Was Richtiges

Was Richtiges

I am all the days that you choose to ignore. I am a moth who just wants to share your light.

Radiohead, All I Need

Luis war 22 und wohnte noch bei seinen Eltern. Obwohl er 22 war, hatte noch nie ein Mädchen den Fuß in sein Zimmer gesetzt.  

In der Realschule war Luis jahrelang in Luisa verliebt. Luisa verkörperte seine Traumfrau. Sie hatte blonde Haare, große blaue Augen und lachte viel. Sie teilten das Interesse für Mode und mochten dieselben Personen aus ,,Berlin – Tag & Nacht“. Allerdings hatte Luisa einen Freund, und als der mit ihr Schluss machte, bald einen neuen. Doch selbst wenn es anders gewesen wäre, Luis hätte niemals seine Liebe zu Luisa gefährdet, indem er sie ihr beichtete. Einzig seinem besten Freund Fabian erzählte er davon, der es auf der Klassenfahrt an der Bushaltestelle herausposaunte. Luis war sicher, dass Luisa es gehört hatte. Luisa tat aber so, als hätte sie nichts gehört. Sie drehte sich nicht zu ihm um, sie starrte ihn nicht aus großen Augen an. Sie unterbrach nicht einmal ihre Unterhaltung mit ihrer Freundin.

Nach der Realschule begann Luis eine Ausbildung zum Altenpfleger und installierte Tinder. Die Mädchen, die auf sein ,,Hi, wie geht’s?“ antworteten, sahen nicht aus wie Luisa, aber na ja, wenn er genauer hinschaute, konnte er schon etwas Hübsches an ihnen finden. Das Muttermal über dem rechten Mundwinkel von ,,Lina“ zum Beispiel. Oder die grünen Augen von ,,Kassandra“, die sie in Großaufnahme fotografiert hatte und als Profilbild benutzte, das einzige Bild, das sie von sich preisgab, bis sie ihm nach einem Dutzend Nachfragen endlich ein Ganzkörperfoto schickte, woraufhin Luis den Kontakt abbrach.

Eine sagte schließlich einem Treffen zu. Sie verabredeten sich zu einem Spaziergang im Park, und als Luis ankam, wartete sie schon vor dem Stahlhaufen am Eingang – die Art von Kunstwerken, die in Kleinstädten für ,,Kultur“ stehen. Luis sah schon auf den ersten Blick, dass sie nicht als Freundin infrage kam. Bei der Begrüßungsumarmung roch er, dass sie sehr viel Parfüm benutzt hatte. Sie gingen am Bach entlang. Nach fünf Minuten rief ihre Freundin an und brauchte ihren Rat in einer Beziehungskrise. Die nächste Viertelstunde entwarf Carla – so hieß sein Date – am Handy mit ihrer Freundin einen Schlachtplan, während Luis durch Facebook-Stories scrollte. Dann steckte Carla das Handy zurück in die Tasche und küsste ihn. Es war sein erster Zungenkuss, er dauerte sechs Minuten, und währenddessen schweiften seine Gedanken immer wieder zur ,,Battlefield“-Mission, die er für das Date hatte unterbrechen müssen. Ihre Mundhöhle war feucht und schmeckte komisch, und ihr Nasenpiercing kam andauernd in die Quere. Wenn sich Küssen so anfühlte, begriff Luis nicht, wieso darum so viel Aufhebens gemacht wurde.

Am Abend schrieb sie, sie habe es sehr schön gefunden, und er antwortete, er auch, und sie sahen sich nie wieder.

***

Einen Monat später lernte er Paula kennen. Er sah Paulas Tinder-Profil, und sofort stellte sich jene Sehnsucht ein, die er seit Luisa nicht mehr gespürt hatte. Er glaubte es kaum, als Paula schon nach ein paar Minuten antwortete, und sie schrieb sogar von sich aus, bald alle fünf Minuten. Paula wurde das Erste, mit dem Luis den Tag begann, und das Letzte, mit dem er ins Bett ging, sie begleitete ihn bei der Arbeit und wartete in jeder Pause auf ihn.

