,,Das is‘ halt der Kevin.“

Früher schlug Kevins Herz für Blockbuster und Bravo Hits. Doch auch an Kevin ist nicht vorübergegangen, dass man jetzt individuell sein muss. Deshalb inszeniert er sich neuerdings auf Instagram als vollbärtiger Naturbursche und schließt sich der ,,Hexagon-Community“ an. Es ist ganz einfach: Man muss nur ein Produkt der Marke Hexagon kaufen, schon gehört man dazu. Selbst künstlerisch tätig ist Kevin bisher zwar noch nicht, einen eigenen Künstlernamen hat er dennoch schon: ,,LCBQ‘‘, inspiriert von seinen vier Lieblingsmarken Lacoste, Carhartt, Bench und Quiksilver. Was Kevin stört: dass seine Freundin Jenny keinen Sinn für Mode hat. Wenn sie ihm vorwirft, er wisse nicht, wer Putin sei, zuckt Kevin selbstbewusst die Achseln:  ,,Das is‘ halt der Kevin.‘‘

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,,Das is‘ halt der Kevin.“

,,Das is' halt der Kevin.''

You can’t change me. – Don Diablo

Kevin fand Jenny per ,,Match‘‘ auf Lovoo. Diesmal würde er nicht zu lange warten. Nach zwei Tagen Schreiben schlug er ein Treffen vor, und an einem Donnerstagnachmittag im März fuhr er mit seinem Audi bei einem Wohnblock im Müllheimer Osten vor und ließ sie einsteigen.

,,Hey, wo willst du hin?‘‘, fragte Kevin.

,,Ich weiß nicht. Entscheide du.‘‘, erwiderte Jenny.

Beherzt trat Kevin das Gaspedal durch und nahm Kurs auf den Schwarzwald.

,,Willst du ‘n bisschen Musik?‘‘, fragte er.

,,Wie du willst.‘‘, erwiderte sie.

,,Beim Autofahren brauch‘ ich Musik! Willst du wissen, wie laut ich normalerweis‘ hör‘?‘‘ Kevin drehte den Regler bis zum Anschlag und lachte heiter in Jennys entgeistertes Gesicht. ,,Meine Mom sagt immer: ,Kevin, wenn du so weitermachst, bist du mit 30 schwerhörig!‘ Aber ich find‘: Was bringt mir ‘s Gehör, wenn ich meine Musik nich‘ richtig hören kann? Lieber werd‘ ich mit 30 schwerhörig und dafür hör‘ ich meine Musik richtig. Das is‘ halt der Kevin. Was hörst du so?‘‘

,,Ich weiß nicht. Eigentlich alles. Und du?‘‘

Schon befanden sie sich mitten im Gespräch, und Kevin erzählte ihr, welche Festivals er dieses Jahr sehen wollte, welche er bereits gesehen hatte und warum keines von ihnen, nicht einmal das ,,Ultra‘‘ in Kroatien, auch nur annähernd das bieten könne, was Tomorrowland zu bieten habe. Zwischendurch fragte er: ,,Links oder rechts?‘‘, und sie erwiderte: ,,Weiß nicht. Entscheide du.‘‘

Auf einer Passhöhe stiegen sie aus und bewunderten das Panorama. Jenny gab zu, in ihrem Leben erst zweimal im Schwarzwald gewandert zu sein, beide Male von der Schule aus. ,,Ich hab‘ auch keine Ahnung, wie die Berge da heißen.‘‘, beruhigte Kevin sie. ,,Aber mein Dad hat jetzt diese Black-Forest-App.‘‘

Als nächstes hielten sie an einer Tankstelle, in der sie sich mit Red Bull für ihn und Cola Zero für sie und sauren Apfelringen für beide versorgten. Zufrieden registrierte Kevin, dass er die Scheinwerfer einschalten musste, denn das bedeutete, dass sie sich so gut unterhielten, dass sie die Zeit vergaßen. Als ihre Mutter anrief und wissen wollte, ob ihre Tochter entführt worden sei, verbuchte Kevin das als kleinen Triumph.

Auf dem Rückweg wollte Kevin wissen: ,,Wie find‘st du das?‘‘ Er meinte den Track, der gerade lief. Ihr ,,Gut.‘‘ ließ ihn erleichtert aufatmen. Schließlich handelte es sich nicht um irgendeinen Track, sondern um ,,Tunnel Vision‘‘ von Don Diablo. Den ersten Test hatte sie bestanden.

***

,,Hätt‘ ich sie küssen sollen?‘‘  , ersuchte er noch am selben Abend per WhatsApp-Anruf den Fachmann um Rat.

Im Gegensatz zu Kevin kannte Rolf sich mit Frauen aus. Er hatte ständig eine Neue ,,am Start‘‘, die er auf irgendeinem Konzert kennengelernt hatte. Erstaunlicherweise hatte Kevin, wenn er mit Rolf ein Konzert besuchte, bisher noch nie mitbekommen, wie Rolf eine ansprach.

Rolf antwortete: ,,Eine Gelegenheit zu verpassen, bedeutet noch nicht das Ende. Aber ein zweites Mal würde ich es nicht drauf ankommen lassen. Du darfst dich auf keinen Fall friendzonen lassen, Bro!‘‘

Kevin hatte Rolf auf dem letztjährigen ,,Tomorrowland‘‘ in Belgien kennengelernt, dem größten Festival für ,,Electronic Dance Music‘‘ Europas. Genauer gesagt trafen sie erst aufeinander, als es schon wieder nach Hause ging, und zwar im Tomorrowland-Shuttle, einem speziellen Reisebus, mit dem die Party für einen Aufpreis von 229 Euro bereits auf der Hinfahrt begann und mit der Rückfahrt nicht endete.

Kevin hatte sich auf seinen Platz gesetzt, der junge Mann neben ihm hatte den Blick vom Handy gehoben und die Augen aufgerissen: ,,Krasses Outfit!‘‘ Begeistert sprang sein Blick von Kevins ,,Hexagon All Over Pants‘‘ über die ,,Hexagon Army Vest‘‘ zur ,,Hexagon Cap‘‘ und schien vor lauter Attraktionen gar nicht mehr zu wissen, was er als Erstes bestaunen sollte. Im selben Moment fiel Kevin das blaue Schlüsselband seines Gegenübers ins Auge. Kein Zweifel, er hätte das Zeichen selbst mit noch weniger als drei Stunden Schlaf zwei Nächte hintereinander sofort erkannt.

,,Hexagon-‘‘, strahlte Kevin und hob die Hand. ,,-forever!‘‘, vervollständigte der andere und schlug ein.

In seinem früheren Leben, bevor Kevin Hexagonian geworden war, hatte er gehört, was alle hörten. Er hatte sich jeden Monat die neue ,,Bravo Hits‘‘-CD gekauft und Flo Rida, DJ Antoine oder David Guetta gefeiert. Wenn heute jemand David Guetta laufen ließ, winkte Kevin nur müde ab. Über Mainstream-Musik wie diese war er längst hinaus. Sein Geschmack hatte sich verfeinert, um ihn zu reizen, musste etwas besonders, einmalig sein. Nach einer Dubstep-Phase spezialisierte er sich auf ein Genre, das noch viel schneller, lauter und aggressiver war. Hardstyle klang wie einer dieser mit Hightech-Waffen schießenden Auto-Roboterkrieger aus den ,,Transformers‘‘-Blockbustern, über die Kevin ebenfalls hinaus war. Es gab Leute, die den Kopf darüber schüttelten und fanden, das sei doch gar keine Musik. ,,Kevin‘‘, sagten sie, ,,wie kannst du sowas hören?‘‘ Kevin fühlte sich davon geschmeichelt und freute sich, dass er Seiten an sich hatte, die anderen ein Rätsel waren.

Seine neuen Idole trugen Namen wie Angerfist, Aftershock, Warface, D-Sturb, Cyclon, Crypton oder Zatox, und Kevin erwähnte sie gerne, nur damit der andere zugeben musste, dass er sie nicht kannte. So sehr er allerdings Cyclon und Zatox verehrte, er hätte seine komplette, insgesamt über neun Stunden lange Musik ohne Zögern für einen einzigen Don-Diablo-Track hergegeben. Erst als der Don in sein Leben trat, erkannte Kevin Sinn und Zweck desselben.

Laien kannten Don Diablo nur als DJ, der Future House produzierte. Kevin war dagegen bewusst, dass Don Diablo nicht nur auf dem Gebiet der elektronischen Musik in neue Galaxien vorgedrungen war. Als Modedesigner machte er das Morgen schon heute tragbar, als Künstler revolutionierte er das Feld virtueller Kunst, sogenannter NFTs. Mit seiner Marke Hexagon hatte Don Diablo eine ganze Bewegung ins Leben gerufen, die Hexagon-Community.

Das Hexagon-Zeichen bestand aus einem A mit zwei Querbalken in einem Sechseck. Hin und wieder, zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit auf dem Autobahnpfeiler, stieß Kevin auf ein Zeichen, das so ähnlich aussah: ein A, aber ohne zweiten Querbalken und statt mit Sechseck mit Kreis. Kevin wusste zwar nicht genau, was dieses Zeichen bedeutete, doch er war stolz, ein Zeichen zu tragen, das auf Autobahnpfeiler gesprüht wurde. Es fühlte sich aufregend, irgendwie verboten an. Es hob ihn aus der Masse heraus und kennzeichnete ihn als Mitglied eines ausgewählten Zirkels. Es weckte die Neugier seiner Umwelt, die sich bestimmt fragte: Wer war dieser Mann mit dem geheimnisvollen Zeichen? Es verwandelte Kevin in eine Persönlichkeit, die genau wusste, wer sie war und was sie tat und die sich dabei nicht um die Meinungen anderer scherte. Oder wie der Titel eines seiner Lieblingstracks von Don Diablo lautete: ,,You can’t change me‘‘.

Normalerweise musste man, um in einer Geheimgesellschaft Mitglied zu werden, bestimmte Anforderungen erfüllen und sogar Tests bestehen. Das Tolle an der Hexagon-Community war, dass jeder und jede beitreten konnte. Alles was man zu tun brauchte, war, auf www.shop.dondiablo.com zu gehen und einen Hexagon-Artikel zu kaufen. Das Hexagon-Schlüsselband gab es schon für 5,99 Euro. Ein paar Klicks – nie zuvor war es so einfach gewesen, ein besonderes und unverwechselbares Individuum zu werden.

Es machte einen Unterschied, ob er die North-Face-Jacke trug, die er im letzten Winter mit seiner Mutter gekauft hatte, oder ob er Rheinfeldens Fußgängerzone in seiner ,,I Can See U Jacket‘‘ durchschritt. Manchmal fuhr ein Windstoß in das transparente Cape, dann bäumte es sich auf wie ein Superheldencape oder Zaubermantel. Auch am Ausflug vom Heim aus, in dem er als Pfleger für Menschen mit geistiger Behinderung arbeitete, zog Kevin das Cape an und behielt es an, obwohl die Sonne schien und unter dem Plastik bald schon der Schweiß in Strömen lief. Es dauerte Stunden, bis Tina, seine Kollegin, die erlösende Frage stellte: ,,Sag‘ mal, Kevin, was ist das eigentlich für ein Zeichen, das du da ständig mit dir rumträgst?‘‘

Er liebte auch die ,,Hexagon Army Vest‘‘; mit den Hexagon-Schulterklappen und den Dutzenden von Taschen, von denen die meisten leerblieben, verlieh sie ihm ein soldatisches Aussehen. Dazu legte er die ,,Hexagon Chain‘‘ um seinen Hals; sie war dick genug für einen ausgewachsenen Dobermann und unterstrich die Botschaft, dass man ihn besser nicht reizen sollte. Zum Glück wog sie nicht so schwer wie echtes Eisen, denn sie bestand aus Plastik.

Hexagon war mehr als nur Musik, Hexagon war ein Lebensstil. ,,Ich würd‘ alles für Hexagon tun.‘‘, versicherte er Rolf. ,,Wenn‘s sein muss, würd‘ ich für Hexagon sterben.‘‘ Rolf nickte bekräftigend.

