Glücksbringer

Glücks

bringer

Alexander hört den Schlüssel ins Schloss rasten und denkt, endlich kommt Sabine. Gleich wird er sie mit dem Nudelauflauf überraschen, den er heute Mittag vorgekocht hat, und den Wein hervorzaubern, den spanischen, den Sabine so gernhat. Sabine wird lächeln, dabei werden die spitzen Grübchen zum Vorschein treten, spitz und elegant wie der Eingang eines Zirkuszelts, vielleicht wird sie ihn umarmen, dann wird er ihren Duft riechen können, Spuren ihres Deos und ihres Schweißes, die der Tag an ihr hinterlassen hat. Gemeinsam werden sie essen, und er wird sie ausfragen, was für Kurse sie heute gehabt hat und ob sie wieder ins THX gegangen ist. Ihre Gegenfragen wird er wie üblich so sparsam wie möglich beantworten, da es ihm unangenehm ist, über sich zu sprechen; vor allem vor ihr erscheint es ihm eine Verschwendung kostbarer Zeit. Nachher werden sie sich auf das Sofa im Wohnzimmer setzen und die neue Staffel Game of Thrones anfangen. Ab und zu wird er aus dem Augenwinkel zu ihr herüberlinsen und darauf hoffen, dass etwas passiert, versuchen wird er natürlich nichts, also wird auch nichts passieren. Bald, wird er sich sagen, wie seit einem Jahr.

Alexander steht auf und betritt den Flur, wo Sabine gerade hereinkommt, verfolgt von einem fremden Schatten.

,,Achtung!‘‘, möchte er rufen. 

,,Hi‘‘, sagt der Schatten und streckt ihm die Hand entgegen. ,,Ich bin Simon.‘‘

Mit einer Miene, die sich noch immer aufgerissen anfühlt, tut Alexander, wie ihm geheißen, und schüttelt die Hand. Der andere jedoch hat einen Check machen wollen, Alexanders unvorbereitete Hand gerät im falschen Winkel in die Hand des anderen, sodass ihre Hände irgendwo im Niemandsland zwischen Handschlag und Händeschütteln übereinander stolpern.

Der andere lässt sich nichts anmerken, hauptsächlich, um es für Alexander nicht noch peinlicher zu machen, als es schon ist, hängt seine Lederjacke an den Kleiderständer, geht in die Hocke, um seine roten Turnschuhe aufzubinden. Dabei wippt er leicht in den Knien wie unter Dauerstrom, jederzeit bereit, sofort los zu sprinten.

,,Das ist Simon.‘‘, wiederholt Sabine, und sie sagt es nicht wegen des Namens, sondern um Alexander zu bestätigen, dass es tatsächlich der Simon ist, der in letzter Zeit andauernd in ihren Erzählungen herumspukt und einen Juckreiz bei ihm auslöst. Die drei Worte aus Sabines Mund – ,,Das ist Simon.‘‘ -, und Alexanders Blick wird aus Sabines Blickfeld ausgestoßen wie aus einem negativ gepolten Magnetfeld.     

Simon federt in die Höhe und wirkt nach dem Aufstehen noch größer als vorher, sicherlich einen, wenn nicht zwei Köpfe größer als Alexander. Sein kräftiger, mit dunklen Bartstoppeln besprenkelter Kiefer sieht zugleich kratzig und samtig aus und verleiht dem Gesicht etwas Statthaftes. Die braunen Augen treffen Alexanders blaue, sie sind durchaus nicht unfreundlich. Obwohl oder vielleicht gerade wegen der kantigen Gesichtsknochen, der burgmauerartigen Nase flößen die braunen Augen Vertrauen ein, versprechen Sicherheit. Sie erfassen Alexander – im selben Augenblick kommen sie wortlos darin überein, dass die Verhältnisse eindeutig liegen. Simon könnte Alexander fressen, wenn er wollte, doch er lässt ihn leben. Er verspürt sogar eine gewisse Sympathie für dieses langhaarige, stockartige Kerlchen.

In diesem Moment wird Alexander sich seiner fettigen Haare bewusst, der Schweißflecken in den Achseln seines abgetragenen Pullovers, er schmeckt, dass er Mundgeruch hat, und empfindet es als ein Versäumnis, nicht geduscht und Zähne geputzt und frische Kleider angezogen zu haben vor der Begegnung mit Simon, dem Simon.

