Ganz unten

Zwei Bücher über den Aufstieg von ganz unten und das Lebensgefühl, nie ganz oben anzukommen¶

In seiner Autobiografie Rückkehr nach Reims erzählt Didier Eribon eine Episode aus seiner Schulzeit. Im Gymnasium spielt ihnen der Musiklehrer klassische Schallplatten vor und veranstaltet einen Wettbewerb darum, wer als Erster Titel und Komponist errät. ,,Während die Bürgerkinder schwärmerische Mienen aufsetzten‘‘, schreibt Eribon, ,,machten wir Arbeiterkinder hinter vorgehaltener Hand alberne Witze; manchmal konnten wir uns auch gar nicht zusammenreissen, schwätzten laut und prusteten vor Lachen.‘‘

Soziales Kapital

Eine zweite Szene, diesmal aus J.D. Vance‘ Hillbilly Elegie über seinen Aufstieg aus dem weissen, amerikanischen Arbeitermilieu: Wie er eines Abends von einer der renommiertesten Washingtoner Anwaltskanzleien in eines der teuersten Restaurants (lauter Superlative!) zum ,,Vorstellungsgespräch‘‘ eingeladen wird und feststellt: Es geht nicht um Studienleistungen, auch nicht darum, wie gut er sich mit Kartellrecht auskennt, vielmehr wird hier seine ,,soziale Tauglichkeit‘‘ auf den Prüfstand gestellt: Ist er ein witziger und charmanter Typ, mit dem man gerne zusammenarbeitet? Beherrscht er die auf solchen Anlässen gefragte Balance zwischen Extrovertiertheit und Zurückhaltung? Nun, zunächst einmal bringt ihm die Kellnerin ein ,,sparkling‘‘ Wasser. Wie albern, denkt J.D., das ist nun wirklich ein wenig übertrieben, dass die in diesem Restaurant ihr Wasser auch noch als ,,funkelnd‘‘ bezeichnen. Nimmt einen Schluck – und spuckt alles wieder aus. Bis jetzt hatte er keine Ahnung, dass so etwas wie Wasser mit Kohlensäure existiert.

Die feinen Unterschiede

Ein paar Bewerbungsgespräche früher kreuzt er in Funktionshosen und Kampfstiefeln auf. Er hat schlicht nicht gewusst, dass es für derartige Situationen einen Kleidungskodex gibt. Es sind solche konkreten Begebenheiten, in welchen die Kluft zwischen ,,denen da unten‘‘ und ,,jenen da oben‘‘ fassbar wird. Die den Begriff ,,Habitus‘‘ mit Leben füllen und einem vor Augen führen, was Pierre Bourdieu mit den ,,feinen Unterschieden‘‘ meint. Man bekommt eine Idee davon, wie schwierig es ist, seine Herkunft abzuschütteln, die einen wie ein Anker permanent abwärts zerrt und gerade dann, wenn man sich befreit wähnt, von Neuem bremst und zügelt. Und weil es die eigenen Wurzeln sind, die man kappen will, kämpft man gegen sich selbst.

Der Mythos vom ,,Winner''

Beiden, Vance und Eribon, geht es nicht nur um ihre persönliche Geschichte des Aufstiegs, immer wieder müssen sie sich die allgemeinere Frage stellen: Was bedeutet diese Geschichte für die Millionen Menschen, die dasselbe Los der Geburt traf und es nicht geschafft haben? Warum ist es ausgerechnet mir gelungen, der Macht der Statistiken zu entschlüpfen? Eribon lässt den schwarzen US-Schriftsteller John Edgar Wideman zu Wort kommen, der seinen Bruder im Gefängnis besucht: ,,Wie viele schwarze Männer sitzen wie lange im Gefängnis? Man könnte den Verstand verlieren über diesen Zahlen (…). Ein hässlicher Berg roher statistischer Daten (…), nur diese eine, überwältigende Wahrscheinlichkeit: (…) Nichts wäre heute weniger überraschend, als dass ich selbst hinter Gittern sässe.‘‘ Wideman lässt sich nicht dazu verführen, seinen Aufstieg als Musterbeispiel des amerikanischen Traums hinzustellen und persönliche Leistung, Selbstdisziplin und Optimismus als die entscheidenden Faktoren zu betonen, die ihn ,,Gewinner‘‘ von all den anderen ,,Losern‘‘ abheben. Er anerkennt, dass viele der Bedingungen, denen er seinen Aufstieg zu verdanken hat, ausserhalb seines Einflussbereichs lagen.

