Vom Wunsch, gesucht zu werden

Vom Wunsch, gesucht zu werden

Kontaktaufnahme

Dieser Text erscheint Anfang 2022 in Auszügen im Psychologie Heute - Magazin.

Was mich an Nico berührt, ist seine Ambivalenz. Er ist da und doch nicht greifbar.

Nachmittags meldet er sich zum Spaziergang, zehn Minuten später stehen alle vor der Tür außer Nico. Sofort schwärmen die andere Praktikantin und ich aus, ihn zu suchen. Das Nächstliegende ist natürlich sein Zimmer, doch als ich auf mein Klopfen keine Antwort bekomme und die Tür öffne, finde ich bloß ein ungemachtes Bett vor mit wahllos verstreuten Kleidern, wie von einem Flüchtigen hastig aus dem Schrank gerissen, und seinen Gebetsteppich, gen Mekka gerichtet. Die tanzenden Vorhänge im offenen Fenster scheinen mir an Nicos statt zuzublinzeln – hat er mir wieder mal ein Schnippchen geschlagen! Nach Bädern und Keller drehe ich noch eine Runde durch den Garten – keine Spur von Nico. Nun kann ich die anderen wirklich nicht mehr länger warten lassen, ich kehre um, als unversehens zwei Turnschuhe von oben in mein Blickfeld baumeln. Ich hebe den Kopf, und da sitzt Nico im Astwerk der Kastanie und schlenkert mit den Beinen, als wisse er von nichts. Wie ein Kind, das sich versteckt und mit klopfendem Herzen gehofft hat, man werde es suchen kommen.

Nico ist kein Kind mehr, sondern 21 Jahre alt und einer von zehn jungen Erwachsenen in der sozialpsychiatrischen Klinik für akute psychotische Krisen, in der ich mein Psychologiepraktikum absolvierte. Nico hat Abitur, anschließend wählte er für ein Freiwilliges Soziales Jahr einen Bauernhof, weil er die harte körperliche Arbeit schätzte, die nicht viel Zeit zum Nachdenken ließ. Nach dem FSJ brach er zu einer Reise ohne Ziel auf und landete in Jerusalem, wo er zu Gott beziehungsweise Allah fand. Zurück in Deutschland musste eine Entscheidung her, also nahm Nico ein Studium der Islamwissenschaften auf, das er schon in der vierten Woche abbrechen musste, weil seine Mutter ihn in die Psychiatrie einwies. Sie musste die Polizei rufen, als ihr Sohn die Inneneinrichtung ihrer Wohnung zertrümmerte. Zwei Monate saß Nico mit FU auf der Geschlossenen. FU steht für ,,Fürsorgliche Unterbringung‘‘, früher hieß das ,,Zwangseinweisung‘‘. Dann kam er zu uns.

Unterwegs auf dem Spaziergang bekommt man ihn nicht leichter zu fassen. Er pendelt zwischen den Grüppchen, und sobald ein Gespräch eine gewisse Verbindlichkeit erreicht hat, verabschiedet er sich zur nächsten Gruppe. Wie ein verspielter junger Hund hüpft er im einen Moment auf den Hydranten und ahmt die Statue gegenüber nach, im nächsten fläzt er sich im Bus über zwei Sitze, für beides erntet er irritierte bis missbilligende Blicke. Zwischendurch geht die Kraft mit ihm durch, er heizt quer über die Waldlichtung und springt scheinbar mühelos über den Brunnen. Kaum ein Blinzeln später gibt er, einen Baum umarmend, ein Bild tiefsten Friedens ab.

Während er auf Spaziergängen physisch nicht greifbar wird, entzieht er sich beim Essen auf psychologische Art. Dienstags verzichtet er tagsüber ganz auf Mahlzeiten, die anderen Tage sitzt er betend vor seinem Teller und rührt ihn erst an, wenn die Ersten schon wieder aufstehen und abräumen. Während wir Ungläubigen unseren tierischen Trieben unreflektiert nachgeben, gelangt er im Kampf gegen und Triumph über diese auf eine höhere Stufe. Doch selbst jetzt, wo er endlich zum Löffel greift, auferlegt Nico sich nach jedem Bissen eine halbminütige Pause. Um sich in Achtsamkeit zu üben. Die Tischgemeinschaft strömt aus dem Esszimmer, vorbei an Nico, der sich wie immer der allgemeinen Fließrichtung widersetzt.

,,Nico‘‘, habe ich gesagt, ,,du musst nicht essen, aber bitte setz‘ dich doch dazu.‘‘ Am nächsten Dienstag – Fastentag – erschien er pünktlich um Zwölf im Esszimmer, ließ aber den Tisch links liegen und verzog sich auf die Fensterbank. Von dort oben belauerte er uns wie eine Katze. Mit einem Bein bei uns, mit dem anderen schon entwischt.

Außerdem ist er 21, ein junger Mann an der Schwelle zur Welt. Wie alle 21-Jährigen möchte er sich in diese Welt stürzen und tun, wonach ihm der Sinn steht, deshalb stinkt es ihm gewaltig, dass er auf der Akutstation für Psychosen festhockt, wo er sich auch noch jedes Mal abmelden soll, wenn er nur mal kurz frische Luft schnappen will. Fragt man ihn: ,,Wie geht’s?‘‘, lautet die Antwort stets: ,,Tiptop!‘‘ Und doch verrät er mir eines Morgens: ,,Ich wünschte, über all das könnte ich weinen, aber immer kann ich nur lachen.‘‘

Nicos ambulante Psychiaterin erzählt, an ihrem ersten Termin habe sie lange auf Herrn G. gewartet. Ein Drittel der Therapiestunde war schon verstrichen, da stand die Therapeutin auf und ging, einem Instinkt folgend, zur Tür. Als sie öffnete, saß auf der Treppe zu ihrer Praxis ein junger Mann – Herr G., wie er bestätigte. Wie lang er denn schon hier warte? ,,Mindestens eine halbe Stunde‘‘, erwiderte er. Dabei konnte er sein Grinsen kaum im Zaum halten. Er hatte um einen Termin bei der Psychiaterin gebeten und es dann nicht über sich gebracht, den letzten Schritt zu tun. Stattdessen hatte er sich vor die Tür gesetzt und gehofft, dass man ihn suchen käme.

