Sommerhaus, später

Hintersinn über den Eigensinn von Judith Hermanns Figuren¶

Auf Judith Hermann stieß ich durch das Berner Literaturfestival Ende August. Ich hatte noch nie etwas von ihr oder über sie gelesen, bei ihrem Namen auf dem Programm klingelte bloß entfernt etwas, und um diesem Klingeln ein Gesicht und eine Stimme zu geben, ging ich zu ihrer Lesung. Ihre war die dritte an diesem Tag, zuvor hatte ich die deutsch-französische Schriftstellerin Géraldine Schwarz und den ,,Gegenwartsbeobachter‘‘  Peter Schneider gehört, doch erst nach der circa einstündigen Lesung von Hermann in einem holzvertäfelten Saal in einem der altehrwürdigen Berner Bürgerhäuser konnte ich aus vollem Herzen sagen: Es hatte sich gelohnt.

Was mir bereits bei den beiden Kurzgeschichten auffiel, die sie vorlas, war die liebenswerte Verrücktheit der Figuren. Hermanns Geschichten handeln nicht von Ausnahmemenschen, ihre Protagonisten sind von der Sorte, der man tagtäglich im Bus oder Café begegnen könnte. Und dennoch können sie einen erstaunen und überrumpeln, auch verärgern. Da gibt es die junge Frau, die in einem Hotel – das übrigens aus dem Coen-Film Barton Fink stammen könnte – vor einem Zimmer verharrt, aus dem die Klänge einer Bachsonate perlen, und dem verwirrten älteren Bewohner unverhofft ein abendliches Rendezvous in Aussicht stellt. Es sind solche Momente, in welchen Buchstaben auf Papier zu echten Menschen aus Fleisch und Blut werden und ihr Recht auf ein Eigenleben behaupten. Hermanns Figuren sind eigensinnig, ohne dass dieser Eigensinn konstruiert wirkte.  

Bekannt wurde Judith Hermann durch ihren ersten Erzählband Sommerhaus, später, den ich mir nach der Lesung prompt anschaffte. 1998 erschienen, wurde ihr Debüt gepriesen als Porträt einer neuen Generation, und zwar jener jungen, kreativen und obligatorisch eine Berliner Altbauwohnung besiedelnden Künstler- und Langzeitstudentengeneration, zu der die damals 28-jährige Hermann wohl selbst gehörte. Den ,,Sound einer neuen Generation‘‘ meinte Hellmuth Karasek aus diesen Geschichten sprechen zu hören. Von der Unfähigkeit junger Menschen, miteinander Beziehungen einzugehen, sei die Rede, von der Verweigerung, sich festzulegen, und einem neuen Lebensstil des Sich-alle-Türen-Offenhaltens. All diese Themen – Hedonismus, One-Night-Stands, eine Auffassung vom Leben als Spielplatz und damit einhergehend der Anspruch, möglichst ununterbrochen bespaßt zu werden – besitzen mittlerweile längst nicht mehr den Neuigkeitswert wie vielleicht damals bei Erscheinen von Sommerhaus, später. Das macht aber zum Ersten Geschichten, die sich damit beschäftigen, nicht weniger nötig. Und zum Zweiten wäre es falsch, alle Erzählungen Hermanns darauf zu reduzieren.

Nach dem Lesen von Sommerhaus, später und dem Stöbern in verschiedenen Buchbesprechungen und Autorinnenporträts bekam ich den Eindruck, ein Teil ihrer Erzählungen werde der Einfachheit halber ausgeblendet, und zwar jene, die eben nicht nur von jungen, beziehungsunfähigen Wahlberlinern handeln, sondern eine sehr viel großzügigere Bandbreite an Themen ansprechen. Manche der Protagonisten sind nicht mehr jung, manche sogar schon ziemlich alt. Der Rentner Hunter Thompson in der Geschichte Hunter-Thompson-Musik hat sich längst in einem ereignisarmen und einsamen Dasein eingerichtet, das bestimmt ist vom Warten auf das Ende, bis aus heiterem Himmel diese junge Frau, fast noch ein Mädchen vor seiner Tür steht, angelockt von der Musik, die er allabendlich bei Gläsern billigsten Whiskys hört. Er ist hin- und hergerissen: Soll er in dem traurigen, aber auch Sicherheit versprechenden Vegetationszustand verharren, oder soll er dem Leben doch noch einen Türspalt öffnen? Eine andere Geschichte begleitet einen mittelalten Mann ein paar Tage lang bei seinem eingeschlafenen Leben, das allerdings bedroht wird von der Tochter seines früheren engen Freundes und der Erinnerung an eine Zeit, als er durchaus noch nicht so ernüchtert war, als er sogar noch Ideale und Visionen hatte.

Überhaupt nimmt Judith Hermann auffallend häufig die männliche Perspektive ein, und mich hat beeindruckt, wie überzeugend ihre männlichen Ich-Erzähler klingen. Stünde auf dem Umschlag nicht ihr Name, es gäbe keinen Hinweis auf die Verfasserin.

