Erdbeeren

Erdbeeren

Die Jury war begeistert gewesen, das hatte sie an den Blicken gesehen, die die zwei Frauen und drei Männer miteinander wechselten, noch als das hohe D, mit dem Benjamin Brittens ,,Phaeton“ verglühte, unter der hohen Stuckdecke des Saals der Musikhochschule hing. Als Erster ergriff der Professor, von dem Sonja schon so viel erzählt hatte – wobei Amanda die Ehrfurcht in der Stimme ihrer Oboenlehrerin nicht entgangen war -, das Wort. Er taxierte sie durch seine breite Holzbrille unter seiner kalkuliert verstrubbelten Haarmähne à la Beethoven.  ,,Polyphonie“, sagte er und nickte langsam. ,,Eindrücklicher habe ich das polyphone Prinzip in Telemanns ,Fantasien‘ nie zuvor umgesetzt gehört.“ Amanda erwiderte sein Kompliment mit einem Lächeln, gleichzeitig jedoch registrierte sie überrascht, dass sie sich nicht darüber freute. Sie schluckte und spürte auf einmal eine Hand an ihrer Kehle, die es unbeschreiblich mühevoll machte, weiterzusprechen. Es war ihren Gesichtern anzusehen, wie ihre plötzliche Einsilbigkeit sie verwirrte. Anscheinend hielten sie es für Schüchternheit, denn sie setzten ein ermutigendes Lächeln auf und stellten ihr weiter Fragen. Als sie es endlich doch aufgaben und sich erhoben, um ihr die Hand zu schütteln, eilte Amanda an ihren ausgestreckten Händen vorbei aus dem Saal. Es fühlte sich an wie eine Flucht, und das war es auch, denn sobald sie das Klo erreicht und den Riegel vorgeschoben hatte, kamen die Tränen geschossen.

Die Prüfung, auf die sie sich über ein Jahr lang vorbereitet hatte, hätte nicht besser laufen können, und jetzt schlich sie durch den abendlichen Berufsverkehr und befürchtete, jeden Moment vor allen Passanten erneut in Tränen auszubrechen. Es hatte geregnet, ein kurzer Sommerregen, doch die Sonne hatte längst das Kommando zurückerobert und blendete vom feuchten Asphalt. Regentropfen funkelten wie Perlen auf Autodächern.  

Auf einem quadratischen Wiesenstück mit Rutschbahn und Wippe wimmelte es von Frauen in bunten Kleidern und Männern in weiten Hosen um Klapptische herum, an denen selbstgemachter Hummus und Holundersirup in Flaschen mit handgeschriebenem Etikett verkauft wurden, offenbar ein Straßenfest. Amanda schritt unter einem Transparent hindurch, ,,Sinn & Frei e.V.“, und betrat die Wiese. Rechts und links von ihr saßen Frauen und Männer, kaum älter als sie, in Gruppen im Gras, das schon wieder trocken war, und stießen mit ihren Bierflaschen an oder reichten selbstgedrehte Zigaretten herum. Dem Geruch nach, der Amanda in die Nase stieg, enthielten sie nicht nur Tabak. Sie sahen aus wie Studenten. Wahrscheinlich hatten sie ihre Vorlesungen, Seminare und Hausarbeiten für heute erledigt, und vor ihnen lag ein ganzer Abend voller Möglichkeiten. Ihre in den Nacken gelegten Köpfe, ihre Gesichter mit den geschlossenen Augen und lachenden Mündern, die sie von der Abendsonne streicheln ließen, erzählten von diesen Möglichkeiten. Viele von ihnen waren nur ein, zwei Jahre älter als sie, und trotzdem lebten sie in einer anderen Welt. Während sie ihre ganze Zukunft noch vor sich hatten, fühlte ihr, Amandas Leben sich an wie eine Liste, und sie hakte nur noch ab. Amanda blieb stehen. Vor ihr in einer Schale, die sie an die riesigen Pfannen auf dem Markt in Thailand erinnerte, wo sie im vorletzten Sommer mit ihrem Vater gewesen war, knisterte ein Feuer. Die Flammen vor ihren Augen verschwammen. Sie blinzelte gegen die Tränen an.

,,Erdbeere?“

Die Erdbeere besaß einen satten, roten Körper, in dem sich die Flammen spiegelten, und lag in einer schlanken Hand mit langen Fingern. Sie gehörte zu einem Arm, auf dessen Unterseite ein feiner, dunkler Flaum schimmerte. Amanda folgte ihm und landete bei einem Gesicht. Nichts an diesem Gesicht war besonders schön oder überhaupt besonders. Es sah aus, als wäre aus allen real existierenden weiblichen Gesichtern der Durchschnitt gebildet worden. Und gerade das, seine geradezu unwahrscheinliche Symmetrie, machte, dass Amanda es direkt ein zweites Mal anschauen musste.

,,Im Ernst, die musst du probieren. Frisch aus dem Container hinterm Supermarkt. Nur weil die nicht mehr von gestern sind. Dabei sind die genau richtig.“

Amanda blickte in die hellblauen Augen hinter den halbgeschlossenen Lidern. Dann nahm sie die Erdbeere und biss ein Stück ab. Sie schmeckte tatsächlich köstlich.

