Romanze bei Mondschein am See

Romanze bei Mondschein am See

,,Wie der Wirtschaftsliberalismus (…) erzeugt der sexuelle Liberalismus Phänomene absoluter Pauperisierung. Manche haben täglich Geschlechtsverkehr; andere fünf- oder sechsmal in ihrem Leben oder überhaupt nie. Manche treiben es mit hundert Frauen, andere mit keiner. Das nennt man das ,,Marktgesetz‘‘. In einem Wirtschaftssystem, in dem Entlassungen verboten sind, findet ein jeder recht oder schlecht seinen Platz. In einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht oder schlecht seinen Bettgenossen. In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige wenige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt. Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. (…) Manche gewinnen auf beiden Ebenen; andere verlieren auf beiden. Die Unternehmen kämpfen um einige wenige Jungakademiker; die Frauen kämpfen um einige wenige junge Männer; die Männer kämpfen um einige wenige Frauen. Das Maß an Verwirrung und Aufregung ist beträchtlich.‘‘

Michel Houellebecq, Ausweitung der Kampfzone

Es ist nach Mitternacht, um diese Zeit ist die Straße vom Blausee zur Stadt tot. Doch in dieser Nacht bewegt sich etwas auf der linken Spur. Ein junger Mann läuft bergabwärts, die Hände in den Taschen; an Handschuhe hat er nicht gedacht. Um Ein Uhr nachts die fünfundzwanzig Kilometer vom Blausee zur Stadt laufen zu müssen, war in seinem Plan nicht vorgesehen. Der Plan war eigentlich, die Nacht in Gesellschaft zu verbringen. In weiblicher Gesellschaft. Aber manche Abende verlaufen außerplanmäßig. Der junge Mann heißt Stephan. Ab und zu legt er den Kopf in den Nacken, ohne stehenzubleiben, und schaut in die Sterne. Unter anderen Umständen wäre es eine Nacht von außergewöhnlicher Schönheit.

Er fragt sich, wie es so weit kommen konnte.

*

Das Date, von dem er kommt, heißt Martha. Er hat sie auf Tinder kennengelernt, heute Nachmittag erst. Als er durch ihre Bilder klickte, war sein erster Gedanke, dass sie eines jener Matches sein musste, die nur zustande kommen konnten, weil er auf Tinder immer nach rechts wischte. Martha verwendete auf allen Fotos einen Filter, der ihre Konturen unscharf zeichnete. Aus Erfahrung wusste Stephan, dass nur Frauen auf dieses Mittel zurückgreifen, die es nötig haben. Trotzdem, redete er sich ein, das ein oder andere an ihr sei doch gar nicht so übel. Im Grunde wusste er von Anfang an, dass sie nicht sein Typ war. Warum hatte er sie nicht mit einem müden Lächeln weggewischt, seiner selbst und der Tatsache sicher, etwas Besseres zu finden? Warum hatte er, obwohl alles dagegensprach, nicht Nein gesagt?

Zu sagen, sie sei ,,nicht sein Typ‘‘, ist nur die halbe Wahrheit. Wo, wenn nicht hier, mitten in der Nacht bei minus zehn Grad im Wald, Stunden vom nächsten Haus entfernt, ist der Ort, endlich ehrlich zu sein? Für heute soll genug sein mit Verharmlosungen wie ,,nicht sein Typ‘‘ und anderem pseudotoleranten Gerede davon, Schönheit liege im Auge des Betrachters. Wer so tut, als komme alles schon irgendwie in Ordnung, hat einfach nicht den Mut zuzugeben, dass das Schicksal unerträglich sein kann. Dass in bestimmten Bereichen des Lebens Hierarchien gelten, die einteilen in ,,Die da oben‘‘ und ,,Die dort unten‘‘. Dass die Ressourcen ungleich verteilt sind. Mit anderen Worten, die Potenz, in anderen Begehren zu wecken, ist ungerecht verteilt. Es gibt Menschen, die sind nicht schön. Und Martha ist einer dieser Menschen. Und trotzdem hat er sich mit ihr getroffen.

