Fallbeispiele

Fall beispiele

Je größer das Ego, desto verwundbarer ist man. ~ Mathieu Ricard

Eines Abends, am Abend des Valentinstags, steht Karin tatsächlich vor Joshuas Tür. Immer wieder hat sie ihren Besuch angekündigt und dann zurückgerudert. Mit Andreas sei endgültig Schluss, verrät sie Joshua jetzt. Sie verpasst ihre letzte Straßenbahn, in fünfzehn Minuten fahre noch eine, dann aber wirklich die allerletzte. Da gibt sich Joshua endlich einen Ruck und küsst sie. Hätte er zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, auf was er sich einlässt, hätte er sich eine Menge Ärger ersparen können. Aber auch eine gute Geschichte. Es ist eine fiktive Geschichte, jede Ähnlichkeit mit real existierenden Personen ist rein zufällig und entspricht nicht der Intention des Autors.

Das ist die Geschichte von Karin und Andreas. Psychologiestudierende und Vorzeigepaar. Er ehrgeizig und bereits Betreuer seines eigenen Bachelorstudenten, Joshua. Sie bildhübsch, charmant und treu.

Zeit, Andreas‘ und Karins vorbildlichen Eindruck um ein paar interessante Details zu ergänzen.

*

Bevor Andreas Schluss macht, führen Karin und er ein halbes Jahr lang eine ,,Quasi-Beziehung‘‘, weil Karin eigentlich schon im vorigen Sommer Schluss gemacht hat (das allererste Beziehungsaus nach ihrem ersten Jahr einmal außenvor gelassen). Joshua gegenüber, mit dem Andreas ab und zu klettern geht, erwähnt Andreas mit keinem Wort, dass seine Freundin Schluss gemacht hat. Sie habe auch nicht Schluss gemacht, verbessert er Joshua später. Sie hätten beide entschieden, das zwischen ihnen etwas zu ,,entwirren‘‘. Er genieße sehr, wieder mehr Zeit für sich zu haben. Außerdem sähen sie sich weiterhin dreimal pro Woche. ,,Und bei dir, wie läuft es mit den Weibaz?‘‘, fragt er Joshua. Nicht so gut, gibt Joshua zu, obwohl er es wirklich probiere. ,,Vielleicht ist das dein Problem.‘‘, diagnostiziert ihm Andreas. ,,Du probierst es zu sehr.‘‘ Ihm fällt dann gar nicht auf, dass Joshua relativ rasch den gemeinsamen Abend ausklingen lässt, und welche Wirkung es hat, wenn man andere auf ihre Fehler aufmerksam macht, während man sich selbst kein Haar krümmt.

Karin hat zwar Schluss gemacht, trotzdem übernachten Andreas und sie dreimal pro Woche beieinander und essen zusammen in der Mensa. Eines Mittags steht auf einmal Felix, Andreas‘ bester Freund, vor ihnen, atemlos: ,,Wir müssen reden, ich halte das nicht mehr aus!‘‘ Die Drei ziehen sich zur Krisensitzung in eine Ecke des Campus‘ zurück. Joshua und Florence, Felix‘ Freundin und zugleich Karins beste Freundin, setzen betreten ihr Essen fort. Die Mittagspause nimmt ihren Ausklang damit, dass eine tränenschluchzende Karin bekundet, wie sehr sie die Nase von Andreas‘ Getue voll habe, woraufhin ein düster stierender Andreas Karin vorwirft, ,,den verletzten Schwan zu spielen‘‘, aufsteht und geht. Zu Hause in der gemeinsamen WG staucht er dann Felix zusammen. Was ihm einfalle, ihn vor den anderen so bloßzustellen! Wie stehe er jetzt da!

Was Felix nicht mehr aushält, ist, dass er Karin nicht mehr treffen kann, ohne dass es in seiner WG mit Andreas Streit gibt. Er verbiete Felix nicht, Karin zu treffen, das betont Andreas wiederholt; vielmehr gehe es ihm darum, dass er sich ,,außen vor‘‘ fühle, wenn die beiden etwas ohne ihn unternehmen. Falsch gelegen, wer gedacht hat, es gehe ihm darum, dass die Aufmerksamkeit von Karin und Felix für einen Moment einmal etwas anderem als ihm gelten könnte. Der missverstandene Andreas fühlt sich ,,ausgeschlossen‘‘. Also, fährt Andreas fort, alles, was er von Felix verlange, sei, ihm Bericht zu erstatten, wann immer er mit Karin ein Bier trinke oder zufällig auf dem Flur ein paar Worte wechsle. Andreas nennt das ,,Transparenzabkommen‘‘. Als Tutor für ,,Gewaltfreie Kommunikation‘‘ liegt ihm besonders daran, den Erstis in der ersten Stunde die Wichtigkeit von Offenheit, Toleranz und Respekt für eine gelingende Kommunikation zu vermitteln.

Als Karin und er noch offiziell ein Paar waren, durften seine Freundin und sein bester Freund sich nur in seinem Beisein, unter seiner Aufsicht treffen. Dass Felix selbst glücklich in einer Beziehung war, tat nichts zur Sache. Einmal, so erzählte Karin Joshua, gingen sie und Felix doch schwimmen. Andreas roch den Braten und nahm ihre Spur auf. Im ersten Moment freute Karin sich noch, als sie Andreas am Beckenrand erblickte; beim Näherschwimmen bemerkte sie dann seine wutentbrannte Miene und musste sich eingestehen, dass er wohl doch nicht zum Schwimmen gekommen war. Vor dem Hallenbad hielt er ihnen eine Standpauke und brachte sie wieder auf Loyalitätskurs.

Derselbe Andreas erklärt sich gegenüber Joshua offen für das Aufbrechen klassischer Beziehungskonzepte und für Polyamorie. Messerscharf analysiert er, dass Eifersucht von ungerechtfertigten Besitzansprüchen herrühre und Liebe zu mehr als einem Menschen möglich sei, ohne deshalb zu schrumpfen. Als Joshua ihm erzählt, eine Affäre beendet zu haben, weil die Frau eine offene Beziehung verlangt habe, erhebt Andreas Bedenken: Ob er nicht voreilig gehandelt habe? Er für seinen Teil hätte die Geschichte ein paar Monate laufen lassen, man müsse ja nicht immer gleich alles etikettieren.

Einmal bringt er sogar gegenüber Karin die Idee einer offenen Beziehung ins Spiel. Was dann rasch vom Tisch ist, sobald die ihn erinnert, dass die Freiheit für beide Seiten gilt.  

Wie gut es funktioniert, nicht zu etikettieren, zeigt sich während ihrer Quasi-Beziehung, als Karin jemand Zweiten hat, von dem Andreas nicht erfahren darf, weil er dann eifersüchtig würde, obwohl sie ja nicht mehr zusammen sind. Kay ist ein Freund von Karins Bruder und körperlich gut in Form, was ihn für etwas Physisches qualifiziert, aber auch nicht für mehr. Das kommuniziert sie von Anfang an transparent (Die Achtung der Transparenz teilt sie mit Andreas.). Lästigerweise scheint Kay das nicht daran zu hindern, für die zehn Jahre jüngere Psychologiestudentin mit den blonden Locken, den blauen Augen und der tollen Figur Gefühle zu entwickeln. Für ihn, 34 Jahre alt und an einem ratlosen Punkt seines Lebens, ist sie der Jackpot. Seinem Vorschlag, die siebenstündige Zugfahrt ins badische Freiburg auf sich zu nehmen, um sie zu besuchen, begegnet sie mit Skepsis. Bei ihr könne er jedenfalls nicht unterkommen (Karin, 24, wohnt noch mit ihrer Mutter im Haus ihres Stiefvaters.). Kein Problem, beteuert er, dankbar, dass sein Besuch ihre Gnade findet, es gebe Jugendherbergen. Nach zwei Tagen Aufenthalt verrät ihn ein etwas penetranter Geruch und die Bitte, bei ihr duschen zu dürfen. Weil sie ihn nicht länger auf Parkbänken schlafen lassen kann, weist Karin ihm wohl oder übel einen Winkel ihres Zimmers zu. Als ob er die Grenzen der Aufdringlichkeit nicht schon genügend strapaziert hätte, besitzt er die Kühnheit, zum Abendessen ihre Gesellschaft einzufordern. Zwecklos, ihm klarzumachen, dass sie sich von niemandem vorschreiben lässt, wann sie ihre Freunde trifft. Zu guter Letzt findet sie sich in der kniffligen Situation wieder, mit Florence zum Weihnachtsmarkt verabredet zu sein, die Felix mitbringen will, obwohl sie genau weiß, dass der es Andreas sofort stecken würde, wenn er von ihrer Affäre Wind bekäme. Nachdem sie mit Florence hin und her diskutiert hat, ob die ihren Freund nicht zu Hause lassen kann, einigen sie sich schließlich darauf, Felix den fremden Mann an Karins Seite als Cousin zu präsentieren.

Nach einem halben Jahr ,,Quasi-Beziehung‘‘ findet Karin es an der Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen: Ganz oder gar nicht. Wochenlang weicht Andreas aus, dann sprechen sie sich aus, acht Stunden lang. Heftige Gefühle brechen sich unter Tränen Damm, wie in einem Epos die Heere von Gut und Böse ringen in ihrer Brust zwei fundamentale Kräfte miteinander, mal überwiegt die Seite, die die Liebe beschwört, die es noch einmal, ein letztes Mal versuchen will, mal ihr Gegenpart, die grausame Alternative des Endes, der Trennung. Wer das schnörkellose Betonhochhaus mit den Studenten-WGs sieht, darunter Andreas‘ und Felix‘ WG, würde nie erahnen, welch‘ existenziellen Dramas Zeuge diese unscheinbaren, banalen Mauern werden. Und am Ende des Tages steht ein Entschluss noch aus. Es folgt ein weiterer ganzer Tag, wieder werden heiße Tränen vergossen und fieberhaft Optionen und Zwischenlösungen ausgelotet, irgendetwas, das ihnen ersparen könnte, der Tatsache ins Auge zu blicken, dass ihre Beziehung bankrott ist.

Schließlich verkündet Andreas mit Nachdruck: ,,Lass es uns nochmal versuchen!‘‘ – ,,Bist du sicher?‘‘, hakt sie nach. Er legt noch einmal nach, ein Neuanfang sei das einzig Richtige.  

Einen Tag später bekommt sie eine Sprachnachricht von Andreas, drei Minuten: Es sei doch nicht richtig, sie sollten es lassen.

Vier Wochen vergehen, dann taucht Karin vor Joshuas Wohnung auf.

*

Sie möchte zurzeit alles andere als etwas Ernstes, das stellt sie schon in der ersten Nacht mit Joshua klar. Am nächsten Vormittag – im Jos-Fritz-Café, wo er kellnert, kann Joshua sich kaum aufrechthalten, völlig zerstört von vergangener Nacht, in der keine Zeit für Schlafen blieb – schreibt sie ihm: Gewisse Icons, angeordnet in einer gewissen Reihenfolge, die Joshuas Kreislauf umgehend in Schwung bringen, und eifrige Zustimmung für Joshuas Vorschlag einer Fortsetzung der letzten Nacht. Nachmittags stattet sie Joshua dem Barkeeper einen Besuch ab. Während der folgenden Tage vertraut sie ihm an, wie sie die letzten Tage ihrer Tante erlebt, die im Sterben liegt; sie schenkt ihm sogar ein Bild aus ihrem Nachlass, ein Gemälde des Freiburger Münsters. Um den Spaziergang mit Joshua noch ein klein wenig ausdehnen zu können, kündigt sie eine Viertelstunde Verspätung zum Familienessen an, aus der, als sie sich seufzend aus Joshuas Umarmung löst, längst eine Dreiviertelstunde geworden ist. Ihre Besuche im Jos-Fritz-Café, einem Buchladen mit Café im Hinterhof, werden zum täglichen Ritual. Sonntagnachmittags fragt sie Joshua nach einem Spaziergang, der schon mit dem Rad unterwegs ist, weil er nicht damit gerechnet hat, dass Karin ihn sehen wollen könnte, nachdem sie letzte Nacht erst zusammen waren, und übrigens auch fast all die letzten Nächte davor. Sie sagt ihm: ,,Du hast eine ganz schöne Wirkung auf mich.‘‘ und: ,,Ich muss voll viel an dich denken.‘‘ Sie verrät ihm, nach ihrer ersten Begegnung mit ihm habe sie ihrer Freundin erzählt, bei ihr im Tutorat, da gebe es einen, wenn sie Andreas nicht hätte, würde sie auf den stehen. Und auf der Party im White Rabbit vor einem halben Jahr, da hätte sie ihn fast geküsst.

Zu verlockend, diese Köder – Joshua beißt an.

Jeder, der schon einmal eine Trennung erlebt habe, könne verstehen, dass sie momentan nicht bereit für etwas Neues sei und auch keine Frist dafür nennen könne. Dass Joshua das Thema immer wieder aufbringe, setze sie unter Druck. Mal beginnen Tränen über ihr Gesicht zu kullern, die einen bestürzten und schuldbewussten Joshua damit konfrontieren, was er mit seinen egoistischen und überzogenen Ansprüchen anrichtet, mal konstatiert sie in geschäftlichem Tonfall, niemand zwinge ihn, bei ihr zu bleiben, wenn ihm ihre Bedingungen nicht passen, könne er jederzeit gehen. Die Sachlichkeit, mit der sie ihn davon in Kenntnis setzt, jagt Joshua jedes Mal Schauer über den Rücken.

,,Hm‘‘, sagt er eines Tages resigniert, auf eine erschöpfte Art einsichtig, ,,vielleicht sollte ich wirklich nochmal in mich gehen, ob ich das wirklich will und kann.‘‘ Daraufhin benutzt Karin zum ersten Mal das Wort ,,verliebt‘‘: Ganz schön verliebt sei sie in ihn. Und beim Abschied an der S-Bahn-Haltestelle schmollt sie: ,,Toll, jetzt muss ich darauf warten, wie du dich entscheiden wirst.‘‘ Sie gibt sich nicht einmal die Mühe, den Vorwurf in ihrer Stimme zu verhüllen. Joshua, noch völlig euphorisiert von ihrem Verliebtheitsgeständnis, lenkt sofort ein: Da müsse sie sich gar keine Sorgen machen, seine Entscheidung stehe doch längst fest. Auch wenn sie ihm den Wunsch einer Beziehung im Moment noch nicht erfüllen könne, sei er trotzdem dankbar für jede Minute mit ihr. ,,Dann versprich mir‘‘, und so plötzlich, wie man es von einer verliebten Miene nicht erwarten würde, ist sie einer ernsten gewichen, und es lässt sich nicht eindeutig bestimmen, ob der Nachdruck in ihrer Stimme tatsächlich bedrohlich gemeint ist, ,,versprich mir, dass du von nun an das Thema ruhen lässt.‘‘ Gehorsam verspricht er.

In der Uni findet sie sich tagtäglich mit Andreas konfrontiert. Der hat über Felix als Informationsquelle in Erfahrung gebracht, welche Kurse Karin im neuen Semester belegt, und stimmt seinen eigenen Stundenplan darauf ab (Erinnerung: Nachdem er vor vier Wochen mit Karin Schluss gemacht hat.). In den Vorlesungspausen positioniert er sich in ihrem Blickfeld und demonstriert anhand lauten Lachens und angeregten Konversierens, was für eine gute Zeit er hat und wie absolut überhaupt nicht mehr er Karin braucht.

