Eine Kaffeepause Mitleid

Eine Kaffeepause Mitleid

Letzte Woche saß ich auf dem Dach der Mensa und überlegte, wovon die neue Kolumne handeln sollte. Ich führe eine Liste mit Themenideen, die schaute ich durch, ohne ein Thema zu finden, auf das ich Lust gehabt hätte. Mir fiel aber auch kein neues ein. Langsam wurde ich ungeduldig, außerdem war der Kaffee säuerlich. Ich wollte eine kontroverse Kolumne, eine, die aussprach, was sich keiner zuvor auszusprechen getraut hatte. Wie ein Widerhaken sollte sie sich im Kopf der Leserin, des Lesers verfangen, nicht mehr loszuwerden sollte sie sein. Stattdessen standen auf meiner Liste so Dinge wie: ,,Porträts von Leuten, die aus unserer Gesellschaft herausgefallen sind…‘‘

Jedes zweite Mal, wenn ein Thema für einen neuen Text her muss, denke ich ganz kurz an die Leute, die keinen Platz in unserer Gesellschaft gefunden (oder bekommen?) haben. Ich denke: Man sollte darüber schreiben. Dann füge ich verstohlen hinzu: Irgendwann, und wende mich den wirklich wichtigen Themen zu, die mich wirklich interessieren, die nämlich mit mir selbst zu tun haben.

Sich mit den Lebensgeschichten all der Isolierten zu beschäftigen, ist einerseits moralisch geboten. Man sollte doch Mitleid mit diesen Menschen haben! Man sollte doch nicht wegschauen! Andererseits kommt in diesen Geschichten kein Sex vor. Sie locken auch nicht mit etwas zum Mitnehmen für das eigene Leben, zum Beispiel einem Tipp für mehr Erfolg im Beziehungsleben oder konkreten Anleitungen zum Glücklichsein. Im Gegenteil, diese Geschichten handeln vom Scheitern, vom Verlieren, vom permanenten Nicht-Schaffen all der Dinge, um die es uns geht. Auf Selbstwachstum kann man also nicht hoffen, womöglich schaden sie noch und fügen einem, statt positiver, demotivierende Gedanken zu. Jedenfalls bremsen sie einen unnötig auf dem Weg nach oben.

Schlussendlich können wir uns für Harrys Hochzeit, Kruzifixe in Schulen, Sex-Roboter, die neueste genderneutrale Sprachinnovation und Hartz-IV für Osama Bin Ladens Ex-Leibwächter mehr begeistern.

Ich, auf der Terrasse in der Sonne mit dem zweiten Kaffee, witterte meine Chance. Ich würde nicht wegschauen. Ich würde nicht zu der Mehrheit gehören, die ganz offen und schamlos die Pflege ihres Egos zur höchsten Priorität erhebt und gegenüber dem Leid ihrer Mitmenschen gleichgültig bleibt. Schon schwebte mir vor, wie ich über den ,,Ruderer‘‘ in meinem Viertel schreiben würde.

Der Ruderer hat diesen Spitznamen aufgrund seiner Gangart: Seine massive Körpermasse verunmöglicht beim Gehen die übliche Drehung der Hüften; er muss sich anderweitig zur Fortbewegung verhelfen, und zwar indem er mit den Armen zu beiden Seiten vorwärts rudert. Zu seiner festen Ausstattung gehören eine qualmende Zigarette in der einen und eine Coladose in der anderen Hand, dazu klobige Schalenkopfhörer. Wenn man dem Ruderer auf der Straße begegnet, meidet er jeglichen Blickkontakt. Aus der Nähe sieht man seine Pockennarben und dass seine Augen eigentümlich wässrig sind, hellblau, aber wie vernebelt. Man sieht auch, dass er noch einigermaßen jung ist, ungefähr Mitte Dreißig. Wenn er nach Hause kommt, bleibt er vor der Tür stehen und raucht zu Ende, dann verschluckt ihn seine Wohnung, ich stelle mir eine Kellerwohnung vor. Der Ruderer ist oft auch tagsüber unterwegs, nicht zu einer Arbeit. Zwischen zwölf und fünfzehn Uhr sieht man ihn auf der Bank in der Fußgängerzone. Er sitzt, isst, raucht, trinkt. Die Kopfhörer nimmt er ab für diesen Zeitraum. So kann er die Menschen besser hören. Er kommt hierher, um Menschen um sich herum zu haben.

