Fallbeispiele

Fall beispiele

Je größer das Ego, desto verwundbarer ist man. ~ Matthieu Ricard

Eines Abends, am Valentinsabend, steht Karin tatsächlich vor Joshuas Tür. Mehrmals schon hat sie ihren Besuch angekündigt und wieder zurückgerudert. Mit Andreas sei endgültig Schluss, verrät sie Joshua nun. Sie lässt ihre letzte Straßenbahn abfahren, in einer Viertelstunde fahre noch eine, dann aber wirklich die allerletzte. Da gibt Joshua sich endlich einen Ruck und küsst sie.

Hätte er zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, auf was er sich einlässt – er hätte sich eine Menge Ärger ersparen können. Aber auch eine gute Geschichte.  

*

Bevor Andreas mit Karin Schluss macht, führen sie ein halbes Jahr lang eine ,,Quasi-Beziehung‘‘, weil Karin Andreas zuvorgekommen ist und eigentlich schon im vorigen Sommer Schluss gemacht hat (das allererste Beziehungsaus im vorletzten Jahr einmal außer Acht gelassen). Joshua gegenüber, mit dem Andreas ab und zu klettern geht, erwähnt Andreas mit keinem Wort, dass seine Freundin den Schlussstrich gezogen hat. Außerdem habe sie nicht Schluss gemacht, verbessert er Joshua später, sondern ,,wir haben beide entschieden, das zwischen uns etwas zu entwirren.‘‘ Er genieße es, wieder mehr Zeit für sich zu haben, und er und Karin träfen sich ja weiterhin dreimal pro Woche. ,,Und bei dir, wie läuft‘s mit den Weibern?‘‘ – ,,Nicht so gut‘‘, gesteht Joshua, ,,obwohl ich es wirklich probiere.‘‘ . ,,Vielleicht ist das dein Problem.‘‘, diagnostiziert ihm Andreas. ,,Du probierst es zu sehr.‘‘ Ihm fällt dann gar nicht auf, dass Joshua daraufhin den gemeinsamen Abend zeitig ausklingen lässt, und wie es beim Gegenüber ankommt, wenn man andere auf ihre Fehler aufmerksam macht und sich selbst kein Haar krümmt.

Offiziell hat Karin zwar Schluss gemacht, trotzdem übernachten Andreas und sie dreimal pro Woche beieinander und essen auch zusammen in der Mensa. Eines Mittags stellt sich Felix – Andreas‘ und Karins gemeinsamer Freund – vor sie hin, atemlos: ,,Wir müssen reden, ich halte das nicht mehr aus!‘‘ Die drei ziehen sich zur Krisensitzung in eine Ecke des Campus‘ zurück, während Joshua, unfreiwilliger Zeuge des Vorfalls, betreten sein Essen fortsetzt. Die Mittagspause endet mit einer tränenschluchzenden Karin, die beteuert, wie sehr sie die Nase von Andreas‘ Getue voll habe, und einem düster stierenden Andreas, der Karin vorwirft, ,,den verletzten Schwan zu spielen‘‘, aufsteht und geht. Anschließend zu Hause in der gemeinsamen WG staucht er Felix zusammen. Was ihm einfalle, ihn vor den anderen so bloßzustellen! Wie er denn jetzt dastehe!

Was Felix nicht mehr aushalten kann, ist, dass er Karin nicht mehr treffen kann, ohne dass es Ärger mit Andreas gibt. Andreas betont: Er verbiete Felix nicht, Karin zu treffen; es gehe vielmehr darum, dass er sich ,,außen vor‘‘ fühle, wenn die beiden etwas ohne ihn unternehmen. Weit gefehlt, wer Andreas unterstellt, ihm gehe es darum, dass die Aufmerksamkeit von Karin und Felix für einen Moment auch einmal etwas anderem als ihm gelten könnte. Der missverstandene Andreas fühlt sich ,,ausgeschlossen‘‘. Also, fährt Andreas fort, alles, was er von Felix verlange, sei, ihm Bericht zu erstatten. Wann immer Felix mit Karin ein Bier trinke oder zufällig auf dem Flur ein paar Worte mit ihr wechsle, erwarte er Aufklärung. ,,Transparenzabkommen‘‘ tauft Andreas ihre Abmachung. Immerhin studiert er Psychologie und leitet das Tutorat über ,,Gewaltfreie Kommunikation‘‘, da liegen ihm Offenheit, Toleranz und Respekt besonders am Herzen.

Vorher, als er und Karin noch offiziell ein Paar waren, durfte sein bester Freund seine Freundin nur in seinem Beisein treffen. Dass Felix selbst in einer glücklichen Beziehung war, tat nichts zur Sache. Einmal handelten Karin und Felix Andreas‘ Verbot zuwider und gingen trotzdem schwimmen. Allein, Andreas roch den Braten und nahm ihre Spur auf. Im ersten Moment machte Karins Herz einen Sprung, als sie Andreas am Beckenrand erblickte. Erst beim Näherschwimmen bemerkte sie seine wutentbrannte Miene und musste einsehen, dass er wohl doch nicht zum Mitschwimmen gekommen war. Wortlos winkte er die Abtrünnigen nach draußen, wo er sie mit einer Standpauke wieder auf Kurs brachte.

Derselbe Andreas schwärmt Joshua gegenüber von Polyamorie. Messerscharf analysiert er, Eifersucht rühre von ungerechtfertigten Besitzansprüchen her, Liebe sei das Einzige, was nicht kleiner werde, wenn man es teile. Warum immer gleich alles etikettieren? Mehr als einmal bringt er gegenüber Karin eine offene Beziehung ins Spiel. Was dann jedes Mal rasch vom Tisch ist, sobald sie ihn erinnert, dass die Freiheit für beide Seiten gelten würde.

Wie gut es funktioniert, nicht zu etikettieren, zeigt sich während ihrer Quasi-Beziehung, als Karin jemand Zweiten hat, von dem Andreas nicht erfahren darf, weil er dann eifersüchtig würde, obwohl sie ja nicht mehr zusammen sind.

Der Zweite heißt Kay und ist ein Freund von Karins Bruder. Kay ist körperlich gut in Form, was ihn für etwas Physisches qualifiziert, aber für mehr auch nicht. Das kommuniziert Karin von Anfang an (Die Leidenschaft für Transparenz teilt sie mit Andreas.). Lästigerweise hindert das Kay nicht daran, für die zehn Jahre jüngere Psychologiestudentin mit den blonden Locken, den blauen Augen und der tollen Figur Gefühle zu entwickeln. Für ihn, 34 und an einem ratlosen Punkt seines Lebens, ist sie der Jackpot. Sein Vorschlag, die siebenstündige Zugfahrt auf sich zu nehmen, um sie zu besuchen, stößt auf Widerwillen: Bei ihr könne er jedenfalls nicht unterkommen (Karin, 24, wohnt immer noch mit ihrer Mutter im Haus ihres Stiefvaters.). Kein Problem, es gebe Jugendherbergen, beteuert Kay. Nach zwei Tagen Aufenthalt verrät ihn ein etwas penetranter Geruch und die Bitte, bei ihr duschen zu dürfen. Weil sie ihn nicht länger auf Parkbänken schlafen lassen kann, weist Karin ihm wohl oder übel einen Winkel ihres Zimmers zu. Als ob er ihre Geduld nicht schon genügend strapaziert hätte, besitzt er noch die Kühnheit, zum Abendessen ihre Gesellschaft einzufordern. Hoffnungslos, ihm klarzumachen, dass Karin sich von niemandem vorschreiben lässt, mit wem sie zu Abend isst. Zu guter Letzt findet sie sich in der kniffligen Situation wieder, mit Florence zum Weihnachtsmarkt verabredet zu sein, die ihren Freund Felix mitbringen will, obwohl sie doch genau weiß, dass der es Andreas sofort stecken würde, sobald er von ihrer Affäre Wind bekäme. Weil Florence sich partout weigert, ihren Freund zu Hause zu lassen, damit Karin ihre Affäre mitbringen kann, einigen sie sich schließlich darauf, Felix den fremden Mann an Karins Seite als ,,Cousin‘‘ zu präsentieren.

So verstreicht ein halbes Jahr Quasi-Beziehung, bis Karin es an der Zeit findet, endlich Nägel mit Köpfen zu machen. Ganz oder gar nicht, das will sie von Andreas wissen. Der weicht zuerst wochenlang aus, dann folgen Gespräche, acht Stunden lange Krisensitzungen, tagelang. Wer den schnörkellosen Betonkasten kennt, in dem Andreas wohnt, würde nie erahnen, welch‘ existenziellen Dramas Zeuge diese banalen Mauern werden. Immer wieder von vorne werden fieberhaft Optionen und Zwischenlösungen ausgelotet, auf der Suche nach irgendetwas, das ihnen ersparen könnte, der Tatsache ins Auge zu blicken, dass ihre Beziehung bankrott ist.

Schließlich verkündet Andreas mit Nachdruck: ,,Lass es uns nochmal versuchen!‘‘ – ,,Bist du sicher?‘‘, hakt sie nach. Andreas lächelt und nickt: Ein Neuanfang sei das einzig Richtige.

Einen Tag später trudelt eine Sprachnachricht von ihm ein: Es sei doch nicht richtig, sie sollten es lassen.

Vier Wochen vergehen, dann taucht Karin vor Joshuas Wohnung auf.

*

Sie möchte zurzeit alles andere als etwas Ernstes, das stellt sie schon in der ersten Nacht mit Joshua klar. Am nächsten Morgen – in der Bibliothek, wo er am Schalter arbeitet, kann Joshua sich kaum aufrechthalten, völlig zerstört von letzter Nacht, die keine Zeit zum Schlafen ließ – schreibt sie ihm: Gewisse Icons, angeordnet in gewisser Reihenfolge, die Joshuas Kreislauf umgehend auf Trab bringen. Nachmittags stattet sie dem Hilfsbibliothekar sogar einen Besuch ab. In den folgenden Tagen erzählt sie ihm von ihren Besuchen bei ihrer Oma, die im Sterben liegt. Sie schenkt ihm ein Bild aus deren Nachlass, eine Bleistiftzeichnung der Stadt. Um den Spaziergang mit Joshua willen lässt sie den Nachmittag mit der Familie sausen und kommt dann sogar noch eine halbe Stunde zu spät zum Familienessen. Ihre Besuche in der Bibliothek werden zum täglichen Ritual. Sonntagnachmittags trudelt eine SMS von ihr ein: ,,Hast du Zeit?‘‘, nachdem sie schon die Samstagnacht zusammen verbracht haben und übrigens auch die ganzen Nächte davor. Sie sagt: ,,Du hast eine ganz schöne Wirkung auf mich.‘‘ und schreibt: ,,Ich muss voll viel an dich denken.‘‘ und verrät: ,,Schon nach meiner ersten Begegnung mit dir hab‘ ich meiner Freundin erzählt, bei mir im Tutorat, da gibt’s einen, wenn ich Andreas nicht hätte, dann würde ich auf den stehen.‘‘ Und auf der Party im Free-Sun vor einem halben Jahr, da hätte sie ihn fast geküsst.

Zu verlockend, diese Köder – Joshua beißt an.

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Es beginnt damit, dass er sie zur Begrüßung küssen möchte und Karin zurückzuckt. ,,Nicht vor anderen Leuten.‘‘, weist sie ihn zurecht. ,,Wir sind ja nicht zusammen.‘‘ Dass sie momentan nicht bereit für etwas Neues sei, könne jeder verstehen, der schon mal eine Trennung durchgemacht habe. Joshua hat noch keine Trennung durchgemacht, deshalb kann er Karin nicht verstehen. Zwar wurde er bereits zweimal verlassen, aber weil beide Frauen gar nicht offiziell mit ihm zusammen waren, handelt es sich auch um keine offiziellen Trennungen.

Mal treibt Joshuas egoistisches Beharren auf dem ,,Beziehungsthema‘‘ Karin die Tränen in die Augen, mal konstatiert sie in geschäftlichem Tonfall, niemand zwinge ihn, bei ihr zu bleiben. Die Sachlichkeit, mit der sie ihn über seine Rechte aufklärt, jagt Joshua Schauer über den Rücken.

,,Hm‘‘, sagt er eines Tages resigniert, ,,vielleicht sollte ich wirklich nochmal in mich gehen, ob ich das wirklich will und kann.‘‘ Daraufhin benutzt Karin zum ersten Mal das Wort ,,verliebt‘‘: Ganz schön verliebt sei sie in ihn. Beim Abschied schmollt sie dann: ,,Toll, jetzt muss ich abwarten, wie du dich entscheiden wirst.‘‘ Joshua, noch völlig euphorisiert von ihrem Verliebtheitsgeständnis, lenkt sofort ein: Seine Entscheidung stehe doch längst fest. Auch wenn sie ihm den Wunsch einer Beziehung zurzeit noch nicht erfüllen könne, sei er trotzdem dankbar für jede Minute mit ihr. ,,Dann versprich mir‘‘, und so plötzlich, wie man es von einer verliebten Miene nicht erwarten würde, ist sie einer ernsten gewichen, und es lässt sich nicht eindeutig bestimmen, ob der Nachdruck in ihrer Stimme tatsächlich bedrohlich gemeint ist, ,,versprich mir, dass du von nun an das Thema ruhen lässt.‘‘

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In der Uni findet sie sich tagtäglich mit Andreas konfrontiert. Der hat über Felix als Informationsquelle in Erfahrung gebracht, welche Kurse Karin im neuen Semester belegt, und daraufhin dieselben gewählt (Rückblende: Vor vier Wochen hat er mit Karin per Sprachnachricht Schluss gemacht.). In den Vorlesungspausen positioniert er sich in ihrem Blickfeld und demonstriert mittels lauten Lachens und angeregten Konversierens, was für eine gute Zeit er hat und wie absolut überhaupt nicht mehr er Karin braucht.