Wann immer Kevin einem anderen Hexagonian begegnete, spielte es keine Rolle, wie jung oder alt, schön oder hässlich, links oder rechts, hilfsbereit oder egoistisch dieser Mensch war. Er hörte Don Diablo, daran erkannte Kevin den Gefährten.

Auf der Heimfahrt von Tomorrowland hatten Rolf und er festgestellt, dass sie nur eine halbe Stunde Autofahrt auseinander wohnten. Mittlerweile hatte Kevin in Rolf seinen engsten und einzigen Freund gefunden.

***

Schon am übernächsten Tag nach ihrem ersten Date fuhren sie in Kevins Audi nach Freiburg. Zu Kevins Entrüstung hatte sich herausgestellt, dass Jenny noch nie in ihrem Leben einen ,,Hans im Glück‘‘-Burger gegessen hatte; dieses Versäumnis wollten sie in dem ,,Hans im Glück‘‘-Restaurant, das nach Kevins Informationen in Freiburg neu eröffnet hatte, nachholen.  

Das Regenwetter zwang Kevin zur Planänderung. Eigentlich hatte er mit ihr auf den Schlossberg steigen wollen, der ihm die geeignete Kulisse für seine ,,Operation erster Kuss‘‘ erschien. Nun fanden sie sich im Auto wieder.

,,Das Auto ist doch viel besser!‘‘, hechelte Rolf in seinem Kopf. Kevin aber wartete auf ein Zeichen von Jenny, und dieses Zeichen kam nicht. 

Für das dritte Date auserkor er den Platz am Rheinufer, an dem er früher oft mit Erik gegrillt hatte. Die Sandbank war vom Uferweg nicht zu sehen, und nur wer wusste, dass es ihn gab, fand den Zutritt im Brombeergestrüpp. Abgesehen von den vorübertröpfelnden Kanufahrern hatte man diesen Ort ganz für sich allein. Nachdem er den Einmal-Grill in Gang gebracht hatte, verspürte Kevin ein Bedürfnis und verschwand rasch in die Büsche. Als er kurz darauf zurückkam, hatte er es auffällig eilig, sich zu setzen. Vergeblich, sie hatte es schon bemerkt. ,,Was sind denn das für-?‘‘, begutachtete sie die Flecken auf seiner Hose und prustete los. ,,Oh, nein nein, bitte, das muss dir nicht peinlich sein! Ich meine es doch nicht so, tut mir leid!‘‘, beteuerte sie mit Blick auf sein Gesicht, das in Flammen stand. ,,Wirklich, ich finde es eigentlich ziemlich süß.‘‘ Sie zog ihre Nase kraus, als hätte sie ein besonders knuffiges Tier vor sich, und strahlte ihn an.

Es bedurfte an diesem Nachmittag noch ein Dutzend weiterer Versicherungen ihrerseits, bis er sich wieder einigermaßen eingekriegt hatte. Heute noch irgendetwas zu versuchen, gar einen Kuss, daran war nicht zu denken.  

Im Supermarkt besorgte Kevin Brötchen und Aufschnitt, eine Flasche Sekt und zwei Stück Schwedentorte, von der er inzwischen wusste, dass es ihre Lieblingstorte war. Er war auf dem Weg zu ihrem vierten Date, und diesmal musste es klappen. Oben auf dem Wehrgang der Burg Staufen angekommen, schrillte in seinem Schädel Rolfs Stimme – ,,Jetzt oder nie!‘‘ -, und er machte einen Schritt auf Jenny zu und küsste sie, und Jenny kam ihm zwar nicht entgegen, wich aber auch nicht aus.

***

An diesem Abend gestand sie ihm, dass er ihre erste Erfahrung mit einem Mann war, abgesehen von einem Kuss mit Sven Opfinger aus der 10B.

Zum ersten Mal fühlte Kevin sich auf dem Gebiet sexueller Erfahrungen nicht im Rückstand. Er selbst hatte nicht mehr vorzuweisen als ein paar Küsse mit zwei Frauen, der Ertrag weniger frustrierender Dates über Lovoo. Mit einer von beiden hatte er endlich sein erstes Mal hinter sich gebracht. Es hatte ihm die Lust auf zweite und dritte Male für die nächsten Monate verschlagen.

Jenny war die erste Frau, die er mit nach Hause brachte. Kevin wohnte noch bei seinen Eltern in Rheinfelden. Einmal hatte seine Mutter es gewagt, das Thema Auszug ins Spiel zu bringen: ,,Du bist doch jetzt 23, wünschst du dir nicht manchmal deine eigenen vier Wände?‘‘ Was Kevin sich entschieden verbeten hatte: ,,Ich hab‘ hier doch alles, was ich brauch‘, warum sollt‘ ich von hier weg?‘‘ Seine Mutter hatte es nicht wieder erwähnt.

,,Habt ihr noch einen Wunsch fürs Grillen heute Abend?‘‘, fragte sie jetzt in der Küche Jenny und Kevin.

,,Bitte nich‘ wieder diesen selbstgemachten Mango-Dip, der war so eklig!‘‘, gab Kevin zur Antwort. ,,Weißt‘‘‘, wandte er sich Jenny zu, ,,meine Mom hat manchmal so Ideen. Sie wollte auch schon die Wohnzimmerdecke aufreißen, weil sie in irgend so ‘nem Magazin gelesen hat, dass nackter Beton grad in ist.‘‘

,,Du musst es ja nicht essen.‘‘,  seufzte seine Mom und rollte mit den Augen. So wie in ihrem New-York-Urlaub, als Kevin andauernd ohne Vorwarnung Schnappschüsse von ihr gemacht und auf Snapchat gepostet hatte. ,,Kevin, hör‘ jetzt auf. Hör‘ jetzt bitte auf.‘‘, hatte sie jedes Mal geseufzt und mit den Augen gerollt, was ihn erst recht angestachelt hatte.

Nach New York hatte es seine Mom seit Jahren gezogen. An den Wohnzimmerwänden hingen die bekannten Motive, das gelbe ,,Cab‘‘ auf dem Times Square, die Bauarbeiter, die auf dem Gerüst des Empire State Building lunchen, und gleich mehrmals die Freiheitsstatue. Nachdem sie im letzten Jahr ihren Traum verwirklicht hatte, wollte seine Mom als Nächstes einmal nach Dubai.

Sein Dad erhob sich von der Couch: ,,Salli Jenny, ich bi de Toni. Wie goht’s?‘‘ Er trug den roten Trainingsanzug des SV Rheinfelden. Bald würden sein Dad und er samstagnachmittags wieder im FC-Rheinfelden-Stadion ihren Verein anfeuern. Kevin war stolz auf seinen Dad; wenn ein Spieler von Rheinfelden Rot bekam für ein Foul, das keines war, dann brüllte sein Dad dem Unparteiischen das ,,Hurensohn!‘‘ zu, das er verdiente. Einmal hatte der auf der Vorderbank was gegen Rheinfelden gesagt; der hatte das direkt bei seinem Dad mit einem Schlag auf die Nase bezahlt.

,,Zeig‘sch de Jenny mol ‘s Huus, ich lueg‘ derwil witer Monaco.‘‘ Sein Dad setzte sich zurück auf die Couch und schaute weiter Formel-1. Normalerweise hätte Kevin sich jetzt über die Lehne purzeln lassen, das Signal, dass sein Dad ihn packen und in eine Rauferei verwickeln sollte; anschließend wäre Kevin zu seinem Dad zum Kuscheln unter die Decke geschlüpft. Ihm war bewusst, dass die meisten 23-Jährigen nicht mehr mit ihren Eltern kuschelten, aber das war ihm egal. Er liebte es, abends zwischen seine Eltern ins Bett zu kriechen und sich in den siebten Himmel knuddeln zu lassen, warum sollte er damit aufhören? Das war halt der Kevin.

Doch bei Jennys allererstem Besuch wollte er sich zurückhalten. Stattdessen führte er sie die Treppe hinauf, an ,,Titanic‘‘-, ,,Pulp Fiction‘‘-, ,,The Artist‘‘- und weiteren Postern oscarprämierter Filme vorbei in sein Zimmer. Dort zählte er auf: ,,Sechsundzwanzigmal Bench, dreiundzwanzig von Carhartt, vierunddreißig von Lacoste, siebenunddreißig Quiksilver, und Hexagon hab‘ ich inzwischen einundvierzig!‘‘ Er zeigte auf die Wand über seinem Bett, die über hundert Pappschilder mit Markenzeichen zur Schau trug. Jedes Mal, wenn Kevin einen Artikel einer seiner Lieblingsmarken kaufte, trennte er das mit dem Markenzeichen bedruckte Pappschildchen ab und fügte es seiner Trophäensammlung hinzu.

Durch das Wohnzimmer und die Balkontür traten sie in den Garten. ,,Da hat mein Onkel gewohnt.‘‘ Kevin zeigte auf das Gebäude, das im Erdgeschoss aus Stein und im ersten Stock aus Holz bestand und früher eine Scheune gewesen war. ,,Vor drei Jahren isser gestorben. ‘Ne Überdosis. Hab‘ nie viel mit ihm zu tun gehabt. Drüber wohnt die andre Oma. Ich nenn‘ sie die ,andre Oma‘, weil, die Oma, die da wohnt‘‘, er nickte in Richtung des grünen Hauses auf der anderen Seite des Innenhofs, ,,die Oma nenn‘ ich ,meine Oma‘. Komm‘, wir besuchen sie mal.‘‘

Sie überquerten den Innenhof und öffneten die Tür. Im Flur nahm sie der Geruch von Hundefell und Hundefutter in seine Arme. Kevin kam fast täglich hierher, vor allem dann, wenn seine Eltern unterwegs waren und die Geräusche im Haus nach bösen Monstern klangen.

,,Oma?‘‘, rief Kevin.

Aus dem Zimmer am Ende des Flurs drangen Stimmen; sie klangen gedämpft, als stünde der Flur unter Wasser. Ein weiteres Geräusch schaffte es aus dem Raum bis zu ihnen auf den Flur. Es gehörte nicht zum Fernseher, aus dem die Stimmen kamen, sondern es handelte sich um eine Art Röcheln.

Auf einmal kostete es Kevin große Mühe, die Augen offen zu behalten. Am liebsten hätte er sich an Ort und Stelle hingelegt und von der Müdigkeit überrollen lassen. ,,Ich glaub‘, meine Oma geht grad mit Jimmy und Flo Gassi.‘‘, gähnte er. ,,Komm‘.‘‘ Und er schob sich durch die dicke Luft bis ins Wohnzimmer.

,,Salli, Fredi!‘‘, sagte er.

Im Fernseher lief ,,Fernsehgarten‘‘. Davor auf der Couch lag ein Berg. Der Berg trug eine kurze Hose, dessen Gummizug bis aufs Äußerste beansprucht wurde; sonst nichts. Er war so hoch, so breit und so schwer, der Berg, dass er endgültig erschien. Keine Kraft, nicht der PS-stärkste Motor hätte ihn auch nur den Bruchteil eines Millimeters verrücken können. Und doch lebte der Berg. Von tief in seinem Innern rollte ein Grollen herauf, das alles in seinem Umkreis erschütterte. Das war der Fredi, sein Opa.

