Das Schicksal existiert

Auf dem Rad rolle ich den Berg hinab, und die Kurve kommt näher, und ich lasse die Räder rollen und mich vom Schwung über die Randmauer katapultieren, und dann falle ich. Ich versuche, mir dieses Gefühl auszumalen. Der Wind stößt in meine Kleider und lässt sie flattern wie Fahnenwimpel. Der Sturz verleiht mir einen bestimmten Drall, ich muss nicht mehr tun, als mich von ihm drehen zu lassen. Vielleicht führe ich noch ein paar halbherzige Handgriffe aus, ohne allerdings im Ernst zu glauben, mich jetzt noch irgendwo halten zu können. Der Sturz war eine Frage der Zeit, jetzt ist er da, nichts kann ihn stoppen. Das Gefühl zu fallen muss herrlich sein.

Oder die Szene in ,,Cloud Atlas‘‘. Frontansicht auf das Auto, plötzlich gerät das Bild in Aufruhr, erst mit ein paar Millisekunden Verzögerung begreift man, das Auto ist von der Fahrbahn abgekommen und stürzt von der Brücke. Und mittendrin Halle Berrys große Augen, ihr Blick der eines ertappten Rehs, nicht unbedingt todesängstlich, zunächst einmal bloß verständig, dass ihr Moment nun gekommen ist. Dabei ist die Kamera auf der Motorhaube fixiert, sodass der Eindruck entsteht, nicht das Auto breche aus der Ordnung, sondern die ganze Welt drumherum. Ich kenne wenige Szenen von solcher Schönheit.

Ich kann nicht genau sagen, was mich an diesen Bildern so fasziniert. Ich glaube, es geht um das Gefühl, loszulassen. Vom Gewicht des eigenen Körpers erlöst und federleicht zu werden. Es birgt ein gewisses Lustpotenzial, rausgeworfen zu werden, verlorenzugehen. Manchmal, zum Beispiel beim Joggen, strenge ich mich an, mir so realistisch wie möglich vorzustellen, ich wisse nicht, wo ich sei, wer ich sei und wie ich hierhergekommen sei. Es ist sehr angenehm, loszulassen und in diese traumartige Wahrnehmung hineinzurutschen. Auf einmal ist alles mit einer elementaren Bedeutung aufgeladen. Die Bäume, an denen ich vorbeirenne, der Fluss, das Ehepaar auf der Terrasse beim Abendessen, selbst die Plastiktüte, die sich im Gras verfangen hat, wollen mir etwas sagen. Und da fährt der Zug vorbei, seine salonlichtgewärmten Wagen eine Oase in der Dämmerung, die Zuflucht gewährt den Passagieren und sie einem Ziel zuführt, das es vielleicht gar nicht gibt, und sie zu Schicksalsgenossen darin vereinigt, unterwegs zu sein.

Im Musikvideo zu ,,Daydreaming‘‘ hastet Thom Yorke am Ende den schneebedeckten Berg hinauf zu einer Höhle, in die er sich verkriecht wie zurück in den Mutterschoß – welchen anderen Ort gibt es, von dem wir so sicher sind, dass wir an ihn gehören?

Man verabreiche diese Bilder in kleinen Dosen, man gehe sparsam mit ihnen um, erstens, damit ihre Wirkung nicht verbraucht werde, und dann auch, weil schon eine geringfügige Überdosis unvorhersehbare Konsequenzen hätte. Aus Vorsicht höre ich die Johannespassion von Bach nur alle paar Monate und immer nur einmal. Sofort mit den ersten Takten setzt die Gewissheit ein: Das Schicksal existiert. Es ist gegenwärtig. Wir sind so zu Tränen rührend klein, es ist allmächtig. Wir biegen uns wie Äste im Sturm, wir knarzen und ächzen und mühen uns, nicht zu brechen, bis wir brechen.

Leben heißt Leiden, sagt der Buddhismus. Er sagt nicht: Leben heißt selig lächeln, importierte Entspannungstechniken praktizieren und sein Glücksbarometer in die Höhe treiben. Und er meint damit alle Gefühle, auch die Glücksmomente, denn was uns von ihnen bleibt, sind die schönen Erinnerungen und das Wehgefühl, dass sie unwiederbringlich vergangen sind. Am Ende steht immer die Melancholie.

Melancholie heißt nicht, sich hängenzulassen und alles scheiße zu finden. Wenn ich in melancholischer Stimmung einen Spaziergang mache oder in die Mensa gehe, fühle ich mich den Menschen näher. Selbst Leuten, die ich eigentlich unsympathisch finde, fühle ich mich auf eine natürliche Art verbunden. Wir sitzen alle im selben Boot.

Melancholie ist eine Lebenshaltung. Sie ist der Versuch, sich sensitiver zu machen. Sie erfordert den Mut, sich berühren zu lassen, auf die Gefahr hin, verletzt zu werden. Sein Material, statt härter, weicher zu machen, damit die Welt einen Eindruck darin hinterlassen kann. Diesem Eindruck nachzuspüren, gerade dann, wenn er nicht so leicht zu verkraften ist. Das Gegenteil von cool bleiben: Nicht gleichgültig bleiben, sondern sich bewegen lassen.

Wir alle sind Verlorene. Das ganze Leben ist der Versuch, irgendwo anzukommen. Diese Zeilen sind all denen gewidmet, die unterwegs sind.

Hat dir der text gefallen?

Dann abonnier doch einfach den HINTERSINN-NEWSLETTER!
Das geht ganz schnell: Gib deine E-Mail-Adresse ein und bestätige anschließend die Mail.
Und schon bleibst du über alle neuen Texte auf dem Laufenden!

Teilen mit: