Katz und Maus

Katz und Maus

Eine neue Wohnung hilft, neu anzufangen. Einen Neuanfang, genau das braucht er jetzt, deshalb geben seine Eltern gern auch was dazu. Seine Eltern, vor allem die Mutter, sind gottfroh, ihren Jamie wieder in Bad Bausen zu wissen, sogar nur eine Straßenecke weiter; zum Dank, dass die frohe Botschaft nun unter Dach und Fach ist, zünden sie in der Kirche eine der dünnen, langen Kerzen an und versprechen IHM, das Licht so lange regelmäßig zu erneuern, wie ein Rückfall ausbleibt.

Zwei Zimmer, Küche, Bad. Ein kleiner Balkon. Und eine Katze. Dem Vormieter war es zu aufwändig, sie mitzunehmen, also hat er sie dagelassen und gemeint, einmal am Tag Futter und ab und zu das Katzenklo reinigen, das stelle die Jenny schon zufrieden, die Jenny sei unkompliziert, er habe seinerzeit ja auch tunlichst darauf geachtet, sie nicht zu verwöhnen. Ganz so unkompliziert ist sie dann doch nicht. Als Jamie am Abend in die Couch sinken will, um Wonderwoman zu gucken, besetzt dort Jenny den besten Platz. Links oder rechts neben ihr blickt er leicht schräg auf den Bildschirm. Aber er will mal nicht so sein, stattdessen rückt er einfach den Fernseher einen halben Meter nach rechts.

Mit der Zeit gewöhnt er sich an die Arbeit im Bad Hausener Kaufhof als Verkäufer an der Fleischtheke. Und dienstagabends nehmen die Eltern ihn mit zum Gemeindechor. Da singen sie nicht nur kirchliche Lieder, nein, ,,mit Stücken von Elvis, den Beach Boys und Michael Jackson zeigen die Mitglieder des Rockchors einmal mehr, dass sie den Rock’n Roll im Blut haben‘‘, wie es im Flyer heißt. Jamie senkt den Altersdurchschnitt um glatte vier Jahre auf circa 52. ,,Was hast du denn da am Arm, Mensch?‘‘, fragt ihn die Mutter nach der Probe. Jamie wirft einen Blick auf die Kratzwunde an seinem Handgelenk, als falle sie ihm in diesem Moment erst auf. ,,Ach‘‘, erwidert er, ,,bloß die Jenny, ich meine, die Katze vom Vormieter.‘‘

Nach einem langen Zehn-Stunden-Arbeitstag wirft Jamie die Kunstdaunenjacke auf den nächsten Stuhl, rafft sich ein Bier aus dem Kühlschrank und startet auf seinem TV mit Internetzugang, worauf er sich schon seit dem Morgen gefreut hat, einen Porno. Das Bild ist HD, die Darstellerinnen sind 1A, Dramaturgie und Kulisse – ein altes Pferdefuhrwerk in einem exotischen Park – sind wohl durchdacht, insgesamt ein solides, abgerundetes Machwerk. Einzige Einschränkung: Er muss mit Kopfhörern schauen, damit die Nachbarn nichts mitbekommen, lieber auf Nummer Sicher. Jamie passt auf, nicht zu früh zum Höhepunkt zu kommen, er möchte den Film bis zum Ende auskosten. Sein Blick, aufmerksam und leuchtend, schwenkt, weil er unbewusst auf irgendetwas reagiert, zur Seite. Ihm entfährt ein unartikulierter Schrei, als er in die zwei glühenden Punkte neben dem Fernseher in der Ecke blickt. Sie fixieren ihn, haben ihn die ganze Zeit über schon beobachtet. Er realisiert, was für ein Bild er abgibt: Die Hosen in den Kniekehlen, das Geschlecht entblößt. Nach einem Moment der Schockstarre knipst er den Fernseher aus und stolpert ins Schlafzimmer. Die Tür schmeißt er zu, Licht bleibt aus. Es tut mir leid, denkt er wieder und immer wieder, es soll nicht wieder vorkommen.