Er kennt Frauen wie sie. Sie sind verzweifelt. Sich rar zu machen, kompliziert zu sein, so wie andere, schönere Frauen, das können sie sich nicht leisten. Mit Leuchtraketen und Mikrofonen müssen sie ihre Verfügbarkeit signalisieren und selbst dann noch bangen, irgendjemand möge sich ihrer erbarmen. Weil es ihm völlig egal war, was sie von ihm dachte, schrieb er als vierte Nachricht einen anzüglichen Kommentar zu ihrem BH, der unter dem weißen Oberteil durchschimmerte. Zu mehr Geduld oder einem subtilen Flirt fehlte ihm die Motivation. Kein behutsames Abklopfen wie sonst, willig oder nicht, das wollte er schwarz auf weiß, hier und jetzt, und wenn nicht willig, dann keine weitere Sekunde vergeuden. Aber Martha reagierte nicht empört, hüllte sich nicht in eisiges Schweigen wie andere Frauen an ihrer Stelle. Stattdessen antwortete sie mit einem Zwinkersmiley. Was einem Geständnis gleichkam, dass sie für alles zu haben war.

Während er mit ihr schrieb, saß Stephan noch in der Statistikvorlesung und musste höllisch aufpassen, dass seine Sitznachbarn nicht mitbekamen, mit wem er da anbandelte. Mit einer wie Martha durfte er nicht in Verbindung gebracht werden. Wenn er ihr nahekam, musste es heimlich geschehen. Was würden die anderen sonst von ihm denken? Wären sie erschrocken, wie weit er offensichtlich bereit war, seine Ansprüche herunterzuschrauben für ein bisschen körperliche Liebe? Wie würden seine Freunde reagieren: Betreten, peinlich berührt und mitleidig, dabei insgeheim hämisch, weil er als Konkurrent aus dem Wettkampf, wer bei Frauen am meisten Erfolg hatte, ein für alle Mal disqualifiziert wäre? Sie würden ihn für notgeil halten. Und hatten sie nicht recht? War ,,Notgeilheit‘‘ nicht die treffendste Bezeichnung für den Zustand, in dem er sich aktuell befand? Die letzten Wochen waren jedenfalls ziemlich ernüchternd gewesen.

Ob sie heute noch Zeit habe?

Freitag und Samstag arbeite sie in einem Souvenirladen am Blausee, aber ab Sieben sei sie frei. Ihr Onkel besitze ein Haus am See, zu dem sie den Schlüssel habe. Noch ein Zwinkersmiley.

Um sechs verließ Stephan die Wohnung, etwas früher als der Bus, um im Supermarkt noch Wein zu kaufen. Ein Teil von ihm fühlte sich, als hätte er soeben eine Richtung eingeschlagen, die sich nie mehr ganz geradebiegen ließe.  

*

Erst als die Lichter ihn erfassen und eine bizarre Kopie seiner selbst auf den Asphalt werfen, bemerkt Stephan das Auto. Hastig weicht er auf den Straßenrand, kneift die Augen gegen die Scheinwerfer zusammen und reckt den Daumen in die Höhe. Der Fahrer registriert, da bewegt sich etwas auf der Straße – ein Reh? -, er stellt das Fernlicht ab. Das Auto verlangsamt, Stephan kann schon beinah die Wärme der Autoheizung spüren und wähnt sich gerettet. Da, auf einmal, beschleunigt es wieder. Der Fahrer hat erkannt, dass es sich bei der einsamen Gestalt um einen jungen Mann handelt, und sucht das Weite, bevor der Psychopath ihn ermorden kann. Stephan kann es ihm nicht verübeln: Wer würde nachts um Zwei auf einer Landstraße einen jungen Mann in sein Auto steigen lassen? Trotzdem brüllt er dem Auto hinterher, droht mit der Faust und wirft sogar einen Schneeball nach ihm, obwohl es längst über alle Berge ist. Es ist faszinierend: Der Schnee schluckt alle Geräusche. Er brüllt, so laut er kann, so laut, dass die Kehle brennt, und dann lauscht er der Stille. Da scheint weit und breit nicht einmal ein Fuchs zu sein, der seinen Lärm hören könnte. Er kann schreien, was und soviel er will, niemanden interessiert es. Darin liegt auch eine Freiheit.

*

Der Augenblick, da er aus dem Bus stieg und sie sah, war schmerzhaft. Alle Befürchtungen, die auf der Herfahrt hierher seine Finger hatten zittern lassen, wurden aufs Schlimmste bestätigt. Offensichtlich hatte sie viel Zeit, Geld und Einfallsreichtum in ihr Erscheinungsbild investiert. Die braunen Haare waren nicht nur künstlich gelockt, sondern zu einer aufwändigen Frisur aufgetürmt worden mit kunstvollen Zöpfen und einer Gruppe Strähnen, die bewusst ins Gesicht hängen gelassen wurden, um sie ab und zu auf rührende Art trotzig, aber vergeblich zur Seite zu pusten. Eine Frisur dieses Kalibers selbst zu erstellen, erforderte eine Menge Knowhow und Expertise; war sie etwa kurzfristig noch bei einem Friseur gewesen? Ihre Ohren schmückten geschmackvolle, goldene und zugleich schlichte Ohrringe. Ein dunkler Eyeliner war aufgetragen worden, um die Brillanz der Augen zu verstärken. Für den Mund hatte sie einen Lippenstift gewählt, so grell, dass er jeden Zweifel über die Absichten, die sie hegte, im Keim erstickte.

