Zuggespräche

Zuggespräche

Am Morgen verfährt er wie geplant. Er steigt in den Zug, sinkt aber nicht wie sonst auf den erstbesten freien Platz, sondern durchstreift weiter den Mittelgang. Dabei scannt er aus dem Augenwinkel die Besetzung. Im zweiten Wagen wird er fündig. Eine junge Frau allein in einem Vierer, bessere Bedingungen könnte er sich nicht wünschen. Mit einem schwammigen Gefühl im Bauch setzt er sich. Erst jetzt erkennt er, dass ihr Gesicht mit der hellen Haut, auf der ein paar Sommersprossen matt glänzen, und den geschwungenen Nasenflügeln außergewöhnlich hübsch ist. Sie hingegen nimmt keine Notiz vom neuen Sitznachbarn, ihre Augen kleben am Smartphone.

Noch vor zehn Wochen hätte Tim, 25, Informatikstudent, nicht geahnt, dass er bald im Zug einer jungen Frau mit Sommersprossen gegenübersitzen und um die richtigen Worte ringen würde. Allerdings hat er vor zehn Wochen auch nicht damit gerechnet, dass Sarah eine offene Beziehung vorschlagen würde. Zehn Wochen sind eine lange Zeit, wenn die Freundin, mit der man fünf Jahre zusammen war, auf einmal nicht mehr da ist.

Daran darf er jetzt nicht denken. Er muss sich konzentrieren. Er hat eine Aufgabe: Zwei Namen pro Tag, um die Furcht abzutrainieren.

Eine Stunde lang hat Tim gestern Abend die geeigneten Worte gesucht. Es kommt nicht darauf an, was man sagt, sondern dass man es sagt. Jedenfalls wenn man ,,Flirt-Coach‘‘ Basti glauben mag, auf dessen YouTube-Videos er ab und zu landet, und zwar aus Langeweile und Belustigung, aber ehrlich gesagt auch aus einer Sehnsucht nach einem ,,Coach‘‘, der ihn an die Hand nimmt und ihm endlich erklärt, wie Frauen funktionieren. Es war auch im ,,Street Special‘‘ dieses ,,Flirt-Tutorials‘‘, wo er zum ersten Mal Kunde von der sensationellen Wirkung des Ansprechens vernahm. Vom Hinterherrennen war dort die Rede, vom Auf-die-Schulter-Tippen und einem atemlosen ,,Ich hab dich gesehen, da musste ich dich einfach ansprechen!‘‘. Und von einem neuen Kontakt, der der Sim-Card eingespeist wird.

Also darauf, es zu tun, kommt es an, schön und gut, aber letztendlich ist es doch so einfach nicht, seien wir ehrlich. Müssen die ersten Worte nicht ihre Neugier wecken? Sie vielleicht sogar, und hier bewegen wir uns sicher bereits auf Fortgeschrittenenniveau, zum Lachen bringen?

Tims abendliche Reflexionsstunde zeitigte folgendes Ergebnis: ,,Ich merke immer wieder, dass ich kein Morgenmensch bin, und du?‘‘ Verschmitzt fand er diesen Gesprächseinstieg gestern Abend. Vor seinem inneren Auge schaute die Frau, deren Gesicht er noch nicht kannte, überrascht auf. Ihr Lächeln signalisierte, dass sie den Ball, den er ihr zuspielte, bereitwillig auffing, und sie sagte etwas wie: ,,Ja, ich auch nicht.‘‘, und schon waren sie im Gespräch.

Nun sitzt eine echte Frau vor ihm, und das macht es komplizierter. Vor ihm sitzt ein fremder Mensch, dessen Reaktionen nicht vorhersehbar sind, und im Angesicht dieses Abgrundes fühlt er sich wehrlos. Er spürt, dass es ihn jeden Moment anfallen wird, aber er hat keinen Anhaltspunkt, aus welcher Richtung. Weil ihm die Anhaltspunkte fehlen, greift er nach der Falte zwischen ihren Brauen. Diese Furche spricht doch eine klare Sprache, sie will in Ruhe gelassen werden. Sollte er seine eingeübte Phrase tatsächlich doch noch ins Reich des Gesagten und Irreparablen befördern, wird sie ihn mit einem einzigen kurzen Augenaufschlag vernichten.  