Vorsichtig tastete Luis sich vorwärts, in ständiger Angst, etwas Falsches zu sagen und sie zu verlieren. Bald merkte er, dass diese Angst überflüssig war, kein Thema war tabu. Ja, sie hatte ihr erstes Mal schon gehabt, mit Simon, ihrem ersten Freund, aber sie fand es süß, dass Luis noch Jungfrau war. Sie vertraute ihm an, mit welchen Körperstellen sie allen unzufrieden war, und schickte ihm Fotos von jeder einzelnen. Sie lächelte ihm aus dem Urlaub zu, im Bikini, und präsentierte ihm den weißen Strich, den ihr BH auf ihren Rücken gezeichnet hatte. Als Luis ihr das Foto einer einsamen, tropischen Bucht schickte, entlockte Paula ihm das Geständnis, dass er dort gerne mit ihr läge ,,und vielleicht noch mehr“, was sie mit einem Zwinkersmiley belohnte.

Bisher hätten Männer sie nur bitter enttäuscht, schrieb Paula. Aber er sei anders. Ihm vertraue sie bedingungslos, und er könne ihr ebenso bedingungslos vertrauen.

Ab und zu kam es vor, dass sie stundenlang nicht antwortete. Wenn Luis nachfragte, was denn passiert sei, und sie bat, ihm zu erklären, was er falschgemacht habe, er wolle sich für alles entschuldigen, ignorierte sie ihn oder reagierte einsilbig. Erst Stunden oder einen ganzen Tag später klärte sie ihn auf. Er hatte im Zusammenhang mit ihrer neuen Brille das Wort ,,streng‘‘ benutzt, darauf standen anderthalb Tage Paula-Entzug. Oder er hatte ihr drei Stunden lang nicht zurückgeschrieben. Dann konnte er noch so sehr beteuern, zwei Kolleginnen seien krank, die Arbeit habe ihm keine freie Minute gelassen – sie schwieg den ganzen Abend. Jedes Mal quetschte Panik seine Brust und Luis schrieb ihr fünf-, sechsmal, bis er einsah, dass er sie nicht unter Druck setzen konnte.  

Umgekehrt gab auch sie ihm Anlass zu Unmut, den er natürlich für sich behielt. Andauernd traf sie diesen Simon, ihren Ex-Freund. Wann immer der Name Simon fiel – gestern habe sie mit Simon einen Film geschaut, nachher gehe sie mit Simon in die Stadt -, verschlug es Luis den Appetit, egal wie vehement sie ihm versicherte, sie und Simon, das sei vorbei. Auf Facebook war das Profil dieses Typen schnell ausfindig gemacht. Simon war dünner als Luis und muskulöser, vor allem besaß er bereits einen Vollbart, während Luis‘ körperliche Entwicklung auf dem Stand eines Dreizehnjährigen stehengeblieben zu sein schien. Nachts verfolgte Simon ihn bis in seine Träume, wo er Paula vor seinen Augen ,,klarmachte‘‘.

Da sie ihre Leben einander vollständig schilderten, fiel eine winzige Unstimmigkeit sofort auf. Heute Morgen sei sie zu spät zur Schule gekommen, der verdammte Bus habe Verspätung gehabt, ärgerte sie sich. ,,Aber du fährst doch gar kein Bus?“, schrieb Luis. Sie selbst hatte ihm die Google-Maps-Koordinaten ihres Hauses geschickt, das nur ein paar Ecken von ihrer Realschule entfernt lag, eine Strecke, auf der keine Busse verkehrten, was bedeuten musste, dass sie woanders übernachtet hatte. ,,Bei einer Freundin“, erwiderte sie, ,,und jetzt hör auf mich zu verhören, fehlt nur noch dass du nen privatdetektiv auf mich ansetzt.“ Luis schickte ihr eine Kopie ihrer Nachricht von gestern, 20:04 Uhr: ,,Für heut muss ich schluss machen, muss noch lernen für ne arbeit. Wünsch mir glück!“ Von einer Übernachtung bei einer Freundin war keine Rede gewesen. Verheimlichte sie ihm etwas? ,,Mann luis, Eifersucht ist unsexy.“ Also gut, wenn er es unbedingt hören müsse: ihre Freundin Sabrina sei frisch getrennt, sie habe um halb Neun angerufen und Paula gebeten, zu ihr zu kommen. ,,Ich war die ganze nacht bei Ina. Keine angst, gelaufen is nix.“

