitternacht bei ihm aufgetaucht. ,,Du musst dich ja nicht nach mir richten.‘‘, entgegnete Rosa. ,,Es ist sowieso besser, wenn jeder sein eigenes Ding macht.‘‘ Er könnte sie auch an all die anderen Abende und Nachmittage und Mittage erinnern, an denen er Freunde warten ließ, weil sie ihn warten ließ, weil sie ihre Freundinnen nie für ihn warten ließ. Entweder kam sie eine oder drei Stunden später oder überhaupt nicht mehr. Falls sie danach immer noch der Meinung wäre, dass er der Unverbindlichere von ihnen beiden sei, könnte er hinzufügen, dass sie es war, die sich vier Tage lang in einen Geist verwandelte und von ,,entzerren“ sprach.

Stattdessen schlägt er vor, sie könnte ihn doch zu Hause besuchen kommen. ,,Das geht nicht, ich muss lernen.“, sagt Rosa. Sie könne auch nur für einen Tag kommen, morgens hin, abends zurück, kein Problem bei einer Stunde pro Strecke. ,,Lieber ein anderes Mal.“, sagt Rosa. ,,Ich hab‘ wirklich viel zu tun. Und fünf Tage getrennt voneinander, das ist ja überschaubar.“

In den ersten Tagen, die er daheim ist, meldet sie sich nicht. Dann schweigen sie sich eben an, denkt Joshua. Die Rolle des Hündchens, das Rosa hinterherhechelt, wird er nicht noch einmal spielen. Nach drei Tagen Funkstille fragt er sich, wieso zwei erwachsene Menschen immer noch das Wer-kann-länger-schweigen-Spiel nötig haben, und schreibt ihr, ob sie telefonieren wollen. ,,Keine Zeit“, antwortet Rosa, ,,wenn dann kurz“, und überhaupt, ,,ich fühle mich dir so fremd“. Ein weiterer Tag verstreicht, dann bekommt er sie doch ans Telefon. ,,Ich hätte es schön gefunden, wenn wir früher telefoniert hätten.“, lässt sie Joshua wissen. ,,Telefonieren wir morgen nochmal?“, fragt Joshua am Ende des Gesprächs. ,,Mal schauen.“, sagt Rosa.

Zwei Abende später, sie haben nicht mehr telefoniert, blickt Joshua hinab auf ihren Körper, den er zwischen den Händen hält. Und dafür all der Stress?, fährt ihm durch den Kopf. Dafür all der Ärger, all die Verletzungen? Alles nur, damit ich diesen Körper ficken darf? Wut steigt in ihm hoch, er verstärkt den Griff an ihrer Taille. Im nächsten Moment erschrickt er über das, was aus ihnen geworden ist.

***

,,Hast du die noch nie bemerkt?“, fragt sie empört und hält ihm den Arm hin. Joshua hat ihr gerade erzählt, wie er zu der Narbe auf seiner rechten Schulter gekommen ist, ein Skiunfall, und hinzugefügt, er hoffe, dass ihr Körper ein weiteres Vierteljahrhundert lang unversehrt bleiben werde.

Er beugt sich vor und kneift die Augen zusammen. ,,Was meinst du?‘‘

Wortlos richtet sie die Nachttischlampe auf ihren linken Arm. Jetzt sieht er sie. Drei Narben, quer über die Oberseite ihres Unterarms. So fein, dass sie nur sieht, wer danach sucht.

Er hebt seinen Kopf, in dem das Blut hämmert. Ihre Augen wirken noch grüner als sonst. ,,Wie ist das passiert?“, fragt er.

,,Da war ich fünfzehn, sechzehn.“, sagt Rosa schulterzuckend.

,,Warum hast du das gemacht?“, fragt Joshua und merkt sofort, dass das eine sehr dumme Frage ist.

,,Was man als Teenie halt so macht. Ich war ja nicht die Einzige, Florence und so haben es auch gemacht.“ Sie zieht den Arm aus dem Licht und richtet sich auf. ,,Aber eigentlich wollte ich ja was anderes erzählen.“, sagt sie ungeduldig. ,,Also, das war letzten Sommer mit Emma in Brasilien-“

Und schon steckt sie mitten in der Geschichte über den ,,Survival-Trip“ mit ihrer Schwester im brasilianischen Dschungel und wirkt so damit beschäftigt, dieses Abenteuer in Worte zu fassen, dass Joshua es nicht wagt, sie zu unterbrechen und noch einmal nach den Narben auf ihrem Arm zu fragen. Erst später wird ihm klar werden, dass das Ablenkungsmanöver ein Test gewesen ist. Rosa hat die Tür einen Spaltbreit geöffnet, gerade so weit, dass Joshua einen Blick auf das erhaschen kann, was dahinter liegt. Schon schlägt sie die Tür wieder zu und spricht übers Wetter. Lässt er sich so einfach abwimmeln? Oder interessiert er sich wirklich dafür, wie es hinter der Tür aussieht, und fragt nochmal nach?

Später in der Dunkelheit seines Zimmers versucht Joshua immer noch zu verstehen, dass die Frau, die neben ihm liegt, und die Frau, die sich selbst verletzt hat, und die Frau, die angeblich im Amazonas-Dschungel um ein Haar in den sicheren Tod gestürzt wäre, dass alle drei dieselbe Frau sein sollen. Eigentlich kennt er Rosa gar nicht – aber wen oder was liebt er dann?