Doch selbst wenn sie gnädig mit ihm ist – was, wenn sie einen Freund hat? Dann war der ganze Aufwand umsonst. Oder sie könnte sich belästigt fühlen. Ein einsamer Mann, der wildfremde Frauen in Zügen anspricht, bei welcher Frau schellen da nicht sämtliche Alarmglocken?

Und was werden die anderen denken? Sie sind schließlich nicht allein, ihre Unterhaltung wäre die einzige im ganzen Abteil. Jedes Wort würden die anderen mitbekommen, zum Beispiel der Erfolgstyp in dem geschniegelten Anzug mit der schmierigen Gelfrisur und dem Starbucks-Becher im Vierer nebenan. Wäre die Unterhaltung mit dieser jungen Frau etwas, das alle Welt mithören darf? Würde ihn nicht das Gefühl quälen, etwas Intimes gelange an Ohren, für die es nicht bestimmt ist, wie das Eindringen fremder Augen in sein Tagebuch?

Ein inneres Rauschen schwillt an, betäubt seine Ohren, drückt ihm die Luft ab.

Beinahe hätte er es getan! Beinahe, im allerletzten Moment jedoch, nur noch ein Schritt trennt die Worte davon, Realität zu werden, würgt er sie zurück.

Hilfe, hat es in seinem Kopf gerufen, ich brauche noch Zeit! Hilfe, ich bin noch nicht soweit!

Würde die Frau aufschauen, sie müsste seinen roten Kopf bemerken. Heiß und pochend fühlt er sich an. Auch seine Hände verraten ihn, nicht nur einzelne Finger, die ganze Hand zittert. Aber die Frau schaut weiter unschuldig auf ihr Handy. 

Was ihn im letzten Moment doch hat zurückzucken lassen: Die Angst, seine Stimme werde versagen. Zu eng erschien ihm die Kehle, und um durch sie die Worte zu bugsieren, fühlte er sich zu schwach. Es hätte in ein undefiniertes Rumoren gemündet.

Tim hat keine Erfahrung im Ansprechen, aber so viel weiß er: dass man nur eine Chance hat, und wenn man sie verstreichen lässt, war’s das. Einmal der Versuchung nachgegeben, die Aktion zu überdenken, und man wird sie nie in die Tat umsetzen. Stattdessen fallen einem immer mehr Gründe dagegen ein.

Halt für Halt rückt seine Station näher, und er hat den Zug verpasst, der Zug ist abgefahren. Zwar sitzt die junge Frau immer noch da, theoretisch könnte er sein Versäumnis immer noch nachholen, praktisch jedoch ist er ausgebrannt, gescheitert, noch bevor er es überhaupt versucht hat. Gestern elektrisierte ihn die plötzliche Erkenntnis, es läge in seiner Hand. Er allein entscheide, ob er morgen jemanden kennenlerne, und wie viele. An der Aufregung erkannte er erst, wie niedergedrückter Stimmung er die ganzen letzten Wochen über gewesen war. Zum ersten Mal erahnte er einen Ausweg. Dieser Ausweg hat sich als Eintagsfliege entpuppt, eine Tür für jemand anderen als ihn. 

Eine Station vor seiner steigt sie aus. Im Vorbeigehen hinterlässt sie ihm einen Luftzug. Es duftet nach frisch geduscht.  