Eines Abends, Joshua und Karin kommen gerade gemeinsam aus der Uni, werden sie von Andreas‘ Adleraugen erfasst. Er sitzt mit einem Kollegen auf der Terrasse und gibt vor, sich nicht im Geringsten für sie zu interessieren. Pflichtbewusst geht Joshua zu ihm und wechselt ein paar Worte. Immerhin betreut Andreas Joshuas Bachelorarbeit, und über die Konsequenzen, die seine Affäre mit der Ex-Freundin seines Betreuers auf seine Abschlussarbeit haben könnte, hat Joshua bisher lieber noch nicht nachgedacht. Indes knüpft Karin, überraschend cool, wie Joshua feststellt, einen Small Talk mit dem Kollegen an, der nach ein paar Minuten mit ihnen Richtung Bahnhof aufbricht.

Sie haben schon eine Viertelstunde Fußweg zwischen sich und die Uni gebracht, da holt Andreas sie ein. ,,Hey, Karin!‘‘ Er schnauft etwas, weil er gerannt ist. ,,He, Karin, hallo, ich red‘ mit dir!‘‘, und er wedelt mit der Hand vor ihrem Gesicht. ,,Wenn du mich ignorieren willst, dann halt‘ dich gefälligst fern von mir!‘‘ Damit scheint er gesagt zu haben, weswegen er einen Kilometer hinter ihnen hergerannt ist, denn nun macht er kehrt.

,,Was ein Auftritt!‘‘, kommentiert der Kollege mit kaum verhohlener Freude über diesen willkommenen Akzent im sonst so grauen Alltag.

,,Immerhin scheint ihn das alles auch nicht kaltzulassen.‘‘, stellt Karin fest. Das zufriedene Lächeln auf ihren Lippen irritiert Joshua. Etwas ist darin, was nicht da sein sollte. 

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Karin meidet Andreas, wo sie kann. Als er ihr auf dem Gehweg entgegenkommt, hechtet sie hinter den nächsten Mauervorsprung. Ein anderes Mal umgeht sie den Campus weitläufig, weil sie auf der Terrasse Andreas mit einer Blondine entdeckt, mit der er sein Essen teilt. Genug, um sich für die nächste halbe Stunde auf dem Klo einzuschließen, bis ihr Körper vor lauter Tränen völlig ausgedörrt ist. Nachher sagt sie ihrer Schwester am Telefon: ,,Ich wünschte, er wäre tot.‘‘ Kommt die Sprache auf Andreas, dann nicht mehr unter seinem Namen, sondern unter Zuhilfenahme diverser Kraftwörter. Einmal fällt ihr unterwegs auf, dass sie aus Versehen die Socken erwischt hat, die er ihr geschenkt hat; vor Ekel kehrt sie um und wechselt die Socken.

In anderen Momenten spricht sie von ihm wie von einem Dämon mit übersinnlichen Kräften, dessen Bann eine simple Trennung nicht brechen kann, der selbst jetzt noch eine ungeahnte Macht über sie und sogar ihre zukünftigen Beziehungen ausübt. Sobald Andreas von ihnen erfahre, prophezeit sie Joshua, werde er alles daransetzen, das zwischen ihnen zu zerstören. Er werde Gerüchte über sie in Umlauf setzen, sodass andere sich von ihnen abwenden werden.

Dass man auf diese anderen, falls sie wegen derlei Gerüchten tatsächlich auf Abstand gingen, getrost verzichten könne, behält Joshua für sich. Stattdessen hakt er nach: Das zwischen ihnen sei doch hoffentlich stärker?

Sie könne für nichts garantieren, entgegnet Karin. Wie immer möchte sie Joshua in seiner Entscheidungsfreiheit nicht einschränken. Sollte er allerdings Andreas von ihnen erzählen, werde er sie verlieren. 

*

Der Tag kommt, an dem Joshua und Karin das Eiscafé auf dem Schönberg des herrlichen Frühlingswetters für ebenso würdig halten wie Andreas. Ihre scheinbar beiläufige Kehrtwende, sobald sie ihn entdeckt haben, trägt nicht unbedingt zu Andreas‘ Beruhigung bei. Zurück zu Hause, erwarten Joshua ein verpasster Anruf von Andreas und die Aufforderung zurückzurufen.

Joshua denkt daran, wie er vor zwei Tagen Andreas auf der Mensa-Terrasse gegenübersaß. Sie hatten gerade eine Besprechung für Joshuas Bachelorarbeit gehabt, und weil Freitagnachmittag war und Freitag für Studenten bereits Wochenende heißt, schlug Andreas vor, in der Sonne noch einen Kaffee zu trinken. Joshua, eigentlich mit Karin am Haupteingang verabredet, wagte nicht abzusagen. Er hätte eine Ausrede vorschieben müssen, und er war ein schlechter Lügner. Zu allem Überfluss schlenderte Karin zwei Minuten später auf dem Weg zum Haupteingang an ihnen vorüber, in der Hand die Muffins, die sie für Joshua und sich gekauft hatte, und als sie entdeckte, mit wem Joshua auf der Terrasse saß, entgleiste ihre Miene.

Die vergangenen Wochen hatte er Begegnungen mit Andreas vermieden. Und als hätte er sich nicht schon genug niederträchtig gefühlt, offenbarte Andreas sich auf einmal. Aus heiterem Himmel fing er an, über seine Unsicherheiten und geheimen Ängste zu sprechen. Er verriet Joshua, wie schwer es ihm fiele, auf Partys nicht ständig im Zentrum zu stehen. Karin hatte Joshua schon darauf aufmerksam gemacht: Wenn Andreas, was selten genug vorkomme, eine Party mit seiner Anwesenheit beehre, dann ähnele sein Bewegungsprofil einem Reigen. Und zwar springe er von Gruppe zu Gruppe und verweile bei ein- und derselben nie länger als ein paar Minuten, eben so lang, wie er die Aufmerksamkeit der anderen für sich pachten könne. Doch Andreas ist nicht der eiskalte Narzisst, nach dem es aussieht, nein, Andreas sieht seine Schwächen und gibt sie sogar offen zu. Berücksichtigt man die Gewissenhaftigkeit, mit welcher er für gewöhnlich kein Staubkorn sein perfektes Bild trüben lässt, so erscheint seine unverhoffte Offenheit ein umso größerer Vertrauensbeweis. Eine solche Offenheit verlangt Gegenseitigkeit. Es liegt Joshua auf der Zunge: Das Geständnis.

Die folgende Charakteranalyse stammt von Andreas‘ Ex-Freundin Karin: Andreas verstehe es, Menschen von sich abhängig zu machen und ihnen das Gefühl zu geben, sie stünden in seiner Schuld. Er mache seinen Nächsten ihr Leben mit ,,Transparenzabkommen‘‘ zur Hölle, und wenn er dann etwas von ihnen brauche, appelliere er an Freundschaft und Fairness. Wenn er sein grandioses Bild kurzfristig aufgebe, dann nur weil er die Taktik ändere. Derlei Momente scheinbarer Einsicht bedeuteten keinen Willen zur Läuterung. Ganz im Gegenteil, er greife nur dann zur Ehrlichkeit als Mittel, wenn sie ihn schneller ans Ziel bringe. Auf die verletzbare Schiene wechsle er besonders gerne gegenüber Personen, bei denen er ein weiches Herz wisse. Überhaupt habe Andreas einen Riecher für sensible Menschen. Bei ihnen könne er den Ton angeben und den kleinen Einzelkindtyrannen ausleben. Wenn nötig, appelliere er an ihr Mitgefühl, denn, wie Karin es ausdrückt: ,,Andreas hat gelernt, dass man einen, der die Kehle entblößt und Hundeäuglein macht, nicht beißt.‘‘ Sobald aber einmal die anderen ihn um einen Gefallen bitten, zucke Andreas bloß die Schultern.

Einmal ins Rollen geraten, nehmen Joshuas Gedanken über Andreas Fahrt auf. Alte Szenen erscheinen in neuem Licht. Beim Klettern gibt ein Nebenmann, ein älterer, erfahrener Kletterer, Andreas einen Ratschlag, was er beim Sichern noch verbessern könnte. ,,Wir machen das hier nicht zum ersten Mal.‘‘, schießt Andreas prompt zurück. In der Mittagspause tauscht Karin mit einer Freundin amüsiert kreative Namen für das männliche Geschlechtsorgan aus. ,,Vaginas sehen übrigens auch komisch aus.‘‘, revanchiert sich Andreas.

Ehrlich gesagt, in Andreas‘ Gesellschaft kommt nie wirklich entspannte Stimmung auf. Selbst Hobbies geraten in seinen Händen zum unausgesprochenen Kopf-an-Kopf-Rennen. Worum sonst sollte es gehen? Eine Niederlage, ganz gleich, wie geringfügig sie von außen erscheinen mag, ist absolut. Nicht der Beste zu sein, löscht ihn aus. So wie an jenem Abend, als Felix beim Klettern zum Schluss eine 6B wählt. Eigentlich hat Andreas seine letzte Route schon geklettert, aber dass es bloß eine 6A war, kann er natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Also klettert er die Route ebenfalls.

Sind die Dinge gelaufen und Andreas gescheitert, bleibt ihm die kognitive Umdeutung. Die Freundin macht aus der Beziehung ein halbgares Ding, weil es für sie irgendwie nicht mehr passt? Kein Problem! Erstens ging diese Entscheidung nicht allein von Karin aus, auch für ihn lief es schon länger nicht mehr rund, es ist also angemessener, von einer Entscheidung in beiderseitigem Einvernehmen zu sprechen. Zweitens wollte er doch schon immer mal eine offene Beziehung ausprobieren. Und schon ist die Krone, kurzzeitig in Schieflage geraten, zurechtgerückt.

Entschlossen, die neue Freiheit zu genießen, trifft er sich mit einer Kommilitonin auf ein Bier. Im Gespräch bleibt sie reserviert, anschließend macht sie keine Anstalten, Interesse an einer Fortsetzung zu bekunden. Die Möglichkeit, dass sie nicht an ihm interessiert sein könnte, ist natürlich keine Möglichkeit. Zwei Tage später, so erzählt er Joshua, habe er ihr geschrieben: Er glaube nicht, dass sie zusammenpassten, sie sei noch so jung.

Ironischerweise beschäftigt Andreas sich in seiner Freizeit mit Buddhismus und liest Bücher von Matthieu Ricard, einem buddhistischen Mönch, der sagt: ,,Je größer das Ego, desto verwundbarer ist man.‘‘

In gewisser Hinsicht könnte man Andreas‘ gedankliche Kunstgriffe, mittels derer noch der offensichtlichste Rückschlag in einen Sieg umgetauft wird, ein Musterbeispiel positiven Denkens nennen, würde nicht sogar Karin, selbst eine Meisterin in der Disziplin selbstwertdienlicher Verzerrungen, Bedenken äußern. ,,Hm‘‘, meint sie eines Tages zu Joshua, und ihre Nachdenklichkeit verrät, dass die folgenden Worte ihr Stunden angestrengter Konzentration abverlangt haben, ,,wenn man immer alles zu seinen Gunsten interpretiert, dann kommt man ja gar nicht dazu, an seinen Fehlern zu arbeiten.‘‘

Einem wie Andreas genügt es nicht, ab und zu Gitarre zu spielen und Spaß am Jammen zu haben. Spaß ist eine Kategorie, mit der Andreas nichts anfangen kann. Für ihn zählt das Outcome. Anstatt sich zunächst einmal auf das zu konzentrieren, worum es geht, nämlich um die Musik, muss nach den ersten zwei, drei Konzerten sofort ein professionelles Tonstudio her, in dem ein erlesener Produzent für ein ebenso erlesenes Entgelt ihren ersten Song mischt. So wie andere junge Bands dort zu starten, wo man ist, nämlich auf Studentenpartys in stickigen Kellerlöchern, von deren Decken der Schweiß tropft, kommt für Andreas nicht infrage. Dass zum ersten Konzert gerade einmal zwanzig Zuschauer kommen (seine Freundin, deren Freundinnen, seine Eltern und ein paar Studienkollegen), kann seinem Selbstbewusstsein keinen Abbruch tun, und das zweite Konzert im Rahmen der Mensa-Party, zu der sowieso alle gekommen wären, avanciert in Andreas‘ Augen zu einer Art zweitem Woodstock.

Beim Laborbesuch in einer anderen Stadt drückt Andreas zum Abschied dem dortigen Informatiker den Flyer der Mensa-Party in die Hand. Das unterscheidet Andreas von den ,,Verlierern‘‘: Während die ,,Verlierer‘‘ nicht einmal auf die Idee kämen, es für eine realistische Option zu halten, dass ein wildfremder Informatiker die anderthalbstündige Fahrt zu einer Studentenparty auf sich nimmt, um das Konzert der Amateurband eines Studenten zu hören, mit dem ihn fünf Minuten Small Talk verbinden, verschwendet Andreas keine Zeit mit falscher Bescheidenheit.

Der Informatiker lässt sich das ,,Event‘‘ dann auch entgehen.

Andreas‘ stets strammer und forscher Schritt lässt keine Zweifel darüber aufkommen, dass dieser Mann große Pläne hat. Nie würde Andreas flanieren oder schlendern oder gar schlurfen. Im Sitzen erlaubt Andreas seinem Rücken nicht, sich anzulehnen, aufrecht muss der Rücken bleiben. Sein ganzes Leben ist der Versuch, seiner Angst, ein Versager zu sein, das Gegenteil zu beweisen.

