Die Angst, das Leben zu verpassen

Die Angst, das Leben zu verpassen

The only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones who never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles.

– Jack Kerouac, On the Road

Es war nicht so, dass Lionel es nicht hatte kommen sehen. Ihm war weder die auffällige Häufung entgangen, mit der Tania in den letzten Wochen diesen Typen, Sandro, erwähnte, noch die Veränderung in ihrer Stimme, wenn sie seinen Namen in den Mund nahm. Tania hatte Lionel vorgewarnt. Bloß wusste der nicht, was in so einer Situation von ihm erwartet wurde.

Am Mittwochmorgen, einem der ersten Tage des neuen Sommersemesters, war es soweit. Nur ein Satz, gesendet um 03:48 Uhr: ,,Ich hab bei ihm übernachtet.‘‘

Lionel ließ das Handy wie ein Gepäckstück, auf das er gerade keine Lust mehr hatte, ins Kissen fallen und stieß einen Seufzer aus. Weniger aus Schmerz über Tanias Geständnis als vielmehr wegen des Stresses, den es verhieß. Barfuß tapste er in die Küche und machte sich erstmal einen Kaffee.

Am Nachmittag ließ Lionel die Linguistik-Vorlesung ausfallen und fuhr zum Seepark. Er traf eine andere Tania als die, die er gestern Morgen erst verabschiedet hatte. Die neue Tania wirkte wie aufgeweckt nach monatelangem Schlaf. Ihre dunklen Locken, die er so liebte, schienen über Nacht endgültig schwarz geworden, ihre karamellbraune Haut um mehrere Stufen dunkler. Doch im Kontrast zum strahlenden Frühlingstag glühte sie in ihrer Dunkelheit auf eine neue Art, die ihm unheimlich war.

Aus irgendeinem Grund schien sie sauer auf ihn zu sein. Jedenfalls stichelte sie immer wieder wegen Sachen, die gar nichts mit dem Thema, ihrem Seitensprung zu tun hatten. Er hatte nur kurz erwähnt, dass er bis morgen Abend noch eine Hausarbeit abgeben musste, die sowieso schon überfällig war, schon kam geschossen: ,,Jaja, Lionel, wir wissen doch beide, dass du erst handelst, wenn man dir die Pistole auf die Brust setzt.‘‘ Weil er keinen Streit wollte, schwieg Lionel und wich ihrem Blick aus. Stattdessen beobachtete er die Jugendlichen im See, von denen die Mutigen auf die blauen Riesenbojen kletterten und mit Rückwärtssalto ins Wasser sprangen.

Ihm war schon klar, was Tania eigentlich meinte. Der andere, mit dem sie die Nacht verbracht hatte, brauchte keinen Tritt in seinen Allerwertesten, um die Dinge in die eigene Hand zu nehmen. Kennengelernt hatte Tania Sandro auf einer Kundgebung für Geflüchtete, die Sandro mitorgansiert hatte. Denn anders als die Mehrheit, zu der auch Lionel gehörte, versteckte Sandro sich nicht hinter Worten. Sandro hatte sein Politikstudium abgebrochen und besetzte gemeinsam mit anderen Studienabbrechern eine alte Villa in der Wiehre.

Später weinte Tania dann doch noch, weil sie, wie sie versicherte, Lionel immer noch liebe. An ihren Gefühlen für Lionel habe sich nichts geändert, es sei schlicht und einfach die Liebe zu einem anderen Menschen dazugekommen. ,,Warum muss unsere Gesellschaft es sofort verurteilen, wenn man mehr als einen Menschen liebt? Diese ganze monogame Gehirnwäsche ist doch auch wieder nur so eine patriarchalische Scheiße!‘‘

Tania legte Lionel die Hand auf die Schulter und brachte ihn sanft zum Stehen. ,,Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt.‘‘ Lionel erwiderte ihren Blick mit leichtem Widerwillen, der jedoch vor dem Schwarz ihrer Pupillen rasch kapitulierte. ,,Ich fühle mich, als hätte ich gerade erst angefangen, so richtig zu leben. Mir ist jetzt erst klargeworden, dass ich immer nur Zuschauerin gewesen bin. Ich hab‘ mein Leben verpasst, aus Angst, was falsch zu machen. Lionel, cariño, ich will keine Angst mehr haben, ich will leben. Ich will nicht mehr denken, ich will fühlen. Ich will verrückte Sachen machen!‘‘ Sie lachte befreit. ,,Ich will nackt im Regen tanzen und mich nachts auf die Straße legen. Ich will niemals schlafen, schlafen kannst du, wenn du tot bist, ich will brennen, brennen wie eine Kerze im Wind.‘‘ Sie hielt inne, um Lionel die Gelegenheit zu geben, etwas zu sagen, doch ihm fiel nichts ein.  

,,Der letzte Satz ist übrigens aus ,On the Road‘. Les‘ ich grad, Sandro hat‘s mir empfohlen.‘‘

Lionel nickte, obwohl er nicht wusste, was genau er zustimmte. Doch er glaubte zu erahnen, was sie meinte. Er spürte, dass ihre Worte und der heilige Ernst, mit dem Tania sie sprach, ihm Angst machten, dass er ängstlicher war als sie, und gerade daraus schloss er, dass sie recht haben musste.

Sie setzte sich wieder in Bewegung, er folgte. Sie sagte: ,,Ich liebe dich, Lionel. Ich will unsere Beziehung öffnen. Bist du bereit dazu?‘‘

In diesem Moment kamen sie bei der Kastanie an, die über die Monate zu ihrem Stammplatz geworden war und unter der sie, angenehm abseits vom Trubel, ganze Nachmittage kuschelnd verträumt hatten. Da war nun Lionel an der Reihe mit Tränen. ,,Ich liebe dich auch und will keine andere.‘‘, schluchzte er. ,,Aber wenn‘s wirklich nicht anders geht, akzeptiere ich deinen Wunsch.‘‘ 

Am Abend stand er am Herd und kochte vegane Spaghetti, während Tania am Tisch saß, die Beine über Bastis Schoß gelegt, und abwechselnd mit Lionels Mitbewohner flirtete und schnippische Kommentare über Lionel zum Besten gab.

,,Siehst du‘‘, erklärte sie Basti und sprach in Wahrheit zu Lionel, ,,du hast deine Hausarbeit schon abgeschickt, während Lionel noch nicht mal angefangen hat.‘‘

,,Meine Liebe!‘‘ Zum ersten Mal an diesem Tag sah Lionel sich zu einer Reaktion gezwungen. ,,Ich bin hier nicht der Einzige, der prokrastiniert. Muss ich dich an unseren Kolumbien-Urlaub erinnern?‘‘ Womit er auf ihre Reise diesen Winter ins Heimatland seines Vaters anspielte, als Tania ihrem Aufsatz über Symbolik im Islam so lange erfolgreich aus dem Weg gegangen war, dass sie bei Antritt ihrer Reise endlich genügend Druck aufgestaut hatte, ihn endlich zu schreiben, während Lionel sich die erste von sechs Ferienwochen allein durch Bogotà schlagen musste. Diese Gedächtnisauffrischung ließ Tania verstummen, bis Lionel das Essen auftrug und Tania nach dem ersten Bissen konstatierte: ,,Die Nudeln sind verkocht.‘‘

So kam es, dass Lionel sich unversehens in einer offenen Beziehung wiederfand, die ihm Freiheiten gewährte, nach denen er kein Bedürfnis verspürte.

,,Bist du wirklich sicher, dass du das willst?‘‘, hakte sein Freund Michi nach.

,,Ich sehe das Konzept ,offene Beziehung‘ nicht mehr so kritisch wie früher.‘‘, verteidigte sich Lionel. ,,Tania hat da ein paar wirklich gute Argumente.‘‘ Und nach einem Zögern: ,,Bisschen stört es mich schon, dass sie sich jetzt voll auslebt und ich leer ausgehe.‘‘ Dabei klang seine Stimme, als gelte sie dem Leben eines anderen, dessen Probleme er zwar sah, aber zum Glück nicht lösen musste.

***

Kennengelernt hatten Tania und Lionel sich vor etwas mehr als anderthalb Jahren auf einem Workshop für Rückkehrer, die in einem anderen Teil der Welt ein Jahr lang einen Freiwilligendienst absolviert hatten. Tania kam aus einem Waisenhaus in Indien zurück, Lionel aus Südafrika, wo er Jugendlichen versucht hatte, Englisch beizubringen. Lionel erzählte gerne von dieser Zeit und versäumte dabei nie, seinen kritischen Verstand unter Beweis zu stellen, indem er einräumte, dass die Arbeit den Menschen vor Ort nichts gebracht, den freiwilligen Helfern nichtsdestotrotz ein unvergessliches Erlebnis beschert habe.

Die Menschen in Südafrika waren arm gewesen, und doch viel glücklicher als Lionels Landsleute, die zwar alles hatten, doch immer mehr wollten. In Südafrika besaß man wenig, aber das teilte man miteinander. Die ganze Familie aß aus ein und demselben Topf, aus dem jeder sich mit der Hand bediente. Die meisten lebten in Blechhütten und besaßen nicht einmal ein Fahrrad. Das hielt sie nicht davon ab, mitten am Tag zu trommeln und zu tanzen. Wohin Lionel auch blickte, überall sah er nichts als strahlende Gesichter, wenn er durch die Siedlung spazierte – allerdings nicht nach 19 Uhr, er wollte ja keinen Überfall oder Mord riskieren. Und viel offener waren sie hier als die verklemmten Deutschen. Lionel musste einen jungen Schwarzen nur fragen, was er da höre, schon strahlte der übers ganze Gesicht, gab Lionel Check und weihte ihn in gebrochenem Englisch in die Welt des südafrikanischen Hip-Hop ein. Kurz, Afrika war genauso, wie Lionel es sich vorgestellt hatte: arm, aber im Besitz einer tieferen Weisheit.

Wieder in Deutschland, pinnte er sich an seine Zimmerwand das bunte Tuch, das er, zusammen mit einem Hemd, für umgerechnet sechzig Cent auf dem Markt erstanden hatte, und daneben ein Poster mit dem Motto ,,Perspektiven wechseln!‘‘. Es zeigte die Weltkarte in ungewohnter Weise, nämlich auf den Kopf gestellt und die tatsächliche Fläche der Kontinente berücksichtigend, sodass nicht nur zur Abwechslung einmal Afrika oben war, sondern Europa darunter auch eine ziemlich mickrige Erscheinung abgab. Sobald jemand sich anmaßte, über ,,Afrika‘‘ zu sprechen, schritt Lionel nun korrigierend ein: Afrika sei der Kontinent und daher viel zu unspezifisch; ,,das Afrika‘‘ gebe es nicht, es handle sich dabei um nichts anderes als ein kolonialistisches Konstrukt. Wann immer Lionel an einem ,,African Store‘‘ vorbeikam, machte er von seinen paar Brocken Sesotho – eine der zahllosen in Südafrika gesprochenen Sprachen, denn auch ,,Südafrikanisch‘‘ gab es natürlich nicht – Gebrauch, damit der Besitzer sofort merkte, dass er einen Kenner und quasi Landsmann vor sich hatte.

Gerne malte Lionel sich aus, wie er irgendwann, in hoffentlich nicht allzu weit entfernter Zukunft als Reporter mit Filmteam nach Südafrika zurückkehren würde. Bei einer der Internetrecherchen für seine geplante, preisgekrönte Doku stieß Lionel auf den ,,Afrika-Kongress‘‘, eine zweitägige Veranstaltung mit Vorträgen und Diskussionsrunden, die jeden Herbst in München stattfand. Da durfte er, Lionel, nicht fehlen! Sein Freund Finn erklärte sich sofort bereit, ihn zu begleiten. Finn war zwar noch nicht in Afrika gewesen, dafür ein ausgesprochen aktiver Teilnehmer an politischen Diskussionen.

Die Beiden waren sich einig, dass die Zugpreise in Deutschland eine Frechheit waren, erst recht für einen armen Studenten wie Lionel und einen Gitarrenbauer in Ausbildung wie Finn. Dass sie sich das Geld für die Fahrkarten von ihren Eltern liehen – Lionels Mutter bekleidete eine leitende Position im Kultusministerium, Finns Vater saß für die Grünen im Bundestag -, kam nicht infrage. Damit hätten sie sich dem Unrechtssystem, das den Wert eines Menschen nach seinem Kontostand beurteilte, gefügt, und sie wollten sich doch auflehnen. In einem Akt des Widerstands beschlossen sie, schwarz zu fahren.

Kurz nach Halle klopfte es an der Tür der Zugtoilette, in der sie sich eingeschlossen hatten. Lionels Beine, schon ganz steif von der monotonen Haltung, wurden weich. ,,Sie können rauskommen.‘‘, sagte eine gelangweilte Frauenstimme. ,,Ich weiß, dass Sie da drinnen sind.‘‘

Wie zwei Schuljungen, die dabei ertappt worden sind, wie sie der Lehrerin eine Reißzwecke auf ihren Stuhl legen wollten, trotteten sie aus der Toilette. Finn, Lederjacke und Baskenmütze, die er auch drinnen nie ablegte, und Lionel, gelb-orange-rotes Südafrikahemd, das er zur Feier des Tages angezogen hatte, gestanden der Schaffnerin, schwarz-rote Uniform, die nötigen Angaben. ,,Macht dann 160 Euro jeweils.‘‘, leierte sie herunter.

,,Haben Sie denn kein Herz?‘‘, brach es aus Finn heraus. ,,Wollen Sie wirklich nur eine weitere Schraube in diesem kalten System sein?‘‘

Erst in diesem Augenblick kam Leben in die Frau. Anstelle einer Antwort setzte sie die Beiden beim nächsten Halt in Erfurt vor die Tür.