Die Opferrolle anzweifeln

Wenn J.D. an seine Heimat Kentucky denkt und an all die Arbeitslosen, Drogensüchtigen und Verwahrlosten, dann schaudert er vor dem Glück, das er gehabt hat. Das hält ihn nicht davon ab, an anderer Stelle an die Verantwortlichkeit der Hillbillies zu appellieren. Dass es zu wenig Arbeitsplätze gebe, sei nur die eine Seite der Wahrheit. Andererseits habe er oft erlebt, wie jemand in seinem neuen Job keinen Hehl aus seiner Unlust gemacht, die Aufgaben schludrig erledigt habe und ständig zu spät oder gar nicht gekommen sei, sodass nicht wenige Hillbillies einen Job schon nach kurzer Zeit wieder los seien.

Die Grenzen der Politik

Als Sohn einer tablettensüchtigen Mutter hat er jahrelang alles aufgesogen, was ihm an Informationen über Suchterkrankungen in die Finger kam, und bleibt am Ende doch ratlos zurück. Schlussendlich könne er nicht beurteilen, weshalb jemand in die Sucht gerutscht sei und wie schwierig es sei, von ihr loszukommen. Er wisse nur, dass alle Nächsten seiner Mutter ihr immer wieder eine neue Chance gaben, selbst als die Zahl der Vertrauensbrüche unzählbar geworden war, und dass ihre Drogensucht nicht auf einen Mangel an Verständnis und Hilfe zurückgeführt werden könne.

Manche Verhaltensweisen und Einstellungen, resümiert er, könne selbst die beste und sozialste Politik nicht verändern, das könnten nur die Handelnden selbst. Hat der anonyme Politiker, den er zitiert, recht, wenn er konstatiert, eine Unterschicht werde es wohl immer geben?

Neoliberalismus und Trump

In seiner Rückkehr geht Eribon dem Phänomen auf den Grund, wieso Arbeiter, die früher wie selbstverständlich kommunistisch wählten, plötzlich genauso selbstverständlich rechtsextrem abstimmen. Mit schonungsloser Prägnanz seziert er, wie linke Politiker im Verlauf der 90er die Menschen, die sie eigentlich vertreten sollten, im Stich und sich selbst von der neoliberalen Ideologie korrumpieren liessen, die Margaret Thatcher in ihr berüchtigtes Statement kristallisierte: ,,There is no such thing as society.‘‘ Wenn es aber keine Gesellschaft gibt, sondern nur noch das Individuum, dann gibt es auch keine Strukturen, die Menschen in prekäre Minijobs und würdelose Lebensumstände zwingen, sondern bloss Individuen, die versagt haben. Und irgendwann tun sich diese Einzelnen wieder zu einer neuen Gemeinschaft zusammen, nur hinter neuen Repräsentanten, und nicht mehr als ,,Arbeiter‘‘ gegen die ,,Unternehmer‘‘, sondern als ,,Franzosen/Amerikaner/…‘‘ gegen die ,,Ausländer‘‘. Parteien wie der Front National oder AfD und auch ein Donald Trump geben den ,,Deplorables‘‘, den ,,Bedauernswerten‘‘, wie Hillary Clinton sie nennt, ein ihnen lange verwehrtes Gefühl zurück: Würde.  

Die Kluft

Sein Leben lang habe er sich in seinen Theorien mit der Arbeiterklasse beschäftigt, aber mit ihnen zu tun haben wolle er lieber nichts, reflektiert der Soziologe Eribon. Er sei sich auch im Klaren darüber, dass die Menschen, über die er schreibt, sehr wahrscheinlich nicht zu seinen Lesern gehören werden.

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