All das schwirrt Joshua im Kopf herum, als er nun vor der Wahl steht. Entweder entspricht er Andreas‘ Vorstellung und sagt ihm die Wahrheit, mit der Konsequenz, dass der ihm im Anschluss erklärt, wieso er seine Bachelorarbeit nicht weiter betreuen könne – selbstverständlich in Form von Ich-Botschaften und transparent, alles psychologisch einwandfrei. Oder er erwidert Andreas‘ moralischen Druck, das Richtige zu tun und ehrlich zu sein, damit, dass er gerade nicht das Richtige tut. Sozusagen als pädagogische, wenn auch völlig vergebliche Maßnahme, Andreas die Erfahrung machen zu lassen, dass nicht alle Menschen sein Wohlbefinden ins Zentrum stellen. Das Ergebnis wird dasselbe sein: eine verwaiste Bachelorarbeit.

Doch die zweite Option besitzt ganz entschieden mehr Reiz.

Joshua ruft nicht zurück. Einen Tag lässt Andreas verstreichen, dann setzt er Joshua ein Ultimatum: Falls er sich bis Mittag 12 Uhr nicht gemeldet haben sollte, gebe er die Bachelorbetreuung ab. 

Für Besprechungen über die Arbeit stehe er jederzeit gerne zur Verfügung, schreibt Joshua zurück. Andere Themen wolle er im Moment lieber für sich behalten.

Daraufhin erhält er von Andreas eine Sprachnachricht: Er habe Joshua immer für einen korrekten Kerl gehalten – und meint natürlich, dass er sich darin gründlich getäuscht hat. Um das letzte Wort zu behalten, blockiert er Joshua.

*

Es sind die üblichen Verdächtigen, die eine Beziehung für Karin ,,im Moment‘‘ ganz und gar undenkbar machen: Eine Trennung, die erst ein, dann zwei, irgendwann vier Monate zurückliegt; ein niederträchtiger Ex, der ihr Vertrauen so verletzt hat, dass sie bis auf Weiteres niemandem mehr vertrauen kann.

Nachdem sie derart verletzt worden sei, könne sie vor sich nicht vertreten, dieses Risiko erneut einzugehen; solange sie die Beziehung offenhalte, könne eine Enttäuschung sie nicht so stark treffen. Dass eine unangenehme, jedoch unvermeidbare Nebenwirkung gemeinsam verbrachter Nächte und Tage Gefühle für den anderen sind und dabei unverletzbar bleiben zu wollen heißt, sich etwas vorzumachen, gibt sie selbst zu, ohne deshalb von ihrer Position abzurücken.

Je öfter er ihr erklärt, dass es für ihn doch einen Unterschied macht, dass es ihm darum geht, zueinander zu stehen, auch vor anderen, desto mehr fühlt sie sich unter Druck gesetzt. Sie genießt es, jemanden zu haben, dem sie gute Nacht wünschen kann, zu dem sie auch spätabends noch kommen kann, um ihre tägliche Dosis körperlicher Zuneigung zu bekommen und nicht allein einschlafen zu müssen. Joshua ist die Schulter, an die Karin nach einem weiteren Tag ihres schweren, von rücksichtslosen Ex-Freunden belasteten Lebens den Kopf lehnen kann. In ihm hat sie jemanden, der immer verfügbar ist, wenn sie ihn braucht, und der, wenn sie ihn aufs Abstellgleis bugsiert, nichts in der Hand hat, sich zu beschweren.

Theoretisch wäre es konsequent, einen Gang herunterzuschalten und sein Verhalten an die unverbindliche Situation anzupassen. Ganz abgesehen davon, dass die Gefühle reif sind, dass er sich ihnen am liebsten voll hingeben würde und man eigentlich meinen könnte, Verliebtheitsgefühle seien etwas Wünschenswertes, würde er sich nur ins eigene Fleisch schneiden, ginge er auf Distanz. In ihrem ,,im Moment nicht bereit‘‘ schwingt immer ein ,,noch nicht bereit‘‘ mit, und solange dieses ,,noch‘‘ nicht eingelöst ist, dauert die Bewährungsphase an, in der er beweisen muss, dass er eine gute Partie, dass er der Richtige ist. Ihr verletztes Vertrauen erfordert erst recht Fingerspitzengefühl, er muss zeigen, dass es sich bei seiner Liebe für sie nicht bloß um eine Eintagsfliege handelt, sondern dass er trotz Hürden und Widerständen an ihr dranbleibt. Er befindet sich im permanenten Werbemodus, sie lehnt sich zurück und schaut, was er zu bieten hat, ohne ihm am Ende einen ,,Daumen hoch‘‘ schuldig zu sein. Im Grunde ist sie ihm gar keine Antwort schuldig, sie hat ihn ja nicht darum gebeten, sich anzustrengen. (Indirekt natürlich schon. Das ist ja das Vertrackte an non-verbalem, mehrdeutigem Verhalten: Dass es so schwierig zu ertappen ist. Sobald man es erwischt zu haben glaubt, entschlüpft es einem durch die Finger. Am Ende kann man die Urheberin schlecht zur Verantwortung ziehen, sie kann jederzeit in die eine oder die andere Deutung ihres ambivalenten Verhaltens flüchten, je nachdem, wie es ihr gerade in die Karten passt. Indem sie jegliche Eindeutigkeit meidet, macht sie sich unangreifbar. Nicht belangt werden zu können, das ist wahre Macht.)

Für die Grenzen, die er überschreitet – meist sind es die eigenen Schmerzgrenzen -, für die Enttäuschungen, die er hinnimmt, die Dämpfer, die er schluckt, für all die Bedürfnisse, die er einmal für unverhandelbar gehalten hat und nun Stück für Stück über Bord wirft oder auf unbestimmte Zeit zurückstellt, zeichnet er selbst verantwortlich. Und wenn er am Ende der Enttäuschte ist, dann hat er sich das selbst zuzuschreiben.

Karin hat auf etwas keine Lust, oder Joshua fängt an, Ansprüche zu stellen? Er äußert etwa Unmut darüber, dass sie auf Partys wie gute Kollegen, aber nicht wie ein Paar auftreten sollen? Kein Problem, sie erinnert ihn daran, dass sie nicht zusammen sind. Joshua merkt an, es gehe immer schon auf Mitternacht zu, wenn sie komme, und dann gehe sie schon frühmorgens wieder – ob sie nicht wenigstens einen Morgen pro Woche in Ruhe frühstücken könnten? Er wisse die Zeit mit ihr wohl nicht zu schätzen, weist Karin ihn zurecht; in all dem Trubel richte sie es ein, dass sie sich zumindest abends sehen könnten, und ihm falle nichts anderes ein, als zu meckern. Langsam gewinne sie den Eindruck, man könne es ihm nie recht machen, immer finde er ein Haar in der Suppe.  

Egal wie sicher Joshua vorher ist, im Recht zu sein – nach der Diskussion ist immer sie diejenige, die unfair behandelt wurde, und er entschuldigt sich und nimmt sie in den Arm, unendlich dankbar, dass sie es noch mit ihm aushält.

*

Vor einem Jahr hat Joshua einmal eine von Karins besten Freundinnen auf einen Spaziergang getroffen, ein Date, das er fast vergessen hat, bis Karin damit aufwartet. Er fühlt sich wie ein Politiker, den ein sehr ehrgeiziger Journalist mit schmutzigen Details aus seiner Vergangenheit konfrontiert. Er könne sich das vielleicht nicht vorstellen, aber dieser Fakt bedeute Probleme! Momentan befinde sie sich im Gespräch mit der Freundin. Die habe auch schon grünes Licht gegeben, doch sie wolle ihn vorwarnen, die Sache sei noch nicht gegessen. Was, um Himmels willen, er sich dabei gedacht habe! Schon damals sei ihr die Sache merkwürdig vorgekommen. Mit ihr, Karin, habe er sich doch schon immer viel besser verstanden.

Nicht dass sie eifersüchtig auf ihre Freundin sei. Aber der Vorfall bringe sie zum Nachdenken. Bei wem habe er es denn noch alles versucht? Joshua gesteht, dass Karin nicht die allererste Frau in seinem Leben ist, auf die er ein Auge geworfen hat. Sie sitzen im Europa-Café, und Karin zeigt auf die Kommilitonin, die vorbeiläuft: ,,Hast du es bei der versucht? Und bei der? Bei der auch?‘‘ Karins Gesicht ist noch bleicher als sonst, sie ist schockiert, welches Ausmaß ihr Verhör offenbart. So wahllos, wie er vorgegangen sei, da frage sie sich, wie ernst er das mit ihr meine. Nach allem, was sie nun gehört habe, wie könne sie ihm da vertrauen, dass er nach ein paar Wochen nicht plötzlich einer anderen hinterherlaufe? Zumindest bleibe so lange, wie sie den Alltag mit seinen ehemaligen Schwärmen teile, eine Beziehung unvorstellbar. Wie müsse sie sich nun fühlen, wenn sie einer dieser Zicken gegenüberstehe und an die Nachrichten denken müsse, die deren Handys immer noch von ihm speicherten? Unerträglich, wie sie hinter ihrem Rücken über sie lästern würden, wenn sie mit Joshua zusammen wäre.

Einmal setzt Karin sich auf den am weitesten entfernten Stuhl in Joshuas Zimmer und stiert eine halbe Stunde lang düster drein, bis Joshua ihr endlich entlocken kann, dass der Hund bei seinem Treffen mit einer Kollegin begraben liegt, mit der er etwas trinken war. Was er ihr schon zigmal versichert hat, verspricht er ihr ein weiteres Mal, er hege gegenüber dieser Kollegin keinerlei Absichten. ,,Mach, was du willst‘‘, entgegnet sie, ,,lass dich wegen mir nicht davon abhalten. Wir sind ja nicht zusammen.‘‘

Als das mit Andreas ernst geworden sei, habe sie von ihm verlangt, den Kontakt mit Freundinnen abzubrechen. Selbstverständlich habe er noch mit Kommilitoninnen wie Sandra reden dürfen (eine Kollegin, mit der Andreas in drei Jahren nicht mehr als fünf Sätze gewechselt hat und für die er garantiert keine Leidenschaft entwickeln wird). Einmal ergab es sich, dass Andreas im Seminar der Gruppe von Marta beitrat. Das brachte Marta eine Nachricht von Karin ein – Warum sie denn unbedingt mit Andreas in einer Gruppe sein wolle? – und, nachdem Andreas, das verlorene Schaf, folgsam in Karins Gruppe eingeschert war, eine weitere Nachricht, in der Karin sich bei Marta entschuldigte und das mysteriöse Bekenntnis abgab, sie habe Marta ,,da nicht mit hineinziehen‘‘ wollen.

Mittlerweile versteht Joshua, was Karin damit gemeint hat.

Andreas revanchierte sich damit, dass er Karin und Felix verbot, gemeinsam schwimmen zu gehen oder überhaupt ohne sein Beisein Zeit miteinander zu verbringen. Er war auch ganz entschieden dagegen, dass Karin mit ihren Freundinnen nach Mallorca fuhr. Er könne es nicht ertragen, dass sie dort den Blicken anderer Männer ausgesetzt sei, noch dazu die meiste Zeit mit nichts als einem Bikini. Nicht dass sie bei einem dieser Typen schwach werden könnte, bereite ihm Sorgen, sondern vielmehr, was er als ihr Freund für ein Bild abgebe, dass er sie diesen Blicken aussetze. Diese Gedanken stammen nicht von einem Angehörigen des arabischen Kulturraums, sondern von Andreas, der an anderer Stelle freie Liebe preist. Übrigens fuhr Karin dann trotzdem nach Malle, und Andreas weiß bis heute nicht, dass sie dort im Ballermann gewesen ist.

Andreas und Karin sind sich einig, dass jemand anderen zu begehren oder dieses Begehren in die Tat umzusetzen letztlich keinen Unterschied macht. Möglicherweise, überlegt Karin vor Joshua laut, ticke sie in dieser Hinsicht etwas extrem. Sie geht sogar einen Schritt weiter und wirft die Frage in den Raum, ob sie eventuell eifersüchtiger sei als andere. Wirklich vorbildhaft, wie schonungslos selbstkritisch Karin mit sich ins Gericht geht. Und weil das für heute genug der Selbstzweifel waren, darf der Schluss, den sie aus ihren Reflexionen zieht, ruhig etwas schief ausfallen: Um sich selbst und Joshua vor ihrer Eifersucht zu schützen, gehe sie erst gar keine Beziehung mit ihm ein; damit sie, wenn es dann soweit sei und er sie mit einer anderen betrüge, nicht am Boden zerstört sein müsse, weil sie ja gar nicht zusammen seien.

*

Es kommt vor, dass Karins Stimmung ohne ersichtlichen Anlass umkippt und sie den Abend mit Joshua abbricht. Joshua, der sie bittet, ihm wenigstens zu erklären, was, um Himmels willen, los ist, beschwichtigt sie mit den Worten, manche Dinge blieben besser unausgesprochen, sonst könnten sie irreparablen Schaden anrichten. Er bleibt zurück mit der Serie, die er extra für sie gekauft hat und die ihr dann ein einziges Mal ein Lächeln, eher ein kraftloses Verziehen der Lippen entlocken konnte, mit Popcorn und der Frage, ob sie gerade Schluss gemacht hat. Auch am nächsten Tag fühlt Karin sich, empfindsam, wie sie ist, nicht in der Lage, ihm den Grund zu nennen, nur dass sie eine Krise gehabt habe, stundenlang heulend durch die nächtlichen Straßen geirrt sei und mit ihrer Freundin telefoniert habe. Wenig überzeugend versichert sie Joshua, es komme nie wieder vor, was sich dann auch als Irrtum herausstellt, denn zwei Wochen später verschwindet sie erneut abrupt nach Hause, diesmal, weil Joshua irgendetwas Falsches gesagt habe.