,,Ich fass‘ es nicht!‘‘, schüttelte Finn den Kopf. ,,Dass die nicht mal mit sich reden lässt! Das ist doch genau das Problem, das unsere Gesellschaft hat, die mangelnde Dialogbereitschaft!‘‘ Finn war ernsthaft betroffen. Zu groß war die Kluft zwischen dem eben Erlebten und dem Klima von Gleichberechtigung und Empathie, das er von zu Hause und aus der Waldorfschule kannte.

Per Anhalter kamen sie schließlich doch noch nach München. Zwei Tage später brachte sie ein billiges Angebot auf BlaBlaCar zurück nach Berlin, und da war Lionel froh, denn so sehr er Finn auch mochte, auf Dauer konnte Finn ziemlich anstrengend sein.

***

Lionels Jahr in Südafrika war nicht sein einziges As im Ärmel. Seinem Vater sei Dank, floss zur Hälfte kolumbianisches Blut durch seine Adern, und Lionel ließ keine Gelegenheit ungenutzt, andere auf seinen internationalen Hintergrund aufmerksam zu machen.  

Auch jetzt, wo er doch Tania hatte, konnte er in Gesellschaft einer hübschen Kommilitonin, die er zum Beispiel nachmittags auf eine Ingwer-Mate im Café Pau traf, der Versuchung nicht widerstehen. Er wartete ab, bis die Frau kurz auf die Toilette verschwand, zog flugs das Handy aus der Tasche, klingelte seinen Vater an und legte direkt wieder auf, damit jener nicht noch abnahm. Pünktlich nach ein paar Minuten, die Frau saß mittlerweile wieder auf ihrem Platz, klingelte es. Mit einem entschuldigenden Blick nahm Lionel ab: ,,Que pasa, papà?‘‘ Während er seinem Vater in den folgenden zwei, drei Minuten auf Spanisch irgendeine Nichtigkeit erzählte, vergewisserte er sich aus dem Augenwinkel, dass die Nummer den gewünschten Effekt erzielte. Und sie verfehlte ihn nie: aufmerksam verfolgte die Frau jedes feurige ,,S‘‘ und temperamentvolle ,,Rrrr‘‘, das seine Zunge vollführte. Im Stillen dankte Lionel wem auch immer dafür, dass er einen kolumbianischen und keinen polnischen oder chinesischen oder schweizerdeutschen Vater hatte, denn mal ehrlich, Polnisch oder Chinesisch oder Schweizerdeutsch besaßen entschieden weniger Sexappeal. Mit einem Augenrollen darüber, den ,,Störenfried‘‘ endlich los zu sein, legte Lionel auf und sagte: ,,Nur mein Vater, nix Wichtiges, wo waren wir?‘‘ Scheinbar angestrengt suchte er den verlorenen Gesprächsfaden und ließ sich mit dem Wiederfinden Zeit, damit sie die Frage stellen konnte, auf die er wartete: ,,Wow, ich wusste gar nicht, dass du so gut Spanisch kannst! Wie kommt’s?‘‘ – ,,Ich bin Kolumbianer.‘‘, verkündete Lionel etwas zu feierlich und lachte kurz, um seinen Eifer zu überspielen. ,,Halbkolumbianer.‘‘, ergänzte er leise, und wieder lauter: ,,Ich hab‘ dort Familie, die besuche ich jedes Jahr.‘‘

Eines Abends, er saß mit ein paar Freunden in der Küche einer Freundin und hatte gerade wieder das Gespräch auf seinen lateinamerikanischen Hintergrund gelenkt, ließ er sich im Übermut zu der Behauptung hinreißen: ,,Ich habe aufgrund meines Aussehens sogar schon Diskriminierung erfahren!‘‘ Darauf, dass die anderen neugierig nachfragten, in welcher Form genau, war Lionel nicht vorbereitet. Eine Frau habe einmal gemeint, er sehe ,,exotisch‘‘ aus, fiel ihm nach einer betretenen Stille doch noch ein. Aber er bemerkte die Skepsis in den Blicken der anderen. Natürlich wagte keiner von ihnen, die Skepsis offen zuzugeben und als privilegierter Weißer entlarvt zu werden, der Rassismus-Erfahrungen, die er selbst niemals machen musste, herunterspielte. Zähneknirschend musste Lionel einsehen, dass der ultimative Garant für den Respekt seiner Mitmenschen – diskriminiert zu werden aufgrund seiner Herkunft – ihm auf ewig verwehrt bleiben würde. Dafür sah er einfach zu deutsch aus.

Die Fußball-EM begann. Nach einer Runde Kicken im Seepark sanken Lionel und seine Freunde ins Gras, und eine hitzige Debatte über den gestrigen Auftakt der Nationalelf entbrannte. Während die einen, angeführt von Michi, darauf bestanden, dass Jogis Team schon noch warm werden würde, droschen die anderen, am heftigsten Basti, auf den lahmen Löw ein, dessen Tage als Nationaltrainer längst gezählt seien. ,,Wenn ihr mich fragt‘‘, schaltete Lionel sich in gelangweiltem Ton ein, ,,ich finde es absurd, zwanzig erwachsenen Männern anderthalb Stunden dabei zuzusehen, wie sie einem Ball hinterherrennen und dafür Millionen kassieren. Der Fußballhype ist doch bloß eine große Ablenkung von den echten Problemen.‘‘, wusste er zu analysieren und zitierte Marx: ,,,Opium fürs Volk!‘ Wenn ich sehe, wie plötzlich überall Deutschlandfahnen aufgehängt werden, auf jedes Auto, aus jedem Fenster, ich kann mir nicht helfen, bei diesem unheimlichen Nationalstolz läuft‘s mir eiskalt den Rücken runter.‘‘ Und prüfend blickte er in die Runde, ob er den gewünschten Eindruck hinterlassen habe, nämlich dass er, Lionel, gegenüber diesem Opium unbestechlich blieb.

Etwas später am gleichen Abend schaltete Lionel sein ThinkPad ein und guckte das Viertelfinale Kolumbien-Brasilien im Rahmen der Copa América. Morgen würde er mit seinem Vater, natürlich auf Spanisch, die chronische Erfolglosigkeit der kolumbianischen Mannschaft besprechen, während alle anderen wieder nur EM und Deutschland im Kopf und nicht den blassesten Schimmer hätten, dass die Kolumbianer auch gerade kämpften, geschweige denn, dass es so etwas wie die Copa América überhaupt gab.

Aber Lionels Arme reichten nicht nur nach Südamerika. Seit Tania von Soziologie zu Islamwissenschaften gewechselt hatte, fühlte Lionel sich mit dem Nahen Osten verbunden. Er hatte sogar ein Semester lang einen Persisch-Kurs besucht. In dem syrischen Take-Away, der um die Ecke neu aufgemacht hatte, rief Lionel dem Koch gleich beim Eintreten ein vertrauliches ,,Salam, hālet če-toure?‘‘ zu. Das war Persisch und hieß: ,,Hallo, wie geht es dir?‘‘.

Erfreut und auf Persisch erwiderte der Koch etwas und lachte. Lionel lachte auch und antwortete: ,,Man kalame râ nemifahmam.‘‘ Das hieß: ,,Ich verstehe nicht.‘‘

,,Ah, du lernst?‘‘, wechselte der Koch auf Deutsch.

,,Bale!‘‘, bestätigte Lionel und nahm sofort einen neuen Anlauf: ,,Habt ihr Ash-e-Reshteh?‘‘ Dass Lionel dieses Gericht bekannt war, musste den Mann endgültig davon überzeugen, dass er einen Insider vor sich hatte. Lionel hatte die iranische Suppe ein paarmal mit Tania zusammen gekocht, die sie wiederum von Dariyousch gelernt hatte, einem Geflüchteten in der Unterkunft, in der sie als Freiwillige arbeitete.

Der Koch bedauerte, sie seien ein syrisches Restaurant, und verwies ihn auf das iranische Restaurant direkt gegenüber.

,,Schade‘‘, bedauerte Lionel, ,,das esse ich echt gern!‘‘

,,Das iranische Restaurant ist direkt gegenüber, durch die Tür und über die Straße.‘‘, erklärte der Mann freundlich.  

,,Hm, was habt ihr denn sonst?‘‘, fragte Lionel.

,,Alles, was auf der Karte steht.‘‘ Der Koch zeigte auf die Speisekarte, die vor Lionel auf der Theke lag. Befriedigt wandte Lionel sich der Karte zu; nun hatte er ausreichend sichergestellt, dass der Koch ihn nicht aus Versehen mit einem gewöhnlichen Gast verwechselte.

***

Sandro, Tanias Hausbesetzer, entpuppte sich bald als ,,ein ziemliches Arschloch‘‘, wie Tania ernüchtert resümierte, sobald sie herausgefunden hatte, dass sie nicht die einzige Frau war, der Sandro eine ,,magische Verbindung ohne Worte‘‘ versprochen hatte. Nicht dass sie Treue von ihm erwartet hätte, ihr war natürlich bewusst, dass man einen freien Geist seines Kalibers nicht festlegen durfte. Aber dass die Gemeinschaft in seiner besetzten Villa sozusagen sein persönlicher Harem war, das zwang Tania doch zu der Einsicht, dass auch ihre Offenheit Grenzen hatte.

Dass Sandro definitiv abgeschrieben war, erleichterte Lionel. Natürlich durfte er seine Erleichterung nicht zeigen. Sie saßen im Seepark unter ihrer Kastanie, deren Blätter sich bereits verfärbten. Tania schilderte ihm gerade ihr letztes, das Ende besiegelnde Gespräch mit Sandro, und Lionel hörte zu, entschlossen, seiner Freundin der aufmerksame, einfühlsame und verständnisvolle Freund zu sein, den sie verdiente. Einmal mehr flößte es ihm ehrfürchtiges Staunen ein, mit welchem heiligen Ernst Tania nach den passenden Worten für ihr komplexes Innenleben suchte. So deutlich, wie seit ihrem Anfang nicht mehr, fiel ihm auf, wie schutzbedürftig ihre Stimme klang; ständig drohte sie zu verhauchen. Mit jeder Minute, mit jeder Sekunde, die er ihr länger zuhörte, wuchs das Gefühl bedingungsloser Liebe für sie. Ja, er wollte für sie da sein, an den guten wie den schlechten Tagen! Nie mehr wollte er so etwas Egoistisches wie Eifersucht zwischen Tania und sich kommen lassen!

Und er beugte sich vor, umschloss sie mit seinen sehnigen Armen und verbarg sein Gesicht in ihrer Schulterkuhle, die nach Tania duftete.

***

Die Konflikte häuften sich. Während er selbst, so schien es Lionel, auf der Stelle trat, nahm Tanias Entwicklung immer mehr an Fahrt auf und entfernte sie von ihm. Sie war, zusätzlich zu der AG für Geflüchtete, die sie leitete, der Fridays-for-Future-Gruppe der Uni beigetreten und organisierte nun wöchentlich Klima-Demos. Bald verging kein Tag mehr, an dem sie Lionel nicht vorwarf, er sei so passiv, genau weil so viele Leute so passiv seien, gehe die Welt gerade unter. Sie hörte auf, sich die Beine zu rasieren, denn sie wollte sich nicht länger von Männern geschriebenen Normen unterwerfen, und Lionel unterstützte sie in ihrem Widerstand und versicherte ihr, ihn störe das überhaupt nicht, er finde sie genauso schön wie immer. Wenn er sich kurz darauf dabei ertappte, wie er einem Paar glatter Beine hinterherschaute, schämte er sich. Wütend fuhr Tania vom Stuhl, wenn das Essay über ,,Postcolonial Studies‘‘, das sie gerade las – und wohn sie von Islamwissenschaften inzwischen gewechselt hatte -, Lionel zu der Frage veranlasste, wer denn der Autor sei. ,,Mit welchem Recht‘‘, empörte sie sich, ,,gehst du selbstverständlich davon aus, dass die schreibende Person ein Mann ist?‘‘

Anderthalb Jahre war es her, seit Tania mit dunklen Augen im Seepark Jack Kerouac zitiert hatte. Eines Tages, er befand sich mal wieder auf dem Weg zu einem Krisengespräch, stellte Lionel fest, dass er sich schon daran gewöhnt hatte, Stunden vor ihren Treffen einen Druck im Bauch zu spüren, und dass die Krisen die neue Normalität geworden waren. Er saß im Regionalzug Richtung Basel, von wo Tania ihm entgegenfuhr. Sie kam von Orma, einem Nigerianer, der vor Kurzem ihr Interesse geweckt hatte und den sie aus der Flüchtlingsunterkunft kannte, in der sie ein halbes Jahr Praktikum machte, denn sie hatte ihr Studium inzwischen pausiert. Am Telefon waren sie darin übereingekommen, dass es das Beste wäre, wenn sie die ganze Sache an einem neutralen Ort beredeten. Also trafen sie sich in der Mitte zwischen Freiburg und Basel in Istein. Mit den Fahrrädern brachten sie das letzte Stück bis zum Rhein hinter sich. Als sie ans Ufer traten, entfuhr Tania ein spitzer Schrei. Die gesamte Flussbank, die aus schädelgroßen, rundgewaschenen Flusskieseln bestand, war übersät von toten Fischen.

,,Was ist denn hier passiert?‘‘, fragte Lionel und kam sich sofort sehr dumm dabei vor.

,,Das war die Chemie, ganz sicher!‘‘, erfasste Tania mit bitterer Stimme die Lage. ,,Es werden regelmäßig viel zu hohe Schadstoffwerte im Rhein gemessen. Los, bevor es zu spät ist!‘‘ Sie beugte sich hinab und trug die ersten zwei Fische, in jeder Hand einen, in die Mitte der Steinbank, um sie auf einem Haufen zu sammeln.

Widerwillig ging Lionel daran, ihr zu helfen. Darauf, Tania darauf hinzuweisen, dass es, falls die Tiere tatsächlich vergiftet waren, ziemlich leichtsinnig war, sie mit der bloßen Hand anzufassen, verzichtete er. Denn er hatte keine Lust, sich wieder seine Passivität vorwerfen zu lassen.