Eines Abends, als Joshua und Karin gemeinsam aus der Uni kommen, werden sie von Andreas‘ Adleraugen erfasst. Er sitzt mit einem Kollegen vor dem Europa-Café und gibt vor, sich nicht im Geringsten für sie zu interessieren. Pflichtbewusst – und auch, damit Andreas keinen Verdacht schöpft – geht Joshua zu ihm und wechselt ein paar Worte. Indes knüpft Karin, überraschend cool, wie Joshua feststellt, einen Small Talk mit dem Kollegen an. Der Kollege läuft dann mit ihnen Richtung Bahnhof. Sie haben schon zehn Minuten Fußweg zwischen sich und die Uni gebracht, da holt Andreas sie ein. ,,Hey, Karin!‘‘ Er schnauft etwas, weil er gerannt ist. ,,He, Karin, hallo, ich red‘ mit dir!‘‘, und er wedelt mit der Hand vor ihrem Gesicht. ,,Wenn du mich ignorieren willst, dann halt‘ dich gefälligst fern von mir und komm‘ nicht zu mir her!‘‘ Damit scheint er gesagt zu haben, weswegen er einen Kilometer hinter ihnen hergerannt ist, denn nun macht er kehrt.

,,Was ein Auftritt!‘‘, kommentiert der Kollege mit kaum verhohlener Freude über diesen willkommenen Akzent im sonst grauen Alltag.

,,Immerhin scheint ihn das alles auch nicht kaltzulassen.‘‘, konstatiert Karin. Das zufriedene Lächeln auf ihren Lippen irritiert Joshua. Etwas ist darin, was nicht da sein sollte.  

*

Karin meidet Andreas, wo sie kann. Als er ihr auf dem Gehweg entgegenkommt, hechtet sie hinter einen Mauervorsprung. Ein anderes Mal umgeht sie den Uni-Hof, weil vor dem Europa-Café Andreas mit einer Blondine das Essen teilt; Karin schließt sich dann erstmal für eine halbe Stunde auf dem Klo ein, bis ihr Körper vor lauter Tränen völlig ausgedörrt und ihr Mascara hinüber ist. Ihrer Schwester am Telefon sagt sie: ,,Ich wünschte, er wäre tot.‘‘ Wenn sie von Andreas spricht, dann nicht mehr unter seinem Namen, sondern unter Zuhilfenahme diverser Kraftwörter. Als ihr auffällt, dass sie aus Versehen Socken von ihm angezogen hat, die noch bei ihr lagen, schüttelt sie sich vor Ekel.  

In scharfem Kontrast zu dieser Entwertung idealisiert sie ihn in anderen Momenten. Dann spricht sie von ihm wie von einem Dämon mit übersinnlichen Kräften, dessen Bann eine simple Trennung nicht brechen kann, der selbst jetzt noch eine ungeahnte Macht über sie und sogar ihre zukünftigen Beziehungen besitzt. Sobald Andreas von ihnen erfahre, prophezeit sie Joshua, werde er alles daransetzen, das zwischen ihnen zu zerstören. Er werde Gerüchte über sie in Umlauf setzen, die dazu führen, dass andere sich von ihr abwenden. Dass man auf diese anderen, wenn sie wegen derlei Gerüchten tatsächlich auf Abstand gingen, getrost verzichten könne, behält Joshua für sich. Stattdessen hakt er nach: Das zwischen ihnen sei doch hoffentlich stärker?

Sie könne für nichts garantieren, hat Karin keine Skrupel zu erwidern. Wie immer möchte sie Joshua in seiner Entscheidungsfreiheit nicht einschränken. Sollte er allerdings anders handeln, als von ihr gewünscht, und Andreas von ihnen erzählen, riskiere er, sie zu verlieren.

Es kommt der unausweichliche Moment, da Joshua und Karin das Café auf dem Schlossberg des herrlichen Frühlingsnachmittags für ebenso würdig halten wie Andreas. Dass sie scheinbar beiläufig kehrtmachen, sobald sie ihn entdeckt haben, trägt nicht unbedingt zu Andreas‘ Beruhigung bei. Zu Hause erwarten Joshua ein verpasster Anruf von Andreas und die Aufforderung zurückzurufen.

Joshua denkt daran, wie er vor zwei Tagen Andreas auf der Terrasse des Europa-Cafés gegenübersaß. Sie haben gerade eine Besprechung für Joshuas Bachelorarbeit gehabt, und weil Freitagnachmittag ist und Freitag für Studenten bereits Wochenende heißt, schlägt Andreas vor, in der Sonne noch einen Kaffee zu trinken – für ihn mit Soja-Milch, Andreas ist nämlich Veganer. Joshua, der eigentlich mit Karin am Brunnen auf dem Platz der Alten Synagoge verabredet ist, wagt es nicht abzusagen. Er müsste eine Ausrede vorschieben, und er ist ein schlechter Lügner. Zu allem Überfluss schlendert Karin an ihnen vorbei, in der Hand die Muffins, die sie für Joshua und sich gekauft hat. Als sie Joshua und dessen Gesprächspartner auf der Terrasse bemerkt, entgleist ihr kurz die Miene.

Die vergangenen Wochen hat er Begegnungen mit Andreas vermieden. Als fühlte Joshua sich nicht schon genug niederträchtig, öffnet Andreas sich ihm auf einmal. Aus heiterem Himmel fängt er an, über seine Unsicherheiten und Ängste zu reden. Er verrät, wie schwer es ihm fällt, auf Partys nicht ständig im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen zu können. Karin hat Joshua schon darauf aufmerksam gemacht: Wenn Andreas, was selten genug vorkomme, eine Party mit seiner Anwesenheit beehre, dann ähnele sein Bewegungsprofil einem Reigen. Nämlich springe er von Gruppe zu Gruppe und verweile bei derselben nie länger als ein paar Minuten, genau so lange, wie er die Aufmerksamkeit der anderen für sich pachten kann, bevor zwangsläufig ein anderer in den Fokus rückt. Andreas, so offenbart er Joshua nun, leidet selbst darunter. Er sieht seine Schwächen, und damit nicht genug, er gibt sie sogar offen zu. Gemessen daran, mit welcher Sorgfalt er sonst um die Aufrechterhaltung seines perfekten Bildes bemüht ist, ein umso stärkerer Vertrauensbeweis. Es liegt Joshua auf der Zunge: Das Geständnis.  

Die folgende Charakteranalyse stammt von Andreas‘ Ex-Freundin Karin: Andreas verstehe es, Menschen von sich abhängig zu machen und ihnen das Gefühl zu geben, sie stünden in seiner Schuld. Er mache ihr Leben mit ,,Transparenzabkommen‘‘ zur Hölle, und wenn er etwas von ihnen brauche, dann appelliere er an Freundschaft und Fairness. Um keinen Preis lasse er zu, dass etwas sein grandioses Bild trüben, ihm Risse zufügen könne. Wenn er es kurzfristig, vorübergehend ablege und sich öffne, dann aus taktischen Erwägungen. Derlei Momente der Klarheit und Einsicht bedeuteten keinen Willen zur Läuterung. Im Gegenteil, er setze Ehrlichkeit nur dann ein, wenn er mit ihr besser ans Ziel komme. Auf die verletzbare Schiene wechsle er vor allem bei Personen, die er als anfällig für die schwachen Momente anderer erkenne. Überhaupt habe er einen Riecher für rücksichtsvolle Menschen. Gegen sie könne er sich abheben, bei ihnen könne er den Ton angeben und den kleinen Einzelkindtyrannen ausleben. Er appelliere an ihr Mitgefühl, sie geben ihm, was er von ihnen wolle, in Joshuas Fall eine ehrliche Auskunft, ob mit seiner Ex etwas läuft oder nicht. Wie Karin es ausgedrückt hat: ,,Andreas hat gelernt, dass man einen, der die Kehle entblößt und Hundeäuglein macht, nicht beißt.‘‘ Und sobald einmal jemand ihn um einen Gefallen bitte, zucke er bloß mit den Schultern.

Das grandiose Selbstbild von Andreas entpuppt sich als erstaunlich fragil. Die geringste Kritik, und es gerät ins Wanken. Beim Klettern gibt der Nebenmann Andreas einen Ratschlag, was er beim Sichern noch verbessern könnte. ,,Wir machen das hier nicht zum ersten Mal.‘‘, schießt Andreas prompt zurück. In der Mittagspause amüsiert Karin sich mit einer Kollegin über unkonventionelle Namen für das männliche Geschlechtsorgan. ,,Vaginas sehen auch komisch aus.‘‘, revanchiert er sich.

Nie kommt in Andreas‘ Gesellschaft wirklich entspannte Stimmung auf. Selbst Freizeitbeschäftigungen erhalten in Andreas‘ Händen kompetitiven Charakter. Worum sonst sollte es gehen als darum, wer der Bessere ist? Und eine Niederlage, ganz gleich, wie harmlos sie von außen erscheinen mag, ist absolut. Nicht der Beste zu sein, löscht ihn aus, entzieht ihm das Existenzrecht. Dann bleibt ihm nur, sich noch mehr anzustrengen. Wie an jenem Abend, als Felix beim Klettern als letzte Route eine 6B wählt, die die letzte Route von Andreas um einen Schwierigkeitsgrad in den Schatten stellt. Eigentlich will Andreas für heute Schluss machen, doch einen solchen Affront kann er natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Nachdem Felix wieder unten ist, beweist Andreas allen, dass er die Route ebenfalls klettern kann und seinem Freund in keinerlei Hinsicht nachsteht.

Oder ihm bleibt, wenn die Dinge gelaufen sind und es nichts mehr daran zu rütteln gibt, die kognitive Umdeutung. Ein Praktikumsplatz sagt ihm ab, nachdem Andreas vergessen hat, sich zurückzumelden? So ein Ereignis erzeugt kognitive Dissonanz: Er ist doch Andreas, Andreas begeht nie Fehler, also hat er sich das Praktikum auch nicht selbst verscherzt. Nein, jetzt wo er es sich genau überlegt, wäre dieses Praktikum sowieso nicht das Richtige für ihn gewesen. Den therapeutischen Ansatz, der dort verfolgt wird, findet er fragwürdig. Deshalb hat er die Rückmeldefrist auch verstreichen lassen. Im Grunde kann er froh sein, nun nach etwas Besserem Ausschau zu halten.  

Oder die Freundin macht aus der Beziehung ein halbgares Ding, weil es für sie irgendwie nicht mehr passt? Kein Problem für Andreas. Erstens sei diese Entscheidung nicht alleine von Karin ausgegangen, auch für ihn sei es schon länger nicht mehr optimal gelaufen, es sei also angemessener, von einer Entscheidung in beiderseitigem Einvernehmen zu sprechen. Zweitens habe er doch immer schon eine offene Beziehung ausprobieren wollen. Alles bestens. Allzeit souverän. Alles im Griff. Die Krone, kurzzeitig etwas in Schieflage geraten, sitzt wieder.

Und die blonde, blauäugige, allseits beneidete Trophäe an seiner Seite ist gerettet.

Man könnte Andreas‘ gedankliche Kunstgriffe, mit deren Hilfe er selbst noch den offensichtlichsten Rückschlag in einen Sieg umtauft, ein Musterbeispiel positiven Denkens nennen, würde nicht sogar Karin, selbst eine Meisterin in der Disziplin selbstwertdienlicher Verzerrungen, Bedenken äußern. ,,Hm‘‘, meint sie eines Tages zu Joshua, und die Konzentration in ihrer Stimme verrät, dass die folgenden Worte ihr Stunden angestrengten Nachdenkens abverlangt haben, ,,wenn man immer alles zu seinen Gunsten umdeutet, dann kommt man ja gar nicht dazu, an seinen Fehlern zu arbeiten.‘‘

Nicht nur das ,,Hobby‘‘ Klettern versteht Andreas als Teil seines Selbstoptimierungsplans. Auch in etwas so Künstlerischem und Kreativem wie Musik sieht Andreas nichts anderes als eine Arena für sein Ego. Einem wie ihm genügt es nicht, ab und zu Gitarre zu spielen und Spaß daran zu haben, gemeinsam mit anderen in einer Band Musik zu machen. Spaß ist eine Kategorie, mit der Andreas nichts anfangen kann. Für ihn zählt das Outcome, das Ergebnis, was er davon hat. Anstatt zunächst einmal sich darauf zu konzentrieren, um was es geht, nämlich um die Musik, und darin durch Übung ein gewisses Niveau zu erreichen, müssen nach den ersten zwei, drei Konzerten sofort ein professionelles Tonstudio und ein erlesener Produzent her, der für ein ebenso erlesenes Entgelt ihren Song mischt. So wie andere frisch gegründete Bands erst einmal Konzerterfahrung zu sammeln und dort zu starten, wo man ist, nämlich ganz unten, auf Studentenpartys in stickigen Kellerlöchern, von deren Decken der Schweiß tropft, kommt für Andreas nicht infrage. Die Regeln für alle gelten nicht für ihn. Er lässt sich nicht davon beirren, dass zu dem einen Konzert maximal zwanzig Zuschauer kommen (seine Freundin, deren Freundinnen, seine Eltern und ein paar Studienkollegen) und das zweite Konzert im Rahmen der Mensa-Party stattfindet, zu der sowieso alle gekommen wären (Für Andreas der Durchbruch, eine Art zweites Woodstock).

Auf einer Exkursion zu einem Labor in einer anderen Stadt drückt Andreas zum Abschied dem dortigen Informatiker den Flyer zur Psycho-Party in die Hand (darauf groß ,,Psycho-Party‘‘ und in kleineren Buchstaben der Name seiner Band, unter anderen Namen) und legt ihm nahe, dieses Ereignis nicht zu verpassen. Das unterscheidet Andreas von den ,,Verlierern‘‘: Während die ,,Verlierer‘‘ nicht einmal auf die Idee kämen, es für eine realistische Option zu halten, dass ein wildfremder Informatiker die anderthalbstündige Fahrt zu einer Studentenparty auf sich nimmt, um das Konzert der Amateurband eines Studenten zu hören, mit dem ihn fünf Minuten Small Talk verbinden, verschwendet Andreas keine Zeit mit falscher Bescheidenheit.

Der Informatiker hat sich das ,,Event‘‘ dann auch entgehen lassen.

Andreas‘ Elitebewusstsein schlägt sich auch in seiner Gangart nieder. Sein stets strammer und forscher Schritt strebt immer einem Ziel zu, auf dessen Weg es keine Zeit mit Zögerlichkeit zu verschwenden gilt. Nie würde Andreas flanieren oder schlendern oder gar schlurfen. Jede Sekunde zählt, schließlich hat dieser Mann große Pläne. Beim Anblick von Andreas in seinen kurzen Hosen, die seine strammen Waden offenbaren, dem in die Hose gesteckten Poloshirt und dem zackigen Schritt kann Joshua sich für einen Moment – wirklich nur für einen Moment – der Assoziation mit einem Hoffnungsträger der Hitlerjugend nicht erwehren.  

Beim Sitzen erlaubt Andreas seinem Rücken nicht, sich anzulehnen, schnurgerade muss der Rücken sein, was etwas steif wirkt, wie ein Roboter, oder wie ein sehr arbeitsamer, asiatischer Arbeiter, der nur für die Arbeit lebt, oder einfach wie jemand, der einen ziemlich großen Stock im Arsch hat. Seine Bewegungen haben etwas Getriebenes. Schwer vorstellbar, dass er jemals zur Ruhe kommt und entspannt. Sein Dasein ist der permanente Kampf, seiner tiefen Angst, ein Versager zu sein, das Gegenteil zu beweisen.

Immer wieder stößt er andere vor den Kopf. Dann wirkt es, als sei es ihm gerade einfach zu lästig, empathisch zu sein. Andreas kommt so lange gut mit anderen aus, wie der andere seine Überlegenheit akzeptiert und im Einklang mit Andreas‘ Vorstellungen handelt. Weil diese Vorstellungen ungewöhnlich enge Grenzen ziehen, ist die Anzahl seiner Freunde überschaubar. Eigentlich hat er nur Felix. Und Felix hat mittlerweile auch die Nase voll. Wenn Felix‘ Kollegin Marta sich in der Vorlesung zu Felix setzt, hofft sie, dass nicht noch Andreas dazukommt. Die Freundin eines Kommilitonen von Andreas verwehrt sich dagegen, Andreas zur Geburtstagsparty einzuladen; er schaffe so eine unangenehme Atmosphäre.