Joshua, der sich kurz zuvor entschieden hat, ihre Nicht-Beziehung bis auf Weiteres zu akzeptieren und das Thema ruhen zu lassen, tut sich schwer damit, dass die Probleme allem Anschein nach damit kein Ende nehmen. ,,Erst wütest du, jetzt eben mal ich.‘‘, relativiert Karin. Dass Joshua für das plötzliche Verschwinden eine Entschuldigung verlangt, bringt sie zum Lachen.

Dieses Lachen ist der Tropfen zu viel. Zum ersten Mal schafft Joshua es, in ihrer Gegenwart wütend zu werden. Sie sitzen im Eimer, er beugt sich über den Tisch zu ihr vor, ohne ihre blauen Augen aus dem Blick zu lassen, und sagt: ,,Willst du mich provozieren?‘‘ Seine Stimme nimmt nicht an Lautstärke zu, gerade das verleiht ihr ihre Schärfe. Die Entscheidung, wütend zu werden, eröffnet ihm Zugang zu ungeahnten Energiequellen; äußerlich vollkommen unbewegt, fühlt Joshua sich imstande, mit einer einzigen Bewegung den Tisch zwischen ihnen zu zerschlagen. Noch Stunden nachher, nachdem sie schon eingelenkt, sich entschuldigt und nach seiner Hand gegriffen hat, hält die Wirkung dieser neuen Kraft an, wie wenn man den Kopf in eiskaltes Gebirgswasser taucht und einem klar wird, dass man erst jetzt wirklich wach ist. Kurz, es ist ungemein befriedigend und war höchste Zeit, endlich einmal wütend zu werden.  

Versöhnt verbringen sie die Nacht zusammen. Am nächsten Morgen beim Abschied steigt sie ohne Umarmung in die Straßenbahn. Joshua, der ein unwohles Gefühl hat, hält sich bis zum Abend zurück, dann schreibt er ihr. Stunden verstreichen, ehe sie antwortet. So geht es auch am nächsten Tag und am darauffolgenden. Von ihrer Seite Schweigen. Sie sei erkältet, ist alles, was sie ihn wissen lässt. Joshuas gelegentliche, zaghafte Nachfragen, wenn er es nicht mehr aushält und zumindest wissen will, was überhaupt los ist, werden mit reservierten Zweizeilern abgefertigt. Er müsse viel an sie denken, schreibt er. ,,Oh, warum denn?‘‘ Sie fehle ihm. ,,Ah so.‘‘ Sie bestraft Joshua mit Liebesentzug und enthält ihm auch noch den Grund vor, womit er das verdient habe. Weil Joshua einfühlsam und verständnisvoll sein möchte, versichert er, allem Anschein nach brauche sie gerade Zeit für sich, er wolle ihr diese Zeit gerne geben. In Wahrheit schaut er alle fünf Minuten aufs Handy, jedes Mal überzeugt, sie habe diesen Albtraum nun lange genug andauern lassen, jedes Mal enttäuscht. An seiner Bachelorarbeit weiterzuschreiben kann er vergessen, seine Nerven, permanent überstrapaziert, erlauben nur noch die einfachsten, stupidesten Alltagsverrichtungen und ab und zu einen Spaziergang im Schneckentempo. Mittlerweile erscheint es immer unplausibler und zweckloser, sich einzureden, ihr Schweigen bedeute etwas anderes als ein sang- und klangloses Schlussmachen. 

Mitten in der Nacht, nach vier Tagen Schweigen, ploppt eine SMS von ihr auf. Nicht zuerst eine Whatsapp-Nachricht, gleich eine SMS. Auf einmal scheint Karin es gar nicht abwarten zu können, mit ihm zu sprechen. Ob er morgen kurz Zeit habe, sich zu treffen?

Nach allem, was vorgefallen ist, nach vier Tagen unerklärter Funkstille, nachdem sie ihn hat leiden lassen wie irgendeinen x-beliebigen, streunenden Köter, weckt sie ihn mitten in der Nacht auf und schlägt wie selbstverständlich das nächste Treffen vor, ohne Entschuldigung oder auch nur ein paar Worte, die darauf hindeuten, dass sie sich bewusst ist, was sie ihm angetan hat? Joshua versucht, gnadenlos zu sein – das heißt, soweit einer wie Joshua gnadenlos sein kann. Er lässt seine Antwort bis zum Morgen ausstehen und erklärt dann, für ein Treffen brauche er Zeit, erstmal müsse er seine Gedanken ordnen. ,,Ah, ich dachte nur, du wüsstest gerne, was genau schiefgelaufen ist.‘‘, kommt als Antwort.

Es ist also vorbei; die Abgeklärtheit, mit der sie ihm das beiläufig mitteilt – es bedarf nicht einmal der expliziten Aussprache, es ist eben ,,schiefgelaufen‘‘ -, lässt ihn frösteln. Natürlich lechzt alles in ihm danach, endlich den Grund zu erfahren. Da kann er auch keine Rücksicht mehr darauf nehmen, ihrem Verhalten Konsequenzen folgen zu lassen, in der nächsten Pause ruft er an. Doch sie nimmt nicht ab. Mittags vom Essen nimmt er ein paar Bissen, dann stellt er es weg und schließt sich auf dem Klo ein. Erst nach einer Stunde fühlt er sich wieder imstande, aufs Handy zu schauen. Ein verpasster Anruf von Karin und eine Nachricht: Sie findet es kindisch, dass er einem Gespräch aus dem Weg geht.

Er sei nicht eben scharf darauf zu erfahren, warum sie Schluss mache, verteidigt er sich.

Hm, das habe sie eigentlich nicht vorgehabt, aber wenn er lieber den Beleidigten spielen wolle, dann bitteschön.

Joshua schnuppert Hoffnung! Jetzt, wo ein Ende doch nicht besiegelt zu sein scheint, wo die Möglichkeit lockt, sie vielleicht doch behalten zu können, erklärt er sich umgehend bereit, sie in fünfzehn Minuten im Europa-Café zu treffen.

Endlich erfährt er den Grund: Ihr habe zu denken gegeben, wie wütend er letzte Woche geworden sei, und das bei einem verhältnismäßig harmlosen Auslöser. Selbst nachdem sie sich entschuldigt habe – die in psychologischen Metaphern bewanderte Karin benutzt den Ausdruck ,,ihre Schilder heruntergelassen‘‘ -, habe er noch einmal nachgetreten. Das sei ein klares ,,No-Go‘‘. Zum ersten Mal in einem Streit mit einem Partner sei sie froh gewesen, nicht allein in einem Raum mit ihm zu sein.

Joshua ist bestürzt: Hat er wirklich den Eindruck erweckt, von ihm gehe eine Bedrohung aus? Ist er wirklich so wütend gewesen, dass seine Umwelt um ihre leibliche Unversehrtheit fürchten musste? Dass sein Wutanfall vor ein paar Tagen für sie eine neue, nie zuvor erlebte Ebene der Aggression darstellte, wirkt umso irritierender, als sie ihm bereits eine Ahnung vom Konfliktmanagement seines Vorgängers, von Andreas, vermittelt hat. Da Andreas ein Freund davon ist, Dinge sofort ,,zu klären‘‘, habe er sich von der Anwesenheit anderer, ihrer Familie oder Freunden, nie beirren lassen. Ihr sei dann die undankbare Aufgabe zugefallen, entschuldigend zu lächeln und ihn wenigstens in ein Nebenzimmer zu bugsieren, wo er seinem Ärger derart freien Lauf ließ, dass die anderen trotzdem jedes Wort mitbekommen hätten. Auch nicht selten habe er mit Gegenständen geschmissen, aber niemals in ihre Richtung, Andreas weiß schließlich, was sich gehört. Nachher habe sie gegenüber ihrer Schwester oder ihrer Mutter, die den Kopf schüttelten, Andreas‘ Verhalten rechtfertigen müssen und erklären, weshalb sie immer noch mit ihm zusammenbleibe.

Hier ein Beispiel, wie Andreas Konflikte ,,klärt‘‘: Am Vorabend ihres Amerikaurlaubs sei Andreas eingefallen, es schade vielleicht nichts, einmal das Zelt aufzubauen und zu überprüfen, ob es überhaupt groß genug für sie beide sei. Ausgerechnet diesen Abend hatten Karin und eine Freundin für einen Film eingeplant. Schon mehrmals hatten sie den Filmabend verschoben, heute wollten sie ihn endlich realisieren, deshalb entschuldigte Karin sich bei Andreas und fuhr zu ihrer Freundin. Sie hatten es sich gerade bei Popcorn und Softgetränken gemütlich gemacht, da klingelte es an der Tür, und Andreas stapfte herein. Er stellte sich vor den Fernseher, um ihrer vollen Aufmerksamkeit gewiss zu sein, und brüllte sie an, was ihr einfalle, ihn mit dem Zelt im Stich zu lassen. Der Filmabend war dann gelaufen.

Das sei nicht dasselbe gewesen, erklärt Karin Joshua nun. Hinter Andreas‘ Wut, da habe immer eine Hilflosigkeit gesteckt, eine Verletzlichkeit. Ein liebevoller Ausdruck legt sich auf ihr Gesicht. Letztendlich seien seine Wutanfälle Ausdruck seiner Liebe zu ihr gewesen. Dagegen bei ihm, Joshua – in dem Moment, da er sich über den Tisch zu ihr vorgebeugt und gefragt habe, ob sie ihn provozieren wolle, da sei sie erschrocken vor dem Ausdruck in seinen Augen. Auf einmal habe sie nicht mehr gewusst, ob er überhaupt noch Liebe für sie übrighabe.

Eigentlich hat Joshua vorgehabt, sie zusammenzustauchen für die vier Tage Liebesentzug ohne Erklärung. Stattdessen entschuldigt er sich nun für sein unmögliches Benehmen in ihrem letzten Streit und schwört Besserung. Ein klägliches ,,Wenn ihr das nächste Mal etwas auf dem Herzen liege, solle sie es ihm bitte sagen.‘‘ ist alles, was von der geplanten Wutrede übrigbleibt. Dem widerspricht sie, sie habe die vier Tage gebraucht, um sich darüber klarzuwerden, weshalb sie sich ihm so entfremdet fühle. Mit dem Fuß stupst sie ihn an und lächelt von unten her, Joshua fühlt sich wie ein Kind, das schmollt. Eine Viertelstunde Reden reicht aus, ihn für vier Tage Achtlosigkeit zu entschädigen. Schon halten sie wieder Händchen – nur ein paar Sekunden, versteht sich, Andreas sitzt in der Nähe, und ihr ist unwohl, wenn er sie dabei sieht.

Da Karin diejenige mit mehr Beziehungserfahrung ist, schöpft sie aus ihrem Wissen und fügt noch hinzu, es werde ihnen gut tun, das zwischen ihnen zu ,,entzerren‘‘. Sie möchte ihn trotzdem noch heute Abend sehen. Er hat sich zu leicht versöhnlich stimmen lassen, ruft eine Stimme in Joshua; eigentlich hat sie überhaupt nichts getan, um ihn versöhnlich zu stimmen, im Gegenteil, sie hat das Unrecht für sich beansprucht, und er musste sie um Vergebung bitten, einmal mehr. Leider kommen ihm diese Gedanken erst, als er ihr für den Abend schon zugesagt hat. Also ruft er sie an und druckst herum, vielleicht wäre es gut, wenn sie noch nicht gleich so weitermachen, als wäre nichts passiert, sie habe ja von ,,Entzerren‘‘ gesprochen. Im Ernst? Karin ist empört. Ob er noch weiter Öl ins Feuer gießen wolle? Beschämt lenkt Joshua ein, war ja nur ein Vorschlag. Joshua, ein unsensibler, tumber Tor, sozial inkompetent und Karin in Sachen gesundes Beziehungsverhalten Lichtjahre hinterher.

Kurz darauf fährt er über die Feiertage nach Hause und gibt Karin zu spät Bescheid. Jedenfalls findet sie das. Wenn er sie rechtzeitig an seinen Plänen hätte teilhaben lassen, dann hätte sie ihre Termine so einrichten können, dass sie vor den Ferien mehr Zeit für ihn habe. Er verzichtet darauf, zu erwähnen, dass sie es war, die vier Tage lang nichts von ihm hat wissen wollen, und dass so eine Funkstille nicht gerade dazu ermutigt, seine Ferienpläne mitzuteilen. Ebenfalls unerwähnt lässt er all die Male, in denen er Verabredungen mit Freunden offenließ, nach hinten verschob oder im letzten Moment absagte, weil sie sich nicht festlegen konnte, und in denen dann immer irgendetwas länger als erwartet dauerte, sodass sie entweder ein, zwei Stunden zu spät oder gar nicht kam. Einmal hat er sich beschwert, er habe extra auf den Abend mit seinen Freunden verzichtet, um sie schon früher sehen zu können, und nun tauche sie doch erst um Mitternacht auf. ,,Du musst dich ja nicht nach mir richten.‘‘, erwiderte sie. ,,Es ist sowieso besser, wenn jeder sein eigenes Ding macht.‘‘ Inwiefern diese Aufforderung zu ihrer Beschwerde passt, ihr erst vier Tage im Voraus Bescheid zu geben, dass er für eine Woche nach Hause fährt, diesen Widerspruch auszuhalten erspart er ihr.

Er schlägt vor, sie könnte ihn ja zu Hause besuchen kommen. Wenn sie wenig Zeit habe, könnte sie morgens kommen und abends wieder zurückfahren, die Fahrt dauert nicht lang. Dann würden sie sich zwischendurch sehen, er würde sich freuen. Karin kann nicht, zu viel zu tun. Außerdem, eine Woche sei ja überschaubar.