Es war ein Nachmittag im Spätsommer. Die Sonne wollte noch einmal klarstellen, wer hier das Sagen hatte, sie bohrte sich von oben durch Lionels dichte, schwarze Haare in seinen Schädel und sprang ihn von den hellen, beinah weißen Flusskieseln raubtierartig an. Jedes Mal, wenn Lionel einen Fisch von seinem harten Totenbett aufhob, verbrannte er sich die Fingerspitzen am Stein, der heiß wie eine Herdplatte war. Innerhalb von Minuten verklebte der Schweiß seinen Körper von Kopf bis Fuß und vermischte sich mit dem Gestank der toten Fische. Nach kurzer Zeit hämmerte es in seinem Kopf. Immer öfter musste er stehenbleiben und die Hände auf die Knie stützen wie ein Marathonläufer, der keinen Schritt mehr weiterkann. Er hob den Kopf, ja nicht zu ruckartig, damit die gelben Punkte vor seinen Augen nicht noch wilder tanzten, und betrachtete Tania, die so viele Fische auf einmal wie möglich zu fassen versuchte und wie besessen zu dem Massengrab trug, wo die Leiber inzwischen einen kleinen Berg bildeten. Lionel sah, dass seine Freundin ab und zu die Lippen bewegte und etwas flüsterte, mit der für sie typischen verhauchenden Stimme. Eine ihrer blonden Strähnen hatte sich aus ihrer Frisur gelöst und klebte quer über die Stirn.

Er konnte nicht glauben, dass es so weit gekommen war.

,,Ich kann nicht mehr.‘‘, sagte Lionel.

,,Nur noch ‘n paar Minuten!‘‘, rief Tania ungeduldig. ,,Sind ja gleich fertig!‘‘

,,Ich meine das mit uns. Ich kann das nicht mehr.‘‘

Da erst erstarrte Tania mitten im Lauf, drehte sich wie ertappt zu Lionel um, blickte hinab auf ihre Hände, so als habe sie plötzlich vergessen, wie, zur Hölle, dieser tote Fisch in ihre Hand gekommen war. Als denke sie angestrengt darüber nach, was, um Himmels willen, dieser tote Fisch in ihrer Hand zu bedeuten habe.

***

Lionels Herz beschleunigte, als die schwere Tür mit einem Klicken nachgab und er sich auf einmal in der schlichten, menschenleeren Aula des Sankt-Alban-Hauses wiederfand, einem katholischen Studierendenwohnheim im Osten Freiburgs. Und der Grund, aus dem Lionel hier war, hieß Manfred.

Manfred, der sich von allen nur Manni nennen ließ, war Lionels 63-jähriger Vermieter und gleichzeitig WG-Mitbewohner. Lionel erinnerte sich noch, wie dankbar er gewesen war, als er vor einem halben Jahr das preiswerte Zimmer in Uni-Nähe gefunden hatte. Trotz des Altersunterschieds war Manni über die Monate ein guter Freund geworden, mit dem man trinken, philosophieren und Karaoke singen konnte. Erst mit der Zeit hatte Lionel herausgefunden, dass neben dem charismatischen Tag-Manni noch ein anderer Manni existierte, der zum Vorschein kam, sobald ein gewisser Alkoholpegel erreicht war. Die Begegnungen mit diesem anderen, dem Nacht-Manni hinterließen jedes Mal einen derart üblen Nachgeschmack, dass sie schließlich auch der gutmütige Tag-Manni nicht mehr ausgleichen konnte. Nach jener Nacht vor vier Wochen hatte Lionel sich geschworen, dass er ausziehen würde.

In jener Nacht hatte Lionel sich zum ersten Mal herausgenommen, an Mannis Tür zu klopfen: ob Manni heute ausnahmsweise vielleicht ein bisschen leiser spielen könne? Bis jetzt hatte Lionel nie auch nur ein einziges kritisches Wort über Mannis nächtliche Jam-Sessions geäußert, die meist am frühen Abend starteten und nie vor drei Uhr nachts endeten. Doch Lionel war frisch getrennt, und morgen hatte er Prüfung – er brauchte den Schlaf.  

Erst ignorierte Manni sein Klopfen. Dann öffnete er die Tür einen Spaltbreit und ließ Lionel seine Bitte vortragen, bevor er antwortete: ,,Lionel, warum bist du nur so ein verdammtes Weichei!‘‘ Daraufhin wurde die Tür wieder geschlossen.

Lionel war eben resigniert zurück ins Bett gesunken, da hämmerte es an seine Tür, gefolgt von Mannis Stimme. ,,Lionel!‘‘, brüllte Manni, und dann hämmerte und brüllte es abwechselnd eine geschlagene Stunde lang, von Viertel vor Eins bis Viertel vor Zwei, Lionel verfolgte es auf seiner Handyuhr. So plötzlich, wie der Poltergeist erschienen war, verschwand er wieder. In der Stille, die er hinterließ, war an Schlaf nicht mehr zu denken.

Als Lionel am nächsten Tag nach Hause kam – dafür, dass er kaum drei Stunden geschlafen hatte, war die Prüfung erstaunlich gut gelaufen -, erwartete ihn unter seiner Zimmertür ein Brief: vier DIN-A4-Blätter, dicht beschrieben. Das meiste ergab keinen logischen Sinn, und gerade die Wirrheit jagte Lionel eisige Schauer über den Rücken. Er betrachtete Mannis Brief in seinen zitternden Händen und wusste, jetzt würde er sich eine neue Bleibe suchen müssen.

In Freiburg ein Zimmer zu finden, war ohnehin ein Krampf; besonders krampfartig wurde es in den Wochen vor einem neuen Semester. Nach dieser ernüchternden WG-Erfahrung – und es war nicht seine erste, die er in mittlerweile drei Jahren Studentenleben gemacht hatte – wollte Lionel ein Studierendenwohnheim ausprobieren. Er machte sich allerdings keine Illusionen, dass die Bewerber zahlreich, die Wartelisten lang waren. Es konnte doch nicht sein, dass sein Name nur einer von vielen auf irgendeiner Liste war.

Auf Sankt-Alban besann er sich erst, nachdem er alle coolen Wohnheime abgeklappert hatte, ohne Erfolg. Erstens lag das Sankt-Alban-Haus am Stadtrand, zweitens war es katholisch. Es konnte sich also glücklich schätzen, dass er, Lionel, es überhaupt in Betracht zog. Dass er die Bewerbungsfrist um zehn Tage verpasst hatte, war sicher reine Formsache. Lionel konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein katholisches Wohnheim ausgebucht war. Sowieso, Fristen und Reglemente und all die Bürokratie fand Lionel entmenschlichend. Sie verwandelten einen Menschen in eine gesichtslose Zahl. Lionel hatte Erfahrung mit der Auflehnung gegen unnötige Vorschriften wie zum Beispiel Abgabefristen. Sein Ehrgeiz war geweckt.

Im Sekretariat erfuhr Lionel, dass das Büro des Heimleiters am Ende des Flurs liege. An diese Bürotür klopfte er nun.

,,Ja?‘‘

Schwungvoll, als würde er einen Zirkusvorhang teilen, schlug Lionel die Tür auf und trat ins Scheinwerferlicht, bei dem es sich bei genauerem Hinsehen um eine funzelige Schreibtischlampe handelte.

,,Guten Tag!‘‘, rief Lionel mit seiner Bühnenstimme in den Raum hinein. ,,Mein Name lautet Lionel Contreras, und ich möchte Ihnen ein Gedicht vortragen!‘‘ Ohne die Einwilligung des Mannes abzuwarten, zauberte Lionel einen Zettel aus der Hosentasche und hob an: ,,Hymne auf Sankt-Alban!‘‘. Die Idee zu diesem Gedicht war ihm gestern Abend gekommen, nach einer halben Stunde war es geschrieben gewesen.

,,-und deshalb suche ich noch immer / im Sankt-Alban-Haus ein Zimmer.‘‘, schloss Lionel. Nun erst ließ er den Zettel sinken und schaute, welche Reaktion sein Gedicht hervorgerufen hatte. Genaugenommen war es eine Nicht-Reaktion. Die kleinen, braunen Augen hinter der randlosen Brille starrten Lionel mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und Entsetzen an. Nach einer langen Stille löste der Mann doch noch seine dünnen Lippen voneinander und sagte mit einer Stimme, die raschelte wie das Herbstlaub vor seinem Fenster: ,,Alle Informationen zum Bewerbungsverfahren können Sie unserer Webseite entnehmen. Die Fristen sind jeweils der 20. September und der 20. März.‘‘ Damit schien er alles gesagt zu haben, was ihm zu dem Vorgefallenen einfiel, denn er presste die Lippen wieder zu einem Strich zusammen und wandte sich den Papieren auf seinem Schreibtisch zu.

,,Hm. Na gut. Ciao.‘‘, murmelte Lionel.

,,Auf Wiedersehen.‘‘, sagte der Heimleiter mit höflichem Lächeln und nahm die Arbeit, bei der er unterbrochen worden war, wieder auf. 

Eine Woche später wurde in der WG von Isa, Lionels Kommilitonin und bester Freundin, ein Zimmer frei.

***

,,Hast du Neuigkeiten aus Nürnberg?‘‘

Lionel saß im Jos-Fritz-Café seiner Mutter gegenüber und fühlte sich wieder einmal gereizt. Sie konnte es einfach nicht lassen. Jede Gelegenheit musste sie nutzen, um ihrem Sohn zu verstehen zu geben, dass sie mit seinem Leben nicht einverstanden war. Im Moment wurde seine Miene immer noch von ihrem Kommentar verdüstert, den sie sich vorhin im Buchladen geleistet hatte: ,,Lionel, pass‘ bitte auf, das Buch gehört dir nicht.‘‘ Er hielt gerade eine Taschenbuchausgabe von Foucault in den Händen und hatte die linke Hälfte des Buches nach hinten umgeknickt, wie er es mit seinen Büchern daheim immer tat.   

Vor dem Buchladen hatte Lionel extra sein Fahrrad abgeschlossen, obwohl er sonst nie auf die Idee kommen würde. Er war ja kein Spießer, der ständig meinte, sein Eigentum vor den gierigen Fingern der bösen Welt beschützen zu müssen. Dass er heute abschloss, lag nur daran, dass er seiner Mutter keine Angriffsfläche bieten wollte. Ihr skeptischer Blick auf das Schloss, das ein Anfänger mit einer Erstklässler-Schere knacken könnte, entging ihm nicht. Denselben Blick hatte sie ihm bereits heute Morgen zugeworfen. Da war sie in seinem Bett alleine aufgewacht und hatte verwundert die Wohnung nach ihm durchsucht, bis Lionel aus Adrians Zimmer trat, sich noch den Schlaf aus den Augen reibend, und seiner Mutter erklärte, er weiche öfter auf das Bett seines Mitbewohners aus, wenn er in seinem eigenen nicht gut schlafen könne. Natürlich, fügte er hinzu, dürfe Adrian keinen Wind davon kriegen, so schlecht, wie der eh‘ schon auf ihn und Isa zu sprechen sei, der mit seinem Sauberkeitsfimmel. Der Blick seiner Mutter war unmissverständlich: sie missbilligte es entschieden, dass ihr Sohn ungefragt fremdes Eigentum benutzte. Wenigstens konnte sie sich eine Bemerkung verkneifen.

Vorfälle wie diese machten es ihm unmöglich, vor seiner Mutter er selbst zu sein. Solange er nicht wieder in eine nervenzehrende Diskussion über Zukunftsaussichten verwickelt werden wollte, musste er sich verstellen. So war es auch jetzt. Er wusste schon, was kommen würde, wenn er gleich erzählten würde, dass er den Studienplatz in Nürnberg, wo er sich vor Kurzem im März für ein Drehbuchstudium beworben hatte, abgelehnt hatte. Ob er nicht doch mal zur Studienberatung gehen wolle, würde sie fragen. Nur mal ausprobieren? Sie würde es mit dieser sanften Stimme fragen, damit es auf keinen Fall wie ein Ratschlag klänge. Als ob eine Dreiviertelstunde bei irgend so einem Herrn im grauen Anzug ausreichen würde, um seiner Persönlichkeit gerecht zu werden. Und der ganze Aufwand, bloß damit der Herr Studienberater ihm am Ende sagen würde, was er schon wusste: dass die beruflichen Aussichten mit Germanistik prekär seien, dass man als Student noch arm sein könne, aber nicht mehr, sobald Kinder und Wohnung und Auto anstünden, und so weiter.  

Doch Lionel hatte gerade keine Lust, sich entschuldigen zu müssen. Er würde ihr sagen, wie es war.

,,Es ist so‘‘, begann er, ,,sie hätten mich genommen, aber ich hab‘ abgelehnt. Ich hab‘ mir das nochmal gut durch den Kopf gehen lassen, und das klingt jetzt vielleicht arrogant, aber eine der Dozentinnen schreibt zum Beispiel für ,Lindenstraße‘. Das ist ja okay, ,Lindenstraße‘ hat ja ihre Berechtigung. Aber ich muss ehrlich sagen, ich will meine Drehbücher für was anderes schreiben als für ,Lindenstraße‘. Und dann hab‘ ich ein paar von den anderen Bewerbern kennengelernt, und das klingt jetzt vielleicht arrogant, aber viele von denen sind grade mal 18 geworden, die kommen frisch vom Abi. Da steh‘ ich halt schon an einem ganz anderen Punkt im Leben. Das klingt jetzt vielleicht arrogant, aber ein Stückweit fühl‘ ich mich schon reifer als diese Abiturienten. Einer von denen hat als Lieblingsfilm ernsthaft ,Star Wars‘ angegeben. Das ist ja okay, ,Star Wars‘ ist ja nicht schlecht gemacht, aber ich muss ehrlich sagen, ,Star Wars‘ ist jetzt wirklich nicht das, wofür ich Drehbuch studieren will.‘‘ 

Jetzt war es raus. Erleichtert nahm Lionel einen Schluck Mango-Schorle. Seine Mutter griff ihrerseits zu ihrem Kaffee mit Milch. Die Frau mit den Rastazöpfen, die bediente, hatte seiner Mutter Hafer-, Soja- und Mandelmilch angeboten, aber seine Mutter hatte auf Kuh-Milch bestanden.