Angenommen, alle Arten von Verhalten können als Versuche der Kontaktaufnahme verstanden werden. Dann sind Nicos Aktionen, mit denen er sich uns entweder psychologisch oder unmittelbar physisch entzieht, nichts anderes als seine Art, mit uns in Kontakt zu treten. Es handelt sich sozusagen um lauter kleine Tests, die Nico uns heimlich auferlegt, um zu prüfen, ob er uns wichtig genug ist, damit wir ihn suchen kommen.  

Einzige Konstante in seinem Leben: der Glaube. Zwei Jahre ist es her, seit Nico zum Islam gefunden hat. In Jerusalem geschah das, wobei die genauen Umstände nebulös bleiben. Was hat es mit der Frau auf sich, in die er sich unterwegs verliebt habe? Wo ist der Kipppunkt zu verorten, an dem sein Leben aus der Bahn geriet und einen ,,verrückten‘‘ Verlauf nahm? Aber sobald das Gespräch in die Nähe seiner Person zu geraten droht, lenkt Nico gekonnt ab.

Ganz aus dem Nichts kam die Bekehrung jedenfalls nicht, gehört Religion doch zur DNA seiner Familie. Nur wählte der Sohn weder das Judentum des Vaters noch das Christentum der Mutter, sondern einen Glauben, der mit beiden nicht auf bestem Fuße steht. Wohlgemerkt sieht Nico die drei Glaubenssysteme nicht im Widerspruch zueinander. ,,Im Gegenteil‘‘, versuchte er mir eines Nachmittags zu verklickern, ,,sowohl das arabische als auch das israelische Volk stammen aus Abrahams Schoß und sind eine Familie!‘‘ Immer mehr bekam ich den Eindruck, dass er eigentlich von etwas ganz anderem sprach. Nicos Eltern haben sich getrennt, als er neun Jahre alt war.

Hört man ihn über den Glauben sprechen, kann man fast sehen, wie er leichter wird, sich vom Stuhl löst und auf in den Himmel steigt, wo er sanft auf einer Wolke landet und davonschwebt, bis er wirklich fast vergessen kann, dass es ihn selbst und seine Probleme gibt.

Wenn einem der Boden weggerissen wird, greift man nach dem Erstbesten, das nach Halt aussieht. Als Nico abzustürzen drohte, war das der Glaube. Religion vereinfacht die Welt, sie simuliert Eindeutigkeit. Ab einem gewissen Punkt wurde der Druck, auf der Suche zu sein, nach sich selbst, nach einem Plan für die Zukunft, zu heftig. Der Glaube nimmt einen Teil des Drucks. Vielleicht hält ,,eine Audienz‘‘ beim Chefarzt die Lösung bereit? Er wolle dem Chefarzt dieselbe Frage stellen, die er bereits Verschiedenen von uns gestellt habe, nämlich: ,,Wie wirke ich?‘‘ Wer sonst, wenn nicht ein Chefarzt, müsste ihm endlich eine zufriedenstellende Auskunft auf diese Frage geben können?

Kehren wir noch einmal zurück zu der Annahme, dass alles Verhalten, auch Nicos Pendeln zwischen Nähe und Distanz, Versuche von Kommunikation sind. Wie fühlten wir uns, als alle zum verabredeten Zeitpunkt bereit zum Spaziergang waren und nur Nico fehlte? Als wir beim Spaziergang ständig Angst hatten, ihn aus den Augen zu verlieren und nicht mehr wiederzufinden?

Genau so fühlt sich Nico. Indem er sich unseren Blicken entzieht und sich suchen lässt, teilt er uns mit, wie es ist, sich selbst verloren und noch nicht wiedergefunden zu haben.

Odyssee

Auf einmal sind alle anderen entweder in den Keller zu einer Partie Dart oder nach draußen zum Einkaufen verschwunden, und ich finde mich in einem verlassenen Haus wieder und frage mich, was ich hier zu suchen habe. Ich bin doch der Praktikant hier, ich soll doch für die Bewohnerinnen und Bewohner da sein, doch so oft ich auch vom Wohnzimmer durch die Küche in den Garten und zurücklaufe, weit und breit keiner anzutreffen, dem ich helfen könnte. Mich auf den Liegestuhl in die Sonne zu setzen und die unfreiwillige Pause zu genießen, kommt nicht infrage. Ruhelos tigere ich zurück ins Haus. Was höre ich? Aus dem Wohnzimmer dringen Stimmen – endlich doch noch jemand, der meiner Hilfe bedarf!

            Im Wohnzimmer stehen Nico und Marvin und schauen Handyvideos. Mein Vorschlag einer Partie Römerschach hat keine Chance gegen die Best 50 der Sportunfälle. Also versuche ich einen anderen Weg. ,,Wie lief das eigentlich genau mit deiner Bekehrung zum Islam, damals in Jerusalem?‘‘, frage ich Nico. Ich rechne eigentlich nicht mit einer ernsthaften Antwort, bisher hat Nico noch jedes Gespräch, das in die Nähe seiner Person zu geraten drohte, gekonnt abgelenkt.

            Doch heute ist etwas anders, das spüre ich sofort. Der Vorschlag, sich in den Garten zu setzen und einfach zu reden, kommt dann von ihm. Zum ersten Mal erzählt Nico die ganze Geschichte seiner Reise nach Jerusalem.