Nachdem er abgefahren ist, meldet sie sich erst nicht. Dann wird es ein Riesenakt, bis sie sich einverstanden erklärt zu telefonieren. Zuvor schreibt sie, sie habe keine Zeit, und wenn, dann nur kurz, und überhaupt, sie fühle sich ihm ,,so fremd‘‘. Am Telefon verkündet sie dann, schon die ganzen letzten Tage hätte sie gerne telefoniert. Dafür, es vorzuschlagen oder gar spontan anzurufen, scheint es aber doch nicht ausgereicht zu haben. Sie könnten ja morgen nochmal telefonieren, schlägt er vor. In muffligem Ton erwidert sie: ,,Ja, mal schauen.‘‘

Die jüngste Krise ist gerade überwunden, es ist ein milder, großzügig leuchtender Sonntagnachmittag, Joshua kehrt eben zurück von einem endlich in die Tat umgesetzten Besuch im Augustinermuseum mit einer Freundin, und per Sprachnachricht fragt ihn Karin, die schönste Frau, die er kennt, ob sie vielleicht schon ein bisschen früher zu ihm kommen kann. Joshua ist im Himmel, einzig getrübt von einer Bemerkung am Schluss ihrer Nachricht: Er habe Marta, der Freundin, doch nichts von ihnen erzählt, oder? Joshua schickt eine Antwort in ebenso beschwingtem Ton los, unbedingt müssen sie beide auch einmal in dieses Museum, und er habe einen Botanischen Garten entdeckt, den müsse er ihr demnächst zeigen, und ja, er freue sich auch auf sie. Blaue Häkchen verraten, dass Karin am anderen Ende der Verbindung seine Sprachnachricht anhört. ,,Ooooch‘‘, kommentiert sie live, mit Herzchen und Kusssmiley, und dann: ,,Das ist jetzt krass.‘‘, als sie zum Ende seiner Nachricht kommt, wo er anmerkt, Marta sei eine gute Freundin, und er lasse sich nicht vorschreiben, was er seinen Freunden erzähle.  

Daraufhin wechselt das ,,online‘‘ unter Karins Namen zu ,,schreibt…‘‘, und da dämmert Joshua, dass der Augenblick Harmonie und Perfektion schon wieder vorbei ist, dass die nächste Krise anrollt. Mit hämmerndem Herzen hockt er vor dem Handy, furchtsam und gleichzeitig ungeduldig, das Ergebnis ihres Schreibprozesses möge doch endlich auf seinem Display erscheinen, um es rasch hinter sich zu bringen.

Er wartet eine Dreiviertelstunde. Eine Dreiviertelstunde lang rührt sich das Wort ,,schreibt…‘‘ nicht mehr vom Fleck. Er kann sich geradezu bildhaft vorstellen, wie Karin besessen auf ihr Handy einhackt, die Stirn schweißglänzend, die blonden Locken verstrubbelt, das Letzte aus ihren trainierten Fingern holend, um mit den rasenden Gedanken Schritt zu halten. Am Ende erhält er die längste Whatsapp-Nachricht in seiner ganzen Whatsapp-Karriere, und ihre Chancen stehen gut, dass sie diesen Rekord für alle Zeiten halten wird. Nachdem Joshua die Nachricht einmal gelesen hat, weiß er nicht mehr als vorher, außer dass er sie extrem verärgert und extrem verletzt hat und, überflüssig zu erwähnen, das mit heute Abend vergessen kann.

Seine Sprachnachricht, in der er am Boden zerstört erklärt, was auch immer sie derart verletzt habe, er habe es nicht so gemeint, es müsse ein Missverständnis vorliegen, lässt sie unkommentiert. Zweimal ruft er sie an, beide Male lässt sie es klingeln.

Erst am nächsten Tag erklärt sie sich bereit zu einem Gespräch. Sie diskutieren bis zu dem Punkt, an dem ihm keine Einigung mehr möglich erscheint, und darüber hinaus. Er beharrt darauf, seinen Freunden erzählen zu dürfen, was er wolle, sie wirft ihm schräge Standards vor, bis schließlich ihre Augen feucht werden und sie erklärt, sie habe einfach Angst, Joshua könnte anderen intime Details über sie verraten. Wenn er wütend auf sie sei, traue sie ihm zu, dass er vor seinen Freunden über sie lästere.

Joshua wüsste nicht, worin diese gefährlichen Details bestehen sollten. Noch kennen sie sich nicht so gut, doch selbst wenn dunkle Familiengeschichten, kompromittierende Eigenheiten und andere pikante Geheimnisse enthüllt worden wären, würde Joshua sie nicht herausposaunen. Eine tiefgreifende Angst tritt zutage, andere könnten erfahren, wie sie wirklich ist, und sie daraufhin verlassen. In Wahrheit besitzt Karin ein verschwindend geringes Selbstwertgefühl. Im tiefsten Innern fühlt sie sich nichtig, minderwertig und hässlich. Im Grunde glaubt sie nicht daran, liebenswert zu sein. Die Bestätigung vom anderen Geschlecht mag in noch so überschwänglicher Fülle vorhanden sein, keine Zuneigung der Welt vermag das Loch in ihr zu stopfen.

Deshalb verbietet sie ihrem Freund, neben ihr andere weibliche Freundinnen zu haben. Deshalb ihre nagende, verzehrende Eifersucht. Schon wenn ihr Freund eine andere Frau auf einen Kaffee trifft, leidet Karin Höllenqualen. Die andere könnte besser sein als sie, schöner, liebenswerter. Alle anderen sind Konkurrentinnen. Jederzeit könnte ihr Freund merken, was die anderen ihr voraushaben, und dann wird er sie verlassen. Es gibt nichts, was Karin mehr fürchtet, als verlassen zu werden. Solange sie kontrolliert, was andere von ihr sehen, solange andere ein Bild von ihr zu Gesicht bekommen, auf das sie das Urheberrecht besitzt, lebt sie in provisorischer Sicherheit. Doch unaufhörlich droht sie aufzufliegen. Wenn die anderen sähen, wie sie wirklich ist, würden sie sich von ihr abwenden. Karin wäre wieder ein kleines Mädchen, verlassen von ihrem Vater.

Verlassenheitsängste zu haben, ist kein Verbrechen. Eine andere Sache ist es, konsequent die Augen vor den eigenen Problemen zu verschließen. Gemäß den eigenen Brüchen, den eigenen Ängsten und Unzulänglichkeiten zu handeln und Kollateralschäden anderer in Kauf zu nehmen. Sich aus der Verantwortung zu ziehen und einfach zu leugnen, etwas verändern zu können, um sich der eigenen Angst, den eigenen Untiefen nicht stellen zu müssen, auf Kosten ihrer Umwelt. Sich auch beim x-ten Drama nicht zu fragen, ob man eventuell, möglicherweise, ganz vielleicht zu einem kleinen Teil selbst dazu beigetragen haben könnte, sondern sich ewig damit zu begnügen, sich selbst zu bemitleiden und sich bei der besten Freundin auszuheulen, die einem auch ganz bestimmt genau das sagen wird, was man hören möchte, nämlich wie unsensibel und grausam die anderen sind. Sich immer nur als Opfer zu sehen und nicht zu erkennen, dass man auch Täterin ist. Und – ganz nebenbei gesagt – Psychologie zu studieren und sich in Zukunft auf dem Therapeutensessel zu sehen. Zeit, endlich einmal auszusprechen, was vielleicht auch die beste Freundin insgeheim denkt.

Da Karin zum Studium im badischen Freiburg bleibt, wo sie aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, muss sie nicht, wie andere, im Studium neue Bekanntschaften schließen, sondern führt die Freundschaft mit ihren drei besten Kindheitsfreundinnen unverändert fort. Jeden Mittwoch treffen sie sich zum Filmabend, und im Sommer versammeln sie sich im Ferienhaus von Florence‘ Stiefvater. Es wirkt wie eine Bilderbuchfreundschaft. Was Karin nicht weiß: Ihre drei Freundinnen unterhalten neben der gemeinsamen Whatsapp-Gruppe eine weitere Gruppe, ohne Karin. Karin kann nämlich ganz schön anstrengend sein.

*

Joshua ist nicht fähig, einmal ihre Schönheit gut sein zu lassen und einen Blick auf den Menschen dahinter zu werfen. Er will seine Verliebtheit auskosten, ein wenig Trägheit ist auch mit von der Partie, schließlich kostet es Kraft, die rosarote Brille zu verrücken. Wahrscheinlich glaubt er auch, eine Person realistisch zu betrachten mit all ihren Stärken, aber auch ihren Fehlern und Schwächen, und diese Person zu lieben, schlössen sich gegenseitig aus. Jedenfalls schüchtert ihre Schönheit ihn ständig ein. Auf eine unanfechtbare Art scheint ihre Schönheit sie zu einem besseren Menschen zu machen. Umso spannender, einmal genauer hinzuschauen.

Sie sind sich seit ein paar Tagen erst nahegekommen, da fragt sie Joshua eines Abends, ob er sich an den Abend im White Rabbit letzten Herbst erinnere? Joshua erinnert sich. Auf einmal war sie an der Bar des Clubs vor ihm aufgetaucht und strahlte ihn an: ,,Hast du meine Nachricht doch noch bekommen!‘‘ Sie hatte ihn gefragt, ob er heute Abend auch zur Party komme. ,,Nein, die hab ich noch nicht gelesen‘‘, erwidert Joshua, ,,ich wäre eh‘ gekommen.‘‘ Das brachte Karins Miene kurz zum Entgleisen. Es war ihm so herausgerutscht. Einerseits tat es ihm leid, dass eine Frau ihres Kalibers Interesse an seiner Gesellschaft bekundete und ihm nichts Besseres einfiel, als sie vor den Kopf zu stoßen. Andererseits wusste er ganz genau, warum er das gesagt hatte. Im Grunde kannte er sie nicht, abgesehen von ein paar Unterhaltungen an der Uni oder auf Partys, die den schützenden Rahmen der Ironie nie verlassen hatten. Trotzdem glaubte er vom ersten Augenblick an eines über sie zu wissen: Eine Frau mit ihrem Aussehen war zweifellos gewohnt, zu bekommen, was sie wollte. Weil Joshua sich durchaus in den Kreis der Anfälligen für derlei Reize miteinschloss, hegte er ein Ressentiment gegen sie. Er fand, es schadete nichts, sie ab und an mit der Tatsache zu konfrontieren, dass nicht jeder ihr verfallen war, und ihrem Selbstbewusstsein sozusagen in homöopathischen Dosen heilsame Dämpfer zu versetzen.

Nach der Party, erzählt Karin, habe sie sich über seine Bemerkung den Kopf zerbrochen. Halb Drei Uhr nachts habe sie vor ihrem Diktiergerät gesessen, ihre Form des Tagebuchs, und laut hin und her überlegt, wie Joshua das gemeint haben könnte. Doch am nächsten Tag spukten seine Worte immer noch in ihrem Kopf herum. Es wühlte sie so sehr auf, dass sie schließlich keinen anderen Ausweg sah, als ihm zu schreiben: Sie müsse ihn etwas fragen, mache er sich gefasst auf die beste Frage aller Zeiten; morgen Mittag an der Uni? Aber als sie sich mittags vor der Mensa trafen, kam sie nicht dazu, ihre Frage zu stellen; Andreas hatte mitbekommen, dass seine (eigentlich Ex-) Freundin mit einem anderen Mann zu essen drohte, und lud sich kurzerhand selbst dazu ein.

Wiederum sehr selbstbewusst malt sie ihm ihren letzten Laos-Urlaub und den ,,Survival-Trip‘‘ aus, der ihre Schwester Emma und sie um ein Haar das Leben gekostet habe. Wie Emma nun einmal sei, habe sie spontan die Lust gepackt, für ein paar Tage sich in den Dschungel zu schlagen. Und hat Emma sich einmal eine Idee in den Kopf gesetzt, lässt sie sich von Einwänden wie ,,unvernünftig‘‘ oder ,,unrealistisch‘‘ nicht beirren. Vernunft, Abwägen, Mittelweg, das ist so durchschnittlich; damit können sich die anderen Menschen abgeben, die Normalen. Deshalb werden sie auch immer Mittelmaß bleiben, während Emma DJ ist. Emma hat schon in Paris gelebt, aktuell in Barcelona, also ist sie Teil der Avantgarde. Dass Emma Hartz-IV bezieht und mit 36 Jahren ihr Leben immer noch für einen Spielplatz hält, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie etwas Besonderes ist. Emmas Besonderheit verpflichtet sie geradezu, Regeln, welche die Angepassten in ihrem Mangel an Kreativität und Innovation nötig haben, entschieden abzulehnen. Freigeist, der sie ist, weigert Emma sich, nachmittags schon anzugeben, ob sie abends verfügbar ist oder nicht. Mehrere Stunden im Vorhinein kann sie doch, um Himmels willen, noch nicht vorhersagen, worauf sie zu betreffendem Zeitpunkt Lust haben wird. Auch verschwendet Emma ihre kostbare Lebenszeit nicht mit so lästigen Dingen wie Höflichkeitsfloskeln oder Moralgehabe. Als einmal ein ehemaliger Gulag-Häftling nach einem Vortrag in der Vorlesung von Karins Stiefvater – er ist Professor für neuzeitliche Geschichte, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Stalinzeit – bei ihnen zum Mittagessen zu Gast ist und, anstatt dankbar zu sein, permanent etwas auszusetzen hat, hält Emma sich mit übermäßigem Verständnis und Zurückhaltung aufgrund moralischer Bedenken nicht auf, der Typ, sagt sie in der Küche zu ihrer Schwester, sei eben ein ,,Arschloch‘‘. Emmas Utopie einer Gesellschaft der Authentizität stößt dann an ihre Grenzen, wenn nicht sie, sondern zur Abwechslung einmal jemand anderes ganz ungezwungen und direkt zu ihr spricht. Wie zum Beispiel ihr Großvater, der sie beim Familienessen interessiert über ihre Musik ausfragt, um dann beiläufig in einem Nebensatz zu erwähnen, ,,mal davon abgesehen, dass das ja gar keine richtige Musik ist.‘‘. Aber mehr könne man von ihrem Opa auch nicht erwarten, sind Emma und Karin sich einig, ihr Opa sei eben einfach asozial.