Bei jener Studentin, die nun die Freundin eines Kommilitonen geworden ist, hat Andreas es übrigens einmal probiert. Das war während seiner Quasi-Beziehung mit Karin. Er hat sich mit der jungen Frau einmal auf ein Bier getroffen. Im Gespräch blieb sie reserviert, und sie machte keine Anstalten, Interesse an einer Fortsetzung zu bekunden. Die Möglichkeit, dass sie nicht an ihm interessiert sein könnte, war natürlich keine Möglichkeit. Andreas riss das Heft an sich, indem er ihr zwei Tage später schrieb, er glaube nicht, dass sie zusammenpassen, sie sei noch so jung. Ihr muss das überraschend persönlich vorgekommen sein, dafür, dass sie sich erst einmal getroffen hatten. Mutig auch, wie selbstverständlich er annahm, dass sie gewollt hätte, wenn er gewollt hätte. Und wieder einmal geht Andreas als Sieger hervor – in seiner Welt.

Ironischerweise beschäftigt Andreas sich in seiner Freizeit mit Buddhismus und liest Bücher von Mathieu Ricard, einem buddhistischen Mönch, der sagt: ,,Je größer das Ego, desto verwundbarer ist man.‘‘

All das schwirrt Joshua im Kopf herum, als er nun vor der Wahl steht. Entweder er geht auf Andreas‘ Forderung ein, ihm die Wahrheit zu sagen, damit Andreas ihm im Anschluss erklärt, weshalb er ihn nicht weiter bei der Bachelorarbeit betreuen kann – natürlich indem er sachlich bleibt, Ich-Botschaften und Transparenz, alles psychologisch einwandfrei. Oder er verhält sich nicht komplementär zu Andreas‘ Verhalten, sozusagen als pädagogische, wenn auch völlig vergebliche Maßnahme, Andreas die Erfahrung machen zu lassen, dass nicht alle Menschen sein Wohlbefinden ins Zentrum stellen. Das Ergebnis wird dasselbe sein, eine verwaiste Bachelorarbeit. Doch die zweite Option besitzt ganz entschieden mehr Reiz.

Joshua ruft nicht zurück. Einen Tag lässt Andreas verstreichen. Dann gibt er Joshua die letzte Chance und setzt ihn schriftlich davon in Kenntnis, dass er, falls Joshua sich bis zur Mittagsfrist nicht melden sollte, seine Bachelorbetreuung abgeben wird.

Für Besprechungen über die Arbeit stehe er jederzeit gerne zur Verfügung, erklärt Joshua, andere Themen wolle er im Moment nicht besprechen.

Per Sprachnachricht tut Andreas sein Bedauern darüber kund, dass er Joshua immer für einen anständigen, korrekten Kerl gehalten habe – und meint natürlich, dass er sich in Joshua getäuscht hat, dass Joshua sich als Verräter übelster Sorte entpuppt hat. Um das letzte Wort zu behalten, blockiert er Joshua.

*

Es sind die üblichen Verdächtigen, die eine Beziehung für Karin ,,im Moment‘‘ ganz und gar undenkbar machen: Eine Trennung, die erst ein, dann zwei, irgendwann vier Monate zurückliegt; ein niederträchtiger Ex, der ihr Vertrauen so verletzt hat, dass sie bis auf Weiteres niemandem mehr vertrauen kann.

Nachdem sie derart verletzt worden sei, könne sie vor sich nicht vertreten, dieses Risiko erneut einzugehen; solange sie die Beziehung offenhalte, könne eine Enttäuschung sie nicht so stark treffen. Dass eine unangenehme, jedoch unvermeidbare Nebenwirkung gemeinsam verbrachter Nächte und Tage Gefühle für den anderen sind und dabei unverletzbar bleiben zu wollen heißt, sich etwas vorzumachen, gibt sie selbst zu, ohne deshalb von ihrer Position abzurücken.

Je öfter er ihr erklärt, dass es für ihn doch einen Unterschied macht, dass es ihm darum geht, zueinander zu stehen, auch vor anderen, desto mehr fühlt sie sich unter Druck gesetzt. Sie genießt es, jemanden zu haben, dem sie gute Nacht wünschen kann, zu dem sie auch spätabends noch kommen kann, um ihre tägliche Dosis körperlicher Zuneigung zu bekommen und nicht allein einschlafen zu müssen. Joshua ist die Schulter, an die Karin nach einem weiteren Tag ihres schweren, von rücksichtslosen Ex-Freunden belasteten Lebens den Kopf lehnen kann. In ihm hat sie jemanden, der immer verfügbar ist, wenn sie ihn braucht, und der, wenn sie ihn aufs Abstellgleis bugsiert, nichts in der Hand hat, sich zu beschweren.

Theoretisch wäre es konsequent, einen Gang herunterzuschalten und sein Verhalten an die unverbindliche Situation anzupassen. Ganz abgesehen davon, dass die Gefühle reif sind, dass er sich ihnen am liebsten voll hingeben würde und man eigentlich meinen könnte, Verliebtheitsgefühle seien etwas Wünschenswertes, würde er sich nur ins eigene Fleisch schneiden, ginge er auf Distanz. In ihrem ,,im Moment nicht bereit‘‘ schwingt immer ein ,,noch nicht bereit‘‘ mit, und solange dieses ,,noch‘‘ nicht eingelöst ist, dauert die Bewährungsphase an, in der er beweisen muss, dass er eine gute Partie, dass er der Richtige ist. Ihr verletztes Vertrauen erfordert erst recht Fingerspitzengefühl, er muss zeigen, dass es sich bei seiner Liebe für sie nicht bloß um eine Eintagsfliege handelt, sondern dass er trotz Hürden und Widerständen an ihr dranbleibt. Er befindet sich im permanenten Werbemodus, sie lehnt sich zurück und schaut, was er zu bieten hat, ohne ihm am Ende einen ,,Daumen hoch‘‘ schuldig zu sein. Im Grunde ist sie ihm gar keine Antwort schuldig, sie hat ihn ja nicht darum gebeten, sich anzustrengen. (Indirekt natürlich schon. Das ist ja das Vertrackte an non-verbalem, mehrdeutigem Verhalten: Dass es so schwierig zu ertappen ist. Sobald man es erwischt zu haben glaubt, entschlüpft es einem durch die Finger. Am Ende kann man die Urheberin schlecht zur Verantwortung ziehen, sie kann jederzeit in die eine oder die andere Deutung ihres ambivalenten Verhaltens flüchten, je nachdem, wie es ihr gerade in die Karten passt. Indem sie jegliche Eindeutigkeit meidet, macht sie sich unangreifbar. Nicht belangt werden zu können, das ist wahre Macht.)

Für die Grenzen, die er überschreitet – meist sind es die eigenen Schmerzgrenzen -, für die Enttäuschungen, die er hinnimmt, die Dämpfer, die er schluckt, für all die Bedürfnisse, die er einmal für unverhandelbar gehalten hat und nun Stück für Stück über Bord wirft oder auf unbestimmte Zeit zurückstellt, zeichnet er selbst verantwortlich. Und wenn er am Ende der Enttäuschte ist, dann hat er sich das selbst zuzuschreiben.

Karin hat auf etwas keine Lust, oder Joshua fängt an, Ansprüche zu stellen? Er äußert etwa Unmut darüber, dass sie auf Partys wie gute Kollegen, aber nicht wie ein Paar auftreten sollen? Kein Problem, sie erinnert ihn daran, dass sie nicht zusammen sind. Joshua merkt an, es gehe immer schon auf Mitternacht zu, wenn sie komme, und dann gehe sie schon frühmorgens wieder – ob sie nicht wenigstens einen Morgen pro Woche in Ruhe frühstücken könnten? Er wisse die Zeit mit ihr wohl nicht zu schätzen, weist Karin ihn zurecht; in all dem Trubel richte sie es ein, dass sie sich zumindest abends sehen könnten, und ihm falle nichts anderes ein, als zu meckern. Langsam gewinne sie den Eindruck, man könne es ihm nie recht machen, immer finde er ein Haar in der Suppe.  

Egal wie sicher Joshua vorher ist, im Recht zu sein – nach der Diskussion ist immer sie diejenige, die unfair behandelt wurde, und er entschuldigt sich und nimmt sie in den Arm, unendlich dankbar, dass sie es noch mit ihm aushält.

*

Vor einem Jahr hat Joshua einmal eine von Karins besten Freundinnen auf einen Spaziergang getroffen, ein Date, das er fast vergessen hat, bis Karin damit aufwartet. Er fühlt sich wie ein Politiker, den ein sehr ehrgeiziger Journalist mit schmutzigen Details aus seiner Vergangenheit konfrontiert. Er könne sich das vielleicht nicht vorstellen, aber dieser Fakt bedeute Probleme! Momentan befinde sie sich im Gespräch mit der Freundin. Die habe auch schon grünes Licht gegeben, doch sie wolle ihn vorwarnen, die Sache sei noch nicht gegessen. Was, um Himmels willen, er sich dabei gedacht habe! Schon damals sei ihr die Sache merkwürdig vorgekommen. Mit ihr, Karin, habe er sich doch schon immer viel besser verstanden.

Nicht dass sie eifersüchtig auf ihre Freundin sei. Aber der Vorfall bringe sie zum Nachdenken. Bei wem habe er es denn noch alles versucht? Joshua gesteht, dass Karin nicht die allererste Frau in seinem Leben ist, auf die er ein Auge geworfen hat. Sie sitzen im Europa-Café, und Karin zeigt auf die Kommilitonin, die vorbeiläuft: ,,Hast du es bei der versucht? Und bei der? Bei der auch?‘‘ Karins Gesicht ist noch bleicher als sonst, sie ist schockiert, welches Ausmaß ihr Verhör offenbart. So wahllos, wie er vorgegangen sei, da frage sie sich, wie ernst er das mit ihr meine. Nach allem, was sie nun gehört habe, wie könne sie ihm da vertrauen, dass er nach ein paar Wochen nicht plötzlich einer anderen hinterherlaufe? Zumindest bleibe so lange, wie sie den Alltag mit seinen ehemaligen Schwärmen teile, eine Beziehung unvorstellbar. Wie müsse sie sich nun fühlen, wenn sie einer dieser Zicken gegenüberstehe und an die Nachrichten denken müsse, die deren Handys immer noch von ihm speicherten? Unerträglich, wie sie hinter ihrem Rücken über sie lästern würden, wenn sie mit Joshua zusammen wäre.

Einmal setzt Karin sich auf den am weitesten entfernten Stuhl in Joshuas Zimmer und stiert eine halbe Stunde lang düster drein, bis Joshua ihr endlich entlocken kann, dass der Hund bei seinem Treffen mit einer Kollegin begraben liegt, mit der er etwas trinken war. Was er ihr schon zigmal versichert hat, verspricht er ihr ein weiteres Mal, er hege gegenüber dieser Kollegin keinerlei Absichten. ,,Mach, was du willst‘‘, entgegnet sie, ,,lass dich wegen mir nicht davon abhalten. Wir sind ja nicht zusammen.‘‘

Als das mit Andreas ernst geworden sei, habe sie von ihm verlangt, den Kontakt mit Freundinnen abzubrechen. Selbstverständlich habe er noch mit Kommilitoninnen wie Sandra reden dürfen (eine Kollegin, mit der Andreas in drei Jahren nicht mehr als fünf Sätze gewechselt hat und für die er garantiert keine Leidenschaft entwickeln wird). Einmal ergab es sich, dass Andreas im Seminar der Gruppe von Marta beitrat. Das brachte Marta eine Nachricht von Karin ein – Warum sie denn unbedingt mit Andreas in einer Gruppe sein wolle? – und, nachdem Andreas, das verlorene Schaf, folgsam in Karins Gruppe eingeschert war, eine weitere Nachricht, in der Karin sich bei Marta entschuldigte und das mysteriöse Bekenntnis abgab, sie habe Marta ,,da nicht mit hineinziehen‘‘ wollen.

Mittlerweile versteht Joshua, was Karin damit gemeint hat.

Andreas revanchierte sich damit, dass er Karin und Felix verbot, gemeinsam schwimmen zu gehen oder überhaupt ohne sein Beisein Zeit miteinander zu verbringen. Er war auch ganz entschieden dagegen, dass Karin mit ihren Freundinnen nach Mallorca fuhr. Er könne es nicht ertragen, dass sie dort den Blicken anderer Männer ausgesetzt sei, noch dazu die meiste Zeit mit nichts als einem Bikini. Nicht dass sie bei einem dieser Typen schwach werden könnte, bereite ihm Sorgen, sondern vielmehr, was er als ihr Freund für ein Bild abgebe, dass er sie diesen Blicken aussetze. Diese Gedanken stammen nicht von einem Angehörigen des arabischen Kulturraums, sondern von Andreas, der an anderer Stelle freie Liebe preist. Übrigens fuhr Karin dann trotzdem nach Malle, und Andreas weiß bis heute nicht, dass sie dort im Ballermann gewesen ist.

Andreas und Karin sind sich einig, dass jemand anderen zu begehren oder dieses Begehren in die Tat umzusetzen letztlich keinen Unterschied macht. Möglicherweise, überlegt Karin vor Joshua laut, ticke sie in dieser Hinsicht etwas extrem. Sie geht sogar einen Schritt weiter und wirft die Frage in den Raum, ob sie eventuell eifersüchtiger sei als andere. Wirklich vorbildhaft, wie schonungslos selbstkritisch Karin mit sich ins Gericht geht. Und weil das für heute genug der Selbstzweifel waren, darf der Schluss, den sie aus ihren Reflexionen zieht, ruhig etwas schief ausfallen: Um sich selbst und Joshua vor ihrer Eifersucht zu schützen, gehe sie erst gar keine Beziehung mit ihm ein; damit sie, wenn es dann soweit sei und er sie mit einer anderen betrüge, nicht am Boden zerstört sein müsse, weil sie ja gar nicht zusammen seien.

*

Es kommt vor, dass Karins Stimmung ohne ersichtlichen Anlass umkippt und sie den Abend mit Joshua abbricht. Joshua, der sie bittet, ihm wenigstens zu erklären, was, um Himmels willen, los ist, beschwichtigt sie mit den Worten, manche Dinge blieben besser unausgesprochen, sonst könnten sie irreparablen Schaden anrichten. Er bleibt zurück mit der Serie, die er extra für sie gekauft hat und die ihr dann ein einziges Mal ein Lächeln, eher ein kraftloses Verziehen der Lippen entlocken konnte, mit Popcorn und der Frage, ob sie gerade Schluss gemacht hat. Auch am nächsten Tag fühlt Karin sich, empfindsam, wie sie ist, nicht in der Lage, ihm den Grund zu nennen, nur dass sie eine Krise gehabt habe, stundenlang heulend durch die nächtlichen Straßen geirrt sei und mit ihrer Freundin telefoniert habe. Wenig überzeugend versichert sie Joshua, es komme nie wieder vor, was sich dann auch als Irrtum herausstellt, denn zwei Wochen später verschwindet sie erneut abrupt nach Hause, diesmal, weil Joshua irgendetwas Falsches gesagt habe.

Joshua, der sich kurz zuvor entschieden hat, ihre Nicht-Beziehung bis auf Weiteres zu akzeptieren und das Thema ruhen zu lassen, tut sich schwer damit, dass die Probleme allem Anschein nach damit kein Ende nehmen. ,,Erst wütest du, jetzt eben mal ich.‘‘, relativiert Karin. Dass Joshua für das plötzliche Verschwinden eine Entschuldigung verlangt, bringt sie zum Lachen.