,,Du bist also der Philosoph.‘‘, sagt Simon in scherzhaftem Ton und schlägt Alexander kumpelhaft an die Schulter. Schon wieder ist Alexander nicht vorbereitet, sondern steht in seiner gewohnten Haltung, das heißt: Leicht nach hinten gelehnt, das eine Bein nach innen gekehrt und Arme eng am Körper, so als habe er ohnehin nicht den Anspruch, lange aufrecht zu bleiben, im Gegensatz zu Simon, der breitbeinig, Füße wie angeschraubt auf der Erde schon von Weitem keinen Zweifel darüber aufkommen lässt, dass er vorhat, stehenzubleiben.

Der Schulterklopfer wirft Alexander aus dem Gleichgewicht, nur im allerletzten Moment kann er sich mit einer kruden Verrenkung vor dem Totalkollaps retten.

Simon lässt sich nichts anmerken, um die Situation für Alexander nicht noch peinlicher zu machen, als sie schon ist.

,,Sabine hat schon viel von dir erzählt.‘‘, erklärt Simon. ,,Dass du sehr belesen bist.‘‘ Er sagt das ganz ernsthaft, ohne Ironie oder die Spur von etwas Ähnlichem, das verraten würde, dass er Alexander hochnehme.

,,Wir haben uns zufällig in der Straßenbahn getroffen, und wo wir schon hier in der Gegend waren-‘‘, trägt Sabine eine kurze Erklärung nach.

,,-hast du mich zu euch nach Hause eingeladen, um mir zu zeigen, wie eine Sabine sich ihr Heim so einrichtet.‘‘, vervollständigt Simon und zwinkert ihr zu. ,,Jetzt komm‘ und zeig‘ mir mal, wie du wohnst.‘‘, und er klatscht sich auf den Oberschenkel, als stünden sie seit Stunden in diesem Flur und einer müsse ihnen ja mal Feuer unterm Hintern machen.

Sabine führt Simon zuerst ins Wohnzimmer, Alexander trottet hinterher. Als er sieht, wie Simon fragt: ,,Und was ist das für ein Bild?‘‘ und dabei die Hand auf Sabines Rücken legt, um sie in Richtung Bild zu drehen, fängt sein Arm zu jucken an. Sabine zeigt Simon auch ihr Zimmer, und nachher fragt sie: ,,Wer will ein Bier?‘‘ und schaut dabei Simon an.

Alexander sagt trotzdem ja.

Sie sitzen zu Dritt am langen Holztisch im Wohnzimmer. Es ist klar, dass der Abend, den Alexander sich vorgestellt hat, heute ausfällt. Trotzdem sagt er: ,,Es gibt auch noch Nudelauflauf.‘‘ Er klingt wie ein Nachbar, der zum wiederholten Male darauf hinweist, dass die Schuhe im Flur gegen die Vorschriften seien.

,,Wir haben schon gegessen.‘‘, erwidert Sabine.

,,Wir haben im Delhi gegessen.‘‘, ergänzt Simon. ,,Wir haben nämlich gemerkt, dass es für uns beide nicht unser Tag ist. Sabine hat ihre Seminararbeit zurückbekommen, und ich bin meinen Laptop losgeworden.‘‘

Erschrocken dreht Alexander sich Sabine zu. Die Seminararbeit, wie konnte er das vergessen? Sonst erinnert er sich doch an alle ihre Prüfungen, hat ihren Kalender besser im Kopf als sie, einmal wünschte er ihr viel Glück für den Arztbesuch, da fiel ihr überhaupt erst wieder ein, dass sie einen Arzttermin hatte. Noch nie hat er versäumt zu fragen, und ausgerechnet heute vergisst er es zum ersten Mal, und ausgerechnet Simon erfährt es früher als er.  

Aber Sabine geht auf Alexanders fragenden, bittenden Blick nicht ein, sondern hört betont Simon zu.

Da dämmert Alexander, dass Sabine die Seminararbeit, mag sie auch noch so schlecht ausgefallen sein, längst abgehakt hat, dass sie in dem Moment, als Simon sie in der Straßenbahn entdeckt und angesprochen hat – oder sie ihn -, dass sie von einer Sekunde auf die andere ganz einfach aufgehört hat, an die Seminararbeit zu denken. Dass sie jetzt im Rückblick sogar zugeben muss, wie lächerlich das eigentlich war, sich über eine verhauene Seminararbeit aufzuregen, wenn es so etwas wie die Nähe von Simon geben kann.

,,Sein Laptop wurde gestohlen!‘‘, empört sie sich.

