Eigensinn

,,Das einzig lebenswerte Abenteuer kann für den modernen Menschen nur noch innen zu finden sein.'' - Carl Gustav Jung

Man stelle sich vor: eine Therapie, die einen von allen Schrullen, Eigenheiten, Tics und Verschrobenheiten heilen könnte. Was bliebe dann am Ende von einem übrig?

Das ,,Normale“ gibt es nur als Idee, von der wir alle abweichen – manche mehr, manche weniger. Doch ab wann wird aus einer Abweichung eine ,,psychologische Störung“? Warum gilt ein und dasselbe Verhalten in diesem Kontext als ,,verrückt“, in jenem dagegen als völlig gesund? Wir alle benutzen Begriffe wie ,,Depression“, ,,Burn-Out“, ,,Schizophrenie“, verwechseln aber allzu oft die Beschreibung mit der Erklärung. Und nicht zuletzt: Wieviele Anhänger braucht eine Wahnidee, damit der Wahnsinn zum neuen Wirklichkeitssinn mutiert? 

Die Texte in dieser Rubrik können solche und ähnliche Fragen nicht beantworten. Aber sie sind in dem Versuch entstanden, genau zuzuhören…

Im Zentrum meines Zyklus‘ Vom Wunsch, gesucht zu werden steht Nico: ein junger Mann in meinem Alter, den es wirklich gibt und den ich im Rahmen eines Praktikums in einer psychiatrischen Klinik kennenlernen durfte. Nico hat die Diagnose Schizophrenie, obwohl er auf den ersten Blick überhaupt nicht so wirkt, wie man sich ,,einen Schizophrenen‘‘ vorstellt. Im Gegenteil, Nico ist ein lebensfroher junger Mann auf der Schwelle zum Erwachsenen, voller Neugier auf die Welt, der sein Leben genießen möchte wie alle anderen in seinem Alter. Wenn da nicht diese Eltern, Psychiater undsoweiter wären, die meinen, er stecke in ernsten Schwierigkeiten. Fragt man Nico: ,,Wie geht’s?‘‘, antwortet er zuverlässig: ,,Tiptop!‘‘ Und doch vertraut er mir an: ,,Ich wünschte, über all das könnte ich weinen, aber immer kann ich nur lachen.‘‘