Viermal im Jahr – an Weihnachten und an den Geburtstagen seiner Tochter, seines Schwiegersohns und seines Enkels – nahm der Fredi die Reise von seiner Couch nach dem Hause seiner Tochter, Kevins Mom, auf sich. Endlich abgesessen, brauchte er eine halbe Stunde, bis seine Atmung sich soweit beruhigt hatte, dass er nicht mehr in akuter Lebensgefahr zu schweben schien. Abgesehen von diesen Ausnahmen verbrachte der Fredi seine Tage auf der Couch vor dem Fernseher oder am Fenster, das im Verhältnis zu seinem Körper auf die Größe eines Spielzeughausfensters schrumpfte. Dort saß der Fredi, unausweichlich wie ein Naturereignis, und wer ihn sah und grüßte, der hätte nicht sagen können, ob er noch lebte oder schon zum ewigen Denkmal geworden war. Erst bei Dämmerung fuhr Leben in ihn. Der Fredi erhob sich, trat aus dem Haus, folgte der Straße bis zur Kreuzung, überquerte den Bahnübergang, bog links in den Schotterweg und verschwand im ,,Huck Finn‘‘, seiner Stammkneipe. Kevins Oma schwieg dazu, nur ab und zu ließ sie eine Bemerkung fallen, aus der Kevin heraushörte, dass der Fredi die Spielautomaten im ,,Huck Finn‘‘ öfter konsultierte, als gut war. In mancher Nacht, falls Kevin sich nicht verhört hatte, läutete der Fredi die Barglocke ein Dutzend Mal und spendierte seinen Spezis eine Runde nach der andern. Wenn die ersten Sonnenstrahlen zum Fenster hereinfielen, verließ er das ,,Huck‘‘ mit vier- oder fünfhundert Euro weniger und rief, so erwähnte seine Oma, für die zweihundert Meter Rückweg das Taxi. Ansonsten redete seine Oma nicht gerne über den Fredi.

Kevin und Jenny traten zurück nach draußen auf den Hof. ,,Guck mal, da oben!‘‘ Jenny folgte mit dem Blick Kevins Zeigefinger bis zu der Fahne, die er an seinem Zimmerfenster befestigt hatte. Sie trug das Hexagon-Wappen, weiß auf schwarz, und prophezeite: ,,Future‘‘.

***

Im August fuhren sie für sechs Tage nach Paris. Sobald Kevin angefangen hatte, von Urlaubsplänen zu sprechen, war Jenny auffällig einsilbig geworden. Schließlich hatte sie kleinlaut zugegeben, es tue ihr leid, sie glaube nicht, dass sie dieses Jahr gemeinsam wegfahren könnten, egal wohin, es sprenge ihr Budget.

,,Warum hast du das nich‘ gleich gesagt?‘‘, rief Kevin und lachte heiter. ,,Ich seh‘ nich‘, wo‘s Problem liegt. Mein Dad gibt gern was dazu!‘‘

Schon am dritten Tag in Paris wusste Kevin, dass gleich auf der Schwelle zum Restaurant Jenny wieder daran erinnern würde, dass ihr AirBnB doch eine Küche habe, ob sie wirklich schon wieder essen gehen sollten? Zur Belohnung für solche drolligen Einfälle drückte Kevin ihr jedes Mal einen Kuss auf die Backe und versicherte einmal mehr, dass das Geld nicht ihre Sorge sei, sondern Sache seines Dads. Was sie nicht davon abhalten konnte, stets das Billigste zu bestellen. ,,Sänk ju!‘‘, sagte Kevin, wenn das Essen kam, und zum Abschied ,,Bye!‘‘.

Eines Abends, sie waren nach dem Essen noch in eine Bar mit dem Namen ,,Pirates des Caraïbes‘‘ gegangen, fand Kevin die Zeit reif, Jenny in das Geheimnis seines Namens einzuweihen. Nicht seines zweiten, in seinem Ausweis vermerkten Namens, Thomas, den hasste Kevin, sondern jenes Namens, der für die Bühne und das Publikum bestimmt war: ,,LCBQ‘‘.

Nur eine Handvoll Auserwählter hatten bislang das Privileg erhalten zu erfahren, was sich hinter diesen vier Buchstaben, die englisch ausgesprochen wurden, verbarg. Außer seinen Eltern gehörten nur noch Erik und Rolf zu den Eingeweihten.

,,Es sind Anfangsbuchstaben.‘‘, verriet er Jenny nun. Er hatte sich über den Tisch gebeugt, so als gelte es, unerwünschte Mithörer zu vermeiden. Im Hintergrund spielte die Musik aus ,,Fluch der Karibik‘‘, und Kevin fühlte sich wie ein Filmheld, der seiner Geliebten gerade seine düstere Vergangenheit enthüllt. ,,LCBQ‘‘, raunte er, ,,steht für Lacoste, Carhartt, Billabong und Quiksilver, meine vier Lieblingsmarken!‘‘

Man hatte seine persönliche Marke. Man musste nicht David Guetta oder Avicii sein, um einen Künstlernamen haben zu können. Man musste nicht einmal Kunst produzieren. Kevins Künstlername, Kevins Marke hieß ,,LCBQ‘‘. Er hatte sie im Alter von 11 Jahren erfunden, seither trug jedes Foto, das er auf Facebook oder Insta postete, die vier Buchstaben. Das brachte ihm regelmäßig Fragen ein: ,,Kevin, was heißt LCBQ? Wofür steht das?‘‘ Doch der Gefragte lächelte wissend und schwieg.

Man hatte nicht nur einen Künstlernamen. Man war auch kreativ. Das bahnbrechende Debüt des LCBQ ließ bislang auf sich warten, doch in seinem Geist schlummerten mächtige kreative Kräfte, die von Zeit zu Zeit aus ihrem Schlaf erwachten und in Kevin den wilden Drang entfachten, künstlerisch tätig zu werden.

Als Dichter hatte er sich bereits versucht. ,,Manchmal fühlt sich das Falsche richtig und das Richtige falsch an.‘‘, postete LCBQ auf Instagram und kündigte pro Woche einen Satz zum Nachdenken an. Der Vers von Woche Zwei lautete: ,,Manchmal macht Sinn, was keinen Sinn macht.‘‘ Kevin hinterlegte den Text mit einem Selbstporträt, auf welchem er ein Messer gegen sich selbst richtete und leidvoll schaute; ungefähr so stellte er sich einen Menschen vor, der ein schwieriges Leben hatte, das sicher viele Leute interessierte. ,,Es ist ganz einfach.‘‘, erläuterte er Rolf. ,,Du musst einfach das Wort ,manchmal‘ davorsetzen, schon klingt ‘n Satz philosophisch.‘‘

Nachdem seine ersten literarischen Werke auf mäßige Resonanz gestoßen waren – ,,Manchmal schreie ich ohne Stimme.‘‘, lautete das dritte und letzte -, hängte Kevin den Dichterberuf an den Nagel und wurde YouTuber.

,,Hey hey‘‘, rief er in die Kamera, ,,willkommen zu mei‘m ersten Unboxing-Video! Ich bin der Kevin, und ihr seid heut‘ dabei, wie ich mein neues iPhone 11 auspack‘! Ich hoff‘, ihr seid so aufgeregt wie ich!‘‘ Mit der Linken hob er das Paket, das vor ihm auf dem Tisch lag, mit der Rechten sein iPhone 10 in die Luft und verglich: ,,Nice! Das neue iPhone is‘ ja ganze fünfundfünfzig Gramm leichter als das alte. Ich weiß nich‘, wie’s euch geht, aber ich hab’s mir direkt am Release Day vorbestellt, und jetzt isses da. Unglaubliches Gefühl, ich sag’s euch!‘‘ Sein altes iPhone funktionierte zwar noch einwandfrei, aber Kevin ging mit der Zeit und war stets ganz vorne mit dabei. Kevin wusste, im Unboxing-Genre zählte jedes Detail. Weder die Art des Füllmaterials im Karton – Styroporflocken – noch die Größe des Kartons waren zu unbedeutend, um der Erwähnung wert zu sein. ,,Okay, hier haben wir die Originalverpackung, nice!‘‘ Feierlich, wie ein Priester in der Messe das Schlüsselbein Jesu, hob Kevin die schwarze Box, darin das iPhone, aus dem Karton. ,,Auf‘m Deckel is‘n Foto vom iPhone von oben‘‘, beschrieb Kevin für seine Zuschauer das Geschehen. ,,Auf‘n Seiten‘‘, vorsichtig drehte er die Box, ,,auf‘n Seiten sind Fotos von der Seite. Die Verpackung is‘ hochwertig, wie immer bei Apple. Allerdings‘‘, seine Stimme nahm einen kritischen Tonfall an, ,,ich muss sagen, die Verpackung vom letzten iPhone war nicer. Wie seht ihr das? Postet eure Meinung in die Comments!‘‘

Der Durchbruch über Nacht zum Influencer blieb aus, nach einer Woche hatte sein Unboxing-Video immer noch nicht mehr als dreiundvierzig Klicks. Sein Weihnachtsgeschenk, eine Drohne, packte er wieder ohne Kamera aus.

Kein Zweifel, mit dieser Drohne würde er endlich die lang entbehrte künstlerische Anerkennung erlangen. Gleich zwei Filmideen schwebten ihm vor, beide seien ,,hard stuff‘‘, weihte er Rolf am nächsten Tag ein. Plot Nummer Eins: Eine Frau sei vergewaltigt worden. Kurz darauf fühle sie sich erneut verfolgt. ,,Das Geniale is‘, dass man als Zuschauer nich‘ weiß, is‘ das alles real oder is‘ sie jetzt wirklich verrückt. Das is‘ so wie in ,Shutter Island‘!‘‘ Ähnlich wie dort werde auch in seinem Film die Protagonistin für verrückt erklärt und in die Psychiatrie gesteckt. ,,Ich muss mir nur noch überlegen, wo wir das mit der Psychiatrie dreh‘n können.‘‘ Das Finale, inklusive Drehort, stehe indes bereits fest. ,,Also die Frau steht auf der Brücke. Die blaue, weißt‘, über der Autobahn. Ich film‘ sie mit der Drohne aus der Luft. Zuerst von vorn, dann gibt’s ‘ne 360-Grad-Kamerafahrt einmal um die Brücke rum, bis man von oben runterschaut und sieht, die Frau steht jetzt nich‘ mehr auf der Brücke, sondern liegt auf‘n Gleisen. Selbstmord.‘‘ Kevin biss sich auf die Lippe und blickte seinen Freund gespannt an. ,,Richtig krank!‘‘, staunte Rolf. Kevin strahlte. ,,Für die Hauptrolle‘‘, fügte er hinzu, ,,hab‘ ich Maja vom ,Wild‘ angefragt, und sie hat gemeint, wieso nicht.‘‘

Unglücklicherweise flog Maja drei Wochen später für zwei Monate nach Thailand. Seine zweite Filmidee – ein Psychopath bricht nachts in Häuser ein und zerstückelt die Bewohner mit einer Axt, während er tagsüber in einer Versicherung arbeitet, ,,‘n bisschen so wie ,American Psycho‘‘‘ – war noch zu wenig ausgereift. Vorerst musste Kevin sein Regie-Debüt auf Eis legen.

***

,,Auf was hast du Lust?‘‘, fragte er am Morgen, wenn sie einen freien Tag zusammen verbrachten.

,,Ich weiß nicht. Du?‘‘, erwiderte sie.

Also schaute sie ,,Köln 50667‘‘ und ,,Die Geissens‘‘ mit, hörte Hardstyle mit und kam nach Frankfurt zu Zatox mit.

Auf Konzerten fand Kevin es amüsant, sie zwischendurch heimlich zu beobachten. Jenny stand so ungerührt da, als befände sie sich nicht auf einem Konzert inmitten einer tobenden Menge, sondern in der Warteschlange im Supermarkt. Vielleicht dass sie einmal ihren Arm über den Kopf hob, von wo sie ihn aber auch sofort wieder wie etwas Verbotenes entfernte. ,,Und? Wie find‘st du‘s?‘‘, brüllte Kevin ihr ins Ohr. Er bekam stets die gleiche Antwort: ,,Gut.‘‘

Ihm entging nicht, dass seine Musik bei ihr nicht die gleiche Begeisterung auslöste wie bei ihm. Das musste ihn nicht weiter kümmern, solange er seine Musik hören durfte, wo und wann er wollte. Hätte sie jedoch plötzlich von ihm verlangt, heute beim Autofahren auf seine Musik zu verzichten, Kevin hätte nicht gewusst, wie reagieren. Nein, eigentlich wusste er es ganz genau. In dem Moment, in dem sie zwischen ihn und seine Musik käme, würde er keine Sekunde zögern und sich für die Musik entscheiden.