Oder Uwe, der jedes Wochenende in unser Kino kam, das wir Jugendlichen führten, oft Freitag und Samstag, obwohl der gleiche Film lief. Bei seinem Anblick stöhnten wir innerlich auf, aus einem Gespräch mit Uwe kam man nicht vor einer Viertelstunde raus. Uwe war Anfang 40 und versicherte uns, er würde weggehen, in eine andere Stadt, wo die Leute offener wären, Köln vielleicht, und ein neues Leben anfangen, und eines Tages kam er tatsächlich nicht mehr. Ein halbes Jahr später saß er in der Kino-Bar. Uwe hatte sich verändert, er trug nun ein violettes Kleid, High-Heels, eine blonde Perücke und Lippenstift. Aufgeregt unterrichtete ich meinen Freund: ,,Hast du das gesehen? Wie hieß der nochmal, der früher immer kam? Der hat sich jetzt als Frau verkleidet!‘‘ Und mein Freund meinte verlegen: ,,Nicht so laut, er steht hinter uns.‘‘ Uwe erschien zu unserem Fondue-Essen an Weihnachten und setzte sich auf den unbequemen Hocker an der Wand, nicht am Tisch, sondern zweite Reihe. Dort trank er zwei Stunden lang an einer Flasche Mate.

Ich stellte mir vor, wie ich über den Ruderer, Uwe und noch andere, die mir einfielen, schreiben würde, so wie man eben über ,,solche‘‘ Themen schreibt, heißt ,,ernste‘‘, ,,mahnende‘‘ Themen, und zwar in kurzen, schmucklosen, etwas kindlich naiven Sätzen, unterlegt von imaginärer aufwühlender Klaviermusik à la ,,Fabelhafte Welt der Amélie‘‘. Um das Ganze gesellschaftskritisch abzurunden, würde ich den Mangel an öffentlichen Treffpunkten in unserer Gesellschaft anprangern, und dass man hierzulande allein in einer Bar so lange darauf warten kann, angesprochen zu werden, bis man schwarz ist (oder blau respektive eine Frau). Und am Schluss, wie es sich für einen pädagogisch wertvollen Text gehört, würde ich dem Leser eine Botschaft mit auf den Weg geben, die in etwa folgendermaßen lautete: Öffne die Augen für all die Einsamen, dann wirst du erst einmal merken, wie zahlreich sie sind. Und wenn du das nächste Mal einen Einsamen siehst, dann schenke ihm doch ein kurzes Gespräch, auch wenn es schwerfällt.

Diesen Text würde der Leser aus demselben Grund lesen, aus dem ich ihn schreiben würde, nämlich aus Pflichtbewusstsein. Für den Preis des schalen Geschmacks während der Lektüre könnte er sich anschließend auf die Schulter klopfen und das Gefühl moralischer Überlegenheit genießen, als einer der Wenigen die Augen vor den ,,dunklen“ Seiten des Lebens nicht zu verschließen. Nach einer Schweigeminute oder einem Satz wie ,,Schon schlimm.‘‘ oder ,,Ich glaube, das können wir uns gar nicht vorstellen, wie das ist.‘‘ oder ,,Da sieht man mal wieder, wie gut’s uns geht.‘‘ würden andere Gedanken an die innere Tür klopfen: Warum schreibt Lisa nicht zurück, mag sie mich nicht mehr? Wenn ich jetzt noch Statistik lerne, verpasse ich den ,,Bachelor‘‘! Und eh‘ man sich’s versieht, sind die echten Probleme zurück.

Erleichtert, doch noch was zum Schreiben gefunden zu haben, brach ich auf. Auf dem Weg zum Ausgang entdeckte ich plötzlich die Gestalt eines Bekannten. Er saß an einem der Tische und war fast der Einzige im geräumigen Speisesaal. Aus den wenigen Begegnungen, die wir bisher hatten, schloss ich, dass er Kontakt sucht. Kurz vergewisserte ich mich, dass er mich noch nicht bemerkt hatte, dann beschleunigte ich meinen Schritt und beeilte mich, hinter seinem Rücken vorbei zu verschwinden.

Erst zu Hause, vor dem Computer, als ich die neue Kolumne anfangen wollte, merkte ich, dass ich sie nicht würde schreiben können.

Hat dir der text gefallen?

Dann abonnier doch einfach den HINTERSINN-NEWSLETTER!
Das geht ganz schnell: Gib deine E-Mail-Adresse ein und bestätige anschließend die Mail.
Und schon bleibst du über alle neuen Texte auf dem Laufenden!

Eine Antwort auf „Eine Kaffeepause Mitleid“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.