Dieses Lachen ist der Tropfen zu viel. Zum ersten Mal schafft Joshua es, in ihrer Gegenwart wütend zu werden. Sie sitzen im Eimer, er beugt sich über den Tisch zu ihr vor, ohne ihre blauen Augen aus dem Blick zu lassen, und sagt: ,,Willst du mich provozieren?‘‘ Seine Stimme nimmt nicht an Lautstärke zu, gerade das verleiht ihr ihre Schärfe. Die Entscheidung, wütend zu werden, eröffnet ihm Zugang zu ungeahnten Energiequellen; äußerlich vollkommen unbewegt, fühlt Joshua sich imstande, mit einer einzigen Bewegung den Tisch zwischen ihnen zu zerschlagen. Noch Stunden nachher, nachdem sie schon eingelenkt, sich entschuldigt und nach seiner Hand gegriffen hat, hält die Wirkung dieser neuen Kraft an, wie wenn man den Kopf in eiskaltes Gebirgswasser taucht und einem klar wird, dass man erst jetzt wirklich wach ist. Kurz, es ist ungemein befriedigend und war höchste Zeit, endlich einmal wütend zu werden.  

Versöhnt verbringen sie die Nacht zusammen. Am nächsten Morgen beim Abschied steigt sie ohne Umarmung in die Straßenbahn. Joshua, der ein unwohles Gefühl hat, hält sich bis zum Abend zurück, dann schreibt er ihr. Stunden verstreichen, ehe sie antwortet. So geht es auch am nächsten Tag und am darauffolgenden. Von ihrer Seite Schweigen. Sie sei erkältet, ist alles, was sie ihn wissen lässt. Joshuas gelegentliche, zaghafte Nachfragen, wenn er es nicht mehr aushält und zumindest wissen will, was überhaupt los ist, werden mit reservierten Zweizeilern abgefertigt. Er müsse viel an sie denken, schreibt er. ,,Oh, warum denn?‘‘ Sie fehle ihm. ,,Ah so.‘‘ Sie bestraft Joshua mit Liebesentzug und enthält ihm auch noch den Grund vor, womit er das verdient habe. Weil Joshua einfühlsam und verständnisvoll sein möchte, versichert er, allem Anschein nach brauche sie gerade Zeit für sich, er wolle ihr diese Zeit gerne geben. In Wahrheit schaut er alle fünf Minuten aufs Handy, jedes Mal überzeugt, sie habe diesen Albtraum nun lange genug andauern lassen, jedes Mal enttäuscht. An seiner Bachelorarbeit weiterzuschreiben kann er vergessen, seine Nerven, permanent überstrapaziert, erlauben nur noch die einfachsten, stupidesten Alltagsverrichtungen und ab und zu einen Spaziergang im Schneckentempo. Mittlerweile erscheint es immer unplausibler und zweckloser, sich einzureden, ihr Schweigen bedeute etwas anderes als ein sang- und klangloses Schlussmachen. 

Mitten in der Nacht, nach vier Tagen Schweigen, ploppt eine SMS von ihr auf. Nicht zuerst eine Whatsapp-Nachricht, gleich eine SMS. Auf einmal scheint Karin es gar nicht abwarten zu können, mit ihm zu sprechen. Ob er morgen kurz Zeit habe, sich zu treffen?

Nach allem, was vorgefallen ist, nach vier Tagen unerklärter Funkstille, nachdem sie ihn hat leiden lassen wie irgendeinen x-beliebigen, streunenden Köter, weckt sie ihn mitten in der Nacht auf und schlägt wie selbstverständlich das nächste Treffen vor, ohne Entschuldigung oder auch nur ein paar Worte, die darauf hindeuten, dass sie sich bewusst ist, was sie ihm angetan hat? Joshua versucht, gnadenlos zu sein – das heißt, soweit einer wie Joshua gnadenlos sein kann. Er lässt seine Antwort bis zum Morgen ausstehen und erklärt dann, für ein Treffen brauche er Zeit, erstmal müsse er seine Gedanken ordnen. ,,Ah, ich dachte nur, du wüsstest gerne, was genau schiefgelaufen ist.‘‘, kommt als Antwort.

Es ist also vorbei; die Abgeklärtheit, mit der sie ihm das beiläufig mitteilt – es bedarf nicht einmal der expliziten Aussprache, es ist eben ,,schiefgelaufen‘‘ -, lässt ihn frösteln. Natürlich lechzt alles in ihm danach, endlich den Grund zu erfahren. Da kann er auch keine Rücksicht mehr darauf nehmen, ihrem Verhalten Konsequenzen folgen zu lassen, in der nächsten Pause ruft er an. Doch sie nimmt nicht ab. Mittags vom Essen nimmt er ein paar Bissen, dann stellt er es weg und schließt sich auf dem Klo ein. Erst nach einer Stunde fühlt er sich wieder imstande, aufs Handy zu schauen. Ein verpasster Anruf von Karin und eine Nachricht: Sie findet es kindisch, dass er einem Gespräch aus dem Weg geht.

Er sei nicht eben scharf darauf zu erfahren, warum sie Schluss mache, verteidigt er sich.

Hm, das habe sie eigentlich nicht vorgehabt, aber wenn er lieber den Beleidigten spielen wolle, dann bitteschön.

Joshua schnuppert Hoffnung! Jetzt, wo ein Ende doch nicht besiegelt zu sein scheint, wo die Möglichkeit lockt, sie vielleicht doch behalten zu können, erklärt er sich umgehend bereit, sie in fünfzehn Minuten im Europa-Café zu treffen.

Endlich erfährt er den Grund: Ihr habe zu denken gegeben, wie wütend er letzte Woche geworden sei, und das bei einem verhältnismäßig harmlosen Auslöser. Selbst nachdem sie sich entschuldigt habe – die in psychologischen Metaphern bewanderte Karin benutzt den Ausdruck ,,ihre Schilder heruntergelassen‘‘ -, habe er noch einmal nachgetreten. Das sei ein klares ,,No-Go‘‘. Zum ersten Mal in einem Streit mit einem Partner sei sie froh gewesen, nicht allein in einem Raum mit ihm zu sein.

Joshua ist bestürzt: Hat er wirklich den Eindruck erweckt, von ihm gehe eine Bedrohung aus? Ist er wirklich so wütend gewesen, dass seine Umwelt um ihre leibliche Unversehrtheit fürchten musste? Dass sein Wutanfall vor ein paar Tagen für sie eine neue, nie zuvor erlebte Ebene der Aggression darstellte, wirkt umso irritierender, als sie ihm bereits eine Ahnung vom Konfliktmanagement seines Vorgängers, von Andreas, vermittelt hat. Da Andreas ein Freund davon ist, Dinge sofort ,,zu klären‘‘, habe er sich von der Anwesenheit anderer, ihrer Familie oder Freunden, nie beirren lassen. Ihr sei dann die undankbare Aufgabe zugefallen, entschuldigend zu lächeln und ihn wenigstens in ein Nebenzimmer zu bugsieren, wo er seinem Ärger derart freien Lauf ließ, dass die anderen trotzdem jedes Wort mitbekommen hätten. Auch nicht selten habe er mit Gegenständen geschmissen, aber niemals in ihre Richtung, Andreas weiß schließlich, was sich gehört. Nachher habe sie gegenüber ihrer Schwester oder ihrer Mutter, die den Kopf schüttelten, Andreas‘ Verhalten rechtfertigen müssen und erklären, weshalb sie immer noch mit ihm zusammenbleibe.

Hier ein Beispiel, wie Andreas Konflikte ,,klärt‘‘: Am Vorabend ihres Amerikaurlaubs sei Andreas eingefallen, es schade vielleicht nichts, einmal das Zelt aufzubauen und zu überprüfen, ob es überhaupt groß genug für sie beide sei. Ausgerechnet diesen Abend hatten Karin und eine Freundin für einen Film eingeplant. Schon mehrmals hatten sie den Filmabend verschoben, heute wollten sie ihn endlich realisieren, deshalb entschuldigte Karin sich bei Andreas und fuhr zu ihrer Freundin. Sie hatten es sich gerade bei Popcorn und Softgetränken gemütlich gemacht, da klingelte es an der Tür, und Andreas stapfte herein. Er stellte sich vor den Fernseher, um ihrer vollen Aufmerksamkeit gewiss zu sein, und brüllte sie an, was ihr einfalle, ihn mit dem Zelt im Stich zu lassen. Der Filmabend war dann gelaufen.

Das sei nicht dasselbe gewesen, erklärt Karin Joshua nun. Hinter Andreas‘ Wut, da habe immer eine Hilflosigkeit gesteckt, eine Verletzlichkeit. Ein liebevoller Ausdruck legt sich auf ihr Gesicht. Letztendlich seien seine Wutanfälle Ausdruck seiner Liebe zu ihr gewesen. Dagegen bei ihm, Joshua – in dem Moment, da er sich über den Tisch zu ihr vorgebeugt und gefragt habe, ob sie ihn provozieren wolle, da sei sie erschrocken vor dem Ausdruck in seinen Augen. Auf einmal habe sie nicht mehr gewusst, ob er überhaupt noch Liebe für sie übrighabe.

Eigentlich hat Joshua vorgehabt, sie zusammenzustauchen für die vier Tage Liebesentzug ohne Erklärung. Stattdessen entschuldigt er sich nun für sein unmögliches Benehmen in ihrem letzten Streit und schwört Besserung. Ein klägliches ,,Wenn ihr das nächste Mal etwas auf dem Herzen liege, solle sie es ihm bitte sagen.‘‘ ist alles, was von der geplanten Wutrede übrigbleibt. Dem widerspricht sie, sie habe die vier Tage gebraucht, um sich darüber klarzuwerden, weshalb sie sich ihm so entfremdet fühle. Mit dem Fuß stupst sie ihn an und lächelt von unten her, Joshua fühlt sich wie ein Kind, das schmollt. Eine Viertelstunde Reden reicht aus, ihn für vier Tage Achtlosigkeit zu entschädigen. Schon halten sie wieder Händchen – nur ein paar Sekunden, versteht sich, Andreas sitzt in der Nähe, und ihr ist unwohl, wenn er sie dabei sieht.

Da Karin diejenige mit mehr Beziehungserfahrung ist, schöpft sie aus ihrem Wissen und fügt noch hinzu, es werde ihnen gut tun, das zwischen ihnen zu ,,entzerren‘‘. Sie möchte ihn trotzdem noch heute Abend sehen. Er hat sich zu leicht versöhnlich stimmen lassen, ruft eine Stimme in Joshua; eigentlich hat sie überhaupt nichts getan, um ihn versöhnlich zu stimmen, im Gegenteil, sie hat das Unrecht für sich beansprucht, und er musste sie um Vergebung bitten, einmal mehr. Leider kommen ihm diese Gedanken erst, als er ihr für den Abend schon zugesagt hat. Also ruft er sie an und druckst herum, vielleicht wäre es gut, wenn sie noch nicht gleich so weitermachen, als wäre nichts passiert, sie habe ja von ,,Entzerren‘‘ gesprochen. Im Ernst? Karin ist empört. Ob er noch weiter Öl ins Feuer gießen wolle? Beschämt lenkt Joshua ein, war ja nur ein Vorschlag. Joshua, ein unsensibler, tumber Tor, sozial inkompetent und Karin in Sachen gesundes Beziehungsverhalten Lichtjahre hinterher.

Kurz darauf fährt er über die Feiertage nach Hause und gibt Karin zu spät Bescheid. Jedenfalls findet sie das. Wenn er sie rechtzeitig an seinen Plänen hätte teilhaben lassen, dann hätte sie ihre Termine so einrichten können, dass sie vor den Ferien mehr Zeit für ihn habe. Er verzichtet darauf, zu erwähnen, dass sie es war, die vier Tage lang nichts von ihm hat wissen wollen, und dass so eine Funkstille nicht gerade dazu ermutigt, seine Ferienpläne mitzuteilen. Ebenfalls unerwähnt lässt er all die Male, in denen er Verabredungen mit Freunden offenließ, nach hinten verschob oder im letzten Moment absagte, weil sie sich nicht festlegen konnte, und in denen dann immer irgendetwas länger als erwartet dauerte, sodass sie entweder ein, zwei Stunden zu spät oder gar nicht kam. Einmal hat er sich beschwert, er habe extra auf den Abend mit seinen Freunden verzichtet, um sie schon früher sehen zu können, und nun tauche sie doch erst um Mitternacht auf. ,,Du musst dich ja nicht nach mir richten.‘‘, erwiderte sie. ,,Es ist sowieso besser, wenn jeder sein eigenes Ding macht.‘‘ Inwiefern diese Aufforderung zu ihrer Beschwerde passt, ihr erst vier Tage im Voraus Bescheid zu geben, dass er für eine Woche nach Hause fährt, diesen Widerspruch auszuhalten erspart er ihr.

Er schlägt vor, sie könnte ihn ja zu Hause besuchen kommen. Wenn sie wenig Zeit habe, könnte sie morgens kommen und abends wieder zurückfahren, die Fahrt dauert nicht lang. Dann würden sie sich zwischendurch sehen, er würde sich freuen. Karin kann nicht, zu viel zu tun. Außerdem, eine Woche sei ja überschaubar.

Nachdem er abgefahren ist, meldet sie sich erst nicht. Dann wird es ein Riesenakt, bis sie sich einverstanden erklärt zu telefonieren. Zuvor schreibt sie, sie habe keine Zeit, und wenn, dann nur kurz, und überhaupt, sie fühle sich ihm ,,so fremd‘‘. Am Telefon verkündet sie dann, schon die ganzen letzten Tage hätte sie gerne telefoniert. Dafür, es vorzuschlagen oder gar spontan anzurufen, scheint es aber doch nicht ausgereicht zu haben. Sie könnten ja morgen nochmal telefonieren, schlägt er vor. In muffligem Ton erwidert sie: ,,Ja, mal schauen.‘‘

Die jüngste Krise ist gerade überwunden, es ist ein milder, großzügig leuchtender Sonntagnachmittag, Joshua kehrt eben zurück von einem endlich in die Tat umgesetzten Besuch im Augustinermuseum mit einer Freundin, und per Sprachnachricht fragt ihn Karin, die schönste Frau, die er kennt, ob sie vielleicht schon ein bisschen früher zu ihm kommen kann. Joshua ist im Himmel, einzig getrübt von einer Bemerkung am Schluss ihrer Nachricht: Er habe Marta, der Freundin, doch nichts von ihnen erzählt, oder? Joshua schickt eine Antwort in ebenso beschwingtem Ton los, unbedingt müssen sie beide auch einmal in dieses Museum, und er habe einen Botanischen Garten entdeckt, den müsse er ihr demnächst zeigen, und ja, er freue sich auch auf sie. Blaue Häkchen verraten, dass Karin am anderen Ende der Verbindung seine Sprachnachricht anhört. ,,Ooooch‘‘, kommentiert sie live, mit Herzchen und Kusssmiley, und dann: ,,Das ist jetzt krass.‘‘, als sie zum Ende seiner Nachricht kommt, wo er anmerkt, Marta sei eine gute Freundin, und er lasse sich nicht vorschreiben, was er seinen Freunden erzähle.  

Daraufhin wechselt das ,,online‘‘ unter Karins Namen zu ,,schreibt…‘‘, und da dämmert Joshua, dass der Augenblick Harmonie und Perfektion schon wieder vorbei ist, dass die nächste Krise anrollt. Mit hämmerndem Herzen hockt er vor dem Handy, furchtsam und gleichzeitig ungeduldig, das Ergebnis ihres Schreibprozesses möge doch endlich auf seinem Display erscheinen, um es rasch hinter sich zu bringen.