Von Angesicht zu Angesicht wären die Gespräche, die sie führten, unmöglich gewesen. Seine Gefühle für sie laut auszusprechen, hätte Luis niemals gewagt. Sie aufzuschreiben war dagegen ganz einfach. Etwas unternommen, um ihre virtuelle Beziehung Wirklichkeit werden zu lassen, hatte Luis bislang nicht, obwohl sie kaum eine Zugstunde auseinander wohnten. Als Mann lag es vermutlich bei ihm, den ersten Schritt zu tun. Er stellte sich oft vor, wie es wäre, Paula in seine Arme zu schließen, ihren Körper zu spüren, ihren Duft zu riechen. Würde er das, was er jetzt hatte, dagegen eintauschen? Ein normaler Mensch, da war Luis sicher, würde diese Frage ohne Zögern mit Ja beantworten. Luis aber sah nicht ein, wieso er die Sicherheit der Drahtlosnetzwerkverbindung aufgeben sollte für die Unsicherheit eines Treffens in der sogenannten Realität, nur damit er am Ende vielleicht beides verlieren würde, Paula und seine Hoffnungen.

Er saß in seinem Zimmer und zockte ,,GTA 5“, aber eigentlich wartete er darauf, dass Paula schrieb. Sie hatten heute erst vierzig Nachrichten ausgetauscht, die letzte vor Stunden. Aus Gewohnheit öffnete er mit der Rechten auf seinem Handy ihre Facebookseite, während er mit Links das gestohlene Auto weiter durch die Straßen von Los Santos lenkte. Weil er mit halbem Auge aufs Handy schaute, geriet der Wagen auf den Gehweg, Menschen schrien, doch das bekam Luis gar nicht mit, denn er starrte auf den neuen Post ganz oben auf Paulas Pinnwand. ,,Simon Ro‘‘ hatte ein Foto gepostet, ihre Köpfe vor einer untergehenden Sonne, ihre Münder verschmelzend, darüber die Worte: ,,Zwei Jahre!!!“ Im Fernseher wurde Luis gerade erschossen.

Es musste ein Fehler im Facebook-System sein. Paulas Chronologie musste durcheinandergeraten, ein alter, längst verjährter Beitrag versehentlich nach oben gerutscht sein. Vielleicht war Simon auch wehmütig geworden und hatte das Bild gepostet, um an ihre gemeinsamen Zeiten zu erinnern. Er musste es von ihr hören, sie musste ihm sagen, dass das ein Missverständnis war. ,,Bist du da?“, schrieb er.

Sie war online und antwortete sofort: ,,Heyyyyy!“

Er teilte Simons Post im Chat.  

Diesmal nahm ihre Antwort mehr Zeit in Anspruch. Was geschehen sei, tue ihr leid. Sie habe ihn nicht verletzen wollen, könne aber verstehen, wenn er verletzt sei. Ja, sie sei mit Simon zusammen, es tue ihr leid, wenn sie gelogen habe. Aber die Gespräche mit ihm, Luis, hätten ihr so viel bedeutet, dass sie Angst gehabt habe, wenn sie sage, sie habe einen Freund, könnte sie Luis verlieren.  

***

Wenn um halb Sechs der Wecker klingelte, galt sein erster Griff dem Handy, und er brauchte mehrere Sekunden, bis er begriff, weshalb ihre letzte Nachricht Tage zurücklag. Erst jetzt erkannte Luis, wie unverzichtbar Paula geworden war, wie sehr sie fehlte. Wann immer er das Handy hervorzog, um ihre Nachrichten zu checken, gähnte ihm ein Loch entgegen. Warum sollte er sich auf die Mittagspause freuen, wenn er bloß zum Bäcker laufen und zwei Fleischkäsweckle holen würde?  

Seinen Eltern hatte er nie von Paula erzählt. Doch in seinem Zustand war es unmöglich, dass sie nichts bemerkten. Als er fertig mit Erzählen war, klopfte ihm sein Vater auf die Schulter und sagte: ,,Wart‘ nur ab, wenn du dann was Richtiges hast, vergisst du die Sache in nullkommanix.‘‘

Später öffnete Luis ihren Chat, nachdem er ihn tagelang gemieden hatte. Es dauerte zwanzig Minuten, um zum Anfang hoch zu scrollen. Er las: ,,Luis, ich will dass es zwischen uns genau so bleibt wie in diesem moment. Das mit uns ist was besonderes.“ War das nichts Richtiges?