***

Mit geschlossenen Augen lässt Joshua die Sonne sein Gesicht streicheln und nimmt einen tiefen Zug von der warmen, holundergeschwängerten Juliluft. Er kommt gerade aus der Stadt, wo Marta ihm endlich den Botanischen Garten gezeigt hat, einschließlich der Schildkröte, die sie Ralf getauft hat. Anschließend haben sie bei der Crêperie, von der sie ihm seit Wochen vorschwärmt, Zimt-Crêpes geholt und am Fluss gegessen. Zurück zu Hause nahm ihn eine Sprachnachricht der schönsten Frau der Welt in Empfang, die ihn fragte, ob er nicht schon ein bisschen früher zu ihr kommen könne. Joshua lächelt, so fühlt sich Glück an.

Auf dem Balkon ein zweites Bad in der Sonne nehmend, erzählt er Rosa per Sprachnachricht, sie müssten unbedingt demnächst zusammen in den Botanischen Garten, es gebe dort einen Raum extra für Schmetterlinge, ihre Lieblingstiere, und natürlich könne er früher kommen, in einer Stunde sei er bei ihr.  

Sobald er die Nachricht gesendet hat, springen die Häkchen darunter auf Blau. ,,Ooooch“, kommentiert Rosa beim Anhören seiner Nachricht live und schickt eine Armee von Kuss- und Herzaugensmileys, und dann: ,,Du bist ja krass.“, als sie am Ende seiner Nachricht ankommt, wo Joshua auf ihre Frage reagiert, er habe Marta doch nichts von ihnen erzählt, oder? Marta sei eine gute Freundin, sagt er, und worüber er mit Freunden spreche, sei immer noch seine Sache.

Das ,,online‘‘ unter Rosas Namen wechselt zu ,,schreibt…‘‘. Als schöben sich dunkle Wolken vor die Sonne, dämmert Joshua, dass der glückliche Augenblick, kaum wahrgenommen, schon Geschichte ist. Das Handy in den schwitzigen Fingern, setzt er sich auf den Balkonboden und wartet. Er wartet eine Dreiviertelstunde. Eine Dreiviertelstunde rührt das Wort ,,schreibt…‘‘ sich nicht vom Fleck. Er sieht sie vor sich, die roten Locken verstrubbelt, zwischen den Augenbrauen die Furche, die immer dann auftritt, wenn eine Tätigkeit ihre volle Konzentration beansprucht, während ihre Finger mit rekordverdächtiger Virtuosität auf ihr Handy einhacken und ihren Gedanken trotzdem nicht nachkommen. Als das Warten ein Ende hat und die Nachricht erscheint, schwindelt ihm, noch bevor er anfängt zu lesen. Allein bis ans Ende zu scrollen, dauert eine halbe Minute. Würde WhatsApp einen Wettbewerb um die längste Nachricht ausschreiben, die Siegerin stünde schon fest. Obwohl die Nachricht länger als alle ist, die Joshua jemals bekommen hat, E-Mails und Briefe eingeschlossen, versteht er hinterher nicht mehr, außer dass er sie unbeschreiblich verletzt hat. ,,Überflüssig zu erwähnen“, schließt Rosa ihre Nachricht, ,,dass du das mit heute Abend vergessen kannst.“

Als er sich wieder imstande fühlt zu sprechen, schickt er ihr eine Sprachnachricht, in der er sie um Entschuldigung bittet und die unbeantwortet bleibt. Dann ruft er an, vergeblich. Auch das zweite und dritte Mal nimmt Rosa nicht ab.

***

Warum macht er das alles mit? Was muss noch passieren, damit er ein Nichts-für-ungut-Lächeln aufsetzt und sagt: ,,Wenn das so ist – ciao.“? Das wäre konsequent. Das würde von Rückgrat zeugen. Joshua wäre so gerne ein Mann mit Rückgrat, der einer Frau wie Rosa den Laufpass gibt.

***

Mal wieder ein Krisengipfel. Sitzungsort ist eine Bank mit Blick auf eine Abrissmauer. Er beharrt auf seinem Recht, mit Freunden reden zu dürfen, worüber er will, sie wirft ihm schräge Standards vor. Als sie merkt, dass das nicht zieht, lässt sie die Augen feucht werden. Mit der Stimme, die Andreas den verletzten Schwan genannt hat, offenbart sie Joshua, sie habe einfach Angst, Joshua könne anderen intime Details über sie verraten.

Während er ihren Rücken unter dem selbst gebatikten T-Shirt streichelt, überlegt Joshua, welche Details er kennen würde, die so intim wären, dass sie ihre Reaktion erklären könnten. Falls Rosa irgendwelche Bettgeschichten meint, kann er sie beruhigen, er hält es mit dem Motto: ein Gentleman schweigt und genießt. Meint sie Familiengeheimnisse? Selbst wenn sie ihm welche verraten hätte – nur weil mit einer guten Freundin über heikle Punkte zwischen sich und Rosa spricht, heißt das noch lange nicht, dass er gleich alle Geheimnisse ausplaudern würde.

Ihm kommt jener Abend in den Sinn, bevor das alles seinen Lauf genommen hat, jene Mensa-Party zu Beginn des Wintersemesters, auf der er mit Rosa per Zufall zusammentraf und auf der sie ihn, wie sie ihm ein halbes Jahr später in ihrer ersten Nacht beichten würde, fast geküsst hätte.