Das Problem war, dass die hautengen Hosen nicht die Geschmeidigkeit ihrer Beine zur Geltung brachten, sondern das Fett nur mühsam in Schach hielten wie die Hülle einer Wurst; jeden Augenblick drohten die Hosennähte zu platzen und die massigen Beine sich aus ihrem Gefängnis zu befreien. In ihrem Gesicht die Backen nahmen viel zu viel Raum ein, sie quetschten die Augen förmlich zusammen, infolgedessen der Vergleich zu Schweinsäuglein sich aufdrängte. Außerdem reichte selbst die großzügigste Puderschicht nicht aus, die Pickel auf Wangen und Stirn zu verbergen, rot und knotig behaupteten sie hartnäckig ihre Präsenz. Über diesem Gesicht war jede Frisur dazu verdammt, wie ein gerupfter Salatkopf auszusehen. Kurz, der Aufwand, den sie betrieben hatte, um ihn aufzureizen, betonte nur eines, ihren unabänderlichen Mangel an Schönheit.

Hätte eine andere Frau in dieser Aufmachung vor ihm gestanden, eine mit Kurven und Formen, die sozial akzeptierter waren, Stephan wäre erblasst vor Ehrfurcht und Minderwertigkeitsgefühlen. Von Moment an wäre in seinem Horizont nur noch Platz für sie gewesen, hätte seine Welt nur noch aus ihr bestanden und dem Wunsch, sie zu erobern. Prompt hätte die Selbstüberwachung eingesetzt: Wirkte sein Lächeln entspannt genug? Strahlte seine Haltung das erwünschte Selbstvertrauen aus? Sein endokrines System hätte den Adrenalinspiegel im Blut in die Höhe getrieben, um die nötige Wachsamkeit zu garantieren, und die Schweißporen hätten sich geweitet, um kühlendes Sekret auszusondern und den Körper an die Belastungssituation anzupassen.

Martha löste nichts von alldem aus. Stephan setzte ein Lächeln auf, umarmte sie zur Begrüßung und hoffte, dass sie von seiner Enttäuschung nichts mitbekam.

Sie beschlossen, zunächst eine kleine Runde am See zu drehen. Weil er das Gefühl hatte, etwas wiedergutmachen zu müssen, verhielt Stephan sich extra warm und zuvorkommend. Beim Einbiegen in den Seeweg berührte er sie kurz am Rücken. Martha durchlief ein Schauer. Die Art, wie sie ihn anlächelte von der Seite her, verriet einen Hunger nach Berührung und Liebkosung, der Stephan erschütterte. Was hatte er hier losgetreten?

Er beobachtete selbst, wie leidenschaftslos er eine Konversation startete. Hätte er sie begehrenswerter gefunden, dann hätte er sich angestrengt, mit etwas Kreativerem einzusteigen als den klassischen Fragen à la ,,Was studierst du?‘‘ und ,,In welchem Semester bist du?‘‘. Unkonventionelle Gesprächseinstiege kamen gut an; noch besser kam es an, wenn es einem gelang, direkt am Anfang Emotionen in der Frau zu wecken, zum Beispiel, indem man sie zum Lachen brachte oder eine verrückte Frage stellte (,,Würdest du mit mir im See eisbaden?‘‘). Verrücktheit beeindruckte Frauen. Doch mit Ernüchterung und Gereiztheit stellte er fest, dass er nicht den Ehrgeiz hatte, Martha zu beeindrucken.