Seine Mutter ließ ihren Blick über den Hinterhof schweifen, in dem das Café lag. Aus den Boxen über der Theke sollten afrikanische Trommeln diesen deutschen Hinterhof mit einem Hauch Savanne veredeln. An einem Einzeltisch in der Vormittagssonne saß eine ältere Frau, die Hornbrille in die Kurzhaarfrisur gesteckt, und las die ,,Zeit‘‘. Durch den Hinterhofeingang schob ein Mann mit Einsteinfrisur, oberster Hemdknopf offen, sein gebrauchtes Rennrad – sicher ein Geisteswissenschaftler.

Dann fragte sie: ,,Jetzt mal abgesehen von dieser Dozentin und diesem ,Star Wars‘-Fan, meinst du nicht, dass ein Drehbuchstudium besser ist als keins?‘‘

,,Das kann schon sein.‘‘, erwiderte Lionel ohne Zögern, froh, direkt eine Antwort bereit zu haben. ,,Wie gesagt, ich hab‘ mir das wirklich gut überlegt. Das Ding ist, jetzt nochmal ein Bachelor? Ich hab‘ doch grad erst einen abgeschlossen, jetzt nochmal einer? Das käme mir irgendwie vor wie ein Rückschritt. Da müsste ich wirklich überzeugt von sein, und Nürnberg überzeugt mich halt nicht. Immerhin hab‘ ich hier mein ganzes soziales Netzwerk und meine Stelle als freier Redakteur zu verlieren. Aber du hast recht, ohne Drehbuchstudium wird es schwierig, die nötigen Connections zu machen. Deshalb denke ich darüber nach, mich nochmal in Babelsberg zu bewerben.‘‘

In Babelsberg befand sich ebenfalls eine Film-Uni, die allerdings deutlich mehr Renommee besaß als jene in Nürnberg. Fast alle großen Sterne der deutschen Filmwelt hatten hier ihren Aufstieg begonnen; wer es einmal hierher geschafft hatte, der konnte mit Zuversicht einer ruhmvollen Zukunft entgegensehen. Hier gehörte er hin, daran bestand für Lionel kein Zweifel. Deshalb hatte er sich in diesem Frühjahr, parallel zu Nürnberg, auch in Babelsberg beworben, und war abgelehnt worden.

,,Man darf sich zwar nur einmal bewerben.‘‘, erklärte er. ,,Darum werde ich mich nächstes Jahr direkt für den Master bewerben. Außerdem nehmen sie in Babelsberg bevorzugt Leute ab 25. Die haben einfach schon mehr zu erzählen als mit 18.‘‘

Er sah, wie seine Mutter den linken Mundwinkel herabzog. Er hasste es, wenn sie das tat. Einem Unbeteiligten fiel diese kleine Angewohnheit nicht weiter auf, doch für Lionel steckten in diesem herabgezogenen Mundwinkel all die begrabenen Ideale, deretwegen er von seiner Mutter enttäuscht war. Jetzt würde sie gleich wieder etwas Pragmatisches sagen.  

Sie war nicht immer so gewesen. Es musste eine Zeit gegeben haben, in der seine Mutter noch Ideale gehabt hatte. Wie sonst hätte sie sich in den jungen Mann verlieben können, der Dostojewski auswendig zitieren konnte und nachts an seinem großen Debütroman schrieb, während er tagsüber mit Gelegenheitsjobs als Dolmetscher gerade so über den Monat kam?

Lionels Eltern hatten sich in den 90er Jahren in Bogotà kennengelernt, wohin seine Mutter, die fließend Spanisch sprach, für zwei Monate gekommen war, um für ihre Zeitschrift ,,konkret‘‘ über den Alltag in dem vom Drogenkrieg gebeutelten Land zu recherchieren. Kaum vorstellbar, dass dieselbe Frau, die heute das Germanistikstudium ihres Sohnes für romantische Schwärmerei mit Endstation Jobcenter hielt, damals spontan ihren Kolumbien-Aufenthalt um ein halbes Jahr verlängert und bei ihrer Rückkehr nach Berlin ohne Zögern ihr WG-Zimmer gekündigt hatte, um mit ihrem neuen Freund, den sie aus Kolumbien mitgebracht hatte, zusammenzuziehen.

Lionel war Sechs, als seine Mutter sich von seinem Vater trennte. Heute verstand er sie. Sein Vater war nicht gemacht für ein bürgerliches Leben mit Ehe und Familie. Es gab eine Anekdote – Lionel hatte sie schon mindestens zwei Dutzend Male gehört, aber seine Mutter erzählte sie trotzdem immer wieder. Wenn es eine Anekdote gebe, sagte sie, die in wenigen Worten alles erkläre, dann diese: während sie im Kreißsaal unter den schlimmsten Qualen ihres 27-jährigen Lebens ihren gemeinsamen Sohn, Lionel, zur Welt gebracht habe, habe ihr Mann draußen im Flur gesessen und Dostojewski gelesen.  

Nein, sein Vater war nicht gemacht für ein bürgerliches Leben mit drögem, aber solidem Beruf, ebenso solider Kücheneinrichtung und Bausparvertrag. Sein Vater lebte für die Romane in seinen Regalen und für den Roman auf seinem Schreibtisch, an dem er Abend für Abend arbeitete und der doch nicht fertig wurde. Dazwischen schrieb er Essays, die nicht zur Veröffentlichung gedacht waren, und brachte sich mit Beiträgen für diverse Radiosender und Zeitungen über den Monat. Während die anderen im Rennen ums Geld gefangen waren, blieb er frei, und während sie das Geld mit dem Ziel verwechselten, vergaß er nie, worum es wirklich ging, nämlich um Dostojewski und Camus.

Je älter Lionel wurde und je mehr er sich fragte, wer er war, wer er sein und was er alles anders als die Erwachsenen machen wollte, desto näher fühlte er sich seinem Vater und desto fremder der Mutter. Von seinem Vater erfuhr er, welche Bücher er lesen und welche Filme er sehen sollte und wie er sie zu verstehen hatte. Als Lionel in das Alter kam, in dem man auf Partys geht, stellte sein Vater seine Wohnung zur Verfügung und feierte gleich selber mit. Stolz bekam Lionel am nächsten Tag von seinen Klassenkameraden versichert: ,,Ist echt korrekt, dein Dad!‘‘

Seine Mutter hingegen hatte die Seiten gewechselt und war übergelaufen zu den Jedermanns. Nachdem sie von der Liebe ihres Lebens enttäuscht worden war, verbannte sie aus ihrem Leben gleich alles, wovon sie glaubte, dass es sie für diese Täuschung anfällig gemacht hatte. Sie kündigte bei ,,konkret‘‘ und wurde Beamtin im Kultusministerium. Die ,,konkret‘‘ auf dem Wohnzimmertisch tauschte sie gegen die ,,Welt‘‘ aus. In Frank fand sie einen zuverlässigen Partner, der selbst zwei Kinder in die Beziehung mitbrachte und für den Ehe und Familie genau das waren, was er suchte. Bald hatte sie sich im Ministerium in eine leitende Position hinaufgearbeitet, sodass sie die Wohnung renovieren, eine Design-Möbelkollektion hineinstellen und den alten Volvo vor der Tür durch einen neuen Audi ersetzen, also genau das tun konnte, was ihr Ex-Mann als Bestechung durch den Kapitalismus verachtet hätte. Sie war stolz darauf, dass sie ihrer Familie Skiferien in der Schweiz und Sommerurlaub auf La Gomera bieten konnte. Spätestens bei La Gomera dachte Lionel abfällig, dass seine Mutter nun die typische Grünen-Wählerin verkörperte: wählte Grün, weil es schick war, und gehörte doch längst zum Establishment.

Mit 16 beschloss Lionel, dass er nicht länger einfach zusehen konnte, sondern etwas unternehmen musste. Da er seine lyrische Begabung bereits entdeckt hatte, fand Lionel, ein Gedicht wäre die geeignete Form. Im Nachhinein musste er zugeben, dass die Vorstellung, das Ziel – seine Mutter – mit einem Gedicht, sozusagen mit Links zu erledigen, ihn durchaus ein wenig berauscht hatte.

Das Gedicht erzielte die gewünschte Wirkung. Nicht ohne Stolz erzählte Lionel jedem, der es hören wollte, dass seine Mutter das Werk ihres Sohnes sogar ihrer Therapeutin gezeigt hatte.  

Allerdings konnte auch sein Vater anstrengend sein. Mit seinen scharfgeschnittenen, lateinamerikanischen Gesichtszügen, dem spanischen Akzent und seiner Arbeit als Schriftsteller glaubte Lionel ihm doch, dass er bei Frauen gut ankam. Warum musste sein Vater also bei jedem Telefonat mit seinen neuesten Erfolgen bei den ,,Chicas‘‘ prahlen? Und wie kam es, dass Lionel, so oft er seinen Vater besuchte, nie eine Chica zu Gesicht bekam?

Den letzten Besuch seines Vaters hier in Freiburg wollte Lionel am liebsten ganz vergessen.  Es war ihm vorgekommen, als wären die Rollen vertauscht worden und als könne er seinen Vater keine Stunde aus den Augen lassen, ohne dass dieser ihn anrief: er habe den Schlüssel zu Lionels Wohnung verloren. Geschlagene zwei Stunden verbrachte Lionel damit, zusammen mit seinem Vater Freiburgs Straßen nach einem silbernen Schlüssel abzusuchen. Bis sein Vater vor lauter schlechtem Gewissen ein paar Scheine für ein neues Schloss aus dem Geldbeutel zog und dabei, mit hellem Klingeln, ein silberner Schlüssel zu Boden fiel.

Statt der erwarteten Moralpredigt nahm seine Mutter einen Schluck Kaffee mit Kuh-Milch und sagte: ,,Verstehe. Was hast du denn zu erzählen?‘‘

Lionel schluckte. Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet. Doch er fasste sich rasch, denn er musste sich nicht verstecken. ,,Ich hab‘ da so ein Ding gedreht, einen Rap. Text und Beats sind von mir, die Vocals hat Isa gemacht. Das klingt jetzt vielleicht arrogant, aber ich glaub‘, dieser Rap wird voll einschlagen.‘‘

Die Kaffeetasse zwischen den Händen, sah seine Mutter ihn über den Rand hinweg an. Lionel fragte sich, was sie gerade dachte. Nach einigen Sekunden gewann er sogar den Eindruck, dass in ihrem Blick Staunen lag. Er beschloss, die Gunst des Augenblicks zu nutzen. ,,Apropos Rap‘‘, sagte er, ,,ich merke gerade, wieviel Spaß mir solche kreativen Projekte machen. Das ist genau das, was ich will. Darum hab‘ ich mich entschieden, mit dem Master noch ein bisschen zu warten und nächstes Semester erstmal Pause zu machen. Um mich voll auf meine kreativen Projekte zu konzentrieren.‘‘

Er hielt den Atem an. Gleich würde sie ihm vorhalten, dass er doch schon anderthalb Jahre mit Studienanfängen verloren habe, bevor er endlich bei Germanistik geblieben sei, wofür er übrigens auch wieder ein Jahr länger gebraucht habe, und dann würde sie ihm drohen, sie werde ihm das Geld kürzen, falls er das mit dem Pausensemester wahrmachen sollte, in einem Monat werde er 25.

Opa Torsten kam ihm zu Hilfe. ,,Alter, Lionel, krasser Shit, der Junge kann rappen!‘‘ Torsten gab seinem Enkel die Faust und ließ sich mit einem behaglichen Ächzen seiner Theaterstimme, die durch den ganzen Hinterhof trug, auf den Stuhl neben Lionel plumpsen. Sein Opa war Schauspieler gewesen. Kein Amateur, er war ,,Nationalspieler‘‘ gewesen, wie er gern betonte. Im Freiburger Stadttheater und sogar schon auf der Berliner Volksbühne hatte er gespielt.

,,Ohne Witz, Alter, dein Video ist echt krass hammer geil!‘‘, proklamierte der Nationalspieler und legte Lionel den Arm um die Schultern, als wären sie zwei Junggesellen, die nachts die Stadt aufmischten.

Noch am selben Abend, an dem seine Mutter zurück nach Berlin fuhr, stellte Lionel die Leinwand und den Projektor auf, die ihm sein Vater zum Geburtstag geschenkt hatte, und schaute zum vierten oder fünften Mal ,,oh boy!‘‘. Zum ersten Mal gesehen hatte er den Film vor ein paar Jahren mit seinem Vater auf der Berlinale. Schon damals hatte er mit Niko, dem jungen Helden, eine Art Seelenverwandtschaft gespürt.

Eigentlich hat Niko alles, was man nach allgemeiner Annahme brauchte, um glücklich sein zu können: Jugend, Intelligenz, eine hübsche Freundin, die ihn liebt, einen Vater im Hintergrund, dessen Vermögen Niko, egal wie tief er fiele, eine weiche Landung bescheren würde. Doch Niko ist unglücklich. Er macht Schluss mit Studium und Freundin und lässt sich ziellos durch die Hauptstadt treiben. Sei es die ehemalige Klassenkameradin, die sich vom pummeligen Mauerblümchen zur Aufreißerin mit Modelfigur heruntergehungert hat und endlich die Früchte ihrer Entbehrungen, nämlich Nikos Begehren ernten will, sei es das Stolpern in die Dreharbeiten eines schlechten Hitler-Films, stets stoßen Niko die Dinge bloß zu, und er kann höchstens reagieren. Die anderen, die ihrem ,,normalen‘‘ Alltag nachgehen, erscheinen in Nikos Augen immer verrückter, während er, der verloren durch die Großstadt irrt und keinen Zugang zur Welt der ,,Normalen‘‘ finden kann, offenbar der einzig Gesunde ist. Nikos Absage ans ,,normale‘‘ Leben, seine konsequente Verweigerung jedes Mal, wenn das Leben ihm seine Hand reichen will, wirken auf den ersten Blick wie eine Unfähigkeit – in Wahrheit hebt sie ihn aus der Masse der gewöhnlichen Existenzen heraus und kennzeichnet ihn als einen der Wenigen, die für Höheres bestimmt sind.

