Laufen

L a u f e n

Durch das Fenster seines Zimmers die grauen Wolken am Himmel. Bald wird es regnen. Schon seit dem Morgen bedecken Wolken den Himmel. Nicht mehr lange, dann wird es anfangen. Aber er weiß, er muss los. Er dreht sich um und geht nach unten. Im Arbeitszimmer hört er die Mutter. Er ist leise, damit sie ihn nicht bemerkt. Unten legt er die kurze Hose und die Laufschuhe an. Hinter sich zieht er die Tür ins Schloss und steckt den Schlüssel in die Tasche. Er spürt die kalte Luft auf seiner Haut. Zwei Schritte, er ist auf der Straße und rennt los.  

Gestern Abend schon wieder. Er liegt in seinem Bett und unten ihre Stimmen, die immer lauter werden. Am Anfang wollen sie noch leise sein, damit er sie nicht hören kann, aber die Wände sind dünn und er hört jedes Wort. Sein Vater spricht und sie unterbricht ihn, aber er redet weiter. Er redet lauter als vorher, und er ist es, der auf den Tisch schlägt. Er hört die Stimme seines Vaters, laut und deutlich, obwohl er die Zimmertür geschlossen hat.

Um die Ecke rechts, geradeaus. Neben der Straße die weiße Garage mit den dunklen Flecken auf den Wänden. Unter den Schuhen knirscht der Kies. Zwischen den roten Pfosten in der Mitte durch. Aus den Augenwinkeln das Pflaster, grau und trocken, dann die Straße. Kein Stopp, weiterlaufen und geradeaus schauen. Rechts vorbei, die Kiesel knirschen.

Wie sie ihn angesehen haben, gestern, als sie es ihm sagten. Er wusste es schon, bevor sie in sein Zimmer kamen und die Tür schlossen. Er saß auf seinem Stuhl am Schreibtisch, sie setzten sich auf sein Bett. Er wollte ihre Blicke nicht erwidern, konnte aber nicht anders. Sein Vater erklärte, sie beide, er und sie, hätten es gemeinsam beschlossen. Er werde ausziehen, sobald er eine Wohnung gefunden habe. Er hörte zu und blickte sie an, während sein Widerwille mit jedem Wort größer wurde. Er wollte nicht zuhören, er wusste es schon, es war ihm schon lange klar, aber sein Vater hörte nicht auf zu erklären. Aus dem Augenwinkel sah er die Tür, die sie geschlossen hatten. Er schloss die Tür nie, wenn er nicht alleine war in seinem Zimmer, und die Wärme war nun unerträglich. Er wollte zur Tür gehen und sie öffnen, aber sein Vater erklärte noch immer. Auch das Fenster war zu, wenigstens das Fenster wollte er aufmachen, er blieb aber sitzen und rührte sich nicht. Er hörte die Stimme seines Vaters, und plötzlich war es eine andere, fremde Stimme, und sie gehörte nicht mehr seinem Vater.

Schneller. Sein flacher Atem im Rhythmus seiner Schritte. Schwelle, vom Kiesboden auf Asphalt. Rechts der Wagen auf dem Parkplatz, kirschrot, auf den Gehweg, am Rand die Hecke, ein paar Zweige peitschen seine Haut. Dann die Brücke, unten die Straße, Verkehr wie immer, die Autos zwischen den roten Geländerstäben wie im Film.

Ihre Gesichter heute Morgen, die Augen seiner Mutter, klein und rot. Ihr Blick immer weg von ihm, als könnte er nicht sehen, dass sie geweint hat. Sein Vater die Treppe runter und Tür zu, nicht mal Tschüs. Beim Zähneputzen hat er im Spiegel seine Augen gesehen. Fast so rot wie ihre. Er spuckte aus und ging. Draußen auf dem Fahrrad die kühle Luft im Gesicht und die Wolken am Himmel. Er war früher in der Schule als die anderen.

Blick geradeaus. Schwelle, Waldboden unter den Füßen. Äste und Laub wie Polster unter den Schuhen. Steine und Wurzeln durch die Sohlen. Zweige und Äste brechen, Laub fliegt. Links und rechts die Bäume, kaum zu sehen, weil er zu schnell ist, ihre Umrisse, ihre dunklen, schwarzen Stämme. Tropfen von oben. Kurve nach links, Blick nach rechts, am Rand am Boden der kurze, dicke Buchenstamm, abgeschlagen, morsch. Blick geradeaus.

Ihre Gesichter gestern Abend beim Essen. Er trank und sah in sein Glas, sah nur das Glas, wie es leer wurde, und wusste nicht, wohin er jetzt blicken sollte. Noch nie war es so still beim Essen, am Abend vorher haben sie noch gestritten, nun ist alles gesagt. Nur eine Frage bleibt noch offen: Bei wem er bleiben wolle? Sie geben sich den Anschein, als würden sie essen, dabei warten sie auf seine Antwort.

Augen auf den Boden. Nicht mehr weit bis zum Bach, er beschleunigt und springt. Unter sich das Rauschen des Wassers, in den Ohren das Rauschen der Luft, kalter Luft. Dann Aufprall, linker Fuß in aufgeweichte Erde, Anspannung des linken Oberschenkels, Aufsetzen des rechten Beins. Sein Stoffschuh, der sich mit Wasser vollsaugt. Linkes Bein, rechtes Bein, Wiederaufnehmen des Rhythmus‘. Aus dem Augenwinkel flaches Gras. Es hat geregnet in der Nacht, das Gras ist noch nass, das Wasser schärft das Grün. Der Fluss ist übers Ufer getreten. Unter Wasser der Uferweg, nur zwischen Abhang und Fluss ein Meter freier Fläche, der reicht ihm. Das Wasser schäumt, es fließt sehr schnell. Es fließt geradeaus und dort, wo Steine sind, überschlägt es sich. Er rennt in dieselbe Richtung wie das Wasser, das aufgrund der Masse heute schneller fließt.