Sie studierte Englisch und Französisch und wollte Lehrerin werden. Auf eine sympathische Art war sie bodenständig. Sie sprach nicht davon, möglichst bald ein Auslandssemester in London oder Paris machen zu wollen, wie viele ihrer Altersgenossen. Gerade hatte sie ein mehrmonatiges Praktikum am Gymnasium absolviert. Sie habe eine sechste Klasse unterrichtet. Es seien ein paar Rowdys darunter gewesen, die es sich natürlich nicht hätten entgehen lassen, ihren Namen für Witze auszubeuten, schließlich sei eine Lehrerin namens ,,Frau Dick‘‘ eine Schatzgrube. Nicht selten habe sie sich zur Tafel drehen müssen, damit die Übeltäter nicht sahen, dass sie selbst grinsen musste. Zum Abschied habe die ganze Klasse, einschließlich der ,,Coolen‘‘, ihr ein Plakat mit Fotos und persönlichen Abschiedsgrüßen überreicht, da sei ihr klargeworden, dass diese Schüler Frau Dick wirklich gernhatten.  

Stephan ertappte sich bei dem Gedanken, ob die Scherze auch ihr Gewicht zum Gegenstand gehabt hatten, und hätte sich am liebsten auf der Stelle selbst geohrfeigt.  

Mit einem Gefühl der Hilflosigkeit, dann Verbitterung stellte er fest, dass Martha die seltene Fähigkeit der Selbstironie besaß. Verbitterung, weil es an seiner Begeisterungslosigkeit ihr gegenüber nichts änderte. Sie nahm sich selbst nicht allzu ernst, konnte auch mal einen Schritt zurücktreten und einen Außenblick auf sich werfen und zur Kenntnis nehmen, dass sie nur ein Mensch war mit Schwächen und Flausen und seltsamen Eigenheiten wie jeder andere auch. Darüber konnte sie lachen. Ihr Lachen hatte etwas Ansteckendes, es kam tief aus der Brust und erinnerte an eine herzhafte Wirtin mit mütterlicher Ausstrahlung. Zugleich fehlte ihm die faszinierende Komponente. Es versetzte einen nicht in Erstaunen, es legte nicht diesen Schalter um, der einen plötzlich aufmerken lässt. Der Gegenstand ihres Lachens war derselbe wie bei anderen, wenn nicht sogar niveauvoller, einzig die Mittel, welche ihm zur Manifestation zur Verfügung standen – Lippen, Wangen, Zähne -, waren begrenzt.

Sie strengte sich an. Der Nachdruck, mit dem sie unbeschwert und kokett zu wirken versuchte, verriet ihre Bedürftigkeit. Im See waren Enten, über die geriet sie in Entzücken. Sie klatschte in die Hände und eilte zu ihnen; sie gab sich wirklich Mühe mit ihrer Begeisterung. Doch es half nichts, er fand sie nicht süß. Auf eine betont verspielte Art erzählte sie, wie sie manchmal im Supermarkt minutenlang am Gewürzregal stehenbliebe und jeden Geruch zigmal durchprobierte; ihre Freunde brächte sie damit regelmäßig zur Verzweiflung. ,,Martha‘‘, würden die rufen, ,,Martha, komm‘ jetzt endlich!‘‘ – ,,Ich will aber noch nicht!‘‘, würde sie dagegenhalten, und sie führte die trotzige Schnute vor, die sie dabei aufsetzte. Bei einer hübschen Frau hätte Stephan das süß gefunden. Wenn jedoch das bezaubernde Drumherum fehlte, zu dessen Zurschaustellung solche nichtssagenden Anekdoten inszeniert wurden, vermochten kindliche Eigenschaften wie Unvernunft, Realitätsverweigerung und Sturheit nicht ihre Wirkung zu entfalten. Ohne die Zutat physischer Attraktivität blieb, was sonst charmant und liebenswert wurde, kindlich und unreif. Mehr noch, Stephan spürte zu seiner eigenen Überraschung, wie es ihn regelrecht aggressiv machte. Sie versuchte, eine schöne Frau zu imitieren, oder besser gesagt, sie verhielt sich so, als wäre sie schön, und am liebsten hätte er sie am Arm gepackt und angeschrien, dass sie sich nur selbst bloßstellte, dass sie nie in ihrem Leben schön sein würde. Ihre Versuche, es zu sein, ihre Unfähigkeit, ihre Hässlichkeit zu akzeptieren, machten ihn ganz nervös. Er ekelte sich vor sich selbst.

Als ihnen ein Schäferhund entgegenkam, rückte Martha an ihn heran und suchte Schutz. Anstatt den Arm um sie zu legen und sich zwischen sie und das Tier zu stellen, sagte Stephan bloß: ,,Der tut doch nichts.‘‘ Es war ihm so herausgerutscht, doch es klang knurrender als beabsichtigt. Es tat ihm leid. Bei einer Anderen, Schöneren hätte er die willkommene Chance genutzt und Körperkontakt hergestellt. Bei Martha fand er ihr Heranrücken aufdringlich.