            Als er aus dem Flugzeug stieg und seinen Fuß auf den Boden der heiligen Stadt setzte, habe er auf Anhieb die Gegenwart Gottes gespürt. Doch vorher verschlug es ihn an einen albanischen Strand aufs Rainbow Gathering, ein nicht-kommerzielles Festival für Hippies, Esoteriker und alle, die sich als ,,wirklich alternativ‘‘ bezeichnen würden. An diesem Strand sah Nico eine Welt, die er erst einmal verdauen musste: Frauen, die völlig nackt in den Wellen badeten; ein High, das dank der unbegrenzten Verfügbarkeit von Gras niemals enden musste; und morgens beim Aufwachen reichten die Freunde einem das erste Bier des Tages. So paradiesisch diese Lebensweise auf den ersten Blick auch erschien, Nico entging nicht, dass die Oberfläche nicht hielt, was sie versprach. Nach außen hin liebte man einander unterschiedslos, begegnete sich auf Augenhöhe und teilte alles miteinander, auch die Leidenschaft der letzten Nacht. Darunter aber brodelten dieselben Eifersuchtsgeschichten, dieselben Konkurrenzgefühle und Machtkämpfe wie in der normalen Gesellschaft, die man verachtete.

            ,,Ach übrigens‘‘, machte Nico nach einer Pause, ,,das hab‘ ich dir noch gar nicht erzählt.‘‘ Es sollte beiläufig klingen, so als sei ihm ein belangloses Detail eben erst wieder in den Sinn gekommen.

Eines Nachts, so fuhr er fort, zog ein Sturm herauf. Unversehens brach ein solcher Regen über die Utopisten herein, dass keine Zeit blieb, zu überlegen, unter welchem Zeltdach man Zuflucht suchen wollte. Die Wildfremde, neben oder eher auf der Nico landete, hieß Lea. Lea war Neuseeländerin, und in dieser Nacht, inmitten des Sturms, wurden sie ein Paar.  

            Das ganze Gathering über blieben sie zusammen, und am Ende, vier Monate waren vergangen und mit ihnen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, hielten sie noch ein paar weitere Tage lang die Stellung am Strand, bis schließlich auch sie der Eintönigkeit desselben überdrüssig wurden. Außerdem zog es Lea Richtung Westen nach Paris, Nico hingegen weiter gen Osten nach Jerusalem. So trennten sich ihre Wege. Ob diese geographische Trennung auch als Trennung ihrer Beziehung gemeint war und warum Nico beispielsweise nicht mit ihr nach Paris flog, sondern unbedingt nach Jerusalem wollte, gehört zu den Leerstellen in dieser Geschichte. Feststeht, dass ein paar Wochen später, Nico befand sich mittlerweile in Jerusalem, sein Handy klingelte und Lea ihm mitteilte, dass sie schwanger sei.

            Für seine Antwort musste Nico nicht lang überlegen: ,,Wir kriegen das Kind!‘‘ Zu diesem Zeitpunkt befanden sich von den ursprünglich 14.000 Euro, mit denen er gestartet war, noch 11.000 auf seinem Konto. Nico war zuversichtlich, das müsste erstmal ein paar Jahre halten, auch mit Kind. Lea war einverstanden und stieg in den nächsten Flieger nach Israel.

            Als Nicos Eltern von der Sache Wind bekamen, setzten sie alles daran, ein Enkelkind zu verhindern. Sie drohten damit, Nico den Geldhahn zuzudrehen. Der Vater rief sogar Lea an und versuchte – in holprigem Englisch – sie zur Abtreibung zu bewegen. Nico und Lea ließen sich nicht beirren.

            Die Sache war, dass Nico mittlerweile Muslim geworden war. Auf der Straße hatte ihm ein Mann ein Prospekt in die Hand gedrückt, das besitzt er heute noch, es hängt in seinem Zimmer in der Klinik, direkt über dem Gebetsteppich. Die Einladung des netten Mannes zum Gottesdienst nahm Nico gerne an. ,,In einer muslimischen Gemeinde‘‘, erklärte er mir, ,,ist jeder dein Bruder.‘‘ Lea war gar nicht glücklich über die plötzliche Erweckung des zukünftigen Vaters ihres Kindes. Für sie war der Islam gleichzusetzen mit Selbstmordattentaten und Frauenunterdrückung. Trotz dieser Spannungen drängte Nico auf Heirat. Ein nicht unwesentlicher Faktor war dabei, so ließ er mich in einem Nebensatz wissen, dass ihm als frischgebackenem Muslim neuerdings Sex mit einer unverheirateten Frau verboten war. Dabei müsste die Hochzeit nicht zwingend eine muslimische sein, wie er Lea zugestand, Hauptsache, Lea und er schlössen den Bund fürs Leben.

Eines Tages, als er sie abholen wollte, war sie nicht in ihrem Hostel; sie war zurück nach Neuseeland geflogen, ohne sich zu verabschieden. Eine Woche später informierte sie ihn, dass sie abgetrieben hatte.

            ,,Es hat mir das Herz gebrochen.‘‘, erklärt er und fasst sich an die Brust. ,,Aber ich bin drüber hinweg. Ich denke nicht mehr an sie.‘‘ Wann er zuletzt mit ihr Kontakt gehabt habe? ,,Letzte Woche hab‘ ich ihr wieder mal geschrieben. Keine Antwort.‘‘

            Dann kam Corona. Vor ein paar Wochen noch hatten Nicos Eltern hilflos mitansehen müssen, wie ihr Sohn – in ihren Augen – seine Zukunft ruinierte, nun befand er sich inmitten einer Pandemie Tausende von Kilometern entfernt in einem fremden Land. Schließlich gab er den Bitten seiner Mutter nach und kehrte nach Hause zurück. ,,Wäre es nach mir gegangen, ich wäre heute noch in Jerusalem!‘‘, hält er mit Wut in der Stimme fest.

Kaum war er seiner Mutter zuliebe heimgekehrt, da fing sie an, ihm zuzusetzen. Er sei 21 und habe immer noch kein Konzept für die Zukunft. Was er studieren wolle? Was er einmal arbeiten wolle? Mit diesen Fragen sollte er sich auseinandersetzen in einer Lage, in der er in jeder Hinsicht schon mehr als genug zu verarbeiten hatte. Am letzten Tag vor Ablauf der Frist schrieb er sich aus der Not heraus für Islamwissenschaften ein.