Dieses Biest – so traut er sich nur sie zu nennen, solang sie nicht in der Nähe ist – injiziert ihm nun schon Angst vor dem Nachhausekommen. Jenny ist eine Hauskatze, hatte gar keine Wahl, weil die Wohnung im siebten Stock liegt, also ist sie immer zu Hause, allgegenwärtig. Tagsüber spielt er mit dem Gedanken, sie zur Adoption freizugeben oder gleich ins Tierheim zu bringen. Er denkt sogar übers Einschläfern nach. Er ist selbst erstaunt über die Heftigkeit seiner Gedanken, objektiv passiert ist ja eigentlich – nichts.

Tiere haben ein unfehlbares Gespür für soziale Hierarchien. Bei der ersten Begegnung entscheiden sie in Sekundenschnelle, ob sie sich unterordnen müssen oder der Überlegene sind.

Sie stellt sich nun öfter genau dorthin, wo er vorbei möchte oder sich hinstellen muss, um zum Beispiel Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Das macht sie, um ihn zu demütigen, soviel steht fest. Sie positioniert sich dort mit ihrem fülligen, von ihm gemästeten Körper und lässt ihn zappeln, indes sie selbstzufrieden Löcher in die Luft stiert. Klar ist Jamie fünf Köpfe größer als sie, das nützt ihm aber nichts. Die ein, zwei Mal, die er sie unabsichtlich (!) berührt hat, haben ihm als Lektion gereicht.

Immer wieder passiert es, dass er einfriert, wo und wie er grade ist. Ob nun die Luft auf einen Schlag um zehn Grad abkühlt oder ihre Poren einen subtilen Signalstoff ausdünsten, jedenfalls spürt er, dass ihre Stimmung soeben gekippt ist in Richtung Gereiztheit, Aggressivität, Mordlust. Das Monster in ihr hat die Oberhand gewonnen und entfaltet sich zu vollen Ausmaßen. Erst hört er bloß ihre Schritte, das dezente Klicken der Krallenspitzen. Er spürt, dass sie näherkommt, spürt es daran, dass in der Luft die Konzentration von Gewalt wie bei einem außer Kontrolle geratenen chemischen Experiment rasend schnell zunimmt, jeden Grenzwert längst überschritten hat. Da, hinter dem Sofa hervor, taucht sie auf, biegt um die Ecke, in ihren Bewegungen diese Geschmeidigkeit des Raubtiers auf Patrouille, diese trockene, schaurige Eleganz. Unter dem glänzenden Fell spielen die Schulterblätter. Jamie steht da, nur noch ein passives, schlotterndes Etwas, das schicksalsergeben auf seinen Gnadenbiss wartet. Er wehrt sich dagegen, doch die Erinnerung daran ist stärker, wie sie letztens wieder – er hantierte an der Spülmaschine – in die Küche kam, schnurstracks auf ihn zu, und ihm mit der Tatze einen Hieb versetzte, den die Jogginghose kaum dämpfen konnte. Einfach so tat sie das, obwohl er extra stillhielt, um ihr zu erkennen zu geben, dass von ihm keine Gefahr ausginge. Schlug ihn mit halb geschlossenen, meditativen Augen, einfach weil es ihr gefiel. Sein Blick füllt sich mit Tränen, das Monster ist nun bei ihm. So ein winselndes, rotzschniefendes Opfer ist Jenny nicht mal die Mühe des Gnadenbisses wert, verächtlich lässt sie ihn links liegen. Lässt sich nicht entgehen, als er schon denkt, es sei vorbei, sein Bein mit dem Schwanz anzustupsen, woraufhin er entsetzt aufjault.