Es war unvorstellbar anstrengend. Sie bemühte sich, sie tat ihr Bestes, sie zog das volle Register, doch der Funke sprang nicht über. Vielleicht musste er sich einfach einen Ruck geben? Er versuchte es, er lächelte, wenn sie lächelte. Wenn er verstohlen einen seitlichen Blick auf sie warf, legte er so viel Zärtlichkeit hinein, wie ihm möglich war. Er hätte ja gern gewollt, wenn er gekonnt hätte! Doch er rannte gegen eine Mauer. Je fester er dagegen anrannte, desto unwohler fühlte er sich. Er deformierte sich selbst, drückte an sich herum, als wäre er ein Klumpen Spielknete.

Es war ein klarer Winterabend. Keine Wolken am Himmel, im See spiegelte sich schon der Mond. Voll stand er über den nahen Gipfeln und entlockte den Schneehängen ein pures, jungfräuliches Schimmern. Es hatte leicht zu schneien angefangen, kleine Flocken nur, die im warmen, gelben Licht der Laternen glitzerten und sanft vom Boden aufgefangen wurden. Sie hatten den Seeweg fast für sich allein. Unter einer der Laternen hätte er sie am Arm nehmen, behutsam zu sich drehen und küssen können. Es wären der perfekte Ort, der perfekte Moment für den ersten Kuss gewesen, hier draußen in der Winternacht. Aus den nahen Restaurants drangen die Klänge menschlicher Wärme und Gesellschaft bis zu ihnen an den See, und hier waren sie, hatten nur sich beide und reichten einander aus, sich in der lebensfeindlichen Jahreszeit Wärme zu spenden. So hätte es sein können, wenn er seinen Blick für das Äußere hätte abstellen können. Hätte Martha ein bisschen weniger Charakter und etwas mehr Schönheit gehabt, wäre sie infrage gekommen. Für etwas mehr Schönheit war er gerne bereit, Einbußen beim Charakter hinzunehmen; das Ganze war unglücklich konzipiert. Um wieviel gerechter die Welt wäre, wenn man willentlich entscheiden könnte, wen man begehren will und wen nicht. Um wieviel mehr Hand und Fuß die Beziehungen hätten, sie wären vernünftiger und stabiler, statt sich auf etwas so Windiges wie Schönheit zu stützen. Wenn man für den schönen Schein blind würde und der Mensch dahinter alles wäre, was zählt, es wäre einfacher, sein Glück zu finden, man würde erkennen, wenn man es vor sich hat.  

Es auszuhalten, war nicht einfach. Aber er konnte auch nicht einfach gehen. Selbst wenn er einen Weg gefunden hätte, ihr auf eine schadensbegrenzende Weise zu vermitteln, dass er ihr Date abbrach, wäre er nicht sicher gewesen, das Richtige zu tun. Jetzt war er hier, er war vierzig Minuten mit dem Bus gefahren, und noch viel wichtiger, er war darauf eingestellt, heute Abend zum Zug zu kommen. Endlich wieder. Das letzte Mal war Wochen her, seitdem hatte er es versucht, einige Male, nichts hatte funktioniert. Abend um Abend die gleiche Prozedur – duschen, Atem prüfen, zur Party und gut drauf sein -, nur um irgendwann viel zu spät allein in seinem Bett zu landen, einen weiteren Tag Frustration und einen ordentlichen Kater in Aussicht. Sie hatten ihn kleingekriegt. Er kapitulierte. Er war, weiß Gott, nicht in der Position, wählerisch sein zu können.

In der Tat, diese Einsicht auszuhalten, war nicht einfach.