Er wartet eine Dreiviertelstunde. Eine Dreiviertelstunde lang rührt sich das Wort ,,schreibt…‘‘ nicht mehr vom Fleck. Er kann sich geradezu bildhaft vorstellen, wie Karin besessen auf ihr Handy einhackt, die Stirn schweißglänzend, die blonden Locken verstrubbelt, das Letzte aus ihren trainierten Fingern holend, um mit den rasenden Gedanken Schritt zu halten. Am Ende erhält er die längste Whatsapp-Nachricht in seiner ganzen Whatsapp-Karriere, und ihre Chancen stehen gut, dass sie diesen Rekord für alle Zeiten halten wird. Nachdem Joshua die Nachricht einmal gelesen hat, weiß er nicht mehr als vorher, außer dass er sie extrem verärgert und extrem verletzt hat und, überflüssig zu erwähnen, das mit heute Abend vergessen kann.

Seine Sprachnachricht, in der er am Boden zerstört erklärt, was auch immer sie derart verletzt habe, er habe es nicht so gemeint, es müsse ein Missverständnis vorliegen, lässt sie unkommentiert. Zweimal ruft er sie an, beide Male lässt sie es klingeln.

Erst am nächsten Tag erklärt sie sich bereit zu einem Gespräch. Sie diskutieren bis zu dem Punkt, an dem ihm keine Einigung mehr möglich erscheint, und darüber hinaus. Er beharrt darauf, seinen Freunden erzählen zu dürfen, was er wolle, sie wirft ihm schräge Standards vor, bis schließlich ihre Augen feucht werden und sie erklärt, sie habe einfach Angst, Joshua könnte anderen intime Details über sie verraten. Wenn er wütend auf sie sei, traue sie ihm zu, dass er vor seinen Freunden über sie lästere.

Joshua wüsste nicht, worin diese gefährlichen Details bestehen sollten. Noch kennen sie sich nicht so gut, doch selbst wenn dunkle Familiengeschichten, kompromittierende Eigenheiten und andere pikante Geheimnisse enthüllt worden wären, würde Joshua sie nicht herausposaunen. Eine tiefgreifende Angst tritt zutage, andere könnten erfahren, wie sie wirklich ist, und sie daraufhin verlassen. In Wahrheit besitzt Karin ein verschwindend geringes Selbstwertgefühl. Im tiefsten Innern fühlt sie sich nichtig, minderwertig und hässlich. Im Grunde glaubt sie nicht daran, liebenswert zu sein. Die Bestätigung vom anderen Geschlecht mag in noch so überschwänglicher Fülle vorhanden sein, keine Zuneigung der Welt vermag das Loch in ihr zu stopfen.

Deshalb verbietet sie ihrem Freund, neben ihr andere weibliche Freundinnen zu haben. Deshalb ihre nagende, verzehrende Eifersucht. Schon wenn ihr Freund eine andere Frau auf einen Kaffee trifft, leidet Karin Höllenqualen. Die andere könnte besser sein als sie, schöner, liebenswerter. Alle anderen sind Konkurrentinnen. Jederzeit könnte ihr Freund merken, was die anderen ihr voraushaben, und dann wird er sie verlassen. Es gibt nichts, was Karin mehr fürchtet, als verlassen zu werden. Solange sie kontrolliert, was andere von ihr sehen, solange andere ein Bild von ihr zu Gesicht bekommen, auf das sie das Urheberrecht besitzt, lebt sie in provisorischer Sicherheit. Doch unaufhörlich droht sie aufzufliegen. Wenn die anderen sähen, wie sie wirklich ist, würden sie sich von ihr abwenden. Karin wäre wieder ein kleines Mädchen, verlassen von ihrem Vater.

Verlassenheitsängste zu haben, ist kein Verbrechen. Eine andere Sache ist es, konsequent die Augen vor den eigenen Problemen zu verschließen. Gemäß den eigenen Brüchen, den eigenen Ängsten und Unzulänglichkeiten zu handeln und Kollateralschäden anderer in Kauf zu nehmen. Sich aus der Verantwortung zu ziehen und einfach zu leugnen, etwas verändern zu können, um sich der eigenen Angst, den eigenen Untiefen nicht stellen zu müssen, auf Kosten ihrer Umwelt. Sich auch beim x-ten Drama nicht zu fragen, ob man eventuell, möglicherweise, ganz vielleicht zu einem kleinen Teil selbst dazu beigetragen haben könnte, sondern sich ewig damit zu begnügen, sich selbst zu bemitleiden und sich bei der besten Freundin auszuheulen, die einem auch ganz bestimmt genau das sagen wird, was man hören möchte, nämlich wie unsensibel und grausam die anderen sind. Sich immer nur als Opfer zu sehen und nicht zu erkennen, dass man auch Täterin ist. Und – ganz nebenbei gesagt – Psychologie zu studieren und sich in Zukunft auf dem Therapeutensessel zu sehen. Zeit, endlich einmal auszusprechen, was vielleicht auch die beste Freundin insgeheim denkt.

Da Karin zum Studium im badischen Freiburg bleibt, wo sie aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, muss sie nicht, wie andere, im Studium neue Bekanntschaften schließen, sondern führt die Freundschaft mit ihren drei besten Kindheitsfreundinnen unverändert fort. Jeden Mittwoch treffen sie sich zum Filmabend, und im Sommer versammeln sie sich im Ferienhaus von Florence‘ Stiefvater. Es wirkt wie eine Bilderbuchfreundschaft. Was Karin nicht weiß: Ihre drei Freundinnen unterhalten neben der gemeinsamen Whatsapp-Gruppe eine weitere Gruppe, ohne Karin. Karin kann nämlich ganz schön anstrengend sein.

*

Joshua ist nicht fähig, einmal ihre Schönheit gut sein zu lassen und einen Blick auf den Menschen dahinter zu werfen. Er will seine Verliebtheit auskosten, ein wenig Trägheit ist auch mit von der Partie, schließlich kostet es Kraft, die rosarote Brille zu verrücken. Wahrscheinlich glaubt er auch, eine Person realistisch zu betrachten mit all ihren Stärken, aber auch ihren Fehlern und Schwächen, und diese Person zu lieben, schlössen sich gegenseitig aus. Jedenfalls schüchtert ihre Schönheit ihn ständig ein. Auf eine unanfechtbare Art scheint ihre Schönheit sie zu einem besseren Menschen zu machen. Umso spannender, einmal genauer hinzuschauen.

Sie sind sich seit ein paar Tagen erst nahegekommen, da fragt sie Joshua eines Abends, ob er sich an den Abend im White Rabbit letzten Herbst erinnere? Joshua erinnert sich. Auf einmal war sie an der Bar des Clubs vor ihm aufgetaucht und strahlte ihn an: ,,Hast du meine Nachricht doch noch bekommen!‘‘ Sie hatte ihn gefragt, ob er heute Abend auch zur Party komme. ,,Nein, die hab ich noch nicht gelesen‘‘, erwidert Joshua, ,,ich wäre eh‘ gekommen.‘‘ Das brachte Karins Miene kurz zum Entgleisen. Es war ihm so herausgerutscht. Einerseits tat es ihm leid, dass eine Frau ihres Kalibers Interesse an seiner Gesellschaft bekundete und ihm nichts Besseres einfiel, als sie vor den Kopf zu stoßen. Andererseits wusste er ganz genau, warum er das gesagt hatte. Im Grunde kannte er sie nicht, abgesehen von ein paar Unterhaltungen an der Uni oder auf Partys, die den schützenden Rahmen der Ironie nie verlassen hatten. Trotzdem glaubte er vom ersten Augenblick an eines über sie zu wissen: Eine Frau mit ihrem Aussehen war zweifellos gewohnt, zu bekommen, was sie wollte. Weil Joshua sich durchaus in den Kreis der Anfälligen für derlei Reize miteinschloss, hegte er ein Ressentiment gegen sie. Er fand, es schadete nichts, sie ab und an mit der Tatsache zu konfrontieren, dass nicht jeder ihr verfallen war, und ihrem Selbstbewusstsein sozusagen in homöopathischen Dosen heilsame Dämpfer zu versetzen.

Nach der Party, erzählt Karin, habe sie sich über seine Bemerkung den Kopf zerbrochen. Halb Drei Uhr nachts habe sie vor ihrem Diktiergerät gesessen, ihre Form des Tagebuchs, und laut hin und her überlegt, wie Joshua das gemeint haben könnte. Doch am nächsten Tag spukten seine Worte immer noch in ihrem Kopf herum. Es wühlte sie so sehr auf, dass sie schließlich keinen anderen Ausweg sah, als ihm zu schreiben: Sie müsse ihn etwas fragen, mache er sich gefasst auf die beste Frage aller Zeiten; morgen Mittag an der Uni? Aber als sie sich mittags vor der Mensa trafen, kam sie nicht dazu, ihre Frage zu stellen; Andreas hatte mitbekommen, dass seine (eigentlich Ex-) Freundin mit einem anderen Mann zu essen drohte, und lud sich kurzerhand selbst dazu ein.

Wiederum sehr selbstbewusst malt sie ihm ihren letzten Laos-Urlaub und den ,,Survival-Trip‘‘ aus, der ihre Schwester Emma und sie um ein Haar das Leben gekostet habe. Wie Emma nun einmal sei, habe sie spontan die Lust gepackt, für ein paar Tage sich in den Dschungel zu schlagen. Und hat Emma sich einmal eine Idee in den Kopf gesetzt, lässt sie sich von Einwänden wie ,,unvernünftig‘‘ oder ,,unrealistisch‘‘ nicht beirren. Vernunft, Abwägen, Mittelweg, das ist so durchschnittlich; damit können sich die anderen Menschen abgeben, die Normalen. Deshalb werden sie auch immer Mittelmaß bleiben, während Emma DJ ist. Emma hat schon in Paris gelebt, aktuell in Barcelona, also ist sie Teil der Avantgarde. Dass Emma Hartz-IV bezieht und mit 36 Jahren ihr Leben immer noch für einen Spielplatz hält, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie etwas Besonderes ist. Emmas Besonderheit verpflichtet sie geradezu, Regeln, welche die Angepassten in ihrem Mangel an Kreativität und Innovation nötig haben, entschieden abzulehnen. Freigeist, der sie ist, weigert Emma sich, nachmittags schon anzugeben, ob sie abends verfügbar ist oder nicht. Mehrere Stunden im Vorhinein kann sie doch, um Himmels willen, noch nicht vorhersagen, worauf sie zu betreffendem Zeitpunkt Lust haben wird. Auch verschwendet Emma ihre kostbare Lebenszeit nicht mit so lästigen Dingen wie Höflichkeitsfloskeln oder Moralgehabe. Als einmal ein ehemaliger Gulag-Häftling nach einem Vortrag in der Vorlesung von Karins Stiefvater – er ist Professor für neuzeitliche Geschichte, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Stalinzeit – bei ihnen zum Mittagessen zu Gast ist und, anstatt dankbar zu sein, permanent etwas auszusetzen hat, hält Emma sich mit übermäßigem Verständnis und Zurückhaltung aufgrund moralischer Bedenken nicht auf, der Typ, sagt sie in der Küche zu ihrer Schwester, sei eben ein ,,Arschloch‘‘. Emmas Utopie einer Gesellschaft der Authentizität stößt dann an ihre Grenzen, wenn nicht sie, sondern zur Abwechslung einmal jemand anderes ganz ungezwungen und direkt zu ihr spricht. Wie zum Beispiel ihr Großvater, der sie beim Familienessen interessiert über ihre Musik ausfragt, um dann beiläufig in einem Nebensatz zu erwähnen, ,,mal davon abgesehen, dass das ja gar keine richtige Musik ist.‘‘. Aber mehr könne man von ihrem Opa auch nicht erwarten, sind Emma und Karin sich einig, ihr Opa sei eben einfach asozial.

Ihre Schwester ist übrigens Karins Hauptansprechperson in Beziehungsfragen.

Zurück zu Emmas Idee, sich völlig unvorbereitet, ohne Ausrüstung, Karte, Erfahrung oder andere spießige Spaßverderber in den laotischen Dschungel zu schlagen. Im selben Dorf wie sie habe sich ein australischer Junkie aufgehalten, um sich vom Stress der Zivilisation zu erholen. Bei Emmas Idee sei er sofort Feuer und Flamme gewesen. Er kenne da einen, der als ihr Führer fungieren könnte. Der australische Junkie verschwand zum nächstgrößeren Dorf und kehrte zurück mit einem Männchen, ,,halb Mensch, halb Tier‘‘ nach Karins Beschreibung. Alle paar Meter habe er seine Nase in den Wind gereckt, vermutlich um wilde Tiere zu wittern, und ununterbrochen habe er Laute von sich gegeben, eine Art Knurren, wie sein Hund, den er dabei hatte, mit dem er – sie könne schwören – habe kommunizieren können und sich das Abendessen geteilt habe, aus derselben Schüssel.

Joshua versucht sich eine Lichtung mitten im Dschungel vorzustellen, Schlafplätze im Staub, der die weißen Blusen der Schwestern befleckt, den Schweiß, von dem die Kleider ganz klebrig werden und der nach gewisser Weile wirklich streng riecht, es gibt auch keine Spiegel, um das Make-Up zu erneuern und durch die ungewohnte Ladung an Schmutz frisch entstandene Pickel abzudecken, noch gibt es eine Dusche, um die fettigen Haare loszuwerden, die zarte Haut ganz ruiniert von Moskitos, und sicher schmerzen die Beine, überhaupt jede einzelne Stelle am ganzen Körper muss schmerzen, wo man doch den ganzen Tag lang gelaufen ist, und nicht einmal auf einem Wanderweg, nein, durch das Unterholz des Dschungels hat man sich geschlagen, durch Büsche, Gestrüpp, Ranken, schon geübte Wanderer und Berufsabenteurer wären da froh, abends einfach liegen zu dürfen, wie erleichtert müssen da die Schwestern sein über eine Matte, ein Feuer und eine Rolle Klopapier (ohne Seife oder Waschbecken, versteht sich). Die zwei jungen, eleganten, modebewussten Frauen, die doch sonst keinen Fuß aus ihrem Biotop – der Stadt – heraussetzen, deren körperliche Ertüchtigung sich in einer Stunde Dehnen pro Woche, gemeinsam mit der Mutter, erschöpft. So erkundungsfreudig hat Joshua Karin noch gar nicht wahrgenommen, entgehen ihr doch solche Details wie, dass in der Stadt, in der sie aufgewachsen ist, der neue Aussichtsturm auf dem Schlossberg seit vier Jahren fertiggestellt ist, oder dass es zwei davon gibt. Gewagt, so ein ,,Survival-Trip‘‘, wenn man, so wie Karin, lieber die Hände vom Fahrrad lässt aus ,,Respekt vor dem Straßenverkehr‘‘.

Am zweiten Tag ihrer ,,Expedition‘‘ hätten sie eine Felswand hinaufklettern müssen. Da seien nur Wurzeln gewesen, um sich festzuhalten, und wäre eine davon gerissen, sie hätten den Sturz nicht überlebt.

Spätestens an dieser Stelle lassen die Zweifel sich nicht länger ignorieren, die Möglichkeit, dass Karin bei ihrer Schilderung ihres ,,Survival-Trips‘‘ etwas übertreibt. Karin, die von Andreas in drei Jahren noch nicht dazu bewegt werden konnte, einmal, ein einziges Mal mit klettern zu gehen. Nicht einmal in der Halle, an der niedrigsten Wand mit den meisten Griffen. Diese Karin klettert auf einmal im Dschungel an einer Felswand um ihr Leben?

Karin sei jedenfalls keine dieser Frauen, die bloß ihr Aussehen und sonst nichts im Kopf hätten, hat Andreas Joshua einmal vorgeschwärmt (als die beiden noch miteinander geredet haben). Und es stimmt: Karin hat auch ein breites Wissen darüber, wie man sein eigenes Make-Up brauen kann. Auch dass sie sich zum Geburtstag ein Parfüm im Wert von hundertfünfzig Euro wünscht, darf nicht so interpretiert werden, als lege sie übermäßig viel Wert auf ihr Äußeres.