Die Musik gehörte so fest zu seinem Leben, dass er sie meistens erst in den seltenen Augenblicken wahrnahm, in denen sie aus war. Wenn er sich auf den fünfminütigen Fußweg von seiner zu Eriks Haustür machte, dann nahm er sie im Lautsprecher, über die Schulter gehängt, mit. Wenn er mit seinen Eltern im Kanu ins Naturschutzgebiet fuhr, dann wäre der Ausflug ohne seine JBL-Box, die Hardstyle spielte, und zwar mit einem Bass, der annehmbar war, unvollständig gewesen. Am Morgen brauchte er seine Musik zum Aufstehen. Am Abend setzte er sich seine Schalenkopfhörer auf und drehte den Hardstyle auf, bis die Meldung erschien: ,,Wenn Sie diese Lautstärke über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten, kann Ihr Gehör dauerhaften Schaden davontragen. Sind Sie sicher?‘‘ Kevin hatte bereits alles probiert, um diese Meldung zu deaktivieren, ohne Erfolg. Also musste er bis auf Weiteres jedes Mal erst wieder auf ,,Fortfahren‘‘ drücken, bevor er das Volumen bis zum Maximum aufdrehen und der unerträglichen Stille entkommen konnte. Erst mit Hardstyle in maximaler Lautstärke konnte er aufatmen und entspannen.  

So wie er erst in der vordersten oder einer der vorderen Reihen wirklich etwas spüren konnte, wenn die Schallwellen aus den zwei Meter hohen Lautsprechern auf der Bühne seine Zähne zum Klappern brachten und die Flammen, die ohne Unterlass von unten nach oben und von oben nach unten und von links nach rechts und von rechts nach links schossen, auf seiner Haut das Gefühl erzeugten, als stünde er selbst in Flammen. Die Ohrstöpsel, die bei jedem Konzert vorher am Eingang ausgeteilt wurden, warf Kevin voller Verachtung in den nächsten Mülleimer.

***

Aber nicht nur zu Konzerten, auch zu allem anderen hatte Jenny wenig zu sagen. Kevin dagegen hatte immer etwas zu sagen.

,,Wie geht’s?‘‘ Mit einer dynamischen Bewegung zielte Kevin aus der Hüfte mit dem Zeigefinger auf Jenny, den Gast seiner heutigen Show.

,,Gut!‘‘, strahlte die. ,,Ich hatte wirklich einen super ersten Arbeitstag! Am Morgen in der Teamsitzung hat meine Chefin mir direkt das Du angeboten, und wir-‘‘

,,Ja genau‘‘, ergriff Kevin wieder das Wort, das er seinem Gast kurz überlassen hatte, damit das Publikum einmal hörte, wie dessen Stimme klang, ,,genauso ging’s mir letzte Woche auch, da war ich beim Kieferorthopäden. Weil, ich hab‘ ja noch, weißt‘, die Stifte drin, zwei, die Spange hab‘ ich ja schon ewig draußen, aber die Stifte hab‘ ich noch drin, auf jeden Fall-‘‘, und unverzüglich führte Kevin seine Show wieder zum eigentlichen Thema zurück, seine Person, und schilderte seinen letzten Besuch beim Kieferorthopäden, wobei er dem Publikum keine Einzelheit vorenthielt, nicht einmal die Anzahl der Fernseher im Wartezimmer, die sich seit seinem vorletzten Besuch von einem auf zwei Geräte verdoppelt hätte. ,,-und darum erzähl‘ ich dir das alles überhaupt‘‘, schloss er nach fünf oder zehn Minuten den Kreis, ,,der Orthopäde hat das eben nur gemacht, weil er mich mag. Und darum isses gut, dass deine Chefin dich auch mag.‘‘

Selbst ein mit allen Wassern gewaschener Vollblutentertainer wie er musste ab und zu innehalten und Atem holen. Das Knistern dieser Stille kündigte schon das nächste Sprachgewitter an. Kevin machte sich keine Illusionen, so wie er selbst würden seine Zuschauer beim ersten Spannungsloch weiterzappen. Bevor die Stille also zu lang dauerte und die Einschaltquoten einbrachen, summte er lieber irgendeine Melodie oder rief in die imaginäre Menge so etwas wie: ,,Come on, party people, make some noise!‘‘ Und Kevin breitete die Arme aus und sonnte sich im tosenden Beifall seiner Fans.

Wie katastrophal gering dagegen der Unterhaltungswert ihrer Sprachnachrichten! Sieben, acht, neun, zehn ganze Minuten zog sich so eine zähe Nacherzählung ihres Tages. Nicht weniger als drei Minuten brauchte sie, um zu sagen, dass sie heute gelernt hatte, einen Personen-Hebekran zu bedienen. Und er musste sich das anhören! Und das, wo er gerade aus der Frühschicht und endlich dazu kam, die Folge ,,Köln‘‘ von gestern nachzuholen. Mittlerweile switchte er ihre zehnminütigen Sprachnachrichten in fünfzehn Sekunden durch.

***

Das diesjährige Tomorrowland startete an einem Freitag im Juli und dauerte drei Tage. Für Kevin aber begann es am Tag nach dem letzten Tomorrowland und dauerte ein ganzes Jahr.

Seit dem letzten Sommer war das grün-pinke Eintrittsbändchen seinem linken Handgelenk treu geblieben und wartete darauf, im nächsten Sommer von seinem Nachfolger abgelöst zu werden. Es blieb nicht unbelohnt. Wenn Kevin in einen Club oder auf ein Festival ging, konnte er sicher sein, dass er an diesem Abend mindestens einmal angetippt und mit ehrfürchtiger Stimme gefragt wurde: ,,Are you serious, du warst auf Tomorrowland? No bullshit? Erzähl‘!‘‘ Und im Nu fand Kevin sich umringt von Augenpaaren, die ihn bestaunten wie einen Helden, der Dinge erlebt hat, die die Normalsterblichen nur aus der Legende kennen.

Sechs Monate vor Beginn, im Januar, platzten auf www.tomorrowland.com die ersten Bomben. Falls die NSA Rolf und Kevin überwachte, so musste ihr Algorithmus am siebzehnten Januar eine auffällige Intensivierung der Online-Kommunikation zwischen beiden Objekten registrieren. Kevin an Rolf: ,,Hast gesehen??? Die mainstage kriegt das jahr 2 subwoofer plus‘‘. Rolf an Kevin: ,,Aber Don Diablo fehlt im Line-Up, was da los!?!?‘‘ Kevin an Rolf: ,,Streulichter auf der techno-stage, hammer!!!‘‘ Rolf an Kevin: ,,Zonderling steht jetzt, geil!! Jetzt fehlt nur noch Don!!!!‘‘

Der Abend vor der entscheidenden Schlacht fiel auf einen Dienstag. Am Handy sprachen sie ein letztes Mal den Schlachtplan durch. Morgen nach der Arbeit um Punkt fünf Uhr würde Rolf in den Mercedes-AMG seines Dads steigen und zu Kevin fahren. Inzwischen würde Kevin, der sich für diesen Tag freigenommen hatte, die zwei MacBooks von sich und seiner Mom und die beiden iMacs seines Dads in dessen Arbeitszimmer in Stellung bringen und die Webseite öffnen, auf der um Punkt 18 Uhr der Ticketverkauf für Tomorrowland eröffnet würde. Ihr Zeitfenster betrug zehn Minuten; so lange dauerte es in der Regel, bis Tomorrowland ausverkauft war. Aus diesem Grund würden sie alle spätestens um Viertel vor Sechs ihre Positionen einnehmen: er und Rolf jeweils an einem Gerät, sein Dad und seine Mom an den beiden anderen. Je mehr Angriffe synchron unternommen wurden, desto besser standen ihre Chancen auf Eroberung. ,,Aktualisier‘n, draufklicken, runterscroll‘n bis zum Golden Pass, Buy!‘‘, rief Kevin Rolf noch einmal die Klick-Taktik ins Gedächtnis. ,,Ich hab‘ Angst.‘‘, hauchte Rolf. ,,Wir müssen das schaffen!‘‘, erwiderte Kevin mit grimmiger Entschlossenheit.

An diesem Abend lag er noch lange wach. Draußen entlud sich, wie ein Vorbote der anstehenden Schlacht, ein Gewitter. Kevin bemerkte es an den Blitzen, die durch die Spalten der Rollläden leuchteten, der Donner wurde übertönt vom Hardstyle aus seinen Kopfhörern. Und trotzdem war die Musik nicht laut genug, damit er Schlaf finden konnte.

Sobald sie die Tickets hatten, startete Kevin den Countdown. Dazu fügte er in sein WhatsApp-Profilbild – es zeigte ihn auf dem letzten Tomorrowland mit seiner Deutschlandflagge, die er mit ,,LCBQ‘‘ hatte bedrucken lassen – die Zahl 136 ein. Mit jedem Tag nahm diese Zahl ab und rückte Tomorrowland näher, während die Nervosität wuchs.

Als die Stunde Null schlug, setzte Regen ein und hörte, bis auf rare regenfreie Viertelstunden, das ganze Festival über nicht mehr auf. Und niemanden interessierte es. In dem Moment, als Kevin die Main-Stage erblickte und begriff, dass er wirklich auf Tomorrowland war, dass die als Magier verkleideten Animatoren, die Kunststoffgeister und -kobolde der Bühnenverkleidung, dass all das echt war, in diesem Moment dachte er aufrichtig, wenn er jetzt sterben müsste, er hätte ein erfülltes Leben gehabt.

Kevin liebte es, mitten in der Menge zu stehen. Er liebte es, an seinem Bauch und an seinen Schultern und Ellbogen und an seinem Rücken andere Bäuche, Schultern, Ellbogen und Rücken zu spüren. Dass all diese Bäuche, Schultern, Ellbogen und Rücken da waren, bedeutete, dass etwas Großes, Wichtiges vor sich ging. Und er war dabei.

Aus den Lautsprechern erscholl eine Stimme, eine männliche, eine tiefe, eine Erzählerstimme. Kevin fühlte sämtliche Haare, die er am Körper trug, sich aufstellen, denn ihm war, als spräche die Stimme direkt zu ihm. Sie offenbarte ihm, dass er soeben Zeuge eines einmaligen, einzigartigen Ereignisses wurde. Das konnte nur bedeuten, dass er selbst viel weniger gewöhnlich war, als er bisher angenommen hatte. Heute Abend würden außergewöhnliche, ja, magische Dinge geschehen, versprach die Stimme. Kevin verstand, er war in eine neue Welt eingetreten. Alles hier war bunter, lauter, intensiver und fühlte sich echter an als jene Welt, aus der er kam. Auf den beiden haushohen HD-Bildschirmen links und rechts der Bühne wurde ein Buch aufgeschlagen, das sehr alt aussah. Anscheinend besaß diese Welt, in die er eingetreten war, eine Geschichte, die weit in die Vergangenheit zurückreichte. Er, Kevin, war jetzt Teil dieser Geschichte. Er begriff, dass er nicht mehr allein war. Ganz egal, aus welchen Teilen der Erde sie alle kamen, welche Hautfarbe und welches Geschlecht sie hatten, sie alle gehörten ein- und demselben Volk an, dem ,,People of Tomorrowland‘‘. Noch nie hatte Kevin sich als ,,Rheinfeldener‘‘ oder ,,Deutscher‘‘ so gefühlt, wie er sich nun als ,,Tomorrowländer‘‘ fühlte. Die Lichter verschwammen, Tränen rollten über sein Gesicht. Er wandte sich um und sah, dass es Rolf und allen anderen genauso ging.

In der dritten Nacht gegen vier Uhr morgens ließen sie das Zelt, das sie mit ihren Tickets gekauft hatten, zurück, weil sie es nicht im Regen abbauen wollten, und fuhren zum Flughafen. Nachdem sie im letzten Jahr mit dem Tomorrowland-Shuttle gereist waren, stieg die ausgedehnte Party dieses Jahr in über viertausend Metern Höhe im Tomorrowland-Airbus nach Zürich.

