Fragmente

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Kindheitserinnerung

Aus meiner Kindergartenzeit blieb mir unter anderem das Folgende hängen: Mein Kumpel Steven und ich spielten Kaiserball (Man muss abwechselnd den Ball an einen festgelegten Bereich an einer Mauer treten, aber die Regeln tun hier nichts zur Sache.). Wir benutzten einen jener Plastikbälle, die mit Lieblingsfiguren aus Disney-Filmen bedruckt sind und beim ersten Kiesel oder vielleicht auch einfach so zerplatzen; dafür sprang er gut. Der Ball flog also gegen die Wand – ich weiß nicht mehr, wer von uns beiden den epischen Schuss abgab –, prallte zurück, landete auf dem Kopf von Thilo, der in genau diesem Augenblick an genau dieser Stelle auf seinem Spielzeugtraktor vorbeikroch, prallte wieder ab, diesmal nach schräg rechts, suchte sich den Kopf eines Kindes, welches auf dem Steinkreis balancierte (ja, es war, als würde der Ball nicht durch äußere Kräfte irgendwohin verschlagen, sondern als säße im Innern dieses orangen Plastikballons ein Bewusstsein, das ihn

 

steuerte!), nahm auch noch den Kopf des nebenstehenden Kindes mit und dann, zu guter Letzt, setzte die Erdanziehungskraft sich doch noch durch, und der Ball fiel zu Boden. Steven und ich konnten nicht mehr vor Lachen. Ich lachte über das empörte, leicht dämliche Gesicht von Thilo, den es aus heiterem Himmel getroffen hatte. Viel stärker aber als das Witzige der Situation, auch der Grund, warum ich diesen Vorfall bis heute nicht vergessen habe, war mein Erstaunen über diese Verkettung von Zufällen, dass sowas nicht bloß im Film, sondern auch in Echt geschehen konnte, und dass irgendeine höhere Macht ganz kurz ihre Finger in unser, in Stevens und mein Spiel gesteckt haben musste, um uns dieses Bild zu bescheren und ihre Gegenwart spüren zu lassen.

26. Januar 2019