*

Den ganzen Vormittag über kreisen seine Gedanken um die erlittene Niederlage. Mittags holt er sich in der Markthalle etwas zum Mitnehmen und setzt sich auf die Stufen am Fluss. Gerade wollen die Eindrücke vom Morgen – die Anmut der jungen Frau, sein Hasenherz – schon wieder von vorne ablaufen, da spricht die Sonne auf seiner Haut ein Machtwort. Tim schließt die Augen. Es ist ein Prachtexemplar von Sommertag, mit makellosem Himmel und Grillenzirpen. Vergnügtes Kreischen lässt ihn die Augen öffnen und die zwei Kinder bemerken, die auf der anderen Flussseite im flachen Wasser planschen. All sein Ärger über die Welt und sich selbst verpufft. Will er wirklich an einem Tag wie diesem eine saure Miene ziehen? Da erwartet er, beim allerersten Versuch die Lorbeeren einzuheimsen, und dann spielt er den Beleidigten? Hat er nicht schon ganz andere Sachen geschafft? Theoretische Informatik, zwei Semester Zähneausbeißen, zehn Stunden Lernen pro Tag und trotzdem danach keinen Dunst mehr kapieren, buchstäblich keinen Dunst! Und am Ende die Prüfung mit einer Dreikommafünf abgeschlossen. Was in Theoretischer Informatik einer Eins mit fünf Plussen gleichkommt.

Nein im Ernst, er hat schon härtere Nüsse geknackt als irgendeine x-beliebige Frau anzusprechen. Wenn Tim sich das vorgenommen hat, wird Tim das erledigen. Zwei Namen, lautet das Tagespensum. Den ersten hat er vergeigt, den kriegt er meinetwegen erlassen als eine Art Anfängerbonus. Aber dass er nur ja nicht denkt, morgen auch noch einmal so ungeschoren davonzukommen. Und überflüssig zu erwähnen, der zweite Name, der steht noch aus, den wird er liefern müssen und heute Abend in seine Liste eintragen, und wenn das geschafft ist, dann wird er sich gefälligst ein Bier aus dem Kühlschrank holen und bei einer Folge Mindhunters zu Gemüte führen.

Vier Stunden später steht er am Bahnsteig. Die Bahnhofsuhr steht auf Sechzehn nach Fünf, ihm bleiben neun Minuten. Um die Zeit zu minimieren, in der er schädliche Überlegungen anstellen könnte wie am Morgen, hat er sich Ansprechen direkt auf dem Bahnsteig verordnet.

Tim gibt sich einen Ruck und schlendert den Bahnsteig entlang, vorgeblich, um sich die Beine zu vertreten. In Wahrheit führt er Inventur. Dort auf der Bank sitzt ein Mädchen, oder sollte er Frau sagen? Er schätzt sie auf achtzehn, neunzehn Jahre. Ihre sandbraunen Haare hat sie zu Zöpfen geflochten, die einen Kranz um ihren Kopf bilden und sich am Hinterkopf zu einem volleren Zopf vereinen. Er registriert ihre Kopfhörer und verachtet sich für seine Erleichterung. Personen mit Ohrstöpseln hat er von vornherein ausgeschlossen, zu hoch die Schwelle für einen Anfänger, eine Person nicht nur anzusprechen, sondern sie sogar zu zwingen, eine aktuelle Tätigkeit zu unterbrechen. Vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt, im Moment hätte er viel zu großen Bammel und käme sich einfach nur aufdringlich vor. Weitere Tabus: Frauen, die telefonieren, und Frauen in Gesellschaft.

Als nächstes steigt eine junge Frau aus der Unterführung. In der Sonne fangen ihre blonden Strähnen zu glühen an wie elektrisierte Fasern. Sie läuft direkt auf ihn zu und sie trägt keine Kopfhörer. Verzweifelt muss er einsehen, dass es keine Entschuldigungen gibt, ihr Trekkingrucksack legt ihm sogar den Ball vor, er könnte sie fragen, wohin die Reise geht. Viel zu rasch kommt sie näher, und auf einen Schlag kehrt das Gefühl von heute Morgen zurück, die Weichheit der Beine, das alle fünf Sinne verstopfende Rauschen und die Gewissheit, kein verständliches Wort zustande zu bringen. Dieses Gefühl hilft seiner Erinnerung auf die Sprünge, was denn daran so schwer sein solle. Er ist noch nicht bereit, kann er nicht noch ein paar Minuten Galgenfrist bekommen?