Als Kevin ein paar Tage später daheim auf der Couch den Tomorrowland-Aftermovie guckte, entfuhr ihm ein Schrei. Er stoppte, spulte zurück und ließ den Film mit halber Geschwindigkeit laufen. Während er erneut die Pausentaste drückte, kam es ihm so vor, als würde sein Leben selbst zum Film, und er erlebe gerade die Schlüsselszene und bewege sich, wie oft im Film, wenn etwas Weitreichendes geschah, ebenfalls in Zeitlupe. Kevin starrte auf das Standbild in seinem Fernseher. Kein Zweifel, er war es. In der vierten Reihe der Kopf mit den dunkelbraunen Haaren und den Armen, die eine Deutschlandflagge schwenkten, auf der gerade noch das ,,L‘‘ zu lesen war, das war er!

,,Kevin, ist alles in Ordnung?‘‘, rief seine Mom von unten.

Kevin brachte keinen Laut über die Lippen. Er hatte es in den Tomorrowland-Aftermovie geschafft.

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Im September fuhren Jenny und er für fünf Tage nach Italien; mehr Urlaubstage lagen leider nicht drin, einige waren für ,,Bootshaus‘‘-Konzerte und Tomorrowland draufgegangen, den Rest wollte Kevin für ein Hardstyle-Festival mit Rolf im Dezember aufsparen. Ihre Wahl fiel auf Cinque Terre. Vielmehr hatte Kevin zuerst erfahren, dass Don Diablo am neunten September in Mailand auftreten würde, und daraufhin Cinque Terre ausgewählt; von dort lag Mailand fast auf dem Rückweg.  

Es war Kevins fünftes Mal, dass er Don Diablo persönlich erlebte. Im Anschluss musste er unbedingt die Gelegenheit nutzen und stellte sich in die Schlange für ein Selfie mit dem Meister. Da sich die meisten Fans diese Chance nicht entgehen lassen wollten, reichte die Schlange von der Bühne durch die Halle bis nach draußen auf den Parkplatz. Und wenn er hier übernachten müsste, er würde nicht eher weichen, als bis er die Nummer Fünf seiner Selfie-Sammlung in Händen hielt! Jenny bot er an, sie könne ruhig schon zurück zum Hotel. Doch sie blieb und wartete mit ihm.

Die Apple-Watch zeigte 03:42 Uhr, als endlich die Frau vor ihnen an die Reihe kam. Sie warteten seit über vier Stunden. Diesen Moment nutzte Kevin, um rasch noch ein etwaiges Missverständnis aus dem Weg zu räumen. ,,Gell‘‘, wandte er sich an Jenny, ,,du weißt schon, dass ich ‘n Selfie allein mit Don Diablo will.‘‘

Natürlich war sie enttäuscht. Es tat ihm ja auch leid, irgendwo verstand er, dass sie davon ausgegangen war, wenn sie vier Stunden mit ihm gewartet hatte, käme sie mit aufs Foto. Aber er wollte eben ein Selfie, auf dem er allein mit Don Diablo war, und pro Person war nur ein Foto erlaubt. Er konnte die Regeln ja nicht ändern. Jetzt wurde Kevin auch schon von dem Security-Mann nach vorne gewinkt.  

Noch in derselben Nacht postete er seine neueste Trophäe auf Instagram. Kevin steckte viel Zeit und Energie in seine ,,Insta-Presence‘‘ und er war stolz auf das Ergebnis. Hier zeigte er sich in einer Art Karatesprung sportlich-dynamisch. Hier inszenierte er sich in epischer Szenerie, wie er, Hände in die Hüften gestemmt, in wehendem Hexagon-Cape den Blick in die Ferne richtete, einer bedrohlichen Wolkenfront entgegen. Auf anderen Bildern schlug er sich durch einen vereisten Tannenwald oder entdeckte einen schwindelerregenden Wasserfall.

Es hatte mehrere Versuche gebraucht, bis er endlich nur den Wasserfall drauf hatte, ohne einen der Touristen, die ständig ins Bild liefen. In den Tannenwald hatte Kevin noch einen kurzen Abstecher gemacht, nachdem er im Restaurant daneben ein großes Schnitzel mit Pommes eingenommen hatte und bevor er zurück in seinen Audi mit Sitzheizung gestiegen war.

Stolz war Kevin auch auf den Vollbart, den er sich über die letzten Monate hatte wachsen lassen. Er fand, dazu passte die neu gekaufte Sonnenbrille aus Holz. ,,Nature‘‘ lautete eines der Schlagwörter ganz oben in seinem Profil, die ihn charakterisierten. Die anderen Wörter lauteten ,,Music‘‘, ,,Travel‘‘, ,,Art‘‘.

Falls Kevin die Kamera eines Blickes würdigte, machte er keinen Hehl daraus, dass er eigentlich Wichtigeres zu tun hatte. Meistens zog er es vor, der Kamera den Blick zu verweigern. Stattdessen richtete er ihn in die Ferne, wo bereits neue Herausforderungen seiner harrten. In jahrelanger Übung hatte Kevin ein Pokerface perfektioniert, das keine Gefühle nach außen dringen ließ und zugleich als Schutzpanzer gegen die harte Realität diente. Nicht einmal den Anflug eines Lächelns gestattete er seinen Lippen. Am liebsten kühlte er seine Fotos auf ein abgeklärtes Schwarzweiß herunter. Wenn du in dieser Welt Erfolg haben willst, darfst du dir keine Gefühle erlauben, schien sein Pokerface zu sagen. Jeder ist sich selbst der Nächste, sagte sein abgewandter Blick.

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Andauernd hatte Jenny Angst vor Sachen, bei denen Angst doch völlig unnötig war. ,,Tut mir leid, Kevin, aber ins ,Black Hole‘, das schaff‘ ich nicht!‘‘, nölte sie im Alpamare.

Kevin stattete dem Spaßbad am Zürichsee mindestens einmal im Jahr einen Besuch ab. Jenny hatte den Namen noch nie zuvor gehört. Sobald die Worte ,,Schweiz‘‘ und ,,Zürichsee‘‘ fielen, hatte sie zaghaft nachgehakt, wieviel der Spaß denn koste. Kaum hatte sie den – für Azubis ermäßigten – Tagespreis vernommen, setzte sie auch schon alles daran, Kevin die Idee auszureden. Er wiederum fand es mittlerweile nicht mehr drollig, sondern anstrengend; immer und überall dachte sie nur ans Geld. Ob es der Europapark, das ,,Bootshaus‘‘ in Köln oder das Alpamare war, jedes Mal musste er ihr von vorne erklären, dass das Geld nicht ihre Angelegenheit war und dass sein Dad gerne einen Teil oder alles zahlte.

 ,,Ich habe dir von Anfang an gesagt, ich komme auf alle Rutschen mit, aber nicht ins ,Black Hole‘!‘‘, wiederholte sie.

,,Ach Jenny‘‘, seufzte Kevin, ,,immer wenn‘s drum geht, was Neues auszuprobieren, hast du Angst. So war’s im Europapark mit Bluefire, und mit‘m Rheinschwimmen war’s genauso. Erst hast du gesagt: ,Kevin, da geh‘ ich sicher nicht rein, da ertrinken Leute, bli bla blubb.‘ Und ich so: ,Jenny, gib‘ ihm doch ‘ne Chance, ich wett‘, es macht dir Spaß.‘ Und die Jenny so: ,Nee, ich hab‘ Angst, ich will nich‘ ertrinken.‘ Und der Kevin so: ,Komm‘ schon, Jenny, ich hab‘ schon tausendmal beim Rheinschwimmen mitgemacht und ich leb‘ immer noch.‘ Und die Jenny so: ,Nee, ich will aber nich‘!‘ Und so weiter, bis die Jenny dem Kevin endlich mal den Gefall‘n tut und zum Rheinschwimmen mitkommt. Und was passiert? Kaum sind wir am Ende von der Strecke angekommen, da sagt die Jenny: ,Noch ‘ne Runde‘!‘‘

Ein Blick auf seine wasserfeste Apple-Watch, auf der die Stunde der Schließung stetig näher rückte, zeigte ihm, dass er den Druck erhöhen musste. Sie fiel ihm nach dem Wildwasserkanal quietschend vor Lachen um den Hals? ,,Is‘ ja ganz nice‘‘, sagte Kevin, ,,aber das ,Black Hole‘ is‘ halt schon nicer.‘‘ Sie schlug vor, sich ein Eis zu holen? ,,Wie wär’s, wenn wir erst das ,Black Hole‘ machen und dann ‘n Eis holen?‘‘

In der letzten Stunde vor Türschluss, kurz nach vier Uhr, gab sie endlich auf und stellte sich mit Kevin in die Warteschlange. Jedes Mal, wenn die Ampel von Rot auf Grün sprang, übergab sich der Vorderste bereitwillig dem schwarzen Loch, die ganze Reihe rückte synchron einen Schritt nach, und Jenny fröstelte es noch fester. Wie sie hier standen in ihren tropfenden Bikinis und Badehosen, entblößt bis aufs nackte Fleisch, und bis zuletzt darauf vertrauten, dass das schwarze Loch ihnen nichts Böses wollte, erinnerten sie Jenny an eine Herde Kühe, die gutmütig auf ihre Schlachtung warteten.

Auf der Heimfahrt im Auto sagte sie plötzlich: ,,Seit mehr als einem Jahr wohne ich jetzt in meiner WG. Und in der ganzen Zeit hast du mich noch kein einziges Mal besucht.‘‘

Sie bemühte sich um einen neutralen Tonfall. Sie wollte ja nicht den Eindruck erwecken, sie mache ihm einen Vorwurf. Ebenso gut hätte sie sagen können: Deine Windschutzscheibe ist staubig, ich glaube, die müsste wieder mal in die Waschanlage.

Kevin seufzte: ,,Ach Schatz, du weißt doch, ich will Melita nich‘ begegnen.‘‘

Melita hatte gemeinsam mit Jenny die Ausbildung zur Altenpflegerin angefangen und zur selben Zeit wie Jenny eine WG gesucht. Also hatten die beiden sich zusammengetan und in Haltingen eine gegründet. Melita war aber auch Kassiererin im ,,Wild Cinema‘‘ gewesen, bis Kevin sie vor anderthalb Jahren hinausgemobbt hatte. Seither zog Kevin es vor, einer erneuten Begegnung aus dem Weg zu gehen.

,,Ich hab‘ Angst vor Melita.‘‘ Kevin stand zu seinen Ängsten. Und wenn er vor etwas Angst hatte, dann vermied er es. ,,Das ist halt der Kevin.‘‘, fügte er hinzu. Ein bisschen klang das sogar wie: ,,You can’t change me.‘‘

Aber Melita war nicht der einzige Grund. Auch als Jenny noch daheim bei ihrer Mutter gewohnt hatte, war sie immer zu ihm gefahren, Kevin nur ein einziges Mal zu ihr, das hatte ihm gereicht. Alles an dieser Wohnung fand er eng. Dauernd musste man aufpassen, nicht irgendwo anzustoßen. Die Küche sah aus wie in dem Heim, in dem er arbeitete. Der Esstisch glänzte voller Fettflecken. Ihr Zimmer war maximal halb so groß wie seines. Ohne dass jemand es aussprechen musste, war klar, dass sie in Zukunft zu ihm kommen würde. Warum sollten sie freiwillig etwas nehmen, das schlechter war, wenn sie es bei ihm zu Hause besser haben konnten?

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Es war ein Dienstagabend vor sechs Jahren gewesen, an dem Kevin zum ersten Mal seinen Fuß ins ,,Wild‘‘ gesetzt und an der Teamsitzung teilgenommen hatte. Erik hatte ihn mitgeschleppt, ohne Erik hätte Kevin es nicht über sich gebracht, einen Raum mit lauter fremden Menschen zu betreten. Wenig später hatte Erik das ,,Wild‘‘ in Richtung Hamburg zum Studium verlassen, und ihre Freundschaft war allmählich abgekühlt. Ebenso hatten sich Lars, Svenja, Marco und Andrina eine nach der anderen zum FSJ in Südafrika, zum Work-and-Travel in Australien oder Studium in Leipzig verabschiedet. Aber er, Kevin, er war noch da.