Für was interessiert Karin sich eigentlich? Politik? In der Satireshow, die Joshua und sie gemeinsam schauen, ist der Dieselskandal ein unbekanntes Wort für sie, und bei dem Namen Gerhard Schröder klingelt etwas bei ihr, aber ihr ist entfallen, dass es sich um den ehemaligen Bundeskanzler vor Angela Merkel handelt. Literatur? Früher sei sie eine Leseratte gewesen, aber mittlerweile fehle ihr die Zeit, die Zeit. Musik? Gitarrensound mit Halleffekt und dazu eine wehleidig jaulende Stimme, ständig nahe am Brechen ob der Grausamkeit der Welt, Krise als Grundzustand, und exzentrisch klingen muss die Stimme, ,,anders‘‘, so wie ihre exquisite Auswahl an Hörerinnen und Hörern, junge, privilegierte, hochsensible Akademikerkinder, die meinen, das Leid für sich gepachtet zu haben (zum Beispiel Hipstergejaule wie Cigarettes after Sex oder Alt-J).

Karin und Joshua unterhalten sich über den Film Fight Club. Wenn Karin beschreiben will, welch starke Emotionen etwas in ihr auslöst, fallen wiederholt die Wörter ,,krass‘‘, ,,mega‘‘ und ,,voll‘‘. Bevor sie eines dieser Wörter ausspricht, legt sie eine kurze Pause ein. Das soll den Abnutzungseffekt kompensieren und die Worthülse künstlich mit Bedeutung aufladen. Oder sie zieht das ,,e‘‘ in ,,mega‘‘ lang. Wenn ein Verstärkungswort nicht ausreicht, der Intensität an Gefühl gerecht zu werden, können auch zwei Verstärkungswörter kombiniert werden (,,mega krass‘‘) oder gleich alle drei aneinandergereiht (,,Krass! Mega! Voll!‘‘). Auf diese drei Begriffe scheint ihr Repertoire zur Beschreibung innerer Zustände sich auszudifferenzieren. Eine notwendige Konsequenz des inflationären Gebrauchs dieser Wörter ist ihre Entleerung. Karins Äußerungen klingen dadurch schablonenhaft, bedeutungshohl, auch künstlich und bemüht. Joshua kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die wörtlichen Superlative in ,,krassem‘‘ Gegensatz zu Karins tatsächlichem Gefühlsleben stehen. Vielleicht hätte sie gerne, dass etwas sie so sehr berührt, so stark bewegt, dass man es nur noch als ,,mega‘‘ beschreiben kann. In Wahrheit herrscht in Karins Innerem die meiste Zeit eine bedrückende Abwesenheit von Gefühl. Ein Gefühl von Leere, insofern die Abwesenheit von Gefühl auch ein Gefühl sein kann.

Der Film Fight Club scheint etwas in Karin anzusprechen. Er handelt von Männern, denen kein Sinn für ihr Leben einfällt und die sich deshalb entscheiden, es dem gegenseitigen Sich-Verprügeln zu widmen. ,,Ich find‘ den Film so mega gut gemacht, weil er etwas so krass auf den Punkt bringt, die Sehnsucht, sich wieder spüren zu können, und sei es durch Schmerz.‘‘, sagt Karin.

Im Grunde ist Karin voll und ganz okkupiert vom und geht auf im Klein-Klein persönlicher Beziehungen: Wer hat was gesagt oder verheimlicht? Was denken die anderen hinter ihrem Rücken? Ihr Leben verläuft zu dramatisch, wie eine Achterbahn geht es ständig auf und ab, und erholsame Strecken währen, wenn überhaupt, dann nur kurz. Bei all dem Drama bleibt kaum Zeit, einmal über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Karin beklagt es selbst gegenüber ihren Freundinnen, dieses Jahr sei voller Drama und lasse sie kaum zu Atem kommen. Es gehört eine ordentliche Portion Kühnheit dazu, so konsequent auf der Anschauung zu beharren, der Fehler liege überall sonst, nur nicht bei ihr; zur Not werden die Fakten entsprechend zurechtgebogen, ein Präsident macht es vor. Aber ihr Verhalten wäre nicht möglich ohne eine Umwelt, die ewig rücksichtsvoll, geduldig und verständnisvoll bleibt, anstatt ihr von außen Grenzen zu setzen.

*

Vier Monate sind Karin und Joshua nun zusammen, ohne ,,zusammen‘‘ zu sein. Vier Monate nach dreieinhalb, fast vier Jahren Beziehung sind ein Tropfen auf den heißen Stein, muss sie dem unverständigen Joshua erklären, der unerbittlich immer wieder auf diesem Punkt herumhackt.  

Vor Kurzem hat sie erfahren, dass Andreas nun ebenfalls wieder jemanden hat. Gegenüber seiner Affäre bringt er regelmäßig zum Ausdruck, wie froh er ist, Karin los zu sein. Zwischendurch schreibt er Karin: Er vermisse sie; er müsse oft an sie denken. Als Joshua fragt, was sie darauf antworte, erwidert Karin: ,,Nichts.‘‘ Obwohl sie Andreas‘ Neuer erst einmal kurz begegnet ist, steht für sie fest, dass man ,,dieser Fotze‘‘ nicht trauen kann. Beim Mittagessen mit Joshua meint sie, draußen Andreas in Gesellschaft seiner Affäre erblickt zu haben; das ganze Essen über kann sie nicht mehr damit aufhören, den Kopf so weit nach vorn zu recken, bis sie an der Säule vorbei einen Blick auf Andreas erhaschen kann, um die beiden zu identifizieren.

Die Semesterferien rücken näher. Joshua würde gerne mit ihr in den Urlaub fahren, aber er fürchtet sich vor ihrer Reaktion? Fühlt sie sich dann wieder unter Druck gesetzt? Doch als er sich schließlich dazu durchringt und den Vorschlag macht, lächelt sie. Sie könnten ein paar Tage nach Barcelona fahren, zu ihrer Schwester. Ende Juli habe sie ohnehin vor, Emma zu besuchen. Im Park chillen, eine Segeltour machen und abends Cocktails schlürfen, Joshua kann sein Glück kaum fassen. Wenn sie erst einmal zusammen weggefahren sind, dann sind sie fast ein Paar.

Eine Woche später, zum ersten Mal seit Langem kann sie bis zum Frühstück bleiben, greift Joshua das Thema Urlaub wieder auf. Ob das mit Ende Juli noch stehe?

Ah, erwidert sie, das habe sie ihm noch sagen wollen, sie fahre nun doch früher zu ihrer Schwester.

Etwas stört Joshua, aber er kann es noch nicht in Worte fassen. Auch ihre Sprachnachricht vom selben Abend – sie habe gerade ihre neuen Arbeitszeiten erfahren, für Barcelona bleiben nur ein paar Tage, und die brauche sie für ihre Schwester, ihr Barcelona-Trip falle also ins Wasser, schade, aber sie könnten sich ja trotzdem einen schönen Sommer machen – beantwortet er verständnisvoll und duldsam. Er drückt sogar sein Mitgefühl dafür aus, dass sie mehr arbeiten muss als erwartet.

Erst mit Verzögerung dämmert ihm, dass er es eigentlich nicht in Ordnung findet, einen gemeinsam geplanten Urlaub auf eigene Faust vorzuverlegen, ohne das mit ihm abzusprechen. Wann, fragt er sich, hätte sie die Nettigkeit besessen, ihn darüber zu informieren, dass ihr Urlaub nun sechs Wochen früher stattfindet, wenn er nicht beim Frühstück explizit danach gefragt hätte? Was sagt das über die Bedeutsamkeit aus, die ihr gemeinsamer Urlaub für sie hat? Und mit welcher Selbstverständlichkeit sie ihrer Schwester höhere Priorität einräumt als ihrem, nun ja, Quasi-Freund. Ohne einen Alternativvorschlag zu machen. Karin erwartet, dass er frisst, was sie ihm an Brocken hinwirft, und sonst das Maul hält. Wie die ganzen vergangenen vier Monate.

Zuerst möchte sie nicht am Telefon darüber sprechen. Sie habe einfach keine Lust, sich damit abzugeben, dass er schon wieder Drama mache, verkündet sie ihm. Schließlich bekommt er sie doch noch ans Telefon. Von Ende Juli als Zeitraum für ihren Urlaub sei nie die Rede gewesen, bestreitet sie. Um ein paar Sätze später die widersprüchliche Aussage zu machen, höchstens angedeutet habe sie das. Dass Joshua ihr nun einen Strick daraus drehen wolle, werde ihr eine Lehre sein, nächstes Mal überhaupt nichts mehr zu äußern. Und falsch, er habe nicht im Geringsten Anspruch darauf, mitzuentscheiden, wann sie ihre Schwester in Barcelona besuche. Was er sich herausnehme, ihr in dieser Hinsicht Vorschriften machen zu wollen? Das gemahne sie doch stark an Andreas, der habe von ihr verlangt, zwischen zwei Urlauben für einen einzigen Tag zurück nach Hause zu fliegen, um ihn kurz sehen zu können. Damals habe sie das getan, sie bereue es nicht, doch ein zweites Mal lasse sie sich auf solche Forderungen nicht ein.  

Das Gespräch nimmt seinen Ausklang mit ihrer Einigung, unterschiedliche Vorstellungen in Bezug auf Urlaubsplanung zu haben. Als er auflegt, liegt Mitternacht längst zurück. Ihm fällt auf, dass er seit Karin öfter in das Vergnügen nächtlicher Krisengespräche kommt. Wieder einmal kann er sich des Gefühls nicht erwehren, sie zu glimpflich davonkommen haben zu lassen.  

Am nächsten Tag erzählt er einem Freund davon. ,,Hm, so früh schon so kompliziert.‘‘, meint der. Auch wenn Joshua es schon oft gedacht hat – es ausgesprochen zu hören, trifft ihn härter als erwartet.

Wenige Tage später ist das Sommerfest der psychologischen Fachschaft. Karin begrüßt ihn mit glühenden Wangen, doch Joshua kann ihre Euphorie nur unzureichend teilen. Der gescheiterte Urlaub nagt noch an ihm. Am Tisch sitzt er Karin gegenüber. Deren Blick geht vorbei an Joshua zu den Tischen weiter hinten, wo Andreas sitzt. ,,Schon komisch‘‘, sagt Karin zu ihrer Freundin, ,,fünf Monate ist die Trennung jetzt her, und ich muss trotzdem die ganze Zeit zu ihm hinschauen.‘‘ Es scheint sie nicht zu stören, dass Joshua mithört.

Ihr gegenüber sitzt ihr neuer Freund. Vier Monate lang hat er Geduld gehabt, mehr Geduld als die meisten anderen. Obwohl sie alles tut, ihn zu vergraulen, hält er zu ihr. Und zum Dank weigert sie sich, ihn als ihren Freund anzuerkennen, und auf Partys hat sie nur Augen für ihren Ex. Derselbe Ex, der ihr verboten hat, mit Kollegen schwimmen zu gehen, und ihr nachfährt, um sie anzubrüllen.

Mit grimmiger Entschlossenheit, sich auch von einer Karin das Sommerfest nicht nehmen zu lassen, gesellt Joshua sich zu den Tanzenden. Am Anfang ist es ein Krampf. Irgendwann, als würde ein Schalter umgelegt, erscheinen ihm Karin und all die Probleme, die mit ihr verbunden sind, als das, was sie sind: Vollkommen bedeutungslos und mit Abstand betrachtet ein Fliegenschiss. Er fängt sogar an, Spaß am Tanzen zu haben.  

Jemand tippt ihm auf die Schulter, Karins Freundin. ,,Weißt du, wo Karin ist?‘‘, fragt sie. Und als Joshua den Kopf schüttelt: ,,Ich hab nur noch gesehen, wie sie mit Andreas das Fest verlassen hat.‘‘

Eigentlich überrascht es Joshua nicht. Ein Drama mehr. Sie kann nicht mit Andreas nach Hause gegangen sein, sie hat ihre Tasche auf der Party zurückgelassen. Mittlerweile traut er ihr Vieles zu; eine Rückkehr zu ihrem Ex, dem sie vor ein paar Wochen noch den Tod gewünscht hat, liegt außerhalb seines Vorstellungsvermögens.

Am Morgen danach schreibt er Tagebuch. Wie von selbst kommen seine Hände zu dem Schluss, dass er nicht mehr kann. Er liest es und muss einsehen, dass es für die aktuelle Situation keine alternativen Deutungen mehr gibt. Sie lässt ihm keine Wahl. Er hat es versucht.

Er wartet, bis sie sich meldet und erwartungsgemäß mit Vorwürfen aufwartet, er sei gestern so mieser Stimmung gewesen, obwohl sie ihn so nett begrüßt habe, und dann sei er auch noch gegangen, ohne sich abzumelden. Er erwidert, er werde darüber nicht per Whatsapp reden, er verlangt ein persönliches Treffen. Dass sie einlenkt und sich einverstanden erklärt, ihn um fünf Uhr zu treffen, überrascht ihn. Das ging für sie ungewöhnlich einfach. Eine Stunde später überlegt sie es sich denn auch anders: Da sie ihm absolut keinen Grund geliefert habe, beleidigt zu sein, sehe sie nicht ein, wieso sie darauf eingehen solle; ihr Bruder sei gerade zu Besuch, sie habe also auch nicht die Zeit, Joshua zu treffen; für diese Situation sei allein er verantwortlich, wenn er sich weigere, darüber zu sprechen, dann wolle sie ihn wissen lassen, dass er nicht der Einzige sei, der darunter leide, das betreffe sie nämlich auch, sie fühle sich ,,sehr bedrückt‘‘.

Als Joshua nicht das gewünschte schlechte Gewissen bekommt, sondern ihr mitteilt, heute Abend erst einmal für ein paar Tage nach Hause zu fahren, ruft sie an. Er lässt es klingeln, nicht ohne ihr noch einmal zu erklären, er bleibe bei seiner Forderung nach einem persönlichen Treffen; wenn sie lieber Zeit mit ihrem Bruder verbringen möchte, sei das ihre Entscheidung.

Er steigt schon am Bahnhof aus der Straßenbahn, da klingelt das Handy. Sie stehe am Haupteingang, wann er komme.

Sie setzen sich in die Nähe des Bahnhofs auf die blaue Brücke. Joshua erwähnt den Urlaub, was vehementen Widerspruch hervorruft. Dann kommt er auf gestern Abend zu sprechen. Erst habe sie nur Augen für ihren Ex, und dann verschwinde sie sogar mit ihm. Ob sie begreifen könne, wie verletzend das sei?

Und was verlange er jetzt?, entgegnet sie ihm. Eine Entschuldigung? Er begreife wohl nicht, wie wichtig dieses Gespräch gestern mit Andreas gewesen sei. Wie entscheidend für die Verarbeitung.

Es gehe ihm nicht um die einzelnen Vorfälle an sich. Vier Monate lang habe er in Kauf genommen, dass sie ihre Beziehung in der Schwebe halte, während er ihr alles gebe, was sie brauche. Ob sie sich vorstellen könne, wie schwer ihm das gefallen sei? Wieviel ihm das abverlangt habe? Er könne nicht mehr. Er habe keine Kraft mehr.

,,Und jetzt?‘‘, fragt sie. ,,Dann heißt das, es ist Schluss?‘‘

Sogar jetzt, sogar wenn Joshua die Trennung als ultimativen Ausweg ins Spiel bringt, reißt Karin sich die Kontrolle unter die Nägel. Bevor jemand mit ihr Schluss macht, zieht lieber sie selbst die Reißleine. Sie nimmt Joshuas Geständnis, weit über seine Schmerzgrenzen gegangen und aktuell kraftmäßig völlig bankrott zu sein, nicht zum Anlass, einmal ernsthaft die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, einen Schritt auf ihn zuzugehen. Sich einmal, das erste Mal, einen Ruck zu geben und nicht diejenige zu sein, die nimmt, sondern etwas zu geben. Bevor es so weit kommt, gibt sie ihm lieber den Laufpass.