***

Als das Handy vibrierte und ihr Name aufleuchtete, war es Luis, als ob sein Zimmerboden kippe. Wie damals vor anderthalb Jahren saß er auf der Couch und zockte.

Paula: ,,Wie gehts?“

Luis: ,,Gut und dir?“

Paula: ,,Komme grad aus einem Loch, hab viel durchgemacht…“

Es war sofort wie damals, als hätte es einen verschwiegenen Freund nie gegeben. Ihr böse war Luis ohnehin nie gewesen, vielmehr hatte die Zeit ohne sie ihn noch darin bestärkt, dass er sie liebte und keine andere wollte.

Sie ließen es behutsam angehen. Wenn sie nach allem, was geschehen war, nach anderthalb Jahren Pause wieder zueinander finden konnten, dann gab es nichts zu überstürzen. Eine Information aber hielt ihn nachher noch lange wach: mit Simon war Schluss.

Eine Überprüfung bestätigte es. Ein Post von ,,Simon Ro“ auf ihrer Facebookseite, zwei Wochen alt, das Bild eines gebrochenen Herzens und der Link zu ,,Cry Me A River‘‘ von Justin Timberlake. Es sei eine einvernehmliche Trennung gewesen, sagte Paula, und weder sie noch Luis hatten Lust, das Thema zu vertiefen. Viel mehr interessierte sie, ob es in seinem Leben jemanden gebe. Seine Antwort, seit ihr habe er keine andere gewollt, machte sie ,,sehr glücklich“. Und dann schrieb Paula, sie sei am Wochenende in der Stadt, ein Geburtstagsgeschenk kaufen. Ob er mitkommen wolle?

Auf dem Weg hätte Luis das Treffen am liebsten abgesagt. Er fühlte sich tatsächlich krank, sein Magen hatte seit gestern Abend nichts mehr angenommen und seine Augen brannten, als habe er zu lange auf den Bildschirm geschaut. Sie stand vor dem Einkaufszentrum mit Kopfhörern im Ohr und Handy in der Hand, ihre blonden Haare glühten in der Nachmittagssonne wie elektrisiert. Sie sah anders aus als auf den Fotos. Luis wusste nicht, ob einfach anders oder weniger schön. Eine Umarmung schaffte er nicht, ein zu großer Regelverstoß erschien es ihm, Paulas Körper mit den Händen zu berühren. Sprechen, eine Unterhaltung führen ging, doch alles, was sie sagten, wirkte unwirklich, als schaute er ihnen beiden in einer Realityshow im Fernseher zu.

Er begleitete sie in mehrere Läden, bis sie fündig geworden war und als Geschenk für ihre Freundin ein Kleid für den Sommer und ein Set Ohrringe kaufte. Anschließend holten sie Bubble Tea, er lud sie ein, und spazierten im Park, am selben Bach entlang wie damals mit seinem ersten Tinder-Date, dessen Namen er vergessen hatte. Paula fotografierte Enten und stellte sie auf Facebook, und er begleitete sie zum Bahnhof. Obwohl er es sich fest vorgenommen hatte, klappte es mit der Umarmung auch diesmal nicht.

Am Abend kamen die Vorwürfe: warum er nichts versucht habe? Nicht mal eine Umarmung? ,,Hättest dus probiert, du hättest mich küssen dürfen!“ Luis versuchte zu erklären, dass seine Liebe schuld sei, seine Liebe blockiere ihn. ,,Das nächste mal bin ich mutiger, versprochen!“

,,In nächster Zeit hab ich viel zu tun.“

Er presste alle Gesichtsmuskeln zusammen, bis vor den Augen rote Blitze tanzten. Er hätte sie küssen können, er hätte es nur zu tun brauchen. Noch einmal durfte er die Chance, seine letzte, nicht verschenken.

Paula schrieb jetzt expliziter, sie könne sich eine Beziehung mit ihm vorstellen. Doch wenn Luis ein neues Treffen vorschlug, musste sie entweder auf eine Klassenarbeit lernen, den Nachbarssohn babysitten oder Sabrina treffen. Die Abstände zwischen ihren Nachrichten nahmen zu, von Stunden auf Tage, bis sie schließlich ganz ausblieben. Und ohne dass er einen Beweis gebraucht hätte, wusste Luis, dass sie wieder mit Simon zusammen war.