Auf einmal stand sie neben ihm an der Bar und strahlte ihn an: ,,Hast du meine Nachricht doch noch bekommen!‘‘

Es ratterte ein, zwei Sekunden in seinem ethanolgetränkten Kopf. Am Dienstag nach dem Statistik-Seminar hatte er mit Florence und ein paar anderen, darunter zu seiner Freude Rosa, Nummern ausgetauscht, in der Absicht, die Übungsaufgaben für nächste Woche in der Gruppe zu bearbeiten. Daraus war bisher nichts geworden, doch anscheinend hatte Rosa von seiner Nummer Gebrauch gemacht und ihn in den letzten zwei, drei Stunden, in denen er nicht mehr aufs Handy geschaut hatte, gefragt, ob er auch zur Party komme.

,,Nein“, erwiderte Joshua. Er wusste, dass die folgenden Worte ihre Miene zum Entgleisen bringen würden, und ihm wurde schwindlig, als er hörte, wie er sie trotzdem sagte ,,Die hab‘ ich noch nicht gelesen. Ich wäre eh‘ gekommen.‘‘

Einerseits bereute er es. Eine Frau ihres Kalibers drückte den Wunsch nach seiner Gesellschaft aus, und ihm fiel nichts Besseres ein, als sie vor den Kopf zu stoßen. Andererseits verspürte er Stolz. Er kannte Rosa, abgesehen von wenigen zufälligen Unterhaltungen in der Uni, die stets innerhalb des schützenden Rahmens der Ironie geblieben waren, überhaupt nicht. Trotzdem hatte er vom ersten Augenblick an eines über sie zu wissen geglaubt: eine wie Rosa war es gewohnt zu kriegen, was sie wollte. Joshua hatte auf Anhieb etwas gegen sie, gerade weil er fühlte, wie sehr er sie wollte. Dass sie davon ausging, ihm nur schreiben zu müssen, schon käme er bei Fuß, war der Beweis, dass er mit seiner Einschätzung richtig lag. Höchste Zeit, ihrem Selbstbewusstsein in homöopathischen Dosen heilsame Dämpfer zu versetzen. Eine Chance bei ihr zu verlieren hatte er sowieso nicht.

Seine Bemerkung brachte sie aus dem Konzept. Aber schon hielt sie die Zügel wieder fest im Griff. ,,Viel los hier, was.“, konstatierte Rosa mit Blick auf das Gedränge an der Theke. ,,Ich geb‘ dem Barkeeper mal ein Zeichen.“ Kaum hatte sie ihre Hand mit dem Haargummi aus rotem Samt erhoben, drehte der Barkeeper sich in ihre Richtung und hielt, vorbei an anderen, die schon viel länger warteten, auf Rosa zu.

Was Joshua erst ein halbes Jahr später von ihr erfuhr, war, dass seine Bemerkung Rosa drei Tage lang keine Ruhe gelassen hatte. Sobald sie von der Party nach Hause gekommen war, irgendwann gegen vier Uhr morgens, hatte sie sich an den Schreibtisch gesetzt und ihrem Tagebuch geschildert, was Joshua zu ihr gesagt hatte und was er wohl damit gemeint haben könnte, er wäre eh‘ gekommen. Doch damit war die Sache nicht abgehakt, am nächsten Tag spukten seine Worte weiter in ihrem Kopf herum, bis Rosa keinen anderen Ausweg mehr sah, als ihm zu schreiben: ,,ich muss dich mal was fragen. Mach dich gefasst auf die beste frage aller zeiten. Morgen mittag zusammen mensa?“

Doch sie kam nicht dazu, ihre Frage zu stellen. Vorher bekam Andreas Wind davon, dass die Frau, die mittlerweile seine Ex-Freundin war, einen anderen Mann zum Mittagessen treffen wollte, woraufhin er sich kurzerhand selbst einlud.

Dass ein kleiner Kommentar sie derart verunsichern kann, lässt Joshua erahnen, wie es hinter der selbstsicheren Fassade wirklich aussieht. Deshalb ihre Angst, er könnte intime Details über sie verraten – nicht, weil es Informationen gäbe, die tatsächlich kompromittierend wären, sondern weil jede Information, die unkontrolliert nach außen dringt, das Bild, das sie vor den anderen aufrechterhalten muss, bedroht.

,,Ist ja gut“, flüstert Joshua, ,,es tut mir leid, ich verspreche dir, ich werde nichts Schlimmes über dich erzählen, es gibt ja nichts Schlimmes.“, bis die Tränen versiegen und durch die Wolkendecke die ersten Strahlen eines Lächelns brechen.

,,Ich glaube, wir sollten jetzt nach Hause gehen und uns fertig machen.“, sagt Rosa und steht auf. ,,In zwei Stunden fängt Flos Geburtstag an. Aber damit das klar ist-“, sie wirft Joshua einen strengen Blick zu. ,,Keine Küsse!“

***

Vier Monate sind Rosa und Joshua jetzt zusammen, ohne ,,zusammen‘‘ zu sein. ,,Diese Fotze!“, zischt sie beim Mittagessen in der Mensa, und vor lauter Verrenkung des Halses, um draußen auf der Terrasse Andreas mit der Blonden besser beobachten zu können, vergisst sie ganz die Lasagne vor ihr auf dem Teller. ,,Erst gestern Abend hat er mir wieder geschrieben: ,Ich vermisse dich.‘“ Sie sticht die Gabel in die Lasagne und vierteilt sie. ,,Und was hast du geantwortet?“, fragt Joshua bang. Doch sie hört ihn gar nicht und verrenkt schon wieder den Hals.

