Der Rabe

Mit seiner etwas eingefallenen Haltung, der vogelartigen Nase, den Stockärmchen in den viel zu weiten T-Shirt-Ärmeln und einer Frisur, die keine ist, fällt Mark nie besonders auf. Weder hat er sich schon einmal außergewöhnlich stark gefühlt, noch liegt er chronisch mit sich selbst im Clinch. Mark fällt einfach nicht auf, und das ist gut so, er ist froh, so gut im Unauffälligsein zu sein.

Mark ist unterwegs, in der Stadt, er und ein paar Leute, sie wollen noch in den Aldi, Bier holen, bevor es in den Park geht, chillen. Gerade unterhält er sich mit Michi über die Cheat-Optionen in Clash of Clans. Becki ist auch dabei, nicht beim Diskutieren über Clash of Clans, aber auf der anderen Seite der Gruppe, immer wieder schaut Mark in ihre Richtung, er weiß auch nicht, was das bringen soll, vielleicht bloß, um sich zu vergewissern, dass sie noch da ist. Hoffentlich bemerkt sie das nicht. Wobei ihm im Grunde klar ist, dass sie nichts davon mitbekommt, wenn einer wie Mark auf sie steht, dafür ist er schlicht zu unwichtig. Ist nicht schlimm, zieht ihn nicht runter, er ist nun mal so, wie er ist, ein Mauerblümchen, daran kann niemand etwas drehen.

Hätte Michi nicht diesen verblüfften Laut von sich gegeben, Mark wäre einfach weitergelaufen. Es tut ja nicht weh, jedenfalls noch nicht. Das Dunkle, das da im linken Augenwinkel aufgeflackert ist, hätte auch als Mücke durchgehen können, gleichzeitig fängt es an einer Stelle oberhalb seiner Stirn, nahe der Schläfe, zu jucken an. Erst als Jana zu kreischen anfängt und mit Händen vor dem Mund ihn anstarrt, dämmert ihm, dass etwas passiert ist. Intuitiv senkt er den Kopf und blickt zu Boden. An seinen Augen vorbei fallen Tropfen. Auf den Gehweg haben sie schon einen handtellergroßen Fleck gekleckst. Als sei er noch nicht hundertprozentig überzeugt, hält Mark seine Hand in die Flugbahn zwischen Kopf und Gehweg. Tropfen fällt so dicht auf Tropfen wie Regen, bloß dass dieser Regen färbt. Ja, denkt Mark, tatsächlich, es ist Blut. Ich blute. Um den roten Fleck herum liegen verstreut die Trümmer des Flügels des Tonraben, den der Mieter des obersten Stockwerks vor seinem Fenster zur Abschreckung der Ringeltauben aufgehängt hat, die er nie mehr schon morgens um fünf gurren hören will – Produktionsfehler.

Mark blinzelt das Blut weg und erkennt: Das ist seine Chance! Obwohl es jetzt doch wehzutun beginnt – das Jucken verwandelt sich immer mehr in ein Stechen -, muss er diese Chance ergreifen. Gut möglich, dass es die einzige seines Lebens ist.

Marks Kollegen und Kolleginnen packt das Entsetzen. ,,So viel Blut!‘‘, wimmert Jana, ,,Scheiße, Mann!‘‘, stammelt Michi, und sie sind Zeugen, wie nun ihr Kollege ihnen das blutüberströmte Gesicht zuwendet, und es grinst. ,,Leute‘‘, meint Mark mit durchaus vergnügter Stimme, ,,was denn, habt ihr noch nie Blut gesehen?‘‘ Sein Grinsen verbreitert sich, Mark hat das Gefühl, noch nie so gegrinst zu haben: Sein Kiefer fühlt sich kantig und massiv an, stolz muss es aussehen, sein Grinsen, und verwegen, wie das Grinsen eines Veteranen, gegen alle Stürme immun.  ,,Diese Studenten!‘‘, und er macht eine wegwerfende Handbewegung und kichert. Blinzelt seinen Freunden dann zu, um ihnen zu verstehen zu geben, er meint es nicht so, bloß ein Scherz.

,,Komm‘, mach mal ein Foto von mir!‘‘, fordert er Michi auf. Der wirkt beinah wütend auf seinen verletzten Freund, wegen dem, was der verlangt, in so einer Situation. Mark posiert, Daumen nach oben. Die anderen denken jetzt sicher, der Schlag hätte irgendwas in seinem Kopf verrückt. Das sollen sie ruhig denken, das gefällt ihm. Er genießt ihr Entsetzen. Mittlerweile rührt es weniger von dem Unfall her als von der Reaktion ihres Freundes darauf.

