Du willst

Es gibt Menschen, die warten darauf, dass das Leben endlich losgeht, bis der Tod eintritt. Sie haben gar nicht gemerkt, dass sie die ganze Zeit schon am Leben waren, dass das das Leben war. Sie haben eine komische Vorstellung davon, was Leben heißt.

Jetzt muss es doch mal endlich anfangen, denken sie. Wann ist es denn endlich soweit? Ich habe doch schon lang genug gewartet. Wie lange wollt ihr mich noch auf die Folter spannen?

Diese Leute gehen am Sonntag in Cafés und warten darauf, dass ES passiert. Sie wechseln den Wohnort in der Erwartung, diesmal endlich zu finden, wonach sie schon immer gesucht haben. Sie beginnen Psychotherapien in der Hoffnung, endlich zu erfahren, was ihnen fehlt.

Wenn es ein Gefühl gibt, mit dem sich jede Leserin, jeder Leser dieser Kolumne identifizieren kann, dann dieses: Es fehlt etwas.

All unsere Gedanken, all unsere Anstrengungen, all unsere Freizeit und natürlich auch unser Erspartes verwenden wir darauf, dieses innere Loch zu stopfen. Es lässt sich aber nicht stopfen. Es ist ein schwarzes Loch, es schluckt alles in seiner Nähe spurlos.

Zuerst wurde uns glauben gemacht, dass etwas fehlt. Dann präsentierte man uns die Heilmittel. So wie unsere Vorfahren an Gott glaubten, so glauben wir heute an die Ungenügsamkeit unserer Leben. Wir opfern ihr Zeit, Geld, Urlaube, Beziehungen, Sex, den North-Face-Limited-Edition-Rucksack. Die Heilmittel, welche die Urheber unserer Wunden uns verkaufen, sind Drogen. Sie machen süchtig. Sie stillen den Schmerz nicht, sie schüren ihn.

Das schöne Leben, von dem man immer hört, gibt es nicht. Das Tückische ist aber, dass die moderne Technologie es sichtbar machen kann. Werbespots, Liebesfilme und Pornos tun so, als ob es jenes schöne Leben gäbe. Was sie zeigen, ist echt und doch Lüge. Das Krankmachende an diesen Bildern ist, dass sie sich in die Realität mischen. Sie infiltrieren unsere Lebenswirklichkeit. Die Fälschungen sind nicht mehr von der Realität zu unterscheiden. Wir wollen etwas, das es gar nicht gibt, das wir gar nicht haben können.

Das ist das Rezept des Kapitalismus‘, wie wir ihn derzeit in den westlichen Gesellschaften haben. Er gibt Versprechen, die er nicht halten kann.

Wir sehen nur noch, wie es sein sollte, nicht mehr, wie es ist. Es ist Sonntagnachmittag, milde Luft, mein Herz flattert vom Kaffee. Ich lebe.

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