Ein Mann taucht hinter ihr auf und legt ihr die Hand auf die Schulter, ihr Freund. Tim erschauert so heftig, dass er beinah das Gleichgewicht verliert.

Vier Minuten. Die nächsten vier Minuten werden darüber entscheiden, ob der Abend versaut ist oder vergoldet.  

Woher sie plötzlich gekommen ist, ob sie die ganze Zeit schon da war, kann er nicht sagen, als er das Mädchen mit dem Fahrrad bemerkt. Jedenfalls steht sie jetzt da, auf dem weißen Streifen, direkt vor ihm. Ihre rechte Hand ruht auf dem Sattel, und wie ihre Silhouette sich gegen den nahenden Gewitterhimmel abzeichnet, weckt sie irgendwo in einem Winkel seiner Erinnerung das vage Bild einer Heldin, vielleicht eine der Abenteurerinnen aus den Geschichten, die seine Mutter ihm als Kind vorgelesen hat.

Er muss sie bloß ansprechen. Die Deckung verlassen und ein paar Worte an sie richten, damit hätte er seinen Sold für heute erfüllt.  

,,Hey, kannst du mir vielleicht sagen, wo die Straße da oben hinführt?‘‘

Während sein Körper den Befehl ausführt, schaut Tim selbst von außen zu und hat das Gefühl, einem Wunder beizuwohnen. Glück und Entsetzen wechseln sich ab, er hat es getan.

Das Mädchen dreht seinen Kopf, ihre Augen erfassen ihn, mit Verzögerung begreift sie, dass dieser Mann sie angesprochen hat, und in dem Moment tritt etwas Neues in ihre Augen, von dem sie beide wissen, dass es zum ersten Mal da ist.

,,Ja klar‘‘, sagt sie, ,,das ist der Radwanderweg zum Katzenberg. Da komm‘ ich grade her.‘‘

Er weiß natürlich, dass das der Radwanderweg zum Katzenberg ist, erst diesen Frühling hat er die Tour selber gemacht, mit Sarah. Aber darum geht es ja nicht. Sondern darum, wie einfach es ist. Es geht um die Selbstverständlichkeit, mit der sie auf sein Gesprächsangebot einsteigt. Was genau er erwartet hat, weiß er auch nicht, jedenfalls nicht das Naheliegende: Dass die Unterhaltung mit der Frau nur eine Frage entfernt liegt.

Ihre Offenheit setzt ihn auch unter Druck. All die Stunden bis jetzt haben seine Gedanken sich ausschließlich um den Schlüsselmoment des Ansprechens gedreht, weiter hat sein Horizont nicht ausgereicht. Darüber hat er ganz vergessen, was die natürliche Konsequenz des Ansprechens ist, nämlich ein Gespräch.  

,,Lohnt die Tour sich denn?‘‘ Eine Frage. Eine Frage ist immer gut, mit ihr kann man Zeit schinden, bis man sich eine provisorische Strategie zusammengestoppelt hat.  

,,Der Teil durch die Weinberge ist schön, aber es gibt wenig Schatten. Der Aufstieg zum Katzenberg dann ging ziemlich steil rauf, dafür gab‘s Schatten.‘‘ Ihre letzte Bemerkung bringt sie unwillkürlich zum Kichern, als falle ihr mit Verzögerung auf, dass ihr unabsichtlich ein kleiner Witz gelungen ist.