In der Schule saß er auf seinem Platz am Fenster. Draußen war niemand zu sehen. Ab und zu blickte er zur Uhr. In der Hand hielt er den Stift, aber er schrieb nicht. Er wandte sich nach schräg rechts, dort wo sie saß. Er sah sie an und spürte das Fensterglas an seinem Kopf, draußen windete es, und sie drehte sich nicht um.

Blick nach unten. Achtung auf das Treibgut, Stöcke, Styropor, Fußbälle.

Er wusste nicht, was er sagen sollte, als er es erfuhr. Er wusste nur, jetzt war es zu spät. Er dachte daran, wie er in seinem Bett gelegen hatte, jeden Abend, um zu überlegen, wie er es ihr sagen sollte. Das war jetzt vorbei, dachte er. Es war zu spät jetzt. Jemand anderes war ihm zuvorgekommen. Aber er wusste auch nicht, woran er sonst denken sollte, es hatte ihm immer geholfen, ruhig zu werden.

Nicht einsinken, Rhythmus beibehalten. Die Luft brennt in den Lungen. Linker Arm vor und zurück, rechter Arm vor und zurück.   

Heute Mittag war sie kaum auszuhalten. Er saß am Tisch und aß, so schnell er konnte. Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und musste Aufgaben machen. Unten hörte er sie. Er hörte sie, obwohl er die Tür zugemacht hatte. Auf dem Holzboden war jede Bewegung zu laut. Sie ging langsam und vorsichtig, aber jeder Schritt war zu hören. Er sitzt am Schreibtisch mit dem Stift in der Hand und hört dem Geräusch ihrer Schritte zu, bis sie stehenbleibt. Dann ist es still und er wartet darauf, dass das Geräusch wieder anfängt. Einmal fliegt eine Fliege gegen das Fenster. Ihr Geräusch beim Aufprall.  

Gegenwind. Abdrücken nach vorn. Seine Arme schlagen vor und zurück, vor und zurück, als wollten sie ausreißen. Seine Füße klopfen auf die Erde wie automatisiert.

Da erinnert er sich an einen Traum. Letzte Nacht hat er geträumt, er liefe hier unten am Fluss und würde verfolgt von sieben Hunden. Er hörte ihren hechelnden Atem und das Geräusch ihrer Pfoten in der aufgeweichten Erde, und er rannte so schnell er konnte. Als er sich umdrehte, sah er, dass sie ganz nah waren, sieben Hunde, die ihn verfolgten. Die Zungen hingen ihnen aus den Mäulern und tropften vom Regen. Links war der Fluss über die Ufer getreten und hörte er das Rauschen des Wassers. Er wusste, er durfte nicht stehenbleiben, weil die Hunde ihn dann einholen würden, er rannte so schnell er konnte, um sie abzuhängen. Aber als er sich wieder umdrehte, sah er, dass sie noch immer ganz nah bei ihm waren. Er rannte noch schneller, doch als er sich umdrehte, waren die Hunde immer noch gleich nah und bleckten die Zähne. Er rannte so schnell er konnte und so schnell ihn seine Füße zu tragen vermochten, und hoffte, die Hunde würden die Verfolgung bald aufgeben, aber ohne Unterlass hörte er sie dicht hinter sich, ohne dass sie leiser wurden. Und als er sich umdrehte, waren sie ganz nah bei ihm. Und er wusste, wenn er stehenblieb, würden sie ihn einholen.

Die Schuhe nass und schwer. Blick geradeaus, aber er sieht nichts mehr. Die Beine bewegen sich, aber er spürt sie nicht mehr, die Arme vor und zurück, aber es sind nicht mehr seine Arme. Alles verschwimmt, er ist zu schnell, so schnell wie der Fluss.

Da kommt die Brücke rasch näher, bei der er immer hochläuft und umkehrt. Seine Beine laufen so schnell wie der Fluss und werden nicht mehr aufhören. Da oben das Schild, Pfeil nach rechts, zurück, aber er geht nicht mehr zurück. Er wird unter der Brücke durchlaufen und weiter rennen. Jetzt ist er bei der Brücke. Schon spürt er den Abhang unter den Füßen. Vorbei am Schild, Richtung Pfeil, wie immer.

Rechtskurve. Links auf der Bank der Mann im roten Anorak. In der Hand die Leine. Auf dem Boden der Hund. Asphalt, nach der nassen Erde doppelt hart.

Am Hang beschleunigt er.

Auf der Brücke zunehmender Wind und aufkommender Regen. Kurz schaut er hoch. Der Himmel hängt tief. Schon färbt sich das Pflaster nass. Er schaut auf die Schuhe. Aus dem Stoff quillt das Wasser.

Drinnen zieht er die Schuhe aus und steigt die Treppe hoch. Er ist leise, damit sie ihn nicht hören kann. Im Bad zieht er sich aus und stellt die Dusche an. Er hört das Wasser in den Ohren rauschen. Seine Glieder sind schwer, trotzdem spürt er sich kaum. Für heute ist er weit genug gelaufen. Es wird ausreichen, bis er morgen wieder los muss.

März 2013

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