,,Du musst wissen‘‘, wendet Simon sich an Alexander, ,,darauf war meine ganze Masterarbeit. Zwei Jahre habe ich an der geschrieben. Heute bin ich fertiggeworden. Setze den letzten Punkt, uff, und geh‘ in die Caféteria, um mir zur Feier des Tages was Richtiges zu gönnen statt diesem Müll aus dem Automaten. Rauche noch eine Zigi, zwei, und als ich zurückkomm‘, ist mein Laptop weg.‘‘

,,Oh nein‘‘, macht Alexander kaum glaubwürdig, ohne dass Simon es mitbekommt, der schreitet bereits zur Pointe: ,,Zum Glück hab‘ ich das!‘‘ Triumphierend zieht er aus seinem Rucksack eine externe Festplatte hervor. ,,Mach‘ immer ein Backup.‘‘, und er zwinkert Alexander zu.

Alexander möchte etwas dazu anmerken, doch Sabine fällt ihm ins Wort: ,,Dafür, dass du heute fast deine Masterarbeit verloren hättest, wirkst du aber ganz schön entspannt.‘‘

,,Na ja, du doch auch.‘‘, entgegnet Simon und richtet einen Blick auf Sabine, der sie links und rechts an ihren Schultern mit dem orangen Pullover an die Wand nagelt. Sabine wird rot.

Simon lässt mit einer demonstrativen Wendung zu Alexander Sabine noch warten und sagt: ,,Was liest du grad?‘‘

Die Frage kommt so unerwartet, dass Alexander sich ertappt fühlt. ,,Ich-‘‘, setzt er an, bricht ab, da ist ein Jucken in seiner Kehle. ,,Die Philosophische Grammatik von Wittgenstein.‘‘, zwingt er sich fortzufahren. ,,Er erörtert darin die Frage, wie Termini ihre Bedeutung erhalten. Die Wörter erhalten laut Wittgenstein ihre Bedeutung durch die Referenzen, die ihre Benutzer ziehen, und durch ihre Relationen zu anderen Wörtern wiederum, und es mangelt ihnen an einem inhärenten- einer inhärenten-‘‘

Je angestrengter er versucht, für das, was er bisher gelesen hat, Worte zu finden, desto offensichtlicher scheint sich seine Befürchtung zu bestätigen, dass er nichts verstanden hat. Noch schlimmer: Er klingt wie der letzte Langweiler! Noch vorhin spürte er die Nachmittagssonne durch das Balkonfenster und dachte an all die Studenten, die um diese Zeit längst den Arbeitstag abgeschlossen hatten und nun in Cafés und Bars ihre Freunde trafen und flirteten und all das taten, was man gemeinhin ,,leben‘‘ nennt, und zufrieden registrierte Alexander, dass er nicht die geringste Sehnsucht verspürte, ein Teil davon zu werden. Im Gegenteil, dass er hier drinnen saß und Wittgenstein las, adelte ihn. Hier war er ihnen ausnahmsweise überlegen. Aber jetzt zählt das nicht mehr. Jetzt ist er nicht mehr alleine. Er kommt sich mit seinen Theorien aufdringlich vor, wie ein Parasit. Ja, das unbeholfene Rudern seiner Arme, das Gesten darstellen soll, erinnert an einen auf den Rücken gefallenen Käfer, der hilflos am Boden zappelt. Und seine Stimme: Viel zu dumpf klingt die, als dass sie einem Gegenstand wie Wittgenstein gewachsen wäre. So häufig, wie er abbricht und neu ansetzt und wieder abbricht, ist es bloß eine Frage der Zeit, bis seine Zuhörer die Geduld verlieren werden. Wirklich, jemand sollte ihn mal bei den Schultern packen und ordentlich durchrütteln, vielleicht dass dann zumindest Teile in seinem Kopf endlich an die richtige Stelle rutschen.   

,,Gell, Professor würde ihm stehen.‘‘, schaltet Sabine sich ein, als er endgültig abbricht. ,,So ein typischer Philosophieprofessor, wie man ihn sich vorstellt.‘‘ Sie sagt das nicht zum ersten Mal, im Unterschied zu jetzt klang es jedoch bisher liebevoll. Den abschätzigen Zug um ihren Mund bildet er sich nicht ein: Sie schämt sich für ihn und seinen Auftritt.  