,,Und sind das Asphaltwege oder Schotter?‘‘, erkundigt er sich. Alle Kraft muss er zusammennehmen, sein Gesicht nicht angewidert von der Ödnis seiner Frage zu verziehen. Zu allem Überfluss kreischen in diesem Moment die Zugbremsen auf, woraufhin sie sich wegdreht in Richtung des einfahrenden Zuges.

Das war’s, fährt Tim durch den Kopf. Nett war’s, aber ihre Höflichkeit für aufrichtiges Interesse zu halten, war vermessen von mir.

Sie wendet den Kopf über ihre Schulter und ruft: ,,Teer. In den Weinbergen Teer, am Berg Asphalt.‘‘

,,Ah ja‘‘, macht Tim, als habe ihm diese Information soeben einen wichtigen persönlichen Dienst erwiesen. ,,Ich frage nur, weil du hast ja ein Rennrad, und da sind die Räder ja empfindlich.‘‘

,,Das hab ich neu‘‘, strahlt sie, ,,das-‘‘, doch da wird sie unterbrochen vom Gedränge an der Tür. ,,Gleich‘‘, sichert sie ihm die Fortsetzung ihres Gespräches zu, und alleine dieses ,,Gleich‘‘ durchflutet Tim mit einem Glücksschauer.

Als sie vor ihm die Treppe hinaufsteigt, bemerkt er die Polster an ihren Oberschenkeln. Sie mag etwas fülliger sein als seine Idealfrau, doch darauf kommt es jetzt nicht an. In gewisser Weise ist sie mit ihren Schönheitsfehlern genau die Richtige für das erste Mal Ansprechen und besser geeignet als eine, die zwei Ligen über ihm spielt wie die Rothaarige vom Morgen.

Außerdem, jetzt wo er im Abteil ihr gegenübersteht, muss er zugeben, dass sie ein sehr hübsches Gesicht hat. Ihr mandelförmiges Kinn, ihre Lippen in dem kräftigen, natürlichen Rot, ihre grünen Augen blitzen auf. Genügend Zeit, ihr Gesicht ausführlicher zu studieren, bleibt ihm nicht.  

Die grünen Augen zucken hinauf zu seinen, erschrocken fast. Hat sie seine Gedanken gehört?

,,Das Rad ist neu. Hab ich mir gestern gekauft.‘‘, löst sie ihr Versprechen ein. ,,Gebraucht, aber hohe Qualität, sagt mein Vater. Heute war meine erste Tour.‘‘

,,Und was machst du sonst so?‘‘

,,Ich studiere Musik in Freiberg.‘‘

,,Ah‘‘, sagt er freudig, ,,was spielst du denn?‘‘

Sie singt. Das Studium sei klassisch ausgerichtet, aber in der Freizeit schreibe sie auch eigene Songs, die sie mit Gitarre begleite. Sie sagt es weder schüchtern noch verschämt wie sonst, wenn Leute ihre künstlerischen Ambitionen preisgeben. An der Sicherheit, mit der sie davon spricht, ohne anzugeben, erkennt er, dass sie gut darin ist. Er stellt weiter Fragen, und sie antwortet: Im dritten Semester; in einer WG; nein, nach dem Abi nicht sofort an die Uni, zuerst ein FSJ als Deutschlehrerin in Toulouse, wo sie Fünfzehnjährigen Deutschrap zeigte.

Ihm fällt auf, dass in unregelmäßigen Abständen ihre rechte Augenbraue zuckt. Ist sie etwa auch nervös? Bis jetzt war er so damit beschäftigt, die eigene Nervosität zu verschleiern, dass er noch gar nicht die Möglichkeit in Betracht gezogen hat, ihr könne es ähnlich ergehen.

,,Und wer bist du?‘‘ Sie verleiht der Frage ein scherzhaftes Gewicht, so als spiele sie die Frau im Film, die den geheimnisvollen Fremden nach seiner Identität fragt.