Ja, Lionel fühlte sich von diesem Film verstanden. Auch er empfand eine tiefe Abneigung gegenüber dem ,,normalen‘‘ Leben. Auch er würde sich mit dem, was vielleicht einem Max Mustermann genügte, niemals abspeisen lassen.

***

Lionel studierte zwar offiziell als einer von Vielen Germanistik, aber eigentlich war er Journalist, Poet, Schriftsteller, Drehbuchautor, Rapper – alles auf einmal.

Als Poeten flogen ihm die Verse über Wohnheime oder desillusionierte Mütter zu, und er musste sich bloß noch einen Kugelschreiber und einen Fetzen Papier schnappen und sie aufschreiben. Dass auch ein Journalist in ihm steckte, hatte er bewiesen, indem er die Leute bei der Badischen Zeitung von sich überzeugt und einen der begehrten Posten als freier Redakteur ergattert hatte. Mit seinem Presseausweis reiste er durch die Region und berichtete über das, was die Menschen wirklich bewegte: Schlaglöcher, die gestopft werden sollten, oder die anstehende Bürgermeisterwahl in Hinterzarten. Sein wahres Potenzial, das war ihm bewusst, besaß natürlich größere Dimensionen. Wenn in der Vorlesung die Spannung wieder einmal den kritischen Wert überschritt, trieb Lionel per Google die Recherchen für seine große Reportage voran, mit der er seinen Durchbruch feiern würde und deren Schwerpunkt sich inzwischen von Südafrika eine halbe Erdumdrehung nach Kolumbien verschoben hatte. Sobald die Story feststünde, würde er stracks zum Chefredakteur der Badischen marschieren und sein Projekt präsentieren. Bis es so weit wäre, nahm er als Rapper ,,The A‘‘ – das A stand für Anarchie – aktuelle Themen gnadenlos aufs Korn. Mit seinem Rap ,,Die Akte UB‘‘, in dem er aufarbeitete, wie die Freiburger Uni-Bibliothek den Studierenden erst tagelang Bohrgeräusche zugemutet hatte, bevor die neuen automatischen Drehtüren dann andauernd stehenblieben, holte ,,The A‘‘ beim Talentwettbewerb der Uni sogar den zweiten Platz! Beflügelt von diesem Triumph, bewarb sich Lionel per Mail bei Jan Böhmermann für das ,,ZDF Magazin Royale‘‘ – und bekam nie eine Antwort. Einen Tag lang war Lionel enttäuscht, dann sagte er sich: wenn es mit der Karriere als Comedian nicht klappte, wurde er eben Drehbuchautor. In seiner digitalen Schublade wartete bereits ein Skript auf seine Entdeckung. Die Idee dazu war Lionel nachts auf dem Heimweg von einer Party gekommen, als an der S-Bahn-Haltestelle ein Mann mit langen weißen Haaren, der dort schlief, sich ihm als Doktor der Philosophie vorstellte und den kategorischen Imperativ erläuterte. Das war es! Wie wurde aus einem Doktor, der Kant studiert hatte, ein Obdachloser? Lionel spürte, er war da an etwas ganz Tiefem dran. Noch in derselben Nacht hatte er sich an den Schreibtisch gesetzt und das Drehbuch in die Tasten gehauen. Als er am frühen Morgen erschöpft einschlief, standen die ersten fünf Seiten. Weiter war er bisher noch nicht. Aber mit diesem Drehbuch würde er die Jury in Babelsberg überzeugen und daraus einen Fernsehfilm machen.    

Natürlich war Lionel auch Schriftsteller. An einem Mittwochabend saß er im Stadttheater und las seine neue Kurzgeschichte vor, Titel: ,,Der Zaubertrank‘‘. Eine Runde Schreibbegeisterter und ein professioneller Lektor, der die Schreibwerkstatt leitete, hörten zu.

Der Protagonist, ein Schaffner, trägt am liebsten graue Anzüge und hasst überhaupt alle anderen Farben außer Grau. Er empfindet ein diabolisches Vergnügen dabei, Schwarzfahrer auf frischer Tat zu ertappen, und hegt, wie Schaffner eben so sind, xenophobische Ansichten. Eines Abends auf dem Heimweg stößt der Schaffner auf einen Zaubertrank. Er trinkt ihn, und siehe da, unverhofft verwandelt er sich in eine stattliche Erscheinung. Dank seiner neu gewonnenen Attraktivität kann er jetzt seine fremdenfeindlichen Ansichten ungefiltert unters Volk bringen, das ihm sofort verfällt und zum nächsten Kanzler wählt.

Was als scharfsinnige Analyse des Erstarkens populistischer Parteien gemeint war, entlockte dem Lektor während des Zuhörens kaum unterdrückte Seufzer. Als Lionel fertig war, machte der Lektor kurzen Prozess: die Hauptperson sei holzschnittartig; es sei kein Geheimnis, dass attraktive Menschen es leichter im Leben hätten, er wage jedoch, mit Blick auf die aktuelle Amtsinhaberin, zu bezweifeln, dass gutes Aussehen alleine ausreiche, um Bundeskanzler zu werden; und überhaupt, die Leute wählten doch nicht AfD, weil sie von der äußeren Erscheinung eines Björn Höcke verzaubert seien.

Lionel beschloss, sich das Urteil nicht zu Herzen zu nehmen. Er legte den ,,Zaubertrank‘‘ erst einmal beiseite und versuchte sein Glück mit einer anderen Geschichte. Denn Lionel hatte stets eine Handvoll Texte gleichzeitig in Arbeit. So konnte er, stieß er bei einem Text auf Schwierigkeiten, einfach auf einen anderen ausweichen. Und wenn er sich nicht inspiriert fühlte, blieb der Laptop sowieso zu. Sich jeden Tag wie ein Büroangestellter verbissen hinter die Schreibmaschine zu klemmen, überließ Lionel den Thomas Manns, deren ,,Buddenbrooks‘‘ angelesen in seinem Regal verstaubten.

Schon vor dem Erlebnis in der Schreibwerkstatt war in Lionel die Ahnung erwacht, dass er die längste Zeit geschrieben hatte. Die eigene, fertige Geschichte vorzulesen, das war schon ein gutes Gefühl. Aber wie viele Stunden Stillsitzen waren dazu nötig, in denen man lauter andere Sachen verpasste, die viel mehr Spaß machen würden! Er musste zugeben, zum Autor war er wohl doch nicht geboren, dafür hatte er das Leben zu gerne und am Versauern im stillen Kämmerlein zu wenig Freude. Wieviel befriedigender war das Schreiben einer anderen Art von Texten, nämlich Poetry Slams oder Rap-Texten! So ein Rap-Text war deutlich schneller als eine Kurzgeschichte fertig, bei gleichem Lohn. Wozu sollte er noch Geschichten schreiben, wenn er mit Rap den Applaus des Publikums viel schneller haben konnte?

Der neue Rap von ,,The A‘‘ beschäftigte sich mit dem Problem, dass man in Freiburg als Student immer weniger Möglichkeiten zum Feiern hatte. Ein Jahr war es her, da hatte in Freiburg ein Hauch von Berlin Einzug gehalten, und zwar mit der Eröffnung des ,,24‘‘, des ersten Clubs, der seine Türen niemals schloss. Endlich war es den Studierenden möglich, nicht mehr nur bis drei Uhr, sondern die ganze Nacht hindurch zu feiern, wofür sie bisher über das verlängerte Wochenende nach Hamburg auf die Reeperbahn oder nach Berlin ins ,,Berghain‘‘ hatten fahren müssen. Die Studierenden des 21. Jahrhunderts besaßen ein Grundrecht auf so einen Club, schließlich studierten sie nicht nur, um zu lernen, sondern auch und vor allem, um zu leben.

Weil das ,,24‘‘ – alle sprachen es englisch aus – offensichtlich einen Nerv traf, brachte es im Handumdrehen Leben in das Viertel. Davon, dass der Platz im Keller, in den der Club eingezogen war, für maximal siebzig Personen reichte, ließen sich die jungen Leute nicht abschrecken. Sie erweiterten die Partyzone einfach auf den Gehweg und die umliegenden Häusereingänge und eröffneten mittels ihrer Musikboxen ihre eigenen Clubs. Am Morgen krochen die ersten Sonnenstrahlen in die Straßen und ließen eine faszinierende Landschaft aus den Schatten tauchen. Armadas leerer Bierflaschen bevölkerten die Treppen, Stromkästen, Bordsteine, Fensterbretter und Autodächer. Scherbenhaufen funkelten dort, wo eine Flasche aus Unachtsamkeit oder auch aus purer Lust am Leben zertrümmert worden war. Ein Schauspiel, welches den Anwohnern vorbehalten blieb, die um sieben Uhr morgens zur Arbeit durften, während die Studierenden, endlich doch daheim in ihren Betten, sich von ihren kraftzehrenden Nachtschichten erholen mussten.

Und jetzt kam der Clou: Den Anwohnern gefiel das nicht. Ganz offensichtlich wurde dieses Viertel von alten, verbitterten Spießern bewohnt, die vermutlich auch noch Alemannisch oder Badisch sprachen und meinten, die Stadt für sich gepachtet zu haben. Hätten diese Leute sonst wiederholt wütende Briefe an die Stadtverwaltung geschrieben und, als ihre Bitten nicht erhört wurden, schließlich rechtliche Schritte eingeleitet? Fassungslosen Studenten, heiß auf Party, mussten die Betreiber des ,,24‘‘ erklären, dass sie vor dem Heer teurer Anwälte, welches die Anwohner gegen sie in Stellung gebracht hatten, wohl oder übel kapitulieren mussten. Womit der Club seine Türen wieder um drei Uhr nachts schließen musste und für die Studenten eine Welt zusammenbrach. Ohne die Möglichkeit, die ganze Nacht durch zu feiern, verlor der kleine Club in dem miefigen Keller freilich seine einzige Anziehung für die Studenten und ging einen Monat später bankrott.

Die Nachricht von der Schließung des ,,24‘‘ war für Lionel der Moment, endlich aufzustehen. Lange, viel zu lange hatte er stillgehalten, sich auf die Zunge gebissen und mitangesehen, wie die Stadt einen Club nach dem anderen zugrunde gehen, einen Imbiss nach dem anderen die Preise für seine veganen Brötchen erhöhen ließ. Jetzt war Schluss!

,,Wer denkt noch an die Jugend heute?! Lasst uns aufstehen, alle jungen Leute!‘‘, rief Lionel anklagend ins Mikrofon, und zwar in seinem neuen Rap ,,24/7‘‘. In echter Gangsta-Rap-Manier, minus Muskeln und krimineller Vergangenheit, rechnete ,,The A‘‘ ab: mit den antifreiheitlichen Anwohnern, die er sogar kurz sehr realistisch nachspielte, und zwar als alter Mann, der ,,Nicht vor meiner Haustür!‘‘ keifte; mit der Stadtverwaltung, die zugesehen hatte, wie zuerst das ,,Schmitz Katze‘‘ insolvent gegangen war, weil irgend so ein Immobilienhai die Miete in den Himmel getrieben hatte, und jetzt das ,,24‘‘. Im Dienste aller junger Menschen, die keine Stimme hatten, trat ,,The A‘‘ ans Mikro und verlangte zu wissen: Wo sollten denn ganz normale junge Menschen, die nicht mehr vom Leben verlangten als ein Maximum an Spaß, jetzt noch hin? Als gebürtiger Berliner – das hieß, ein echter Berliner, keiner dieser zugezogenen Möchtegernberliner – war Lionel durchaus qualifiziert, ein Urteil über das Nachtleben einer Stadt zu fällen. Und was Freiburg betraf, fiel das Urteil kläglich aus.

Nur ein Landei hätte vielleicht den Dingen, von denen Lionel in seinem Rap sprach, nicht ganz folgen können. Das Landei hätte, wenn es an seinem freien Tag einen Ausflug in die große, aufregende Stadt unternommen hätte, all die Jungen und Junggebliebenen in den Cafés, auf den Plätzen und am Ufer der Dreisam gesehen und wäre vielleicht auf den absurden Gedanken gekommen, manche Studenten – freilich hätte das Landei nicht an ,,Studierende‘‘, sondern an ,,Studenten‘‘ gedacht – hätten gar nichts anderes zu tun, als sich von ihrem Studium zu erholen. Gut möglich, dass dem Landei schon an der erstbesten Litfaßsäule mit ein paar Konzertplakaten ganz schwindelig geworden wäre vor lauter Möglichkeiten, und dass es sich vielleicht gefragt hätte, ob man bei dieser Flut von Partys, Festen, Konzerten, Happy Hours, Raves und Flashmobs nicht zu dem Gefühl verdammt wäre: egal wie sehr man sich auch anstrengte, man würde das Leben verpassen, denn immer wäre irgendwo die Party noch besser, die Stimmung noch wilder, die Leute noch cooler. Auf solche und ähnliche Gedanken hätte das Landei bei seinem Besuch in der großen, aufregenden Stadt kommen können, weil es nun einmal ein Landei war und bleiben würde. Das Landei verlangte vom Leben nicht mehr, als von Zeit zu Zeit etwas anderes als Bauer Lukas‘ Schenke zu sehen, und schon war es glücklich. Es konnte nicht wissen, dass die jungen Leute von heute, die etwas auf sich hielten, sich nicht so einfach abspeisen ließen. Dass es längst nicht mehr darum ging, einfach nur Party zu machen, sondern dass die Party einmalig, unverwechselbar und unwiederholbar sein musste. Die jungen Leute von heute waren in einem Umfeld aufgewachsen, das seinen Schützlingen versichert hatte, dass sie etwas ganz Besonderes waren und alles erreichen konnten, wenn sie es nur genug wollten. Und nun wollten die jungen Leute von heute eben einen Club, dessen Türen ihnen 24/7 offenstanden.    