Die Explosion ereignete sich an einem Montag. ,,Ich weiß auch nicht, warum, aber an Montagen bin ich immer schlechtgelaunt.‘‘ Es fing damit an, dass er die Vorlesung schwänzte und in der Wohnung seiner Mutter blieb, wo er das Wochenende verbracht hatte, anstatt in seine WG zu gehen. Er geriet in Streit mit seiner Schwester. Die Mutter kam von der Arbeit nach Hause, sah, wie Nico seine Schwester anbrüllte, und forderte ihn auf, umgehend in seine WG zu fahren. Der Befehl seiner Mutter ließ Nico keine andere Wahl, als mit Verweigerung zu reagieren. Aufrüstung auf der einen Seite führte zu Nachrüstung auf der anderen, bis die Fronten hoffnungslos verhärteten. Mit einem Schlag brachen die Dämme, und dahinter kam eine ungeahnte Wut zum Vorschein. Nico verlor die Beherrschung und zerschlug das Inventar der Wohnung.  

,,Meine Schwester hat später behauptet, ich hätte sie bedroht, aber das ist nicht wahr. Ich habe sie angeschrien, ja, aber ich bin doch niemand, der gewalttätig wird.‘‘, versichert er mir mit Nachdruck. Die Polizisten, die seine Mutter rief, hätten ihn in Handschellen abgeführt. ,,In Handschellen!‘‘, ruft er ungläubig aus. In der Notaufnahme der Uniklinik wurde er dem Notfallpsychiater vorgeführt. Dem habe er ehrlich und offen alles erklärt. ,,Und was macht der? Weist mich mit FU in die Geschlossene ein!‘‘ Nico springt von seinem Stuhl auf und ballt die Fäuste wie jemand, der die ganze Welt gegen sich weiß und trotzdem, gerade deshalb kämpfen wird bis zum letzten Atemzug.

Ich bin überrascht von diesem neuen, aggressiven Nico, den ich bisher hinter dem friedfertigen, gemütvollen Nico nicht vermutet hätte. Er würde in diesem Augenblick liebend gerne in etwas – oder jemanden? – hineinschlagen. Aber dort, wo seine Fäuste sind, bereit zum Zuschlagen, ist nur Luft. Gegen wen wendet sich diese Aggression? Woher kommt sie?

Weil er selbst erkannt zu haben scheint, dass ein Kampf gegen einen Gegner, der sich nicht zeigen will, vergeblich ist, lässt Nico nach einer Weile die Fäuste sinken und wendet sich erneut mir zu. Seine Schultern sacken ein. ,,Ich wünschte, über all das könnte ich weinen. Aber immer kann ich nur lachen.‘‘

            Sicher anderthalb Stunden lang haben wir im Garten in der Sonne gesessen und Nico hat erzählt. Jetzt nimmt sein Blick wieder diesen Ausdruck an, der ihn oft, selbst mitten im Tischtennismatch überkommt. Man weiß dann nicht, wo Nico ist.

Hätte ich ihn in diesem Moment nicht erinnert, dass heute Freitag ist und er zum Mittagsgebet in die Moschee wollte, er hätte es versäumt. Da lenkt er zum ersten Mal nicht ab, wenn die Rede auf ihn kommt, und schon verspätet er sich zum Gottesdienst.

Rückstoß

Die ersten Nachwirkungen des Gesprächs zeigen sich in der Nachmittagsrunde. Bei der Verteilung der Putzdienste meldet Nico sich wieder einmal für das Klavierzimmer. ,,Dieser Dienst ist der einfachste‘‘, erwidere ich, ,,und du hattest ihn schon letzte Woche. Bitte lass‘ den anderen auch eine Chance, mal das Klavierzimmer zu übernehmen.‘‘ – ,,Aber es hat sich ja niemand gemeldet!‘‘, kommt zurückgeschossen. ,,Oder möchte sonst jemand das Klavierzimmer?‘‘, fragt er angriffslustig in die Runde. Die anderen haben vor der greifbaren Spannung im Raum längst die Fühler eingezogen; natürlich möchte in diesem Moment niemand Nico sein Klavierzimmer streitig machen.

Aufrüstung auf der einen Seite führt zu Nachrüstung auf der anderen. ,,Ich finde trotzdem, wir sollten darauf achten, mit den Diensten zu rotieren. Such‘ dir etwas anderes heraus.‘‘

,,Aber das macht keinen Sinn!‘‘ Mit einem unterdrückten Schrei springt Nico auf und stürmt aus dem Zimmer. ,,Nico, wir sind noch nicht fertig!‘‘, ruft Felix, der Betreuer ihm hinterher.

Demonstrativ stöhnend kehrt Nico zurück und lässt sich aufs Sofa fallen. ,,Wenn es dir so wichtig ist, Johannes, trag‘ mich bitte auf keinen Fall fürs Klavierzimmer ein. Wenn die Regeln es besagen.‘‘, fügt er spöttisch hinzu.

Nach dieser Nachmittagsrunde schließe ich mich erst einmal ein paar Minuten auf dem Klo ein und warte, bis die Verhärtung, die mich im Wohnzimmer überkommen hat, langsam aufweicht.

Wenig später rauscht Nico an mir vorbei zur Tür: ,,Bin unterwegs.‘‘ Zwei Stunden später, beim Abendessen bleibt sein Platz leer; erst als alle anderen abgeräumt und auf ihre Zimmer gegangen sind, klickt die Haustür und Nico kommt herein. Ohne Gruß schöpft er sich von der Gemüsesuppe und fängt, immer noch in seiner Jacke, zu essen an.

,,Wollen wir nach dem Essen einen Tagesrückblick machen?‘‘, fragt Felix durch den Türrahmen.

Ohne aufzublicken, erwidert Nico: ,,Ich will heute nicht mehr reden!‘‘, und isst weiter.

Von dem vehementen Widerstand überrumpelt, setzt Felix ein zweites Mal an: ,,Und wenn du’s mir zuliebe machst?‘‘

,,Aber das macht keinen Sinn!‘‘, ruft Nico aufgebracht, steht abrupt auf und holt das Salz. Da die Sache für den Moment abgehakt ist, zieht Felix sich zurück. Nur noch Nico und, als langsamster Esser der ganzen Gruppe, ich sitzen am Tisch.