Noch zwei Wochen bis zum Semesterende, und sie haben noch nicht darüber gesprochen, was die kommenden drei Monate Semesterferien mit ihnen machen werden, ein echtes Paar oder kurzen Prozess? Joshua würde Rosa gerne fragen, ob sie zusammen in den Urlaub fahren wollen, aber fühlt sie sich dann wieder unter Druck gesetzt?

Doch als er sich schließlich einen Ruck gibt und sie fragt, lächelt sie. Sie könnten ja für ein paar Tage nach Paris fahren, zu ihrer Schwester. Sie habe Emma sowieso mal wieder besuchen wollen.

Joshua sieht es vor sich, wie er sie auf der Champs-Elysée im Kreis wirbelt, wie er ihr auf dem Eiffelturm über den Lichtern von Paris einen Kuss gibt, wie er im Louvre vor dem geheimnisvollsten Lächeln der Welt den Arm um sie legt. Wenn sie erst einmal zusammen nach Paris fahren, sind sie so gut wie ein Paar.

Eine Woche später beim Frühstück schlägt er vor: ,,Ich hab‘ mir gedacht, ich könnte heute mal nach Zügen schauen.“

,,Ah“, schlägt sie sich vor die Stirn, ,,das wollte ich dir ja noch sagen! Ich fahre jetzt doch schon früher zu Emma.“  

Etwas stört ihn, doch er nickt und sagt: ,,Ach so, okay, kein Problem, ich bin flexibel.“ Auch auf ihre Sprachnachricht, die sie ihm ein paar Stunden später schickt – ,,schlechte Neuigkeiten“, sie habe gerade ihren Arbeitsplan für den Sommer bekommen und gesehen, dass für Paris nur der vierundzwanzigste bis achtundzwanzigste Achte bleiben, und diese fünf Tage brauche sie mit Emma allein, sie müssten ihren Paris-Trip also leider verschieben, wirklich schade, doch sie sei sicher, sie könnten auch hier in der Stadt einen schönen Sommer verbringen –, auch auf diese Nachricht reagiert Joshua mit Bedauern, doch verständnisvoll. Er drückt ihr sogar sein Mitgefühl dafür aus, dass sie im Sommer so viel arbeiten muss.

Erst im Laufe der Nacht dämmert ihm, dass er eigentlich gar nicht damit einverstanden ist, dass sie einen gemeinsamen Urlaub im Alleingang erst um Wochen vorverschiebt und dann ganz ins Wasser fallen lässt, nur weil sie ihn von fünf Tagen mit ihrer Schwester an keinem einzigen dabeihaben will. Am Morgen schreibt er ihr: ,,Wir müssen reden.“

Es überrascht ihn nicht mehr, als sie seine Anrufe nicht entgegennimmt und ihm schriftlich mitteilt, sie habe weder Zeit noch Lust, so eine große Sache daraus zu machen. ,,Ich hab‘ einfach keine Lust, dass du schon wieder Drama machst.“, wiederholt sie, als sie endlich doch rangeht. ,,Ich lasse mir doch kein schlechtes Gewissen machen, einen Urlaub zu verschieben, den wir noch gar nicht fest abgemacht haben.“ Ein paar Sätze später: ,,Ich habe von Anfang an Ende August vorgeschlagen, aber du hast ja unbedingt Anfang September gewollt. Das nächste Mal lass‘ ich mich erst gar nicht darauf ein. Und nope, du hast nicht den geringsten Anspruch darauf mitzuentscheiden, wann ich nach Paris zu meiner Schwester fahre.“

Sie einigen sich darauf, uneinig zu sein. Als er auflegt, ist der Anblick der Küchenuhr, auf der die Zeiger die Zwölf längst überschritten haben, ein Déjà-Vu, so normal sind die nächtlichen Krisentelefonate geworden.

Zwei Tage später, auf der Semesterabschlussparty im Mensa-Garten, strahlt und winkt sie, sobald sie Joshua in der Menge entdeckt hat. Bisher hat ihr Strahlen und die Tatsache, dass es unter all den potenziellen Kandidaten ihm gilt, ihn zuverlässig angesteckt. Bisher hat, egal was vorgefallen sein mochte, in dem Moment, in dem Rosa wieder strahlte, nichts mehr bedeutet. Jetzt spürt Joshua, wie sich beim Anblick ihres Strahlens in seiner Brust etwas verhärtet. Mit einem Lächeln, zu dem er sich zwingen muss, bringt er die Begrüßung hinter sich und nickt Florence, Marc und den anderen am Tisch zu. Dann setzt er sich auf den freien Platz gegenüber von Rosa und starrt auf einen angepuhlten Bierdeckel. Er wartet darauf, dass sie ihm Fragen zu seinem Tag stellt, die er einsilbig abfertigen kann, damit sie weiterfragen muss. Sie soll sich um ihn bemühen.

Stattdessen führt Rosa die Unterhaltung mit ihrer besten Freundin fort und blickt ständig an Joshua vorbei geradeaus. Was auch immer dort ihre Aufmerksamkeit bannt, es kostet sie sichtlich Selbstbeherrschung, nicht unverhohlen hinzustarren.