Früher waren es die ,,Bild‘‘-Zeitung, der Vietnamkrieg oder alte Nazis in Schlüsselpositionen gewesen; heute war es das ,,24‘‘.

 ***

In seinem neuen Track stand ,,The A‘‘ ein ,,Feature‘‘ namens ,,Sia‘‘ zur Seite. Das war Isas Pseudonym, die auch Germanistik studierte, aber eigentlich Sängerin war. Die gemeinsame Arbeit an Lionels Rap hatte sie nicht nur musikalisch näher zusammengebracht.

Befreundet waren sie seit vier Jahren, WG-Mitbewohner seit einem. Wann immer einem von ihnen etwas auf dem Herzen lag, war der andere die erste Adresse. Niemand sonst kannte Lionel so gut, wie Isa ihn kannte, und umgekehrt. Wenn Michi und Anna anriefen und Lionel in den Seepark bestellten, war allen klar, dass er Isa gleich mitbringen würde. Abende lang konnten sie auf dem Balkon sitzen oder in seinem Klapp- oder ihrem Holzbett liegen. Dann fing plötzlich einer von beiden an, den pseudo-alemannischen Dialekt zu sprechen, den sie entwickelt hatten, und es brauchte nur ein, zwei Sätze – ,,Lionel, was häsch du gseit? Gopferdammi, Lionel, was schwätzisch du da?‘‘ -, schon beäumelten sie sich darüber, wie das klang. Sie lachten und redeten, bis sie irgendwann gegen drei Uhr morgens widerwillig doch noch schlafen gingen, nicht weil ihnen nichts mehr eingefallen wäre, sondern weil sie morgen um Acht Uni hatten.

Und nun machten sie sogar zusammen Musik. Was lag da näher, als dass einer von beiden endlich den letzten Schritt tat, sich vorbeugte und die andere küsste?

Es war Lionel, der den ersten Schritt wagte, der eigentlich der letzte in einer jahrelangen Reihe von Annäherungen war. Sie lagen in ihrem Bett, und seit ein paar Minuten sprach niemand von ihnen ein Wort; Isa war der einzige Mensch, mit dem Lionel auch schweigen konnte. Er musste sich nicht überwinden, im Gegenteil, es erschien ihm das Selbstverständlichste von der Welt, dass er sich nun vorbeugte und sie küsste. Isa erwiderte den Kuss. Es hätte das Ende einer Freundschaft und der Beginn einer wahren Liebe werden können.

Allerdings, da machte Lionel sich nichts vor, war Isa nicht die Einfachste. Morgens um Acht – sie waren schon wieder viel zu spät dran, weil Isa sich von irgendeinem Seminar doch nicht diktieren ließ, wie lange sie ihre Haare waschen durfte – hielt Lionel geduldig die Tür des Fahrradkellers für sie auf. Damit sie auf ihrem Rennrad losbrauste, ohne sich auf dem ganzen Weg auch nur ein einziges Mal nach ihm umzudrehen, und, nachdem sie ihr Rad versorgt hatte, die Tür der Uni hinter sich zu fallen ließ, weil manche eben einfach zu langsam waren.

Es waren Erfahrungen wie diese, die Lionel zur Vorsicht mahnten. Aus Selbstschutz nahm er sich vor, sich nicht in Isa zu verlieben und eine feste Beziehung im Vornherein auszuschließen. ,,Ich liebe sie wirklich nicht.‘‘, versicherte er seinem Freund Michi, der meinte, ihn warnen zu müssen. ,,Wir haben halt eine Freundschaft Plus, wenn man das unbedingt etikettieren muss, und es fühlt sich richtig an. Gerade gestern haben wir beide wieder gesagt, dass wir nicht zu weit vorausdenken wollen. Man sollte den Moment genießen.‘‘

Was Lionel verschwieg, war, dass diese bewundernswert entspannte Einstellung noch einen anderen Grund hatte. Isa ließ nämlich keinen Zweifel daran, dass sie der Beziehung mit ihrem Ex-Freund Friedrich immer noch hinterhertrauerte und weit entfernt davon war, offen für etwas Neues zu sein. Friedrich studierte Klavier, war also nicht nur eigentlich, sondern tatsächlich Musiker, und es verging kaum ein Abend, an dem er nicht irgendwann im Gespräch zwischen Isa und Lionel auftrat. Isa bettete ihren Kopf in Lionels Schoß, ließ ihre bauchnabellangen, feuerroten Haare den Duft ihres Shampoos – Wacholderblüten, ohne Zusatzstoffe! – verströmen und breitete ihre neuesten Reflexionen darüber aus, weshalb die Beziehung mit Friedrich zum Scheitern verurteilt gewesen war, was für außergewöhnlich komplexe Persönlichkeiten Friedrich und sie selbst seien, und dass sie das auf eine Art füreinander bestimme, auf eine andere Art jedoch trenne. Die Sterne hätten es vorhergesagt, erklärte Isa, die sich mit Astrologie auskannte, Friedrich als Löwe und sie als Schütze seien naturgemäß sehr impulsive und leidenschaftliche Charaktere; wenn zwei solcher Naturgewalten aufeinanderträfen, dann sei der Knall unvermeidlich, und dieser Knall könne schöpferisch sein, aber auch zerstörerisch. Apropos, ob sie ihm schon erzählt habe, dass Friedrich im Streit gerne Sachen durchs Zimmer geworfen habe? Sie habe teilweise richtig Angst bekommen, gleichzeitig aber immer gespürt, dass dahinter eine tiefe Verletzlichkeit stecke. Nie im Leben hätte er ihr auch nur ein Haar krümmen können. Und nun perlten aus Isas mandelförmigen, langbewimperten Augen die ersten Tränen, und Lionel schloss sie in seine Arme und wisperte, es tue ihm leid, und Isa erwiderte, es brauche ihm nicht leidzutun, er könne ja nichts dafür, und trotzdem entschuldigte Lionel sich jedes Mal aufs Neue, weil er nicht wusste, was er sonst dazu sagen sollte.

Abgesehen davon war es wunderschön mit ihr. Nach vier Jahren Freundschaft wusste Lionel ja, dass Isa ihre kleinen Flausen hatte, und auch, dass Versuche, sie darauf hinzuweisen, letztlich mehr Nerven kosteten, als das Nervige auszuhalten.

Dass meistens er die Einkäufe erledigte – geschenkt. Er verstand, dass sie die Zeit dringender brauchte, für ihre Vorbereitungen auf die Aufnahmeprüfungen für die Musikhochschule. Es störte ihn auch nicht, dass sie das Geld für die Einkäufe nie zurückzahlte. Isa war seine Freundin, und mit Freunden teilte Lionel gerne.  

Einmal wies er sie doch darauf hin, dass die letzten fünf Einkäufe auf sein Konto gegangen waren. Am nächsten Tag machte sie sich tatsächlich auf den Weg zum Supermarkt. Sie kehrte zurück mit einer Packung Spaghetti und einem Glas Tomatensoße. Weil die Tomatensoße alleine doch ein wenig fad schmeckte, ging Lionel noch einmal los und besorgte Zwiebeln und Paprika, die er dann in der Küche zubereitete, während Isa in ihrem Zimmer sang, bis er rief: ,,Essen ist fertig!‘‘

Wie groß war Lionels Freude, als er eines Morgens auf dem Küchentisch einen Zettel mit seinem Namen fand und Herzchen und darunter einen Schokoriegel. Zugegeben, er brachte ihr ständig Süßes. Am liebsten hatte sie Milchschnitten, die hortete sie dann in ihrem Kühlschrankfach und achtete penibel darauf, dass er ja nicht mehr als die Hälfte nahm. Im Gegenzug brachte sie ihm nie etwas mit, aber Lionel erwartete auch nichts, sonst wären seine Geschenke ja nicht von Herzen gekommen. Umso schöner überraschte ihn nun ihr Schokoriegel.

Er nahm ihn in die Hand und musterte ihn. Lionel brauchte ein paar Sekunden, bis er darauf kam, was ihn störte: es war derselbe blaue Knusper-Riegel, von dem er Isa letzte Woche eine ganze Packung geschenkt hatte.

Solche Vorfälle waren ärgerlich, aber auch nicht schwerwiegend genug, um einen Streit zu riskieren.  Es blieben doch Kleinigkeiten, die zwar kurz nervten, aber nichts waren, womit er nicht fertig werden konnte. Von ihnen beiden gab es ohnehin schon eine, die ausnahmslos alles zur Sprache brachte, was sie nervte, also musste zumindest einer auch mal etwas schlucken, um der Beziehung willen, die keine war.

Anfang Dezember flog Lionel nach Kolumbien und reiste sechs Wochen durch das Land, nicht zum Vergnügen, sondern um Material für seine Reportage zu sammeln, die er inzwischen nicht mehr filmen, sondern schreiben und anschließend bei einem großen Reisemagazin einreichen wollte. Inspiriert kehrte er sechs Wochen später nach Freiburg zurück und freute sich darauf, heute Abend Isa endlich wiedersehen. Sie war ebenfalls für ein paar Tage verreist, um diverse Musikhochschulen zu besichtigen. Er schloss die Wohnung auf und betrat die Küche. Dort stellte er fest, dass Isa ihm alles genau so hinterlassen hatte, wie sie es gebraucht hatte, einschließlich des eingetrockneten Geschirrs ihres letzten Abendessens.

Lionel seufzte. ,,Typisch Isa!‘‘, erlaubte er sich einmal laut zu sagen, und machte sich ans Putzen. Sie konnten beide froh sein, dass Adrian zurzeit in München Praktikum machte, sonst wäre die nächste WG-Krise vorprogrammiert, und es wäre nicht das erste Mal, dass Adrian, der nicht nur Mitbewohner, sondern auch Hauptmieter war, ihnen mit dem Rauswurf gedroht hätte.  

Zwei Stunden kostete es Lionel, ihren Dreck wegzuräumen. Am Abend fuhr er zum Bahnhof, um sie abzuholen. Als Isa aus dem Zug stieg, war sie noch am Telefonieren: ,,I tell you, he played the piano like a god.‘‘ Mit ihrer Freundin Claire konversierte Isa bevorzugt auf Englisch. ,,See you tomorrow, my dear!‘‘, verabschiedete sie sich und legte auf. ,,Ich bin so müde!‘‘, begrüßte sie Lionel.

Daheim teilte sie ihm mit, dass sie erstmal eine halbe Stunde Ruhe brauche. ,,Lionel!‘‘, hörte er nach ein paar Minuten ihre genervte Stimme aus der Küche. Dort erwartete sie ihn mit dem gelben Lappen in der Hand, mit dem er noch vor einer Stunde ihre Soßenflecken vom Herd gewischt hatte und der noch tropfte. ,,Nächstes Mal, wenn du den Lappen benutzt, wring‘ ihn aus, bevor du ihn klitschnass aufhängst!‘‘

Wenn das so war, dann würde er ab jetzt auch alles ansprechen, das schwor er sich. Einen Abend später knallte er alles auf den Tisch: die unbezahlten Einkäufe, die Gespräche, die entweder von Friedrich oder von ihren Aufnahmeprüfungen handelten oder beidem, ihr Anspruch, dass alle sich immer nach ihr richteten, während sie nie auf andere zuging. ,,Weißt du noch, letztens, als ich dich angerufen habe? Wir lagen zu viert im Seepark, Michi, Claire, Anna und ich, und haben dich gefragt, ob du auch kommen willst. Und du wolltest, dass wir zum Moosweiher kommen, einfach weil du gerade dort warst und nicht hier. Und als wir das nicht wollten, bist du halt nicht gekommen.‘‘

Isa hörte aufmerksam zu, nickte artig und betonte immer wieder, dass sie Fehler gemacht habe, dass er mit allem, was er sage, recht habe. Für die Sache mit dem Lappen entschuldigte sie sich sogar. Lionel war überrascht und überglücklich. Sie war eben doch sehr reflektiert und sah ihre wunden Punkte, sie besaß nur ein herausforderndes Temperament, das ihr hin und wieder in die Quere kam. Aber ihre Entschuldigung war der Beweis, dass sie es nicht böse meinte; manchmal konnte sie einfach nicht anders.  

Im Anschluss an dieses Gespräch bemühte sie sich redlich. Sie ging zweimal hintereinander einkaufen und wies sein Geld, das er ihr anbot, zurück. Als er sie mittags anrief und fragte, ob sie mit Anna und ihm eine Pizza holen wolle, änderte sie spontan ihre Essenspläne und stieß dazu. In ihren abendlichen Balkongesprächen entging Lionel nicht, dass sie sich mit Friedrich und Aufnahmeprüfungen zurückhielt, und wieviel Kraft sie das kostete, und das rührte ihn so, dass er am Ende von sich aus nachfragte, wie es mit den Prüfungen laufe.