Nachdem ich sicherheitshalber ein paar Minuten habe verstreichen lassen, wage ich doch noch einen Vorstoß: ,,Warst du spazieren?‘‘

,,Ich will nicht reden!‘‘, kommt prompt die Antwort.

Und dann, nach einer kurzen Pause, stupst er mich in die Seite und murmelt: ,,Sorry, gell.‘‘

Tyll

Es ist Montag. Zwei Tage sind vergangen, seit Nico mir seine Geschichte anvertraut hat, und nun stehen wir in der Küche und backen Pizza. Weil Nico Platz braucht, wechselt er ins größere Esszimmer, verteilt großzügig Mehl über den Esstisch und preist mit rollendem R und pseudo-italienischer, aber sehr überzeugender Gestik seine ,,Pizza Luna‘‘ – so der Name der Klinikstation – an.

Dabei ist er überall und nirgends. Gerade flitzt er in die Küche, denn er hat das Nudelholz vergessen; kaum ist er wieder zurück und geht den Teig an, da fällt ihm ein, dass ihm ja nach Musik zumute ist, also nichts wie zurück in die Küche, wo er mit einer eleganten Drehbewegung um die eigene Achse einer Beinahekollision mit mir entgeht, Musikbox geholt und auf maximale Lautstärke gedreht, gerade so als wolle er mich necken, da ich natürlich – Reizschutz! – einschreiten und den Sound direkt wieder leiser drehen muss. Er hätte ohnehin nur ein Ohr für die Musik, das andere braucht er für den Schiedsrichterkurs, den er an seinem Laptop per Zoom verfolgt. Erst vor ein paar Minuten ist ihm nämlich eingefallen, dass er ja heute um 11 den dritten Kurs für die Schiedsrichterausbildung hat, die er vor Kurzem angefangen hat. ,,Aber du musst doch kochen!‘‘, habe ich verzweifelt gekrächzt. ,,Kein Problem!‘‘, hat Nico mit beflissenem Lächeln versichert und seinen Laptop neben die Mehlwüste gepflanzt. Im Abstand von ein paar Minuten aktiviert er nun das Mikrofon und erläutert in Alte-Hasen-Manier, wieso der Linienrichter mit dem Abseits falschlag, während seine Hände Pizzateig durch die Luft wirbeln. ,,Gib mir auch welche!‘‘, fordert er zwischen zwei Schlucken Wasser Marvin auf, der am Tischende Uno-Karten verteilt. ,,Nico, konzentrier‘ dich auf deinen Teig!‘‘, ertönt prompt meine, die ewige Stimme der Vernunft. – ,,Aber mein Teig wird doch super.‘‘, beschwichtigt er mich mit einer Güte, als wäre er mir um ein Jahrhundert an Lebenserfahrung voraus, bewahre aber gerne Geduld mit mir. Ein Blick auf seine Arbeit zeigt leider, dass er recht hat: an dem Teig ist nichts auszusetzen. ,,Siehst du?‘‘, nimmt er mein Verstummen gütig zur Kenntnis und spielt eine gelbe Acht.

Kopfschüttelnd betrachte ich ihn, wie er Pizza backt, Schiedsrichter lernt und Uno spielt, alles zugleich, und kann mir ein breites Lächeln nicht verkneifen. Unmöglich, sich von seiner Vergnügtheit nicht anstecken zu lassen. Mir fällt ein, wie er mir vor ein paar Tagen von Till Eulenspiegel erzählte. Seine Augen leuchteten bei der Geschichte des schlauen Narren, der auf einem Drahtseil die gesamte Stadt dazu bringt, ihm ihre Schuhe zuzuwerfen, weil er dringend neue braucht. Am nächsten Tag brachte er mir das Buch mit und schenkte es mir. Es steht jetzt in meinem Regal und heißt Tyll. Auf eine gewisse Art ist Nico wie Till Eulenspiegel, geht mir durch den Kopf, als ich ihn im Esszimmer mit all den Tätigkeiten jonglieren sehe: unübersehbar begabt, schelmisch und sich an seine Narrenkappe haltend, um nicht weinen zu müssen.

,,Hey, Johannes!‘‘, kommt er auf mich zu. ,,Du schreibst doch gerne Geschichten, oder?‘‘ Ich bin gerade dabei, den Mozzarella zu schneiden, und blicke auf.

,,Willst du meine Geschichte schreiben?‘‘

Er schüttelt die Partyattitüde ab, um zu zeigen, dass er es ernstmeint. ,,Als ich dir letzte Woche erzählt hab‘, was passiert ist, da hab‘ ich gemerkt, dass dich das berührt.‘‘ Halb erwartungsvoll, halb unsicher schaut er mich an: ,,Also?‘‘

Aus Vorsicht unterdrücke ich den ersten Impuls und zögere. Was soll ich ihm antworten? Dass daheim auf meinem Laptop schon zwei Seiten Text über ihn liegen? ,,Tolle Idee, Nico, schon erledigt!‘‘?

Wenn ich jetzt ja sage, welche unangenehmen Konsequenzen handle ich mir damit ein, für mich selbst, für meine Beziehung zu Nico, für den Text und schließlich, doch nicht zuletzt für Nicos Gesundheit?

Und dann, weil dieses Zusammentreffen zweier Ereignisse – ich fange an, über einen Menschen zu schreiben, der mich nicht mehr loslässt, und beim nächsten Wiedersehen bittet er mich darum, über ihn zu schreiben – einfach zu bestechend ist, gebe ich doch die Antwort, die mir sowieso als Allererstes in den Sinn gekommen ist: ,,Klar, machen wir!‘‘

Nico gewinnt dann übrigens die Uno-Partie, und seine Pizza Luna schmeckt ausgezeichnet.

