Solo

Solo

Er stört. Er sitzt auf der Couch, vor sich den Fernseher, Füsse auf dem Tisch, Hand an der Chipstüte. Er ist vorsichtig, wenn er die Hand aus der Tüte zieht, und auf dem Weg zwischen Tüte und Mund passt er zwar auf, krümelt aber trotzdem ein bisschen. Wenn sie die Krümel auf seinem T-Shirt sieht, kommt sie und stellt sich vor ihn. „Du machst sie ja nicht weg“, sagt sie. „Du machst den Boden nicht sauber.“ Er stellt dann die Tüte auf den Tisch, Füsse auf den Boden und versteckt die Hände in den Taschen, bis sie wieder geht. Nachdem sie die Krümel weggemacht hat. Nach ein paar Minuten bekommt er wieder Hunger und holt die Tüte zurück auf die Couch.

Abends beim Essen hat er beide Arme auf der Tischplatte liegen. Sie sagt nichts, aber während er isst, beobachtet sie ihn. Sie bleibt sitzen, bis er fertig ist. Sie sagt nichts, aber er spürt ihren Blick und er weiss, was er heisst. Er hat Hunger. Er isst, weil er hungrig ist, aber wenn der Brotkorb leer ist und sie aufsteht, sagt sie, er esse zu viel, das sei nicht gut für ihn. Sie setzt sich und sieht ihn an. Aber erst, nachdem sie ihm noch eine Scheibe Brot abgeschnitten hat. Am Anfang sitzt er aufrecht, mit der Zeit rutscht er ein Stück abwärts. Seine Arme wiegen schwer auf der Tischplatte. „Du bist ein Klotz“, sagt sie manchmal. Abends ist es immer so warm und die Luft dick, sodass sie kaum zu atmen ist. Wenn er fertig ist und aufsteht, muss er tief einsaugen, bis er überhaupt Luft in seiner Lunge spürt. Nur am Kühlschrank, beim Bierholen, kriegt er kurz richtig Luft. „Jeden Abend“, sagt sie. „Musst du wirklich jeden Abend?“ Auf der Couch sinkt er ein, Bier ins Glas und Krimi an und seine Arme rechts und links auf dem weichen Polster beinah schwerelos.

Den Tag über ist er allein. Sie ist fünf Tage die Woche weg, vom Morgen bis Abend. Manchmal auch am Wochenende. Er könnte lange schlafen, aber seit einiger Zeit wacht er auf, wenn sie die Tür schliesst, und kann dann nicht mehr schlafen. Deshalb ist er müde den Tag über. Im Bad schaut er in den Spiegel, wie durch Nebel sucht er seine Augen und findet sie nicht. In der Küche: Radio an, Staumeldungen – das erste, was er hört nach der Tür hinter seiner Frau. Er frühstückt lange. Morgens ist sie nicht da und beobachtet ihn nicht, und er isst und denkt, wie kann sie wissen, wann er satt ist. Er denkt, wie kann sie ihm überhaupt hineinreden in sein Leben, es ist sein Bier, sein eigenes Bier.

Das Aufstehen vom Stuhl und der Weg zur Couch gehen langsamer als früher. Sie sagt, er bewege sich ja nicht. Er solle sich mal bewegen. Er habe zugenommen und gehe nie vor die Tür. Er hört ihr kaum zu, wenn sie wieder damit anfängt. Er denkt nur, dass sie es nie verstehen wird. Warum versteht sie es nicht, dass er gerne hier sitzt und fernsieht, dass es keinen Grund gibt, nach draussen zu gehen, draussen ist es kalt um diese Jahreszeit. Auf der Couch zu sitzen, die Arme rechts und links neben sich, Krimi zu schauen und zu spüren, wie er einsinkt, wie das Polster ihn einsaugt, das liebt er! Neben seiner Hand die Chipstüte und das Knistern, wenn er sie berührt, mehr braucht er nicht! Aber sie sagt: „Ich muss arbeiten, während du drinnen hockst. Ich arbeite, während du fernsiehst.“ Und egal, wie spannend der Krimi ist, wie tief er in die Couch einsinkt, ihre Worte hallen in seinem Kopf.

Er müsse sich ändern, sagt sie. Er tut so, als höre er nicht zu, aber er hört alles ganz genau. Sie versteht es nicht, denkt er bei sich. Er sagt das nicht, aber er denkt es. Er stört, überall, ist nur im Weg, und draussen würde er auch stören. Draussen wäre er derselbe Klotz wie drinnen. Und alle würden es sehen. Sie stolpert über ihn, bei jeder Begegnung. Das versteht sie nicht. Er sagt es nicht, aber er denkt es.

Und als er ins Bad geht, die Spülung drückt und in den Spiegel schaut, denkt er: Du Klotz. Du bist fett geworden und träge. Sie haben Recht. Du störst, egal wo du bist, draussen und drinnen.

Manchmal bringen sie Wiederholungen im Fernsehen, die kennt er schon. Dann schaut er zu und nach einer Weile schliesst er die Augen, weil er schon weiss, wer der Mörder ist. Oder er nimmt die Fernbedienung und stellt auf lautlos. Er legt sie neben die Chips, steht auf und geht in die Küche. Er stellt das Radio an, sucht, bis er Musik findet, und steht. Er rührt sich nicht, während die ersten Takte vorbeigehen. Dann, auf einmal, fährt ein Ruck durch seinen Körper, er schüttelt sich wie ein Köter nach dem Baden, er fängt an, den Kopf hin und her zu schrauben, abwechselnd hebt er die Füsse und stampft auf die Fliesen. Er streckt den linken Arm aus und spielt mit Rechts auf seiner Luftgitarre. Er beginnt, sich im Kreis zu drehen, er schüttelt den Kopf, schliesst die Augen nicht bloß, sondern presst sie fest zusammen, und mit den Beinen stampft er den Takt mit, immer lauter, seine Füsse in den Socken auf die grauen Fliesen, doch es tut nicht weh. Da spielen nur Schlagzeug und Bass, und als er sein Solo beginnt, werden seine Arme mit der Gitarre leicht, als hebe er ab. Er springt und ist schwerelos. Zweimal. Dann ist die Musik zu Ende und Nachrichten kommen. Er drückt das Radio aus und steht eine Weile in der Küche. Sein Herz rast, er ringt nach Atem. Er denkt, sie weiss nicht, wie er ist. Sie kennt ihn gar nicht.

Dann geht er zur Couch. Auf dem Polster sinkt er ein, die Arme rechts und links neben sich, Blick auf die stummen Schreie im Fernsehen.

Am Abend schimpft sie über die Krümel auf der Couch. Holt den Besen. „Ich bin müde.“, sagt sie. „Den ganzen Tag Arbeit, und du siehst nur fern. Du musst dich ändern.“ Und wischt die Krümel weg. Er sitzt am Küchentisch, seine Arme drücken aufs Holz, er sagt nicht, aber denkt: Sie versteht es einfach nicht.

März 2014

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