Kaum Mitglied geworden, fand er sich schon in der Rolle des Teamältesten wieder. Nach der Auflösung des alten Teams brach eine Zeit der Unbeständigkeit an, die bald Dauerzustand wurde. Die neuen Mitglieder fühlten sich dem ,,Wild‘‘ nicht sonderlich verpflichtet und blieben meist nicht länger als ein paar Monate. In dieser Zeit machten sie keinen Hehl daraus, dass das ,,Wild‘‘ sie weniger als Kino denn als geeignete Zwischenstation interessierte, in der man abends vor oder nach dem ,,Notfall‘‘, Rheinfeldens einzigem Club, geschwind einen durchziehen konnte.

Einer von ihnen war Fabio. Fabio trug nie etwas anderes als Jogginghose, Adidas-Sandalen mit Puma-Socken, Silberkettchen und Red-Bull-Mütze, deren Mützenschirm er nicht nach hinten kehrte – das taten nur die Möchtegern-Coolkids -, sondern etwas schräg stellte. Wenn Fabio an Dienstagabenden das ,,Wild‘‘ mit seiner Präsenz beehrte, dann niemals vor 22 Uhr, um ja nicht doch noch in die Teamsitzung zu geraten. Meist brachte er seine Bros mit. Dann hörten sie ihren Rap und chillten, und am nächsten Tag rochen alle Sessel und Sofas nach Gras und Fabio schwor, sie wären zum Rauchen vor die Tür gegangen.

Obwohl Fabio keinerlei Rücksicht auf seine Umgebung nahm, oder vielleicht gerade deswegen, bewunderte Kevin ihn. Kevin merkte sofort, wenn eine Person über ihm in der Nahrungskette stand. Es gab die, die befahlen, und die, welche die Befehle ausführten, das war sonnenklar. Und Fabio war nun einmal der Herr und er, Kevin, der Knecht. Kevin war entschlossen, ein guter Diener zu sein, immerhin duldete Fabio ihn in seiner Nähe. Sobald Fabio ein gewisses körperliches Bedürfnis verspürte, rief er Kevin herbei. Mit Vergnügen chauffierte Kevin den Herrn in seinem Audi einmal quer durch die Stadt zu dessen Elternhaus, wartete dort, während der Herr sein Geschäft verrichtete, und brachte ihn anschließend zurück ins ,,Wild‘‘.

Ebenso untrüglich wie Kevin spürte, unter wem er sich zu ducken hatte, witterte er, auf wen er ungestraft treten konnte. Die vor zwei Monaten beigetretene Melita war nicht nur unzuverlässig, sondern mit ihren unförmigen Second-Hand-Klamotten und den Pickeln auf Stirn und Armen auch uncool. Kevin ahnte, dass er sie hinausekeln konnte, ohne einen Konflikt mit einem der anderen zu riskieren. Und so war es auch.

An guten Tagen erschienen zur Teamsitzung um 20 Uhr am Dienstagabend außer Kevin von dreizehn Mitgliedern noch zwei, drei Leute. An anderen Abenden saß Kevin um halb Neun immer noch alleine auf der zerschlissenen Couch. Dann besaß er die alleinige Vollmacht über das nächste Monatsprogramm.

Wie bei der Musik, so war Kevin auch bei Filmen nicht mehr so leicht zufriedenzustellen. Die Zeiten, in denen Blockbuster sein Herz hatten höher schlagen lassen und er sein Zimmer mit Postern von ,,Transformers 3‘‘ und ,,Fast & Furious 4‘‘ geschmückt hatte, waren Geschichte. ,,Diese Filme laufen immer gleich ab.‘‘, erklärte er Jenny. ,,‘Ne neue Auto-Gang taucht auf und fordert die Guten zum Rennen raus. Dann stirbt plötzlich einer von den Guten, damit die Zuschauer denken, jetzt würden die Bösen gewinnen. Und immer genau dann, wenn man wirklich glaubt, die Guten verlieren, taucht ‘n extra schnelles Auto oder so auf, und sie gewinnen doch noch.‘‘

Wie anders war dagegen dieser Film, ,,Swiss Army Man‘‘, auf den er neulich beim Googeln gestoßen war. Hier war gar nichts vorhersehbar. Ein Mann strandet auf einer einsamen Insel und stößt beim Erkunden auf eine Leiche. Per Zufall entdeckt er, dass es sich um keine konventionelle Leiche handelt. Diese Leiche entpuppt sich als so multifunktionell wie ein Schweizer Taschenmesser, sogar für Jetski taugt sie. ,,Ich kenn‘ kein‘ andren Film in dieser Art. Deshalb is‘ ,Swiss Army Man‘ echt kreativ.‘‘, begründete Kevin seine Wahl für das neue Programm. ,,Außerdem hat der Film ‘s Arthouse-Label und is‘ ‘ne Independent-Production.‘‘

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Eineinhalb Jahre waren vergangen, seit er auf dem Wehrgang der Burg Staufen einen Schritt auf sie zu gemacht hatte und Jenny seinem Kuss nicht entgegengekommen, aber auch nicht ausgewichen war. Eineinhalb Jahre sind eine lange Zeit am Anfang einer Beziehung. Man wächst zusammen und gewöhnt sich mehr und mehr an die Anwesenheit des anderen, bis sie wie selbstverständlich dazugehört.

Dass ihre Beziehung an Tiefe gewonnen hatte, merkte Kevin daran, dass er sich beim gemeinsamen Duschen nicht mehr anders verhielt als allein. Selbstverständlich fragte er sie vorher, ob es für sie in Ordnung sei, wenn er es laufen lasse. Jenny erhob keinen Einwand. Bald hörte Kevin ebenfalls auf sich zu verstellen, wenn er etwas sich Luft machen wollen spürte. Stattdessen freute er sich, vor Jenny endlich ganz er selbst sein zu können und nichts mehr mit Gewalt unterdrücken zu müssen, sondern sich wortwörtlich frei ausdrücken zu dürfen. Er hatte überhaupt noch nie verstanden, wieso man sich für solche Dinge schämen sollte. Wenn er auf Toilette musste, ließ er sich nicht davon stören, dass seine Mom oder Dad gerade unter der Dusche stand. Als Jugendlicher hatte er lange noch mit seinem Dad zusammen geduscht. Da sollte er sich ausgerechnet vor seiner Freundin genieren?

Ihn beschäftigte etwas anderes. Im Rückblick hatte es früh genug Warnzeichen gegeben. Schon im Paris-Urlaub war ihm der ein oder andere Mitesser ins Auge gefallen, gegen den sie nichts unternahm. Da und dort hatte er sich bei dem Gedanken ertappt, sie könnte doch auch einmal ihre Augen schminken so wie die Frau neben ihnen in der Metro oder ihre Haarspitzen blondieren, wie es die Frau vor ihnen in der Schlange zum Eiffelturm vormachte. Aber er war frisch verliebt gewesen und hatte diese Gedanken beiseitegeschoben. Mittlerweile musste er sich eingestehen, dass das Problem viel zu auffällig war, um darüber hinwegsehen zu können.

Da war zum Beispiel das gelb-grün karierte Hemd, in dem sie heute schon wieder aufkreuzte, obwohl sie dasselbe Hemd doch erst vor einer Woche getragen hatte. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte solche Hemden direkt verboten! Hundert Euro hätte er ihr dafür gegeben, dieses Hemd, und gleich alle anderen Hemden mit, in der Mülltonne entsorgen zu dürfen, oder in der Altkleidersammlung, so sahen sie nämlich aus, nach Altkleidersammlung! Das Schlimme war, dass nicht nur ihre Hemden schlimm waren. Schlimm war ihr ganzer Stil, genauer gesagt, die Abwesenheit von Stil.

Die bittere Wahrheit war, dass Jenny sich von alleine nie schminken würde. Nicht mal Lippenstift trug sie. Einmal im halben Jahr legte sie, vielleicht, Ohrringe an, aber auch nur, damit die Ohrlöcher nicht zuwuchsen. ,,Wieso behältst du die Löcher überhaupt, wenn du sie eh‘ nich‘ brauchst?‘‘, rutschte ihm einmal heraus. Jenny guckte nur verdutzt und verstand gar nicht, was er hatte.

Frisuren kannte sie zwei. Entweder ließ sie die Haare offen, oder sie bündelte sie mit Haargummi zum Pferdeschwanz. Jennys Haare, das musste leider gesagt werden, waren gewöhnlichster Durchschnitt. Nichts daran war originell. Trotzdem kam sie nicht auf die naheliegende Idee, ein wenig Farbe hineinzubringen oder vorne ein paar Strähnen offen zu lassen. ,,Das ist unpraktisch.‘‘, erklärte sie, als Kevin es ihr vorschlug.

Es war Samstag, einer der ersten Tage im Jahr, an denen man die Jacke zu Hause lassen und im T-Shirt in der Stadt ein Eis essen gehen konnte. Jenny und er hatten frei, und in den Straßen und Läden drängten sich die Menschen, wie Kevin es liebte. Es hätte ein herrlicher Tag sein können, wäre die Frau neben ihm nur geschminkt gewesen. Es handelte sich bei ihr wohl um seine Freundin, in diesem Moment aber hätte Kevin am liebsten jede Verbindung zu ihr geleugnet. Ja, er schämte sich, mit ihr gesehen zu werden, und er war wütend auf sie, weil er sich für sie schämen musste, und ihre völlige Ahnungslosigkeit davon, dass er sich für sie schämte, reizte ihn mehr und mehr.

Wohin er auch blickte, überall trugen sie Make-Up. Warum konnte sie sich nicht schön machen wie alle anderen Frauen? Warum konnte sie nicht versuchen so auszusehen wie die Frauen in ,,Germany’s Next Topmodel‘‘ oder ,,Shoppingqueen‘‘?

,,Das war eine tolle Idee, in die Stadt zu gehen!‘‘ Sie strahlte ihn an und wollte ihn küssen.

,,Was glaubst du eigentlich, wie du aussiehst!‘‘ Er konnte nicht länger an sich halten. ,,An so ‘nem Tag wie heut‘, mitten in der Stadt! ‘N bisschen Schminke, is‘ das zu viel verlangt?‘‘

Sie hätte ihn nicht verständnisloser anstarren können, hätte er sie geschlagen.

,,Tut mir leid, Jenny, dass ich das so sagen muss, aber-‘‘ Bevor er weiterreden konnte, flossen ihr schon die Tränen übers Gesicht. Eilig, bevor er von zu vielen Leuten mit der heulenden Jenny gesehen wurde, bugsierte er sie in eine Seitenstraße und in einen Hauseingang.  

,,Weißt‘, Jenny, ich lieb‘ dich ja und find‘ dich schön, wie du bist. Aber mit ‘n bisschen Make-Up würd‘ ich dich eben noch ‘n bisschen schöner finden. Weißt‘, wie ich mein‘?‘‘

Jenny durchfuhr ein markerschütternder Schluchzer, und sie schlug erneut die Hände vors Gesicht. Die Passanten, die vorübergingen, drehten sich schon nach ihnen um. Kevins Gesicht brannte. Er biss die Zähne zusammen, bis der Kiefer knackte, und mit trockener Kehle krächzte er: ,,Woll‘n wir ‘n Eis essen?‘‘

Auf einer Bank in der Frühlingssonne saßen sie und vernichteten schweigend ihr Eis. Sie Joghurt und Banane und immer noch traurig, weil er sie verletzt hatte; er Cookie und Schlumpf und immer noch frustriert, weil sie kein Make-Up trug.

Drei Tage später erwartete ihn vor seiner Haustür eine Jenny mit halb erwartungsvollem, halb bangem Lächeln: ,,Fällt dir was auf?‘‘

,,Du hast dich geschminkt.‘‘, stellte Kevin fest, erwiderte ihr Lächeln und gab ihr einen Kuss.

Kichernd wischte sie ihm mit dem Zeigefinger Lippenstift aus dem Mundwinkel. ,,Ich habe nochmal nachgedacht.‘‘, sagte sie. ,,Make-Up ist halt wirklich nicht so meins. Aber wenn es dir so viel bedeutet, kann ich mich gerne ab und zu für dich schminken. Ich mache dir gern eine Freude.‘‘

Sie hatte Lippenstift, Puder und Wimperntusche aufgetragen. Man sah zwar, dass sie keine Übung hatte; zwischen den Flächen mit und ohne Puder fehlte der Übergang, und der violette Lippenstift war nicht ganz nach seinem Geschmack. Nichtsdestotrotz empfand Kevin Freude und Erleichterung. Der Rest würde eine Frage der Übung sein.  