Dagegen, wenn seine Eltern zu Besuch kommen, ist sie ganz Katze, ganz Quell süßen Entzückens. Liebenswert wälzt sie sich auf dem Rücken und lässt die Mutter ihren Bauch kraulen und schnurrt aus tiefstem Herzen. Drollig jagt sie einer Mücke, einer Küchenfliege mit den Pfoten in der Luft hinterher. Oder bettelt mit großen, runden, schillernden Katzenaugen, wenn sie am Tisch beim Essen sind, was nie lange dauert, bis die Mutter sich erbarmt und in die Küche geht und mit einem Tellerchen mit einem Stück Huhn zurückkehrt. ,,Mir scheint, du verwöhnst sie ein bisschen zu sehr.‘‘, mahnt der Vater seinen Sohn. ,,Ruhig ein bisschen zeigen, wer hier der Herr im Hause ist.‘‘ Mit Jamie allein, bettelt sie natürlich nicht. Kommt er später als üblich nach Hause, weil er Überstunden machen musste, sodass er ihr noch kein Futter hinstellen konnte, streicht sie, sobald er die Wohnungsschwelle überschritten hat, um seine Beine, verzögert das Schuheausziehen um fünf Minuten, blockiert die Tür zum Klo, gleichgültig, ob er kurz vor einem Blasenriss steht, und lässt nicht locker, bevor er nicht als erste Handlung nach einem langen Arbeitstag für seine arme, vernachlässigte, kurz vorm Verhungern stehende Katze eine Dose Whiskas geöffnet hat. Mit diesem Billigfutter aus Fleischabfällen lässt sie sich freilich bald nicht mehr abspeisen. Sie verweigert einfach das Essen und verfolgt ihn auf Schritt und Tritt und macht ihn ganz kirre, bis er schließlich stolpert und den Fernseher umreißt und der nagelneue Curve-3D-1080p-Screen in tausend Splitter zerspringt. Da hockt er inmitten der Trümmer seines geliebten Fernsehers, noch ganz benommen, und es dauert nur fünf Minuten, da sitzt er schon im Auto auf dem Weg zum Kaufhof, Lachs und einen neuen Fernseher kaufen.

So vergehen Jahre. An Urlaub ist nicht zu denken, Jenny würde ihm die Hölle auf Erden bereiten, wenn er sich für Tage einfach aus dem Staub machte. Seine Eltern glauben, er habe eine Freundin, die er vor ihnen geheim halten wolle, sobald eine Kerze heruntergebrannt ist, zünden sie die nächste an. Jamie gewöhnt sich an die Situation, er akzeptiert die Prioritäten: Zuerst dafür sorgen, dass es ihr gutgeht, danach darf er für sich schauen.

Nach ein paar Jahren lässt Jennys Sehfähigkeit nach. Sie rempelt gegen das Sofa, bleibt am Teppich hängen. Ihre Muskeln bauen langsam, aber sicher ab, die Knochen werden porös, das Übergewicht, das sie über die Jahre angesammelt hat, macht es nicht eben leichter. Bald schafft sie nicht einmal mehr den Sprung aufs Sofa.

Jamie unterstützt sie, so gut er kann. Wenn sie vor dem Sofa hockt, hebt er sie darauf. Wenn sich wieder mitten unter dem Esstisch ihre Blase entleert hat, wischt er es weg und hat, statt Wut, Mitleid mit dem alternden Wesen. Irgendeinmal schlägt der Schalter um. Plötzlich begreift er, dass die Bedingungen sich geändert haben. Er ist nun nicht mehr der Schwächere. Die Zeit steht auf seiner Seite.

Von da an lässt er sie liegen, wenn sie vor Erschöpfung zusammengesackt ist. Das Sofa sieht sie nie mehr von oben. Und wenn sie ihr Geschäft wieder außerhalb des dafür vorgesehenen Katzenklos verrichtet hat, bestraft er sie mit Futterentzug.

Eines Tages, er kommt gerade vom Waschen aus dem Keller und steigt die letzte Treppe zu seiner Wohnung hoch, humpelt ihm Jenny entgegen. Scheinbar hat er die Tür offengelassen, und sie ist entschlüpft und will sich jetzt so kurz vor ihrem Ende einen schöneren Lebensabend suchen.

So einfach kommst du mir nicht davon, sagt Jamie halblaut und trägt sie zurück in seine Wohnung.

Januar 2019

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