,,Die Beetle-in-the-Box-Theorie von Wittgenstein.‘‘, meldet Simon sich zu Wort. ,,Die hatten wir auch mal, in einem Kurs über Bewusstsein.‘‘ Er setzt sich aufrecht hin und hebt die Hände, wie um einen vollen Vorlesungssaal um Aufmerksamkeit zu bitten. ,,Stellt euch zwei Personen vor, jeder von ihnen besitzt eine Kiste. In den Kisten, darin sind sie sich einig, befindet sich jeweils ein Käfer. Solange beide den Gegenstand in der Box ,Käfer‘ nennen, spielt es keine Rolle, was wirklich drin ist. Einverstanden?‘‘ Sabine nickt nachdrücklich. ,,So funktioniert menschliche Kommunikation. Wir beide sagen: Der Pullover ist orange. Vielleicht sieht Orange für dich völlig anders aus als für mich, vielleicht sieht es für dich so aus, wie für mich Grün aussieht, und mein Orange ist dein Grün. Aber wie die Dinge uns persönlich erscheinen, spielt keine Rolle, solange wir uns beide einig sind, dass dein Pullover orange und Gras grün ist. Das meint Wittgenstein, wenn er sagt, der inhärente Charakter der Dinge könne vernachlässigt werden. Ziemlich clever, oder?‘‘

,,Du wärst ein guter Dozent.‘‘, sagt Sabine in einem Ton, der Alexander sofort wieder das Jucken auf seinem Arm ins Gedächtnis ruft.

Er sollte jetzt aufstehen, etwas von einem Kapitel erzählen, das noch fertiggelesen werden muss, und sie in Ruhe lassen. Jetzt zu verschwinden, wäre nicht nur für sie, es wäre für alle Beteiligten das Beste, so könnte er sich immerhin einen Rest von Würde bewahren. Jede weitere Minute, die er bleibt, wird die Unannehmlichkeit der Situation nur unnötig in die Länge ziehen. Alexander weiß das, und aus irgendeiner verqueren Logik bleibt er genau deswegen sitzen.

Sabine und Simon haben mittlerweile ein Gespräch über Simons Praktikum in der Psychiatrie angeknüpft. Simon erzählt von einem Herrn R.

Herr R. sei vor mehreren Wochen mit schwerer Depression eingeliefert worden, seit Wochen verzeichne er keinerlei Fortschritte. Simon beschreibt ihn in Formeln von ,,motorisch verlangsamt‘‘, ,,sozial gehemmt‘‘, ,,tiefer Selbstwert‘‘. Er selbst dürfe – das betont Simon mehrmals – noch keine Psychotherapien und nur selten Einzelgespräche mit den Patienten führen, aber vor Alexanders Augen nimmt ein Bild Gestalt an, entwickelt sich im Zeitraffer wie der Auszug einer Polaroid, und dann erkennt Alexander, was es zeigt: Simon auf einem Therapeutensessel, schwarz, mit Leder bezogen, so wie man sich einen Therapeutensessel vorstellt; ihm gegenüber auf einem anderen Stuhl – den Alexander sich als Holzschemel vorstellt, obwohl er weiß, dass heutzutage keine Psychiatrie mehr den Patienten Holzschemel vorsetzt – auf diesem Holzschemel ein schmaler, in sich gekehrter, junger Mann, der Patient. Der Patient hat Alexander den Rücken zugekehrt, trotzdem erkennt er an dem blonden, losen Zopf sofort, dass es sich um ihn selbst handelt.

Simon sitzt in seinem Therapeutensessel genauso aufrecht wie jetzt hier im Wohnzimmer. Er trägt einen einfarbigen roten oder schwarzen Pullover, unter dem sich seine kräftigen Oberarme und sein Brustkorb abzeichnen, der ein Beispiel dafür ist, wieso es Brustkorb heißt, so wie seine Fitness ein Musterbeispiel für Gesundheit ist. An seinen Füßen stecken die roten Turnschuhe, die jetzt im Flur seiner, Alexanders Wohnung stehen. Wenn er nicht gerade einen Patienten hat, durchmisst Herr Wittgenstein – wie Alexander Simon in Ermangelung seines wahren Nachnamens tauft – die Klinikflure vom West- in den Ostflügel. Der federnde Schritt zeugt von Zielgerichtetheit. Keine einzige Sekunde wird vergeudet, wenn Doktor Wittgenstein von einem Ort zum nächsten eilt, wo wieder eine verzweifelte Seele seiner Fachkompetenz und seiner Therapietechniken harrt. Und all die ,,Sozial Gehemmten‘‘, ,,Selbstunsicheren‘‘, ,,Motorisch Verlangsamten‘‘ werden nur umso schärfer hervortreten lassen, wie gesund Doktor Wittgenstein ist. Und der schmale, in sich gekehrte junge Mann auf dem Patientenhocker, der schon mit seinem überschaubaren 23-jährigen Leben überfordert ist, kann in Gestalt seines Therapeuten begutachten, was ihm auf immer verwehrt bleiben wird.  