Ihre Schwester ist übrigens Karins Hauptansprechperson in Beziehungsfragen.

Zurück zu Emmas Idee, sich völlig unvorbereitet, ohne Ausrüstung, Karte, Erfahrung oder andere spießige Spaßverderber in den laotischen Dschungel zu schlagen. Im selben Dorf wie sie habe sich ein australischer Junkie aufgehalten, um sich vom Stress der Zivilisation zu erholen. Bei Emmas Idee sei er sofort Feuer und Flamme gewesen. Er kenne da einen, der als ihr Führer fungieren könnte. Der australische Junkie verschwand zum nächstgrößeren Dorf und kehrte zurück mit einem Männchen, ,,halb Mensch, halb Tier‘‘ nach Karins Beschreibung. Alle paar Meter habe er seine Nase in den Wind gereckt, vermutlich um wilde Tiere zu wittern, und ununterbrochen habe er Laute von sich gegeben, eine Art Knurren, wie sein Hund, den er dabei hatte, mit dem er – sie könne schwören – habe kommunizieren können und sich das Abendessen geteilt habe, aus derselben Schüssel.

Joshua versucht sich eine Lichtung mitten im Dschungel vorzustellen, Schlafplätze im Staub, der die weißen Blusen der Schwestern befleckt, den Schweiß, von dem die Kleider ganz klebrig werden und der nach gewisser Weile wirklich streng riecht, es gibt auch keine Spiegel, um das Make-Up zu erneuern und durch die ungewohnte Ladung an Schmutz frisch entstandene Pickel abzudecken, noch gibt es eine Dusche, um die fettigen Haare loszuwerden, die zarte Haut ganz ruiniert von Moskitos, und sicher schmerzen die Beine, überhaupt jede einzelne Stelle am ganzen Körper muss schmerzen, wo man doch den ganzen Tag lang gelaufen ist, und nicht einmal auf einem Wanderweg, nein, durch das Unterholz des Dschungels hat man sich geschlagen, durch Büsche, Gestrüpp, Ranken, schon geübte Wanderer und Berufsabenteurer wären da froh, abends einfach liegen zu dürfen, wie erleichtert müssen da die Schwestern sein über eine Matte, ein Feuer und eine Rolle Klopapier (ohne Seife oder Waschbecken, versteht sich). Die zwei jungen, eleganten, modebewussten Frauen, die doch sonst keinen Fuß aus ihrem Biotop – der Stadt – heraussetzen, deren körperliche Ertüchtigung sich in einer Stunde Dehnen pro Woche, gemeinsam mit der Mutter, erschöpft. So erkundungsfreudig hat Joshua Karin noch gar nicht wahrgenommen, entgehen ihr doch solche Details wie, dass in der Stadt, in der sie aufgewachsen ist, der neue Aussichtsturm auf dem Schlossberg seit vier Jahren fertiggestellt ist, oder dass es zwei davon gibt. Gewagt, so ein ,,Survival-Trip‘‘, wenn man, so wie Karin, lieber die Hände vom Fahrrad lässt aus ,,Respekt vor dem Straßenverkehr‘‘.

Am zweiten Tag ihrer ,,Expedition‘‘ hätten sie eine Felswand hinaufklettern müssen. Da seien nur Wurzeln gewesen, um sich festzuhalten, und wäre eine davon gerissen, sie hätten den Sturz nicht überlebt.

Spätestens an dieser Stelle lassen die Zweifel sich nicht länger ignorieren, die Möglichkeit, dass Karin bei ihrer Schilderung ihres ,,Survival-Trips‘‘ etwas übertreibt. Karin, die von Andreas in drei Jahren noch nicht dazu bewegt werden konnte, einmal, ein einziges Mal mit klettern zu gehen. Nicht einmal in der Halle, an der niedrigsten Wand mit den meisten Griffen. Diese Karin klettert auf einmal im Dschungel an einer Felswand um ihr Leben?

Karin sei jedenfalls keine dieser Frauen, die bloß ihr Aussehen und sonst nichts im Kopf hätten, hat Andreas Joshua einmal vorgeschwärmt (als die beiden noch miteinander geredet haben). Und es stimmt: Karin hat auch ein breites Wissen darüber, wie man sein eigenes Make-Up brauen kann. Auch dass sie sich zum Geburtstag ein Parfüm im Wert von hundertfünfzig Euro wünscht, darf nicht so interpretiert werden, als lege sie übermäßig viel Wert auf ihr Äußeres.

Für was interessiert Karin sich eigentlich? Politik? In der Satireshow, die Joshua und sie gemeinsam schauen, ist der Dieselskandal ein unbekanntes Wort für sie, und bei dem Namen Gerhard Schröder klingelt etwas bei ihr, aber ihr ist entfallen, dass es sich um den ehemaligen Bundeskanzler vor Angela Merkel handelt. Literatur? Früher sei sie eine Leseratte gewesen, aber mittlerweile fehle ihr die Zeit, die Zeit. Musik? Gitarrensound mit Halleffekt und dazu eine wehleidig jaulende Stimme, ständig nahe am Brechen ob der Grausamkeit der Welt, Krise als Grundzustand, und exzentrisch klingen muss die Stimme, ,,anders‘‘, so wie ihre exquisite Auswahl an Hörerinnen und Hörern, junge, privilegierte, hochsensible Akademikerkinder, die meinen, das Leid für sich gepachtet zu haben (zum Beispiel Hipstergejaule wie Cigarettes after Sex oder Alt-J).

Karin und Joshua unterhalten sich über den Film Fight Club. Wenn Karin beschreiben will, welch starke Emotionen etwas in ihr auslöst, fallen wiederholt die Wörter ,,krass‘‘, ,,mega‘‘ und ,,voll‘‘. Bevor sie eines dieser Wörter ausspricht, legt sie eine kurze Pause ein. Das soll den Abnutzungseffekt kompensieren und die Worthülse künstlich mit Bedeutung aufladen. Oder sie zieht das ,,e‘‘ in ,,mega‘‘ lang. Wenn ein Verstärkungswort nicht ausreicht, der Intensität an Gefühl gerecht zu werden, können auch zwei Verstärkungswörter kombiniert werden (,,mega krass‘‘) oder gleich alle drei aneinandergereiht (,,Krass! Mega! Voll!‘‘). Auf diese drei Begriffe scheint ihr Repertoire zur Beschreibung innerer Zustände sich auszudifferenzieren. Eine notwendige Konsequenz des inflationären Gebrauchs dieser Wörter ist ihre Entleerung. Karins Äußerungen klingen dadurch schablonenhaft, bedeutungshohl, auch künstlich und bemüht. Joshua kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die wörtlichen Superlative in ,,krassem‘‘ Gegensatz zu Karins tatsächlichem Gefühlsleben stehen. Vielleicht hätte sie gerne, dass etwas sie so sehr berührt, so stark bewegt, dass man es nur noch als ,,mega‘‘ beschreiben kann. In Wahrheit herrscht in Karins Innerem die meiste Zeit eine bedrückende Abwesenheit von Gefühl. Ein Gefühl von Leere, insofern die Abwesenheit von Gefühl auch ein Gefühl sein kann.

Der Film Fight Club scheint etwas in Karin anzusprechen. Er handelt von Männern, denen kein Sinn für ihr Leben einfällt und die sich deshalb entscheiden, es dem gegenseitigen Sich-Verprügeln zu widmen. ,,Ich find‘ den Film so mega gut gemacht, weil er etwas so krass auf den Punkt bringt, die Sehnsucht, sich wieder spüren zu können, und sei es durch Schmerz.‘‘, sagt Karin.

Im Grunde ist Karin voll und ganz okkupiert vom und geht auf im Klein-Klein persönlicher Beziehungen: Wer hat was gesagt oder verheimlicht? Was denken die anderen hinter ihrem Rücken? Ihr Leben verläuft zu dramatisch, wie eine Achterbahn geht es ständig auf und ab, und erholsame Strecken währen, wenn überhaupt, dann nur kurz. Bei all dem Drama bleibt kaum Zeit, einmal über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Karin beklagt es selbst gegenüber ihren Freundinnen, dieses Jahr sei voller Drama und lasse sie kaum zu Atem kommen. Es gehört eine ordentliche Portion Kühnheit dazu, so konsequent auf der Anschauung zu beharren, der Fehler liege überall sonst, nur nicht bei ihr; zur Not werden die Fakten entsprechend zurechtgebogen, ein Präsident macht es vor. Aber ihr Verhalten wäre nicht möglich ohne eine Umwelt, die ewig rücksichtsvoll, geduldig und verständnisvoll bleibt, anstatt ihr von außen Grenzen zu setzen.

*

Vier Monate sind Karin und Joshua nun zusammen, ohne ,,zusammen‘‘ zu sein. Vier Monate nach dreieinhalb, fast vier Jahren Beziehung sind ein Tropfen auf den heißen Stein, muss sie dem unverständigen Joshua erklären, der unerbittlich immer wieder auf diesem Punkt herumhackt.  

Vor Kurzem hat sie erfahren, dass Andreas nun ebenfalls wieder jemanden hat. Gegenüber seiner Affäre bringt er regelmäßig zum Ausdruck, wie froh er ist, Karin los zu sein. Zwischendurch schreibt er Karin: Er vermisse sie; er müsse oft an sie denken. Als Joshua fragt, was sie darauf antworte, erwidert Karin: ,,Nichts.‘‘ Obwohl sie Andreas‘ Neuer erst einmal kurz begegnet ist, steht für sie fest, dass man ,,dieser Fotze‘‘ nicht trauen kann. Beim Mittagessen mit Joshua meint sie, draußen Andreas in Gesellschaft seiner Affäre erblickt zu haben; das ganze Essen über kann sie nicht mehr damit aufhören, den Kopf so weit nach vorn zu recken, bis sie an der Säule vorbei einen Blick auf Andreas erhaschen kann, um die beiden zu identifizieren.

Die Semesterferien rücken näher. Joshua würde gerne mit ihr in den Urlaub fahren, aber er fürchtet sich vor ihrer Reaktion? Fühlt sie sich dann wieder unter Druck gesetzt? Doch als er sich schließlich dazu durchringt und den Vorschlag macht, lächelt sie. Sie könnten ein paar Tage nach Barcelona fahren, zu ihrer Schwester. Ende Juli habe sie ohnehin vor, Emma zu besuchen. Im Park chillen, eine Segeltour machen und abends Cocktails schlürfen, Joshua kann sein Glück kaum fassen. Wenn sie erst einmal zusammen weggefahren sind, dann sind sie fast ein Paar.

Eine Woche später, zum ersten Mal seit Langem kann sie bis zum Frühstück bleiben, greift Joshua das Thema Urlaub wieder auf. Ob das mit Ende Juli noch stehe?

Ah, erwidert sie, das habe sie ihm noch sagen wollen, sie fahre nun doch früher zu ihrer Schwester.

Etwas stört Joshua, aber er kann es noch nicht in Worte fassen. Auch ihre Sprachnachricht vom selben Abend – sie habe gerade ihre neuen Arbeitszeiten erfahren, für Barcelona bleiben nur ein paar Tage, und die brauche sie für ihre Schwester, ihr Barcelona-Trip falle also ins Wasser, schade, aber sie könnten sich ja trotzdem einen schönen Sommer machen – beantwortet er verständnisvoll und duldsam. Er drückt sogar sein Mitgefühl dafür aus, dass sie mehr arbeiten muss als erwartet.

Erst mit Verzögerung dämmert ihm, dass er es eigentlich nicht in Ordnung findet, einen gemeinsam geplanten Urlaub auf eigene Faust vorzuverlegen, ohne das mit ihm abzusprechen. Wann, fragt er sich, hätte sie die Nettigkeit besessen, ihn darüber zu informieren, dass ihr Urlaub nun sechs Wochen früher stattfindet, wenn er nicht beim Frühstück explizit danach gefragt hätte? Was sagt das über die Bedeutsamkeit aus, die ihr gemeinsamer Urlaub für sie hat? Und mit welcher Selbstverständlichkeit sie ihrer Schwester höhere Priorität einräumt als ihrem, nun ja, Quasi-Freund. Ohne einen Alternativvorschlag zu machen. Karin erwartet, dass er frisst, was sie ihm an Brocken hinwirft, und sonst das Maul hält. Wie die ganzen vergangenen vier Monate.

Zuerst möchte sie nicht am Telefon darüber sprechen. Sie habe einfach keine Lust, sich damit abzugeben, dass er schon wieder Drama mache, verkündet sie ihm. Schließlich bekommt er sie doch noch ans Telefon. Von Ende Juli als Zeitraum für ihren Urlaub sei nie die Rede gewesen, bestreitet sie. Um ein paar Sätze später die widersprüchliche Aussage zu machen, höchstens angedeutet habe sie das. Dass Joshua ihr nun einen Strick daraus drehen wolle, werde ihr eine Lehre sein, nächstes Mal überhaupt nichts mehr zu äußern. Und falsch, er habe nicht im Geringsten Anspruch darauf, mitzuentscheiden, wann sie ihre Schwester in Barcelona besuche. Was er sich herausnehme, ihr in dieser Hinsicht Vorschriften machen zu wollen? Das gemahne sie doch stark an Andreas, der habe von ihr verlangt, zwischen zwei Urlauben für einen einzigen Tag zurück nach Hause zu fliegen, um ihn kurz sehen zu können. Damals habe sie das getan, sie bereue es nicht, doch ein zweites Mal lasse sie sich auf solche Forderungen nicht ein.  