,,Ich studiere Informatik. Und ich mache auch Musik, wenn auch nur hobbymäßig.‘‘

Ihm ist bewusst, dass ein Informatikstudium keine Frauenherzen gewinnen kann, anders als Psychologie oder ein Kunststudium. Da macht er sich keine Illusionen. Deshalb hat er das mit der Musik einfließen lassen. Um ihr subtil zu vermitteln, dass er nicht der autistische Nerd ist, den die meisten Leute auf die Tastatur einhackend und Tiefkühlpizza essend vor Augen haben, wenn sie ,,Informatik‘‘ hören, sondern dass er auch noch andere Seiten hat. Eine empfindsame zum Beispiel.

,,Oh cool!‘‘, reagiert sie wie erhofft. ,,Was denn für Musik?‘‘

Das ist die Gelegenheit, den üblichen Standardfragen – Was studierst du? In welchem Semester bist du? – zu entkommen und über das zu sprechen, was wirklich zählt. ,,Musik, finde ich, muss Gefühle wecken können.‘‘ Er bemüht sich, ein Bild vor ihren Augen zu zeichnen. ,,Jedes Mal, wenn ich mich an den Computer setze – ans Drumpad, womit ich meine Musik mache -, also am Anfang steht immer ein Gefühl. Irgendwas, das mich berührt hat und das es mir wert erscheint, festgehalten zu werden. Und die Musik ist, jedenfalls für mich, die geeignete Sprache dafür.‘‘

Am Leuchten in ihren Augen erkennt er, dass er die richtigen Worte gefunden hat. Als nächstes verrät ihm der Blick durch die Zugtür, dass sie sich bereits seit zwanzig Minuten unterhalten und jeden Moment in Freiberg einfahren. Einerseits verspürt er Erleichterung, dass die Erlösung vom Druck in greifbarer Nähe liegt. Zugleich verdoppelt der Druck sich noch einmal, denn das Ende ist absehbar, und nun kommt es darauf an, die Sache zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.

Beide haben einen langen Moment geschwiegen, bevor er sich endlich überwindet: ,,Hast du vielleicht Lust, mal Nummern auszutauschen?‘‘ Er sagt ,,austauschen‘‘, anstatt direkt nach ihrer Nummer zu fragen, so wirkt es weniger fordernd. Ganz umsonst waren die ,,Flirt-Tutorials‘‘ also doch nicht.

Ihr rasches ,,Gute Idee!‘‘ bezeigt ihm ein weiteres Mal, wie unbegründet seine Aufregung war. Von links und rechts drängen schon die anderen Mitfahrer, also warten sie, bis sie abseits vom Gedränge auf dem Bahnsteig stehen, bevor sie ihre Handys zücken.  

Erst als unter ,,Neuer Kontakt‘‘ das Feld für den Namen erscheint, dämmert ihm, dass er noch gar nicht weiß, wie sie heißt.

,,Colette‘‘, eröffnet sie ihm lächelnd. Dann reicht Colette ihm noch die Hand mit einer feierlichen Geste, die nur halb ironisch wirkt.

Sie gleitet auf ihrem neuen Rad davon, bis die nächste Kurve sie verschluckt hat, ohne sich noch einmal umzudrehen. Aber das macht nichts, denn für sich wiederholt er ihre letzten Worte: ,,Bis bald, Tim!‘‘. Die Art, wie sie noch seinen Namen hinzugefügt hat, kein Zweifel, es war als Versprechen gemeint. In diesem Moment spürt er die ersten Tropfen auf seiner Haut.

Anstatt mit dem Rad zu fahren, schiebt er nach Hause und lässt sich vom Regen durchweichen.   

Hat dir der text gefallen?

Dann abonnier doch einfach den HINTERSINN-NEWSLETTER!
Das geht ganz schnell: Gib deine E-Mail-Adresse ein und bestätige anschließend die Mail.
Und schon bleibst du über alle neuen Texte auf dem Laufenden!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.