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Schon zum nächsten Treffen erschien sie wieder ungeschminkt, und alles begann von vorne.

Anfangs bemühte Jenny sich immer so zu tun, als bemerke sie nicht, dass Kevin auf all ihre Fragen nur noch einsilbige Antworten gab und düster geradeaus stierte. Sie drehte seinen Don-Diablo-Lieblingstrack im Auto auf oder schlug einen Abstecher zu Dunkin‘ Donuts vor, wo sie ihm seinen Lieblingsdonut mit Erdbeer-Vanille spendierte. Ihre Aufmunterungsversuche verdüsterten seine Stimmung erst recht. Schließlich konnte er nicht länger an sich halten und ließ einen Kommentar über ihr ungeschminktes Gesicht fallen. Daraufhin brach Jenny in Tränen aus und verlangte schluchzend zu wissen, ob er sie überhaupt noch liebe. Jedes Mal aufs Neue musste er ihr erklären, dass es doch darum gar nicht gehe. Es sei eigentlich ganz einfach, ein bisschen Schminke, und er wäre zufrieden. Es folgte eine halbe oder ganze Stunde Schweigen, in der er das meiste, das ihm auf der Zunge lag, hinunterschluckte, bis ihm der Hals wehtat, und sie vermutlich auch. Ohne Vorwarnung schlang sie die Arme um seinen Hals und wollte gar nicht mehr loslassen. ,,Ich liebe dich!‘‘, wiederholte sie, als hätte er aus Versehen den Repeat-Button erwischt. ,,Okay, aber ich muss auf die Straße achten.‘‘, erwiderte Kevin. ,,Aber liebst du mich auch?‘‘, wollte sie wissen. ,,Ja, ich lieb‘ dich auch.‘‘, sagte er, damit sie ihn losließ.  

Das nächste Mal erschien sie geschminkt, nach besonders heftigen Streits sogar, statt mit Hemd, mit bauchfreiem Top, zwar nicht von Lacoste, sondern H&M, aber da drückte Kevin ruhig ein Auge zu.

Er machte sich nichts vor: ein anderer würde ihn, sobald er von Kevins Verhalten Wind bekäme, ohne Zweifel für ein sexistisches Arschloch halten. Er selbst war auch nicht perfekt. Über sein Bäuchlein zum Beispiel hätte Jenny sich zu Recht beschweren können, ein Recht, von dem sie bislang noch keinen Gebrauch gemacht hatte. Einmal fragte er sie sogar direkt, ob er ihr nicht ein paar Kilos zu viel habe; Jenny konnte mit dieser Frage ungefähr so viel anfangen wie eine Katze mit ihrem Spiegelbild. Während sie nichts von ihm verlangte, mutete er ihr wohl einiges zu, und das tat ihm leid. Andererseits konnte er nicht anders, also was brachte es, sich schuldig zu fühlen? Und vielleicht, möglicherweise, wenn er nur oft genug trotzig mit dem Fuß aufstampfte, brachte er sie doch noch zum Einlenken.  

Am zwölften Januar feierten sie Kevins vierundzwanzigsten Geburtstag. Jenny hatte sich für diesen Tag freigenommen und einen Kuchen gebacken. Am Morgen zog sie ein Kleid an und schminkte sich. Gestern Abend hatten sie sich wieder wegen des Schmink-Themas gestritten, und den ganzen Geburtstag, vom Morgen bis zum Abend, gelang es Kevin nicht, die düstere Laune abzulegen. Der Geburtstag verging, ein neuer Tag brach an. Da fragte Jenny schüchtern: ,,Magst du vielleicht jetzt mein Geschenk aufmachen?‘‘ Erst da fiel Kevin ein, dass er gestern Morgen ihr Geschenk entgegengenommen und gleich wieder beiseitegelegt hatte. Er war nicht in der Stimmung für Geschenke gewesen.

Ihr zuliebe machte er sich ans Auspacken. Zum Vorschein kam ein Buch, auf dessen Deckel sie ein herzförmiges Foto geklebt hatte: sie und er, küssend, im Hintergrund der Eiffelturm. Darüber wölbte sich in bunt ausgemalten Buchstaben der Titel: ,,Kevin und Jenny: Eine Liebesgeschichte‘‘.  Etwas Selbstgemachtes, wie er erwartet hatte.

Kevin schlug das Buch auf und las: ,,Mein geliebter Kevin, vor fast 2 Jahren haben wir zum ersten Mal miteinander geschrieben. Ich weiß noch genau, wie-‘‘ Er verschob den Rest des Textes auf später und blätterte weiter. ,,Unser drittes Date und erstes Selfie!‘‘, stand neben einem Foto, auf dem sie nebeneinander im Sand des Rheinufers saßen. ,,Ich weiß noch genau, wie rot Du geworden bist, weil aus Versehen ein paar Tropfen auf Deiner Hose gelandet sind. Am liebsten hätte ich Dich in dem Moment schon geküsst. Du hast für das Essen, den Grill, das Schöfferhofer und die Musik gesorgt. Kevin, Du bist der beste Freund, den es gibt!‘‘ Anscheinend hatte sie die gesamten Fotos aus den letzten zwei Jahren gesichtet, die besten ausgewählt, ausgedruckt, zurechtgeschnitten und in chronologischer Reihenfolge mit Klebstift auf die Buchseiten geklebt. Je weiter er auch blätterte, es gab kein Bild, das sie nicht mit einem Kommentar, und wenn auch nur ein paar Worten, versehen hatte, dabei immer in wechselnden Farben, Rot, Rosa, Blau – seine Lieblingsfarbe -, Silber und Gold. So viel Text! Auf den ersten Seiten las er noch das meiste, aber die Seiten nahmen kein Ende, jedes Mal, wenn er eine umblätterte und hoffte, es wäre die letzte, kam doch noch eine, und wieder voller Text, bis er nach etwa zwei Dritteln des Buches endlich auf die letzte beschriebene Seite stieß. ,,Mein geliebter Kevin, jetzt sind wir in der Jetzt-Zeit angekommen.‘‘, las er. ,,Ich danke Dir von ganzem Herzen für diese 2 Jahre, die wir bis jetzt zusammen verbracht haben. Die beste Zeit meines Lebens! Und wenn Du willst, kannst Du mir das Buch in einem Jahr wiedergeben, damit ich es mit all dem fülle, was wir in diesem Jahr erleben werden. Ich liebe Dich, Deine Jenny‘‘

,,Ich lieb‘ dich auch.‘‘, sagte Kevin, umarmte sie und bedankte sich bei ihr. Dann versprach er, er wolle sich Zeit nehmen, das ganze Buch zu lesen, und legte es auf seinen Schreibtisch zu den Flatrate-Flyern, Bankauszügen und Arbeitsblättern noch von seiner Ausbildungszeit, ebenfalls Papiere, die er einmal, früher oder später, würde lesen müssen.

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Ende Mai fuhren sie für ein verlängertes Wochenende nach Arosa. Freunde seiner Eltern besaßen dort eine Ferienwohnung. Nach einem späten Frühstück machten sie sich ausgehfertig. Vor ihnen lag ein volles Programm: als Erstes würden sie die Shoppingmeile in Augenschein nehmen, insbesondere den Gucci-Store, den Kevin bereits per Google Maps geortet hatte; nach einem Mittagssnack wäre der Kletterpark an der Reihe – Jenny war noch nie in einem gewesen -, bevor dann um 20:15 Uhr im Kino ,,Mad Max 4‘‘ starten würde. Kevin hatte zwei Tickets in optimaler Lage, vorletzte Reihe Mitte, reserviert. Übrigens hatte er auch den Rest des Urlaubs organisiert, nachdem Jenny wie immer gefunden hatte: ,,Für mich ist alles okay. Entscheide du.‘‘

Kevin streifte gerade seinen ,,Split Personality Hoody‘‘ über, da trat Jenny aus dem Badezimmer.  

,,Mit dem Gesicht willst du in unserm Urlaub auf die Straße?‘‘, explodierte Kevin. ,,Ganz sicher nich‘! Ganz sicher geh‘ ich nich‘ so mit dir vor die Tür!‘‘

Er war so wütend, dass sich seine Stimme überschlug. Nach allem, was passiert war, nach all den unzähligen Malen, die er versucht hatte ihr zu erklären, was das Schminken ihm bedeutete, und dass er überhaupt nicht verlangte, sie solle sich jeden Tag schminken, dass er zufrieden und glücklich wäre, wenn sie es an besonderen Tagen ihm zuliebe täte – nach all dem trat sie am ersten Urlaubstag ungeschminkt aus dem Badezimmer, als wäre nichts!

Doch diesmal sank Jenny nicht weinend in sich zusammen. Es schossen zwar Tränen aus ihren Augen, aber statt in sich zusammenzusinken, schrie sie: ,,Was willst du eigentlich, Kevin? Willst du mit mir zusammen sein oder willst du eine Frau mit Make-Up? Falls dir das Make-Up wichtiger ist, such‘ dir eine, die dir geben kann, was du brauchst! Ich bin es nicht! Kevin, ich kann mit dir und deinem Style nicht mithalten! Das ist halt die Jenny!‘‘ Und sie stürmte aus dem Zimmer.

Eine, zwei, drei Sekunden lang war Kevin zu verdutzt, um sich zu rühren. Dann, mit Verzögerung, zuckte er zusammen und eilte ihr nach.

Sie hatte bereits die Straße erreicht. ,,Jenny!‘‘ Er bemühte sich um eine ruhige Stimme, um kein Aufsehen zu erregen. ,,Bitte, Jenny, bleib‘ doch mal steh‘n. Jetzt lauf‘ doch nicht weg.‘‘

,,Fick dich!‘‘, brüllte sie.

Auf einen Schlag galt die Aufmerksamkeit der gesamten Fußgängerzone ihnen beiden. Sofort klebte das Polo-Shirt wie eine zu enge Haut an seinem Körper. ,,Jetzt bleib‘ doch mal steh‘n!‘‘ Plötzlich musste Kevin lachen, so absurd kam ihm die Situation vor: er, der schwitzend und schnaufend durch Arosas Fußgängerzone hinter Jenny herrannte, die einfach nicht stehenbleiben wollte. Wenn sie dieses Tempo beibehielt, hatte er keine Chance. Jetzt rächte es sich, dass er seit sechs Jahren keinen Sport mehr machte. Sogar zum Brötchenholen beim Bäcker Rübenacker, der nur drei Ecken von zu Hause entfernt lag, nahm er das Auto.

Bei einem Brunnen hielt sie endlich an und ließ ihn aufholen, ohne sich nach ihm umzudrehen. Er musste sich erst einmal setzen und darum kämpfen, wieder zu Atem zu kommen.

,,Oh Gott‘‘, ächzte er nach Minuten, die sich wie Stunden angefühlt hatten, ,,Jenny, jetzt hab‘ ich Seitenstechen.‘‘

Sie starrte weiter ins Wasser.

,,Schau‘‘, sprach Kevin nach einer Weile behutsam wie ein Vater zu seinem schmollenden Kind,  ,,wenn wir jetzt nich‘ machen, dass wir loskommen, schaffen wir’s nich‘ mehr in den Kletterpark. Das wär‘ doch schad‘, oder?‘‘

Er gestattete ihr die Zeit zu, die sie brauchte. Irgendwann gab sie sich einen Ruck. Sie nahm einen tiefen Atemzug und spannte die Schultern an, wie zur Vorbereitung, dann drehte sie sich langsam zu ihm um. Sie erwiderte seinen Blick, aber nicht sein Lächeln. Schweigend kehrten sie zur Ferienwohnung zurück, holten ihre Taschen und begannen den Tag.

