Vom Wunsch, gesucht zu werden: Odyssee

Vom Wunsch, gesucht zu werden

Odyssee

Im Zentrum meines Zyklus‘ Vom Wunsch, gesucht zu werden steht Nico: ein junger Mann in meinem Alter, den es wirklich gibt und den ich im Rahmen eines Praktikums in einer psychiatrischen Klinik kennenlernen durfte. Nico hat die Diagnose Schizophrenie, obwohl er auf den ersten Blick überhaupt nicht so wirkt, wie man sich ,,einen Schizophrenen‘‘ vorstellt. Im Gegenteil, Nico ist ein lebensfroher junger Mann auf der Schwelle zum Erwachsenen, voller Neugier auf die Welt, der sein Leben genießen möchte wie alle anderen in seinem Alter. Wenn da nicht diese Eltern, Psychiater undsoweiter wären, die meinen, er stecke in ernsten Schwierigkeiten. Fragt man Nico: ,,Wie geht’s?‘‘, antwortet er zuverlässig: ,,Tiptop!‘‘ Und doch vertraut er mir an: ,,Ich wünschte, über all das könnte ich weinen, aber immer kann ich nur lachen.‘‘

Odyssee ist der zweite Teil seiner Geschichte.

Auf einmal sind alle anderen entweder in den Keller zu einer Partie Dart oder nach draußen zum Einkaufen verschwunden, und ich finde mich in einem verlassenen Haus wieder und frage mich, was ich hier zu suchen habe. Ich bin doch der Praktikant hier, ich soll doch für die Bewohnerinnen und Bewohner da sein, doch so oft ich auch vom Wohnzimmer durch die Küche in den Garten und zurücklaufe, weit und breit keiner anzutreffen, dem ich helfen könnte. Mich auf den Liegestuhl in die Sonne zu setzen und die unfreiwillige Pause zu genießen, kommt nicht infrage. Ruhelos tigere ich zurück ins Haus. Was höre ich? Aus dem Wohnzimmer dringen Stimmen – endlich doch noch jemand, der meiner Hilfe bedarf!

Im Wohnzimmer stehen Nico und Marvin und schauen Handyvideos. Mein Vorschlag einer Partie Römerschach hat keine Chance gegen die Best 50 der Sportunfälle. Also versuche ich einen anderen Weg. ,,Wie lief das eigentlich genau mit deiner Bekehrung zum Islam, damals in Jerusalem?‘‘, frage ich Nico. Ich rechne eigentlich nicht mit einer ernsthaften Antwort, bisher hat Nico noch jedes Gespräch, das in die Nähe seiner Person zu geraten drohte, gekonnt abgelenkt.

Doch heute ist etwas anders, das spüre ich sofort. Der Vorschlag, sich in den Garten zu setzen und einfach zu reden, kommt dann von ihm. Zum ersten Mal erzählt Nico die ganze Geschichte seiner Reise nach Jerusalem.

Als er aus dem Flugzeug stieg und seinen Fuß auf den Boden der heiligen Stadt setzte, habe er auf Anhieb die Gegenwart Gottes gespürt. Doch vorher verschlug es ihn an einen albanischen Strand aufs Rainbow Gathering, ein nicht-kommerzielles Festival für Hippies, Esoteriker und alle, die sich als ,,wirklich alternativ‘‘ bezeichnen würden. An diesem Strand sah Nico eine Welt, die er erst einmal verdauen musste: Frauen, die völlig nackt in den Wellen badeten; ein High, das dank der unbegrenzten Verfügbarkeit von Gras niemals enden musste; und morgens beim Aufwachen reichten die Freunde einem das erste Bier des Tages. So paradiesisch diese Lebensweise auf den ersten Blick auch erschien, Nico entging nicht, dass die Oberfläche nicht hielt, was sie versprach. Nach außen hin liebte man einander unterschiedslos, begegnete sich auf Augenhöhe und teilte alles miteinander, auch die Leidenschaft der letzten Nacht. Darunter aber brodelten dieselben Eifersuchtsgeschichten, dieselben Konkurrenzgefühle und Machtkämpfe wie in der normalen Gesellschaft, die man verachtete.