,,Schon komisch.‘‘, hört er Rosa auf der anderen Seite des Tisches sagen, und es scheint ihr nichts auszumachen, dass Joshua jedes Wort mithören kann. ,,Fast ein halbes Jahr sind wir jetzt getrennt, und ich muss trotzdem die ganze Zeit zu Andreas rüber schauen.‘‘

Joshua steht auf, ohne dass sie Notiz davon nehmen würde, und läuft los. Euphorie durchflutet ihn, weil das alles, die Menschen, die Lichter, die Musik gar nicht echt sein können, weil er das alles träumen muss, die Euphorie verfliegt sofort wieder, weil er nicht träumt, er erreicht die Toilette, verriegelt die Tür, sinkt auf die kühlen Fliesen. Ungefähr eine halbe Stunde lang betrachtet er ein Stück Klopapier, das jemand in der Eile neben der Schüssel fallengelassen hat – recycelbar, zweilagig. Irgendwann fragt er sich, was er hier macht und warum er die Semesterabschlussparty, die beste Party des Jahres verpasst, nur weil irgend so eine Rosa ein Miststück ist.

Mit grimmiger Entschlossenheit marschiert er aus der Toilette und nach draußen auf die Tanzfläche, wo er in der Menge Ludwig ausmacht. Er kämpft sich durch, sieht, dass Bella und Samir und die Frau mit dem Füchsinnengesicht, die ihm in der Depressions-Vorlesung aufgefallen ist, auch da sind. Als sie sofort ihren Kreis für ihn öffnen, lächelt er zum ersten Mal an diesem Abend. Anfangs kommt er sich beim Tanzen noch wie ein Roboter mit Signalstörung vor und ertappt sich andauernd dabei, wie er nach Rosa Ausschau hält. Als er sie das nächste Mal mit dem Blick sucht, stellt er fest, dass er mindestens eine Minute nicht mehr an sie gedacht hat. Um sie wieder zu vergessen, stimmt er in den Gesang der anderen mit ein, brüllt eher als dass er singt, lacht, weil er so brüllt, und endlich geht er ganz im Tanzen auf, bis ihm jemand auf die Schulter tippt.

Er dreht sich um und erblickt Florence. ,,Weißt du, wo Rosa ist?‘‘, brüllt sie ihm ins Ohr.

Joshua schüttelt den Kopf.

Florence zuckt hilflos die Schultern und brüllt: ,,Ich hab‘ nur gesehen, wie sie mit Andreas weggelaufen ist. Das war vor ‘ner halben Stunde.‘‘

Zu seiner Überraschung bleibt eine emotionale Reaktion aus. Bloß ernüchtert fühlt er sich. Er nickt Florence zu: ,,Danke für die Info.“

Sie schlägt die Hand vor den Mund: ,,Oh, ich hab‘ dir vielleicht schon zu viel gesagt.“ Ihr Schrecken wirkt gespielt. ,,Ihre Tasche hat Rosa übrigens hiergelassen, sie kann also nicht gegangen sein.“, fügt Florence hinzu, dreht sich um und eilt davon. Während er ihr nachschaut, schießt Joshua der Gedanke durch den Kopf, dass Florence ihn vielleicht nicht aufgesucht hat, um zu erfahren, wo Rosa ist, sondern um ihn wissen zu lassen, dass die Frau, von der er immer noch hofft, sie werde eines Tages seine Freundin werden, gerade mit ihrem Ex-Freund in die Nacht verschwunden ist.  

Innerhalb von einer Viertelstunde hat er die Tanzfläche gegen die Stille seines Zimmers ausgewechselt und betrachtet sein Spiegelbild im dunklen Fenster. Keine Nachricht von Rosa. Er könnte sie anrufen, die Handyuhr zeigt 0:24 Uhr, gerade spät genug für das nächste Krisentelefonat. Aber er lässt das Handy liegen und wundert sich darüber, wie gelassen er bleibt.

Die Symptome setzen am Morgen danach ein. Sein Herz fühlt sich an, als würde es langsam und gründlich in Säure aufgelöst. Unter einem wolkenlosen Himmel bricht draußen der erste Tag der Semesterferien an. Während die einen noch den Rausch von vergangener Nacht ausschlafen, hieven die anderen schon Rollkoffer und Trekkingrucksäcke in die S-Bahn und fahren los, fremden Städten, fernen Stränden entgegen. Wie ein Greis, vom Herzschmerz vornübergebeugt, schleppt Joshua sich über die Kreuzung zum nächsten Café, packt sein Tagebuch aus und zieht Bilanz.

Eigentlich wollte er nur die Ereignisse von gestern Abend niederschreiben, um sich nicht mehr damit beschäftigen zu müssen. Und dann liest er auf einmal die Worte: ,,Ich kann nicht mehr.“ Erstaunt, misstrauisch, wie ein unbekanntes Insekt mustert er die vier Wörter. Er liest sie ein paarmal im Stillen, dann flüsternd, um herauszufinden, ob er sie aussprechen kann. Er nimmt den Füller und schreibt sie noch einmal: ,,Ich kann nicht mehr.“ Dann trinkt er den letzten Schluck Kaffee, der mittlerweile kalt ist, und wartet darauf, dass sie sich meldet.

Er wartet, während das Café sich mit Gästen für das Mittagessen füllt und wieder leert, wartet, während der Kellner seinen dritten Kaffee abräumt, wartet und liest schließlich ihre Nachricht: was eigentlich mit ihm los gewesen sei, gestern Abend? Er sei so mies drauf gewesen, dabei habe sie ihm so nett Hallo gesagt. Wieso er einfach nach Hause gehe, ohne ihr Bescheid zu geben.