Diogenes

Am nächsten Morgen melden sich ein paar zum Basketball, einschließlich Nico. Die perfekte Gelegenheit, denke ich, ihm die Bedenken zu erläutern, die mir gestern Abend zu seiner Geschichte doch noch gekommen sind. Ich sehe es schon vor mir: In der frischen Morgenluft auf dem Weg zum Basketballplatz bespreche ich, der vielversprechende Autor und Psychologe, wichtige Eckpunkte meines nächsten großen Wurfes mit der Person, um die es gehen soll, meinem ersten Fall.

Die Realität hilft mir dann rasch auf die Sprünge. Zunächst einmal ist ein Gespräch mit Nico gar nicht möglich, weil Nico nicht abwarten kann, bis wir den Sportplatz erreicht haben, sondern jetzt bereits spielt, als wären wir schon dort. Bitten, erst recht Ermahnungen meinerseits bleiben ohne Wirkung. ,,Keine Angst, Johannes, ich hab’s unter Kontrolle!‘‘, beruhigt er mich, um eine Sekunde später ein Auto zur Vollbremsung zu zwingen. Wie immer, wenn der Überschuss an Energie zuschlägt, wirkt Nico wie ein Boot auf voller Fahrt mit führerlosem Steuer.

Endlich am Sportplatz angekommen, der eigentlich den Pausenhof einer Grundschule darstellt, lässt Nico uns und unser lahmes Basketballspiel links liegen und stürmt, in irrsinnigem Tempo Übersteiger, Finten und Zidane-Wirbel vollziehend, auf den Fußballplatz. Bang verfolge ich seinen Bolzschuss. Bang, weil große Pause ist und der Fußballplatz, auf dem Nico sich austoben möchte, von Kindern wuselt. Als ich das nächste Mal schaue, steht Nico inmitten einer Traube ehrfurchtsvoller Kinder, denen er das Jonglieren beibringt. ,,Schön!‘‘, ruft er und klatscht einem Jungen Beifall, der vier Wiederholungen geschafft hat. Kurz darauf sehe ich ihn seinen neuen Schülern und Schülerinnen kniend und voller Eifer irgendetwas erklären. ,,Und los!‘‘ Auf seinen Ruf hin stürmen alle los, inklusive Nico, und versuchen sich gegenseitig den Ball abzuluchsen. Einer schlägt Nico im Dribbelduell – vielleicht lässt Nico ihn auch siegen, schließlich hat er jahrelang im Verein gespielt -, woraufhin Nico den Kopf in den Nacken legt und ausgelassen lacht. Meine Sorgen wegen Nico sind nicht nur völlig unbegründet, im Gegenteil, er entpuppt sich als ein Naturtalent im Umgang mit Kindern. Zum ersten Mal wirkt Nico mit sich und der Welt im Einklang. Beruhigt konzentriere ich mich auf das Basketballspiel.

Aus dem Augenwinkel registriere ich eine Bewegung, die mich wieder in Nicos Richtung schauen lässt. Gerade rechtzeitig, um Zeuge zu werden, wie er sein Handy zu Boden schmettert.

,,Was machst du?‘‘ Entsetzt lässt Marvin den Basketball fallen und rennt auf seinen Freund zu. ,,Hör‘ auf! Du machst es kaputt!‘‘

,,Ist doch egal.‘‘, kommt von Nico auf eine Art, als amüsierte ihn Marvins Fassungslosigkeit. ,,Das brauch‘ ich nicht mehr.‘‘ Und er hebt das Handy, dessen Display bereits vor Rissen starrt, auf und schickt es mit einem Bilderbuchschwung in hohem Bogen über den Pausenhof.

Der ist mittlerweile – das ist die gute Neuigkeit – leer. All die Kinder sind dem Gong zurück in das dreistöckige Backsteinhaus gefolgt, bis auf einige wenige, die in ausreichender Entfernung schaukeln.

Obwohl Nico derjenige ist, der seinem Handy gerade den Prozess macht, gerät nicht er, sondern Marvin darüber völlig aus dem Konzept. Lautstark appelliert er an Nicos Vernunft, wedelt mit den Armen, um sich irgendwie bemerkbar zu machen, ohne dass Nico Notiz von ihm nähme, bis er sich hilfesuchend zu uns umdreht. Wir können das doch nicht einfach geschehen lassen, scheint sein Blick zu sagen, wir können doch nicht einfach einen Verrückten sein Handy zu Schrott treten lassen. Denn darin liegt der eigentliche Schock: dass das, was wir bisher über Nico zu wissen glaubten, eine entscheidende Information außer Acht gelassen hat, und zwar, wie unberechenbar, das heißt, verrückt Nico wirklich ist.

Auf den Sturm, der sicher fünf Minuten anhält, folgt Stille. Übrig bleiben ein schwarzes Handy, das aussieht wie vom Panzer überrollt, und ein Nico, der alle Viere von sich gestreckt auf dem Asphalt liegt. Das einzige Geräusch ist die Technomusik, die immer noch trotzig aus dem Handylautsprecher plärrt.

Bis zu diesem Moment habe ich bloß aufgehört, Basketball zu spielen, und geschaut. Mehr ist mir nicht eingefallen. Erst der Anblick von Nico, der ähnlich zerstört wie sein Handy auf dem Asphalt liegt, zwingt mich einzusehen, dass eine Reaktion von mir erwartet wird. Die anderen haben sich hingesetzt und blicken betreten zu Boden. Bisher war Nicos Impulsivität ihnen unangenehm, jetzt macht sie ihnen Angst. Obwohl es mich alles andere als in diese Richtung zieht, gehe ich zu ihm.

,,Nico, was war da grad los?‘‘ Ich meine die Frage vollkommen ehrlich, ich bin komplett ratlos, was in den letzten fünf Minuten in Nicos Kopf vorgegangen ist.

Er setzt sich auf, meidet aber meinen Blick. Seine hohe, vorgewölbte Stirn verleiht dem Ausdruck seiner Augen eine zusätzliche Schwere. Es geht ihm nicht gut, das spüre ich an dem Druck, der sich in meiner eigenen Brust bemerkbar macht und das Atmen erschwert. Das sage ich ihm auch: ,,Nico, es geht dir nicht gut. Möchtest du mir sagen, was los ist?‘‘

,,Es geht mir tiptop.‘‘, erwidert er.