Das Gespräch nimmt seinen Ausklang mit ihrer Einigung, unterschiedliche Vorstellungen in Bezug auf Urlaubsplanung zu haben. Als er auflegt, liegt Mitternacht längst zurück. Ihm fällt auf, dass er seit Karin öfter in das Vergnügen nächtlicher Krisengespräche kommt. Wieder einmal kann er sich des Gefühls nicht erwehren, sie zu glimpflich davonkommen haben zu lassen.  

Am nächsten Tag erzählt er einem Freund davon. ,,Hm, so früh schon so kompliziert.‘‘, meint der. Auch wenn Joshua es schon oft gedacht hat – es ausgesprochen zu hören, trifft ihn härter als erwartet.

Wenige Tage später ist das Sommerfest der psychologischen Fachschaft. Karin begrüßt ihn mit glühenden Wangen, doch Joshua kann ihre Euphorie nur unzureichend teilen. Der gescheiterte Urlaub nagt noch an ihm. Am Tisch sitzt er Karin gegenüber. Deren Blick geht vorbei an Joshua zu den Tischen weiter hinten, wo Andreas sitzt. ,,Schon komisch‘‘, sagt Karin zu ihrer Freundin, ,,fünf Monate ist die Trennung jetzt her, und ich muss trotzdem die ganze Zeit zu ihm hinschauen.‘‘ Es scheint sie nicht zu stören, dass Joshua mithört.

Ihr gegenüber sitzt ihr neuer Freund. Vier Monate lang hat er Geduld gehabt, mehr Geduld als die meisten anderen. Obwohl sie alles tut, ihn zu vergraulen, hält er zu ihr. Und zum Dank weigert sie sich, ihn als ihren Freund anzuerkennen, und auf Partys hat sie nur Augen für ihren Ex. Derselbe Ex, der ihr verboten hat, mit Kollegen schwimmen zu gehen, und ihr nachfährt, um sie anzubrüllen.

Mit grimmiger Entschlossenheit, sich auch von einer Karin das Sommerfest nicht nehmen zu lassen, gesellt Joshua sich zu den Tanzenden. Am Anfang ist es ein Krampf. Irgendwann, als würde ein Schalter umgelegt, erscheinen ihm Karin und all die Probleme, die mit ihr verbunden sind, als das, was sie sind: Vollkommen bedeutungslos und mit Abstand betrachtet ein Fliegenschiss. Er fängt sogar an, Spaß am Tanzen zu haben.  

Jemand tippt ihm auf die Schulter, Karins Freundin. ,,Weißt du, wo Karin ist?‘‘, fragt sie. Und als Joshua den Kopf schüttelt: ,,Ich hab nur noch gesehen, wie sie mit Andreas das Fest verlassen hat.‘‘

Eigentlich überrascht es Joshua nicht. Ein Drama mehr. Sie kann nicht mit Andreas nach Hause gegangen sein, sie hat ihre Tasche auf der Party zurückgelassen. Mittlerweile traut er ihr Vieles zu; eine Rückkehr zu ihrem Ex, dem sie vor ein paar Wochen noch den Tod gewünscht hat, liegt außerhalb seines Vorstellungsvermögens.

Am Morgen danach schreibt er Tagebuch. Wie von selbst kommen seine Hände zu dem Schluss, dass er nicht mehr kann. Er liest es und muss einsehen, dass es für die aktuelle Situation keine alternativen Deutungen mehr gibt. Sie lässt ihm keine Wahl. Er hat es versucht.

Er wartet, bis sie sich meldet und erwartungsgemäß mit Vorwürfen aufwartet, er sei gestern so mieser Stimmung gewesen, obwohl sie ihn so nett begrüßt habe, und dann sei er auch noch gegangen, ohne sich abzumelden. Er erwidert, er werde darüber nicht per Whatsapp reden, er verlangt ein persönliches Treffen. Dass sie einlenkt und sich einverstanden erklärt, ihn um fünf Uhr zu treffen, überrascht ihn. Das ging für sie ungewöhnlich einfach. Eine Stunde später überlegt sie es sich denn auch anders: Da sie ihm absolut keinen Grund geliefert habe, beleidigt zu sein, sehe sie nicht ein, wieso sie darauf eingehen solle; ihr Bruder sei gerade zu Besuch, sie habe also auch nicht die Zeit, Joshua zu treffen; für diese Situation sei allein er verantwortlich, wenn er sich weigere, darüber zu sprechen, dann wolle sie ihn wissen lassen, dass er nicht der Einzige sei, der darunter leide, das betreffe sie nämlich auch, sie fühle sich ,,sehr bedrückt‘‘.

Als Joshua nicht das gewünschte schlechte Gewissen bekommt, sondern ihr mitteilt, heute Abend erst einmal für ein paar Tage nach Hause zu fahren, ruft sie an. Er lässt es klingeln, nicht ohne ihr noch einmal zu erklären, er bleibe bei seiner Forderung nach einem persönlichen Treffen; wenn sie lieber Zeit mit ihrem Bruder verbringen möchte, sei das ihre Entscheidung.

Er steigt schon am Bahnhof aus der Straßenbahn, da klingelt das Handy. Sie stehe am Haupteingang, wann er komme.

Sie setzen sich in die Nähe des Bahnhofs auf die blaue Brücke. Joshua erwähnt den Urlaub, was vehementen Widerspruch hervorruft. Dann kommt er auf gestern Abend zu sprechen. Erst habe sie nur Augen für ihren Ex, und dann verschwinde sie sogar mit ihm. Ob sie begreifen könne, wie verletzend das sei?

Und was verlange er jetzt?, entgegnet sie ihm. Eine Entschuldigung? Er begreife wohl nicht, wie wichtig dieses Gespräch gestern mit Andreas gewesen sei. Wie entscheidend für die Verarbeitung.

Es gehe ihm nicht um die einzelnen Vorfälle an sich. Vier Monate lang habe er in Kauf genommen, dass sie ihre Beziehung in der Schwebe halte, während er ihr alles gebe, was sie brauche. Ob sie sich vorstellen könne, wie schwer ihm das gefallen sei? Wieviel ihm das abverlangt habe? Er könne nicht mehr. Er habe keine Kraft mehr.

,,Und jetzt?‘‘, fragt sie. ,,Dann heißt das, es ist Schluss?‘‘

Sogar jetzt, sogar wenn Joshua die Trennung als ultimativen Ausweg ins Spiel bringt, reißt Karin sich die Kontrolle unter die Nägel. Bevor jemand mit ihr Schluss macht, zieht lieber sie selbst die Reißleine. Sie nimmt Joshuas Geständnis, weit über seine Schmerzgrenzen gegangen und aktuell kraftmäßig völlig bankrott zu sein, nicht zum Anlass, einmal ernsthaft die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, einen Schritt auf ihn zuzugehen. Sich einmal, das erste Mal, einen Ruck zu geben und nicht diejenige zu sein, die nimmt, sondern etwas zu geben. Bevor es so weit kommt, gibt sie ihm lieber den Laufpass.

Joshua, der eigentlich geglaubt hat, für einmal in der machtvolleren Position zu sein, sieht sich unversehens damit konfrontiert, dass mit ihm Schluss gemacht wird. ,,Ähm, eigentlich hatte ich eher an eine Beziehungspause gedacht.‘‘, druckst er herum.

Karin muss kurz lachen über Joshua, der nicht die Eier hat, die einzig mögliche Konsequenz aus der Situation zu ziehen. ,,Da machen wir lieber gleich Schluss.‘‘, verbessert sie ihn.

Sie stehen auf und gehen auseinander: Sie nach Hause, er auf seinen Zug.

*

Eine Woche später bricht sie ihr Schweigen: Die Sachen, die sie noch bei ihm habe, könne er die in einer Tüte in seinen Briefkasten legen, damit sie sie bei Gelegenheit abholen könne? Konsequent, diese Frau: Man hat Schluss gemacht, also überspringt man überflüssige Gefühlsduselei und kommt gleich zum Praktischen: Wo sind meine Haarspange und mein T-Shirt? Um unangenehmen Gefühlen vorzubeugen, die eine Konfrontation mit dem anderen in physischer Form hervorrufen könnte, wählt man als Mittelsmann den Briefkasten.  

Dann zu seinem Geburtstag drei Wochen später erneut eine Nachricht. Sie gratuliert ihm, schließlich ist sie gut erzogen. Sie erkundigt sich sogar, wie es ihm gehe. ,,Den Umständen entsprechend‘‘, antwortet er wahrheitsgemäß, ,,und dir?‘‘ Sie genieße die Ferien und wünsche ihm einen tollen Sommer, kommt als Antwort. Um ihm eine bildliche Vorstellung des tollen Sommers zu vermitteln, schickt sie ihm mehrere Sonnen und Regenbögen und Smileys mit Sonnenbrillen.

Aber dieses endgültige Hinauskomplimentieren aus ihrem Leben stellt sich als doch nicht so endgültig heraus. Joshuas Annonce auf Facebook zur Vermietung seines Zimmers lässt ihm erneut die Ehre von Karins Aufmerksamkeit zuteilwerden. Ob er etwa ausziehe, fragt sie ihn. Da kann Joshua für einen Augenblick nicht mehr an sich halten, er besitzt die Vermessenheit, ihre wiederholten, unnötigen, oberflächlichen Nachrichten als Andeutung zu interpretieren, dass sie vielleicht noch einmal reden wolle. Sie wagt vielleicht nur nicht, es direkt auszusprechen, so dermaßen Angst, wie Karin vor Zurückweisung hat, und außerdem besitzt sie ja auch ihren Stolz. Also schreibt er, wenn sie noch einmal reden wolle, sei er gerne dazu bereit.

Diese Nachricht quittiert sie mit Schweigen.

Dann folgt eine Phase, in der sie die Wechsel von Joshuas Profilbildern zum Aufhänger für neue Nachrichten benutzt. ,,krasses Bild‘‘, kommentiert sie, oder ,,uuh, wo ist das?‘‘. Joshuas Test, einmal für extra das Bild zu wechseln, nur um nachzuprüfen, ob seine Vorhersage stimmt und wieder eine Nachricht von ihr eintrudelt, erfährt umgehend Bestätigung.

Einmal begegnen sie sich zufällig am Bahnhof. Für einen kurzen Austausch bleibt keine Zeit, sie muss natürlich dringend ihren Zug erwischen. Den Austausch holt sie dann per Whatsapp nach, die Nachricht stellt alle vorangehenden an Inhaltsleere, Bemühtheit und Skurrilität in den Schatten: Beim Radfahren – Joshua saß auf seinem Rad bei ihrer Begegnung – solle er an seine Knieschoner denken. (Joshuas Antwort: ,,Sagt das Mädchen, das beim Überqueren der Straße aufs Handy schaut.‘‘)

Die erste Vorlesung im neuen Semester widmet sich dem Thema Liebesbeziehungen. Ironischerweise sitzen gleich beide Kandidaten mit im Raum, Karin und Andreas. Sie sitzen nebeneinander, aber Joshua denkt sich nichts dabei, sie haben ja wieder angefangen, miteinander zu sprechen, für den Verarbeitungsprozess. Auch als Andreas, mit dem Joshua nun gemeinsam das Tutorat über Gewaltfreie Kommunikation leitet – Joshua betrachtet es als gute Übung fürs Berufsleben, wo man sich seine Arbeitskollegen schließlich auch nicht aussuchen kann -, als Andreas also aufs Klo geht und dabei demonstrativ sein Handy auf dem Tisch vor Joshua liegenlässt, Whatsapp geöffnet, ganz oben der Chat mit Karin, kann Joshua nicht ernsthaft glauben, dass die beiden wieder ein Paar sein könnten. Dafür hält er Karin einfach für zu intelligent, traut er ihr einfach zu viel zu. Würde sie nach allem, was passiert ist, nach allem, was sie ihm über Andreas und ihre Beziehung mit ihm erzählt hat, tatsächlich zurück zu Andreas gehen – mit was für einer Frau hätte Joshua vier Monate seines Lebens verbracht?

Erst als Felix es eines Abends auf einer Party erwähnt – ja, er sei jetzt ausgezogen aus der WG mit Andreas, seit Karin wieder öfter ein- und ausgehe, halte er das Drama nicht mehr aus -, erst in diesem Moment muss Joshua sich eingestehen, dass er Karin tatsächlich überschätzt hat.

Und in der Tat, in der nächsten Pause der Vorlesung über Paartherapie sitzen die beiden auf der Treppe. Karin hat ihren Kopf auf Andreas‘ Schulter gelegt, schon gemein, was die Welt schon um elf Uhr morgens so einem kleinen, blonden Köpfchen an vertrackten Theorien zumutet. Zum Beispiel zum Thema pathologische Eifersucht.

Wer die Beiden einfach so dasitzen sieht, könnte es für einen friedlichen Anblick halten.

Man muss nicht Psychologie studieren, um Eins und Eins zusammenzuzählen und vorherzusagen, dass dieselben Probleme, die schon einmal zum Scheitern der Beziehung geführt haben, früher oder später erneut aufploppen werden.

Wohl eher früher, sonst würde Karin sich wahrscheinlich nicht auf einmal mit Joshua treffen wollen. Ob Andreas davon weiß? ,,magst mal schnacken‘‘, schreibt sie auf einmal eines Tages. Ohne auf Groß- und Kleinschreibung zu achten, sie macht sich nicht einmal die Mühe, mit einem Fragezeichen zu kennzeichnen, dass es sich um eine Frage und nicht um einen Befehl handelt. Joshua, der schon vor Monaten ein Gespräch vorgeschlagen hat und dessen Vorschlag damals mit Schweigen quittiert wurde, mag eigentlich nicht ,,mal schnacken‘‘. Karin scheint es allerdings tatsächlich als Aufforderung gemeint zu haben, denn als Joshua nach drei Stunden noch nicht geantwortet hat, ruft sie ihn an. Ausgerechnet in diesem Moment streikt mal wieder sein Handymikrofon, außerdem ist er gerade auf dem Sprung, er hat ein schickes Hemd angezogen und glüht in freudiger Erwartung auf die Party. Er sei gerade auf dem Sprung, schreibt er ihr, morgen werde er ausführlich antworten.