Er werde das nicht per WhatsApp besprechen, antwortet Joshua. Er wolle sie persönlich treffen. Überraschenderweise willigt sie sofort ein, ihn in zwei Stunden, um Fünf am Bahnhof zu treffen.

Zehn Minuten später korrigiert sie sich: da sie ihm absolut keinen Grund geliefert habe, beleidigt zu sein, sehe sie nicht ein, weshalb sie ihre gesamten Pläne für den Tag über den Haufen werfen solle; ihre Schwester sei zu Besuch, sie habe keine Zeit für ihn; falls er glaube, er sei der Einzige, der unter der aktuellen Situation leide, könne sie ihm versichern, dass auch sie ,,sehr bedrückt‘‘ sei.

Als die gewohnte Entschuldigung von ihm ausbleibt, ruft sie an. Joshua lässt es klingeln. ,,Wie gesagt“, schreibt er, ,,ich will das persönlich besprechen. Wir können uns bis 6 Uhr treffen, dann muss ich auf den Zug nach Hause.“

Die Uhr über dem Haupteingang zeigt halb Sechs, als er am Bahnhof aus der S-Bahn steigt und sein Handy klingelt. Diesmal nimmt er ab. Sie sagt: ,,Ich stehe am Haupteingang.“

Zur Begrüßung nicken sie sich zu. Nach kurzem Zögern setzen sie sich an Ort und Stelle auf die Treppe zum Haupteingang. Rosa richtet ihre grünen Augen auf Joshua und schweigt. Jetzt soll er sich wohl erklären.

Er fängt etwas von Urlaub an, und dass ihn das nachhaltig verletzt habe. Natürlich widerspricht sie sofort vehement. Joshua spürt, wie der Boden, der eben noch solide schien, ins Wanken gerät. Wie immer hat er vergessen, dass allein der Blick ihrer grünen Augen alle Gewissheiten außer Kraft setzt. Er schüttelt den Kopf, wie um eine Benommenheit loszuwerden, und sagt: ,,Zuerst hast du nur Augen für deinen Ex, und dann verschwindest du auch noch mit ihm. Hast du eine Ahnung, wie verletzend das ist?“

,,Und was willst du jetzt? Soll ich mich entschuldigen? Begreifst du wirklich nicht, wie wichtig dieses Gespräch mit Andreas gewesen ist? Was für ein wichtiger Schritt für die Verarbeitung?“

Sie sind also nicht wieder ein Paar. Immerhin das.

,,Es geht nicht nur um gestern Abend. Es geht auch nicht nur um den Urlaub, es geht um alles, was in den letzten fünf Monaten passiert ist. Es geht darum, dass ich dir alles gebe, was du verlangst, und du kannst dich nach fünf Monaten immer noch nicht auf mich einlassen. Verstehst du, wie anstrengend diese Unsicherheit für mich ist? Wieviel sie mir abverlangt? Ich kann nicht mehr. Ich hab‘s wirklich versucht, Rosa, ich hab’s versucht, aber ich kann nicht mehr.“

,,Und jetzt? Dann heißt das, es ist Schluss?‘‘

Für ein paar wunderbare Stunden sah es so aus, als sitze zur Abwechslung einmal er am längeren Hebel. Nicht nur schlägt sie seinen Versuch, sie unter Druck zu setzen, damit, dass sie die Trennung ins Spiel bringt. Bevor sie seinem Druck nachgibt und ihm entgegenkommt, macht sie lieber Schluss. Sie hat ihn zweifach geschlagen.  

,,Ich hatte, ähm, eher an eine Beziehungspause gedacht-‘‘, druckst Joshua herum. ,,Vielleicht ein paar Tage oder, ähm, eine Woche, bis-“

,,Ich kenne solche halben Sachen.“, sagt Rosa lächelnd. ,,Machen wir lieber gleich Schluss.‘‘

Einen Moment lang sitzen sie nebeneinander auf der Bahnhofstreppe und blicken den Beinen hinterher, die hinauf- und hinuntereilen, an ihnen vorbei.

Rosa steht zuerst auf. ,,Also dann.“, sagt sie.

Sein Blick trifft ihre grünen Augen. Obwohl er weiß, dass es der falsche Moment ist, hat er den Impuls zu lächeln, vielleicht weil dieser Abschied so alltäglich wirkt. ,,Also dann?“, sagt Joshua.

***

Es dauert sechs Tage, bis sie ihm schreibt. Sie vermisse eine Haarklammer und ein T-Shirt, ob er die Sachen bitte unter seinem Briefkasten im Paketfach zum Abholen deponieren könne?

Am Morgen legt er die Sachen ins Paketfach und bleibt den ganzen Tag weg. Am Abend ist das Fach leer.

Sieben Tage später schreibt sie ihm wieder, diesmal, um Joshua zum Sechsundzwanzigsten zu gratulieren. ,,Wie geht’s?“, erkundigt sie sich. – ,,Den Umständen entsprechend‘‘, antwortet Joshua,  ,,und dir?‘‘ – ,,Ich genieße die Ferien! Wünsche dir einen tollen Sommer!!“, schreibt sie und schickt sonnenbebrillte Smileys.

Seine Facebook-Annonce für das freigewordene Zimmer seines WG-Mitbewohners bringt ihm ihre nächste Nachricht ein: ob er umziehe? Für einen kurzen Moment erlaubt er sich zu hoffen. Warum sonst sollte sie ihm beim kleinsten Anlass schreiben, wenn nicht, weil sie die Trennung doch bereut? Sie schlägt nur deshalb kein Treffen vor, weil eine wie Rosa nicht fragt, sondern gefragt wird. Er schreibt: ,,Wenn du nochmal reden willst, gerne.“

Darauf antwortet Rosa nichts mehr.