Die neue Isa lebte ein paar Tage, keine volle Woche, bevor über Nacht die alte Isa zurückkehrte. Lionel hatte sich zwar geschworen, er würde sich nichts mehr gefallen lassen; da war ihm aber noch nicht klar gewesen, was das in der Konsequenz bedeutete. Jeden Tag gab es einige Vorfälle, die Anlass zur Diskussion gegeben hätten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er nicht mehr die Nerven für noch ein klärendes Gespräch hatte und stattdessen die Kränkung hinunterschluckte. Nur für dieses Mal, nahm er sich vor. Natürlich blieb es nicht bei diesem Mal, viele weitere Male folgten, und für jede Kränkung, die er aushielt, musste er die eigenen Grenzen weitere paar Zentimeter verschieben, um sein Bleiben vor sich selbst zu rechtfertigen. Er war wie ein Spielsüchtiger, der nach jeder verlorenen Runde schwört: ,,Eine noch, aber wirklich die allerletzte.‘‘; und wenn er erneut verloren hat, erscheint die Option, doch noch einmal sein Glück zu versuchen, erträglicher, als sich einzugestehen, dass all das, was er bis hier investiert hat, unwiederbringlich verloren ist.

,,Kennst du den Film ,8 ½‘? Den müssen wir fürs Seminar schauen. Wie wär’s heute mit einem Kinoabend?‘‘, fragte sie beim Frühstück, wischte Lionel lachend einen Marmeladenklecks von der Backe und drückte auf die Stelle einen ihrer großzügigen Schmatzer, von denen sie nur ganz wenige bereithielt, für ganz seltene Momente, wenn sie ganz besonders gut gelaunt war.

Also stellte Lionel am Abend seinen Beamer auf und klappte sein Bett zum Sofa um. Mit dem Popcorn, das er besorgt hatte, wartete er noch. Schon hörte er sich am Telefon fragen: ,,Isa, wo bleibst du?‘‘, und sie antworten: ,,Ich chill‘ hier grad mit Claire im Seepark, warum?‘‘ – ,,Du hast es vergessen.‘‘, müsste er sagen, doch es würde nicht wütend klingen, eher weinerlich, denn gleich würde sie ihm erklären, dass das mit dem Filmabend nur ein Vorschlag gewesen sei, dass hier offensichtlich ein Missverständnis vorliege, sie habe ja nicht gewusst, dass er das als feste Abmachung interpretiere, dass der Ton, den er hier anschlage, ihr aber gar nicht gefalle.  

Um die Vorahnung beiseitezuschieben, schenkte Lionel sich schon mal ein Glas Wein ein. Wenig später ging die Tür, und Isa kam herein – sie hatte es nicht vergessen!

Sie küssten sich, und Lionel bat um die DVD.

,,DVD? Ich hab‘ keine. Wir haben doch gestern erst erfahren, dass wir den Film schauen sollen.‘‘

Lionel war, als höre er einen jener Soundeffekte im Horrorfilm: man hat gerade angefangen, dem Frieden vollständig zu vertrauen, man lässt die angespannten Glieder los, und genau in diesem Moment klirrt das Fenster und der Axtmörder stürmt herein.

Normalerweise hätte Lionel kurz gedacht, typisch Isa, und den Film auf Netflix oder kinox.to gesucht. Aber er konnte nicht mehr. 

,,Isa, ich kann nicht mehr.‘‘

Isa überlegte eine Sekunde und meinte dann: ,,Ich glaube auch, dass es am besten ist, das Ganze zu lassen.‘‘ Die Sachlichkeit, mit der sie das feststellte, versetzte Lionel einen Stich in die Brust. Isa trug sein gelb-orange-rotes Südafrika-Hemd, in dem ihr Körper noch zerbrechlicher wirkte als ohnehin schon. Das sollte es gewesen sein?

Er spürte, wie ihm Tränen in die Augen traten. Daraufhin kamen ihr ebenfalls die Tränen, und dann weinten sie gemeinsam und nahmen sich in die Arme, und in der Umarmung spürten sie den Körper des anderen, und die Traurigkeit wich der Lust und sie schliefen miteinander, obwohl sie gerade Schluss gemacht hatten.

Doch ändern konnte das nichts mehr. Sie waren jetzt wieder nur befreundet und taten so, als wären die letzten neun Monate nie passiert. Bis Isa sich mit Friedrich zum Eisessen verabredete.

Und als Isa noch von Eisessen sprach, war Lionel längst klar, dass aus dem unschuldigen Eisessen ein Bierchen am Abend würde, und aus dem Bierchen ein Spaziergang, von dem Isa erst spät nach Hause käme, wenn überhaupt.

***

,,Ey, Lionel, Alter! Lionel aka ,The A‘, so geil, dich kennenzulernen! Ich hab‘ deine Songs gehört, dieser Track, ,24/7‘, heißer Scheiß, Mann!‘‘ Überschwänglich wie einen lang vermissten Freund schloss Friedrich Lionel in die Arme.

,,Friedrich, schön, dich zu sehen.‘‘, blieb Lionel nichts anderes übrig als zu antworten.

,,Im Ernst, Alter, dein Rap bringt‘s voll auf den Punkt! Roh, direkt, dass es wehtut! Der wird noch voll einschlagen, ich sag’s euch!‘‘

,,Auf Spotify sind es mittlerweile zehntausend Klicks!‘‘, schaltete Isa sich ein und legte Lionel stolz die Hand auf die Schulter.

,,Ist ja jetzt neun Monate her, weiß nicht, ob da noch mehr dazu kommen.‘‘, beschwichtigte der Bewunderte.

,,Ich sag‘s euch, da liegt noch viel mehr drin! Das werden dreißig-, vierzigtausend Klicks, kein Scheiß!‘‘ Diese Prognose war derart übertrieben, dass sie ironisch hätte gemeint sein müssen, hätte Friedrich sie nicht mit einem Enthusiasmus vorgetragen, der ihn als einen auswies, der an die Kraft der Imagination glaubte, der nach den Sternen griff. Friedrich der Große musste etwas nur wirklich wollen, dann erreichte er es. Friedrich, der Visionär.

Die Prophezeiung einer ruhmvollen Zukunft aus dem Munde von Friedrich durfte ,,The A‘‘ als gutes Omen verbuchen. Denn Friedrich musste es wissen, schließlich war er ein echter Musiker, begnadeter Pianist. Hätte er sonst abends am Flügel im Salon des Colombi-Hotels mit seinen Jazzimprovisationen für das kultivierte Ambiente sorgen dürfen?

Vor Stolz geleuchtet hatten die Augen, die Isa auf den Mann am Klavier heftete, die Blinzelfrequenz auf ein Minimum reduzierend, um keine seiner Bewegungen zu verpassen. Das war, als sie und Friedrich noch ein Paar gewesen und Isa regelmäßig ins Colombi-Hotel gegangen war, um ihn zu hören.

Von Anfang an hatte Friedrich klargestellt, dass er von dem traditionellen Beziehungskonzept mit seinen Geboten von Treue und all den Verboten nicht viel hielt. Isa nahm es ihm nicht übel, er war ja Musiker, Künstler, und als solcher musste er vehement alles ablehnen, was seine freie Entfaltung behindern könnte. Isa wusste, dass ein Künstler, der es zu etwas bringen wollte, seine Freiheit über alles stellen musste, denn auch sie war ja Musikerin, Künstlerin, auch durch ihre Adern pulsierte dionysisches Blut. Im Moment musste sie sich noch mit Germanistik-Vorlesungen abgeben, doch ihre Entdeckung als Sängerin stand kurz bevor. Ihr wahrer Platz war die Bühne, und ihre wahre Identität war die Sängerin im paillettenbesetzten Kleid, die von ihrer Band angehimmelt wurde, deren Mitglieder sie nacheinander in Affären durchprobierte. Friedrich und sie verband die Leidenschaft für die Musik, was konnte noch dazwischenkommen?

In den ersten Monaten trafen Friedrich und Isa sich mehrmals pro Woche, gingen zusammen auf Partys und später zusammen nach Hause und teilten sich Bananen-Schokosplit-Eisbecher. Trotzdem weigerte Isa sich gegenüber Freundinnen, das Wort ,,Beziehung‘‘ in den Mund zu nehmen. Erst mit Überwindung gestand sie ein, dass es sich bei dem, was sie und Friedrich hatten, wohl doch um das handelte, was man konventionell eine ,,Beziehung‘‘ nannte. Konventionell waren sie deshalb noch lange nicht!

Friedrich, Vollblutmusiker, glaubte fest an die Weisheit von Bauchgefühl und Intuition. Daraus leitete er die Überzeugung ab, dass es in einer Beziehung keine Tabus geben durfte, alles musste in dem Augenblick, in dem es gedacht oder gespürt wurde, auch ausgesprochen werden, koste es, was es wolle. Sensibel registrierte Friedrich jede noch so kleine Veränderung in der Intensität seiner Liebe zu Isa und brachte sie umgehend zur Sprache. Ihr authentischer Umgang mit ihrem Innenleben erfüllte Isa mit Stolz. Und in der Tat, kaum eine Woche verging, ohne dass sie mindestens einen Streit hatten, in dem sie beide sehr authentisch wurden, wie Isa im Anschluss ihren Freundinnen oder Lionel stolz berichtete.

Die Freundinnen oder Lionel wussten bereits vor dem Bericht, was nun kommen würde. Zuerst hatte entweder Friedrich oder Isa oder beide die gesamte Beziehung infrage gestellt, bevor sie dann, nachdem auf beiden Seiten Tränen geflossen waren, zu dem Schluss gekommen waren, dass sie es doch nochmal versuchen wollten. Kaum fertig gesprochen, waren sie übereinander hergefallen, damit die Reibung, die ihre Körper während des Streits aufgeladen hatte, sich in einem leidenschaftlichen Akt der Vereinigung entladen konnte. Die Turbulenzen hatten sie nicht vor vier oder fünf Uhr nachts zur Ruhe kommen lassen, sodass sie nicht vor ein oder zwei Uhr nachmittags aufgewacht waren und dann besser gleich eingesehen hatten, dass sie heute für universitäre Verpflichtungen keinen Kopf mehr hatten. Die nächsten Tage würden sie vermehrt gemeinsam verbringen, und Isa würde davon schwärmen, wie frisch verliebt sie sich gestern Abend am Lagerfeuer gefühlt habe, und in ein paar Tagen würde wieder einer von Beiden Schluss machen wollen.

Nach jenen Krisennächten fühlten Isa und Friedrich sich wie gerädert und zugleich auf eine heimliche Art glücklich. Wenn sie sonst auch alles aussprachen, darüber sprachen sie nie: dass jeder von ihnen insgeheim spürte, dass sie diese Krisen brauchten, um Distanz zu wahren, dass das ständige Zweifeln und Infragestellen keine vorübergehende Phase waren, sondern ein Dauerzustand, ohne den diese Beziehung längst zerbrochen wäre. Sie waren Musiker, entsprechend kompliziert hatte ihre Beziehung auszusehen. Deshalb schwang, wenn Isa anderen von der jüngsten Krise berichtete, immer auch Stolz mit. Sie war stolz darauf, dass ihre Beziehung mit Friedrich so interessant, so leidenschaftlich war, und dass sie sich dadurch abhob von all den ach so harmonischen Beziehungen des Durchschnitts.

Es kam der Abend, an dem einer von Beiden die Trennung einmal zu oft ins Spiel brachte, sodass sie Wirklichkeit wurde. Als Friedrich in seinem Zimmer allein zurückblieb, ging sein Temperament mit ihm durch. Er schlug so oft gegen die Wand, bis seine rechte Hand brach. Für das nächste halbe Jahr konnte er das Klavier vergessen.

Ein Jahr war seither vergangen, inzwischen hatte Isas Band Friedrich als ihren Pianisten zurück. Seit ein paar Wochen schrieben sie wieder miteinander, und hatte Isa zu Beginn seiner Rückkehr in die Band noch betont, dass ihre Beziehung rein professionell bleiben würde, war sie es nun, die vorschlug, sie könnten ja mal wieder ein Eis essen gehen. Ob sie das Treffen auf den Abend verlegen könnten, erkundigte er sich. Da sei sie mit Lionel auf dem Augustinerplatz, schrieb Isa zurück. Aber er könne ja einfach dazustoßen.  

Lionel streckte die Beine aus und versuchte sich zu entspannen, doch es gelang ihm noch nicht ganz, die nötige Lockerheit zu generieren, die einer ganz normalen Situation wie dieser angemessen gewesen wäre: drei Freunde trafen sich, um zu reden und zu trinken. Was sollte die Tatsache, dass zwei der Beteiligten zeitversetzt Intimität mit der dritten genossen hatten, daran ändern? Ganz schön verklemmt von ihm, sich daran zu stören. Friedrich gab Lionel doch überhaupt keinen Anlass, sich unwohl oder gar bedroht zu fühlen. Im Gegenteil, Friedrich gratulierte Lionel zu seinen Fähigkeiten als Rapper und flocht ins Gespräch immer wieder Referenzen zu ,,24/7‘‘ und ,,Die Akte UB‘‘ ein. Spätestens mit seiner Begeisterung für ,,The A‘‘ stellte Friedrich unter Beweis, dass er über Eifersuchtsgefühle, falls er überhaupt jemals welche empfunden hatte, längst hinweg war. Er war hier, um einen geilen Abend zu genießen.

Hätte Friedrich Lionel die kalte Schulter gezeigt, hätte er zugegeben, dass er Lionel als Konkurrenten begriff, und der hätte leichtes Spiel gehabt. Gegen Friedrichs gute Laune jedoch hatte Lionel keine Chance. In seiner fast kindlichen Begeisterung und Vorfreude auf einen geilen Abend hatte Friedrich eine weit wirkungsvollere Waffe gefunden, mit der er seinen Gegner ausschalten konnte.