Bei der nächsten Pizzeria, an der sie vorbeikamen, schlug er vor, etwas zu essen. Sie wählte einen Salat und erklärte, gerade auf Diät zu sein. Wann immer er vergaß, dass er hier war, um mit dieser Frau zu schlafen, und sie einfach nur zwei Menschen waren, die eine ganz normale Unterhaltung führten, fiel ihm auf, wie gut man mit ihr reden konnte. Ihre Meinungen waren nicht vorhersehbar wie bei so vielen anderen, sie gab nicht bloß vorgestanzte Formeln wieder, die sie irgendwo aufgeschnappt hatte, sie dachte gerne über viele Themen nach und scheute nicht davor zurück, ihren Standpunkt entschieden zu vertreten. Er kam sich so undankbar vor. Diese Frau hatte jemanden verdient, der sie wirklich zu schätzen wusste, dem es um den Menschen ging und nicht um einen flachen Bauch und schöne Beine. Anstatt sein Glück kaum fassen zu können, endlich eine Frau getroffen zu haben, die klug war, Humor hatte und nicht auf Händen getragen werden wollte, sondern imstande war, auf eigenen Beinen zu stehen, konnte er nur an das Eine denken, das ihr fehlte, körperliche Schönheit. Hier saß er, in einem warmen Restaurant mitten in der idyllischsten Winterlandschaft mit einer Frau, die ihn wollte, die keine Spielchen mit ihm spielen würde und sich unfassbar bemühte, ihm zu gefallen; sie würde Vieles tun, um ihm zu gefallen, vielleicht sogar alles; und er, kleingeistig und armselig, wie er war, fragte sich, was die Leute von ihm dachten. Hatte Angst, sie könnten sie für ein Paar halten und ihn in die Schublade zu den ,,Losern‘‘ stecken, die es mit Frauen nicht draufhaben. Er war ihrer nicht würdig. Nie wieder hatte er das Recht, sich über schlechte Behandlung vonseiten des anderen Geschlechts zu beklagen; nach seiner Ablehnung gegenüber Martha war er und nur er schuld an seiner Einsamkeit.

,,Du hast schöne Haare.‘‘, sagte er. Er sagte es, weil er fand, dass sie ein Kompliment verdient hatte. Als er die Röte in ihrem Gesicht sah, das Leuchten in ihren Augen, bereute er es schon wieder. Schon die kleinsten Gesten der Zuneigung entfalteten eine enorme Wirkung auf sie. Er musste aufpassen, mit derlei Aktionen verpflichtete er sich zu mehr, als er bereit war. Nutzte er sie aus? Was war das hier eigentlich für sie? Kurzfristig sehnte sie sich nach körperlicher Berührung; sie brauchte dringend den Beweis, dass sie immer noch körperlich geliebt werden konnte, trotz allem. Im Grunde wünschte sie sich natürlich jemanden, der sie aufrichtig liebte. Ihre Hoffnung war, so eine Beziehung führen zu können wie normale Frauen in ihrem Alter, das heißt, eine Beziehung, so als wäre sie nicht äußerlich gehandicapt. Sie war 21; es war noch zu früh, die Hoffnung aufzugeben.

*

Und er? Was suchte er? Darüber denkt er nach, während die Kälte jeden ungeschützten Zentimeter freier Haut mit Rasierklingen bearbeitet. Bis vor Kurzem hat er die Antwort für selbstverständlich gehalten. Er ist hierhergekommen, weil er Sex wollte, weil er Sex brauchte, weil er sehr schlecht ohne Sex auskommt. Aber er wäre bereit, darauf zu verzichten, wenn er dafür morgens aufstehen und die schlafende Frau in seinem Bett betrachten könnte. Er würde ihr Gesicht auf seinem Kissen betrachten und ihren Körper, den ein Traum in Schräglage gebracht hat. Er wäre dankbar, dass sie dort in seinem Bett liegt und seinem Bett ihren Schlaf anvertraut. Sie dort liegen zu sehen und beim Schlafen zu betrachten, mehr wollte er nicht. Dann würde er aufstehen und Frühstück machen. Aber leise, um sie nicht aufzuwecken. Würde frischen Kaffee aufbrühen und ihr eine Tasse ans Bett bringen. Und sie würde die Tasse in beide Hände nehmen und vorsichtig einen Schluck trinken. Vorher würde er sie warnen, der Kaffee ist heiß. Und dann würden sie zusammen frühstücken.

Das war, was er wollte: Jemanden, für den er Frühstück machen könnte.

*

Nachdem sie gezahlt hatten, schlugen sie die Richtung weg vom See, den Hang hinauf ein. Ohne dass jemand es aussprechen musste, steuerten sie ihr Haus an – das Haus ihres Onkels, zu dem sie den Schlüssel hatte. Er war nicht sicher, ob das eine gute Idee war, aber merkwürdigerweise hatte er nicht das Gefühl, in den Verlauf des Abends eingreifen zu können. Vielleicht wartete er auch darauf, dass die Dinge sich noch wendeten. Wenn er nur lang genug wartete und offen blieb, vielleicht würde sich eine Anziehung doch noch einstellen?