Abends im Bett schmiedete er einen Plan. Er würde all ihre Verwandten übers Internet ausfindig machen und an sie und Simon fiktive Einladungen zu einem Familienfest verschicken. Nur Paula bekäme keine Einladung. Ein gemieteter Bus würde die Gäste abholen, und unterwegs würde seine selbstgebastelte Bombe alle in die Luft sprengen. Dann, so kalkulierte Luis, hätte sie nur noch einen einzigen Menschen auf dieser Welt, ihn. Da sie nicht wüsste, dass er hinter dem Massenmord an ihren Nächsten steckte, stünde ihnen endlich nichts mehr im Weg. Ein Plan B drehte sich um einen Profikiller, den er im Darknet auf Simon ansetzen würde.

Der Sommer kam. ,,Tomorrowland“, sein Lieblingsfestival, rückte näher, war da, ging vorbei. Mit seinen Eltern verbrachte er zwei Wochen in Florida. Das dritte Ausbildungsjahr brach an.

Eines Tages tippte Luis bei Google das Wort ,,Frau‘‘ ein und erstellte mit dem ersten attraktiven Foto ein neues Tinder- Profil. Samantha war geboren, Spitzname Samy. Innerhalb von einer Stunde hatte Samy dreißig Matches. Als Luis waren es zwei pro Woche gewesen.

***

Am Anfang gewährte Samy noch jedem eine Chance. Sie sichtete die Bilder und las sogar das Profil durch. Beim ersten Makel wischte sie den Typen nach links, und einen Makel fand sie bei fast jedem. Glaubte dieser Yannick mit seiner Kartoffelnase im Ernst, bei einer wie Samy eine Chance zu haben? Und was für fleischige Lippen dieser Laurenz hatte, sie schüttelte sich schon, wenn sie sich den Kuss nur vorstellte! Und wen haben wir denn da, Simon heißt du, na dann lass‘ mal sehen, was du zu bieten hast, Simon. Hm, ja, nicht schlecht, dein Sixpack, da musst du aber eifrig für trainiert haben, was? Aber ts ts ts, hättest du deine Zeit mal lieber in eine Frisur investiert, die nicht so aussieht, als hättest du Kaugummi im Haar. Time to say goodbye, Simon, wer will als Nächster?

Unglaublich, wie viele hässliche Typen es gab! Wurstfinger, Frankensteinschädel, kotzgrüne T-Shirts – all diese Billigprinzen waren doch einer Samantha nicht angemessen.

Als Samy alle Matches gelöscht hatte und immer noch mit keinem geschrieben, beschloss sie, dem nächsten halbwegs akzeptablen Junggesellen eine Chance zu geben. Der Glückliche hieß Alberto und stellte sich gleich als Gentleman heraus, indem er Samy als ,,so krass schön“ bezeichnete, dass es fast nicht sein könne. Ob sie wirklich echt sei, wollte er wissen. Der war ihr zu clever, sie löschte ihn. Mit dem Nächsten schrieb sie länger.

Tom: ,,Hey, was machst du grad?“

Samy: ,,Mit dir chatten?!“

Sofort beeilte sich Tom, seinen lahmen Auftakt auszubügeln: ,,Doofe frage sorry. Mag diese Standardfragen auch nicht. Wie wärs damit: hörst du gern musik?“

Samy: ,,Ja“

Tom: ,,Wer ist deine lieblingssängerin?“

Samy: ,,kommt drauf an“

Tom: ,,Wie meinst du?“

Samy: ,,wo ich bin“

,,Ja stimmt“, versuchte Tom weiterhin einen Fuß auf den Boden zu kriegen und erzählte betont leidenschaftlich von einem Konzert, das er am Wochenende besucht habe.