Joshua, der eigentlich geglaubt hat, für einmal in der machtvolleren Position zu sein, sieht sich unversehens damit konfrontiert, dass mit ihm Schluss gemacht wird. ,,Ähm, eigentlich hatte ich eher an eine Beziehungspause gedacht.‘‘, druckst er herum.

Karin muss kurz lachen über Joshua, der nicht die Eier hat, die einzig mögliche Konsequenz aus der Situation zu ziehen. ,,Da machen wir lieber gleich Schluss.‘‘, verbessert sie ihn.

Sie stehen auf und gehen auseinander: Sie nach Hause, er auf seinen Zug.

*

Eine Woche später bricht sie ihr Schweigen: Die Sachen, die sie noch bei ihm habe, könne er die in einer Tüte in seinen Briefkasten legen, damit sie sie bei Gelegenheit abholen könne? Konsequent, diese Frau: Man hat Schluss gemacht, also überspringt man überflüssige Gefühlsduselei und kommt gleich zum Praktischen: Wo sind meine Haarspange und mein T-Shirt? Um unangenehmen Gefühlen vorzubeugen, die eine Konfrontation mit dem anderen in physischer Form hervorrufen könnte, wählt man als Mittelsmann den Briefkasten.  

Dann zu seinem Geburtstag drei Wochen später erneut eine Nachricht. Sie gratuliert ihm, schließlich ist sie gut erzogen. Sie erkundigt sich sogar, wie es ihm gehe. ,,Den Umständen entsprechend‘‘, antwortet er wahrheitsgemäß, ,,und dir?‘‘ Sie genieße die Ferien und wünsche ihm einen tollen Sommer, kommt als Antwort. Um ihm eine bildliche Vorstellung des tollen Sommers zu vermitteln, schickt sie ihm mehrere Sonnen und Regenbögen und Smileys mit Sonnenbrillen.

Aber dieses endgültige Hinauskomplimentieren aus ihrem Leben stellt sich als doch nicht so endgültig heraus. Joshuas Annonce auf Facebook zur Vermietung seines Zimmers lässt ihm erneut die Ehre von Karins Aufmerksamkeit zuteilwerden. Ob er etwa ausziehe, fragt sie ihn. Da kann Joshua für einen Augenblick nicht mehr an sich halten, er besitzt die Vermessenheit, ihre wiederholten, unnötigen, oberflächlichen Nachrichten als Andeutung zu interpretieren, dass sie vielleicht noch einmal reden wolle. Sie wagt vielleicht nur nicht, es direkt auszusprechen, so dermaßen Angst, wie Karin vor Zurückweisung hat, und außerdem besitzt sie ja auch ihren Stolz. Also schreibt er, wenn sie noch einmal reden wolle, sei er gerne dazu bereit.

Diese Nachricht quittiert sie mit Schweigen.

Dann folgt eine Phase, in der sie die Wechsel von Joshuas Profilbildern zum Aufhänger für neue Nachrichten benutzt. ,,krasses Bild‘‘, kommentiert sie, oder ,,uuh, wo ist das?‘‘. Joshuas Test, einmal für extra das Bild zu wechseln, nur um nachzuprüfen, ob seine Vorhersage stimmt und wieder eine Nachricht von ihr eintrudelt, erfährt umgehend Bestätigung.

Einmal begegnen sie sich zufällig am Bahnhof. Für einen kurzen Austausch bleibt keine Zeit, sie muss natürlich dringend ihren Zug erwischen. Den Austausch holt sie dann per Whatsapp nach, die Nachricht stellt alle vorangehenden an Inhaltsleere, Bemühtheit und Skurrilität in den Schatten: Beim Radfahren – Joshua saß auf seinem Rad bei ihrer Begegnung – solle er an seine Knieschoner denken. (Joshuas Antwort: ,,Sagt das Mädchen, das beim Überqueren der Straße aufs Handy schaut.‘‘)

Die erste Vorlesung im neuen Semester widmet sich dem Thema Liebesbeziehungen. Ironischerweise sitzen gleich beide Kandidaten mit im Raum, Karin und Andreas. Sie sitzen nebeneinander, aber Joshua denkt sich nichts dabei, sie haben ja wieder angefangen, miteinander zu sprechen, für den Verarbeitungsprozess. Auch als Andreas, mit dem Joshua nun gemeinsam das Tutorat über Gewaltfreie Kommunikation leitet – Joshua betrachtet es als gute Übung fürs Berufsleben, wo man sich seine Arbeitskollegen schließlich auch nicht aussuchen kann -, als Andreas also aufs Klo geht und dabei demonstrativ sein Handy auf dem Tisch vor Joshua liegenlässt, Whatsapp geöffnet, ganz oben der Chat mit Karin, kann Joshua nicht ernsthaft glauben, dass die beiden wieder ein Paar sein könnten. Dafür hält er Karin einfach für zu intelligent, traut er ihr einfach zu viel zu. Würde sie nach allem, was passiert ist, nach allem, was sie ihm über Andreas und ihre Beziehung mit ihm erzählt hat, tatsächlich zurück zu Andreas gehen – mit was für einer Frau hätte Joshua vier Monate seines Lebens verbracht?

Erst als Felix es eines Abends auf einer Party erwähnt – ja, er sei jetzt ausgezogen aus der WG mit Andreas, seit Karin wieder öfter ein- und ausgehe, halte er das Drama nicht mehr aus -, erst in diesem Moment muss Joshua sich eingestehen, dass er Karin tatsächlich überschätzt hat.

Und in der Tat, in der nächsten Pause der Vorlesung über Paartherapie sitzen die beiden auf der Treppe. Karin hat ihren Kopf auf Andreas‘ Schulter gelegt, schon gemein, was die Welt schon um elf Uhr morgens so einem kleinen, blonden Köpfchen an vertrackten Theorien zumutet. Zum Beispiel zum Thema pathologische Eifersucht.

Wer die Beiden einfach so dasitzen sieht, könnte es für einen friedlichen Anblick halten.

Man muss nicht Psychologie studieren, um Eins und Eins zusammenzuzählen und vorherzusagen, dass dieselben Probleme, die schon einmal zum Scheitern der Beziehung geführt haben, früher oder später erneut aufploppen werden.

Wohl eher früher, sonst würde Karin sich wahrscheinlich nicht auf einmal mit Joshua treffen wollen. Ob Andreas davon weiß? ,,magst mal schnacken‘‘, schreibt sie auf einmal eines Tages. Ohne auf Groß- und Kleinschreibung zu achten, sie macht sich nicht einmal die Mühe, mit einem Fragezeichen zu kennzeichnen, dass es sich um eine Frage und nicht um einen Befehl handelt. Joshua, der schon vor Monaten ein Gespräch vorgeschlagen hat und dessen Vorschlag damals mit Schweigen quittiert wurde, mag eigentlich nicht ,,mal schnacken‘‘. Karin scheint es allerdings tatsächlich als Aufforderung gemeint zu haben, denn als Joshua nach drei Stunden noch nicht geantwortet hat, ruft sie ihn an. Ausgerechnet in diesem Moment streikt mal wieder sein Handymikrofon, außerdem ist er gerade auf dem Sprung, er hat ein schickes Hemd angezogen und glüht in freudiger Erwartung auf die Party. Er sei gerade auf dem Sprung, schreibt er ihr, morgen werde er ausführlich antworten.

Irgendwann nachts kommt er nach Hause und genießt, sozusagen als letzten Shot eines gelungenen Abends, die erwartete Nachricht einer tobenden Karin. O-Ton Karin: ,,(Grinsender Smiley) na klar, da will ich dich natürlich nicht von deiner Party abhalten. Dachte nur irgendwie, wir könnten miteinander reden wie zwei erwachsene, reflektierte Menschen. Aber wie ich auf diesen komischen Gedanken gekommen bin weiß ich auch nicht. Daran, dass wir uns ja mal sehr nahe waren und sowas ja auch was besondres ist, kanns nicht liegen (Grinsender Smiley) Ganz offensichtlich schaffst du es im Moment noch nicht, dich auf ein normales Gespräch mit mir einzulassen. den grund kannst nur du wissen. auch wenn wir uns auf einer bestimmten ebene auch ohne worte verstehen. ich finde es sehr schade dass das jetzt so läuft, aber wenn das so ist, dann mache ich jetzt mal einen abschluss. Mach’s gut joshua (Lächelnder Smiley) viel spaß auf deiner party‘‘.

Das Sahnehäubchen: Direkt nach Abschicken der Nachricht hat sie ihn blockiert. Karin hat ein Embargo über Joshua verhängt, ganz in der Tradition ihres Ex-Ex-Freundes.

Anscheinend ist jemand, der nicht sofort, wenn sie ruft, bei Fuß kommt, eine völlig neue Erfahrung für Karin. Zwar hat sie nun endgültig mit Joshua abgeschlossen. Unglücklicherweise muss sie zwei Tage später schon wieder die bittere Pille seiner Existenz schlucken, da sie dieselbe Vorlesung besuchen. Auf der Rückkehr vom Klo zu ihrem Sitzplatz inspiziert die Arme ganz aufmerksam die Decke, um Joshua zu ignorieren, der direkt vor ihr sitzt. Nach der Vorlesung besitzt der die Gnadenlosigkeit, mit einer Kommilitonin – seiner ,,Neuen‘‘? – denselben Weg zu wählen, den eigentlich sie gehen möchte. Notgedrungen weicht Karin auf den Umweg über das Martinstor aus, nur um vor der Mensa direkt auf Joshua und seine Begleitung zuzulaufen. Beim Vorbeigehen zieren gar Tränen ihre Augen, so blau wie das Meer auf dem Gemälde eines holländischen Meisters. Kurz darauf erblickt sie die beiden an einem der Gartentische, wo sie eigentlich essen wollte, und macht auf dem Absatz kehrt.

Joshua fühlt sich an diesem Tag in Hochstimmung.

Karin besitzt übrigens ihre ganz eigene Version dieser Episode: Wenige Tage nach Verhängung (und Wiederaufhebung) der Blockade über Joshua geht sie mit Felix spazieren. Beiläufig erkundigt sie sich, Felix treffe ja nun häufiger Joshua, was der Felix denn über sie, Karin, so erzähle? Sie habe Joshua vor ein paar Tagen noch einmal das Gespräch angeboten aus der Überlegung heraus, er habe vielleicht das Bedürfnis danach. Um ihm sozusagen zu erleichtern, über sie hinwegzukommen. Aber erst habe Joshua sie ignoriert, und dann habe er auch noch so getan, als spinne sein Mikro. Ganz den Coolen und Souveränen habe er gegeben, er gehe gerade auf eine Party. Am folgenden Montag in der Vorlesung dann habe er sie die ganze Zeit so wütend angeschaut.

Feuchte Augen und Ausweichmanöver in der Mensa kommen in Karins Version nicht vor. Und Felix neben ihr denkt sich, ob sie ihn eigentlich für dumm verkaufen will. 

*

Felix ist mittlerweile aus der WG mit Andreas ausgezogen. Ab und zu begegnen sie sich in der Muckibude. Letztens hat Andreas Felix aufgeklärt, was er davon halte, dass Felix immer öfter zusammen mit diesem Joshua trainieren gehe. Wenn Felix mit Joshua da ist, rauscht Andreas an beiden vorbei, ohne Felix zu grüßen. Andreas hält es für das Mindeste, dass Felix sich ihm gegenüber transparent verhalte in Bezug auf Treffen mit Joshua. Beim nächsten Mal, als alle Drei sich im Muskelfieber vereint finden, denkt sich Felix, heute wolle er mal ein tadelloser Freund sein, geht zu Andreas und versucht, ein Gespräch anzuknüpfen. Der gibt nur einsilbig Antwort und stemmt weiter seine Gewichte. Trotz Muskeln ist Andreas eben ein Sensibler.

Kurz nach Silvester zieht Karin gegenüber Felix Bilanz: Voller Drama sei das letzte Jahr gewesen, die Andreas-Sache habe ihr viel abverlangt. Das neue Jahr möge bitte gnädiger mit ihr sein und weniger Drama bringen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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15 Antworten auf „Fallbeispiele“

  1. Faszinierende Geschichte mit starken Charakterisierungen, die zeigt, wie schwierig Liebe und Beziehungen sein können.

    Falls Andreas und Karin tatsächlich in echt existieren sollten und sich, genauso wie beschrieben, unreflektiert, unsicher und manipulativ verhalten, wird auch klar, warum mit der Geschichte so hart ins Gericht gezogen wird: Es werden unangenehme Wahrheiten aufgedeckt.

    Dennoch, als eine Studentin in derselben Stadt wie der Autor, die im selben Uni-Gebäude ein und aus geht, kann ich keinerlei Rückschlüsse auf die erwähnten Personen ziehen – man müsste sie wohl wirklich persönlich kennen.

    Die Geschichte fokussiert mehr auf Charakterisierungen als auf einen klaren Plot – was ihr gutes Recht ist. Dementsprechend verschwimmt der Ablauf der Ereignisse – dies kann jedoch als eine Repräsentation von Joshuas Gemütszustand interpretiert werden, was den Effekt dieser vertrakten Liebesgeschichte verstärkt.

    Klar wird, wie Joshua unter der Quasi-Beziehung zu Karin leidet. Ebenso wird klar, dass Karin und Andreas eine sehr komplizierte On-Off-Beziehung mit viel Drama führen.

    Joshua kann man in der Geschichte einzig vorwerfen, dass er ein verliebter Narr ist, der trotz ambivalenten Zeichen immer noch Hoffnung schöpft. Ansonsten liegen die Sympathien auf seiner Seite, die Leser*innen leiden mit ihm.

    Interessant wäre eine zweite Version der Geschichte, in der mehr auf die Emotionen von Karin und Andreas eingegangen wird; denn auch wenn ihre Charakterzüge beschrieben werden, bleibt ihr Innenleben dem Leser grösstenteils verschlossen (wie wohl auch Joshua).

    Alles in allem: eine lesenwerte Geschichte, bei der Schwierigkeiten in der Liebe auf überzeugende Art dargelegt werden sowie auch deren Unfairness.

  2. Scheinbar hat der Schreiberling erkannt, dass er wohl doch eine Grenze überschritten hat.

    Seit kurzem wurde der Text an mehreren Stellen bearbeitet. Die Ferndiagnose der beiden „Protagonisten“ am Schluss wurde entfernt (womöglich als Reaktion auf den Kommentar der Psychotherapeutin), wie auch Handlungsorte und wörtliche Zitate geringfügig abgeändert. Wahrscheinlich gab es weitere Anpassungen, eventuell ist dieser Prozess auch noch im Gange.

    Wäre diese Geschichte Fiktion, oder zumindest rechtlich unbedenklich, so würde es natürlich auch keinen Anlass zu Änderungen geben – zumal der Verfasser zuvor sein Recht, als Künstler mit seiner Kunst alles zu dürfen (außer langweilig zu sein), wortreich verteidigt hat. Eine besondere Ironie liegt in der Tatsache, dass der Titel „Fallbeispiele“ ohne die schlussfolgernde Diagnose der Persönlichkeitsstörungen nun ziemlich verwaist wirkt. Dass die Änderungen der Qualität der Geschichte gedient haben, darf bezweifelt werden.

    Hier hat sich also scheinbar ein Problembewusstsein entwickelt, was begrüßenswert ist. Die Tatsache allerdings, dass diese Änderungen im Heimlichen geschehen sind, ohne Richtigstellung und ohne Entschuldigung an die Geschädigten, und dass der herabwürdigende Charakter der von ihm gezeichneten Persönlichkeiten nachwievor erhalten bleibt – und die Identifizierbarkeit für alle Personen des gemeinsamen Sozialkreises von Täter und Betroffenen von zuvor gegeben ist – zeugt eher von der Angst rechtlicher Konsequenzen und weniger von der Einsicht eigenen Fehlverhaltens.