Erst jetzt bemerke ich das Blut an seiner rechten Hand; die Splitter des Handys haben ihm Schnitte zugefügt, aus denen dünne Blutrinnsale austreten.  

,,Zeig‘ mal her!‘‘, bitte ich ihn. Er hält mir kurz die Hand hin und zieht sie sofort wieder zurück, stützt sich mit den offenen Wunden auf den nackten Asphalt.

,,Schau dich mal an, Nico. Du hast gerade aus heiterem Himmel dein Handy zerstört und dreihundert Euro einfach so aus dem Fenster geschmissen, du liegst völlig k.o. am Boden, als wärst du einen Marathon gelaufen, und deine Hand ist voller Blut. Es geht dir nicht gut, Nico. Und trotzdem behauptest du, es wäre alles in Ordnung. Man könnte fast meinen, du brauchst solche Aktionen, an deren Ende deine Hände zerschnitten sind, um dich zumindest ein bisschen besser zu spüren.‘‘

Nicht nur sein Blick ist weiterhin in die Ferne gerichtet, Nico selbst scheint an einen anderen Ort versetzt, für meine Worte unerreichbar. Stattdessen bewegen sich seine Lippen beinah lautlos, wie ich es schon manchmal bei ihm beobachtet habe, vielleicht zu einer Art Mantra, um sich selbst zu beruhigen, zu leise jedenfalls, als dass ich den Sinn seiner Worte entschlüsseln könnte. ,,Hey, ich geh‘ noch ‘ne Runde spazieren, bis zum Mittagessen.‘‘, sagt er beiläufig und federt sich auf die Beine. ,,Pass!‘‘, ruft er Marvin zu und donnert den Ball gegen das Gitter über dem Tor. Bevor ich diesem abrupten Wechsel hinterherkommen kann, hat Nico ein angeregtes Gespräch mit dem Gärtner angezettelt.

Der Gärtner, ein gedrungener Mann, dessen Gesicht ein Leben unter freiem Himmel bei jeder Witterung bezeugt, findet Gefallen an Nico. Für ihn ist Nico ein junger, aufgeweckter Bursche, der noch Zeit für ein Schwätzchen hat, wie man es bei den jungen Leuten heutzutage immer seltener antrifft. Gut möglich, dass die Lebensfreude und die überbordende Energie, die Nico in jeder Situation, selbst jetzt ausstrahlt, den alten Mann an sein früheres Selbst erinnert.

,,Wo seid ihr denn her?‘‘, erkundigt er sich. ,,Sicher Studenten, oder?‘‘

Ich halte die Luft an. Schon höre ich Nico die ehrliche Antwort geben, wobei er selbst laut darüber lachen muss: Wir kommen aus der Psychiatrie, wir sind nämlich psychotisch.

,,Nein nein, keine Studenten‘‘, sagt Nico nur, und dann eilig: ,,Aber stimmt es, dass man in der Gärtnerausbildung vierhundert Blumennamen auswendig lernen muss?‘‘

Unruhig drehe ich mich immer wieder zu den anderen um, die bereits aufgestanden sind und zurückgehen wollen. Zum Glück versteht der Gärtner meinen Wink und verabschiedet uns mit einem Händedruck. Zehn Minuten dauert der Weg zurück zur Klinik. Wir haben gerade die ersten dreißig Meter zurückgelegt, da lässt sich Nico auf dem nächsten Stein am Wegrand nieder und verkündet: ,,Ich bleib‘ hier sitzen!‘‘

,,Geht ihr schon mal zurück, wir kommen dann nach.‘‘, bitte ich die anderen. Dann wende ich, mich innerlich am Riemen reißend, mich unserem Sorgenkind zu. ,,Ich kann dich hier nicht sitzenlassen, nicht nach dem, was passiert ist. Bitte, Nico, komm‘ nach Hause, da können wir deine Hand verbinden.‘‘

,,Du stehst mir in der Sonne.‘‘, konstatiert er.

Ich beiße mir auf die Lippen und muss meinen Blick auf die Umgebung, weg von Nico verschieben, um die wütende Entgegnung, die mir auf der Zunge liegt, für mich zu behalten. Mir wird bewusst, was für ein Bild wir abgeben, ich die Hände in die Seiten gestemmt vor Nico, der auf seinem Stein sitzt wie seinerzeit Diogenes in seinem Fass, als der König ihm einen Wunsch erfüllen wollte und das Einzige, was der Philosoph wünschte, war: Geh‘ mir aus der Sonne.

,,Weißt du, wie ich mich grad‘ fühle?‘‘, nehme ich erneut Anlauf. ,,Ich fühle mich wie dein großer Bruder oder, noch besser, wie dein Vater, und du steckst gerade in deiner Trotzphase.‘‘

Den Vater baue ich aus einer Eingebung heraus ein, halb in Erwartung, halb aus reiner Neugierde, ob es Nico tatsächlich nicht kalt lassen wird.

,,Du bist nicht mein Vater! Halt‘ deine Fresse!‘‘ Nico steht auf und wechselt einen Stein weiter.   

Fünf, vielleicht zehn Sekunden lang ringe ich mit dem Impuls, einfach zurückzugehen und Nico sich selbst zu überlassen. Meine Arbeit sei hier getan, Nico nicht mehr zu helfen. Mein Blick gleitet die sonnenüberflutete Fassade der Schule hinauf und sucht Halt in den Backsteinen. ,,Was für ein Knochenjob!‘‘, fährt mir durch den Kopf, und dieser Gedanke vergnügt mich fast schon wieder ein bisschen, sodass ich mir einen Ruck gebe und die zehn Schritte zwischen mir und Nicos neuem Sitzplatz überwinde. ,,Diogenes Teil 2‘‘, kommentiert eine Stimme in meinem Kopf.