Samy: (   )

Nach drei Minuten Stille wieder Tom: ,,Wenn du einen flug frei hättest, wohin würdest du fliegen?“

Tom stellte Fragen, die Luis nie eingefallen wären. Besondere Mühe gab Tom sich dabei, Samy den Spaziergang durch die Weinreben zu beschreiben, den er oft mache, um zu sich selbst zu finden, und den er ihr gerne einmal zeigen würde. Wie Paula ihn, so ließ Luis Tom auf eine Antwort warten, bis Tom panisch hinzufügte, nicht dass sie sich zu irgendwas gedrängt fühle. ,,War grad auf dem Klo.“, schrieb Samy zurück, ohne den Spaziergang eines Wortes zu würdigen. Es fühlte sich gut an, zur Abwechslung einmal nicht derjenige zu sein, der hingehalten wurde, sondern der hinhielt. Natürlich wusste Luis, dass das, was er tat, strenggenommen falsch war. Andererseits, nach allem, was er erlitten hatte, warum sollte ein anderer nicht auch ein wenig leiden? In gewisser Weise fand Luis es gerecht, dass Tom nun durch Samy erfuhr, wie es ihm mit Paula ergangen war.

Toms Vorschlag, Nummern auszutauschen und auf WhatsApp weiterzuschreiben, wich Luis mit der Begründung aus, sie habe zu viele schlechte Erfahrungen gemacht. Denn sein WhatsApp-Profilbild hätte ihn sofort verraten. Schließlich verabschiedete Samy sich abrupt. Sie treffe noch jemanden.

,,Wen denn?“, kam prompt die Reaktion.

,,Nur ein Freund. Wir gehen eis essen.“, schrieb Luis und wusste genau, welche Bilder Tom jetzt am anderen Ende der Verbindung durch den Kopf schossen.

,,Weißt du, samy“, schrieb Tom, ,,ich hätte nie gedacht dass ich an einem tag wie heute ein Mädchen wie dich kennenlerne.“

,,Muss los. Fand es auch lustig.“, erwiderte Luis und ging offline.

***

Als er am nächsten Tag Samys Tinder-Profil öffnete, hatte Tom bereits geschrieben. Er habe ständig an sie denken müssen.

,,Das ist aber nicht gut. Wir kennen uns doch noch gar nicht.“, gab Samy zu bedenken.

Toms Fotos bewiesen, dass er kräftig gebaut war und volle Lippen hatte. ,,Die mädels in der Schule stehen sicher alle auf dich.“, schmeichelte sie ihm. Und sie? Sie habe sicher schon viele Herzen gebrochen, vermutete Tom und wollte es kaum glauben, als Samy entgegnete, mit Männern habe sie bisher kein Glück gehabt. ,,Alle schauen immer nur aufs aussehen. Aber wer ich wirklich bin, ist ihnen egal.“, klagte sie. ,,Aber du bist anders.“

Damit sie ihn besser kennenlernte, schickte Tom ihr ein Foto seiner Familie. ,,Attraktiver mann, dein Bruder!“, bemerkte Samy. Von da an flocht sie immer wieder scheinbar beiläufige Fragen nach seinem Bruder ein. Wie es Julian gehe? Ob Julian gerade zu Hause sei? Ob Julian eine Freundin habe? Anfangs gab Tom artig Auskunft, bis es schließlich aus ihm herausbrach: ,,Warum interessierst du dich so für meinen bruder?“ Luis jubilierte und dachte daran, wie er damals Paula zu Simon befragt hatte. Er schrieb: ,,Eifersucht ist ziemlich unsexy.“ Das saß.

Am Ende des Tages hatte er Samy Fotos seiner Tattoos geschickt und Samy hatte ihm erlaubt, sie ,,Babe‘‘ zu nennen.

Dass es längst überfällig war, den Schwindel aufzudecken, war Luis klar. Das Problem war, dass Tom ihm immer sympathischer wurde. Von außen betrachtet besaß Tom alles, was Luis sich immer gewünscht hatte, ein gutes Aussehen, Freunde, Coolness. Und trotzdem war er vor Samy so unsicher, wie Luis es vor Paula gewesen war. Tom wusste es nicht, doch er teilte mit Luis dasselbe Schicksal. Dank Samy fühlte Luis sich Tom so nahe, wie er ihm als Luis nie hätte kommen können,  und wer weiß, vielleicht könnten sie Freunde werden. Außerdem begann Luis gerade erst, Samys Potenzial zu erahnen.