,,Ach übrigens‘‘, machte Nico nach einer Pause, ,,das hab‘ ich dir noch gar nicht erzählt.‘‘ Es sollte beiläufig klingen, so als sei ihm ein belangloses Detail eben erst wieder in den Sinn gekommen.

Eines Nachts, so fuhr er fort, zog ein Sturm herauf. Unversehens brach ein solcher Regen über die Utopisten herein, dass keine Zeit blieb, zu überlegen, unter welchem Zeltdach man Zuflucht suchen wollte. Die Wildfremde, neben oder eher auf der Nico landete, hieß Lea. Lea war Neuseeländerin, und in dieser Nacht, inmitten des Sturms, wurden sie ein Paar.  

Das ganze Gathering über blieben sie zusammen, und am Ende, vier Monate waren vergangen und mit ihnen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, hielten sie noch ein paar weitere Tage lang die Stellung am Strand, bis schließlich auch sie der Eintönigkeit desselben überdrüssig wurden. Außerdem zog es Lea Richtung Westen nach Paris, Nico hingegen weiter gen Osten nach Jerusalem. So trennten sich ihre Wege. Ob diese geographische Trennung auch als Trennung ihrer Beziehung gemeint war und warum Nico beispielsweise nicht mit ihr nach Paris flog, sondern unbedingt nach Jerusalem wollte, gehört zu den Leerstellen in dieser Geschichte. Feststeht, dass ein paar Wochen später, Nico befand sich mittlerweile in Jerusalem, sein Handy klingelte und Lea ihm mitteilte, dass sie schwanger sei.

Für seine Antwort musste Nico nicht lang überlegen: ,,Wir kriegen das Kind!‘‘ Zu diesem Zeitpunkt befanden sich von den ursprünglich 14.000 Euro, mit denen er gestartet war, noch 11.000 auf seinem Konto. Nico war zuversichtlich, das müsste erstmal ein paar Jahre halten, auch mit Kind. Lea war einverstanden und stieg in den nächsten Flieger nach Israel.

Als Nicos Eltern von der Sache Wind bekamen, setzten sie alles daran, ein Enkelkind zu verhindern. Sie drohten damit, Nico den Geldhahn zuzudrehen. Der Vater rief sogar Lea an und versuchte – in holprigem Englisch – sie zur Abtreibung zu bewegen. Nico und Lea ließen sich nicht beirren.

Die Sache war, dass Nico mittlerweile Muslim geworden war. Auf der Straße hatte ihm ein Mann ein Prospekt in die Hand gedrückt, das besitzt er heute noch, es hängt in seinem Zimmer in der Klinik, direkt über dem Gebetsteppich. Die Einladung des netten Mannes zum Gottesdienst nahm Nico gerne an. ,,In einer muslimischen Gemeinde‘‘, erklärte er mir, ,,ist jeder dein Bruder.‘‘ Lea war gar nicht glücklich über die plötzliche Erweckung des zukünftigen Vaters ihres Kindes. Für sie war der Islam gleichzusetzen mit Selbstmordattentaten und Frauenunterdrückung. Trotz dieser Spannungen drängte Nico auf Heirat. Ein nicht unwesentlicher Faktor war dabei, so ließ er mich in einem Nebensatz wissen, dass ihm als frischgebackenem Muslim neuerdings Sex mit einer unverheirateten Frau verboten war. Dabei müsste die Hochzeit nicht zwingend eine muslimische sein, wie er Lea zugestand, Hauptsache, Lea und er schlössen den Bund fürs Leben.

Eines Tages, als er sie abholen wollte, war sie nicht in ihrem Hostel; sie war zurück nach Neuseeland geflogen, ohne sich zu verabschieden. Eine Woche später informierte sie ihn, dass sie abgetrieben hatte.

,,Es hat mir das Herz gebrochen.‘‘, erklärt er und fasst sich an die Brust. ,,Aber ich bin drüber hinweg. Ich denke nicht mehr an sie.‘‘ Wann er zuletzt mit ihr Kontakt gehabt habe? ,,Letzte Woche hab‘ ich ihr wieder mal geschrieben. Keine Antwort.‘‘

Dann kam Corona. Vor ein paar Wochen noch hatten Nicos Eltern hilflos mitansehen müssen, wie ihr Sohn – in ihren Augen – seine Zukunft ruinierte, nun befand er sich inmitten einer Pandemie Tausende von Kilometern entfernt in einem fremden Land. Schließlich gab er den Bitten seiner Mutter nach und kehrte nach Hause zurück. ,,Wäre es nach mir gegangen, ich wäre heute noch in Jerusalem!‘‘, hält er mit Wut in der Stimme fest.