Das Haus ihres Onkels lag oberhalb des Sees am Hang. Es war eine Ferienhütte aus Holz und besaß einen Garten. Morgens könnte man dort in der Sonne frühstücken. Eine Glasfront gab den Blick auf den See und die umliegenden Berge frei. Stephan setzte sich auf die Couch davor und hatte trotzdem nicht das Gefühl, über allem zu thronen. In einem Kamin knackten Holzscheite, sie musste das Feuer in Gang gesetzt haben, bevor sie losgegangen war, um ihn abzuholen, sodass eine mustergültige Glut den Raum mit wohliger Wärme füllte. All das war so wie im Bilderbuch arrangiert, dass es körperlich wehtat.

Martha sank auf die Couch neben ihn und drückte ihm ein Glas Wein in die Hand. Sie stießen an. ,,Auf diesen Abend!‘‘, sagte sie mit geröteten Wangen. Stephan wiederholte es, er klang nicht überzeugt.

Er spürte den Wein, den sie sich beim Essen geteilt hatten. Der Alkohol schnitt seiner Nervosität die Spitzen ab, dafür war er dankbar. Die warme Luft fühlte sich an wie eine chemische Lösung, wenn er die Augen schlösse, würde er aufgelöst, erlöst.

,,Möchtest du ein bisschen Musik hören?‘‘ Martha stand auf und schaltete die Stereoanlage ein. Teure Boxen generierten einen weichen, zart vibrierenden Gitarrensound, zu dem eine gefühlvolle Männerstimme Liebesgeständnisse hauchte. Das war zu viel! Der Mond, der sich im See spiegelte, der Kamin, das Schafsfell auf der Couch, ihr süßes Parfüm und jetzt die Musik – alles war da und ebnete den Weg für die Liebe. Jetzt lag es nur noch an ihm, den letzten kleinen Schritt zu tun und sie zu küssen. Es gab keinen Widerstand zu überwinden, kein Risiko, abgewiesen zu werden, es gab nur Türen, die weit offenstanden. Und je günstiger die Umstände wurden, desto erbarmungsloser zeichnete sich ab, dass er nicht konnte. Das Glück war nicht nur greifbar, es verhöhnte ihn auch.  

,,Hast du was Härteres da?‘‘, fragte er und hielt das Weinglas hoch.

,,Du meinst, sowas wie Whiskey?‘‘ Ihrer Stimme war ein Widerwille anzuhören. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte, dass er jetzt Hochprozentiges brauchte. Sie genügte ihm nicht, das machte sie traurig. Sie sagte: ,,Mein Onkel hat, glaube ich, etwas da.‘‘ Sie stand auf und kehrte mit einer Flasche Obstschnaps zurück. ,,Das ist alles, was ich finden konnte.‘‘

,,Das ist perfekt!‘‘, antwortete Stephan. In diesem Augenblick verspürte er plötzlich eine unbändige Zuneigung für sie. Eine mächtige Dankbarkeit erfüllte ihn dafür, dass es immer noch Menschen wie sie gab, die nicht selbstsicher waren, die bescheidene Ansprüche hatten und auch dann bereit waren, etwas für andere zu tun, wenn sie selbst nichts davon hatten. Sie gehörte einer seltenen, aussterbenden Sorte von Mensch an. Ihre Großzügigkeit war ein Geschenk. Er hatte es nicht verdient. Ihm stiegen Tränen in die Augen, er blinzelte sie weg und schenkte sich rasch ein Schnapsglas ein.

Ganz kurz, kürzer als eine Sekunde hatte er den Wunsch verspürt, sie zu küssen. Aber er hatte den Absprung verpasst, und bevor er bereit gewesen wäre nachzugeben, war der Moment schon wieder vorbei. Um Zeit zu gewinnen, zettelte er ein Gespräch über die Eigenherstellung von Bier an, obwohl er keine Ahnung davon hatte und sich nichts Öderes vorstellen konnte, als seine Freizeit mit Fragen wie jener der optimalen Gärungsdauer zu verschwenden. Martha zog tapfer mit. ,,Ich kann mir schon vorstellen, dass das befriedigend ist, seine eigene Marke zu erfinden.‘‘, meinte sie. Vom Thema Bier kamen sie auf Drogen allgemein, eigene Erfahrungen (hier und da ein bisschen Kiffen) und die Vor- und Nachteile einer Legalisierung von Marihuana, ein Thema, das ihn schon immer kaltgelassen hatte. Jedes Mal, wenn eine Pause entstand, spürte er ihre Erwartung. Er konnte nicht länger warten, er musste sie küssen, wozu war er sonst hier? Und jedes Mal, wenn er von Neuem etwas sagte, um das Gespräch fortzusetzen, rechnete er damit, dass sie nun endgültig die Nase voll hätte, ihn anbrüllte, was ihm einfiele, und ihn mit bebendem Finger des Hauses verwiese. Natürlich, leider, nahm sie es hin. Bloß ihre Stimme, die mit jeder Minute ein Stück farbloser wurde, verriet ihre innere Verfassung.