Er hatte das Gespräch mittlerweile von ,,The A‘‘ auf einen anderen jungen Hoffnungsträger gebracht: ,,Gestern hab‘ ich Elias im ,Alnatura‘ getroffen. Der startet mit ,Sänger mit Bart‘ gerade so richtig durch!‘‘

Elias war Lionels Vor-Vorgänger an Isas Seite. Auch durch Elias‘ Adern floss Musikerblut, auch Elias besaß eine Vision, und die hieß ,,Sänger mit Bart‘‘ und war Elias‘ vor drei Jahren gegründete A-Cappella-Band. Wie Friedrich berichtete, wollten die ,,Sänger‘‘ alles auf eine Karte setzen. ,,Und die werden es schaffen, ich sag’s euch, die sind so heiß auf Fame!‘‘

,,Ehrlich gesagt, ich hab‘ die Musik von denen noch nie so gefeiert. Habt ihr dieses Weihnachtslied gesehen?‘‘, warf Lionel ein und bereute es direkt. Er sah die Missbilligung in Isas Blick und begriff, dass er Friedrich in die Falle gegangen war: er war jetzt das schmollende Kind, das den Kürzeren zog und den anderen in seiner kindischen Eifersucht ihren Spaß madig machen wollte.  

Worauf Lionel anspielte, war das Musikvideo, das die ,,Sänger mit Bart‘‘ letzten Winter zu ihrem ,,Weihnachtslied‘‘ gedreht hatten. Ein Video, für das die Sänger offensichtlich keinen Aufwand und keine Kosten gescheut hatten, der professionellen Kameraführung und dem geschmackvoll eingerichteten Blockhaus nach zu urteilen, das als Kulisse diente. In diesem Blockhaus kamen Elias und seine vier Kameraden zusammen, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Passend zum Wald trugen sie Holzfällerhemden und Hosenträger. Ihre sorgfältig gepflegten Vollbärte komplettierten das Image wahrer Naturburschen. Sie machten, was echte Männer eben so machen: Holz hacken, als Mutprobe übers Lagerfeuer springen, sich kameradschaftlich auf die Schulter hauen. Doch unter der harten Schale verbarg sich ein weicher Kern, wie die kräftige Männerhand verriet, die in Zeitlupe zärtlich eine Christbaumkugel dem Tannzweig überstreifte. Rot glühten die bartfreien Gesichtspartien, wenn die Männer, brüderlich in einer Reihe aufgestellt, inbrünstig den Zauber der Weihnacht besangen: ,,Und vergiss nicht, dass Geschenke nicht alles sind. Denn das Fest der Liebe gilt den Menschen, die bei dir sind.‘‘ Um zu zeigen, wie ernst sie es mit der Nächstenliebe meinten, strahlte jedes Gesicht, das ins Bild kam, mit Nachdruck, strahlte so begeistert, dass Lionel es beim Anschauen des Videos mit der Angst zu tun bekommen hatte.

,,Hm‘‘, machte Friedrich, ,,ich weiß schon, was du meinst.‘‘, und es war klar, dass er Lionels Versuch, die Aufmerksamkeit auf den Inhalt der ,,Sänger mit Bart‘‘ zu lenken, völlig fehl am Platze fand. ,,Ich finde allerdings, ein bisschen kommerziell darf es ruhig sein. Die stecken da so krass viel Leidenschaft rein, die wollen es unbedingt schaffen, und vor so was hab‘ ich Respekt. Ehrlich, Respect!‘‘

Was auch immer ,,es‘‘ war, das sie schaffen wollten – sie wollten es schaffen, das war alles, was zählte.

,,Ich find’s auch gut.‘‘, pflichtete Isa Friedrich bei.

Lionel ließ seinen Blick über den Augustinerplatz schweifen und sah, dass der Oettinger-Mann wiederkam.

Er stand auf: ,,Wer will ein Oettinger?‘‘ Friedrich nickte.

,,Ich weiß nicht.‘‘, fing Isa an. ,,Hm, ein ganzes wird mir, glaub‘, zu viel. Es sei denn, einer von euch würde die andere Hälfte-‘‘

,,Okay, dann nicht.‘‘, sagte Lionel und spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Hatte er gerade tatsächlich Isa einfach Nein gesagt? Wie konnte er es wagen?

Es hatte schon begonnen, noch bevor Friedrich dazugekommen war. ,,Ich hab‘ grad voll Lust, eine zu rauchen.‘‘ Sagte Isa und blieb sitzen und knibbelte am Saum ihres Kleides. Die Botschaft an Lionel war klar: die Prinzessin verspürte den Wunsch nach einer Zigarette; selbstverständlich war es einer Prinzessin unwürdig, sich selbst die Mühe zu deren Beschaffung zu machen, wozu hatte sie ihren Mann fürs Grobe. ,,Dann frag‘ doch jemanden.‘‘, hatte Lionel erwidert. Isa, schmollend: ,,Ich hab‘ schon zu oft dumme Kommentare erlebt, wenn ich als Frau frage.‘‘ – ,,Dann frag doch ‘ne Frau.‘‘ – ,,Ich seh‘ grad keine, die raucht.‘‘, trotzte die Prinzessin ein letztes Mal auf, bevor sie in resigniertes Schweigen verfiel.

Sonst bekam Isa immer, was sie wollte.

,,Drei Oettinger, bitte!‘‘ Lionel musste schreien, um gegen den Lärm durchzudringen, der um diese Zeit auf dem Augustinerplatz rauschte.

,,Drei Euro!‘‘

Wenn der Oettinger-Mann den Kopf hob und zu Lionel sprach, schien er gegen ein unsichtbares Gewicht anzukämpfen, das seinen Kopf nach unten drückte. Um seinen Hals, der dadurch noch zerbrechlicher wirkte, flatterte ein rotes Tuch, unter dem der Kehlkopf auf und ab hüpfte wie ein aufgeregtes Vögelchen im Käfig auf der Suche nach dem Ausweg. Jeden Abend, sieben Tage die Woche, drehte der Oettinger-Mann seine Runden: Platz der Alten Synagoge, Augustinerplatz, Schlossgarten, Stühlinger-Park und wieder von vorn. Er hatte eine Rente, die zum Leben nicht reichte, und verdiente sich etwas dazu; sie hatten ihr ,,24‘‘ eingebüßt und kamen dank ihm nach Mitternacht trotzdem noch an billigen Alkohol. ,,Oettinger-Mann‘‘ nannten sie ihn, denn das war er für sie: derjenige, der sie mit dem nötigen Stoff versorgte, damit sie leben konnten. 

,,Danke dir!‘‘, sagte Lionel und kehrte zu seinesgleichen zurück. Erst drückte er Friedrich ein Bier in die Hand, dann Isa. Er hatte ihr nämlich doch eins gekauft. Sie warf einen Blick darauf, ohne Danke zu sagen. Dann hielt sie es ihm hin, damit er es mit dem Feuerzeug für sie öffnen konnte. Sie nahm die geöffnete Flasche erneut ohne Dank in Empfang, weil sie als Prinzessin keinen Dank schuldig war und immer bekam, was sie wollte.

Und jetzt bekam sie von Friedrich auch ihre Zigarette. Sie beugte sich vor zu seinem Feuerzeug und sagte: ,,Danke!‘‘

In diesem Moment sprang die ,,Säule der Toleranz‘‘ auf Rot. Dabei handelte es sich um eine viereckige, mannshohe Glasröhre mit Neonlichtern. Sie war auf Druck der Anwohner aufgestellt worden, die, vermittelt über ein elektrisches Signal, bestimmen konnten, welche Farbe die Säule annehmen sollte. Solange die ,,Säule der Toleranz‘‘ sich im Bereich zwischen Grün und Orange bewegte, befanden die Anwohner sich mit den Feiernden in Harmonie. Wehe aber, die Säule sprang im Laufe des Abends auf Rot! Dann bekamen die Nachtschwärmer gezeigt, dass sie die Toleranz der Anwohner überschritten hatten. Sie durften zwar weiterhin so viel Lärm machen, wie sie wollten, da die ,,Säule der Toleranz‘‘ keinerlei rechtliche Bindungskraft besaß, mussten jedoch ab jetzt ein schlechtes Gewissen haben.

Überall zuckten Mundwinkel nach oben, die Menge brach in spontanen Applaus aus. Die rote Ampel – Glückwunsch: ihr Nachtleben hatte den Test bestanden.

,,Auf die Säule der Toleranz!‘‘, rief Friedrich; die Flaschen klirrten.

Friedrich nahm einen Schluck und dann einen Zug aus seiner Zigarette. Gekonnt gierig saugte er daran wie ein Künstler, der nie genug vom Leben bekommen kann, der immer zu viel vom Leben will und Geduld und Vernunft den Normalen überlässt.

,,Ich glaub‘, ich mach‘ mich mal auf die Suche nach diesem Rave. Ich hab‘ so Bock auf Tanzen!‘‘ Um zu beweisen, wie viel Bock auf Tanzen er hatte, klatschte Friedrich in die Hände und wippte energiegeladen auf und ab. Seit einer Viertelstunde redete er von nichts anderem als diesem Rave.

,,Woher weißt du eigentlich davon?‘‘, wagte Lionel die Frage.

,,Ach, hab’s nur mitbekommen über so Ecken.‘‘, gab Friedrich mysteriös zur Antwort. Schließlich gab man seine Quellen nicht so einfach preis.

,,Wir kriegen sowas nicht mit, Isa, wir sind uncool geworden.‘‘, sagte Lionel zu Isa, und es war nur halb ironisch gemeint.

Wo genau die Party stieg, das wusste selbst Friedrich nicht. ,,Irgendwo auf dem Schlossberg.‘‘, rief er vergnügt. Die Selbstverständlichkeit, mit der Friedrich auf Partys ging, von denen er keine Ahnung hatte, wo genau sie zu finden waren und wer dort sein würde, erschien Lionel als ein weiterer Beleg für Friedrichs Überlegenheit. Im Unterschied zu ihm wusste Friedrich Bescheid, wie man auf solche Partys ging: man ging mal hin, um zu schauen, vielleicht aber auch um direkt wieder zu gehen; man blieb, solange man Lust hatte, und wenn die Lust verpuffte, dann zog man weiter, entweder heim oder zur nächsten Party, ohne den Gastgebern, die ohnehin anonym blieben, ein schlechtes Gewissen schuldig zu sein. Denn jeder musste selber wissen, was gut für ihn war.   

,,Ob ich auf den Rave Lust hab‘, weiß ich nicht. Aber auf einen Spaziergang würde ich noch mitkommen.‘‘, sagte Isa.

Weder sie noch Friedrich mussten es aussprechen, Lionel war bereits klar, dass er sich nun entfernen sollte. Und mit welchem Recht könnte er Einwand erheben? Isa und er waren kein Paar mehr – nie gewesen. Was fiel ihm ein, den Spaziergang zu missbilligen? Isa durfte spazieren gehen, mit wem sie wollte!    

,,Jo jo, Lionel, ich geb‘ dir den Beat, du rapst!‘‘ Friedrich legte mit Beatboxen los und richtete einen begeisterten Blick auf Lionel, der diesem keine Wahl ließ. ,,Jo, wir sitzen hier auf dem Augustinerplatz, die Säule der Toleranz erscheint in rotem Glanz-‘‘, zwang Lionel sich zu rappen, brach ab, weil er spürte, dass er mit jedem Versuch, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, sich nur weiter selbst erniedrigte. Ein kurzer Blick in Isas Richtung ergab das endgültige Urteil: sie war von ihm abgerückt und betrachtete ihn aus sicherem Abstand wie ein ekelerregendes und zugleich bemitleidenswertes Insekt.

Endlich allein, nahm Michi zum Glück sofort ab. ,,Eigentlich wollte Isa heute mit Friedrich nur ein Eis essen.‘‘, sprudelte es aus Lionel heraus. ,,Jetzt sagt sie, sie gehen spazieren. Dabei weiß ich jetzt schon, dass sie erst in ein paar Stunden heimkommen wird, wenn überhaupt. Und morgen wird sie mir dann erzählen, dass sie wieder was mit ihm gehabt hat und wie sehr sie das alles runterzieht.‘‘

***

Am nächsten Tag wartete Isa extra eine Gesprächspause ab, um ihren Worten die gewünschte Dramatik zu verleihen. Noch viel mehr als die Nachricht, dass zwischen ihr und Friedrich wieder was gelaufen sei, verletzte Lionel, dass sie gar nicht auf die Idee zu kommen schien, dass es ihn verletzen könnte. Zwei Tage später blieb sie die ganze Nacht weg. Lionel lag im Dunkeln auf seinem Klappbett und schaute alle fünf Minuten aufs Handy, ob sie ihm geschrieben hatte, ohne sagen zu können, was er eigentlich erwartete. Ein Geständnis? Eine Entschuldigung? Irgendein Zeichen, dass sie zumindest anerkannte, dass er nicht völlig unbeteiligt war!

Am nächsten Mittag bekam er endlich eine SMS: ,,Häsch Luscht uf d’Mensa?‘‘

***

Inzwischen ist Lionel aus der WG mit Isa ausgezogen. Zum Glück war bei Céline, einer Kommilitonin, gerade ein Zimmer freigeworden. Es geht ihm gut. In letzter Zeit haben mit verschiedenen Frauen verschiedene Dinge geklappt. Nun möchte Lionel erst einmal das Leben als Single genießen; ,,nix Festes‘‘, betont er, wenn er seinem Freund Michi seine neuesten Abenteuer schildert. Sein Rap über das ,,24‘‘ wurde auf Spotify inzwischen fünfzehntausendmal angeklickt. Das Drehbuch – Arbeitstitel: ,,Der Doktor‘‘ – hat im Laufe des Pausensemesters zwar weniger Seiten dazugewonnen als erwartet. Dafür hat ihm ein überregionales, renommiertes Reisemagazin zugesagt, seine Reportage über die Reise durch Kolumbien abzudrucken. Vor ihm liegt eine große Zukunft. Ermutigt von diesem Erfolg, hat Lionel beschlossen, mit dem Master noch ein weiteres Semester zu warten, um sich ganz auf seine kreativen Projekte zu konzentrieren. Er schaut zum fünften oder sechsten Mal ,,oh boy!‘‘ und hat zum ersten Mal das Gefühl, wirklich zu leben.

Wenn er abends zu einem Date oder auf eine Party geht, dann zu Fuß. Sein Rad ist vor ein paar Wochen gestohlen worden, er hatte es nicht abgeschlossen.

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