Erst als er aus dem Urlaub Bilder auf Facebook postet, schreibt sie wieder. ,,krasses Bild‘‘, kommentiert sie, und: ,,uuh, wo ist das?‘‘ Einmal stellt Joshua ein neues Bild hoch, nur um zu prüfen, ob sie wieder reagieren wird; nicht einmal eine Stunde später erwartet ihn ein neuer Kommentar von ihr.  

Joshua hat sein Rad gerade durch den engen Parkeingang bugsiert und wieder beschleunigt, als er quietschend bremst. ,,Oh“, sagt Rosa und bleibt stehen. Eine Sekunde lang drehen sie sich nacheinander um, und beides scheint möglich zu sein, dass jeder seiner eingeschlagenen Richtung folgt oder dass sie zurück- und aufeinander zu gehen. ,,Ich muss los, mein Zug fährt.“, sagt Rosa, richtet den Blick nach vorn und geht mit wippendem Schritt weiter.  

Als Joshua zehn Minuten später zu Hause ankommt und auf sein Handy schaut, liest er: ,,Beim Radfahren Helm nicht vergessen.“

***

Seine erste Vorlesung im neuen Semester heißt ,,Paartherapie“, und mit ihm in der Vorlesung sitzen Rosa und Andreas, der eines der Tutorate leitet. Die Beiden sitzen nebeneinander, und Joshua sagt sich, er wisse ja, dass sie wieder miteinander sprechen, zur Verarbeitung.

,,Hey Joshua“, kommt Felix am Abend nach dem Volleyballtraining auf ihn zu, ,,wie ist das eigentlich für dich?“

,,Was meinst du?“, fragt Joshua.

Und erst da, als er statt einer Antwort das Erstaunen und das Mitleid in Felix‘ Augen sieht, versteht Joshua und errötet.  

In der nächsten Paartherapie-Vorlesung geht es um pathologische Eifersucht. Doch das Einzige, was Joshua wahrnehmen kann, ist Rosas roter Haarschopf auf Andreas‘ Schulter.

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4 Antworten auf „Eine wie Rosa“

  1. Faszinierende Geschichte mit starken Charakterisierungen, die zeigt, wie schwierig Liebe und Beziehungen sein können.

    Falls Andreas und Karin tatsächlich in echt existieren sollten und sich, genauso wie beschrieben, unreflektiert, unsicher und manipulativ verhalten, wird auch klar, warum mit der Geschichte so hart ins Gericht gezogen wird: Es werden unangenehme Wahrheiten aufgedeckt.

    Dennoch, als eine Studentin in derselben Stadt wie der Autor, die im selben Uni-Gebäude ein und aus geht, kann ich keinerlei Rückschlüsse auf die erwähnten Personen ziehen – man müsste sie wohl wirklich persönlich kennen.

    Die Geschichte fokussiert mehr auf Charakterisierungen als auf einen klaren Plot – was ihr gutes Recht ist. Dementsprechend verschwimmt der Ablauf der Ereignisse – dies kann jedoch als eine Repräsentation von Joshuas Gemütszustand interpretiert werden, was den Effekt dieser vertrakten Liebesgeschichte verstärkt.

    Klar wird, wie Joshua unter der Quasi-Beziehung zu Karin leidet. Ebenso wird klar, dass Karin und Andreas eine sehr komplizierte On-Off-Beziehung mit viel Drama führen.

    Joshua kann man in der Geschichte einzig vorwerfen, dass er ein verliebter Narr ist, der trotz ambivalenten Zeichen immer noch Hoffnung schöpft. Ansonsten liegen die Sympathien auf seiner Seite, die Leser*innen leiden mit ihm.

    Interessant wäre eine zweite Version der Geschichte, in der mehr auf die Emotionen von Karin und Andreas eingegangen wird; denn auch wenn ihre Charakterzüge beschrieben werden, bleibt ihr Innenleben dem Leser grösstenteils verschlossen (wie wohl auch Joshua).

    Alles in allem: eine lesenwerte Geschichte, bei der Schwierigkeiten in der Liebe auf überzeugende Art dargelegt werden sowie auch deren Unfairness.