Eine dieser Geschichten trägt den Titel ,,Sonja‘‘, es ist die dritte, und direkt nach dem ersten Absatz war mir klar, dass ich da etwas Besonderes vor mir habe, etwas eindeutig Eigentümliches, ja Irritierendes, ähnlich dem Antreffen einer sehr seltenen Blume, der man sich besonders behutsam nähern sollte, um sie nicht durch eine unachtsame Bewegung aus Versehen umzuknicken. ,,Sonja war biegsam.‘‘, so beginnt die Geschichte. ,,Ich meine nicht dieses ,biegsam wie eine Gerte‘, nicht körperlich. Sonja war biegsam – im Kopf. Es ist schwierig zu erklären. Vielleicht – daß sie mir jede Projektion erlaubte. (…) (S)ie konnte eine Unbekannte sein, eine kleine Muse, jene Frau, der man einmal auf der Straße begegnet und an die man sich noch Jahre später mit dem Gefühl eines ungeheuren Versäumnisses erinnert. (…) (I)ch glaube, sie war so biegsam, weil sie eigentlich nichts war.‘‘ Damit hatte sie mich, ich musste weiterlesen und wissen, was es mit dieser Sonja auf sich hat. Und nachdem ich am Schluss angekommen war, fing ich wieder von vorne an und las alles noch einmal, was ich sonst nie tue. Im Zug von Hamburg, wo der Ich-Erzähler seine Freundin besucht hat, zurück nach Berlin fällt ihm im Raucherabteil (Es wird viel geraucht in Judith Hermanns Universum!) eine junge Frau auf. Sie ist dünn, ja geradezu stockartig, besitzt ein aus der Zeit gefallenes Gesicht ,,wie eines dieser Madonnenbilder aus dem 15. Jahrhundert‘‘ und ist gar nicht schön. Trotzdem besteht sofort eine Anziehung zwischen ihnen, der sich auch der Leser nicht mehr entziehen kann, weil es eben nicht eine 0815-Anziehung à la ,,volle Lippen‘‘, ,,große Augen‘‘, ,,tolle Figur‘‘ ist. Diese übliche Art der Attraktion wird schon von der festen Freundin des Ich-Erzählers abgedeckt, sodass man eigentlich meinen müsste, er habe doch alles, was man(n) sich wünschen könne. Warum, in Teufels Namen, kann er dann nicht anders, als die Nummer, die ihm von dieser Sonja unaufgefordert zugesteckt wurde, anzurufen und sich heimlich mit ihr zu treffen? Warum, in Gottes Namen, würde man es an seiner Stelle genauso tun? In ihrer sparsamen, ,,bescheidenen‘‘ (Reich-Ranicki), an Raymond Carver geschulten Sprache lässt Hermann den Leser die Hingezogenheit zu Sonja am eigenen Leib spüren, ohne dass man sie erklären könnte.

Es sollte erwähnt werden, dass Sonja und der Ich-Erzähler in den Nächten, die sie gemeinsam verbringen, nicht einmal Sex haben. Wer eine Aufwertung des Sexlebens für das Motiv des Ich-Erzählers gehalten hat – weit gefehlt! Die Dynamik zwischen den Beiden wird dadurch nur umso unzugänglicher, umso faszinierender. So erging es auch Marcel Reich-Ranicki: ,,Da ist eine Geschichte, die mir etwas Sorgen bereitet hat, sie heißt ,Sonja‘. (…) Diese Geschichte hat mich ergriffen, und ich gebe zu, ich weiß noch nicht, warum.‘‘

Sex, auf den verzichtet wird, stellt ein wiederkehrendes Motiv in diesen Geschichten dar. Und wenn er passiert, bleibt er unausgesprochen, übersprungen, ausgeklammert. Hellmuth Karasek, der, wie mir scheint, ein bemerkenswertes Gespür dafür besitzt, was Literatur über Gesellschaft erzählen kann, drückt es folgendermaßen aus: ,,Die Liebesgeschichten spielen sich in diesem Buch ab, wenn (die Personen) nichts miteinander haben, wenn sie aufeinander verzichten‘‘. Damit zusammen hängt auch die Wiederkehr eines bestimmten Typus‘ von Frauenfigur. Zierlich, man könnte auch sagen: mager, mädchenhaft und klein, sind diese Frauenfiguren diametral dem Vollen, Weichen, Sinnlichen entgegengesetzt, das klassischerweise mit Weiblichkeit assoziiert wird. Ihnen gemeinsam ist, dass sie auf eine Art verletzlich wirken, auf eine andere Art sehr autonom, und dass sie im Besitz eines Geheimnisses zu sein scheinen, das sie auch zu bewahren wissen.

Es sind nicht alle Geschichten in diesem Buch gut, mit manchen kann ich deutlich weniger anfangen als mit anderen. Für jede der Geschichten aber, welche ich zu den guten zähle, hat sich die Anschaffung von Sommerhaus, später gelohnt. Darum geht es nämlich auch in Judith Hermanns Erzählungen: Um Geschichten und ihre Verknüpfung mit Objekten, mit Orten. In Rote Korallen dient eine Korallenkette als roter Faden für die Familiengeschichte, als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die Kette ist eine Zeugin dafür, dass es die Vergangenheit tatsächlich gegeben hat. In derselben Manier verbindet sich Sonjas Geschichte unmittelbar mit dem Haus, in dem sie wohnt und das schließlich dem Ich-Erzähler für Sonjas Geschichte als Ausgangspunkt dient. Bei Judith Hermann leben Geschichten buchstäblich von den Gegenständen, mit denen sie in Berührung kommen. So gesehen widersprechen sie vehement dem aktuellen Zeitgeist des Minimalismus‘, der vor lauter ,,Befreiung von überflüssigem Besitz‘‘ oft den Dingen keinen Sentimentalitätswert mehr zugesteht. Und um die Kurve zurück zu Judith Hermann zu schlagen: Es geht doch nichts über das Gefühl, ein Buch, das einem ans Herz gewachsen ist, in Händen halten, anfassen und aus dem Regal ziehen zu können, so oft man will.

Und weil gute Bücher niemals überflüssig sein können, kaufte ich mir direkt im Anschluss das zweite Buch von Judith Hermann.

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