Schweigend, jeder für sich, inspizierten sie auch den Gucci-Store. Nachmittags balancierten sie über hängende Balken, hangelten sich von Reifen zu Reifen, glitten an der Seilrolle von einem Baum zum andern, schweigend. Sie verspeisten hausgemachte Burger und tranken eine innovative, Cola-artige Marke, ohne dass einer von beiden ein Wort sprach. Stumm starrten sie auf die Kinoleinwand, und stumm gingen sie anschließend, einer neben der anderen, nach Hause und legten sich, einer neben die andere, ins Bett.

Am nächsten Tag standen sie auf, sagten ,,Morgen!‘‘ und schwiegen das ganze Frühstück über. Blieb sie bei einem Souvenirladen stehen, wartete er, bis sie weiterging; betrat er einen Laden, verweilte sie im Türbereich, bis er genug gesehen hatte. In dem Tannenwald ein Wegstück talaufwärts fütterten sie Eichhörnchen, die jede Scheu vor Menschen verloren hatten, und sprachen nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ: ,,Gibst du mir noch paar Nüsse?‘‘ – ,,Kann ich mal die Packung?‘‘ Auf dem Rückweg betrachteten sie schweigend den Sonnenuntergang, und schweigend aßen sie Pizza und tranken eine neuartige Kreuzung aus Eistee und Bubble-Tea.

Erst am übernächsten Tag, dem Abfahrtstag, brachen sie ihr Schweigen. Sie standen auf dem Parkplatz oben auf dem Berg, den sie schon die ganze Zeit vom Tal aus gesehen hatten. Kevin hatte vorgeschlagen, vor der Rückfahrt noch hier hinaufzufahren; es hatte viel länger gedauert, als es von unten aussah.

,,Ich wollt‘ dir noch was sagen.‘‘, sagte Kevin. ,,Also auch wenn ich Schminke und so schön find‘, bist du ja meine Freundin. Und als meine Freundin muss ich dich schön finden, wie du bist.‘‘

Sie erwiderte seinen Blick und zum ersten Mal seit zwei Tagen auch sein Lächeln.

,,Is‘ wieder alles okay zwischen uns?‘‘

Plötzlich drückte sie ihr Gesicht in seinen ,,Kill Me Better Hoody‘‘, und ein Schluchzer nach dem anderen fuhr über sie hinweg. Als sie sich endlich soweit beruhigt hatte, dass sie sprechen konnte, hob sie die geröteten Augen zu ihm auf und wisperte: ,,Oh Kevin! Kevin, ich bin so froh, dass wieder alles gut ist mit uns. Ich bin so froh!‘‘

***

Er schaffte es vier Wochen lang, das Schmink-Thema nicht anzusprechen. Als er sie für den Europapark abholte und Jenny ohne Make-Up in sein Auto stieg, weigerte Kevin sich loszufahren, und alles war wie vorher.

Dazu kam, dass sie seit einem halben Jahr nicht mehr miteinander geschlafen hatten. Vier Tage lang hatte Kevin damals geglaubt, er habe seine Zukunft ein für allemal zerstört. Denn vier Tage war ihre Periode überfällig. Kevin hatte keinen Hunger mehr, und nachts fand er höchstens für Minuten Schlaf. Er versuchte sich vorzustellen, wie es sein würde, wenn sie sein Kind geboren hätte, aber konnte nur immerzu daran denken, wie sehr er sich wünschte, die Uhr zurückdrehen zu können und nie mit Jenny geschlafen zu haben. Nie wieder würde er sich freiwillig auf eine derartig riskante Aktivität wie Sex einlassen. Dass Jenny am fünften Tag doch noch ihre Periode bekam und Entwarnung gab, änderte nichts an dem Entschluss, den Kevin gefasst hatte.

Tatsächlich änderte sich nicht viel. Auch vorher schon hatten sie im Bett meistens nichts anderes getan als geschlafen. Er hatte es probiert. Der erste Schritt blieb sowieso immer an ihm hängen; hätte er ihr die Initiative überlassen, wäre ihr ohnehin stockender Verkehr völlig zum Erliegen gekommen. Leider trug ihre Reaktion nicht eben zu seiner Ermutigung bei. Sie ließ es geschehen, als ginge es sie im Grunde nichts an. Es liege nicht an ihm, beteuerte sie; alleine sei es auch nicht anders. Es kam vor, dass er ihre gleichförmigen Bewegungen auf sich spürte, und im nächsten Moment schlug er die Augen auf und erfuhr von Jenny, dass er soeben eingeschlafen war. So kam es, dass es für Kevin beim Zubettgehen keinen Unterschied zu machen schien, ob sie noch einen Zwischenstopp einlegten oder direkt zum Schlafen übergingen.

Mit einem Glockenspielton meldete seine Apple-Watch eine neue Nachricht. Jenny schrieb: ,,Mir gehts grad nicht gut.‘‘

Kevin widerstand dem Impuls, die Nachricht sofort wegzuklicken. Sie sahen sich ein-, manchmal sogar zweimal pro Woche, aber wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten sie jeden Abend zusammen verbracht und sie hätte ihn trotzdem noch vermisst. Ihm hätte ein- bis zweimal pro Monat gereicht. Er antwortete: ,,Wo bist‘‘

,,Ich bin im Bus. Fahre jetzt zu meiner Mutter.‘‘, las er.

Erleichtert tippte er ein ,,ok schönen abend‘‘ in die Handy-Tastatur. Wenn Jenny schon unterwegs zu ihrer Mutter war, würde sie ja, was auch immer gerade los war, mit ihrer Mutter besprechen können, und er konnte endlich die Folge ,,Köln‘‘ weiterschauen.

Er hatte gerade lange genug geschaut, um zu verstehen, dass Claudia sich zur Abtreibung ihres gemeinsamen Kindes mit Kevin entschieden hatte, da klingelte es schon wieder. Er sah Jennys Namen unter dem Anruf-Icon und dachte, was auch immer sie wollte, es musste schnell gehen.

,,Ich kann nicht mehr.‘‘, sagte sie.

Kein Hallo, keine Einleitung. Kevin war zu verblüfft über ihre Worte, um etwas zu sagen. Insgeheim wusste er, was sie bedeuteten.

,,Seit zweieinhalb Jahren gibst du mir das Gefühl, ich bin nicht gut genug für dich. Ich trage zu wenig Make-Up. Ich verstehe zu wenig von Mode. Wenn du so sehr eine Freundin haben willst, die sich schminkt und modisch anzieht, will ich dir nicht länger im Weg stehen. Ich wünsche dir alles Gute. Mach’s gut, Kevin.‘‘

Obwohl er das Tuten hörte, das anzeigte, dass sie aufgelegt hatte, behielt er das Handy am Ohr. Vielleicht um direkt abnehmen zu können, wenn sie im nächsten Augenblick erneut anrufen und ihn aufgeregt um Verzeihung bitten würde, sie habe da etwas missverständlich ausgedrückt, sie habe eigentlich bloß Bescheid geben wollen, dass das mit dem Kino übermorgen klappe. Nach einer Stunde, die in Wahrheit, wie er mit einem Blick auf die Uhr feststellte, drei Minuten gewesen war, hatte sie immer noch nicht angerufen. Also nahm er das Handy vom Ohr und überprüfte WhatsApp. Aber ihre letzte Nachricht stammte von gestern Abend: ,,Wie war dein Tag???‘‘ Drei Kusssmileys.

 Er hatte sich den ganzen Tag vorgenommen, ihr zu antworten, und es bis jetzt nicht geschafft.

***

Kevin hatte immer gedacht: wenn jemand Schluss machen würde, dann er. Schließlich war er derjenige, der ständig zweifelte, er war derjenige, dem dies und jenes bei ihr fehlte. Der Gedanke, jederzeit aussteigen zu können, falls er keine Lust mehr hätte, war in Ordnung und sogar verlockend gewesen, denn er wäre der Schlussmacher. Jenny hatte die Rollen vertauscht und ihn zum Verlassenen gemacht. Darum vermisste er sie jetzt. Er hätte nicht gedacht, dass er sie so vermissen würde. Er wusste nicht mehr, wieso er aufstehen sollte, verbrachte den ganzen Tag im Bett und wollte keinen Bissen essen.

Es gab nur einen Ausweg. Am zweiten Tag nach ihrem Anruf schrieb er ihr: ,,Können wir nochmal reden?‘‘ Ihre Antwort drückte ihn zurück auf die Couch: Im Moment halte sie das für keine gute Idee; vielleicht später, aber im Moment brauche sie erstmal Abstand. Kevin presste die Augen ganz fest zusammen, noch fester, bis es wehtat. Dann öffnete er sie wieder und schrieb eine neue, diesmal längere Nachricht. Es dauerte mehrere Stunden, bis sie zurückschrieb: Sie danke ihm für seine Worte, ihr gehe es auch gerade nicht gut, das könne er ihr glauben; wenn sie ihn nicht treffen wolle, dann deshalb, weil sie ein Treffen in Person nicht ertragen könne.

Kevin antwortete sofort, und diesmal sogar als Sprachnachricht. Er musste wiederum lange warten, aber am nächsten Morgen hatte er seine Antwort: ,,Wir können uns nochmal treffen. Aber nur, um zu reden. Es nochmal zu probieren, dafür ist es zu spät.‘‘

Wenn er sie in Bezug auf das Treffen hatte umstimmen können, dann würde er sie auch dazu bringen, die Trennung zurückzunehmen. Er durfte sich nur nicht entmutigen lassen.

Als sie bei der Begrüßung seiner Umarmung auswich, gab Kevin vor, nichts zu bemerken. Er hatte Staufen als Treffpunkt vorgeschlagen, unter dem Vorwand, dass dieser Ort für sie beide gut erreichbar sei. Ihre Zustimmung ließ Kevins Hoffnung weiter gedeihen. Während sie durch die Stadt gingen und, von Kevin eingeleitet, den Weg zur Burg einschlugen, redete hauptsächlich er. Kevin konnte gar nicht genug Worte dafür finden, dass er unverzeihliche Fehler begangen hatte, für die es keine Wiedergutmachung gebe; dass ihm das alles erst vor einer Woche dank ihres Anrufs klargeworden sei; dass er ihr dankbar dafür sei, sie ihm aber glauben müsse, dass er seine Lektion gelernt habe.

,,Ich weiß, ich bin ‘n Arsch gewesen.‘‘, bekannte Kevin. Sie waren auf dem Wehrgang angekommen. Kaum fünf Meter weiter lag die Stelle, an der sie vor über zweieinhalb Jahren gestanden und sich zum ersten Mal geküsst hatten. Ihre Blicke trafen sich. Wie damals hörte er Rolfs Stimme in seinem Kopf schrillen – ,,Jetzt oder nie!‘‘ -, und er machte einen Schritt auf sie zu, und Jenny zuckte zurück.

Er musste eine weitere halbe Stunde reden, bevor sie zuließ, dass ihre Schultern sich im Stehen berührten. Und noch eine halbe Stunde später konnte er endlich seine Hand um sie legen.

Auf dem Rückweg fing Kevin an: ,,Weißt‘ noch, als wir mit Erik ,Wer bin ich?‘ gespielt haben? Ihr beide habt eure Zettel schon längst vor euch liegen gehabt, und nur der Kevin weiß natürlich wieder mal nich‘, wer das sein soll: männlich, russisch, Politiker. Und als ich mir dann den Zettel vom Kopf gerissen hab‘ und gesagt hab‘: ,Wusst‘ ich’s doch, keine Ahnung, wer das sein soll!‘ Wie sich der Erik da aufgeregt hat: ,Kevin, das muss man doch wissen! Wie kann man nich‘ wissen, wer Putin ist!‘‘‘

,,Du meinst, so wie da, als du nicht wusstest, gegen wen Deutschland im zweiten Weltkrieg gekämpft hat?‘‘ Das war der längste Satz, den Jenny in der gesamten Unterhaltung bisher gesagt hatte. ,,Oder wie da, als du gefragt hast, was ein Dieselskandal ist?‘‘

Kevin lachte heiter. ,,Das is‘ halt der Kevin.‘‘

Von der Seite sah er sie zum ersten Mal heute lächeln. Da wusste Kevin, dass wieder alles gut war und dass er sich gar nicht groß verändern musste. Er war halt der Kevin.

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