,,Du rauchst eine mit, oder?‘‘ Damit ist er gemeint. Simon fragt ihn, ob er mit Sabine und ihm eine Zigarette rauchen möchte, und stellt die Frage so, dass Alexander gar nichts anderes übrigbleibt.

Auf einmal klopft der Gedanke an Alexanders innere Tür, wann er gehe, liege ohnehin nicht in seiner Macht. Die Frage lautet vielmehr: Wann wird Simon ihn gehen lassen?

Draußen um diese Uhrzeit besitzt die Herbstluft bereits Schmerzpotenzial. Alexander hat nicht wie Simon und Sabine seine Jacke aus dem Flur geholt, möglicherweise hat er sich etwas von der Kälte erhofft, dass sie ihn zur Vernunft bringt oder etwas in der Richtung. Aber er friert bloß.

,,Hier‘‘, Simon streckt ihm die Marlboro-Packung hin.

Alexander zieht eine. ,,Seit wann rauchst du?‘‘, fragt Sabine belustigt, und da verspürt er zum ersten Mal den Impuls, sie zu packen, für diese Frage.

Simon gibt ihm Feuer und fragt: ,,Gelegenheitsraucher?‘‘ mit einer Stimme, als rufe er Sabine zur Ordnung. Die geballte Ladung Empathie und Verständnis bietet Simon für diese Stimme auf; er habe vollstes Verständnis für seine Lage, möchte er Alexander mitteilen.

Anstatt einer Antwort bricht Alexander in einen Hustenanfall aus. Was tut er hier? Aber er kann nicht zurück, bevor er die Zigarette in seiner Hand nicht in Rauch verwandelt hat.  

,,Nicht so‘‘, lacht Simon sein eindringliches Basslachen, der gerade Sabine beibringt, wie man Rauchkringel produziert. Sabine wiederum bricht in ihr Sabine-Lachen aus, das ohnehin schon ihren ganzen Körper in Aufruhr versetzt, aber jetzt noch aufgeregter klingt und auf eine neue Art verletzlich. Aus dem Augenwinkel beobachtet Alexander, wie sie Simon auf den Mund schaut und ihre eigenen Lippen probiert ebenso vorzustülpen und zwischendurch eigentlich nicht mehr lacht, sondern schon kichert. Alexander gibt vor, etwas sehr Interessantes in den Fenstervierecken des gegenüberliegenden Wohnblocks zu beobachten, und in der Tat, fast jeden Abend setzt er sich in den Plastikstuhl auf dem Balkon wie in einen Theatersessel und genießt die Vorführung. Die schmucklose Betonfassade mit ihren hellerleuchteten Miniaturszenen könnte auch eine moderne Theaterkulisse sein, und die Wohnungen Aquarien, in denen fremdes Leben schwimmt.

Er hört das schmatzende Geräusch, als Simons und Sabines Münder aufeinandertreffen. Er tut weiterhin so, als interessiere er sich für die Menschenaquarien.   

Sie küssen sich mehr als einmal, doch halten sie sich noch aus Rücksicht auf ihn zurück. Simon steht als Erster auf, Sabine räuspert sich, ,,Es wird kalt.‘‘, sagt er, und Sabine folgt ihm hinein. Alexander steht auf, aus irgendeinem Grund trottet er hinterher, durch das Wohnzimmer, in den Flur. Dort bereitet seinem Schlafwandel Sabines Zimmertür ein abruptes Ende.    

Eine Weile steht er noch vor dieser Tür, ohne zu wissen, auf was er wartet. In Wahrheit wartet er auf Geräusche. Doch Sabines Tür hält dicht. Endlich geht er in sein Zimmer.

*

Er sitzt auf seinem Schreibtischstuhl und betrachtet das Hufeisen an der Heizung. Sein Onkel hat ihm den Magneten vor Jahren geschenkt mit den Worten, das sei kein normaler Glücksbringer, sondern ein Supermagnet aus Neodym, weil sein Onkel glaubte, so etwas beeindrucke Alexander. Wie lange er so dasitzt, kann er nicht sagen, nur dass er sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf sinkt, nachdem er den Magneten von der Heizung gezogen hat – er muss so fest ziehen, dass er schon glaubt, er sei zu schwach -, noch einmal in den Flur zurückgekehrt ist, aus Simons Rucksack die ebenfalls magnetische Festplatte herausgenommen und einige Male um den Magneten herumgeführt hat. Nicht länger als ein paar Sekunden, den Rest sollten die Gesetze von Anziehung und Abstoßung regeln.  

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