,,Ich kann dich‘‘, sage ich nach ein paar Sekunden Schweigen, damit Nico sich an meine Nähe gewöhnen kann, ,,in deinem Zustand nicht hier sitzenlassen.‘‘

,,Du stehst mir immer noch in der Sonne. Ich hab‘ dich höflich gebeten, mir aus der Sonne zu gehen, wieso stehst du immer noch da!‘‘

,,Also‘‘, wieder gebe ich einem spontanen Einfall nach, ,,sagt dir der Begriff ,Double-bind‘ was? Das bedeutet, der wörtliche Teil einer Botschaft stimmt mit dem non-verbalen Teil nicht überein. Du hast recht, rein vom Wortlaut her hast du mich freundlich gebeten, aber geklungen hat es irgendwie gar nicht freundlich. Das wär‘ so, als ob ich sagen würde: NICO, DU BIST SO EIN NETTER TYP! WILLST DU MEIN FREUND SEIN?‘‘

Die letzten Worte brülle ich ihm mit zusammengezogenen Augenbrauen ins Gesicht. Zu meiner Erleichterung kassiere ich keine Ohrfeige, sondern mein Auftritt erzielt den gewünschten Effekt. Nico muss laut losprusten und gibt mir kumpelhaft die Faust. Ich schlage ein. Während ich es noch kaum glauben kann, setzt er sich in Bewegung Richtung Klinik. Den gesamten Rückweg über schwebe ich auf einer Wolke der Erleichterung, der auch Nicos Schuss schräg über die Straße haarscharf an der Motorhaube eines fahrenden Autos vorbei nichts anhaben kann. Gegen das, was hinter uns liegt, fühlt sich so ein harmloser Verkehrsquerschläger regelrecht wie Urlaub an.

Endlich zurück, muss ich einsehen, dass ich mich zu früh gefreut habe. Anstatt mit hineinzukommen, damit ich ihm die Hand verbinden kann, verzieht Nico sich an den äußersten Rand des Gartens auf seine Lieblingskastanie. Heute Morgen hat er mir bereits die schriftliche Abmachung der gestrigen Behandlungskonferenz, dass er nicht mehr auf Bäume klettern wird, zusammengeknüllt vor die Füße geworfen.

Erst nachdem ich allein ins Haus gegangen bin und Dorothea, der Betreuerin, alles geschildert habe, wage ich es noch einmal hinaus in den Garten. Ich treffe Nico ins Gespräch mit Samuel vertieft. Sobald ich dazukomme, verstummt Nico. ,,Worum geht’s?‘‘, frage ich vorsichtig.

,,Was geht’s dich an!‘‘, fährt er mich an.

Damit habe ich meinen Soll erfüllt, gebe ,,den Fall‘‘ an Dorothea ab und schließe mich mal wieder auf der Toilette ein, bis es Essen gibt.

Im Esszimmer tippt Nico mir auf die Schulter. Wortlos lenkt er meinen Blick zur Wand. Mit klopfendem Herzen nähere ich mich dem undefinierbaren Etwas, das wie ein großer, schwarzer Fleck auf einmal am Kopfende des Esszimmers prangt. Erst als ich davorstehe, identifiziere ich ein schwarzes Handy mit gesplittertem Display, das mit Tape an die Wand geheftet wurde, und darunter auf einem Zettel die Worte: ,,R.I.P. Nicos Handy‘‘.

Mit Nico als Zeuge bekreuzige ich mich vor dem tragischen Opfer.  

All-in

Noch am selben Nachmittag entschuldigte Nico sich, dass er zu mir ,,Halt‘ die Fresse!‘‘ gesagt hatte. Erst ihr Wegfall ließ in vollem Umfang die Unruhe erkennen, in die mein Zusammenstoß mit Nico mich versetzt hatte. Im Grunde wusste ich, dass seine Feindseligkeit nicht persönlich gemeint war, vielmehr verwischten immer dann, wenn es zur Konfrontation kam, die Grenzen zwischen mir und jenen Instanzen, mit denen Nico seinen ganz persönlichen Kampf ausfocht, unverständigen Eltern, befehlshaberischen Psychiatern und Autoritäten im Allgemeinen. Getroffen hatte es mich trotzdem, denn eine Beziehung, die von Bedeutung sein soll, ist nun einmal nicht möglich, ohne dass man sich auch verletzlich macht.

Ich hatte Nicos Auftrag, seine Geschichte zu schreiben, nicht vergessen. Im Gegenteil, der Gedanke daran gab die ganzen nächsten Tage über keine Ruhe. Indes wuchs der Text Satz um Satz, meine Entscheidung, ihn zu schreiben, war also längst gefallen. Was mir Sorgen bereitete, war die Frage, ob ich Nico – den echten Nico – ins Schreiben miteinbeziehen sollte. Wenn ich ihm vorenthielt, dass ich seine Geschichte schrieb, handelte ich sozusagen hinter seinem Rücken. Schrieb ich jedoch in seinem Auftrag, machte ich den Text von einem externen Urteil abhängig: am Ende musste Nico ihm seinen Segen geben oder eben auch nicht. Ich wäre nicht mehr frei im Schreiben, bei jedem Satz würde mir Nicos Augenpaar über die Schulter linsen und müsste ich mich fragen, ob er damit einverstanden wäre. Dabei ging es mir bei dieser Geschichte um etwas anderes: ich wollte sie so schreiben, dass auch andere Leserinnen und Leser, die Nico nicht kennen und für die es keine Rolle spielt, ob es ihn überhaupt gibt oder ob er meine Erfindung ist, daran anknüpfen können.

Ich schilderte Nico dieses Dilemma, und damit schien für ihn das Thema abgehakt. Einmal kam er noch darauf zurück, beim Tischtennismatch. ,,Diesen Satz hole ich!‘‘, verkündete ich angriffslustig. – ,,Wollen wir wetten?‘‘, schlug Nico vor. – ,,Um was?‘‘, fragte ich. – ,,Um meine Geschichte.‘‘

Übrigens holte er sich auch diesen Satz.

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