,,Wie heißt’n du?“

Amanda schluckte trocken. Sie war noch nie auf der Straße angesprochen worden, einfach so. Ihre Stimme flackerte, als sie antwortete.

,,Amanda!“, wiederholte die Frau. Ihre dünnen Lippen glitten beiseite wie ein Theatervorhang. Ihre Zähne verhielten sich zueinander ebenso perfekt symmetrisch wie der Rest ihres Gesichts; nur etwas gelb waren sie. ,,Klingt wie der Name einer Hexe! Bist du ‘ne Hexe, Amanda?“

Hektisch schüttelte Amanda den Kopf und spürte sofort, wie ihr Gesicht zu brennen anfing.

,,Die Haare hättest du jedenfalls schon mal.“, stellte die Frau fest. ,,Darf ich mal anfassen?“

Noch bevor Amanda reagieren konnte, wurde die rechte ihrer beiden Schläfenlocken zwischen Daumen und Zeigefinger der Frau hin und her gerollt. Dabei streifte eine Fingerspitze kurz ihren Hals und löste dort einen elektrischen Impuls aus, der durch ihren ganzen Körper bis in ihre Fußspitzen jagte.

,,Ich bin übrigens Maya.“

Amanda hob den Kopf und blickte wieder in die hellblauen Augen hinter den halbgeschlossenen Lidern. Es war unmöglich, anhand ihres Gesichts zu sagen, wie alt die Frau war. Sie könnte im gleichen Alter wie sie sein, sie könnte aber auch zehn Jahre älter sein.

,,Und die beiden Vögel, das sind Gregor und Kilian.“

Erst jetzt bemerkte Amanda die beiden Männer. Sie standen hinter Maya, je einer hinter ihrer rechten und linken Schulter, wie Wächter. Der rechte – er sah aus wie Herr Pohl, ihr ehemaliger Deutschlehrer, bloß ohne die Brille und wenn er Haare und Bart wuchern lassen würde – legte in diesem Moment den Arm um Mayas Schulter. Es sollte locker wirken, als wollte er demonstrieren, welche vertraute Verbindung zwischen Maya und ihm bestünde. Der linke zeigte keinerlei Reaktion, sondern starrte sie weiterhin aus seinen schwarzen Augen an. Amanda brauchte ein paar Sekunden, bis sie darauf kam, was seinen Blick so unangenehm machte: er blinzelte nicht.

,,Seid ihr- Studenten?“

,,So könnte man es ausdrücken.“, erwiderte Maya und streckte die Hand aus. Amanda nahm eine weitere Erdbeere aus dem Karton.

,,Seid ihr- Ich meine-“

,,Ob wir kein Geld für normale Erdbeeren haben? Das ist weniger eine Geld- als vielmehr eine Frage des Prinzips.“

,,Also- Arbeitet ihr schon?“

Der Rechte, Gregor, vergrub das Gesicht in Mayas Schulterkuhle und tat so, als würden seine Schultern vor Lachen zucken, dabei war offensichtlich, dass er das Lachen nur zum Vorwand nahm, um sein Gesicht an Maya drücken zu können. Die schien unbeeindruckt zu bleiben; genaugenommen war es unmöglich einzuschätzen, was hinter ihren halbgeschlossenen Lidern passierte. Der Andere, Kilian, hatte noch immer kein einziges Mal geblinzelt.

,,Meinst du mit Arbeit sowas wie Küchen verkaufen oder Namensänderungsantragsformulare bearbeiten?“

Amanda wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.

,,Wir arbeiten, aber die Arbeit, die wir machen, steht in keinem Berufsverzeichnis. Im Gegensatz zu dem Küchenverkäufer arbeiten wir auch nicht für Geld und haben weder Wochenende noch Ferien. Denn wenn man es mit der Arbeit an sich selbst wirklich ernst meint, gibt es keinen Feierabend.“

Obwohl ihr Herz flimmerte, weil sie nicht verstand, wovon Maya sprach, konnte sie sich von Mayas Gesicht nicht lösen. Seine Haut war so hell, dass sie einen Moment lang wie durch ein Laken die Menschen dahinter sehen konnte.  

,,Schau‘ sie dir an.“ Amanda folgte Mayas ausgestrecktem Zeigefinger über die Wiese bis zur Straße, wo sich die Autos eins nach dem anderen in Gang setzten, nur um ein paar Zentimeter weiter erneut stehenzubleiben. ,,Sie opfern die besten Stunden des Tages, die beste Zeit ihres Lebens für eine Arbeit, die ihnen wahrscheinlich nicht mal wirklich Spaß macht. Und wofür? Damit sie abends endlich zu ihren Familien dürfen und einmal im Jahr ans Meer. Aber ist das wirklich das, was sie wollen? Oder ist es das, was die wollen, dass wir wollen? Ist übrigens nicht von mir“, fügte sie hinzu, ,,ist von Andrej.“

Etwas in der Art, wie Maya diesen Namen aussprach, jagte Amanda erneut einen Schauer über den Rücken.

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