Irgendwann nachts kommt er nach Hause und genießt, sozusagen als letzten Shot eines gelungenen Abends, die erwartete Nachricht einer tobenden Karin. O-Ton Karin: ,,(Grinsender Smiley) na klar, da will ich dich natürlich nicht von deiner Party abhalten. Dachte nur irgendwie, wir könnten miteinander reden wie zwei erwachsene, reflektierte Menschen. Aber wie ich auf diesen komischen Gedanken gekommen bin weiß ich auch nicht. Daran, dass wir uns ja mal sehr nahe waren und sowas ja auch was besondres ist, kanns nicht liegen (Grinsender Smiley) Ganz offensichtlich schaffst du es im Moment noch nicht, dich auf ein normales Gespräch mit mir einzulassen. den grund kannst nur du wissen. auch wenn wir uns auf einer bestimmten ebene auch ohne worte verstehen. ich finde es sehr schade dass das jetzt so läuft, aber wenn das so ist, dann mache ich jetzt mal einen abschluss. Mach’s gut joshua (Lächelnder Smiley) viel spaß auf deiner party‘‘.

Das Sahnehäubchen: Direkt nach Abschicken der Nachricht hat sie ihn blockiert. Karin hat ein Embargo über Joshua verhängt, ganz in der Tradition ihres Ex-Ex-Freundes.

Anscheinend ist jemand, der nicht sofort, wenn sie ruft, bei Fuß kommt, eine völlig neue Erfahrung für Karin. Zwar hat sie nun endgültig mit Joshua abgeschlossen. Unglücklicherweise muss sie zwei Tage später schon wieder die bittere Pille seiner Existenz schlucken, da sie dieselbe Vorlesung besuchen. Auf der Rückkehr vom Klo zu ihrem Sitzplatz inspiziert die Arme ganz aufmerksam die Decke, um Joshua zu ignorieren, der direkt vor ihr sitzt. Nach der Vorlesung besitzt der die Gnadenlosigkeit, mit einer Kommilitonin – seiner ,,Neuen‘‘? – denselben Weg zu wählen, den eigentlich sie gehen möchte. Notgedrungen weicht Karin auf den Umweg über das Martinstor aus, nur um vor der Mensa direkt auf Joshua und seine Begleitung zuzulaufen. Beim Vorbeigehen zieren gar Tränen ihre Augen, so blau wie das Meer auf dem Gemälde eines holländischen Meisters. Kurz darauf erblickt sie die beiden an einem der Gartentische, wo sie eigentlich essen wollte, und macht auf dem Absatz kehrt.

Joshua fühlt sich an diesem Tag in Hochstimmung.

Karin besitzt übrigens ihre ganz eigene Version dieser Episode: Wenige Tage nach Verhängung (und Wiederaufhebung) der Blockade über Joshua geht sie mit Felix spazieren. Beiläufig erkundigt sie sich, Felix treffe ja nun häufiger Joshua, was der Felix denn über sie, Karin, so erzähle? Sie habe Joshua vor ein paar Tagen noch einmal das Gespräch angeboten aus der Überlegung heraus, er habe vielleicht das Bedürfnis danach. Um ihm sozusagen zu erleichtern, über sie hinwegzukommen. Aber erst habe Joshua sie ignoriert, und dann habe er auch noch so getan, als spinne sein Mikro. Ganz den Coolen und Souveränen habe er gegeben, er gehe gerade auf eine Party. Am folgenden Montag in der Vorlesung dann habe er sie die ganze Zeit so wütend angeschaut.

Feuchte Augen und Ausweichmanöver in der Mensa kommen in Karins Version nicht vor. Und Felix neben ihr denkt sich, ob sie ihn eigentlich für dumm verkaufen will. 

*

Felix ist mittlerweile aus der WG mit Andreas ausgezogen. Ab und zu begegnen sie sich in der Muckibude. Letztens hat Andreas Felix aufgeklärt, was er davon halte, dass Felix immer öfter zusammen mit diesem Joshua trainieren gehe. Wenn Felix mit Joshua da ist, rauscht Andreas an beiden vorbei, ohne Felix zu grüßen. Andreas hält es für das Mindeste, dass Felix sich ihm gegenüber transparent verhalte in Bezug auf Treffen mit Joshua. Beim nächsten Mal, als alle Drei sich im Muskelfieber vereint finden, denkt sich Felix, heute wolle er mal ein tadelloser Freund sein, geht zu Andreas und versucht, ein Gespräch anzuknüpfen. Der gibt nur einsilbig Antwort und stemmt weiter seine Gewichte. Trotz Muskeln ist Andreas eben ein Sensibler.

Kurz nach Silvester zieht Karin gegenüber Felix Bilanz: Voller Drama sei das letzte Jahr gewesen, die Andreas-Sache habe ihr viel abverlangt. Das neue Jahr möge bitte gnädiger mit ihr sein und weniger Drama bringen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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4 Antworten auf „Fallbeispiele“

  1. Faszinierende Geschichte mit starken Charakterisierungen, die zeigt, wie schwierig Liebe und Beziehungen sein können.

    Falls Andreas und Karin tatsächlich in echt existieren sollten und sich, genauso wie beschrieben, unreflektiert, unsicher und manipulativ verhalten, wird auch klar, warum mit der Geschichte so hart ins Gericht gezogen wird: Es werden unangenehme Wahrheiten aufgedeckt.

    Dennoch, als eine Studentin in derselben Stadt wie der Autor, die im selben Uni-Gebäude ein und aus geht, kann ich keinerlei Rückschlüsse auf die erwähnten Personen ziehen – man müsste sie wohl wirklich persönlich kennen.

    Die Geschichte fokussiert mehr auf Charakterisierungen als auf einen klaren Plot – was ihr gutes Recht ist. Dementsprechend verschwimmt der Ablauf der Ereignisse – dies kann jedoch als eine Repräsentation von Joshuas Gemütszustand interpretiert werden, was den Effekt dieser vertrakten Liebesgeschichte verstärkt.

    Klar wird, wie Joshua unter der Quasi-Beziehung zu Karin leidet. Ebenso wird klar, dass Karin und Andreas eine sehr komplizierte On-Off-Beziehung mit viel Drama führen.

    Joshua kann man in der Geschichte einzig vorwerfen, dass er ein verliebter Narr ist, der trotz ambivalenten Zeichen immer noch Hoffnung schöpft. Ansonsten liegen die Sympathien auf seiner Seite, die Leser*innen leiden mit ihm.

    Interessant wäre eine zweite Version der Geschichte, in der mehr auf die Emotionen von Karin und Andreas eingegangen wird; denn auch wenn ihre Charakterzüge beschrieben werden, bleibt ihr Innenleben dem Leser grösstenteils verschlossen (wie wohl auch Joshua).

    Alles in allem: eine lesenwerte Geschichte, bei der Schwierigkeiten in der Liebe auf überzeugende Art dargelegt werden sowie auch deren Unfairness.

  2. Da es sich scheinbar um eine wahre Geschichte handelt und Joshua allem Anschein nach der Autor ist, würde mich interessieren, ob alles zu 100% so vorgefallen ist, oder ob die Geschichte auch viel fiktives beinhaltet? Die Tiefe der Details wie z.B., was Karin so geschrieben hat, wird sehr so rübergebracht, dass man sich mittendrinn fühlt und Joshua im Handeln beginnt zu verstehen. Das kann man glaube ich nur so wiedergeben, wenn das Geschriebene wirklich erlebt wurde. Wurde Joshua wirklich von Karin bis und mit Juni in dieser Orientierungslosigkeit gehalten? Pändelnt zwischen regelmässigen Übernachtungen und Funkstille? Zwischen dem Gefühl, gewollt zu werden (was sich scheinbar nur als Phrase von Karin entpuppte, welche in der Zeit der Trennung rebound-mässig eine starke Schulter und Sex bei Joshua abholte) und dem Gefühl, nie was bedeutet zu haben (wegen den plötzlichen Switches aus Ablehnung und Anmache)?. Ich sehe nicht ganz, was erreicht werden wollte. Wurde denn vielleicht trotzdem nicht genau kommuniziert, dass es nie was Ernstes hätte werden sollen? Und warum hat Joshua nicht losgelassen, im Wissen, dass er verliebt ist und es nichts Ernstes werden kann. Es klingt ein bisschen so, als ob Joshua trotz klaren Ansagen, trotzdem immer wieder angefangen hat mehr zu erhoffen. Wie kam das? Hat Karin trotz der Botschaft, dass es nichts Festes werden wird, andere Signale gesendet? Das Verhalten von ihr, wenn es denn so war, wäre dann ja wiedersprüchlich. Warum wird sie eifersüchtig, benutzt Wörter wie „verliebt“ und konfrontiert Joshua, wenn der sich zurückzieht oder nicht nach ihrer Pfeife tanzt? Nur um ihn soweit wieder ins Boot zu holen, dass sie sicher sein kann, dass sie seine Aufmerksamkeit geniesst aber ihn sicher keinen Schritt weiter mehr an sich ranlässt? Hatte sie nun echtes Interesse oder nicht?

    Ich bin, anders als die anderen, ein Aussenstehender und kenne die Protagonisten nicht oder nur beiläufig, welche für diese Geschichte scheinbar als Inspiration gedient haben. Mich interessiert, wie es wirklich war, um die Gefühle und die Geschichte zu verstehen. Sind die zitierten SMS von Karin z.B. 1:1 aus dem Realen übernommen worden? Die Anreihung der Emojis, die längste WhatsApp-Nachricht etc.?

    Ich scheine damit wohl alleine zu stehen, aber mir tut Joshua leid, was ihm widerfahren ist (liegt aber sicher daran, weil ich die involvierten Personen nicht wirklich kenne). Mich interessiert, was an „Material“ da war, für die Geschichte zu schreiben? Da es wie gesagt sehr ins Detail geht.

  3. Liebe Leserinnen & Leser,

    Meine Geschichte erweckt die Empörung so mancher. Dabei ist es nicht der Inhalt per se, der kritisiert wird, sondern der Akt der Veröffentlichung.
    Dass es Personen gibt, die sich von diesem Text gestört fühlen, war mir bewusst, während ich ihn schrieb. So ist das bei Kunst. Wenn Kunst niemandem mehr wehtun dürfte, wenn keine Provokation mehr erlaubt wäre, wenn alles im Rahmen einer eng gefassten Moral bleiben müsste, dann wäre die Kunst tot. Dann könnte der Schreiberling, der Künstler einpacken. Dann würde es keine Sau mehr interessieren.
    Dieser Text hat Viele (nicht Säue!) interessiert. Was die Aufrufe dieser Geschichte betrifft, so haben die ,,Fallbeispiele“ den Rekord bei Weitem gebrochen. Genau das muss eine gute Geschichte leisten: Sie darf, sie soll sogar polarisieren. Kunst darf alles, nur nicht langweilig sein.
    Joshua ist nicht der erste Autor, der beim Schreiben aus seinem Fundus an eigenen Erfahrungen schöpft. Bei der Besprechung auf dieser Ebene stehen-, am Konkreten kleben zu bleiben, halte ich für provinzielles Kleinstadtgeplänkel und wenig fruchtbar.
    Vielmehr ging es Joshua darum, ein Phänomen zu beschreiben, das zwar reale Wurzeln hat, aber darüber hinaus Gültigkeit besitzt. Es ging ihm darum, gewisse Mechanismen und Dynamiken und Persönlichkeits-,,Typen“ zu beschreiben, die der ein oder andere möglicherweise aus dem eigenen Leben wiedererkennt. Dass es ,,die Wahrheit“ nicht gibt und immer eine subjektive Sicht bleiben wird, ist unbestreitbar. Der Job des Autors ist es jedoch, sich zumindest einer idealen Wahrheit anzunähern. Er darf sich selbst dabei nicht schonen. Ob Joshua das gelungen ist oder nicht, muss jeder Leser, jede Leserin selbst entscheiden.
    Man kann es – nicht nur als Autor – nie allen recht machen. Und es wird immer wieder Dinge geben, die unbequem und unangenehm sind. Das muss man aushalten. So ist das Leben.

    Lieben Gruß
    Johannes

  4. Lieber Johannes,

    eine ähnliche Geschichte ist mir damals in meiner Jugend passiert, war für mich sehr belastend. Nur verständlich, dass du ein Medium suchst um deiner Wut Raum zu machen und deinen Frust zu verarbeiten?

    Einige Kritiker werfen dir Pietätlosigkeit zu, doch ist respektloses Verhalten und verletzen der Gefühle eines anderen doch nicht genau die Qualität die dir vorgeworfen wird? Wenn man sich selbst rücksichtslos verhält, muss man doch damit rechnen, Konsequenzen für sein Verhalten zu ernten. Nun ja, vielleicht bin ich da auch zu altmodisch zu meinen Kindern sage ich immer: So wie es in den Wald schreit, so hallt es heraus.

    Vielleicht wäre es in der Tat höflicher gewesen, die Identität der Personen etwas mehr zu verschleiern, falls dies wirklich so vorgefallen ist. Nun gut, da bin ich aber in der Tat kein Experte und ob man dem unhöflichen höflich sein muss? Nun ja , ich wiederhole mich.

    Grüsse,
    Kunibert

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