***

Es war nach Mitternacht, Luis lag im Bett. Nicht mehr als sechzig Kilometer Luftlinie entfernt lag ein anderer Junge ebenfalls in seinem Bett, das Gesicht wie Luis in den blauen Schein des Handys getaucht. ,,Ich würde jetzt gern deinen körper an meinem spüren.“, schrieb ihm ein schönes Mädchen namens Samy. ,,Ich will deine hände an meinen brüsten spüren. Ich will dich küssen, erst deinen Mund, dann deinen Bauch, und wenn du es fast nicht mehr aushältst, nehm ich deine Eichel in den Mund und streichle sie sanft mit meiner zungenspitze.“

Und der Junge fragte sich, ob er noch wach war oder schon träumte, und schrieb zurück: ,,Ich will dich, samy. Ich würde alles für dich tun, sag mir, was ich tun soll, und ich tu’s!“

Er fixierte die drei tanzenden Punkte auf dem Display, die anzeigten, dass sie schrieb, wie ein Patient das Pendel des Hypnotiseurs. Er las: ,,Ich will, dass du ins bad gehst und dir einen runterholst. Schick mir ein foto.“  

Wenige Minuten später traf das Beweisfoto auf Luis‘ Handy ein.

***

Inzwischen hatte Toms Drängen auf ein erstes Date kritische Ausmaße erreicht. Die Geschichte, die Luis sich zu diesem Zweck zurechtgelegt hatte, zog nicht mehr. Laut dieser Geschichte hatte Samys letzter Freund sie so sehr verletzt, dass sie immer noch nicht darüber hinweg war. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Sie hatte ihm alles erzählen können, hatte sich ihm völlig ausgeliefert, denn Liebe macht blind, bis sie nach perfekten anderthalb Jahren zufällig herausfand, dass ihr Freund sie die ganze Zeit mit einer anderen betrogen hatte. Sie brauche Zeit und wisse nicht, ob sie jemals wieder jemandem so vertrauen könne.

Aber nach vier Wochen und über dreitausend gewechselten Nachrichten konnte Samy einem Treffen nicht länger ausweichen, ohne sich verdächtig zu machen.

Tom: ,,Wie wärs am samstag? Ich hab geburtstag und geb ne kleine party. Wenn du kommst, wär das das größte geschenk!“

Nach kurzem Zögern nahm Samy die Einladung an.

Samstag war in drei Tagen. Luis schickte Samy auf einen spontanen Campingausflug mit ihrem besten Freund Luki. Das verschaffte ihm einen Vorwand, seltener online zu gehen, und Zeit, um sich einen Ausweg zu überlegen. Natürlich wollte Tom am Donnerstagabend ganz genau wissen, was sie den Tag über getrieben hatte, und nachdem sie ihn ausreichend beschwichtigt hatte, zwischen Luki und ihr, da laufe garantiert nichts, schwärmte Tom von ihrer bevorstehenden Vereinigung. Sein Bruder habe einen DJ organisiert, seine Schwester, die die Ausbildung zur Konditorin mache, backe eine riesige Geburtstagstorte. Aber der eigentliche Höhepunkt des Abends werde natürlich Samy sein. All seine Freunde könnten es kaum erwarten, endlich dieses Mädchen kennenzulernen, von dem er ihnen seit Wochen vorschwärme.

Seit Freitagmorgen, als Tom sie gebeten hatte, ihr seine Ankunftszeit mitzuteilen, damit er sie vom Bahnhof abholen könne, hatte Samy nicht mehr geschrieben. Freitagabend brach an, und Samy hatte ihm immer noch nicht mitgeteilt, wann sie am nächsten Tag ankomme. Um 23:36 Uhr meldete Samy sich endlich zurück. ,,Lieber tom“, schrieb Samy, ,,es tut mir leid, aber zwischen mir und luki ist was gelaufen. Wir haben miteinander geschlafen. Es tut mir echt leid. Ich hätte mich sehr gefreut dich persönlich kennenzulernen. Viel glück. Deine samy.“

***

Zwei Tage später vibrierte Luis‘ Handy. Eine neue Nachricht von Tom. Ein Screenshot, der ein Browserfenster zeigte, Fotos verschiedener Frauen, in der Mitte Samy, ein englischer Frauenname und der Titel ,,Miss Australia 2016“.

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