    Das ist bedauerlich.

  3. Andreas mit der Hitlerjugend vergleichen und im nächsten Absatz schreiben “oder wie ein sehr arbeitsamer, asiatischer Arbeiter, der nur für die Arbeit lebt“
    Ich lese hier nur von einem Nazi und der bist du, Johannes Rohwer.

  4. Da es sich scheinbar um eine wahre Geschichte handelt und Joshua allem Anschein nach der Autor ist, würde mich interessieren, ob alles zu 100% so vorgefallen ist, oder ob die Geschichte auch viel fiktives beinhaltet? Die Tiefe der Details wie z.B., was Karin so geschrieben hat, wird sehr so rübergebracht, dass man sich mittendrinn fühlt und Joshua im Handeln beginnt zu verstehen. Das kann man glaube ich nur so wiedergeben, wenn das Geschriebene wirklich erlebt wurde. Wurde Joshua wirklich von Karin bis und mit Juni in dieser Orientierungslosigkeit gehalten? Pändelnt zwischen regelmässigen Übernachtungen und Funkstille? Zwischen dem Gefühl, gewollt zu werden (was sich scheinbar nur als Phrase von Karin entpuppte, welche in der Zeit der Trennung rebound-mässig eine starke Schulter und Sex bei Joshua abholte) und dem Gefühl, nie was bedeutet zu haben (wegen den plötzlichen Switches aus Ablehnung und Anmache)?. Ich sehe nicht ganz, was erreicht werden wollte. Wurde denn vielleicht trotzdem nicht genau kommuniziert, dass es nie was Ernstes hätte werden sollen? Und warum hat Joshua nicht losgelassen, im Wissen, dass er verliebt ist und es nichts Ernstes werden kann. Es klingt ein bisschen so, als ob Joshua trotz klaren Ansagen, trotzdem immer wieder angefangen hat mehr zu erhoffen. Wie kam das? Hat Karin trotz der Botschaft, dass es nichts Festes werden wird, andere Signale gesendet? Das Verhalten von ihr, wenn es denn so war, wäre dann ja wiedersprüchlich. Warum wird sie eifersüchtig, benutzt Wörter wie „verliebt“ und konfrontiert Joshua, wenn der sich zurückzieht oder nicht nach ihrer Pfeife tanzt? Nur um ihn soweit wieder ins Boot zu holen, dass sie sicher sein kann, dass sie seine Aufmerksamkeit geniesst aber ihn sicher keinen Schritt weiter mehr an sich ranlässt? Hatte sie nun echtes Interesse oder nicht?

    Ich bin, anders als die anderen, ein Aussenstehender und kenne die Protagonisten nicht oder nur beiläufig, welche für diese Geschichte scheinbar als Inspiration gedient haben. Mich interessiert, wie es wirklich war, um die Gefühle und die Geschichte zu verstehen. Sind die zitierten SMS von Karin z.B. 1:1 aus dem Realen übernommen worden? Die Anreihung der Emojis, die längste WhatsApp-Nachricht etc.?

    Ich scheine damit wohl alleine zu stehen, aber mir tut Joshua leid, was ihm widerfahren ist (liegt aber sicher daran, weil ich die involvierten Personen nicht wirklich kenne). Mich interessiert, was an „Material“ da war, für die Geschichte zu schreiben? Da es wie gesagt sehr ins Detail geht.

  5. Ich bin nicht qualifiziert für eine Rückmeldung zur ganzen Geschichte. Hab die ersten paar Abschnitte gelesen, fand ich langweilig. Hab mal in die Mitte gescrollt, fand die Sprache unsauber. Bin zum Ende gesprungen und bin irritiert über angedeutete Persönlichkeitsstörungen – geht gar nicht. Ich bin schon ein paar Jahre Psychotherapeutin und hoffe, dass der Schreiber noch reifen kann…

  6. Liebe Leserinnen & Leser,

    Meine Geschichte erweckt die Empörung so mancher. Dabei ist es nicht der Inhalt per se, der kritisiert wird, sondern der Akt der Veröffentlichung.
    Dass es Personen gibt, die sich von diesem Text gestört fühlen, war mir bewusst, während ich ihn schrieb. So ist das bei Kunst. Wenn Kunst niemandem mehr wehtun dürfte, wenn keine Provokation mehr erlaubt wäre, wenn alles im Rahmen einer eng gefassten Moral bleiben müsste, dann wäre die Kunst tot. Dann könnte der Schreiberling, der Künstler einpacken. Dann würde es keine Sau mehr interessieren.
    Dieser Text hat Viele (nicht Säue!) interessiert. Was die Aufrufe dieser Geschichte betrifft, so haben die ,,Fallbeispiele“ den Rekord bei Weitem gebrochen. Genau das muss eine gute Geschichte leisten: Sie darf, sie soll sogar polarisieren. Kunst darf alles, nur nicht langweilig sein.
    Joshua ist nicht der erste Autor, der beim Schreiben aus seinem Fundus an eigenen Erfahrungen schöpft. Bei der Besprechung auf dieser Ebene stehen-, am Konkreten kleben zu bleiben, halte ich für provinzielles Kleinstadtgeplänkel und wenig fruchtbar.
    Vielmehr ging es Joshua darum, ein Phänomen zu beschreiben, das zwar reale Wurzeln hat, aber darüber hinaus Gültigkeit besitzt. Es ging ihm darum, gewisse Mechanismen und Dynamiken und Persönlichkeits-,,Typen“ zu beschreiben, die der ein oder andere möglicherweise aus dem eigenen Leben wiedererkennt. Dass es ,,die Wahrheit“ nicht gibt und immer eine subjektive Sicht bleiben wird, ist unbestreitbar. Der Job des Autors ist es jedoch, sich zumindest einer idealen Wahrheit anzunähern. Er darf sich selbst dabei nicht schonen. Ob Joshua das gelungen ist oder nicht, muss jeder Leser, jede Leserin selbst entscheiden.
    Man kann es – nicht nur als Autor – nie allen recht machen. Und es wird immer wieder Dinge geben, die unbequem und unangenehm sind. Das muss man aushalten. So ist das Leben.

    Lieben Gruß
    Johannes

  7. Scheinen wohl einige so zu schreiben wie ich haha nein ich bin eine ex Studien Kollegin von dir sorry!
    Danke für die Tipps wird notiert
    LG

  8. Lieber Johannes,

    eine ähnliche Geschichte ist mir damals in meiner Jugend passiert, war für mich sehr belastend. Nur verständlich, dass du ein Medium suchst um deiner Wut Raum zu machen und deinen Frust zu verarbeiten?

    Einige Kritiker werfen dir Pietätlosigkeit zu, doch ist respektloses Verhalten und verletzen der Gefühle eines anderen doch nicht genau die Qualität die dir vorgeworfen wird? Wenn man sich selbst rücksichtslos verhält, muss man doch damit rechnen, Konsequenzen für sein Verhalten zu ernten. Nun ja, vielleicht bin ich da auch zu altmodisch zu meinen Kindern sage ich immer: So wie es in den Wald schreit, so hallt es heraus.

    Vielleicht wäre es in der Tat höflicher gewesen, die Identität der Personen etwas mehr zu verschleiern, falls dies wirklich so vorgefallen ist. Nun gut, da bin ich aber in der Tat kein Experte und ob man dem unhöflichen höflich sein muss? Nun ja , ich wiederhole mich.

    Grüsse,
    Kunibert

  9. Haha da schwingt der ehrenhafte Autor grosse Worte über Kohärenz, während einem bei seinem Text das Gesicht einschläft. Monoton, vorhersehbar und lausig geschrieben. Korrekte Grammatik und Orthographie machen noch keinen Autoren. Das reicht höchstens fürs Korrektorat (ehrenhafte Berufsstalände, btw).
    Gib deinen Charakteren mehr Kanten, mehr Tiefgang und eine differenziertere Entwicklung – ist ja Fiktion, da machst du deine eigenen Regeln. Man sollte nie aufhören sich als Autor weiter zu entwickeln!
    Das alles tönt mir zu sehr nach Rosamunde Pilcher für Arme. Kein Drive und irgendwie strotzt das nur so vor Selbstmitleid. Versuchst du da grad was zu verarbeiten?
    Cheers Joshua

  10. Hab’s ehrlich gesagt nicht durchgelesen. Hauptsächlich weil ich die betroffenen Personen nicht ihrer Privatsphäre berauben will, was genau mein Problem mit diesem Text ist. Ich kannte die Personen kaum, aber nach 2 Sätzen ist schon mehr als klar um wen es sich handelt. Ich weiss nicht, vlt hattest du deren Einwilligung es zu veröffentlichen, ich hoffe wirklich stark. Würde mich allerdings wundern da mir beim durchscrollen echt auch dinge aufgefallen sind wo ich weder finde dass du das Recht hast diese zu sagen, noch denke dass iwer will dass sowas öffentlich über jemand gesagt wird- es als Fiction verkauft wird aber wie gesagt klar ist um wens geht. Bin kein Schreiber. Klar inspiriert man sich vom Leben. Aber Betonung auf inspiriert dachte ich? Wie gesagt. Weiss nicht vlt hattest du die Erlaubnis. Und vlt ist das alles auch gar nicht so passiert und demnach wirklich Fiction aber dann hätte man die Charakter Beschreibung doch auch ändern können sodass man nicht eindeutig auf die Personen schliessen kann und ( in dem Fall falsche) Schlüsse zieht.
    Sorry falls das alles bisschen harsch klang! Aber musste Grad raus. Alles Gute und hoffe stört dich nicht allzu sehr dass ich anonym bleiben will aka die angegebene E-Mail ist nicht meine ( Grad aufgefallen hab’s falsch gelesen dachte der Kommentar nicht die E-Mail wird nicht öffentlich gemacht. Kannst es meinetwegen löschen danach war jz eher für dich persönlich! Ne Antwort würde ich mir allerdings natürlich auch gerne durchlesen)

    1. Lieber Leonhard,
      Sehr ehrenhaft von Dir, für die Privatsphäre anderer zu kämpfen und dabei sogar noch anonym bleiben zu wollen, d.h. einfach so auf die Lorbeeren zu verzichten. Ein Tipp für Deinen nächsten Einsatz: Grammatik pauken, etwas mehr Kohärenz im Schreibstil, etwas weniger dahingerotzt. Denn so erkenne ich Deinen Ton aus Deinen E-Mails über die ,,Wahrheit über Corona“ wieder 😉
      Dir auch alles Gute, Johannes

      1. Lieber Johannes,

        ich muss sagen, es gehört schon eine Portion Mut dazu, die persönlichen Schwächen und entwürdigenden Verhaltensweisen in diesem Detail und Format öffentlich zu publizieren. Ich denke ich würde mein persönliches Tagebuch nicht im Internet zur Schau stellen wollen.

        «Er fühlt sich wie ein Politiker, den ein sehr ehrgeiziger Journalist mit schmutzigen Details aus seiner Vergangenheit konfrontiert», wobei ich Journalist eher durch «aufmerksamen Schnüffler oder Detektiv» ersetzen würde. Sherlock hätte sicher seine Freude an dir gehabt. Ich persönlich würde mich jedoch weniger wohl in deiner Nähe fühlen, in dem Wissen, dass alles was ich jemals von mir gebe, ohne Grenzen der Privatsphäre in deiner «Cloud» gespeichert und bei Bedarf gegen mich verwendet wird.
        Ich frage mich, wie andere Menschen deren Privat- und Beziehungsleben hier schonungslos und im Detail offengelegt wird, sich fühlen müssen?

        Ich selber hatte ja auch schon die Ehre in einem von dir verfassten Zeitungsartikel Erwähnung zu finden und Dinge über die Art und Weise des Verhältnisses zu einem anderen Menschen zu erfahren ,die mir zuvor nicht bekannt waren und ohne überhaupt zu wissen, wer du bist und dass es dich gibt. Ich fand das jedoch eher belustigend.
        Um so amüsanter finde ich es, dass man mir dann die Rolle des «Ghostwriters» zuschreibt. Zweifel scheint es daran keine zu geben, der scharfe analytische Verstand und das konstruierende Gehirn liefern zuverlässige und unzweifelhafte Ergebnisse auf Basis eines belastbaren Modelles mit einem zweifehalften Faktor. Hybris und Selbstüberschätzung werden zu keinem Zeitpunkt in Betracht gezogen, vielleicht handelt es sich auch um eine mutige oder dreiste Spekulation?
        An persönlicher Kritik wird jedoch nicht gespart, vollster Überzeugung – den Adressaten richtig identifiziert zu haben.
        Schön, dass du nur bei anderen Menschen festzustellen scheinst, dass sie sich selber für so wichtig zu halten scheinen, in ihrem eigenen Kosmos als einsamer Stern um sich selber zu Kreisen. Nein, ich habe diesen Kommentar nicht verfasst und bis heute war mir die Existenz diese Blogs auch nicht bekannt.
        Lieber Johannes, vielleicht stellst du die auf deinen Beobachtungen gefassten Meinung und Urteile über deine Mitmenschen in Zukunft auch in Frage. Du scheinst dir bei deinen Diagnosen und persönlichen Urteilen recht sicher zu sein. Ich möchte das inhaltlich gar nicht bewerten, würde mir jedoch nicht anmaßen als angehender Psychologe auf Basis von Vorlesungsfolien meine Mitmenschen zu diagnostizieren und das Ergebnis öffentlich zu entblößen.
        Ich denk das ist zutiefst entwürdigend und demütigend für die betroffenen Personen. Ich kann verstehen, dass es verletzend ist von einer Frau verlassen zu werden. Allerdings ist dir denke ich klar, dass du dir deine Gefühle durch dein eigenes unterwürfiges Verhalten selbst zuzuschreiben hast. Wer Frauen auf ein Podest hebt sollte sich über Scherben nicht wundern.
        Auch wenn du dich in dem Artikel teilweise selber entblößt habe ich das Gefühl, dass er einen perfiden Rachefeldzug gegen die betroffenen Personen darstellt und Ausdruck deiner Wut und Verletztheit ist. Kreativität und Kunst ist sicher ein guter Weg, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Es macht mich jedoch traurig zu lesen, dass du einen so tiefsitzenden Schmerz in dir tragen zu scheinst, dass du andere Menschen auf diese Art entblößen und verletzen musst. Möglicherweise ist das nicht deine Absicht gewesen, da ich dich aber für ein cleveres Kerlchen halte – gehe ich davon aus, dass dir die Einfachheit und Offensichtlichkeit der Identifizierung der Betroffenen bewusst sein muss.
        Da ich dich kaum kenne, halte ich es nicht für angemessen dich zu Bewerten oder zu beurteilen, weswegen ich mich dazu nicht erheben werde.
        Es freut mich, dass du in meinen E-Mails Wahrheiten zu erkennen scheinst, allerdings ist das zu keinem Zeitpunkt meine Absicht gewesen, Wahrheiten zu präsentieren. Ferner liegt es mir am Herzen, meine ganz persönliche Sichtweise darzulegen und damit verbundene Informationen und Quellen zu verteilen. An der Stelle möchte ich noch darauf hinweisen, dass man «Partys» im Plural «Parties» schreibt. Achso, und wie du meinen e-mails als aufmerksamer Beobachter und Verfechter der deutschen Rechtschreibung entnehmen kannst, heiße ich Leonard (ohne «h»).
        Zu gut und letzt muss ich sagen, es ist etwas unschmeichelhaft, dass du mir eine anonyme Kommentation zutraust. Selbstverständliche präferiere ich es meine Lorbeeren auch zu ernten.

        Liebe Grüße

        Leonard

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