  2. Da es sich scheinbar um eine wahre Geschichte handelt und Joshua allem Anschein nach der Autor ist, würde mich interessieren, ob alles zu 100% so vorgefallen ist, oder ob die Geschichte auch viel fiktives beinhaltet? Die Tiefe der Details wie z.B., was Karin so geschrieben hat, wird sehr so rübergebracht, dass man sich mittendrinn fühlt und Joshua im Handeln beginnt zu verstehen. Das kann man glaube ich nur so wiedergeben, wenn das Geschriebene wirklich erlebt wurde. Wurde Joshua wirklich von Karin bis und mit Juni in dieser Orientierungslosigkeit gehalten? Pändelnt zwischen regelmässigen Übernachtungen und Funkstille? Zwischen dem Gefühl, gewollt zu werden (was sich scheinbar nur als Phrase von Karin entpuppte, welche in der Zeit der Trennung rebound-mässig eine starke Schulter und Sex bei Joshua abholte) und dem Gefühl, nie was bedeutet zu haben (wegen den plötzlichen Switches aus Ablehnung und Anmache)?. Ich sehe nicht ganz, was erreicht werden wollte. Wurde denn vielleicht trotzdem nicht genau kommuniziert, dass es nie was Ernstes hätte werden sollen? Und warum hat Joshua nicht losgelassen, im Wissen, dass er verliebt ist und es nichts Ernstes werden kann. Es klingt ein bisschen so, als ob Joshua trotz klaren Ansagen, trotzdem immer wieder angefangen hat mehr zu erhoffen. Wie kam das? Hat Karin trotz der Botschaft, dass es nichts Festes werden wird, andere Signale gesendet? Das Verhalten von ihr, wenn es denn so war, wäre dann ja wiedersprüchlich. Warum wird sie eifersüchtig, benutzt Wörter wie „verliebt“ und konfrontiert Joshua, wenn der sich zurückzieht oder nicht nach ihrer Pfeife tanzt? Nur um ihn soweit wieder ins Boot zu holen, dass sie sicher sein kann, dass sie seine Aufmerksamkeit geniesst aber ihn sicher keinen Schritt weiter mehr an sich ranlässt? Hatte sie nun echtes Interesse oder nicht?

    Ich bin, anders als die anderen, ein Aussenstehender und kenne die Protagonisten nicht oder nur beiläufig, welche für diese Geschichte scheinbar als Inspiration gedient haben. Mich interessiert, wie es wirklich war, um die Gefühle und die Geschichte zu verstehen. Sind die zitierten SMS von Karin z.B. 1:1 aus dem Realen übernommen worden? Die Anreihung der Emojis, die längste WhatsApp-Nachricht etc.?

    Ich scheine damit wohl alleine zu stehen, aber mir tut Joshua leid, was ihm widerfahren ist (liegt aber sicher daran, weil ich die involvierten Personen nicht wirklich kenne). Mich interessiert, was an „Material“ da war, für die Geschichte zu schreiben? Da es wie gesagt sehr ins Detail geht.

  3. Liebe Leserinnen & Leser,

    Meine Geschichte erweckt die Empörung so mancher. Dabei ist es nicht der Inhalt per se, der kritisiert wird, sondern der Akt der Veröffentlichung.
    Dass es Personen gibt, die sich von diesem Text gestört fühlen, war mir bewusst, während ich ihn schrieb. So ist das bei Kunst. Wenn Kunst niemandem mehr wehtun dürfte, wenn keine Provokation mehr erlaubt wäre, wenn alles im Rahmen einer eng gefassten Moral bleiben müsste, dann wäre die Kunst tot. Dann könnte der Schreiberling, der Künstler einpacken. Dann würde es keine Sau mehr interessieren.
    Dieser Text hat Viele (nicht Säue!) interessiert. Was die Aufrufe dieser Geschichte betrifft, so haben die ,,Fallbeispiele“ den Rekord bei Weitem gebrochen. Genau das muss eine gute Geschichte leisten: Sie darf, sie soll sogar polarisieren. Kunst darf alles, nur nicht langweilig sein.
    Joshua ist nicht der erste Autor, der beim Schreiben aus seinem Fundus an eigenen Erfahrungen schöpft. Bei der Besprechung auf dieser Ebene stehen-, am Konkreten kleben zu bleiben, halte ich für provinzielles Kleinstadtgeplänkel und wenig fruchtbar.
    Vielmehr ging es Joshua darum, ein Phänomen zu beschreiben, das zwar reale Wurzeln hat, aber darüber hinaus Gültigkeit besitzt. Es ging ihm darum, gewisse Mechanismen und Dynamiken und Persönlichkeits-,,Typen“ zu beschreiben, die der ein oder andere möglicherweise aus dem eigenen Leben wiedererkennt. Dass es ,,die Wahrheit“ nicht gibt und immer eine subjektive Sicht bleiben wird, ist unbestreitbar. Der Job des Autors ist es jedoch, sich zumindest einer idealen Wahrheit anzunähern. Er darf sich selbst dabei nicht schonen. Ob Joshua das gelungen ist oder nicht, muss jeder Leser, jede Leserin selbst entscheiden.
    Man kann es – nicht nur als Autor – nie allen recht machen. Und es wird immer wieder Dinge geben, die unbequem und unangenehm sind. Das muss man aushalten. So ist das Leben.

    Lieben Gruß
    Johannes

  4. Lieber Johannes,

    eine ähnliche Geschichte ist mir damals in meiner Jugend passiert, war für mich sehr belastend. Nur verständlich, dass du ein Medium suchst um deiner Wut Raum zu machen und deinen Frust zu verarbeiten?

    Einige Kritiker werfen dir Pietätlosigkeit zu, doch ist respektloses Verhalten und verletzen der Gefühle eines anderen doch nicht genau die Qualität die dir vorgeworfen wird? Wenn man sich selbst rücksichtslos verhält, muss man doch damit rechnen, Konsequenzen für sein Verhalten zu ernten. Nun ja, vielleicht bin ich da auch zu altmodisch zu meinen Kindern sage ich immer: So wie es in den Wald schreit, so hallt es heraus.

    Vielleicht wäre es in der Tat höflicher gewesen, die Identität der Personen etwas mehr zu verschleiern, falls dies wirklich so vorgefallen ist. Nun gut, da bin ich aber in der Tat kein Experte und ob man dem unhöflichen höflich sein muss? Nun ja , ich wiederhole mich.

    Grüsse,
    Kunibert

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