Martha saß seit einer halben Stunde unverändert. Eine Hand hatte sie auf halber Strecke zu Stephan hingelegt, da lag sie und hielt sich bereit, sie sah durchaus entschlossen aus, dort liegenzubleiben und sich bereit zu halten bis in alle Ewigkeit, wenn es sein musste. Ihr schwarzes Top ließ die Arme frei; Stephan konnte sich Assoziationen mit Fleischkeulen in einer Metzgerei nicht erwehren. Würde es gehen, wenn er die Augen schlösse? Würde es sich vielleicht sogar ganz angenehm anfühlen, weich und geborgen? Was war richtig daran, es zumindest zu versuchen? Was war falsch daran, zu gehen?

Mittlerweile hatte er vier Schnäpse getrunken und beugte sich nun vor, den fünften einzugießen. Er nahm die Flasche, schraubte sie auf, begann sie zu kippen, setzte sie zurück auf den Tisch, und in einer raschen Bewegung beugte er sich vor und küsste sie. Er war selbst überrascht, registrierte, wie sie den Mund öffnete und seiner Zunge Einlass gewährte. Voller Freude stellte er ein Aufkeimen von Erregung fest, um jeden Preis musste er das beibehalten und behutsam pflegen. Außerdem nahm er den Geschmack von Wein und eine Mischung aus süßlichem Parfüm und Schweiß wahr. Weiter, er durfte sich nicht beirren lassen, er spürte, wie eine Erektion im Entstehen war, die Gunst des Augenblicks durfte er auf keinen Fall verstreichen lassen! Keine Zeit zu verlieren! Er sank tiefer und widmete sich ihren Brüsten. Sie seufzte. Kurz trafen sich ihre Blicke. Sie sah ihn an, mit weit geöffneten Augen, wie ein Wunder, das sie kaum fassen konnte.

Sie spürte erst jetzt, wie sehr sie das gebraucht hatte, welches Loch die lange Kontaktlosigkeit in ihr hinterlassen hatte. Klar, sie war berührt worden, von ihrer Mutter zum Abschied, von ihren Freundinnen zur Begrüßung, im überfüllten Zug von einem Passanten. Aber diese Berührungen konnten ihr nicht das geben, was sie brauchte: Einen Mann, der ihren Körper berührte, weil er ihn begehrte. Dazu hatte sie ihren Körper. Solange, wie sie von keinem Mann begehrt und berührt worden war, hatte ihr Körper keinen Sinn gemacht. Jetzt war Stephan da, und Stephan streichelte ihre Brüste, umschloss sie mit der Hand und leckte die Spitzen. Er ging tiefer und knöpfte ihre Hose auf.

Er hatte versucht, den Geruch zu ignorieren. Der Weingeschmack in ihrem Mund vermischte sich mit seinem Schnapsgeschmack und ergab eine bittere Mischung. Das ließ sich nicht vermeiden und war in Ordnung. Doch sie schwitzte sehr stark, und das Parfüm, das sie in rauen Mengen am gesamten Körper aufgetragen hatte, neutralisierte den Schweißgeruch nicht, sondern verlieh ihm erst recht etwas Viehisches. Selbst damit hätte er sich arrangieren können, aber nicht mehr in dem Moment, da er ihr Kleid hochschob und ihr Geschlecht roch. Er hatte nicht gewusst, dass eine Frau so riechen kann.

Er fuhr zurück und schnappte nach Luft. ,,Es tut mir leid, ich kann das nicht, ich gehe jetzt.‘‘ Das war alles, was er herausbrachte. Nicht einmal ein letztes Mal sie anzusehen schaffte er, bevor er die Tür zuzog. Die Musik, der perfekte Soundtrack zu einer Romanze bei Mondschein am See, spielte weiter.

*

Kurz vor der ersten Vorortsiedlung nimmt ihn ein alter Mann in seinem zerbeulten Volvo mit. Stephan ist dankbar, dass der Mann nicht fragt, was ihn an einem Freitagmorgen auf die Landstraße verschlägt. Der Mann bietet ihm eine Zigarette an. Obwohl er Nichtraucher ist, nimmt Stephan dankend an.

Stephan erzählt niemandem von Martha. Er hält es für das Beste, den Vorfall so schnell wie möglich zu vergessen.

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