Kaum war er seiner Mutter zuliebe heimgekehrt, da fing sie an, ihm zuzusetzen. Er sei 21 und habe immer noch kein Konzept für die Zukunft. Was er studieren wolle? Was er einmal arbeiten wolle? Mit diesen Fragen sollte er sich auseinandersetzen in einer Lage, in der er in jeder Hinsicht schon mehr als genug zu verarbeiten hatte. Am letzten Tag vor Ablauf der Frist schrieb er sich aus der Not heraus für Islamwissenschaften ein.

Die Explosion ereignete sich an einem Montag. ,,Ich weiß auch nicht, warum, aber an Montagen bin ich immer schlechtgelaunt.‘‘ Es fing damit an, dass er die Vorlesung schwänzte und in der Wohnung seiner Mutter blieb, wo er das Wochenende verbracht hatte, anstatt in seine WG zu gehen. Er geriet in Streit mit seiner Schwester. Die Mutter kam von der Arbeit nach Hause, sah, wie Nico seine Schwester anbrüllte, und forderte ihn auf, umgehend in seine WG zu fahren. Der Befehl seiner Mutter ließ Nico keine andere Wahl, als mit Verweigerung zu reagieren. Aufrüstung auf der einen Seite führte zu Nachrüstung auf der anderen, bis die Fronten hoffnungslos verhärteten. Mit einem Schlag brachen die Dämme, und dahinter kam eine ungeahnte Wut zum Vorschein. Nico verlor die Beherrschung und zerschlug das Inventar der Wohnung.  

,,Meine Schwester hat später behauptet, ich hätte sie bedroht, aber das ist nicht wahr. Ich habe sie angeschrien, ja, aber ich bin doch niemand, der gewalttätig wird.‘‘, versichert er mir mit Nachdruck. Die Polizisten, die seine Mutter rief, hätten ihn in Handschellen abgeführt. ,,In Handschellen!‘‘, ruft er ungläubig aus. In der Notaufnahme der Uniklinik wurde er dem Notfallpsychiater vorgeführt. Dem habe er ehrlich und offen alles erklärt. ,,Und was macht der? Weist mich mit FU in die Geschlossene ein!‘‘ Nico springt von seinem Stuhl auf und ballt die Fäuste wie jemand, der die ganze Welt gegen sich weiß und trotzdem, gerade deshalb kämpfen wird bis zum letzten Atemzug.

Ich bin überrascht von diesem neuen, aggressiven Nico, den ich bisher hinter dem friedfertigen, gemütvollen Nico nicht vermutet hätte. Er würde in diesem Augenblick liebend gerne in etwas – oder jemanden? – hineinschlagen. Aber dort, wo seine Fäuste sind, bereit zum Zuschlagen, ist nur Luft. Gegen wen wendet sich diese Aggression? Woher kommt sie?

Weil er selbst erkannt zu haben scheint, dass ein Kampf gegen einen Gegner, der sich nicht zeigen will, vergeblich ist, lässt Nico nach einer Weile die Fäuste sinken und wendet sich erneut mir zu. Seine Schultern sacken ein. ,,Ich wünschte, über all das könnte ich weinen. Aber immer kann ich nur lachen.‘‘

Sicher anderthalb Stunden lang haben wir im Garten in der Sonne gesessen und Nico hat erzählt. Jetzt nimmt sein Blick wieder diesen Ausdruck an, der ihn oft, selbst mitten im Tischtennismatch überkommt. Man weiß dann nicht, wo Nico ist.

Hätte ich ihn in diesem Moment nicht erinnert, dass heute Freitag ist und er zum Mittagsgebet in die Moschee wollte, er hätte es versäumt. Da lenkt er zum ersten Mal nicht ab, wenn die Rede auf ihn kommt, und schon verspätet er sich zum Gottesdienst.

Das war der zweite Teil von Nicos Geschichte. Wenn du wissen möchtest, wie es weitergeht, klicke hier (demnächst veröffentlicht).

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