Man will ja nicht übergriffig sein

In Grossbritannien gibt es jetzt eine Ministerin für Einsamkeit. Neun von 66 Millionen Britinnen und Briten fühlen sich immer oder häufig einsam. Ein gelegentliches Einsamkeitsgefühl ist normal. Es dient der Mobilisierung. Man nimmt ein Studium auf, man zieht in eine fremde Stadt, man fühlt sich einsam, und um die Einsamkeit loszuwerden, nimmt man an den Ersti-Partys teil und spricht seine Sitznachbarin an. Einsamkeit ist sinnvoll. Sie kann aber auch, wenn man sie nicht loswird, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen, das Immunsystem schwächen und mehr Schaden anrichten als fünfzehn Zigaretten täglich. Unter Einsamkeit stellen wir uns eine ältere Person ohne soziale Kontakte vor. Umfragen zeigen aber: Die 18- bis 35-Jährigen sind noch einsamer. Warum sind wir nicht allein und trotzdem einsam?

Angst vor dem Alleinsein

Die Toleranzschwelle für Alleinsein sei gesunken, meint Rebecca Nowland, Psychologin. Viele hätten das Klischee vom wilden Studi-Leben im Kopf mit vielen Freunden, coolen Partys und „knisterndem“ Liebesleben; die Realität bleibe zwangsläufig dahinter zurück. Permanent führen soziale Netzwerke vor Augen, wie das Leben sein sollte, und verwandeln Alleinsein in etwas Unnatürliches. Der permanente Wettbewerb um das aufregendere Leben befeuert das Gefühl, mit einem stimme was nicht.

Wo das Internet einerseits die Zahl an Kontaktmöglichkeiten potenziert, reduziert es andererseits die Anzahl realer Begegnungen. Wer die neuen Sneakers bequem vom Schreibtisch aus vor die Haustür bestellen und unbegrenzt User-Meinungen einholen kann, wird sich kaum zur Filiale um die Ecke schleppen. Und wozu einen Menschen nach dem Weg fragen, wenn Google Maps einen angenehm unaufdringlich in Echtzeit leitet? Soziale Interaktionen, vor allem Erstkontakte, fallen virtuell leichter, und wir gehen den Weg des geringsten Widerstandes. Niemand muss mehr an der Bushaltestelle aus Langeweile die Mitwartenden ansprechen; die sind, wie man selbst, mit ihren persönlichen Wunschgesprächspartnern versorgt. Studien zeigen, dass soziale Netzwerke dann einsam machen, wenn sie reale Kontakte ersetzen.

Übrigens werden die Klagen über den Niedergang der Fähigkeit, real zu flirten, lauter.

Verbunden, aber unverbindlich

Früher war es auch nicht besser. Das soziale Umfeld war Schicksal, die Dorfgemeinschaft unkündbar, man war aneinandergekettet. Immerhin hatte man sein soziales Umfeld sicher. Heute darf man frei wählen. Keine Dorfgemeinschaft zwingt einen mehr zur Konformität, Dörfer lösen sich auf, Städte werden grösser und anonymer. Selbstbestimmung der Beziehungen heisst aber auch: Es kann jederzeit einseitig gekündigt werden, niemand ist keinem etwas schuldig. Wir sind nicht befreundet, weil eine Norm es vorschreibt, sondern weil wir uns sympathisch sind, weil wir positive Gefühle füreinander hegen. Gefühle ändern sich.

Selbst Partnerschaften sind nicht mehr der sichere Hafen, sondern entwickeln sich mehr und mehr zur Bewährungsprobe, die beide unter Druck setzt, emotional zu befriedigen. „Bis dass der Tod euch scheidet“, sagt man nur noch der und ihres Skripts eines romantischen Tages zuliebe. Prosaischere Gemüter nennen es „Lebensabschnittspartnerschaft“.

Wir haben hohe Ansprüche, nicht nur an Beziehungen. Es kann heilsam sein, sich zu fragen, inwieweit man selbst diese Ansprüche erfüllt.

Brauchen wir Heimat noch?

Wir wechseln den Studienort, ziehen der Arbeit hinterher und führen ein Pendlerleben. Bei all den Studienorts-, Arbeits- und Wohnungswechseln sieht sich jede neue Beziehung mit der Tatsache konfrontiert, jederzeit unvorhergesehen getrennt werden zu können. Also liebt man einander besser nicht zu sehr. Zum Glück müssen heutige Beziehungen keine Distanz mehr aushalten können, dank WhatsApp und Co. Wir sind stolz, ortsungebunden und überall zu Hause zu sein. Wir Weltbürger sind für Heimat viel zu modern. Nicht nur die Menschen, die in unsere Länder flüchten, auch die Bewohner dieser Länder sind entwurzelt.

,,Flexibilität’’ ist die Losung für unsere globalisierte Welt: Sich nicht festlegen, sich alle Türen offenhalten, von allem ein bisschen. Persönlichkeit und Charakter sind zu etwas geworden, das bremst. Der flexible Erfolgsmensch ist rückgratlos; alle Versuche, ihn zu begreifen, lässt er abperlen wie von Neoprenhaut. Er kommt mit jeder und jedem klar, denn er ist ,,offen’’ und ,,tolerant’’. Da, wo andere steif für etwas stehen, klafft bei ihm ein Vakuum. Seine Identität ist flüssig. Er ist überall, nur nicht bei sich. Erst zwischen zwei eigenständigen, voneinander getrennten Individuen kann ein Beisammensein stattfinden. Ohne Identität keine Begegnung.

Andere Zeitgenossen empfinden unsere Freiheit als Zwang, frei und flexibel zu sein. Die Zahl der Menschen, die sich wieder mehr gesellschaftliche Zwänge wünschen, wächst.

Atomisierte Gesellschaft

Als gute Individualisten verfolgen wir ein Projekt, es heisst Selbstverwirklichung. Niemand weiss genau, was das bedeutet und wann es erreicht ist, aber man will auch nicht als Einzige oder Einziger den anderen bei ihrer Suche nach dem Glück zuschauen. Es geht, so viel wissen wir, um Selbstbewusstsein, Ich-Stärke, Emanzipation und darum, dass uns Abhängigkeit von oder gar Selbsthingabe für andere schwächen. Die oder der andere meldet sich nicht, obwohl man ,,nochmal schreiben“ wollte? Besser, man lässt sie oder ihn in Ruhe, man will ja nicht übergriffig sein. Unverbindlichkeit ist sexy.

Wenn es um die Einsamkeit junger Erwachsener geht, ist das Bekämpfen vielleicht genau der falsche Weg. Wir sollten sie als Teil des Lebens legitimieren. Mein Handy sagt mir: Mit mir musst du nie mehr allein sein. Und ich frag mich: Will ich das überhaupt?

Dieser Artikel erschien in der 4. Jahresausgabe von Spectrum, dem Studierendenmagazin der Uni Fribourg (–> zur Website)

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