,,Komm, Mark, du solltest dich setzen.‘‘ Beckis Hand berührt seine Schulter. Wenn Becki das sagt, tut er das natürlich. Er setzt sich im Schneidersitz auf den Gehweg, ihm gegenüber geht Becki in die Hocke. Er schaut ihr in die Augen. Nie zuvor hat er ihr so lange in die Augen geschaut. Becki zieht ihren cremefarbenen Seidenschal über den Kopf und beugt sich zu ihm vor. ,,Tut das weh?‘‘, fragt sie, als sie den Schal ganz sachte auf die Wunde legt. ,,Nee!‘‘, erwidert Mark. Tief saugt er ihren Duft ein, während sie den Schal um seinen Kopf wickelt. Von hinter ihr dringt Michis Stimme zu ihm durch: ,,…nicht nur ’ne Platzwunde … Hauptstraße vor der Markthalle …‘‘

Mark steht so rasch auf, dass Becki zurückweichen muss. Durch die rasche Bewegung wird ihm kurz schwindlig, das Bild vor seinen Augen verschwimmt, und er fühlt sich, als habe er den ganzen Tag noch nichts gegessen, obwohl sie gerade eben erst Tacos gegessen haben, bei OurTacos am Bahnhof, die besten Tacos der Stadt. ,,Findest du nicht, ein Krankenwagen ist ein bisschen übertrieben?‘‘, fragt er Michi, die linke Augenbraue spöttisch hochgezogen (Bis jetzt hat er nicht einmal gewusst, dass er seine Augenbrauen einzeln ansteuern kann.). ,,Was ich jetzt wirklich brauche, ist ein Bier. Oder nein, viel besser noch ‘nen Schnaps!‘‘, und er setzt sich in Marsch.

Vor ihm die Passanten weichen aus, bleiben stehen, blicken ihm nach. Ein Kind bricht in Tränen aus bei seinem Anblick Er jagt ihnen Angst ein, denn sie wissen nicht, wo sie ihn einordnen sollen und was er vorhat. Offensichtlich ist er verletzt, aber warum läuft er dann weiter, anstatt auf den Notarzt zu warten? Ist er gar auf der Flucht vor der Polizei? Ist er gefährlich? Es ist das erste Mal, dass die Leute sich derlei Fragen über Mark stellen. Mark gibt vor, sich um die Menschen um ihn herum nicht zu scheren. Um seinen Auftritt abzurunden, humpelt er sogar ein bisschen. Mark fühlt sich stark. Mark spürt: Er kann es mit jedem aufnehmen. Am liebsten würde er dem ersten Typen, der nach Fitnessstudio und Proteinshakes aussieht, in die Fresse schlagen, um zu beweisen, dass er unbesiegbar ist. Schon ist er dabei, Ausschau nach einem geeigneten Kandidaten zu halten. Doch da, im nächsten Moment, fällt ihm für die Superkraft, die ihm geschenkt wurde, eine noch sinnvollere Anwendung ein. Prompt macht er kehrt.

Seine Freunde sind ihm nachgelaufen. Mark nimmt Beckis Kopf in die Hände und küsst sie oscarverdächtig. Nachdem er ihr den Kuss gegeben hat, den er ihr schon seit dem ersten Semester hat geben wollen, schaut er ihr in die Augen, wie er ihr schon seit dem ersten Semester in ihre hellblauen Augen hat schauen wollen, und sagt ihr, was er ihr schon seit dem ersten Semester hat sagen wollen: ,,Ich liebe dich.‘‘ Beckis Gesicht ist nun fast genauso blutverschmiert wie seines. Es wird in blaues, oszillierendes Licht getaucht. Der Krankenwagen ist da. Die Sanitäter nehmen Mark sanft an der Schulter und führen ihn ab, wie Assistenten, die einen verwirrten Geist zur Psychiatrie abholen.

Die Wunde ist tief genug, um genäht werden zu müssen, doch der Unfall hat keinen dauerhaften Schaden verursacht. Die Narbe ist fast nicht sichtbar, schon einen Tag später sieht Mark im Spiegel wieder ganz den Alten: Eingefallene Haltung, Stockärmchen und Vogelnase.

Am Montag in der Uni liegt Misstrauen in ihren Blicken. Sie behandeln ihn wie ein mechanisches Spielzeug, das bei der falschen Berührung zerspringen kann und bei dem man sich deshalb lieber zweimal überlegt, wo und wie man es anfassen soll, wobei bei Becki auch Neugier dabei ist. Mark tut, was er gut kann, und ist unauffällig. Spätestens nach der letzten Vorlesung, als sie noch in den Park gehen, ist jeder und jede beruhigt: Man muss sich keine Sorgen um Mark machen, es geht ihm wieder gut.

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